Interhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 54� Sonntag, den 18. März. 1900 tRncbdrulk verboleu.) Mnkcv dem Schutze des Gesetzes. 20� Von Maria Konopnicka. Ter Abend kam. Das Kind wimmerte in einem fort und streckte die langen dünnen Aernichen nach seiner Mutter aus. „Also, was?" rief das Weib schließlich, indem sie den Knaben auf den Schoß nahm.„Man»vird also hier über- nachten müssen." Hanka antwortete nichts. Sie saß starr mit geschlossenen Augen da, hatte den Kopf Aurückgclchnt und ihn gegen einen Pfahl des Zauns, an dem sie saß, gestützt. In der steigenden Abcnddänimerung erschien ihr Gesicht außerordentlich blaß. „Wenn es doch nur schon morgen wäre!" flüsterte die Michalakowa halblaut, wie um sich Mut zu machen, indem sie den an ihrem Halse hängenden Knaben zudeckte, dessen großer Kopf über ihren Arm schlaff herabhing.„Wenn es nur schon morgen wäre.. Es wurde morgen, und es wurde übermorgen, aber die Frau konnte keine Arbeit finden. „Mit einem Kinde? Was wäre das für eine Arbeiterin mit einem Kinde? Und noch dazu mit einem solchen l" ant- wartete ein jeder. In der That, wozu sollten sie ein altes Weib niit einem Kinde,.fiüid noch dazu mit einem solchen", nehmen, da sie doch Hände in Ucbcrfluß hatten, junge, freie, kräftige Hände, die gegen einen Hundelohn bekeit waren, den ganzen Tag zu graben, zu harken, zu säen, was einer nur verlangte. Hanka hatte sich mittlerweile zum Jäten verdungen, bei- nahe für das bloße Essen, aber auch das war ja gut. Zu einer schweren Arbeit war sie noch nicht fähig, und auch das Jäten ging nicht leicht von statten. Der kleinste Knabe überholte dieses hcrabgekommcne, schwerfällige Mädchen, und der Arbeitgeber trieb sie immerfort an und drohte, sie fortzujagen. Aber er that es nicht, denn ihr Elend dauerte ihn; er erlaubte ihr auch, in der verlassenen Scheune zu schlafen, Ivo zugleich die Michalakowa mit ihrem Kinde nachts Unterkunft fand. Wo diese tagsüber blieb und wovon sie lebte, ob sie bettelte oder hungerte, war schwer zu erraten. Aber in diesen wenigen Tagen ward sie fürchterlich mager und ganz schwarz im Gesicht, und das Kind, das ihren Hals überhaupt nicht niehr loslassen wollte, wimmerte in der Nacht inimcr schrecklicher. Bielleicht war es hungrig, vielleicht war es ihm kalt in dieser finsteren, dunstigen Scheune. Die Mutter besaß weder das Tuch noch die Schürze mehr. init denen sie ihn früher zuzudecken pflegte. So verfloß eine ganze Woche und die Michalakowa konnte noch immer keine Arbeit finden. „Vielleicht wär's besser, ich brächte das Kind seinem Vater wieder?..." sagte sie einmal mit nnsichercr Stimme zu Hanka, die sich schon ihr Lager bereitet hatte.„Nur weiß ich nicht, wie ich entkommen soll... Vielleicht fangen sie mich ein... Und auch dort... Barmherziger Hinimel, der Saufbold wird ihn ja zu Grunde richten... zu Tode prügeln... Wenn das noch wenigstens ein Kind wäre wie andere, ich könnte esl verschenken, wie jene... aber solch eines.. Sie brach ab und seufzte schwer. Dann fing sie an, den Kleinen an seinem ungeheuren 5kopf zu streicheln. Wie um ihm dieses harte Wort zu vergüten. „Ach, Du mein Wurm, mein armes Wurm!" sprach sie. „Besser wäre Dir der Tod als solch' ein Leben." Sie schwieg und sann nach, den Kopf schüttelnd. Es verflossen wieder einige Tage. Nachts weckte sie einmal Hanka. „Ach, barmherziger Himmel, liebe Hanka!..." rief sie, außer sich vor Angst.„Etwas flüstert und flüstert mir immer zu, ich soll den Kleinen tot machen!" „Aber... was schwatzt Ihr da!" antwortete das Mädchen.„Seid Ihr denn keine Mutter, daß Ihr solche Sachen über die Lippen bringen könnt? Macht lieber das Zeichen des Kreuzes und schlaft ein. Das ist der Böse, der sich an den Menschen heran machen will." Die Michalakowa bekreuzte sich, aber sie schlief nicht ein. Schwer stöhnend wälzte sie sich ans ihrem harten Lager hin und her. Der Kleine wimmerte, als würgte ihn jemand. Wieder vergingen einige Tage, von denen ein jeder dieser Mutter und ihrem Kinde neue Qualen und neues Elend brachte. Die Frau konnte kaum noch die Beine nachschleppen, das Kind wurde im Gesicht geschwollen. „Liebe Hanka," rief einmal die Michalakowa, bevor sie schlafen gingen.„Lege Du den Knaben bei Dir zur Seite, denn mir giebt der Böse in der Nacht förmlich keine Nuhe, nur: töte ihn. töte ihn!... Was ist das für ihn für ein Leben mit diesem verkrüppelten Körper, und auch für nüch. Ich kann weder Arbeit finden noch einen Löffel Nahrung." „Im Namen des VatcrS und des Sohnes!" rief Hanka. „Gebt mir rasch den Knaben her, und morgen geht zum Pfarrer, wenn der Euch die Beichte abnimmt, so geht der Böse von Euch." Aber in der Nacht erwachte die Michalakowa plötzlich und richtete sich auf. „Jesus. Maria, Josef, rette meine Seele!" stöhnte sie dumpf.»Jesus, Maria!" Am Morgen, alS das. Mädchen zur Arbeit ging, stand die Michalakowa auf, wusch ihren Knaben, scheitelte ihm das Haar auf dem schweren, wackelnden Kopfe, kleidete ihn an, machte das Zeichen des Kreuzes über ihn, dann suchte sie im Stroh ein Stück Brot hervor und gab es ihm in die Hand. Das that sie alles mit einer stillen Eile, wie jemand, der eine notwendige und dringende Arbeit verrichtet. Als das Kind an dem Brot zu kauen anfing, warf sie sich plötzlich auf den feuchten Boden und schlug mit der Stirn darauf los. Ein ersticktes Stöhnen kam aus ihrer Brust und die über dem Kopfe gerungenen Hände erhoben sich und fielen nieder mit schwerer Wucht, wie in einem wilden, schweren Todeskampf. Der Kleine hatte unterdessen das Brot verzehrt und fing an zu wimmern. Die Mutter erhob sich, schlug sich dreimal an die Brust und rief:„Gott sei mir gnädig". Dann bekreuzte sie sich, nahm den Knaben auf den Arm und ging ins Feld.... An demselben Tage wurde das ganze Städtchen durch die Nachricht erschreckt, daß eine der Verschickten ihr Kind in einem Lehmgraben ertränkt hatte. Doch der Gerechtigkeitssinn der chrsanien Bürger beruhigte sich sogleich damit, daß die Kindes- Mörderin, eine längst schon bei der Polizei notierte„Un- verbesserliche", an dem Ort der That abgefaßt und in das Hauptgefängnis abgeführt worden war. Als Herr Majicher Äazupa, Oberer der ehrsamen Tischler- znnft, Acltester der heiligen Bruderschaft zum„Erbarmungs- vollen Herzen Jesu" und augenblicklicher Brotgeber Hankas, nach der Inhaftnahme der Michalakowa erfuhr, daß das Mädchen in seiner alten Scheune zusammen mit der Kindes- Mörderin genächtigt hatte, fühlte er sich so tief in seiner Bruderschaftsehrc verletzt, daß er Hanka augenblicklich fort- jagte, direkt von der Schüssel, zu der sie sich eben, nach halbtägiger Arbeit, hungng auf die Erde nieder- gelassen und in die sie sogar schon den Löffel eingetaucht hatte. Doch war Hanka der Mühe überhoben, anderswo Arbeit und ein Lager hinter einem Zaun zu suchen, denn kaum hatte sie die Schwelle übertreten, als auch schon der Wächter eintrat, der sie ins Rathaus führte. Man suchte sie dort. Man schloß nämlich, daß sie. die mit der Michalakowa zusammen genachtet, auch etwas Ge- naues über die That wissen mußte. Zwar gestand die Mutter des unglücklichen Knaben alles von selber, schrie und jammerte entsetzlich, schlug sich an die Brust, rief die göttliche Barm- Herzigkeit an und hämmerte mit dem Kopf gegen die Wand. Aber hier konnten„Umstände" obwalten, und Umstände, wie männiglich bekannt, ändern ja die Sache von Grund aus. Hanka schritt nach vorwärts und ihr trüber, geistesabwesender Blick starrte in die Ferne. Zuweilen schien es ihr, daß sie durch ein tiefes Wasser watete, dann wieder, daß ihre Beine aus Holz wären; dann kam ihr ein Bedauern darüber, daß sie nicht wenigstens einige Löffel Hirse gegessen hatte. Am Rande des'Lehmgrabens lag inzwischen der Knabe. aufgedunsen und blau, in seinem mit Kot beschmutzten Hemdchen, das die Sonne bereits getrocknet hatte. In seinen hervorstehenden verglasten Augen, die der Tod zu schließen nicht vermocht, malte sich Entsetzen. Um seine dünnen Bcinchen und Händchen hatten sich Wassergräser ge- schlungen. an denen noch hier und da einige helle Tropfen blinkten. Ueber feinem grohen Kops kreisten mit Blitzesschnelle hin und her ganze Schwärme schwärzlicher Schwalben und eine Grille zirpte sein eintöniges Schlunimerliedchen. Doch das vernahm der Knabe nicht mehr, und blickte nur scheinbar mit einem großen Staunen in die Sonne. An jenem Morgen wurde vieles Vieh, Gänse und füllen in Scharen eingefangen, da die sie weidenden Hirtenknaben von allen Seiten herbeigelaufen kamen, um den kleinen Ertrunkenen zu betrachten. Es fehlte auch nicht an erwachsenen Gaffern. Einige Bürgersfrauen erinnerten sich sogar, diesen Knaben gesehen zu haben, als seine Mutter mit ihm herum- ging, um Arbeit zu betteln. „Aber wer, liebe Frau, möchte einer solchen Arbeit geben," sprach die eine. „Das versteht sich." bemerkte eine andre und nickte zu- stimmend mit dem Kopf. „Der Beugel sah so verkrüppelt aus, so herabgekommen. daß man auch das Weib nicht gern inS Haus lassen mochte." „Nun ist sie ihn los. für immer, liebe Frau." „Solch eine Mutter!" „Eine Hündin und keine Mutter!" „Und der barniherige Gott läßt das auf der Erde herum- gehen und rafft das nicht fort durch einen schnellen Tod." Sie standen noch eine Weile seufzend, dann ging die eine und die andre nach Hause. Unterwegs, schon etwas außerhalb der Stadt, zwischen der ersten Schänke und den Sommerbaracken, wo die Soldaten ihre Pferde putzten, trafen sie auf einen zweiten Auflauf. Auf der Straße, mitten im Staub, den die fahrenden Wagen aufwirbelten, lag ein junges Mädchen. Die einen sagten, sie wäre besoffen, die andern behaupteten, sie hätte„die Krank- heit." Icniand hatte sie mit dein Tagesanbruch gesehen, wie sie um die Baracken umherschlich, wie sie dann in der Schänke krank, dann herauslief, sich einige Male um ihre Achse drehte und hinfiel; ihr Körper zuckte noch einige Male auf und nieder, bis er endlich steif wurde, wie ein Stück Holz. Das Gesicht des Mädchens war dunkelrot, sie hatte Schaum auf den Lippen und in den halbgeschlosscnen Augen einen wilden Ausdruck. Aus Mitleid warf jemand cm Tuch über ihr Gesicht. In diesem Augenblick wurde Hanka von dem Wächter nach dem Rathaus vorübergcführt. Sie trat einen Schritt zurück. „Manka I" flüsterte sie und warf einen Blick auf das schmutzige und zerfetzte Kleid von rosiger Farbe und die kleinen Füßchen, die unter dem Saum hervorblickten. Sie wandte sich um, um sie noch einmal zu sehen, aber der Wächter drängte sie vorwärts. Sie gingen. Im Hauptsaal des Rathauses war es öde und still. Nur die Fliegen summten an den bestaubten Scheiben, der stotternde Kanzlist hatte sich im Bürgcrnieisterstuhl breit gemacht, qualmte eine schlechte Cigarette und träumte. Es war Mittagszeit und er konnte sich dies um so eher gestatten, als er soeben zwei Sardellen und drei Semmeln verspeist hatte, mit denen er sich die Erwartung der Präsidentschaft und des mit dieser Würde verbundenen Mittagsbratens Versüßte. Die Ankunft des Wächters und der Arrestantin erhöhte noch die selig-süße Stimmung des Kanzlisten. So. oder so, in diesem Augenblick repräsentierte er hier die höchste Staats- gcwalt. Als daher Fedorcnko den Kopf durch die Thür ins zweite Zinimer steckte und sich überzeugte, daß dort nieniand war, bemerkte er, daß man das Mädchen inzwischen ein- schließen müßte, worauf der ftanzlisi sich beeilte zu stottern:„I— ins Käm— mer—che— chcn rnt— mit— mit— ihr I" Er konnte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, cininal im Leben einen wirklichen Amtsbefehl zu erteilen und dabei die passende Stellung anzunehmen. Der Versuch fiel glänzend aus. „Kä kä-kä-mer-rrrche-chcn," ertönte es in dem leeren Saal und Fedorenko stieß das Mädchen vor sich hin nach dem Hausflur. Der Kanzlist blieb allein in seinem Fauteuil zurück, mit geblähter Brust, zusammengezogenen Brauen und der Dilta- torgeste, niit der er nebenbei ein Schächtelchcn Streichhölzer vom Bürgermcister-tisch hcrunterwarf; sein von unendlichem Stolz strahlender Blick blieb auf der Thür haften. Jetzt that sich jedoch die Thür auf, und an der Schlvelle erschien der Herr Sekretär. Der Kanzlist schnellte empor,! bückte sich eiligst und fing an. die zerstreuten Streichhölzchen zusammenzulesen. Der Herr Sekretär hatte sich sehr wenig berändert. Er trug noch dieselbe offizielle Maske der Gleichgültigkeit vor dem Gesicht, hatte dieselbe ungesunde, gelbliche Haut- färbe, dieselben geblähten Lippen und roten Ringe um den Augen. Er trat ein. warf die Thür geräuschvoll ins Schloß, und ohne den auf allen Bieren unter dem obrigkeitlichen Schreib- tisch hockenden Kanzlisten eines Blickes zu würdigen, wandte er sich nach seinem Zimmer. Ter Wächter ließ Hanka hinter ihm eintreten und schloß die Thür. Im Moment verwandelte sich der Gesichtsausdruck des jungen Beamten vom Grunde. Eine Flamme leuchtete darin auf, dann eine Wolke und wieder eine Flamme. Eine Minute stand er schweigend zum Fenster gelvandt und schien etwas zu lese». Es war sichtbar, daß er sich bc- mühte, seiner nervösen, schüttelnden Bewegung Herr zu werden, doch die Anstrengung war vergebens. In den Händen zerknüllte er das Papier, die Muskeln seiner Backen und die Mundwinkel zuckten. Er wandte sich nach Hanka um und umfaßte sie mit einem langen, stechenden Blick. „Bist Du endlich wieder in meiner Hand?... a?" be- gann er mit seiner schnarrenden Stimme, während seine Augen zwinkerten. Das Mädchen blickte düster zu Boden. „Das Durchbrennen hat also nichts genutzt?... Zu wem bist Du denn entlausen?... a? Zum Geliebten?" Hanka schwieg. „Nun?... Hast Tu das Reden verlernt? Hast Dn die Sprache verloren?" Er trat dicht an sie heran und beugte sich nieder; sein heißer Atem hauchte sie an. „Sprich sofort!... Bist Du zum Geliebten ent- laufen?... a?" rief er mit abgebrochener, pfeifender Stimme, die wie ein gedämpftes, heiseres Kichern klang. lFortsctzmig folgt.) SottttkÄlgsplsutde�ei. Lieber AmtSbrnder! An diesem Freilagabend werde ich bestimmt das sündige Berlin verlassen. Es waren snrchtbare Tage. Wir empfingen alle Ansichts- Postlarten und Bilder von einer Schamlosigkeit, dah ich eines stundenlangen Studiums bedurfte, um nur die schamlosesten lln- flätigkeitcn zu entdecken. Unser verehrter Führer Rörcn hat bereits ein Museum derartiger Zusendungen angelegt, das ich Dir dringend zur Besichtigung empfehle, wenn Du cinnial in dies Babel kommst; denn diese Sachen werden bald einen großen RaritätSlvert erhalten, weil sie ja alsbald versÄwinden werden. Und diese Sachen sind nickt mal die scklinMisten. Heute fiel mir eine Nummer einer illustrierten Zeitung in die Hände, die. wie ich höre, zn den anständigsten Blättern gehört, und dieses Organ reproduziert die Abbildung einer gewissen BenuS, einer heidnischen Frauensperson in schamloser Entblößung. Und wer hat diese Schmutzerci gemacht: ein gewisser Professor Milo l Wie hatten lvir doch immer Recht, daß die moderne Wissenschaft die Hanptnrsache unseres sittlichen Verfalls ist. Wenn so ein Professor sich von seinen gottlosen sogenannten Forschungen erholen will, dann zeichnet er zu seiner ivüsten Erlustigung solche nackten Menscher — verzeihe das deutsche Wort!— Ich vermnte, daß der Milo mit liberaler Theologie die Jugend vergiftet. Ich werde Dir natürlich diese Venns von Milo mitbringen. Es ist wahrlich höchste Zeit, daß wir die lex Heinze bekommen. Wir müssen die christliche Moral vor der niodernen Afterkunst und Asterwissenschaft retten— oder diese Gesellschaft geht zn Grunde. Mögen die Röten und die Freisinnigen noch so sehr schäumen, lvir bringen das Gesetz durch. Die Regierung benimmt sich dabei geradezu mcisierhaft; mir werde» ihr doch ivohl die Flottenvorlage bewilligen müsse». Sie thut nämlich so, als ob die Paragraphen ganz unschnl- dige Dingerchen seien, die niemanden kränken würden. Ist diese Taktik nicht vortrefflich? Lobe» wir das Geschick: Bald werden die Ketzer brennen. Noch Donnerstag und Freitag— dann kehre ich als Sieger heim. Ich begrüße Dich mit innigem Brnderkwß Sebastian Balthasar Schmer. blB. Die Bilder bringe ich mit. Dn wirst staunen. Teuerste Toni! Die Sache kann höchstens noch bis Freitag dauern, dann reisen lvir nach Paris; hier ists doch jetzt öde, seitdem die Polizei überall ihre Nase hat. Meine Frau glaubt, daß ich noch bis Ostern parlamentarisch gelmndcn bin. Mr haben also Zeit, unser Glück zu genieben. Du thust mir unrecht, wenn Du nur schmollst, weil ich gestern das Rciidezvons versäumt habe. Wir»misten vollzählig bleiben, weil sonst die verfluchte Linie Obstruktion getrieben hätte. Die Sittlichkeit des Volks erforderte nieine Anwesenheit. Aber Freitag ist die Qual zu Ende. Dann gehöre ich Dir. Mit tausend Küsse» Dein Egon von und zu Edelrcin. M 5 ♦ Werter Herr Lehmann l Sie können bestimmt darauf rechnen, das; ich am Ende dieser Woäse zum Begmn der Feldarbeiten wieder zn Hanse bin. Sie haben ganz recht: Sie sind zwar ein vortrefflicher Inspektor, aber eS ist doch das beste, wenn auch der Herr anwesend ist. Sie fühlen sich durch den Arbeitgeber-Paragraphen beunruhigt? Aber mein Lieber, glauben Sie wirklich, dnst wir derartiges dnlden werden? Daö giebt's nicht. Wir wollen dem Umsturz und der schamlosen Kunst zu Leibe gehen, aber nicht Ihnen! Die Katharine ist doch abgefunden! Das dumme, freche Geschöpf behauptet, das; Sie oder ich— na, Geld erhält die Welt. Ans Wiedersehen I Werner von Schmetterwitz. sTelcgramm.) Kommen zweifelhaft. Linke obstruiert. Dex Heilige in Gefahr. Wir weichen nicht von der Stelle. Bis Sonnabend wird die Ge- scllschaft mürbe sein. Hoch die Sittlichkeit. Ich komme Sonnabend. Schmer. » lRohrposibricf.) Geliebte Toni! ES geht beini besten Willen nicht. Meine Parteigenossen lassen mich nicht fort. Die Linke ist frech geworden. Sie macht das HauS bcschlustnnfähig, läßt immer namentlich abstimmen und stellt die wüstesten Anträge. Wenn wir jetzt den starken Mann hätten! Aber von dieser dinnmen Politik verstehst Du erfreulicherweise nichts. Jedenfalls muh ich hier bleiben. Sonst trage ich die Mit- schuld, wenn die Unjittlichkeit immer tiefer in das Volk sich ein- friht. Heute bekam ich einen netten Schreck. Meine Frau, die für innere Mission schwärmt, wollte nach Berlin kommen, um den Ler- Handlungen beiznwohneii. Zum Glück gebrauchte der Kollege Schrcmpf so unanständige Worte, dah meine Gattin cS mit der Würde unsres uralten Hnnses nicht mehr vereinbar hält, als Dame vom Stande die Tribüne zu schmücken. Sie könnte auch Schaden an ihrer Seele leiden. Geduld I Geduld I Auch Sonnabend geht ein L-Zug. Erst die Pflicht, aber nur noch 24 Stunde»! In Eile Dein Egon. (Tekearantm.) Bestellen Sic den Wage» erst Sonnabend zur Bahn. Schmetterwitz. sTclcgramm.) Linke erfindet immer neue Teufeleien. Heute unerhörte Gchcimsitzung. Socialdcmokratcn reden endlos. Lauter namentliche Abstimnumgen. Sämtliche Schriftführer bereits heiser, weil immer- fort Namen verlesen müssen. Hundert neue Anträge vorbereitet. Sieg oder Tod. Ich bleibe �' Schmer. sRöhrpostbrlef.) Hol der Teufel den ganzen Kram. Sonnabendabend Bahnhof Fricdrichslrahe. � Egon. (Ans einer Brieftasche, gefunden am Sonnabend auf dem Wege zum Stettincr Bahnhof.) I. Abgerissener Zettel mit Bleistiftnotizen: Meine Herren... Schutz der deutschen Frau... Sittlichkeit der Mädchen... Be- wahren vor Verführung der Arbeitgeber... Trotzdem mit schwerem Herzen darauf verzichten... II. Zwei benutzte Billets zn den Jagdsälen. HI. Postguiltung über 100 Mark. Adresse Katharina Munter. IV. Visitenkarte: Werner von Schmctterivitz. L. d. R. M. d. N. sTelcgramm.) Wir sind b e s ch l n h» n f ä h i g. Erwarte mich Sonntagmiliagl Bilder folgen per Eilfracht unter Deiner Adresse. Schmer. sTelegramm.) Edelrein, Berlin Reichstag. Komme Sonntag»ach Berlin. Will Vcthandlungcn trotz Schrcmpf »eiwohnen. Mathilde. (Telegraiiiiii.) (Aufgegeben Bahnhof Friedrichftrahe.) Edelreiu Wicsciinu. Kömien gänzlich unnötig. Rest der Verhandlung geheim. Diese Dokumente aus der Zeit, da der deutsche Reichstag sich ;elbst entdeckte, samincltc auf dem Schlachtfeld der Obstruktion' _ Joe. Als Richard Wagner sein Leben abgeschlossen hatte. Ivar kein Zweifel, dah die rein reproduzierende Fort'ctznng seines Lebenswerks auf dem historischen Baymither Boden und unter Leitung seiner Ge- treuen für lange gesichert sei. Eine produzierende Fortsetzung seines Lebenswerks war vorläufig kein ösfeutlichcs Problem; immer noch galt cS ja, die nur erst zum kleinsteii Teil errungene Anerkennung dieser neuen Welt weiter und weiter durchzusetzen. Vereinzelte Versuche, wagnerisch nud überwagucrisch zu komponieren, die Nebereinandcr- thüriiinng der Dissonanzen usw. noch höher zn potenzieren, also ein neues Epigonentum zn schaffen, konnten natürlich den Geist Wagners am wenigsten fortsetzen. Manche selbständigen, seine Errungenschaften mir eben als BorauSsetzniig bciiützcndeu Leistungen der jüngsten Zeit, ivie die musikalisch- dramatischen Schöpfimgeii eines d'Albcrt und eines Pfitzncr, ringen sich erst allmählich empor. Dah ans Bayreuth selber eine ziveite Nummer konimen. dah eine Wagner- Familie wie eine Familie der Bache oder der Strnuhe, oder gar eine Art Wagner- Dynastie entstehen löniitc, wozu ja der Boden vorbereitet war, dazu that glücklicherweise niemand etwas Willkürliches. Richard Wagner sah von jedem Kronprinzcntnin seines Sohnes Siegsricd völlig ab und freute sich nur eben seiner guten Anlage. die den Jungen lgeb. 1869) zunächst zum Stndinni der Bankimst führte. So war alles ausgeschlossen, was Erbamt, Züchtung oder dergl. mehr wäre. Nun fiel es aber, jahrelang nach Wagner'S Tod. dem Sohn ein, das zu thnn, was so viele junge Leute am anscheinenden Ende ihrer Entivicklmig thun— und zwar häufig mit tiefem und schnellem' Erfolge thun—: er „sattelte um" und überraschte seinen Kreis mit seiner spontanen neue» BenifSwahl des Musikers. So war bereits die Sicherheit da, dah keinerlei äntzerliches Interesse und kein andrer Druck als ein innerer Drang ivaltcte. Zunächst freilich war das Nächste gar zu nahe: Siegfried beteiligte sich an der Pflege des Bahrcnthcr Werks und dirigierte neben andern seines Vaters' Werke. Eine sinfonische Dichtung von ihm,„Sehnsucht"(1895), ist anscheinend nirgends Konzertmatcrial geworden. Da rückte aber vor zwei Jahren der junge Wagende mit einer vollen Opernkomposition heraus, einem selbstgedichtetcn„Bärenhäuter", dessen Titel nichts weiter hinzugefügt ist als„In drei Akten von Siegfried Wagner". War der alte Wagende mit seinen Werken zumeist in die germanische Sagenwelt und nur mit den Meistersingern in die ältere deutsche Bürgerwelt zurückgegangen, so versuchte eß der junge zwar cbcnfälls mit dein idealen Ueberweltglanz des fernliegenden Phantasietreibcns, indem er zn einem deutschen Märchen griff, zu einer der vielen Geschichten von Tcnfclsmacht und Mcnschcnkraft, brachte uns aber das Ferne näher schon durch Einkleidung in die Kriegsivelt des dreißigjährigen Kriegs und in die Lokalwelt der Bahrcnthcr Lande. Richard Wagners Ideal des naiven, naturtrenen, kräftigen GermancnjüiiglingS stndet sich hier wieder in der Figur des Soldaten HauS Kraft» eben des„Bärenhäuters". Er lehrt in fein Dorf zurück, einsam und vergessen. An seinem Uimmt packt ihn der Teufel; er kriegt ihn bald herum und paktiert ihn zur Hölle. Dort niuh unser Bären- häntcr den armen Seelen einheizen. Bald aber naht ein geheimnis- voller Fremder, so ein Mittclsiück zwischen Wotnn-Wandcrcr und Christengott, und gcwhint ihm im Würfelspiel jene Seelen ab. Nun geht's ihm aber schlecht; der Teufel straft ihn und läßt ihn, ruhbeschmutzt, zn hilfloser Wanderung hinauswerfen, gicbt ihm jedoch einen Zaubcrsack mit und das Versprechen der Erlösung, falls er trotz seines bärenhäutigcn Aussehens eine treuliebende Maid findet. Mit Melancholie und docki wieder mit Vernunft und Humor schlägt sich nun der Arme durch die Köpfe der Bauern und Bürger durch, vor die ihn sein Weg führt; eine Thräne, die ihm hcrabrollt. stimmt die Bürgermeisterstochtcr Luise weich— das alte Bayreuther Mitleid- Motiv—.und mm beginnt die Probe einer dreijährigen Treue. Schließlich erprobt sich unser Held, vom Teufel wieder menschlich gemacht, als siegreicher Wender des Kriegsglücks; von Luise erst an einem Ring wieder erkannt, von den Bauern als Retter beluillkoiumt, wendet er alles zum Guten— leider nicht ohne die Worte„Leichter Sinn lockt TcufclSlift! Ihr erliegen menschlich ist", die an den„Don-Juan"» Schluß„Lasterglück flieht schnell wie Ranch. Wie man lebet, stirbt man auch" erinnern, und leider nicht ohne die opernfinaligc Segen-, Dank-, Moral- und Versammlungsscene, wie sie auch in des alten Wagner Dramen als noch älterer Opernbühnen- Rest die Schlüsse gegenüber den Expositionen und Dnrchführnngen herabdrückt. So weit war es für uns unvermeidlich, die historischen Ursprünge von Siegfried Wagners SchaffcnSart und Person zu berühren. Ist nur einmal diese Änfgabe abgcthan, so wird es zur Pflicht, dm unS vorgestellten Komponisten ganz als eine Erscheinung sii< sich zu betrachten und ihn zu befreien von den gerade gegen seine Selbständigkeit besonders ungerechten Druck der Bclrachtung eines .Sohnes feines Vaters". Inzwischen ist er bcgrciftjcherw'eise an. einem Hätschelkind der öffentlichen Meinung geworden: es gehört in Berlin fast schon zmn gnte» Ton. ihn irgendwo ge- sehen zu haben, wie es in unserin Opernhaus zum guten Ton gehört, neue Opern daS erste Risiko anderswo durch- machen zu lassen. Nim wird angekündigt, interviewt, renommiert und vorgestern kam unter den Linden das Wunderbare: der„Bärenhäuter" endlich in Berlin und ohne Verschiebung der Premiere. Ans den bisherigen Schicksalen des Werks haben wir an dieser Stelle bereits am 30. Mai vorigen Jahres und am 11. Februar dieses Jahres einiges mitgeteilt. Zu dem Wenigen, was uns da zu sagen bleibt, zumal zu der Vergleichiuig unsreS seinerzeitigen Hörens der Wiener Aufführung mit dem jetzigen Eindruck, gehört vor allem das Bekenntnis, dah die Musik lhatsächlich beim nochmaligen Hören gewinnt. Nicht etiva in Bezug auf motivische Erfindnngskunst und noch weniger etwa als ein Nebersteigeii der musikalischen Seite von Richard Wagner's Kunstschaffen: hat ja doch Siegfried Wagner vor wenigen Tagen in einer Clubrede ausdrücklich ein solches Vorurteil abgelehnt mid vielmehr auf Weber als sei» Vorbild hingewiesen, der freilich auch des Vater» Liebling war. Allein Siegfried hat etwas, das schließlich doch die Hauptsache ist: eine eigene Formensprache. Wie er seinen Text dichtet, ohne Füllsel, ohne Worlmacherei, ohne Hinanffchrauben, allerdings auch mit ein wenig Schivächlichkeit, Ivo ein gewaltigerer Anlauf am Platz wäre, ganz besonders aber mit einer unschuldigen, dem philosophischen Tiefsinu des Vaters entgegengesetzten Heiterkeit: so vertont er ihn auch. Das heutzutage immer beliebter werdende, von Mascagni sogar im Musikunterricht zur Herrschaft empfohlene Element der Harmonie, gar erst einer möglichst vollen und einer möglichst reich wechselnden Harmonie ist nicht sein Geschmack. Er arbeitet, doch ohne auf die klassischen imitatorischen Forme» des Coutrapunkts zurückzugehen. mit selbständigen Stimmen, und zwar am liebsten mit wenigen. Wenn da zwei oder drei Orchesterstimme» ihr Plaudern oder ihr ernstes Bedeuten durcheinander sühren— jenes lieber als dieses— dann geht ein so eigentümlicher traulicher Zug durch de» gesamten dramatischen Eindruck, das; man der Verhältnis- mäßigen Unentwickeltheit, in der sich eben die'>' Formensprache hier noch befindet, und ihrem mancherlei Trivialen nicht gram sein kann. Das weitere wird sich schon noch finden. Bei der hiesigen Aufführung lag mir natürlich ein Vergleich mit der in Wien gehörten besonders nahe. Soweit nun hier ein solches Urteil geivagt werden kann, darf man wohl eins sagen: wären nicht zwei so ganz einzigartige Künstler beteiligt wie Frau Herzog(Luise) und Herr L i e b a n(Wirt), so müßte man nicht nur von einem betröchtiichen Zurückbleiben hinter der Wiener Oper, sondern geradezu von einer Unfähigkeit sprechen, diesem Werk gerecht zu werden. Was haben denn zwei so brave lyrische Künstler wie die Herren G r ü n i n g und B a ch m a n n verbrochen, das; man sie mit Rollen sich abmühen läßt, für die sie aber auch gar nicht geschaffen sind, mit dem HanS Kraft und dem Fremden? Ein dramatisch markigerer Künstler ist Herr Knüpf er; allein auch seinem Teufel fühlte man eine Mache an, die so gar wenig den Eindruck einer Teuflischheit enveckte. So ging der erste Alt. bei dem schon der Au- blick des künstlich einexerrierten ersten Chor» gegen die Darstellung in Wien unangenehm abstach, recht langweilig vorüber, und erst der zweite Akt, der allerdings zmn humorvollsten in der gesamte» dramatischen Kunst gehört, brachte, noch gehoben durch manch gute kleinere Leistung, ein lebhafteres Fühlen für das Werk zu stände. Schon»ach dem ersten Akt mußte der Komponist, obschon der Beifall nicht eben demonstrativ klang und beim Erscheinen de» Dirigenten Dr. M n ck sich ausfallend(»ud mit Rechtl steigerte, mehrmals vortreten, an der Seite des nissigen Bärenhäuters: er putzte sich dann nnch nach dieser Berührung zu großer Heiterkeit des Publikum» seine Hand ab und konnte beim nächsten Vortreten den Drang dazu so weit unterdrücken, dag er nur mehr ein paar Finger schnippte.—«2. Kleines Feuilleton» irx. Moderne Reklame. Zu welch merkwürdigen Formen heute die Reklame, besonders in England und Amerika, öfters greift, zeigt eine Reihe von bezeichnenden Beispielen, die in einer französischen Zeitschrift erzählt werden. I» England ist e» ein beliebter Trick, die Reklamezettel nicht an die Passanten zu verteilen, sondern sie von dem Empfänger selbst aufsuchen zu lassen. Auf de» englische» Bahnhöfen z. B. bemerkt man häufig auf der Erde ganz korrekte Billets mit der Bezeichnung: 1. Klasse. Hoffnungsvolle Reisende heben diese natürlich mit Freuden auf und erfahren alsdann, daß man„bei D. Aufschnitt 1. Klasse" kauft. Ein Weinhändler ans Südfrnnkreich verbreitete kürzlich einen Prospekt mit seiner Photographie: der Prospekt hatte folgenden Wortlaut:„Werter Kunde, da ich das Vergnügen nicht haben kann, Sie zu besuchen. schicke ich Ihnen die getreue Reproduktion meiner Photographie. Ich mache mich Ihnen so auf eine ganz besondere Art bekannt, und gleichzeitig verpflichte ich mich auch ganz ergebeust, Ihnen Weine von tadelloser Güte zu liefern." Ein ainerikanischer Restanrateur beauftragt täglich eine» jungen, wohlerzogenen Elephanten, durch die Straffen'zu gehen und mit seinem Rüssel das Menu des Tages anzubieten. In einem kleineren Veramwortltcycr Revacleur: Paul Jahn in Berlii amerikanischen Theater erhebt sich in dein Augenblick, Ivo der Vor« haiig aufgeht, ein Zuschauer im Balkon und' ruft in emphatischem Ton:„Haben Sie daran gedacht, sich mit D... Pastillen zu ver- sehen? Alle Schauspieler, die jetzt gleich spielen werden, gebrauchen sie I" Diese Form der„aktiven Reklame" erfährt in; Dankee-Lande immer neue Ausbildungen. Ei» Apotheker mobilisiert eines Abends SO Herren, die ganz kahlköpfig sind und installiert sie im Parkett eines Theaters. Wem; der Vorhang aufgeht, nehme» die 50 Herren gleichzeitig ihre Hüte ab, und die Zuschauer auf dem Balkon können mit großen, auf den Schädeln angebrachten Buchstaben lesen „P... Pillen". Der Direktor eine's Brocklyner Theaters war verzweifelt, als sein Stück keine Kassenerfolge erzielte. Zum Glück war der Stern seiner Truppe eine ausgezeichnete Schwimmerin, und als er ihr eine große Summe bot, wollte sie ein kühne» Experiment versuchen. In der Mittagsstnnde, gerade als der Verkehr auf der Brooklyner Brücke am stärksten war,' warf sich der Star der Bühne oben von der Brücke ins Wasser. Eine ungeheure Menge folgte angsterfüllt allen Stadien der Rettungsversuche, und als man die lknglückliche nach den Gründen fragte, die sie zu ihrer Ver- zlveiflungsthat getrieben hatten, auwortete sie:„Ich bin Mrs. Z..., ich bin am Brooklyner Tbeater beschäftigt und habe mich nicht entschließen können, ein Stück, das ein Meisterwerk ist, vor leeren Bänken zu spielen." Bon dem Tage an war das Brooklyner Theater Abend für Abend gefüllt. In England sucht man die Reklame der Dankees nachzuahmen. Vor einiger Zeit verursachte eine Droschke, die durch die Straßen Londons fuhr, auf ihrem Wege einen Auflauf der Menge: mau bemerkte durch die Thür einen auf dem Sitz ausgestreckten Menschen mit bleichem Gesicht, geschloffeiiei; Augen und blutbeflecktem Oberhemd. Man fragte sich bestürzt, ob hier ein Verbrechen, ein Unglücksfall oder ein Selbstmord vorläge. Das Publikum veraulaßte sofort das Halten der Droschke und drängte sich um das Opfer. Plötzlich erhob sich der Unglückliche, der allgemeines Mitleid erregte, zog ein Pack Papier ans feinerTafche und verteilte an die Anwesenden Prospekte, ans denen stand:„Heute abend im 3i.... Theater: Das Geheimnis der Droschke 11020."— Für die„passive Reklame" der Uankees ist folgende Geschichte charakteristisch: An die frommen Kirchenbesucher in einer amerikanischen Stadt verteilte man letzten Weihnachten gratis Gesangbücher. Noten und Text. Zwischen zwei Strophen eines Weihnachtsliedes fanden sie mm zu ihrem Er- staunen folgende zwei Strophen eingeschoben:„Hört, die Engel der Weihnachtsnacht singen— Die Pillen von Beecham, sie bringen— Den Gerechten ans Erden den Frieden— Zwei für Erwachsene, eine für Kinder."— Humoristisches. — Vereinfachung. Obersekretär(zum Boten):„Be- stellen Sie für diesen Monat um zwei Ries Papier mehr: es ist soeben vom Ministerium eine neue Vorschrift über„Geschäftsvereiu- fachmig gekommen!"— — Unerwartete Replik. C 0 m t e s s e(jugendlich thuend):„... Ja, ja, Excellenz, ich werde alt,— recht alt... doch Sie glauben es mir nicht!" Excellenz:„Gewiß glaube ich es, Comteffe!" C 0 m t e s s e:„Ach—' Sie geben mir recht? I...Wie l> e l e i d i g e 11 d— zu glauben, ich könne leinen Wider- s p r u ch vertragen!"— — B 0 S b a ft. An der Thiix eines Konzertsaales, in dem eben ein Wohlihätigkeits-Konzert abgehalten wird, hängt ein Schild „Hunde dürfen nicht in den Saal gebracht werden!" Nach Schluß der Vorstellung steht mit Bleistift darunter � ge- schrieben: Der Tierschutzverein.—(»Flieg. Bl") Notizen. — Clara V i e b i g S Roman„Das Weiberdorf"ist mit einer Umschlagszeichmmg von Max L i e b e r m a n n bei F. Fontane n. Co. als Buch erschienen.— — Der akademische Verein für.sinnst und Litteratur bringt am 28. d. M.. nachmittag» 3 Uhr, im L e s 1 i n g- T h e a t e r die „ A u t i g 0 n e" von Sophokles zur Aufführung.— — Von Emil R 0 st a n d, dem Verfasser von„Cyrano von Bergerac", ist soeben ein neue» Stück„L'Aiglon" im Sarah Bernhardt-Theater in Paris zur ersten Anfführnng ge- langt. Der Held des„patriotischen" Versdramas ist der Herzog von Reichstadt, der Sohn Napoleons I. Das Schauspiel errang bei der Premiere einen außerordentlichen, auch von der Pariser Kritik bestätigten Erfolg, der aber mehr den; chauvinistischen Motiv, der Napoleon- Legende, als dem litterarischen Wert zuzuschreiben sein Ivird.— — Der norwegische Dichter Christopher I a;; s 0 n hat die staat- liche„Dichte rgage" von 1800 M. bewilligt erhalten.— — Die Wiener„11 r a;;; a" schreibt zwei Preise,' und zwar einen ersten von 200 Kronen und einen zweiten von 100 Kronen, für einen zur Anfführnng im„Urama"-Theater geeigneten populär- wissenschaftlichen Projektionsvortrag und eine Extraprämie von 50 Kronen für den besten technologischen Vortrag ans. Die„Urania" hat sich die Erwerbimg der eingereichten Vorträge vorbehalten: daS Antorenhonorar ist in den mitgetheilten Preisen nicht inbegriffen.— . Druck uno Vertag von Max Babing tu Berlin. SÄ«»