Mnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 51. Mittwoch, den 14. März. 19t'0 �(SindiSriKf DcrDofeii.) Aukev dem Schutze des Gesetzes« 11] Bon Maria ivf o ir o p n i ck a. Die schivuMvolle Rede des Herrn Rai verhallte nicht i wirkungslos/ Dieses, einfache niedrige Mädchen fichtte' sich ! unter der Wucht seiner Worte zerknirscht, wie»venu alles. ivaS der Gnädige sagte. � nicht der reinste Hohn ans ihre wirk licheu Erlebnisse gewesen wäre. Ihr Herz erfüllte sich mit bitterer Neue, als hätte sie wirklich miS freien Stücken den Weg des Bösen gewählt. Doch dieser Zauberbann hielt' nur so lange vor, als die töirendc und mit einer gewissen sanften Festigkeit vorgetragene Rede.deS Herrn Rat dauerte. Kaum waren die erhabenen Worte zu Ende, als Hanta wie auS einer Berivirruug erwachte. Die Erinnerung an die erlittene Schmach und Unbill trieb ihr eine purpurrote Blutwelle ins Gesicht. „Und ich entfliehe doch!" dachte sie sich.„Wenn der mich dort..." Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende. Die Blutlvclle stieg bis zn ihBn braunen Schläfen empor. Sie erhob die Augen und auf das vor dem Herrn Rat stehende Kruzifix blickend, that sie in der Seele einen Schwur... Der Abgang einer. Partie Verbannter versammelt immer eine Schar Neugieriger vor den Mauern des Gefängnisses, dessen Geheimnisse sonst nur selten ein fremdes Auge durchdringt. Auch seht stand auf dem gegenüberliegenden Trottoir ein Hache Gaffer: Weiber. Kinder, halberwachsene Knaben, Männer, die inzwischen die, ach den zum Gefängnisthor hinanfiihrenden Stiegen sich drängenden Frauen beobachteten. Das waren Mütter. Gattinnen oder Schwestern derer, die jetzt ab marschieren sollten. Fast alle waren am Morgen zur Sprech stunde in einen au die Kanzlei grenzenden Saal gekommen. wo sich eine Art von vergittertem Käfig befand, in den von der einen Seite die Sträflinge, von der andern die Besucher hineingelassen lvnrden. Doch heute entferutcsich niemand nach der Sprechstunde. Man wartete im Gedränge, bis die Partie aufbrechen würde. Ans der Schar der Harrenden vernahm man zuweilen ein Wort, noch häufiger hörte man einen schweren Seufzer. Die Blicke waren unruhig und trüb. Endlich that sich das Thor auf und der Wächter lies;, lmit zählend, die Sträflinge vorbeimarschieren. Air der Spitze gingen die Männer. Es waren zumeist kleingewachsene, ve r kümmerte, herabgekonnnene Gestalte», mit gebücktem Rückgrat, die Knie nach vorne gekrümmt und zitternd, die Gesichter gelblich und aufgedunsen! andre waren fahl, wie von Rauch überlaufen, die Blicke schweiften unsicher herum oder stierten blöde vor sich hin. Alle hatten rasierte Köpfe. Kanin einer unter ihnen war höher gewachsen. Die wartende» Frauen verließen stöhnend und schluchzend die Stiege. In der Gruppe der Männer wischte sich auch so mancher die Augen mit dem Aermel. Der Wächter drängte, man fing an Abschied zu nehmen. Die rasierten Köpfe neigten sich zn den ausgetrockneten Händen der alten Frauen oder zu den Gesichtern der Kinder herab, die die Mütter hierher mit- gebracht hatten. Doch die Kinder Ivaudten sich erschreckt ab. Sic hatten diese ihre Väter schon gänzlich vergessen und hatten Furcht vor ihnen. Nach den Männern folgten die weiblichen Sträflinge. Zumeist junge Mädchen, ganz verwelkt, mit dein Gepräge moralischer Verkommenheit ans der Stirn..Kanin lvnrden sie sichtbar, als sich von der gegenüber liegeuden Seite Lachen und scherzende Bemerkungeil hören ließen. Manche von den Mädchen erwiderten diese Herausforderungen ebenfalls mit Lachen lilid Scherz. Unter den Arrestantinnen waren aber auch ältere Frau«». An diesen drängte' sich in Häuflein oder einzelne Kinder verschiedenen Alters, meist zerlumpt, andre gber auch ziemlich sailber gekleidet. Bald trat auch der Wächter heraus, der die Partie begleiten sollte, und fing an, die Sträflinge in Reih nud Glied zn ordnen. Sie marschierten zu je drei. Fast alle waren elend gekleidet, nur zwei von den Männern hatten Pelze. Die Tücher und Jacken der Weiber durchdrang der frostige Wind. So mauchcr blickte sich nach alle» Seiten um, andre machten das Zeichen des Kreuzes; es waren auch einige, die ein.. Lzxdchxn an- ____ ji_____ j stimmten. Am lutzigsten waren, die, die niemand begleitete, denen.nieiiiand nachschaute. Einige lüfteten> die Mützen und' rieseil diesen Manem, die sie ansgespien hatten, „auf. Wigderscchcn"..zn. Die Truppe setzte sich in Bewegung.— Au demselben Tage war der Herr Rat' zn einein Diner. geladen-, bei' Tische cutschuldigte er-sich- vor stüner-Nachbärin. einer bezaubernd, schönen jungen Frau,, wegen des Mangelsau Humor, der seine Unterhaltung diesmal minder anregend als sonst erscheinen lies;. Er habe heut Morgen eine Partie Sträflinge in die Verbannung expediert, „Was ist das eigentlich— Verbannung?" fragte die be- zaubernd schöne Frau. -„Berbairnung, gnädige Frau?... Aber das ist ja da?. einfachste Ding von. der We.lt. Die Perbaiimmg beruht darauf, daß die Verbrecher, nach Abbüßung ihrer Strafe eine Zeitlang, ein, zwei oder drei Jahre, je nach der Bestimmung deS Dekretes, sich nicht näher als vierzig Werst von Warschau aufhalten dürfen. In diesen Umkreis giebt e? einige Punkte. wolnn die Sträflinge transportiert iverden. in GrnPPen von zwanzig oder mehr, je nachdem.'' „DaS ist interessant..." „Sehr interessant. Neberhaupt ist unser Strafprozeß sehr interessant i Haben Sie nnsenl Strafkodex»icinals gelesen. gnädige Frau „Niemals. Wie käme ich dazu?"-• 1 ..Natürlich, Das kann ich mir ja vorstellen." Ein junges Mädchen. das neben der bezaubernd schönen Dame saß. schien mit Interesse der. Unterhaltung zu lauschen. „Giebt es dort irgend welchen Schutz für diese'Sträfliuge?"„ fragte sie. Der Herr Rat neigte sich nnt großer Höflichkeit zu dex Sprecherin hinüber. „Wo meinen Sie, gnädiges Fräulein?" „Dort, ivohin Sie verbannt sind?" „Aber natürlich. Sw müssen sich beim Ortsmagistrat melde». Sie bekommen rote Pässe und.. i" „Rote Pässe?" staunte die Bezaubernde.„Das ist drollig. Ich habe noch niemals einen roten Paß gesehen." „Und sie stehen unter der Aufsicht der Polizei," ergänzte der Rat.- „Aber nicht das meine ich. verehrter Herr." tvandie das Mädchen ein.„Ich tvolltc Ivissen, ob ihnen dort jemand eine Beschäftigung giebt. ivobon sie sich redlich ernähren könnten... na, und auch eine gewisse moralische Unter- stiitzung, damit ihnen die Rückkehr in die bürgerliche Gesell- schaft erleichtert»verde." „Sehen Sie. etwas Svecielles in diefein- Sinne giebt cS eigentlich nicht. Man läßt ste los. und tverwill. sucht Arbeit." „Aber dort»veitz mau doch, daß das abgestrafte Diebe sind." „Natürlich. Man führt sie ja durch die ganze Stadt. Und dann,»venu einer seinen roten Paß vorzeigt,»veiß man ja ohnehin,»vas man von«hin zn halten hat." „Dann giebt ihnen tvohl niemand eine Beschäftigung." „Im Gegenteil. Im Sommer finden sie zun« Teil Be- schäftigung in der Landtvirtschaft." „Zum Teil... Und im Winter?" „Ja!" rief der Rat. die Arme auseinander breitend,„es kommt vor, daß auch im Winter sich Arbeit für sie findet." „Wovon leben sie denn eigentlich,»venu sie keine fest« Beschäftigung haben?" „Vom Diebstahl, gnädiges Fräulein. Das ist ein«rn- verbcsscrlicheS Pack. Es bilden sich in der Umgegend ganze Diebsbanden." '„Wölch- eine schreckliche Demoralisation!" bemerkte die Bezaubernde. „Andre aber," fuhr der Herr Rai fort...entfliehen»nieder' nach Warschau,»vo mancher eine Familie, eine Werk- stätte oder sonst Beziehungen hat.".. „Erlaubt man ihnen zu bleiben?" „Aber, wo. beuten Sie hin? Was»väre das denn für eine Ordnung?" „WaS geschieht denn mit ihnen?" fragte daS Mädchen. „Sie halten sich in verschiedenen Diebshöhlen versteckt, bis»»au sie wieder faßt."' „Und dann?" „Sie bekommen zwei Wochen Arrest, bann werden sie wieder expediert." „Das ist schauderhaft," flüsterte das Mädchen. „Glauben Sie etwa, daß der Dieb sich dadurch bessert?" sagte der Herr Rat.„Keine Spur l Kaum wendet sich der Wächter ab, ist er wieder durchgebrannt." „Und wenn man ihn wieder fängt?" „So wandert er auf zwei Monat in den Kerker und dann geht er wieder in die Verbannung." „Und so bis in Unendliche? Das ist aber drollig l" lachte die Bezaubernde. Das Mädchen blickte den Rat ent- setzt an. „Und so fort, bis ins Unendliche?" fragte sie. „Ach nein!" erwiderte munter der Herr Rat.„Einen solchen Vogel..." Er kam nicht zu Ende, denn der Hausherr stand auf und erhob den vollen Becher: „Auf das Wohl und Gedeihen der Damen!" rief er mit lauter Stimme. Die Bezaubernde lächelte, der Herr Rat erhob sich, eine allgemeine Bewegung entstand und die Unterhaltung wurde unterbrochen.-- Unterdessen schritt die Schar der Arrestanten rasch ihren Weg, denn es herrschte eine strenge Kälte und der Wind pfiff über das Feld, kleine trockne Schneepflocken aufwirbelnd. Hanka und Manka Czerkas gingen zusammen. Beide zitterten und waren blau vor Kälte; die Kleider der beiden zusammen hätten kaum hingereicht, die eine vor der Külte zu schützen. „Hanka, Schwesterchen," flüsterte Manka,„ich halt's nicht aus. Bei Gott, ich halt's nicht länger aus. Ich mach' mich aus dem Staube... Willst Du mit?" „Ich will nicht mit,"' antwortete Hanka finster.«Hast Du denn gar keine Scham, daß Du wieder in dieses Sodom zurückwillst?" Manka wurde rot und zuckte die mageren Schultern. „Was für ein Sodom? Wohin will ich zurück? So wahr ich lebe, ich Hab gar nicht die Bamblowa gemeint. Was ist mir die Bamblowa? Eine Mutter, oder was?" Sie gingen eine Weile schweigend neben einander her. Manka hob wieder an zu flüstern. „Siehst Du, am Rathaus Hab' ich nämlich Eine kennen gelernt, die mehr als ein halbes Jahr ohne Meldung ganz unbehelligt blieb...." Hankas Augen blitzten auf. „Wo wohnte die denn?" «Bei einer Frau, die heißt Pajcnczakowa, wohnt auf der Zakorczymskagasse, gerade gegenüber der Kaserne. Scheint eine Witwe zu sein, was weiß ich, aber eine sehr ordentliche Frau. Treibt Handel, hat einen Laden und eine Stube voll fremder Kinder, denn eigne hat sie nämlich nicht." „Und bei der wohnte sie?" „Jawohl. Mehr als ein halbes Jahr wohnte sie bei ihr. Dort war gar kein Sodom... nur schickte sie die Alte auf Arbeit..." Es dämmerte. Der Wächter trieb zur Eile, sie hatten noch eine halbe Meile Wegs bis zu dem Dorfe, in dessen Ge- mcindekanzlei ein andrer die Führung der Partie übernehmen sollte. Daher hatte es der Wächter eilig. Das Schneegestöber war vorüber, der Wind hatte sich gelegt, einige Sternchen blitzten am Himmel hervor. Von den Bauernhöfen ließ sich Hundegebell ver- nehmen, in der Ferne ertönte Paukenschall und das Piepsen einer Dorfgeige. Beim Schulzen war gestern Taufmahl gewesen, und heute fand im Wirtshaus die Nachfeier statt. Einige von den Arrestanten fingen an, Liebchen vor sich hinzupfeifen und alle beschleunigten ihre Schritte. „Sing, sing," brummte einer.„Morgen wirst Du ge- mütlich im Kerker brummen." „Was für ein Kerker? Warunr Hab' ich in den Kerker zu kommen? Was fällt Dir nur ein?" „Na, Du vielleicht nicht. Du bist ein Neuling. Aber die andern, die Steppenpfcrde, die Durchbrenner, die man schon zum zweitcnmalc treibt, diese spazieren zunächst ins Loch." „Natürlich," bemerkte ein andrer.„Zum Beispiel Joseph Werda, Sobiecha, oder die Hanka Blacharown..." Hanka blieb stehen, als hätte sie jemand am Arm gezcrrt. Ins Loch? Sie ins Loch? Dorthin, wo?... „Marsch l" schrie sie der Wächter an. Sie senkte den Kopf und fing an rasch zu gehen. Bald erreichten sie die ersten Hütten des Dorfes, aus den Gehöften kamen die Hunde mit wütendem Gebell herbei- gestürzt, die Pauke ertönte immer lauter. Hanka sah sich nach allen Seiten unruhig um, ihre Augen suchten die Manka Czerkas. Aber diese schritt weit voran und man konnte nur ihr ausgelassenes Lachen vernehmen. Alle marschierten hurtigen Schrittes, die einen trieb die Kälte, die andern be- schwingten die Töne der unermüdlich musicierenden Kapelle. Sie waren schon nicht weit von der Gemeindekanzlei, als sie mit einer Gruppe von Bäuerinnen zusammentrafen, die unter lustigen Reden, Lachen und Singen vom Wirtshaus kamen. „Gelobt sei Jesus Christus!" grüßte die erste. Die Nachbarin zupfte sie am Aermel. „Aber, das sind ja Diebe, Gevatterin!" „Wenn schon, immerhin keine Juden..." Der Wächter wandte sich an die Bäuerinnen. „Wo sitzt der Schulze?" „Wo der Schulze sitzt?" antwortete eine aus der Gruppe munter.„Natürlich im Wirtshaus." „Und der Gemeindewächter?" „Auch im Wirtshaus. Die ganze Kanzlei sitzt heut' im Wirtshaus." Die Weiber lachten. Der Wächter schüttelte mißmutig den Kopf. „Thu doch mal einen Sprung nach dem Wirtshaus und sag' dem Schulzen, er möchte gleich herkommen," rief eine Bäuerin zu ihrem Knaben, der sich an ihre Schürze klammerte und den Wächter anglotzte, indem sie ihm einen derben Stoß in den Nacken versetzte. (Fortsetzung folgt.)« Hetzse. „Im Grunde der Seele bin ich doch immer der alte Aristokrat, den nur das uoblosss oblige(Adel verpflichtet) aus feiner Ab- geschlosieuheit herauszulocken vermag. Ein Band der Neigung fesselt mich au wenige, und ob nicht auch das zerreißt, wenn es wirklich dahin kommen sollte, daß ich mein Zelt abbreche und meinen Stab weitersctze?" So schildert der Held des Hcyscschen Romans„Kinder der Welt" sein Verhältnis zu den Bürger» der flcinen Stadt, in der er nach mancherlei Schicksalen eine» Wirkungskreis gefunden hat. Die Worte paffen in eminentein Maße auf den Dichter selber. Paul Heyse, am 15. März 183(1 in Berlin als Sohn des Sprachforschers K. L. W. Heyse geboren, ist schon seit 1853 in München ansässig. Er, der alle Eindrücke des Berliner geistigen Lebens der vierziger Jahre, frühreif wie er war, in sich aufgenommen hatte, wurde 1853 auf Geibels Veranlassung von» König Maximilian II. nach München berufen. Wie die meisten andern Vertreter des Münchner Dichterkreiscs, den der Wille eines Königs versammelte, war er ein Fremder in München, wie Geibel, der für das Haupt des Kreises galt, wie Bodenstedt, wie Grosse, wie der Graf Schock. Keiner von ihnen war mit dem Volksleben der bayrischen Hauptstadt verwachsen, so wohl ihnen das läßliche Leben an der Isar gefallen mochte. Was sie an München fesselte, war nicht der Einklang mit dem Münchener Leben und Treiben; sie fanden eben hier einen Bode», auf den» sie, im Schutze fürstlicher G»mst, an» leichtesten ein Leben in ihren» Sinne führen koni»ten. In Heyses Künstlerroman„Im Paradiese" kommt ein junger Norddeutscher nach München,»m, nachden» er mit alten Verhältnissen gebrochen hat, nichts zu sein, als was ihm da? Höchste ist: ein freier Mensch, und nichts zu werden, als was auch seine heimliche Sehn- sucht gewesen ist: ein K n n st l e r. Ein freier Mensch, d. h. ein Aristokrat, der, in günstigsten ökonomischen Verhältnissen lebend, sein Leben gestalten kaini, wie er es will. Es ist Heyse selbst leicht geworden, die Freiheit sich zu erwerben, die er sich wünschte; sie fiel ihm sozusagen in den Schoß. Er hatte keine schweren Kämpfe durchzumachen, um sich eine gesicherte Existenz zu eriverben. Seine geistige Entwicklung wurde nicht durch ökonomische Misere gehindert. Es ist dementsprechend auch verhältnismäßig wenig in seinen Novelle» und Romanen die Rede von dem drtickenden Einfluß armseliger Verhältnisse. Wie leicht wird es doch, dein Privatdocentcn in dem Berliner Roman„Kinder der Welt", sich unter schwierigsten Verhältnissen durchz»isetzen; es ist, als ob die Armut seine Entwicklung kalim beeinflußte. Ebenso in dem Münchener Roman„Im Paradiese". Von den Künstlern, die dort vorgeführt werden, ist, mit einer einzigen Ausnahme, keiner ein Krösus. Aber mag der geniale Bildhauer genötigt sei»», um seinen Lebens- unterhalt zu verdienen. Heilige zu fabrizieren: er nimnit keinen Schaden an seiner Seele,»md es inacht nicht den Eindruck, als ob ihn die Heiligenfabrikation übermäßig schwer bednickt. Die Heyscschen Helden haben es alle, ivie der Dichter selber, leicht, frei zu werden, wenn ökonomische Verhältniffe sie überhailpt hindern. Sie sind alle mehr oder weniger geborene Aristokraten, selbst tvenn sie aus dem niederen Volke stammen, und sie bewegen sich mit unglaublicher Freiheit in ihrer Welt. Darum hat es mit dem Frciheitsprediger Heyse eine eigentümliche Bewandtnis. Er ist stets für Geistesfreiheit, für Gedanken- und Lehrfrciheit eingetreten, und »venu er jetzt Ehrenpräsident eines Goethebundes geworden ist, den Künstler und Schriftsteller gebildet habe», nm das Kmistleben gegen Angriffe zn schützen, wie sie die lex Heinde in sich ichliefet, so ist das nur recht niid billig. Aber er ist stets ein hocharistokratischer Freiheits- apostel gewesen, der sich von den Regungen der Volksinasse fernhält. Er bekennt seinen Atheismus in den.Kindern der Welt", dem Roman, aus dem man neben dem Münchener Roma»„Im Paradiese" den Menschen Heyse am besten kennen lernen kann; aber die Personen des 1872 geschriebenen Romans sind samt und sonders Ausnahme- nienschen. Er predigt das Recht der LiebcSleidenschaft und kann als Apostel der freien Liebe auftreten i aber es sind Ansnahmemenschcn, die den freien Bund bei ihm schliefeen, Menschen, die gleichsam ein Leben für sich führen, unabhängig von den Verhältnisse» des Landes, in denen sie die Laune des Dichters leben läfet. Vor kurzem hat der Freund Heyses, der gleichfalls dem Münchner Dichterkreis angchörige Hermann von Lingg, eine umfangreiche Selbst- biographie veröffentlicht. Es ist geradezu erschreckend zn scheu, wie wenig dieser feinsinnige Lyriker mit seiner Zeit gelebt, wie wenig er die Ereignisse, die das Schicksal Deutschlands in den letzten Jahr- zehnten bestimmten, innerlich verarbeitet hat. Es ist, als ob alle politischen Ereignisse an ihm spurlos vorübergegangen wären. Auch in Heyses Dichtungen ist wenig von solchen Einflüssen zn spüren. Am bezeichnendsten für ihn ist seine artistische Begeisterung für die Ansnahmcnatur Bismarcks. Schon 18S9 hat Robert Prutz dem Dichter„eine ernste und ausdauernde Begeisterung für die grofecn Schicksale der Menschheit, Vertrauen i» die Geschichte und ihre Entlvickelungen" abgesprochen. Und der Verehrer Bismarcks konnte in seinem Münchener Künstlerroman die Einwirkungen der Ereignisse des Jahres 1570 auf seine Künstler so schildern, dafe man den Ein- druck gewinnt, als hätte er trotz aller patriotischen Gesinnung die Störung des„paradiesischen Zustandcs eines vom Weltlärm ab- gekehrten Künstlerlebens, wo der schöne Schein das höchste Ziel alles Strebeus ist und das ollein ein Recht zum Dasein bat,.was sich nie und nirgend hat begeben'", in ziemlich hohem Grade als lästig empfnudcn. Es kommt da, wenn man so will, das speeisisch K ü n st- I e r i s ch e im Wesen Heyses zum Vorschein. Das Künsilcrtum der Münchener Poeten ist von eigner Art. Sie waren sich ihrcS Künstlertunis allzeit im höchsten Mafee bcwufet. Sie fühlten sich als Künstler im Gegensatz zum Philister ähnlich stark loie die Romantiker; und bei ihnen kam, wie Adolf Bartels ausgeführt hat, hinzu, dafe sie in München als Norddeutsche, von einem König berufen, von der einheimischen Bevölkerung nicht übermäfeig herzlich anfgenomnien, sich als Fremde fühlen mufetcn, die sich nun dem Philister um so ablvcisendcr gegenüber stellten. Sie fühlten sich aber andrerseits als Künstler gegenüber den Tendenzschriftstcllern des Jungen Deutsch- lands. Dieser Tendenzpocsie gegenüber kamen sie fick vor als die Hüter der reinen und wahren Poesie und verfielen ihrerseits in über- triebencn Kultus der Forin. In ihrem Gegensatz zn den Jung- deutschen, in ihrem Protest gegen die Tendcnzpoesie lag zunächst ihre literarhistorische Bedeutung. Wenn sie aber, die eö ivahrhaftig mit ihrem Künstlerbcrns ernst nahmen, zwar einen vorübergehenden starken, aber keinen dauernden Einstufe ausgeübt haben, so lag das an ihrer übertriebenen Hervor- kchrung der formalen Seite, die sie der Gestaltung dcS sie um- flutcnden Lebens entfremdete. Sie hüteten den Geschmack des klassischen Zeitalters und pflcgien die klassischen Traditionen. Für den Inhalt einer neuen Zeit eine neue Form zn finde», war nicht ihr Bestreben. So waren sie. wie W. Wcigand es formuliert, die gebornen Epigonen, und es ist ganz verstand- lich, dafe, als das jüngste Deutschland sich in den acht- ziger Jahren regte, gegen den Hauptrepräsentantcn des Münchner Kreises, gegen Paul Heyse. die heftigsten Angriffe gerichtet wurden. Denn die, die neue Formen für neuen Inhalt suchten, mnfeteu den allbeliebten Epigonen als Todfeind ihrer Bc- strebungen betrachten. Heyse hat sich dann in polemischen Romanen gegen diese Angriffe gerächt; seine Polemik ist aber so schwächlich ausgefallen, dafe sogar seinen Freunden die Freude daran verging. In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis der litterarischcn Jugend zu dem Häuptling einer vergangenen Litteratenperiode doch geändert. In demselben Mafee wie die Jungen über den Sturm und Drang hinauskamen und an ruhiges Schaffen gingen, in demselben Mafee mnfete bei aller bleibenden Verschiedenheit die Betonung des formalen Elements und der litterarischeu Tradition bei Heyse weniger abstofecn. Nun wurde leidenschaftsloser die Kunst anerkannt, mit der Heyse seine Novellen aufbaut, deren er mehr als hundert veröffentlicht hat, nun erinnerte mau sich auch des Freiinnts. mit den» der Aristokrat Heyse in Sachen der Geistesfreiheit sich gc- äußert hat und verzieh ihm seine zahllosen Dramen. Und es iverden zn seinem siebzigsten Geburtstag auch die Gratulanten ans dem Lager der Jüngsten nicht fehlen. Denn sie ehren alle in ihm den Künstler und den freien Menschen in seiner Art, mag er auch kein vorwärts drängender Künstler sein, der neue Gebiete eröffnet, und niag er nur aus litterarischcr Ueberlicferung heraus schaffen und durch seinen Einstufe die litterarische Wciterentlvicklung zeitweise gehemmt haben.—# Kleines Feuillekon» — Neber die Enttvickcluug der Frauentrachtcn sprach Dr. Stratz in der„Anthropologischen Gesellschaft". Ucbcr den Vor- trag berichtet die„Nat.-Ztg." folgendes: Zwei Principien sind bei der Kleidung zu scheiden: das tropische und das arktische Princip. In den Tropen stellt die Kleidung nur einen auf dem Körper aus- gebreiteten Schmuck dar, in der Form der Verzierung als Be- malung, Narbe und als Tätowierung entwickelt; erst später tritt der bewegliche ZieratZ als Hüften und Gürtelschmuck auf. Wie alt her Hüftenschninck und das kunstvoll geordnete und geschmückte Haupthaar bei den afrikanischen Frauen sind. beweist eine altägyptische Tbonfignr, deren Alter auf 5000 Jahre zn schätzen ist, und die diesen Schmuck trägt. Der Rock mit dem Gürtel. in der Mitte des Körpers befestigt, stellt den Typus der tropischen Kleidung dar, den wir bei allen afrikanischen Stämmen aus Pflanzenstoffeu hergestellt antreffen, auch der Stirnschmuck mit pflanzlichen Stoffen kommt hinzu. Je mehr die Kleidung zweck- mäßig eingerichtet wird, desto mehr geht die Tätowierung zurück, Mctallschninck tritt hinzu, und niau bestrebt sich, die Formen des oberen Körpers frei zn lassen und nur den unteren Körper mit dem Rocke zn bedecken. Die Art des Kopfputzes ist ein Zeichen der Würde und hat von dem ans Tigerzähne» hergestellten Diadem einer Dajakfürstin auf Borneo bis zu der Krone anS Edelsteinen nur sein Material geändert. Die Znlumädchen verivenden geschenkte Handtücher auch sogleich als Kopfschmuck. Die Natur- Völker verbinden keineswegs das Gefühl der Ilnsittlichkeit mit der Nacktheit. Auf Celebcs sind nur die Kinder der Häuptlinge ein wenig verziert, alle andren jüngeren Geschöpfe sind völlig un- bekleidet. Ans Sumatra kleiden sich die Eingeborenen nur bei Fest- lichkeiten, um ihren Schmuck zu zeigen. In allen tropischen Ländern ist die vermehrte Kleidung stets auf fcnropäischen Einstufe znrückzn- führen. Dem gegenüber steht die Kleidung der im Norden wohnenden Frau. Sie ist enganschliefeeud, besteht zum Schutze gegen daS Klima aus Beinkleid und Jacke mit Aermclu, wie sie die Eskimoweiber tragen. Die Nationalkostüme stellen eine Vermischung beider Typen dar, wie denn auch die Francuklcidung der Kulturvölker aus dem tropischen, die der Männer ans dem arktischen Typus hervor- gegangen ist. Die griechische Kunst weist eine entgegengesetzte Strömung ans, ei» archaischer Stein zeigt das alte phrygische oder Amazoncnkostüm, das Vorbild des altgriechischcn, während später die Vernachlässigung der Kleidung des weiblichen Oberkörpers durch die Mode zur erhöhten gymnastischen Ausbildung des weiblichen Körpers und dessen entwickelter Schönheit geführt hat. Das Nationalkostüm der Hindns ist das tropische, bei den Parsi ge- bietet die Religion das Tragen des Schleiers, persische Frauen tragen auf der Straße dagegen weite Beinkleider. In Kurdistan ist' der Oberkörper der Frauen verhüllt, während europäischer Einstufe in Slam zum llcberschlagen eines Tuches über den Oberkörper geführt hat, daS die rechte Schulter freiläßt. In Nord- china tragen die Frauen Beinkleider, während in Südchina tropisch« Kleidung bei den besseren Klassen vorherrscht. Die Japaner und ihre Frauen cntblöfeen den Oberkörper ebenso wenig wie die Korea- ncrinneu. Die ledernen Beinkleider des mexikanischen National, kostttmS sind wohl aus einer Mischung indianischer und spanischer Einflüsse zu erklären. Dafe„Mode" stets bestanden hat, findet der Vortragende darin bestätigt, dafe gewisse Kostüme sich lauge bei Naturvölkern erhalten haben; nnsre heutige Mode deckt als Ilniform die Entstellung des weiblichen Körpers, die er durch Schuhe und Korset erleidet. DaS Korsett wurde in den Jahren 1100— 1400 nach unserer Zeitrechnung zum Zwecke der Komprimierung der Büste in asketischem Sinne benutzt. Das hygienische und normale Empire- kostiim war, weil an Brust und Annen hängend, nur für leichte Kleidung geeignet. Die moderne Sportkleidung zeigt einen hygie- nifchen Fortschritt.— Theater. Lessiug-Thcater: N o v e I l i als Shylock.— WaS wir beim«Papa Lebonnard" als notwendig bezeichneten, ist nun geschehen: die unbekannten Stücke sind vom Spielplan verschwunden und Novclli tritt in Rollen auf, die wir alle kennen. Er ist ehrlich genug gewesen, auf dem Zettel den eigentlichen Titel des Shnkcspcarcschcn Lustspiels zu streichen und dafür„Shylock" hinzusetzen. Thatsächlich ist vom Lustspiel auch sozusagen nichts übrig geblieben, und was etwa noch da ist, wurde durch die elende Darstellung prompt und zuverlässig vcrnickitct. Wir sind im Punkte Shakespeare etwas empfindlich und leicht ist es uns keineswegs geworden, den Mifehandluugen seiner Dichtung ruhigen Bluts zuzusehen. Schliefe- lich waren wir ja aber gekommen, um Novelli zu sehen und so fanden wir uns denn damit ab, dafe alles übrige unterschlagen wurde. Unser Urteil über den italienischen Schauspieler kann heute bestimmter gefafet werden, als bei seinem ersten Auftreten. Dafe es zugleich scharfer und ablehnender ausfallen muß, bedauern wir selbst am meisten. Nach den zwei ersten Akten konnte man Novelli noch immer für einen natürlichen und echten Schauspieler halten und durfte hoffen, dafe er in der Gerichtsscene die Gröfee zeigen würde, die allein sein Gastspiel in Berlin rechtfertigen könnte. Zwar blitzte am Schluß des zweiten Aktes dasVirtuoseutum bereits hervor, aber doch nicht stärker, als das; man es durch nationale Tradition und Rasse erklären und somit entschuldigen konnte. Zudem wird ein Schauspieler, der einen Abend ganz allein bestreiten soll, leicht zu allerlei Kunststückchen verführt, die etwas ganz Besonderes darstellen sollen. Wir freuten uns also des Guten, was Novelli thatsächlich bot und hofften auf das Bessere, das noch kommen sollte. Das kam nun leider nicht. Vielmehr kam eine Demaskierung, auf die wir ganz und gar nicht vorbereitet waren. Bereits im dritten Akt mißbrauchte der Gast seine Rolle zu einer liivtaöfcü Scene, bi'c a» sich routiniert imd geschickt aiivgesiihrt lumbc, die aber leider mir dem Geiste einer echte» Shtilockdcirstcllung nicht da? mindeste zu ihn» hatte. In der grohen Gerichtvscenc fiel dann die Maske vollends, und ivir sahen Rovelli als einen qewolinlichen Routinier und Mätzchcnmacher, Die Art,>r>ie er sich ans jede? Wort sozusagen schlafen legte, wie er n«S allem ctivas cherausholen trollte, auch>00 gar nichts herauszuholen ivar, fiel entsetzlich ans die Nerven. Eine flüchtige Bemerkung („So sind die Ehristcumänncr usiv."j � die Shhlock veifeitc spricht und die vlitzschitell vorübergehen muß. trug er mit einem klagenden Pathos vor, als Hütte er vpr einer grohe» Trauer- Versammlung eine Grabrede zu halten. Die tvilde Freude mid Blutgier Shylocks blieb er m>s vollständig schuldig. Nichts, von. der dämonische» Grvsic, zu der hier die Gestalt eniporwüchst. ZkichtS von dem hastigen dramatischen Leben der Scene, Nichts als ein endloses Auseinander- zerren der einzelnen Reden, ei» Ilcbcrladcn mit langweiligen Details und zum Schlusi eine Scene, die an komödiantenhafter Aensicrlichkeit das fchlinnuste bot,>vaS uuS feit langem vorgekommen ist. Herr Rovelli mag eS sich selbst zuschreiben, tvcnu mir ihn von jcbt an zu den Virtuosen rechne», die tvir bei unS mit einigein Erfolg a»S- geräuchert haben. Ware ein unabhängiges und gebildetes Publikum im. Theater gewesen, hätte eS ihn nach der GcrichtSscene der- artig ausgezischt, das; ihin die Lust am Eoulissenreiszen— lvcirigstenS in Deutschland— für immer vergangen wäre, Mit einer Kunst dieses Genres mag. Herr Novelli Triinnphe feiern, Ivo er innner will und kann, In' Berlin, wo augenblicklich mehr gute Schauspieler beisammen sind als in irgend einer andern Stadt, lehnen wir ihn mit höflicher Entschiedenheit ab. Den einzigen Trost boten unsre eignen Schauspieler, die zahlreich in den Logen vertreten waren und die wir nie mehr geschätzt haben, als beim Anblick dieses kalten und klügelnden VirtuosentumS.-- E. S. Musik. ES möge einmal der Eiuzelne � sich und andere beim bekannte» untvillkürlichen Vor- sich- hin- Trällern beobachten. Ich glaube, er wird finden, das; die Stimme dabei mit ziemlicher Vetveglich- keit verhältnismäsjig weite Schritte im Tonreich macht, Wenn auch Goethe im„Faust" Margarete beim Auskleiden de»„König von Thüle" singen läht, so Ivird danach, falls nicht a» eine feste Melodie gedacht ist, ein solches weitgreifeudeS Hin- und Herbelvegcn der Stimme am tvahrsckeinlichsten fein. Die wohl bekannteste Komposition jenes Liedes ist die vom alten Zelter; eine eintönige Melodie, nicht weilgreifend, für alle Strophen gleich; im- gefähr ebenso, nur unbestimmter und noch eintöniger ist die, an- scheinend auf den Theatern beliebteste, von Lassen. Lernt man dnuu hinwieder eine Komposition des Liedes kennen, die sich, ohne doch i» die geivöhnliche enge Weise de» Recitativs zu fallen, jene freien iveite» Bewegungen de» ungezwungene» Trällern» zum Vorbild uinnut, so hat man wieder einmal das erlösende Gefühl eines Eni- kommen» ans armseliger Künstlichkeit in reiche Natürlichkeit. Auf solche Art hat B e r l i 0 z in seiner dramatischen Legende„Fan st S Perba in m 11 11 g" lv, 1. 1845) den thulische» König vertont. Wäre pur sollst dieses Werk von einem gleichen Zug de» Natürlichen getragen— die gestrige Aussührnng unter R c i n h 0 l d L. Her- in a 11 n s Direktion, deren Probe wir am Sonntag hörte», würde die Auffrischung des Andenkens an Berlioz noch siegreicher gemacht habe», Allein als Gcsamtlvcrk ist jene Legende eine recht un- natürliche Schöpfung. Der Komponist chat, zu einem kleinen Teil von andrer' Hand nnterstiitzt, aus dein Goctheschen Text eine halb oratorien- halb theakermäsiige Ziisthneidimg gemacht, die trotz mancher selbständigen Scciicnfiihrnng doch von einer bc- dauerilugswürdigcu Aensierlichkeik ist. Damit steht in Zusiimmcii- hang. dasi der Kompomst keineswegs ans seelische Entwickel, maen ausgeht. Vielmehr hat er den Text so gehalten und so benützt, das;' er möglichst viele Gelegenheiten zu allerknnstv ollsten Kom- Positionsproblemen findet; n»d diese imisikaiisch- fachlichen Probleme löst er de»» auch mit einer verblüffende» Meisterschaft, Diese verzwickten Jneinaiiderschlinaiiiigen der Chöre, diese halsbrecherisch shnkopierten Rhythmen, diese„besoffene" Orchesterbegleitnng zu Branders Lied, und ivas derlei Kmiststückc mehr sind: das alles nius; für die nnglückliche Anlage des Ganze» so gut tvie möglich ciitschädigcii. Um so schwerer hatten es die Ausführenden; zudem war das Konzert ein Versuch, die durch Krank- heil, des Unternehmers abgebrochenen„ S u b s c r i p t i 0 n S- K 0 n- z e r t e" notdürftig fortzuführen. Da kann man sich gar vieles noch klarer heransgearbeitet denken und darf nicht mit Vergleichen kommen; aber alle» in allem ging die Sache gut und bei den Solisten(Frau Herzog, Herren Sommer, S t c g e r, Bricger) zumeist vorzüglich. Specifische Kuiiftprodiiktc von Musik ivaren e» auch, die den »enliche» Liederabend de» K 0 tz 0 l t s ch e n Gesangvereins illteressant machten. Erst kamen zwei solche an» deni Ende des ll>, Jahrhmiderts. ein schlichteres deutsche» und ein gekünstelteres italienische»„Madrigal". Dann Modernes: von Mar Reger eine verkürzt texlierle Komposition des„KönigSkinder"- Volksliedes mit Verliox- artigem, aber motivisch gewöhnlicherem Ehvrgcfüge, von dem au? die sonst gerühmte Tüchtigkeit dieses jungen Komponisten ivohl nur nach der konipositisiiStcchiiischen Seite zu erkennen ist, nnd von dem mir noch unbekannten Leopold Carl W 0 l f f ein Lied nach Eicheiidorff»„Die Engel"(»p. 22 Nr, 2), da» zwar 'üiiattimtäiät- ÄeSacrear: Paul John in Berlii die alte BolkSliedniaiüer � nicht verläsit, aber den Eichen- dorffjchen Roma>ilii-Zant>er so lieblich widerspiegelt, das; es, ctn capo gesinigen, einen prächtigen Erfolg ergab. Noch manches andre vervollsländigle diesen ansprechenden Abend; darunrer Solo- vortrüge von Fräulein Willy Arendts, deren dimkle, tveiche, warme Stimme und innerlich ernste AnSdrncköweise zu den aller- erfreulichsten Eindrücken innerhalb unsrer GcsangSflnteii gehört.— st, Kunstgewerbe. — Ein M 0 lin m c n tat lv c r k der B u ch d r ucker f un st ist mit dem Beginn de» ncucli JahrS bei W. Drugniin i» Leipzig in Arbeit gciiönnneii lvordett,' lvelche» dann al» zu Ehren des 500- jährigen GeburtsfesleS vöie Johannes Gutenbcrg bis zum 2i. Füiti" IlKiO vollendet vorliegen soll,' ein JübiläninSwerk unter denk Titel: „Marksteine der WeltwciSheit aller Völker in Origiiialschrifteii". Nach der AnSivahl von Gelehrten und Kennern der Wcltlitteratiir wird das Wert ans der geistigen Schatzkammer ältester und neuerer Völker des Ostens und' de» Westens an» den Grundbücher» der Religionen und den Gedankenkreisen der führenden Weisen, hervorragende Ab- schnitte, Kernstelleii der Weltlitterntur, in der Originalsprache und i» der Originalschrift dieser Völker vorführen. Ans dem Bereiche der Hieroglyphen und der.Keilschrift, des Sanskrit nnd des Zcnd. a»S der griechischen Weisheit wie nnS dem Kreise der Bibel und de» KoranS soll für jedcS Volk ein bezeichnendes Bei- spiel gegeben werde». In Aussicht sind folgende Sprachen nnd Schriftarten genommen: Aetbiopisch, Alk-Gothisch, Arabisch, Armenisch, Chinesisch.' Deutsch, Englisch, Estrangcio, Frmizösisch, Griechisch, Hebräisch, Hieroglyphen, Italienisch, Keilschrift, Koptisch, Lateinisch. Malayifch, Nestorianisch, Persisch, Rabbinisch, Ilnssisch, Samariraiiisch. SanSkrit, Simnesiscki, Syrisch, Tibetisch. Zend. Das Werk soll die Arbeit der Schriftgicfirrkimst in typographisch edelster Form zum Ausdruck bringen. Der Bnckschmnck, von der Hand des MalerS Ludwig Sütterlin, soll sich bei jeder cinzelncii Spracbe thmilichst an die. ihr cigentiiinliche Kii»strichtnng nnd an die charakteristische Eigenart der Typen anlehnen.— Geographisches. — Verschiebung von Wald- und P r ä r i c- A r e a I in Nebraska. I» der letzten Novembersitziiiig der Anierikani- scheu Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft bielt C. E. Bessh einen lnrzen Vortrag über da? neue Vordringen der Wälder gegen die Prärie in Nebraska. Bereits vor zivei Jahren machte er, wie die Wochenschrift„Mutter Erde" dem„Geograpbical Journal" e»t- nimmt, anf das Vordringen der Nadelholzwaldniigeii in Westnebraska aufinerksani. Die Ursache davon erblickte er in der verminderten Wald- veriviistung durch Waldbrände und Viehherden, daneben in dem nickit mehr ranbbaniuägig betriebenen Fällen der Bäume. Den gleichen Vorgang bat er nun in Ostnebraska beobachtet nnd auch hier die gleichen Gründe dafür gefunden. Die äiii;ereii. den Prärien zu- gewandten Ränder der Nadelholzwälder haben einen Banuibestmid. der ans mn so jüngerem Holze besteht, je mebr maii sich, ans dem Waldinnern koiinnrnd, der Prärie nähert. Verschiedentlich wissen alte Ansiedler bestimmt anzugeben, dag die Wälder ihre» Thals die Prärie tun 1,5 Kilometer and mehr zurückgedrängt haben. Auch die Waldstreifen längS de» Laufs mancher Flüsse haben an Breite ge- ivoiinen.— Huinoriftisckes. — Vorsichtig.„... Darf ich Ihnen biellcicht meine Mutter v 0 r st e l l e 11, Herr Doktor V „Sie sind zu gütig, gnädiges Fräulein,— die kann ich mir schon so vorstellen l"— — An? dem Aufsatz einer höheren Tocht er. Am User de? Baches sasi ein Mädchen nnd melkte eine Kuh, im Wasser aber sah e s u m g e t e h r t a u ö.— — Der H 0 f t 0 n. Erzieherin ldcr kleinen Komtesie Märchen erzählend):„Und da ging der Gänsehirt auf die Königs- tochter zu. ümfasite sie und tanzte mit ihr." G r ä f i n:„Ich»ins; doch bitte», meine Liebe, die Form zu wahren I ES heißt': da befahl die Prinzessin den Gänsehirten zum Tanz!"— Notizen In K 0 p c>1 h a g e n ivurde„Tod und Verklärung" von Richard Strauß mit großem Erfolge zum erstenmal ailf» geführt.— — In der P ar i s e r D epu tierte nka m m e r brachte der UuterrichtSininister Lchgue» eine Krcditvorlagc über 2 200000 Fr. zur W i e d e r h e r st e l'l u u g de» T h v 5 t r e F r a n x a i S ein. � — In der UiiiversitätS-Augenklinik zu Graz Ivurde kürzlich ein Patient operiert, in dessen rechtem Auge sich sechSimdzwanzig Jahre hindurch Stücke von Eierschalen befunden habe».— f. Ein H» 11 d e h a l S b a n d", das ans 757. Perlen besteht. ist kürzlich im Hotel Dronot in Pari» verkauft worden. DaS Schild ist mit geschliffenen Diamantcn geschmückt und trägt in der Mitte einen großen Smaragden.— . Druck und Verlag vor. Max Babing ir.Berlii'.,