Mnterhaltungsblatt des WorwSrts Nr. 43. Freitag, den 2. März. 1900 Groscheu, uiib als sie nach zweiwöchentlscher Arbeit Zehn Gulden�) beisainmen hatte, hüpfte sie vor Freude und stimmte ein Liedchen an, das aus alten, alten Zeiten in ihrem Ge- diichtlfiN haften' geblieben Mar... Es war ein besonders Mariner, wenn auch nebliger Tag. Die Pappeln am Wege standen regungslos da, die diinncn Fäden des AltMeibersonNirerS glänzten silbern über der Erde, von einem unmerklichen leisen Hauch cmporgetragcn, und die blaßgoldene Sonne ging, ohne zu strahlen, glanzlos, langsam tn einem Lilanebel über dem Walde nuter. "AnS der Stadt kam eine Gesellschaft von Damen und Herren, die im Gehen eine lebhafte und muntere llutcr- Haltung führten. Hanka sang. Es Mar, als hätte ihre geknebelte und be- täubte Seele plöhlich Flügel imd Töne gewonnen. Eine Röte, gleich einer aufsteigenden Morgendämmerung, stieg aus den Tiefen ihrcö Herzens empor und ergoß sich über ihr ab- geinagerteS Gesicht, die sonst erloschenen Augeil glühten noch von den Nachwehe» des gestrigen Fiebers, ihre Lippen bebten. Die Stmnnc brach sich und vibrierte, dann erhob sie sich imnter kraftiger, bis sie weit über das Feld hinhallte, bis zum Walde hin, über die Wiesen, volltönend, umflort, wie vom Abendthau gesättigt. Es mar seltsam. Die Sängerin dachte nur an ihre zerfetzten Schuhe, an deren Stelle sie neue kaufcil ivottte, aber in ihrem Gesänge tönte jene unbewußte Poesie, die das Herz des Volkes erfüllt. Sie war glücklich, frohgemut und von ihrer Stimme klang eine grenzenlose Weymut und Sehnsucht. Die von der Stadt kontineilde Gesellschaft mußte den Reiz dieser Stimme fühlc«, denn die Unterhaltungen und das Lachen verftuminten plötzlich und einige Köpfe ivandten sich um nach der Seite des singenden Mädchens. Unter diesen lvar eitler, mit hellem, kurzem, borstigem Haar bedeckt, und in dem Gesicht blitzten die Augen mit eitlem unangenehmen rötlichen Feuer. Der Kopf gehörte dein Herrn Sekretär, der seiner Zeil Hanka die Papiere eingehändigt hatte. Er blieb stehen, biß sich in die Unterlippe, ließ die Lider tief über die Augen sinken und eitle leichte Blässe bedeckte sein Gesicht. Doch das dauerte kaum eine Minute, Und tvährend die andren noch lauschten, lvandte sich der Sekretär, Herr Alexander Kosicki, der im Städtchen als tili sehr angenehmer Kavalier galt, an die Damen, lachte mit seiltet schnarrenden Stimme kurz auf. und knüpfte das abgebröchene Gespräch mit einem Kanzleimitz wieder an. Aber die Unterhaltung wollte nicht recht von statten gehen. Der Herr Sekretär erinnerte sich plötzlich, daß ein driligcudeS Geschäft noch seiner Erlediglmg harrte, begleitete die Lnsttvandelnden nur noch eine kurze Strecke, dann kehrte er eilenden Schrittes nach der Stadt zurück. Hanka fang. Ihre schmächtige, zur Erde gebückte Gestalt hob sich im dunklen Schattenriß von dem Abendrot ab; sie war kcilini von den Feldsteinen, die in kleinen Häuflein am Rain lagen, zu unterscheiden. Von den neuen Schuhen träumend, vollendete dasMädchen das Abgraben derFnrche und rückte ünmer näher ail den Zaun heran, der den Acker von der Chaussee trennte. Tie war schon ganz nahe, als sie einen Schatten zu ihren Füßen bemerkte. Vor ihr, mit beiden Hände» de» Zanupfahl nmfassend, stand der Herr Sekretär und blinzelte unter den gesenkten Lidern zu ihr hinüber. Noch bevor das Mädchen Zeit hatte, sich von seinem Erstaunen zu erholen, hob der Herr Sekretär mit seiner schnarrenden Stimme an: „Du. warum hast Du Dich bei mir in der Kanzlei nicht gemeldet? A...? Am dritten Tage, lvie Dir ausdrücklich befohlen ward?... Hanka überlief ein Schauern. Sie hatte die ganze Zeit über bei ihrer schweren Arbeit gänzlich die Meldepflicht vergessen, alle Amtspersonen mitsamt dem Herrn Sekretär waren ihr vollständig aus dem Gedächtnis entschwunden. Zuweilen vergaß sie sogar, daß sie eigentlich eine Verschickte war, daß sie im Kerker gesessen, die ganze Vergangenheit verschwand ans ihrer Erinnerung. In solchen Augenblicken schien es ihr, daß das ganze Leben ihr beim Kartoffel- graben verflossen war, an der schwarzen feuchten Erde— und daß ihr ganzes ferneres Leben so verfließen würde beim Kartoffel- *; 10 Gulden— etwa ein Thaler. (RackdruZ verboten.) Aukev vrw des Gesetzes. stj Von Maria 5l o n o p n i ck a. III. Ein neues Leben brach für Hanka an. Anfangs arbeitete sie mit wildem Eifer, fand sich mit Anbruch des Morgens auf dem Kartoffelfeld ein und verließ es erst mit der sinkenden Nacht. Sie ließ die Erde fönnlich durch ihre Finger gehen, um nnr ja keinen Knollen zu vergessen. Zu Mittag briet sie sich einige Kartoffel, zu denen sie sich Salz kaufte, der Rest des Verdienstes ging für daS Brot drauf, das sie morgens und abends verzehrte. Aber schon nach einer Woche solcher Arbeit Unirde sie sehr schwach. Obwohl sie mit ungcmindertem Eifer arbeitete, »pnrde ihr doch zuweilen vor de» Augen Plötzlich dunkel, lind die zitternden Hände konnten nicht mehr mit der gleichen An- strengung die Spatenhiebc gegen die harte Erde führen. Es passierte, daß der Müller, der von Zeit zu Zeit erschien, um das Graben zu überwache», hie und da eine ver- gcssene Kartoffel fand; dann tobte er. warf die Mütze wütend zu Boden, stampfte' mit den Füßen, faßte sich beim Kopf, und zog einen oder zwei Groschen von dem kärglichen Lohn ab. Hanka ertrug alles, ließ sich alles gefallen. Sie fühlte sich beinahe glücklich. Tagsüber hatte sie Arbeit, wie alle Leute, nachts suchte sie Schutz in irgend einer Furche und bedeckte sich mit dem groben Laken, das Fabich ihr gegen Einhändiguiig dcS roten Paffes überließ. Sie konnte leben. Die Nächte wurden freilich immer kühler, und ein Frost schüttelte das Mädchen manchmal gegen Morgen, und sie hatte nichts, womit sie sich hätte erwärmen können. Die Zeit schien nicht mehr fern, wo es überhaupt unmöglich sein würde, im Felde zu übernachten. Hanka bemühte sich, nicht daran zu denken, und so oft Fabich erschien, fuhr sie rasend mit dem Spaten umher, daß kleine Ksümpchen feuchter Erde auf- spritzten. Endlich war daö Kartoffelfeld abgegraben. Aber über Hanka schien ein guter Stern zu leuchten: beim Fabich selber empfahl sie dem Schaukwirt Gawronski, der dicht daneben sein kleines Aeckercheu hatte, und ebenfalls Arbeiter zum Kartoffelgrabe» brauchte. Aber der Müller hatte keinen Grund, dem Gawronski cinc ebenso billige Arbeiterin zu gönnen, lvie er sie selber gefunden. Er sagte daher dem Sckpuilivirt. daß er Hanka zwanzig Groschen den Tag bezahlte. Der letztere ging darauf ein. aber Hanka bestand diesmal hartnäckig darauf, nicht weniger als vimindzwanzig zu nehmen. Die Schuhe sielen ihr von den Füßen, die Kleider faulten fönnlich am Leibe von der Feuchtigkeit der Erde, sie mußte also um jede» Preis clwaS zufamnleulegen,»in sich Sachen anzuschaffen. Gawronski bemühte sich, etwas abzuhandeln, aber da er wußte, daß man nugSum allenthalben vierzig Groschen den Tag zahlte, gab er endlich nach und leerte init Fabich ein Gläschen AniS zur Lefiegelung des Geschäfts. Dann ging HaiikaS roter Paß ans' der Hand des Müllers in die des Schankwirts über, und das Mädchen, das Hoffnung und neuen Mut schöpfte, bekam anstatt des Lakens einen Sack. Und wieder fand sie sich ans dem Aeckcrchcn hinter der Windmühle am frühen Morgen, der täglich nebliger ward, ein, und trat immer später mit der sinkenden Nacht ab. Es kam ein früher, regnerischer Herbst. Schwärme von Krähen und Dohlen zogen von dein nahegelegenen Wald vorüber, kalte, schneidende Regenschauer gingen nieder... Der Frost, der Hanka auch früher schon zeitiveisc schüttelte, verwandelte sich in ein regelrechtes chronische?. Fieber, daö jeden vierte» Tag wiederkehrte, daö aber das Mädchen sorgsam zu verbergen wußte, um die Arbeit nicht zu verlieren. Aus ihrem Kopfe lastete eS wie ein schwerer Stein, in allen Gliedern fühlte sie ein Brechen, u»d ein Durst guälte sie, daß sie oft- mals an einer Quelle niedersank und sich volltrank. Da GawronStt ihr erlaubte, zweimal des Tages Kar- toffeln zu brate», kaufte sie kein Brot mehr, auch für Salz gab sie kein Geld mehr miS, da ihr die Kinder des Schaut- wirtS zuweilen etivaS brachten. Sic legte Groschen znl — i: graben an der feuchten, schwarzen Erde. Das waren für sie die glücklichsten Augenblicke. Aber die Vergangenheit existierte und forderte ihre Rechte, sie war unaustilgbar, der Schatten des gelben Gefängnisses dehnte sich aus und fiel bis hierher auf sie. Sie war eine Verschickte... Hanta wurde traurig und ließ den Kopf sinken. „Was also?" rief der Herr Sekretär und riß die Augen auf; sein greller Blick musterte aufnierksam die Gestalt des vor ihm stehenden Mädchens.„Sprich doch I... Ah?.. Hanka erhob den kummervollen Blick zu ihm. „Aber gnädiger Herr, ich habe in der Stadt keinen Dienst, gar keinen Dienst finden können... hier grabe ich nur gegen Tagclohn.. „Gleichwohl warst Du verpflichtet, in der Kanzlei zu er- scheinen und Dich zu melden.... Ich habe Dich ganze Tage suchen lassen. Dasiir erwartet Dich eine Strafe... eine Strafe, ja. Hast Du verstanden? Ja?... Vor drei Wochen ist sie gekommen und hat sich bisher noch kein einziges Mal genieldet... So steht die Sache. Und Dein Paß? Wo hast Du Deinen Paß?" Das Mädchen war wie versteinert. Alle die goldnen Träume, die sie noch vor einem Augen- blick gewoben hatte und in denen die zehn Gnlden und die erhofften neuen Schuhe eine so große Rolle spielten, fielen nun zu Boden, wie die welken Blätter unter dem Hauch des Herbstwindes. Da sie weder das Wesen des Gcsehes, dem sie unterworfen war, noch den Machtbcreich des Herrn Sekretärs kannte, hatte sie Angst vor allem und jedem. Sie war überzeugt, daß es einem jeden frei stand, mit ihr zu thun, was ihm irgend beliebte. Der Begriff„Strafe" tauchte vor ihr auf, wie ein Gespenst, das seine langen, langen Arnie nach ihrem so sauer und blutig erworbenen Verdienst aus- streckte. Unker dem Einfluß dieses Angstgefühls drückte sie beide Hände an ihre schmale Brust, wo sie den Fchen mit den zehn Gulden aufbewahrte. Der Herr Sekretär spähte inzwischen verstohlen nach rechts und nach links, seine Augen blitzten, dann senkte er die Lider und fragte leise: „Wo übernachtest Du denn? Aa...?" „Hier, gnädiger Herr, übernachte ich." „Wo hier?'Im Wirtshaus?" „Nein, gnädiger Herr, hier." „Dort an der Scheune? Aa...?" «Nein; hier, hier... im Felde.. Der Herr Sekretär staunte. „Wie? Jni Felde?... Allein?" „Natürlich aNein..." „Ist Dir nicht kalt?... Ah?" „Doch, gnädiger Herr.. „Hier hast Du. kauf' Dir mal Schnaps." Der Herr Sekretär griff in die Tasche, zog ein Zehn- groschenstück heraus, und reichte es dem Mädchen. „Geh' ins Wirtshaus, kauf' Dir Schnaps, damit Du Dich erwärmst." Er wollte noch etwas sprechen, aber auf der Straße er-' hob sich eine Staubwolke und der Lärm der Hirten, die das Vieh von der Weide heimtrieben. (Fortsetzung folgt.) Hofdickkev von henke. (Ein Epilog zum.Eisenzahn".) Ueber den„Eisenzahn", der vor einigen Tagen— eS konnte »einen besseren Platz geben— am Gcndarmenmarkt aufgefiihrt wnrde, lohnt es sich nicht ein Wort zu verlieren. Das erlauchte Publikum, das in Lanff«inen Dichter sieht oder sehen will, mag sich und andern getrost einreden, daß es zu einer Festvorstcllnng ge- laden ist, wenn es in Wirklichkeit einer littcrarischcn Leichenfeier beiwohnt. Und auch die liebenswürdigen Blätter, die bei der Wies- badencr Aufführung in spalten'langen Telegrammen für das Stück Reklame niachten und sich min in kritischen Schmerzen winden, erregen unser Interesse nur in sehr geringem Grade. Die Toten mögen selbst ihre Toten begraben. Das künstlerische Leben steht— troll allenr— im Zeichen des Ausstiegs und wird sich der Sonne freuen, waS für Gespenster auch immer am Gendarmenmarkt beschivoren werden mögen. Um einiges intcressanter als der„Eisenzahn" ist immerhin sein Dichter,' der gcsiummgsfeste Herr Major. Er gehört zum neuen Deutschen Lteich wie ettva Kriegervereinspatriotismus und der KonnnerS an Kaisersgebnrtstag auch dazu gehören. Als Dichter hat er den Schwung und die Tiefe des eben erwähnten Patriotismus und ist dabei glücklicherweise so harmlos lvie ein Kommers. Die paar Auslage», die von seinen ehrlich langiveiligen 0— Büchern ins Land wandern, verschlagen nichts, aber auch gar nick'ts gegen die geschäftlichen Riesenerfolge der Händler, die'mit litte- rarischem Gift handeln, sei es mm das Gist der Sensation oder das der Pikanterie, oder irgend ein andres. Die Erfolge des Herrn Majors spielen sich in einem beschränkten' Kreis ab und sind nin so harmloser, als der Kreis nicht mir räumlich ein beschränkter ist. Will man ein Bild brauchen, so verhält sich sein Einfluß zn dem der eben erwähnten Händler, wie etwa derjenige eines Ministerialbeamtcn zu dem eines großen Kapitalisten. Man hat ihn mit Wildenbruch verglichen: aber lvie man immer über Wildenbruch denken mag: seine dichterische Physiognomie weist doch immerhin menschliche Züge ans, von denen einige sogar nicht uninteressant sind. Er ist ein Theaterdichter von ungestiimem, rohem Temperament und wenig Feinheit, sozusagen ein MW», mit starken Muskeln und einem kleinen Gehirn. Herr Lanff stammt nun zivar in grader Linie von ihm ab, nur daß er noch mehr Muskeln und noch weniger Gehirn hat. Damit ist aber eine Grenze erreicht, unter die man nicht mehr hinunter kann. Der starke Mann, der dumm sein darf, wenn er es nicht gar sein muß, ist angen- blicklich zwar ein politisches Ideal. Als ästhetisches Ideal ist er indessen nicht möglich, ans dem einfachen Grunde, weil man schließlich selbst den Abonnenten des Schanspiclhanses nicht zumuten kann, einen Analphabeten als Dichter zn bestaunen. Die geistige Bedürfnislosigkeit leistet Herrn Lanff gegenüber, was sie überhaupt zn leisten vermag. Das Minimum an Talent, das er besitzt, muß jeder Poet seines Genres haben, und somit darf er der melancholischen Gewißheit leben, daß nach ihm keiner kommen wird, der seine Talentlosigkcit und Gesinmmgstiichtigkcit übertrifft. UebrigenS möchte ich nicht in den Verdacht kommen, Heren Lanff wiffentlicb unrecht zn thnn, und so beniecke ich gern und ausdrück- lich, daß ich seine Gcsimiimgslüchtigkeit für durchaus ehrlich und aufrichtig halte. Rinn braucht nur an Hebbel zn denken, um zn wissen, was für wunderliche Ansichten sich selbst mit dem dramatischen Genie vereinigen lassen, und bei Lanff(der ja kein Genie ist) kommt noch hinzu, daß seine Ansichten sich erschöpfend a»s dem Milien seines Standes erklären lasse». UebrigenS bat mich die Art. wie er seine poetische Unfähigkeit vorbringt, einen Zug menschlicher Ehrlich- keit, Ivas er denn wiedenn» mit seinem Vorläufer Wildenbrnch gc- mein hat. Es ist ausgeschlossen, daß nach Lanff ein ivirkliches Talent mit derselben Gesinnnngstnchtigkeit kommen könnte. Es ist ausgeschlossen, weil die Gesimiungsiüchtigkeit unrettbar abnimmt, wenn das Talent sich bertieft und wächst. Ganz aNgemcii, ist ja ein begabter Mensch kritischer gestimmt als ein unbegabter, und daneben kommen noch Gründe in Betracht, die tiefer liegen. Ein dramatisches Talent von Rang kann sich heute gar nicht in die Avhängigkeit des Hofes begeben. auS keinem andern Grunde, als weil es damit ans die Gestaltung all der Probleme verzichten würde, die zu gestalten allein sich verlohnt. Gerade die Geschichtswissenichaft hat in nnsrcr Zeit entscheidende Fortschritte gemacht und diese Fort- schritte(ohne die heute ein historisches Drama nicht denkbar ist) spielen gerade den Legenden am härtesten mit, die vom Hosdichter am liebevollsten geglaubt werden müßten. Es würde ihm aber auch nicht einmal helfen, wenn er sich vom historischen Drama zurückzöge, um sich mit den Problemen des modernen Lebens zu befassen. Daß zwischen diesen Problemen (zu denen unter andern ja auch die moderne Arbeiterbewegung ge- hört) und den überkommenen Ansichten des Hofes ein geunsscr Gegensatz besteht, braucht ja hoffentlich nicht näher erläutert werden. Andrerseits aber könnte der Hof, könnte der Monarch, selbst wenn er wollte, dem Dichter nicht entgegenkommen. Die Zeit ist vorbei, wo man dem Dichter ein gewisses Privilegium des Geistes einräumen konnte, wo man die Feinheit seiner Pfeile bewunderte und darüber ganz vergaß, daß es doch eben Pfeile waren. Der Dichter genießt heute nicht mehr Freiheit als jedes andre Mitglied des Volks. In den Tagen der hochentwickelten Presse kann jede Sentenz in die breite Menge gebracht werden, und auch aus Sentenzen lassen sich politische Schwerter schmieden. Wer in dieser Beziehung noch an Erinnerungen aus dem vorigen Jahrhundert kranke» sollte. braucht mir an die üblichen Vorlonnnuiffe bei der Verteilung deS Schiller-Preises zu denken, um sofort Iviedcr in die helle Gegen- wart zurückgeschlendert zu werden. Ein Hofdichtcr ist heute nur in der Form der unbedingten Gesiniinngstüchtigkeit möglich. Am Ende thäte die Leitung des Schauspielhauses gut, sich die gegenwärtige Mißwirtschaft einen Augenblick zn überlegen. Ans der Äiifsührinig des„Eisciizahns" machen lvir ihr keinen Vorwurf, iveil wir keinen: Menschen einen Vorwurf aus etlvas machen, das er gar nicht verhindern kann. Derartigen Aufführungen aber, die vom Wesen einer Hofbühne nnzcrtremibar sind, muß doch ein gewisses PluS gegenüberstehen. Von dynastischen Familienfeste», von elenden modernen Stücken und einigen wenigen Klassikeraufsühniiigeii kann ans die Dauer keine Bühne leben. Auch nicht das Schauspielhaus,— Erich S ch l a i k j e r. Meines Ileuillekon- — Das„griechische Feuer" der Byzantiner soll nach bis- hen'ger Meinung Salpeter enthalten haben, woraus dann weiter gefolgert worden ist, daß den Byzantinern bereits bei Beginn des Mittelalters die Herstellung und Verivcndnng des Schießpulvers (für KriegSzivelke) bekannt gewesen sein sab. Dr. von Lippnimm i» Halle a. S. hat jedoch, ivie der„PromethcnS" mitteilt, in seiner ninfancireichen Studie„Zur Geschichte des Schieizpnlvcrs und der älteren Feuerwaffen-, die in der„Zeitschrift für Natnrtvissenschasteil" veröffentlicht ist, den Nachweis bringen können, daß sotvohl den Byzantinern wie den Griechen und Nvinern der Salpeter bis tief in das Mittelalter hinein völlig nnbckannt geblieben ist. DaS„Nitrmn" der Alten ist nichts andres als kohlensaures Alkali, das ans dein trockenen Boden mancher Gegenden Nordafrikas und WeskasicnS cffloreSciert uv.d darum auch„.'tphroniinm- oder .Schamnnitrnm- genannt wurde, ein Stoff, mit dem nicht die ge- ringsten Explosionowirknngcn hervorgerufen iverden können. Damit fällt von selbst die Annahme, daff das sogenannte„griechische Feuer" durch Schicffpnlvcr erzeugt worden sei. Unter dein Namen Kesten veröffentlichte Bischof JnlinS AfricannS(ff 232) eine Art Encyclopädie, Ivelche aber inik der Zeit um manche Einschiebsel jüngeren Datums bereichert wurde. Zu den letzteren ist unbedingt auch die Erwähmmg eines kriegerischen Geheim- und Zaubermittels zu zählen, nämlich eines „automatischen Feuers", eines Brandschatzcs, mit dem man das feindliche Holzivcrk des Nachts heimlich beschmicreu solle, damit es sich am Tage unter der Einwirkung der Sonnenstrahlen selbstthätig entzünde. Als Hauptbestaudthcile des Brennstoffs werden Harz, Nnphtho, Schwefel, Salz und gebrannter Kalk genannt. Tie gelbe Flaunnc des Salzes galt für besonders hcih. Tie Entzündung ist nun Wohl weniger aus die Wirkung der Sonnenstrahlen als vielmehr ans die Wärmc-Enttvick- lung, ivelche durch Berührung des Rctzkalks mit Wasser, nämlich mit dem Morgcuthaii, hervorgerufen wird, zurückzuführen. Neuere Versuche habe» dargetha», daff Mischungen leicht entzündbarer Erdöle mit fein verteiltem Aetzkalk sich beiin Ausspritze» auf Wasser zunächst über dcsscii Oberfläche Ausbreiten, infolge der durch das Ablöschen des Actz- kaltes sich entivi�elnden Rcaktionsivürme erhitzt werden und sich in Dampf verwandeln, zuletzt entzünden, ivobei die explosiven Mischungen von Luft und Erdöldampf unter Aufsteigen von Flammen und Ranch unter starker Detonation verbrennen. Mittels„Siphons", d. h. einer Art Feuerspritze mit doppelt wirkenden Druckpumpen, wurde die Explofivniischnng durch lange Metallrohre, deren Oesfuunge» man als Rachen wilder Tiere zu stiiisieren Pflegte, gegen den Feind geschlendert. Dieser wurde sowohl durch die Wirkung des Feuers als auch durch den Schreck vor däinouischen Mächten in die Flucht geschlagen, so z. B. die Nüssen, welche L41 unter Igor mit tausend Schiffen vor K onstautinopel erschienen, durch fünfzehn mit griechischem Feuer ausgerüstete Barken.— vi. Warum steht der anfgchcndc Mond gröffcr ans, als der in voller Höhe befindliche? Die Thalsache, daff der Mond, wenn er am Horizont erscheint, viel gröffcr anSfieht, als wen» er über unserm Schrilcl steht, wird wohl jedermann bekannt geworden fei»; über die Erklärung aber herrschte noch kein Einverständnis. Die Annahme, der Mond erscheine uns am Horizont darum grvffer, Iveil wir ihn dann mit andren Gegenständen, z. B. Häusern oder Bäumen. vergleiche» können, ivill nicht recht plnnsibek erscheinen und wird schon durch die Thatsache widerlegt, daff auch ans dem Meere, wo Vergleichsgegenstände von»nS bekannter Gröffe fehlen, der Mond am Horizont sehr groff erscheint. Jetzt gicbt der Physiologe Zolh eine einfache, aber anscheinend ausreichende Erklärung. Zolh sagt nämlich ans Grund ausgedehnter Versuche, daff uns beim Eeradeansschcn, infolge der Bauart«nsreS Auges, alle Gegenstände gröffcr erscheinen, als wenn wir den Blick nach oben richten. Zolh machte unter auderm solgendeu Versuch: Er streckte sich auf einem platte» Dach aus dem Rücken aus; dann konnte er den inittcn am Himmel stehenden Mond mit dem gerade- ans gerichteten Blick sehen, ivie wir ihn gcivöhulich bei seinem Tief- stand am Horizont betrachten, und dann erschien der hochstehende Mond dem ansgcstreckien Beobachter so groff, Ivie er sonst nur am Horizont aussieht.— Theater. A k a d e m i svird. Brninicn-»nid Tl'alsperreuivasjer. in einen jgemcinsaineu Bnmncn geführt, damit unr einheitliches Wasser in die Stadt hineinkommt und nicht etwa in verschiedenen Stadtteilei» MeimmgSverschicdenhcitcn auftreten könnten, das; der eine Stadtteil besseres Wasser bekomme als der andre. Besoiiders vorsichtig ist man bezüglich der Reinigung dcS für Solingen bestimmten Wassers gewesen. Die Stadt hat im vorigen Sommer eine Erweiterung des WafferiverkS für fast drei Millionen Mark beschlossen. Räch den bezüglichen Ausführungen JntzeS, die im neuesten Heft deS ..CentralblattS für allgemeine Gesundheitspflege" zum Abdruck gekommen sind, ist da? obere Ende deS abzusperrimden ScngbachthalcS mit einem FasjungSrtnunc des Sammelbeckens von drei Millionen 5lnhikmctcr dnrch ein Borbassin. das 100 000 Kubikmeter fnsst, abgetrennt. In, Laufe de? Jahres slieszc» aus dem Seugbachthal ettva acht bis neun Millionen Kubiknreter Wasser ab, so'dast also das Wasser im Borbecken sehr oft erneuert werden kann. Die Stadt hat oberhalb Wiesen angekauft, u»d dort wird da? Wasser durch be- sondere Brunneu und Drainage gefasst, dann nach dem Haupt- fammelbvuuuen»nd nach dem Borbccken geleitet und nach Füllimg desselben weiter in das Hanptthalbeckeii. Im Borbecke» ist eine Filteraulage ausgeführt, die nberstant wird und jedeii Augenblick,«m die Oberfläche desselben zn reinigen, trocken gelegt»verde» kann. Boil da lvird das Wasser m eine» Brunnen hinein«nd dann durch eine geschlossene eiserne Rohrleitung dnrch das Hauptthalbeclc» hindurch in da?»uterc Thal hinab bis znr Pumpstation geleitet, die au der Wupper liegt. Reicht das gereinigte zuflickende Bachwafscr auch trotz der intensiven Bewaldung, die«mm stets bei solchen Alllagen möglichst fördern soll, nnter Zuhilfenahme des VorbecicnS nicht nichr aus— die Anlage ist nämlich für den stärksten Verbrauch bis zu 0— tOOOO Kubikmeter täglich eingerichtet,»vährcnd sich der jetzige Berbra»ich ctiva n>n 4000 Knbiknlcter bclvegt—, so muff das Wasser ans den, Hauptfaunnelbeckeil elitiioniuicn»md zumichst wieder gereinigt»verde». Zu dem Zwecke ist von der Thalsperre anS die große Wiescnfläche zu einer künstlichen Berieselung umgetvaudelt. und es sind Draiilagoir in, ttulergrnnd angelegt, um ein gutes VersorguilgSlvasser herunter zu schaffe». Bau hier aus wird daS Wasser in einen Saunnelbruiliieu gefühlt und durch Rohre, welche zum Teil dnrch einen Stolle» biudnrch gehe»,»ach der Piuupstatiol, geliefert u»d von hier zum Hochbehälter nach Solingeu durch Wasser- traft hinaufgepmupt. Auf diese Weise dsirstc». da ciiich da? zu üvcr- stalicude Hauptthal vor der Fiilluug vollständig rein gemacht lvird. alle Borkehrnligen getroffen sein,»velche eine Reinbaltuiig des Waffers sicher».—(„Köln. Bvlksztg") Nat,tvwisfe»»schaftlicheS. Den Wider st and der Hühitereier gegen T e»n p e r a t>, rf ch w a n k u n g e» hat nach einem Bericht der ..Raturivisicuschaftlidlel» Rluidsck'an" der italienische Gelehrte L. Salvioli untersucht. Er brachte eine große Anzahl frischer Eier in Bäder, deren Temperatur der oberen oder untere», Grenze, bei der Eier lebensfähig bleibei«, nahe war; in diesen verweilte» die Eier teils frisch, teils nach kürzerer oder längerer Bebrütuug so lange, als nottveichig war. damit sie die Temperatur der Umgebung aiigeuomme», worüber Vorversuche die«nhaltspuukte gegeben. Nachdem die StcrsuchStemperat'.ir längere oder kürzere' Zelt eiugelvirkt. wurden die Eier i» den Brütapparat gebracht und ihre Entwicklung beobachtet. Als Ergebnis stellte sich'heraus. daß die Hühnereier vor der Bebrüt, uig cineu ziemlich starken Widerstand den Tcnipevaturerhöhungei, und-Erniedriginigen bieten. Die Grenze», ztvische» denen das Leben der Keime noch möglich ist, liegen nach oben bei der Temperatur von-+- 47,5 Grad bis 48 Grad, »ach uuteir bei der Temperatur von— 1 Grad oder etwas mehr. In der Nähe dieser Grenzen»verde» die Eier von besonderen Ber- hältnisscu mehr oder weniger leicht beeinflußt. So zeigten die Eier, deren innere Temperatur ans 40.5 Grad gestiegen war. eine uorinale. aber Verla, igsninte Entzvickliing;"bei"47 Grad eutwickeltcn sich die Eier bis zun, Blaitoderm. ohne daß Enilwyobilbmig eintrat,»»d bei 47.5 Grad blieben alle steril. Bei der Abkühlung zeigte sich ähnliches: hei 0 Grad ent- wickelten sich viele Embrnouei, normal, viele jedoch zu Mißbildniige»; selbst Eier, deren Eiweiß znii, Teil gefroren, in denen aber die Temperatur nicht unter—0.5 Grad gesnilken ivar. konnten noch normale Embrhoiic» geben: in der Mehrzahl der Fälle jedoch trat Stillstand der Entwicklmig ein. Der Widerstand gegen diese ununtt nl» init ber&j!Üüid{jin� bc$ suimeö; Eiübrhoncn, die einige Tage bebrütet waren, konnte» Äcnuiüyortlicher Nevacirnr:.Paul Jost» in Berlü Teniperatnreu, hohen oder uiederen, nicht widerstehen, welche für die Keime ganz indifferent waren.— Humoristisches. — S ch u l- H n m o r. In der ersten 5tlasse einer Bürgerschule soll Goethes Gedicht„Der Säuger" mit verteilten Rollen gelesen werden. Der Lehrer giebt an drei Schüler die Weisung:„D u liest. was der König sagt! D n, was der Sänger sagt! D u, was Goethe sagt. Los I"— Der erste beginnt:„Der Sänger von Goethe."— „Gicb doch acht", schnauzt ihn der Lehrer an,„Du hast doch zu lescir, was djw.König sagt! Der Folgende!"— Der Folgende beginnt: „Der Sänger von Goethe."—„Nu, Du Kamel, Du bist doch der Säuger!" wettert der Schulmonarch»md setzt, auf den dritten zeigend, hinzu:„Du bist der Goethe!" Worauf der dritte ein- geschüchtert beginnt I„Der Sänger b o>,— in i r!"— — AnS d e n, M nn ch e Ii e r Hof b r ü u h a n S. Schenk- kellner(zum Fremden, der ohne Krug zur Schenke kommt):„WäS ivoll'i, denn Sie?" Fremder:„Eine Maß Bier." Schenklellner:„Soll i» Eahna ebb« in d' Händ cini- schütt'n?"— — S( u 8 O e st r e i ch. A.(stolz zu seinem Freunde):„Da schau»ml, meine Photographie als Ministerpräsident..." B.:„Ah... Momentaufnahme...— („Jugend".) Notizen. — Gegen die lex Heinze ist eine Protest-Ber- sammln»ig der litterarische»»nd küuftlerischtn Kreise Berlins für nächsten Soinitng in, Saale des Berliner HnndNcerkcrvereinS cinbernfen. Ferner wende» sich nach einer Mit- tcilnng deS„B. T." auch die Deutsche tk u n st g e n o s s e» s ch a f t. die Berliner Akademie der Künste nnd die Berliner Littcrarisckie Gesellschaft gegen den Ciitlviirf. Der Berci» „B e r l i n e r Presse" hat folgende R e s o l u t i o n gefaßt: Der Verein„Berliner Presse" legt eine entschiedene Verwahrung gegen die litteratnr- und kulturfeindlichen Beslrebnngen ein,»vie sie ins- besondere in den tzß 184.',„ndd der sogenannten„koxsHciuze" zn Tage treten. Der Verein„Berliner Presse" erblickt in diesen geptantei, Bestiuunmigen eine schtvere Schädigung der gesamten geistigen nnd liinstterischen Entwicklung deS deutschen Volks. Er giebt daher der sichere» Erlvartung Ausdruck, baß die verbiindeteii Rrgiernngei, resp. der Reichstag diesen odengeiiaiiuten oder ähnlichen Bestiinnmngeit ihre Ziistinuiuing versagen werden.— — Der akademische Verein für Kunst»ud Litteratnr zeigt au: „Die zweite Vorstellnug im Eyklus der autikeu Bühne„Autig o i, c" vou Sophokles lvird für E>, d« M ä r z in,„Lessing-Theater" vorbereitet."— — Direktor Julruö F r i t s ch e überuimint im Herbst wieder die Leitung des ihm gchöreudei, Friedrich Witheluistädtischei, Theaters, das wie früher ein Operetteir-Theater»verde« soll.— — Der Ophthalmologe Julius V.Michel aus Würzburg hat eine» Ruf au die Berliner lluiverfität angeiwiinneii. Er üderniuuut auch die Leitung der lliriversttätS-Augentlniik.— — Der LerivallungS- Ausschuß der T i e d g c- S t i f t u u g iit Dreödeii. die über ein Gesouitvermögeu von 50�000 M. ver- fügt, hat Max Kling er die AuSführnug einer bisher nur im Eutivurf ausgestellten Gruppe„Drama" in Marmor übet- tragen,— — Max Halbes Drama.Mutter Erde" erzielte im Stutt- g arter Hoftheater eine«, starken Erfolg.— — A l, g u st S t r i l, d b e r g s bisher nicht aufgeführtes Stück „Schuld und Schuld" ging au, Stockholmer„Dramatischen Theater" mit großen, Erfolg iii Sceue.— c. Zun, Andenken an Louis P a st e„ r werde»» in Frankreich zwei Denkmäler errichtet, das eine i» Paris, das von Falguiore ausgeführt lvird, das- andre in seine», Geburtsort Düke. Mit der Ausführung des letzteren wurde der Bildhauer Aiitönii, Calles beausiragt. Der Künstler hat den berühnite» Sie- lehrten dargestellt, Ivie er in Nachdenkei, versunken dasteht! die Statue ruht auf einem hohe!,, mit Basreliefs geschmückten� Piedestal; nuten besindei, sich zlvei stzinbolische Figuren/ die Wissenschast und die Humanität. Die Wissens chasi ioird durch eine große, schlanke, elegante Dame, die Huniauität durch eine Frau aus dem Bolle si�nbolisiert, die auf dem Stein deS PiedejtalS sitzt und. zlvei tleiue Kinder hält. Das Denkinal wird eine Höhe von neun Metern erhalten und IVO. enthüllt werde».—______ Die nächste Nummer des lluterhaltungSvlatteS erscheint an, Sonntag, den 4. März._. . Druck und Verlas von Mar Ltasins cu Berlui.