Zlnierhallungsblatt des Wsrwürts Nr. 49 Sonntag, den II. März. 191)0 (Nnckidruck verboten.) Ttnkev dem Schutze des Gesetzes. 15� Von Maria Konopnicka. HcmTa erschrak nnd stürzte sich in das©cloi'chl, dort, iro eh am dichtesten war. Aber der hagere Herr schien sie im Auge zn behalten. Denn eine Weile später stand er ihr gegenüber, diesnial ganz allein. Sie»vandte sich schnell rechts um, die Angst bemächtigte sich ihrer immer mehr. Jener aber vertrat ihr auch hier den Weg, von der entgegengesetzten Seite kommend. Er ging scheinbar gleichgültig vorüber, aber so nahe, daß er sie fast anstieß, und blickte ihr scharf ins Gesicht, als wollte er sie mit den Augen durchbohren. In größtem Schreck niachte sich Hanka ans den Heimweg, ohne auch nur die Hälfte der Besorgungen gemacht zu haben. Der hagere, b.aumlange 5ierl folgte ihr, wie ein Schatten, hielt sich aber in einiger Entfernung. Erst als sie schon beim HauSthor war, machte er einige lange Schritte; alsbald stand er ganz nahe bei ihr. legte die Hand auf ihren Korb und flüsterte leise: „Fräulein, wenn Sie einen Rubel geben, ist's gut. wenn Sie keinen Rubel geben, ist's auch gnt. Dann begleiten Sie mich ins- RathauS.-"-- Iii Hankas Brust stockte der Herzschlag. Jetzt wußte sie. daß es ein Häscher war. Sie wandte ihm ihr Plötzlich schwarz gewordenes Antlitz zu, in ihren Augen blitzte ein düsteres Feuer auf, sie öffnete die Lippen, um die ein krampf- Haftes Zucken spielte. Ohne einen Laut zu sprechen, blickte sie wie abwesend zn Boden, griff in die Geldbörse der gnädigen Frau, zog einen Rubelschein hervor und reichte ihn dem Bedränger. Der Häscher nahm den Schein in die Hand, betrachtete ihn aufmerksam und schob ihn dann in ein schmutziges Säckchcu. Er merkte sich noch die Hausnummer genau, sah sich aufmerksam im Thoiwcg um und nickte dem Mädchen zu. „Stach einer Woche bin ich wieder da. Auf Wiedersehen, Fräulein." Hanka schleppte sich mit schweren Schritten hinauf zur Wohnung. An jenem Tage war die junge Frau erstaunt ob der Zer- streutheit und der Verwirrung ihres Dienstmädchens. Hanta hatte eine Menge Dinge auf dem Markte zu kaufen vergessen, daheim fiel ihr alles aus den Händen, wie die Herrin sich ausdrückte. Das Erstaunen der jungen Frau wuchs, als eS sich beim Abrechnen herausstellte, daß Hanka ohne Vor- wisse» der Herrschaft von den ausgewechselten fünf Rubeln einen für eignen Bedarf verausgabt hatte, und auf die Frage, wofür sie das Geld verwendet, jede Antwort schuldig blieb. Beim Mittagessen teilte die Dame ihre neuen Beobachtungen dem„teuersten Männchen" mit; aber da das teuerste Männchen es eilig hatte, ins Bureau zu gehen, zerbrach er sich nicht weiter den Kopf darüber, sondern küßte das Weibchen auf beide blühende Wangen und entfernte sich, ohne dem fehlenden Rubel noch der Verwirrung des Mädchens die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Als Hauka mit der Arbeit fertig war, lief sie zu der Walentowa hinaus. Unter den beiden Frauen fand eine Auseinandersetzung statt, in der es mehr Dhränen als Worte gab. Stunden flössen dahin, die alte Waschfrau weinte bitterlich und stieß leise Flüche aus. um sich das Herz zu erleichtern. Hanka war auf einen Stuhl gesunken und saß regungslos da, den Kopf auf die magern Hände gestützt. „Es bleibt nur übrig, auf und davon zu laufen," flüsterte die Walentowa.>ivie sprach leise, gleichsam aus Furcht, ein noch größeres Unglück zu wecken. „Wohin?... Zu wem?... antlvortcte Hanka, ohne den Kopf zu erheben.«Bleibe ich in der Stadt, verfolgt man mich wegen der Meldung.••.. Gehe ich in die weite Welt, macht man Jagd auf mich, lvie auf einen herrenlosen Hund.... Stehe ich denn unter irgend einein Recht, oder was ist?" Aber Hanka irrte sich schwer. Sie stand ja unter dem Recht der„Verschickung", Unter dem Schutze dieses Rechts wand und krümmte sie sich, ohne daß sie vermochte, sich von seinen Folgen klare Rechenschaft zu geben. Indessen schlang das Recht seine immer engeren Kreise um sie. ohne daß sie es merkte. Da?. Recht thronte in der Höhe, sie aber lvar niedrig. DaS Recht trat im Napien der'Gerechtigkeit auf, sie aber war eine Misse- thäterin! da?. Recht war erlaucht, allmächtig, hochgeachtet, sie aber war unwissend, machtlos, verachtet... Hanka irrte sich schwer. Am Abend desselben Tage?, um elf Uhr, erklärte die junge Frau ihrem„teuersten Männchen", daß das Dienst- mädchen, trotz der vorgerückten Stunde noch nicht heimgekehrt sei. Das- teuerste Männchen machte darauf seinem lieben Frauchen den Vorschlag, die Lampe auszublasen, denn er wäre schläfrig, und die Lampe leuchte ihm zu grell in die Augen. Die junge Frau war entrüstet. Zwei helle Zornes- thränen, tvie Funken, erglänzten in ihren blauen Augen, und sie erklärte dem Gatten mit fester Stimme, daß er, als Mann, nach Belieben unmoralisch sein könne, da nämlich alle Männer, wie allgemein bekannt, unmoralisch seien; sie aber wäre nach andren Grundsätzen erzogen und würde niemals zugeben, das heißt, sie hätte niemals geglaubt, daß... daß... Hier zog der unmoralische Gatte die Decke über den Kopf"und fing an zn schnarchen, daS Frauchen aber brach in heftiges Schluchzen aus, tief empört über den hartgesottenen Sünder.— Am nächsten Tage schlich Hanka leise und wie beruhigt im Zimmer umher; nur waren ihre Bewegungen langsam und schwerfällig und in ihren tief umränderten Augen leuchtete es zuweilen fieberhaft auf. Eure Woche war vorüber, ohne daß Hanka es gemerkt hatte. Eine jede Stunde des Tages lastete schwer auf ihr wie ein Mühlstein, und doch waren ihrer so viele über ihren Kopf hinweggeflogen, wie die schwarzen Raben.... Der Freitag"kam. Hanka hätte noch am frühen Morgen den bei der Walentowa geholten Rubel in einen Fetzen ge- wickelt, in die Tasche gesteckt, und nun wartete sie. Aber weder auf dem Ringplatz, noch auf dem Heimiveg war sie jemand begegnet. Sie lief einmal und das andre- mal auf die Straße hinunter, aber uieniand tvar zu sehen. Als die Mittagsstunde vorbei war, wuchs ihre Unruhe. Viel- leicht hatte sich's der Häscher überlegt... vielleicht hat er schon an» RathauS die Anzeige gemacht. In Seelenquaken verbrachte sie den Tag. und erst spät am Abend, als sie hinunterging, um Wasser zu holen, begegnete sie ihm im Thor. Er stand und wischte sich mit einem schmutzigen karriertcn Tuch den Schweiß von der Stirn. „Aber Fräulein, was haben Sie sich denn für einen Dienst ausgesucht? Gott verzeih's Ihnen! Eine volle Meile WegS, bis man zu Ihnen kommt. Die reine Vorhölle." Sie antwortete nichts, sondern griff in die Tasche, zog den Rnbelfchcin hervor, sah sich vorsichtig um und steckte ihm das Papier zu. Der Häscher machte eine unzufriedene Miene. „Was denken Sie sich. Fräulein, ich werde wegen eines lächerlichen Rubels den weiten Wegmachen? Geben Sie doch wenigstens noch zehn Gulden." Sie sah ihn entsetzt an. Sie war nicht darauf gefaßt, daß er noch mehr verlangen würde..Uebrigens hatte sie auch gar nicht mehr. Sie fand den Mut, zu protestieren, aber ihre Stimme klang ihren Ohren fremd, als käme sie nicht aus ihrer Brust. „So habt doch ein Gewissen!... Auch das gehört ja nicht mir... Woher kann ich..." Er ließ sie nicht zu Ende kommen. „Was kann das mich angehen?, II Das ist mir alles eins." � .„Gleich rr; Schreit nur nicht so kaut... Ich gehe zur gnädigen Frau." FlugS zeigte er sich wieder besänftigt. „Gnt, also... Ich warte so lange." Hanka eilte hinauf. Die Gnädige erschrak über ihre Blässe. „Was ist Dir? WaS hat das zu bcdcuicn? Sprich l* „Nichts, gnädige Frau. Nichts. Ich möchte„ur um fiiicu halbe» Rubel bitten." DaS war der Gnädigen recht ungelegen. Der Monat ging zu Ende, die Ausgaben waren genau verrechnet, Hanta sollte der Lohn erst nach dem Ersten ausgezahlt werden. Die Frau versuchte zu paktieren. „Wozu brauchst Du so dringend Geld? Es ist schon Nacht.... Dli kannst ja ohnehin nichts niehr kaufen...." Doch das Mädchen ließ nicht nach, sie hatte ja keine andre Wahl. Endlich bekam sie eine Handvoll Kupfer und trug sie dem Häscher hinunter. Er zählte sorgfältig nach, ließ das Geld in die Tasche seines grünlichen Winterrocks gleiten und nickte Hanka zn, indem er mit einem gcivisfeu Wohllvollcn in der Stimme sagte: „Leben Sic wohl. Fräulein. Wenn ich Zeit habe, laß ich mich wieder sehen." Er brachte das mit einer Gutmütigkeit hervor, als wäre er der herzlichst eingeladene Gast. Eine Welle glutvollen Hasses schoß in Hanka empor. ... Wenn er Zeit hat!... O, daß Du niemals im Leben Zeit haben möchtest, verfluchtes Raubtier... Sie krallte ihre Finger zusammen, daß es in den Gc- lenken knackte. Der Häscher schlenderte inzwischen gemächlich die Straße hinunter und blickte sich gleichgültig nach allen Seiten um. Ma» hätte ihn für den herabgekommeneu Beamten irgend eines Privatbureaus halten können. Hankas Herumstehen.mit einem Mann zur Abend- stunde ini Thorweg erregte alsbald die Aufmerksamkeit der Nachbarinnen. „Was haben Sic sich da für einen Bräutigam aus- gewählt, Fräulein?" fragte im Vorbeigeheir die Hausbesorgerin.„Um die Wahrheit zu sagen, hätten Sie sich IvaS Besseres aussuchen können. Das könnte ja Ihr Groß- Vater sein.... Was ist er? Ein Hiesiger? Ei» Witwer V Ei» Handwerker?" „Hi... hi... hi... Solch einen würde ich nicht um alle Schätze der Welt nehmen," lachte das Stubenmädchen von« ersten Stock.„Der könnte mir Honig zu essen geben... Ein alter Bettler.. Hanka ließ alle diese Stichclredcn unbeantwortet. Sie stand wie versteinert da, ohne zu sehen, ohne zu hören, was um sie heruni vorging. Endlich entrang sich ihrer Bhist ein banges Stöhnen; das war der einzige Ausdruck, de» diese nur halberwachte, so schwer mißhandelte Seele ihrem Schmerz und ihrer Oual zu geben im stände war. Bon nun ab gestaltete sich ihr Leben nur um so schlverer, mitten in dieser Unsicherheit und der ewigen Angst vor dem kommenden Tag, vor der kommenden Stunde. Nachts schlief sie sich nicht aus, bei Tag aß sie sich nicht satt, alles ver- wandelte sich ihr in Bitterkeit und Gift. Als eine Woche vorbei war, bat sie die Gnädige abermals um zehn Gulden. Sie fiirchtete nämlich, von ihrem Verfolger einmal unvermutet auf der Straße überrascht zu werden. Daher, tvolltc sie gerüstet sein. Aber der Gnädigen gefiel dies schon' ganz und gar nicht. Sie plante eben irgend einen außerordcnt- lichen Einkauf, und rechnete ini Stillen darauf. daß Hanka nach jenem halben Rubel nichtsobald weitereFordernngeic stellen würde. Daher erklärte sie dem Mädchen rundweg, daß sie keine Vorschüsse geben könne, und nach Tisch verständigte sie das „teuerste Männchen", daß das Dienstmädchen gänzlich ver darben worden wäre, daß die Hausbesorgerin sie ün Thorweg mit einem Liebhaber abgefaßt hätte, und daß,»venu dies so weiter gehen würde, sie... die Hausfrau... natürlich ... nicht dulden könnte... Sie stockte. Die Rolle tpar ihr noch nicht ganz geläufig. Sie wußte übrigens nicht, was sie dulden könnte und»vas sie nicht dulden dürfte. Sie machte ein sehr ernstes' Gesicht, das den Rest verratet! sollte, den sie nicht aussprach. Der Gatte hörte die ganze Rede mit phlegmatischer Ruhe an, und da es schon nach dem schwarzen Kaffee und nach der Cigarette war, nahm er den' Rock vom Haken und zog ihn an, wobei er sagte: „Weibchen, heute komme ich cwas später zum Theo; ich Hab verteufelt viel zu arbeiten.". Er ging, und das Frauchen sühlte, wie unglücklich sie im Ehestande, war; erst jetzt erkannte sie,' was die Männer waren... Da Hanka von der Gnädigen kein Geld erhalten konnte, tef sie in ihrer Verzweiflung noch einnial zu der Walentowa. ie fand sie im Bett, krank, stöhnend, mit angcschtvollenen Beinen, ohne Pflege, ohne die geringste Bequemlichkeit, in der kalten, feuchten Stube. Hankas Herz schnürte sich zusammen, und ohne des Geldes Erwähnung zu thun, heizte sie im Zimmer ein, kochte das Essen und bestellte den Feld-- scheer. Nachdem dieser bezahlt war. blieben, im Kasten nur noch einige Zehngroschenstiicke zurück- Fassungslos kehrte Hanka von diesem Ausflug zurück. Kaum hatte sie den Samowar aus den Tisch gestellt, nahm sie ihr armseliges Kissen und ging damit in die Pfandleihe. Einige Tage später, es>var am frühen Morgen, knarrte die Küchenthür, und auf der Schwelle erschien der Häscher. Das Mädchen umschlang mit einer instinktiven Bewegung den Ofen und blickte den Mann mit irren Augen an. „Guten Morgen, Fräulein," hob er mit ausgesuchter Höflichkeit an.„Wie gehts Ihnen? Ich war gestern beim Thor, aber man sagte mir, Sie wären fortgegangen. So bin ich denn heut gekommen, um nachzusehen. Ich brauche Geld... Sieht es aber elend aus bei Ihnen. Weder Bettzeug, noch Koffer?... Mein Fräulein, ich sehe es ist nicht sehr glänzend um Sie bestellt." Bebend vor Furcht,' daß die Herrschaften die fremde Stimme in der Jlüche vernehmen könnten, griff das Mädchen unter den Sttohsack und reich. e dem Häscher das aus der Pfandleihe mitgebrachte Geld. Er nahm eS in Empfang, zählte nach und zuckte mitleidig die Achseln. „Fünf und einen halben Gulden?«.. Thü!... ist daL alles?" „Das einzige Kissen Hab' ich versetzt," stammelte das Mädchen mit dumpfer, erstickter Stimme. Der Häscher maß sie mit den Blicken. „Na also, wenn es so ist, so ist es schade, die Zeit zn vergeuden, mein Fräulein. Leben Sie wohl cinsttveilcu, mein Fräulein." Er ging. Hanka stürzte bei der Thür zusammen und brach in ein heftiges, krampfhaftes Schluchze» auö. tFortsctznng folgt.) cNackdruck rnboie»). Arbeite und avmc Teuke Fünf Uhr, ja wahrhaftig,. gleich filuf Uhr, nur noch sieben Minute» fehlten daran. Na, das konnte ja-gut»Verden.- Atemlos blieb sie stehen und lehnte das schwere Bündel eine» Angenblnk gegen daö Treppengeländer, aber»ur eine» Augenblick, dann raffle flc sich ans und eilte weiter. Aus dem z>oeitcn Hof kam ihr ciiic Frau eutgegeil, die einen alten Kinderwagen voll ganzer Stöhe zu- geschnittener Trikottaillen vor sich herschob. Im Vorübergehen nickten sie einander zu; die andre drohte: „Ra, Fräulein Cimun, machen Sc man, die illtc nimmt heut selbst ab, iö aber giftig! brc!" Sie schüttelte sich. Daö Mädchen beflügelte seine Schritte, keuchend stieg es die drei Treppen enwor. Trotz der späten Stunde>oar der Lieserraum noch ilberfiillt. Männer, Frauen, Kinder drängte» sich in dem engen Verschlag vor dem Ladentisch. Eine muffige hätzliche Lust lag über dem ganze» Raum. Sie drückte die schwere Eiscnthnr beinahe lautlos, hinter sich in das Schloß die Fran hinter dem Tisch hatte sie aber doch bemerkt i ein böses Leuchten gloimn in ihren Augen auf: „Na. Fräulein Wenzel, so spät? Was soll denn daö hcitzcn? Denken Sic vielleicht, ich ivill hier bis sieben stehen und ab- nehmen?"'' „Ich bin krank geworden. Frau Bleyl" Sie sagt es sehr be- scheiden, in eiinchnldigendem Tone.. „Ach was. krank— kennt man schon!— Wenn die Leute nicht Lust habe» zum Arbeite», dann Ivaren sie iinmer krank. Wer nächsten Sonnabend nach halb sünf kommt, dem wird nichts mehr verrechnet, merken Sie sich das, alle miteinander!" Sie nimmt einen neue» Posten Trikottaillen bor und nntersncht ihn genau. Emma Ivirft das schwere Bündel ans die Erde und setzt sich aus eine Bank»eben der Thür. Ihre Arme sinken schlaff herab. Sie ist todmüde. Erst diese Jagd zu Hause, um»nr überhaupt noch fertig zn werden, da»» der weite Weg und die hohen Treppen. Ja, Ivenii sie gesund wäre, dann ginge es noch, aber sie hat nicht gc- lögen, sie ist wirklich krank. Schon seit Tage» peinigt sie ein cnt-- 'etzlicher Kopfschmerz, ein. Bohren und Brennen in den Schläfen, als ivollten sie zerspringet».' Ach, wie'sie sich'nach der Minute sehnt, in der sie dbn Kopf in die Kissen stecken kann, und die Mutter ihr eiiieii kühlenden-Umschlag ans die Stirnc legen wird. Morgen bleibt sie den ganzen'Vormittag liegen, morgen ist Sonntag— Feiertag.>. Daö Wort hat etwas Uebcrwältigendes für sie. ES erinnert sie an ein Gedicht, das sie als Kind' gelernt. Sie wiederholt seine Strophe ein pvarmal im Stille»„Und morgen ist Feiertag." Sie hnt eigentlich nicht viel vom Feiertng, blotz eben dos eine daß sie mal nicht arbeiten muh. dah sie niit den Eltern nibig z» Hause beisammen sitzen und plaudern kann. Bergnügen? Davon steht ja bei ihnen nichts drin, dazu langt das Geld nicht, selbst dann nicht, wenn sie des Vaters knappen Wochenlohn zulegt, was sie«nd Mutter an der Nähmaschine zusammenrasseln. Aver auch so wird er schön sein, der— Feiertag; schon allein diese tiefe Stille, die über ihm liegt, dieses Ausruhen— ach— sie dehnt sich wohlig im Vorgefühl kommender Freude. „Na, Fräulein Wenzel, träumen Sie 1' Sie schrickt zusammen. Bei all ihrem Denken und Sinnen hat sie ganz übersehen, dah sie an der Reihe ist, sie steht aus und beginnt die tinoten des Bündels zu lösen. Die Frau hinter dem Ladentisch stöht ungeduldig den Fuß auf: „Na aber rasch doch I rasch I Das hätten sie schon längst inachen können. So, das sind die Trefsentaillen? Zeigen Sie her." Sie macht jedes Paket auf. breitet die Taillen einzeln auf den Ladenlisch und legt sie, da nichts daran zu tadeln ist, schweigend beiseite. Der grosje Haufen wird immer kleiner. Emma atmet auf. „So und nun Ivollen Sie Geld haben, nicht wahr?" Die Frau nimmt das Buch und rechnet die einzelnen Posten zusammen:„Macht elf Mark fiinsnndfiebzig Pfennige." Sie wendet sich nach dem Geldschrank, dabei fällt ihr Blick noch einmal auf die abgenommenen Taillen. «Ja, aber ivas soll denn daö? Sie haben ja keine Tresse auf Kragen und Acrmcl genäht?" „Das Hab' ich ja auch noch nie gethan, Frau Bley, an den drei Dutzend, die ich Montag geliefert habe, auch nicht." „So, da auch nicht? Und das hat Ihnen unser Fräulein ab- genommen?" „Die Probetaillc hatte keine Tresse ain Wemicl.* Ach was, Probetaille. daS müssen Sie sich ganz allein sagen, wenn die Jacke mit Tresse benäht ist, kommt auch welche a» die Aerincl und den Kragen. Hier— packen Sie de» ganzen Ramsch ein, nähen Sie Tresse rinn. Und Montag früh um acht muh ich sie wieder haben, dann kriegen Sie auch Ihr Geld." „Aber— aber— Frau Bley—." „Na. was wollen Sie denn noch?" „Aber— aber, Frau Bley— das— daß ist doch nicht meine Schuld: und— und Montag früh um acht? DaS~ kann ich doch nicht— Montagnachmittag—" «Nein, Montag früh— spätestens halb neun. Um nenn muh alles zur Post sein. Wenn Sie später komme», mach ich Sie für de» Schaden verantioortltch, dann kriegen Sic gar nichts—" „Aber— aber, morgen ist Sonntag— Feiertag." „Ah, und da nähen Sie nicht? Kinder. Ihr sitzt lvohl zu Hause ans'm Gcldsack? Wcnn's Ihnen so brillant geht, arbeiten Sic doch überhaupt nicht. Dann werde ich die Sache hier machen lassen und Ihnen dgsnr was abziehen." „Ach aber, Frau Bley, ich brauche doch mein Geld. Ich muß arbeiten, wir sind arme Leute." „So. mein Fräulein? Na dann seien Sie nur nicht so grob- artig I Arbeiter»nd arme Leute haben keinen Feiertag. Hier nehmen Sic mal die drei Dutzend vom Montag auch gleich mit. lind früh NM acht hier sei» I Hören Sie?" „Ja. ja l..." Sie widerspricht nicht mehr. Schweigend knotet sie das grohe Bündel znsannnen. Langsam schleppt sie sich die Treppen hinab. In ihren Auge» stehen Thränen. Nun konnte sie den ganzen Sonn- tag sitzen und»niszte sich noch spute», um fertig z» werden. Am liebsten iväre sie umgekehrt und hätte der Frau da drinnen das Paket vor die Beine geworfen, aber dann verlor sie die Arbeit ganz »nd gar, nlid was dann?... D. G. Kleines Feuilleton. — Etwas ans der Jägersprache. Vom Hasen. DaS Männchen heifet„Rammler", daö Weibchen„Satzhasc". die Jnngen anfänglich«Junghasen", später„Onarthasen",„halbtvüchsigc Haien" und im letzten Stadium ihres Wachstums„Drcilänfcr." Der Hase hat„Augen" oder„Seher", er„äugt", aber er hat keine Ohren, sondern„Lössel", keine Beine, sondern„Läufe", leinen Schwanz, sondern eine„Blnme", keine Haare, sondern„Wolle". Je nach seiner Konstitution ist er„gut" oder„schlecht bei Leibe". Seine Bewegung besteht in dem langsame»„Rutschen", in dem etwas schnelleren„Hoppeln"»nd schiieglich im„Lmifen", einem bei andren Wildarten streng verpönten Ausdruck. Ilm sich»niickt- bar zu»lachen nnd vor den, Verfolger zu verbergen,„drückt sich" der Hase und wird schließlich nicht aufgejagt, sondern„ans- geftoßen". Wenn er in seinem„Lager sitzt", so„fährt er aus dem Lager", oder bei freiwilligem Verlassen desselben„steht, er aus dem Lager ans". Wenn er den Jäger oder Hund nahe an sich heran- kommen läßt, so„hält er gut", andernfalls„hält er schlecht". Der Hase geht nicht, sondern„er rückt" von„Holz zu Feld". Der Hase „macht ein Männchen", wen» er sich auf die Keulen setzt; richtet er stch auf den Hiiitcrlänfen ans, so„kegelt" er,„macht einen Kegel". Der Hase„springt" über einen Graben. durch Wasser aber schwimiüt er nicht, sondern er„rinnt" durch dasselbe. Wenn er verfolgt wird, sucht er stch dem Hunde durch blitzschnelle Wendungen im Zick-Zack zu-- eittziehcn. er „schlägt einen Haken", Daß Entkernen der Eingeweide beim toten Hasen heißt man„Ausweiden" oder„Answerfen", das Abziehen des ValgcS„Streifen". Zweifelhaft bleibt nur noch, ivie der Schmerzens- laut des Hasen bezeichnet werden soll. Die Mehrzahl der neueren Jagdschriftsteller haben dafür den Ausdruck„Klagen" gewählt, doch deharrt ein andrer Teil bei der Ansicht, das;„Klagen" nur beim Hochivild und dem Reh zulässig sei, der Schnierzenslant des Hasen also mit„Schreien" bezeichnet werden müsse. DaS„Wildpret" des Hasen wird„zerlegt", während Herz, Leber, Lunge und die mrtere Rippenhalfte zusammeiigenonmien das„Hasenklein" bilden,— —„Von den Eiche» sollst du weichen l" Im Lippeschcn wurden in amtlichem Auftrage Beobachtungen über die Hausigteit angestellt, mit der die einzelnen Baumarten vom Blitze getrosten werden. Man wählte dazu, wie wir der Wochenschrift„Mutter Erde" entnehmen, nenn über eine niehr als 18Heklar große Fläche ver» teilte Forstreviere, deren Bäume aus 70 Proz, Buchen, 13 Proz. Fichte». 11 Proz. Eichen und 6 Proz. Kiefern bestanden. In einer mehrjährigen Periode wurden dort 275 Bäume vom Blitze getroffen. Darunter waren 153 Eicken«53 Proz.), 59 Kiefern(21 Proz.), 21 Buchen(8 Proz.) und 20 Fichten(7 Proz.). Der Rest verteilt sich auf andre Hölzer., Beim iveuem am häufigsten wurde» also die Eichen von» Blitz getroste».— — DaS erste äußere Zrlchen von HauSfchtvamm. ES ist eine den Tcchniicrn bereits seil langer Zeit velannte Thatsache, dast das Auftreten deS HolzschwannnS nur bei solchen Holzteilen zu erwarten ist, die„sticken", d. h. zu denen unter Abschluß von Licht und unter nmngelndem Luftwechsel eine mäßige Feuchtigkeit gelangen kann. Wissenschaftliche Untersuchungen haben als Verbreiter deö HanSschwammL lebensfähiges Pilzgeivebe und die Spore» des- selben festgestellt. Die Untersnchungcn über den Einfluß der Fäll- zeit des Holzes ans die Schwanimbildnug haben zu überein- stimmenden Ergebnissen bisher nicht geführt, vielmehr im wesentlichen nur die bereits bekannte Thatsache bestätigt, daß solche Hölzer, deren Saft noch nicht völlig ausgetrocknet ist, besonders leicht von» Schwamm befallen werde». Der»och nicht völlig eiiigetröckiiete Saft geht unter Zutritt von Fenchtigleit bei eingeschlossener Lust «nd unter Abschluß des Lichts leicht in Gärung über und bietet so den zerstörende» Pilzwnchernngen den beste» Nährboden. Der ÄuS- trocknnngSvorgmig des frischen Holzes beivirlt durch die Entzichmil, deS verdunstbaren Wassergehalts anscheinend eine lackartige Unibildniig des Safts, ivodurch dieser schwer löslich wird und so gleichsam erst völlig abstirbt. Da nun der Techniker in vielen Füllen tvedcr in der Lage ist festzustellen, ob eine völlige Niistrocknniig des Holzes vor der Baivendinig wirklich stattgefunden hat, noch auch die»;it dem Staub durch Lustströmungen verbreiteten Sporen fernhalten kann, so bleibt ihm nur übrig, eiitweder durch Tränken des Hölzes mit fänlnisverhindernden Stoffen dos Zustandekommen eines gecignetcu Nährbodens zu verhüten, oder durch Trockenlegung dem eiugebänteu Holz die zur Schwammcnttvicklmig nötige Feuchtigkeit zu entziehen, thmilichft aber beide Sicherniige» zusammen anzniveiiden. Bei alte» Gebäuden tritt der HaiiSschwamm weit häufiger auf, als man an-- nehmen sollte; er breitet sich aber in den meisten Fälle» nicht so iveit aus, daß größere Zerstörnngeii hervorgerufen werden. Der Hausschivamm ist ein sehr empfindlicher Pilz, der abstirbt, sobald seine LebenSbcdingmige» nicht mehr voll erfüllt find. Da Nim die erste Lebensbcdingnng.»ämlich ein zwischen engen Grenzen sich de- Ivegendcr Feuchtigkeitsgehalt deS Holzes und der ciiigeschlosscue!» Luft, oft»ur vorübergehend eintritt— sei es, daß auf eine anhaltend feuckcke Witterung eine trockne Zeit folgt, sei eS. daß. eine llndichtigleit des Gebäudes der Feuchtigkeit bis zur Ausbesserung deS Schadens den Zutritt gestattet, oder daß eine sonstige vorübergehende Ursacho vorliegt— so gedeiht der Schtvamm daim nur bis zir einer gewissen Entwicklung und. stirbt darauf ab. Solche Fälle hat Moormaun, wie die„Umschau" dem„Centralblatt der Bauvcrwaltuiig" cnt- nunmt, iu großer Zahl beobachten können' n»d als erstes An- zeichen deS HausschwammS stets helle Flecken um die Nagtluug de» Dielen oder der Täfelung gesunden. Es sind dies länglich rnuda Flecke», deren größere Ausdehnung in der Fasernchtiing liegt nnd auf denen dort, wo das Holz einen Oelfarbenanstrich besaß, diese» völlig weggebcizt war, so daß die Holzfaser sichtbar � wurde. Die Schwammflecken an den Nagellöchern sind ein sicheres Zeichen, daß eine Unterslichimg des HolzwerkS geboten ist, und ihre BcobächtUiigl ist daher für die wirtschaftliche Untcrhaltting der Gcbändc von großer Wichtigkeit.— Theater. Schillcr-Theater: Macbeth von Shakespeare.— Das Schiller-Theater hat littcrarisch eine Aufgabe zu beiviiltigen, wie sie gleich schwierig keiner andeni Berliner Bühne gestellt ist. Sobald alle Abonnenten des Theaters ein Stück gesehen haben, muß es von? Spielplan weichen, ganz gleich, ov seine Zugkraft erschöpft ist oder nicht. Herrn Brahm sind die Sorgen genommen, wenn er ein oder höchstens zivci Kasieiislückc hat. Das Schillertheater braucht fort!- während neüe Stücke, die ieiiieslvegs teicht zu beschaffen sind. Natürlich laufen züwrilci» minderwertige Sachen mit inucii im allgemeinen aber muß selbst der Neid der Bühne lassen, daß sie ein Repertoire zu schaffen weiß. Wir sahen in dieser Saison bereits„Iphigenie",„Nora", die„Jmigfrau von Orleans � das„Käthchcn von Heilvrpnn",„Antphitrhon". den„Zerbrochene» Krug", den„Richter von Zalmnea" und andres mehr. J» du letzte» Vorstelliuig mm hat die Direktion den„Macbeth" in den Spielplan mifflcuommen. Die Dichtung gehört zu den gctvaltigsten Tragödien Shakespeares. Von dein Auguiblick an, wo sie unter Donner und Blitz mit den Gespenstern der Heide einsetzt, vollzieht sie sich in»nichtigen, grandiosen Scenen. Der ciuleiteude Spuk gicbt gleich' die' Farbe des ganzen Stücks. Es ist eine nachtdnnkle Dichtung, in der all' die Dämonen ihr lichtscheues Wesen treiben, die in der Tiefe hausen und den Menschen in Verbrechen verstricke». Llnf der Höhe seines Lebens, umstrahlt voic Sieg und Ruhm, erwacht in Macbeths Brust der Teufel Ehrgeiz. Ist er so hoch gestiegen, loarum nicht höher? Warum nicht nach der Krone greifen, die ihm so nahe winkt? Macbeth zögert zunächst. Er ist ein Mann und Held, an osicucn Krieg getvöhnt. Die dunllen Pläne aber, die er aus seinem Busen nicht mehr bannen kann, wollen den Mord, den feigen, verbrecherischen Mord. Mit genialer Psychologie hat Shakespeare dem zögernden Man» das ciitschlosiene Weib an die Seite gestellt. Ladv Macbeth ist vom Wirbel bis zur Sohle mit Ehrgeiz gefüllt. Der Mord, auch in seiner»nhcimlichsteii Gestalt, hat für sie keine Schrecken. Das verbrecherische Weib ist furchtbarer als selbst der entartetste Man». Den offenen Kampf hat sie nie gekannt, weil sie zu schwach lvar, ihn zn führen»nd so sind ihr Gift und Dolch und die Schleichwege der Niedertracht vxrtraiste Mittel, ihr Ziel zn erreichen. Macbeth mordet unter dem Einfliis; seines Weibes und die erste Mordnacht zieht mit furchtbarer Logik andre nach sich. Die Krone, die durch ein Verbrechen ertvorben wurde, mich auch diirib Verbrechen erhalten lvcrden, und so watet der gekrönte Mörder immer tiefer in Blut und Schmach hinein. Anfangs wird er noch durch böse Gc- sichier erschreckt. Grog aber ivic er ist, geht er schlichlich inS Extrem und wächst zn einen, blutigen Tyrannen empor, der selbst über den Tod seines WeibeS ingrimmig hinweglacht. Seine Verbrechen sind nun so riesenhaft gewachsen, dcch sie" nicht mehr wachsen können, und so schlägt sein' Schicksal in die tragische Vernichtung»NN. Die Anffnhning im Schiller-Theatcr lvar— alles in Betracht gezogen, tvaS in Betracht gezogen werden mich— würdig und gut. Daß P a t c g g dein Macbeth manches schuldig blieb, »vcch' niemand besser' als er selbst. Er ist ein tüchtiger und vor allen, ein natürlicher Schauspieler, der die� wirklichen Miticl seiner Kirnst zn gnt kennt, um durch kante Aeicherlich- keiten wirken zu wollen. Auch wo seine Kraft nicht ausreichte, verfiel er nicht blendenden Mätzchen. Er blieb inmier ein Mensch, wenn auch nicht innner der große Mensch, den Shakespeare gezeichnet hat. Rosa B e r t e» s, die an Stelle der leider erkrankten Frau Wiccke die Lady spielte, ist in, Grunde zu inodeni für Shakespeare-? uioim- mentale Kltiist. Im übrigen hat sie manches für die Nolle nnd brachte cinzeliie Momente ergreifend heraus. Daß sie immer und überall eine intelligente, leidenschaftliche Schauspielerin lvar, versteht sich von selbst. In, übrige» wären Bach, Z o l l i n, Thurner, W e h l a u und Grete Meyer zn nennen. Die Iusceniernng lvar vorzüglich.— hl. L. Musik. ES ist eine Freude, eine voniehine künpkerifche Natur in ihren Bethätiglingcn zu verfolgen, auch wenn man ihr sonst nicht eben viel zubilligen lann. Als eine solche Ratnr ist»ms Felix Wein- g a rtn er längst bekannt und als solche hat er sich auch in seinem irerilichen Kompofitionskonzert wieder bewährt, in den, Liederabend, den er mit Marie Schober- Gnthcil am vergangenen Mittwoch ver- anstaltete. Die vorgetragenen Lieder, an Zahl ein Viertel Hundert, von op. 15 bis op."28 reichend, zeigen schon dnrck' die Wahl der Texte, daß sie sich nicht an moderne, u Sturm nnd Drang beteiligen ivollen. Bevorzugt sind»amentlich Julius Sturm lind Gottfried .Keller. Der Komponist stellt sich nicht das Problein, in ihre tiefsten Tiefen zn dringen, und ebenso wenig sie in einen motivischen Neichtum aufgehen zn lassen i allein er sucht, sie nnS musikalisch vertraut zn machen, charakterisiert sie recht gnt. doch immer mit der Eleganz deS Weltiiiaiiiis. nnd hält darauf, sie von irgend einer cinfachcil, schlichten Seite aus zu betrachten, so daß selbst so individuelle Kunst- Produkte wie HcyseS„Dulde, gedulde Dich fein!" in der als Volks- liedmäßig bekannten gut bürgerlichen Weife wiedergegeben iverden. Dies gilt namentlich von der Begleitimg: sie ist meistens fast gezwungen einfach und primitiv, off sozusagen vor- mär'zlich; sie bewegt sich gern in einer gUnchmäßigen Stetigkeit, wie etwa bei LenanS„Mick in den Strom"; sie erreicht ober mit ihren sparsamen Mittel», zn denen freilich hie nnd da auch köstliche Dissonanzen gehören, oft recht viel. Manches Schalkhafte, wie Sturms„Motten", gelingt ebenso und mit nicht viel andrer Dar- stellnilgstveise als Tragisches. Eine besondre Vorliebe führt den Komponiste» zu dein, was Ausdruck zarten Dustes, andeiltender süßer Erinnerungc» u. dgl. ist; zwei Lieder von Uhland nnd Lenau, beide betitelt„Sommersöden", sind dafür besonders beachtenswert. Und dazu paßt nnu auch seine Sängerin trefflich. Ihre schwache, dünne, hauchartige, im ruhige und eben in dieser Unruhe gemütreich« Stinmie, die gut gebildet, doch in der Höhe scharf und alles in allem mehr innerlich als sinnlich ist. prägt die Weiugartner'schen Phaiitasieformeil Iren aus und hilft im Verein mit den, uichrerwähntcii eleganten Zug des Koinponisten, den dieser auch als Klavierspieler bethätigt, daß wir über das mancherlei Süßliche nnd Triviale in seinen Kompositionen mit verbindlichein Wohlgefallen hinweghören. Als Dirigent hat W e i n g a r t n e r auch in dem freitägigen 8. Sinfouiekonzert, beziehungsweise in dessen Probe. sein längst bekanntes nnd kritisiertes Können wiedenim be- währt. Besonders dankbar müssen wir ihn, hier sein für die abermalige Vorführung von Berlioz'(18. März 1869) P H a» t a st i s ch c r Sin s o» i c(„Episode aus dein Leben eines Künstlers"). Sie war— im Jahr 1830— das erste Hauptwerk des Komponisten nnd wirkte damals in ähnlicher Weise die Gemüter erhitzend, ivic es heute die ungefähr ähnlichen Schüpsiingen von Richard Strauß thun. Was elf Jahre später in Deutschland Robert Schnniann durch seine O- inoU- Sinfonie that, daß er nämlich die cinzelncn Sätze eines cyllische» Werks enger aneinander schloß, als es bis dahin üblich lvar, daS that Vcrl'ioz dort bereits durch ein von Anfang bis Ende durchgehendes„Leit- motiv". Im beigegebenen Progrminn steht dafür die Bezeichnung „icköa fixe"; diesen Ausdruck deutsch durch„fixe Idee" wieder- zugeben, ivie es hier auf den, Konzertzeitel geschah, ist ein plmnpcr Schnitzer. Eingeleitet wurde das Konzert durch cinc halbe Novität des »nverineidlichen Dvorschat:„HnsitSka", eine dramatische Oiwertlire. Ein schwermütiges Motiv wird zuerst von den Holz- bläsern gebracht, dann von den Geigen aufgenommen, später in ge- wichtiger Form vom vollen Orchester vorgeführt; die dramatische Erregtheit wächst und führt uns zu Bilder» eines gewaltigen Kämpsens,»»terbrochen von idyllischen Ausblicken und schließlich den Sieg verkündend. Bei der Jnstrninciiticrinig fällt die Benützung zweier Harfen a»f, die aber nicht gerade besonders feinsinnig bc- handelt sind. J», ganzen handelt es sich n», eine aeschickt gemachte und interessante Konzert-Onvcrinre, von typischer Brauchbarkeit zur Ergänz,»ig eines landläufigen KoiizctlprogrammS.— sz. Hnmoristisches. — I n, Z o r n.(Beim Svnneiiimtergang.)„Battcr, wo acht denn d' Sonn' setz' hin?" „Abi geht j', duuuna Bna I"--- „Vnttcr, Ivo kommt denn der Mond her?" „'ranf kommt er, dnnnna Bna!"--- „Vatter, warnin schaut denn der Mond hc»t' wia a' Hörndl onS!" .Werd' icho' so sein müsseii!"--- „Vatter, warum sieht nia' denn d' Stern' net bei Tag?" „Dces geht Di' nix an, dnimua Bna!"--- „Vatter..." „Donnerwetter, setz' laß mcr ainal a' Ruh' mit Dci'm saudnmma„Vatter"!"— — Gekränkter Vater st olz. Lehrer(der den Toast auf daS junge Paar ansbringt):.....„Nur Liebe war's, die En're Herzen rührte, n n r Liebe war's, die Euch ziisainttien führte, ii n r Liebe iv a r' s--"— Brautvater(gekränkt):„Na crkanbeii Sie, Sie glauben Wohl, ich hätt' meiner Tochter gar nichts mitgegeben?!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Henrik Ibsens neues Stück„Wenn Wir Toten erwache u" geht im Deutschen Theater an» Sonnabend, den 17. März, zum erstenmal i» Berlin in Seene.— — Richard Alexander bleibt mm doch wieder am R e s i d e n z-Theater und zahlt dem Direktor deS Lesfing-TheaterS, für daS er verpflichtet war, 21000 Marl K o n v e n t i o n a l- strafe.— — AohaiineS Schlafs„Meister Oelze" soll noch Ende dieses Monats am Magdedurger Stadtthcater seine Erst- auffnhrnng erleben.— — Eine Reihe von V o l k s v o r st c l lu n g c n seines „Theaters der Modernen" veranstaltet E>nil Mcßthaler in Leipzig.— — August Silber st ein. der Verfasser der„Trutz- Nachtigall" nnd der. D o r f s ch w a l b e n aus O e st r e i ch ist in Wie Ii im Alter von 73 Jahren gestorben.— — Der diesjährige deutsche I o u r n a l i st e n- und Schrift» steklcrtag findet zugleich mit der Hauptversanimliiiig der Pensions- austalt deutscher Jonrnalisten und Schriftsteller und der Gcneralver« sanimlmig des deutschen Schriftstcllerverbandes an» 21. Jnni in Mainz' statt.— c. S»l d e r in a n ii Im Französischen. Bei Lalmann« Lvvy in Paris sind soeben sechs Novellen von Sudernmiin in der Ucbersetzinig von Rönion und Balenti» erschienen, darunter„Jolanthcs Hochzeit".— — Bei einer Versteigerung moderner französischer Gemälde, die soeben in Paris stattgeftiuden hat. wurde eine Landschaft.Ucberschweniiuuiig" von S i s he y für 43000 F r, ver- kauft. Dieses Bild ist im Jahre 1876 gemalt und brachte dein Künstler damals vierzig F r a n k s I Sislcy ist im vorigen Jahre in dürftigen Verhältnissen gestorben.— — Für das Rennpferd F l y i n g Fox wurde» bei einer Versteigerung in London 75 200 M. gezählt.— — Eine V a n d e r b i l t hat sich ein Zobelcape machen lassen, das h u u d e r t u n d f ü n f z i g t a u s e n d Mark kostet.— Verain ivonliqer Revacrenr: Paul Joh» in Berlin. Druck unv Beriaz von Max Bading in Berlin.