Nr. 59. (Sonntag, den 25. März. 19UO cNiichdruck vcrboien.) d] Clemenkittv Holur. Eine Frauenstudie von Gabriele Reuter. Eretchcn war gehorsam.� Als sie das Zimmer verlassen halte, fiel Frau Holm ihrem Sohn nüt stünnischcr Leidenschaft um den Hals und rief:„Du hattest ja keinen Blick mehr für mich und ich habe gehungert in Sehnsucht nach Dir, zehn lange Jahre..." Der Schrei ging wie ein Messer durch Ottokars Herz. Aber es ist nicht angenehm, Messerstiche zu siihlen, deshalb suchte Ottolar seine Mutter zubeschwichtigen und sagte ruhig, indem er sie zum Divan führte:„Man muß doch gegen die von der Frau Mama ciwcihlte zukünftige Gemahlin höflich sein....— Aber sag' mal, Mütterchen, wo hast Du cigeut- lich dies cxccnirische Prinzeßchen aufgegabelt?" ,Ach. ercent risch— daS gute Gretchen? Ich habe Muhe genug gehabt, ihre philisterhaften Anschauungen zn über- winden und sie ans dem alltäglichen Gänschen zu einer Frau heranzubilden, die meines Sohnes würdig ist." „So— so! Du hast dies Erziehungswerk an ihr voll bracht." sagte Ottokar nachdenklich, indem er sich eine Cigarre anzündete.„Run— da brauchen wir ja noch nicht zn ver- zweifeln. Aber Tn bist ganz blaß geworden, Mütterchen, die Erregungen dieses Abends sind doch etwas zn viel für Dich getvorden, Du mußt schlafen gehen." „Wie kann ich schlafen," sagte Frau Holm mit erstickter Stimme,„wenn ich sehe, daß meine Pläne für Dich mißglückt sind, daß Gretchen Dir nicht gefällt." „Morgen ist noch ein Tag, an dem wir weiter über die Sache reden können," antwortete Ottokar in einer bestimmten Weise, die für den Augenblick das Gespräch definitiv abschloß. —— Beim Frühstück am nächsten Morgen trug Gretchen die dunklen Zöpfe in einem Kranz um das Haupt gewunden, das lose Gewand war von einem Weißen Schürzchen zusammen gehalten. Ottokar klatschte in die Hände und rief:„Bravo! DaS lasse ich mir schon eher gefallen." „Fandest Dn sie nicht entzückend in dem 5lleide, das sie gestern trug?" fragte seine Mutter verletzt. „Scheußlich!" antwortete Ottokar ruhig.„Ich wäre um liebsten gleich wieder abgereist." „Ottokar!" „Wahrhaftig— ich bekam einen Todesschrecken und habe alle meine Selbstbeherrschung nötig gehabt, um Dir den eisten Abend nicht zu verderben. Selten habe ich eine solche Herzenscrleichternng gespürt als in dem Augenblick, wo Du mir gestandest, daß Fränlcin Gretchen sich nur ans Deinen Wunsch so hergerichtet habe." „Aber Ottokar!" rief Fran Clementine empört,„Dn willst doch nicht etwa, daß Deine Fron sich kleiden soll wie ein Ladenmädchen." .Nein, nicht wie ein Ladenmädchen, alwr wie eine Dame." „Und findest Tn, daß Deine Mutter sich nicht kleidet wie eine Dame?" Er warf einen Blick über sie hin. „Ach Mutter," sagte er und seufzte. Er dachte an seine Kindheit und wie die Jungen in der kleinen deutschen Stadt ihn gehöhnt und gefoppt hatten wegen seiner langen Locken und seiner blauen Sammetpnmphöschen. Und wie er die Sammetkoslüme verabscheut hatte und seine Mutter dazu.... Vielleicht war es einer der Gründe, um derentwillen er ihr in den zehn Jahren nicht geschrieben.... Das Herz hat heimliche Falten, wohin sich alte Kinderschmcrzen verkriechen und lange leben bleiben. Jedenfalls war Ottokar jetzt ein Mann, der seinen Geschmack und seinen Willen ohne besondere Erregung durchsetzte. Er nahm einfach einen Wagen, fuhr mit seiner Braut in ein großes AnsstattnngSgeschäft— eine Märchenprinzessin trat hinein, eine fein taillierte junge Pariser Mondaine trat heraus. GretchcnS glückliches Gesicht bei dieser neuen Metamorphose beruhigte ihn sehr und schmeichelte auch ein wenig seiner Eitelkeit. Fran Elementines Mienen waren nicht ganz so befnedigt als die des jungen Paares, während es sich vor ihr zeigte. „Siehst Dn, Mütterchen, so kommt Gretchens reizende Figur zur Geltung." „Ihr schönes Haar soll niemand sehen als Dn. ihre Figur willst Dn zur Geltung bringen... Das finde ich eine nndclikate Auffassung," sagte Frau Holm kalt. „Sie ist doch die allgemeine," sagte ihr Sohn freundlich beschwichtigend. Wenn Dn Dich nach der Allgemeinheit richtest.. „Gewiß, sie hat meistens Recht." „So sagen alle alltäglichen Menschen." „Ich will auch weiter nichts sein als ein alltäglicher Mensch." „Wenn Dn nur das werden ivolltest, hättest Du nicht ans und davon und zur See zn gehen brauchen...." „Mutter, erinnere mich nicht an den wahnsinnigen Streich. Ich habe ihn so bitter gebüßt, daß ich dadurch von allen Extra- vaganzen gründlich geheilt bin. Aber Dn machst ein so ernst- Haftes Gesicht— hättest' Dn lieber gesehen, ich wäre als ein romantischer Vagabund zn Dir zurückgekehrt?" Frau Holm schwieg und verließ das Zimnicr. Dieser Sohn, an dem es so gar nichts zn beschützen/ zn pflegen, zn becinflnssen gab, der so wohlgenährt, stattlich und in sich gefestet vor ihr stand, was sollte sie mit ihm anfangen? In ihr erhob sich ein rebellischer Trotz. Seit vielen Jahren war sie es gewöhnt, immer und überall die Gebende zn sein und die mit etwas Geräusch und Thätigkeit Gebende. Hier sollte sie nun mit einem Male stille sitzen und nichts thnn als lieben? Lieben— nnd sich mit den spärlichen Ueberresten begnügen, die von seinem Gefühle nnd seinem Interesse für sie abbröckelten?... Der Löwenanteil siel ja Gretchen in den Schoß. Ihr, die ihn friedlich hinnahm, die nicht wie Fran Holm sich, seit man ihr das zehnjährige Kind vom Herzen gerissen, in Sehnsucht verzehrte, in einer Sehn- sucht, die schließlich wurde wie ein verschwiegener, heimlicher Wahnsinn. Ihre Seele schrie nach all den Küssen, den Zärtlichkeiten/ der Liebe, die ihr vorenthalten worden war und die nun dieses junge Ding in Empfang nahm. Ja, sie hatte schenken, königlich spenden wollen. Aber sie hatte auch eine heiße nnd stürmische Hingebung von beiden Seiten dafür in Empfang nehmen»vollen. Und nun... lieber diesem quälenden Schmerz tvollte sie nicht be- merken,»vie das arme Gretchen,»velches Ottokar täglich ver- sicherte,»vie froh sie sei, nicht mehr zum Stanncn der Leute hernnigehen zn müssen, sich zugleich benrühte, ihrer Schlviegcr- mntter zn belveisen, daß sie auch unter einem Pariser Korset ihr dankbares Herz be»vahrt habe. Frau Holm scheuchte die zarten töchterlichen Liebkosungen durch eisige Schiveigsamkeit von sich. Und Gretchen»veinte»'ich an Ottokars Brust anS über den Ziviespalt. in den ihr Gefühl geriet, und er tröstete sie,»vie ein verständiger, nüchterner Mann tröstet, und das verband die beiden noch viel inniger. In Frau Clementine aber tobte und raste die Eifersucht. Sie wurde fönulich zn einer physischen Qual. Gretchens Gegenwart wurde der unglücklichen Frau unerträglich. Schon deren Schritt, ihre Stimme regte sie ans, kräli.kte sie, erboste sie. Ueberraschte sie das junge Pärchen,»vie es sich schnäbelte, oder bemerkte sie,»vie Ottokar leise die Hand seiner Braut faßte, so kam eine blinde Wut des Hasses gege»! das Mädchen über sie. Und sie vergiftete den beiden alle Tage n»ld Stunden mit boshafte»! Reden, mit kaltem Schlveigcn, mit rotgeweinten Auge» und einem schlaffen, matten Märtyrergesicht. Ztvischen diesen Seelcncrschütter»lngen aber förderte sie mit aller Energie ihren Plan, dem Sohn eine Lebensstellung in ihrer Rühe zu verschaffen. Gleich nach seiner Ankunft hatte sie ihm ihre Ansichten nnd Hoffnungen mitgeteilt. Ottokar antlvortete ihr zwar, er sei mit seiner jetzigen An- stellnug im ganzen zufrieden. Aber»venu sie es wirklich erreiche, ihn als Administrator viceköniglicher Besitzungen zn placieren, so»vürde er sich das schon gefallen lassen. Denn seine Gesundheit»vürde am Ende ein Leben in den Tropen ans die Dauer nicht vertragen. Fran Holm veranstalete nun zur Feier von ihres Sohnes Heimkehr ein großes Fest. Sie lud die alten Freunde ihres Gatten dazu ein.- und eine Menge Leute, von denen sie glaubte, daß sie ihr zn ihrem Ziele verhelfen köniueu. Die ganze Schar ihrer Protege?, wurde aufgeboten, denn es' sollte etwas ganz Originelles werben, mit Musik, Auszügen, lebenden Bildern und Tänzen, so wie es die Alexandriner Gesellschaft noch niemals gesehen hatte. Die Vor- bcreitungen waren für Frau Holm dasselbe, was für einen Dichter die Proben zur Premiere seines Lebenswerkes sind. Sie strahlte bor Glück. Man hörte ihre tiefe, klangvolle Stimme durch alle Räume tönen, über allem Schwatzen und Lachen der jungen Welt, mit der sie umging lvie mit Marionetten, die sie an Fäden lenkte. Für Ottokar hingegen gestalteten sich die Vorbereitungstage nicht sehr ge- mütlich. Seine Braut entwischte ihm alle Augenblicke, um Spitzenrosetten an verzwickte Sammtspenzer zn nähen, ans Fenster-Rouleaux griechische Gewänder herzustellen und Guir- landen von Papierroscn über den Thüren zu befestigen. Aber Frau Holm bemerkte in ihrem Eifer Ottokars Verstimmung gar nicht. Alles geschah ja doch für ihn! Sie lebte lviedcr in ihrem Traumlande, wo die Papierrosen zu dustenden Wunder- blüten wurden, wo die ein wenig lächerlichen und thörichten Reigentänze eine tiefe, feierliche Vedcuümg erhielten. Im Grunde ihres Herzens war sie froh, als der festliche Abend anbrach und von den geladenen Familien fast alle sich cnt- schuldigen ließen; da war mau die Philister los und konnte unter sich vergnügt sein. Ihr Lachen klang lvie das eines jungen, frohen Geschöpfs, als sie, in einen orangcgclben Seiden- stoff gekleidet, einen Zweig großer weißer Datturablüten lvie ein Scepter in der Hand, neben ihrem Sohne saß und die in griechische Gewänder gekleideten jungen Leute tanzend und singend Blumen über sie ausstreuten. (Schluß folgt.) SonnkAgsplÄudovei. AuL einem demnächst erscheinenden moderiicii Sensatioiisschanspicl „Vater und Solin" köliiien ivir Dank der Liebcuslvürdigkeit des Berlcgers eine Scenc mitteile», die für die Aufführung im Apollo- thcater zweifellos von der Ceiisur gestrichen lverden wird, und die deshalb auf diesem Wege der Dunkelheit entrissen werden soll. Die Sceue wird auch ohne Keuntnis dcS Zusammenhangs für sich allein verständlich sein: Dritter Akt. Sechste Scene. (Däuliueruilg. Ein voniebmeS ArbeitSzimüier altväterischeu StilS. Im Hintergründe der inechomsche Webstuhl der Zeit, den der Weltgeist»nfichtlmr „nd leise ölt; mmt hört die Maschine erst leise quietschen, bis sie nllmrthlich geräuschlos arbeitet. Totenstille. In der Nahe dcS Fensters sitzt ans einer Fuhbank, daS Haupt über den Stuhl vor ihm gelehnt der Reichs greis. Es ficht au?, alö ob er schlaft. Wen» sich das Singe des Beschauers ober an daö Zwielicht gewöhnt hat, gewahrt es ein ZeitiingSblott ans dem Stnhl- scssel, das der Reichs greis eifrig studiert. Nach einer Weile tritt das RcichSlind ein, dessen ideal gebautes Beinkleid liinsiUnsch stimmungövolie ttchatUii wirft.) Der Ncichsgreis(seufzend): Ach!(Pause, stöhnend): Oooh! (Panse, tiefbcivegt)': Wenn es so ctivas gäbe!... (Pause. Das ReichSkind tritt leise und vorsichtig ein.) Das ReichSkind(gerührt): Er schläft— der Gute.(Will auf den Zehenspitzen hinaus.) Der ReichSgreiS(tvürdevoll): Du irrst, uiein Sohn. Die Welt ist aus den Fugen, ich soll sie«iurcukeu und kann eS nicht. (Erschüttert.) Wer könnte da schlafen! Das R c i ch s k i n d(erschreckt): Du liest die Zeitung, Vater. Bei der Dunkelheit!(Bewegt.) Du tvirst Dir die Augen vcr- derbe». Der R e i ch s g r e i s(düster): Wenn schon— Iva? liegt daran! Das ReichSkind: Aber waS ist eS, tvaS Dich so lebhaft interessiert'{ Der ReichSgreiS: Sieh' selbst und Du wirst mein Jnter- esse begreife».(Reicht ihm das Blatt.) Das Reichskind(erstaunt): Aber das sind ja die Berichte über den Elberselder MilitärbcfreinngS-Prozcß! Der ReichSgreiS: Nicht wahr, das ist wichtig. DaS könnte mich retten! Das ReichSkind(verständnislos): Hm! Ja! Allerdings sehr iirteressaut. Es ist in der That ein klägliches Schauspiel, ei» Zeugnis mehr von uusrer Zeiten Heuchelei. Da reden diese Bc- sitzenden— Der R e i ch s g r e i s: Pst, vorsichtig,»nein Kind. Wen» uns jemmid hörte Das ReichSkind(mit rednerische»? Eifer, wie auf den Stenographen berechnet):— reden diese Besitzende» von PatriotiS- Müs. Öpscrmiit. Vaterlaiidsverteidiguiig, und dann lassen sie ihre Sprößlinge Pillen verschlucken, damit sie des Königs Rock entwischen. ES ist eine Schmach-- Der Reichs greis: Rnhig, ruhig, mein Kind! Du hast gewiß recht, aber das Interessanteste sind doch die Pille». Welch' ein Fortschritt der Wissenschast— welch' RettungSimttel—(ächzend): »ch, iveim es ginge> DaS 3k e i ch s k in d(ängstlich): Ist Dir nicht lvohl, mciuVaier? Du sprichst so, hm, so— sonderbar! Der Reichsgreis(sinnend, wie im Selbstgespräch): Die Pillen, die Pillen!... Das LteichSkiild: Soll ich den Arzt holen... Der IteichSgreis(lebhaft): Glaubst Du, daß der solche Pillen verschreiben kann, die mir helfen? DaS 3i e i ch Z k i n d(verzweifelt): Aber Du brauchst doch nicht mehr zn dienen— waS für seltsame Einfälle— mit diesen Pillen... Der ReichSgreiS(aufstehend und sich in seiner ganzen Größe cmporrcckcnd, feierlich): Ich nicht mehr dienen! Ich nicht mehr dienen! Dn redest Wahn, mein 5tilid. Nenne mir einen Arzt, der mir solche Pillen anfertigt und ich will ihn preisen-- Das Reichskind(beschwichtigend): Gewiß, mein Vater, Dn sollst die Pillen haben. Aber einstweilen lege Dich inS Bett. Rege Dich mir nicht weiter auf. Ich eile und hole den Arzt— Der Reichsgreis(freudig): Der solche Pillen kennt? Das bieichslind(mit nnterdrücktein Schluchzen): Ja, der die Pillen kennt!;(beiseite): daß es so iveit kommen mußte! Aber hoffentlich ist eS nur ein Anfall, der vorübergeht. Der R e i ch s g r e i s(zweifelnd, trüb): Und glaubst Dn wirk- lich, daß eS diese Pillen giebt— Das ReichSkind: Gewiß, gewiß— nur keine Ansreanng, lieber Vater! Der ReichSgreiS(pathetisch): Pillen, die mich diesem verhaßten Dienst endlich entziehen; Pillen, die ich nur zu schlucken brauche, nur endlich untauglich für dieses Kanzleramt z» scheinen. — Tausend Hektar besten Landes will ich dem geben, der mir diese befreienden Pillen verschaffte. Das ReichSkind(in froher Ucbcrraschnng): DaS meintest Dn also— ich dachte schon... Der ReichSgreiS: Was dachtest Dn? DaS 9i e i ck> s k i n d: Nichts, mein Vater...(heiter). DaS mit den Pillen ist wirklich ein hübscher Einfall. Aber wenn Dn sie nur brauchen ivillst, nur Dich dein Dienst zn entziehen, dann hast Du immer noch Zeit— Der Reichs greiS(heftig): Nein, ich habe keine Zeit mehr. Ich muß fort. Ich ertrage es nicht mehr.(Wild erregt.) Sonst verliere ich ganz den Glanben an den Fortschritt der Menschheit. Allen soll ich Versprechungen machen und holdselig zulächeln. Die Habgier dieser Elemente wächst fortwährend. Der Geist ist tot und die schmutzigste Selbstsucht herrscht. Wo sind die Ideale meiner Jugend? Ich soll mit den Kunitz und Wangenheim Fleisch- wnchcr treiben, soll dein Krupp als Zuführcr dienen, soll den Dnukelmänneru dieses Gesetz nnterschreiben, das Kunst und Wissenschaft unter„die Sitte" stellt, sie zu Koiitrollduiieu erniedrigt— soll-- Das ReichSkind(sieghaft): Nicht zu pessimisiisch, mein Vater. Ich bringe gute Botschaft. ES ist geglückt.(HoheiiSvoll). Ich habe Deinen Auftrag auögefiihrt, mein Bater. Der Reichsgreis(schnell): Uni des Himmels Willen, nicht so laut! Die Wände haben Ohren. Dn hast also geredet? Das Si e i ch s k i n d(stolz): Glänzend sogar. Ich habe für das Licht gekämpft gegen die Finsternis. Meiiie Parteigenossen waren starr vor Entsetzen, und die verblüssteii Geheimräte oben sahen zum Schreien komisch aus. O, ich bin hcnte der populärste Mann Deutschlands— nach Heinz«! Der LieichSgreis: Bravo!(innarmtihnin derHüstengegend, zärtlich) Du bist»icin Sohn' Und Dn glaubst nun, daß die Sache scheitert, die ich im Namen der verbündeten Ncgicrnngcn(schaudernd) verteidigte? D a s 3! e i ch s k i ii d: Ich glaube nicht nur. ich'�iu überzeugt (lächelnd), Dn wirst eine prachtvolle Niederlage erleiden... Der 3i e i ch S g r e i S(munter, schnnmzclnd): O. das ist schön, das ist schön. Wenn unS alleg so mißlänge, dann könnte ich schließlich meines Amtes noch froh werden. D a s öt e i ch S ki n d: Glaube mir, eö wird alles mißlingen. Du kannst darauf bauen. Der 3i e i ch s g r e i s(in seinen Trübsinn zurücksinkend): 3>ei». nein, daS war' zn schön. Und überhaupt: ich ertrage die ewige Angst nicht mehr, daß ich schließlich doch einmal eines meiner Gesetze dnrchbriiiac. DaS R e i ch s k i n d: Denke doch nicht immer daS Schlimmste? Der 3i e i ch S g r e i S(sinstcr): Wer bürgt mir, daß ich niemals Erfolg haben werde! Ich ahne eS, einmal ivird es doch geschehen. Und dann werde ich initschnldig sein an der absteigenden Linie der Menschheit. Alle meine ruhmvollen Niederlagen werden vcr- gcsscii sein, und übrig bleiben wird der eine Sieg. D i c Verant- wortung will ich vor der Geschichte nicht übernehmen. Es graut mir vob der Möglichkeit eines Erfolgs. Darum muß ich fort, so schncll lvie möglich....(Beschwörend) Schaff mir die Pillen, mein Kind! Das ReichSkind(bewegt): Ich beiige mich Deinem Willen und Deiner Weisheit. Niemand kann in der That ganz verhindern. daß Du zufällig siegst. Der Gefahr müssen wir vorbeugen. Es ist schon das beste: Ich will sehen, daß Dn die Pillen erhältst. Der ReichSgreiS:(innig) Dank, mein Kind. Jetzt kann ich beruhigt zu den Akademikern geh» und ihnen mein Herz nnS- schütten. Danach die Pillnil — 235— Das N e i ch s k i n d: Weu» sie»Un aber �civirkt haben, wie fle sollen, was wirst Du dann thnn,»rciu Vater? Der Reichsgreis: linit jubelnder Stimme) Als freier Mann zur Eröfftrinig der Weltausstellung»ach Paris reisen. Das R e i ch s l i n d(crschrccllt: Aber bedenke doch, w e r die Einweihungsrede halten Ivird— ein Socialdenwkrat. Man sagt, er werde den Augenblick benutzen, um für die ganze Welt die Sturm- glocke der Revolution zu läuten. So weit darfst Du nicht gehen, Vater, Du hast nicht an den französischen HaudclSiniuisier ge- dacht.... Der Reichsgreis: Dach, doch! igchcimniSvoll): Gerade deshalb will ich frei werden und nach Paris gehen. tFliisiernd, in zitternder Ergriffenheit): I ch � w i l l- meinen Gl a n b e n a n d e n Fortschritt de r M c n s ch h c i t wiederfinden. (Ter Vorhang fällt.) o a. Kleitres Feuillvtott» g. Sklabcn. Nach dem Dessert hob der Konunerzienrat die Tafel auf. Lachend und plaudernd zerstreute sich die Gesellschaft durch die Salons. Die Herren zkindctcn ihre Cigarettcn an. Tie Damen sammelten sich in kleinen Gruppen. Einzelne nahinen die AlbnmS vor und die Prachtwerke, die ans elegante»� Zier- tischen hermn lagen, andre scharten sich um den Flügel, spielten und sangen. In» Erker hatte sich ein größerer Kreis um die Hausfrau gebildet. Man belvimdcrte die herrlichen Palmen und Topfgcivächse, die hier ans prächtigen Kübeln in die Hohe stiegen, dann schlug ein junges Mädchen plötzlich einen der schweren seidenen Vorhänge zurück und sah hinaus, ein Ruf des Erstaunens kam Über ihre Lippen:„Nein aber sehen Sie doch. ivaS ist das?" Die andern traten an ihre Seite und folgten ihrer Iveifenden Hand. Ans dem großen Hof, der sich zwischen der Villa und den Fabrikgebäuden hinzog, hielt ein Laftlvagcnz ein Eiscnkesscl von riesincn Dimellsionen lag darauf. Die junge Dame lachte:„Nein, ist das nicht drollig? Ein richtiger Höllcnkcjscl. Ja wahrhaftig! Mau lönnte gleich ein paar Dutzend Sünder auf ciimral darin draicn." „Wozu ist denn solch Ricscnding „Ja ivozn? Ach, Herr Konnirerzienrak,— hören Tie doch einen Moment... Herr itommerzienrat Der Hausherr, der eben ans dem Mnfikzinnner herauskam, trat uähcr, ein halbes Dutzend Gesichter drängten sich mir ihn. »Wozu ist der große Kessel, da unten „Liefern Sie ctiva auch für die Höllelt" »Lieferant für Satan n. Eo.,>oaö?" „Nein, aber iiii Ernst gesprochen, lvozn ist denn da? Riesen- ding V" Der Kommerzienrat Ivarf cincii Blick aus dem Fenster: „Der?... Ach so! Ter koinmt ans einer Brauerei, soll repariert ivcrdc».— Ilebrigeus entschuldigen Sie. meine Damen, daß das Ding hier vorn änf dem Hof steht. Am Fabrikeingang ist aber die Straßciistcigniig zu steil,— da können wir ihn nicht transportieren." Die junge Dame, die zuerst gesprochen, machte ein nachdenkliches Gesicht:„Wie transportieren Sie denn den überhaupt? Ist das nicht furchtbar schwer?" „O- gewiß, mein gnädiges Fräuleiit, bicr Pferde reichen da kanm." »Aber, Ivemi er mm auf den Fabrikhof gebracht Ivird? Da haben doch so viel Pferde aar nicht Platz?" „Da nchinen wir dann auch keine Pferde, da ziehen Meil scheu." „Menschen?" „Wirklich Menschen— o Gott, o Goii, Menschen!" Die Stimmen schwirrten wieder durcheinander. DerKominerzicn- rat lachte:„5äa ja, leicht ist cS nicht, das stimmt. Wenn die .Herrschasteii Übrigens zusehen wollen, er wird gleich hineingebracht— is mal'n ganz interessantes Schauspiel. Scheu Sie, da komme» die Arbeiter schon." Die Dame» drängten sich an das Fenster, auch die übrige» Gäste ivaren herbeigekommen, neugierig gespaimtc Gesichter drückten sich au die höht» glänzenden Scheiben.> Der eben noch so stille Hof bot jetzt ein völlig verändertes Bild: Das große Thor, das ans der Fabrik nach dem vorderen Herrschaft- lickien Teil des Grundstücks führte, war geöffnet, eine Schar bc- rußter Männer in Arbciterkittrln strömte heran-?. Zwei kletterten ans den Lasiivagcn und»iahen mit einer langen Latte den Durch- messer des Riescnkcffels ans. Ein andrer, der noch ans der Erde stand,»ahm ihnen die Latte ab und legte sie. gleichfalls messeiid. Mut über den offenen Thonveg. Da? Maß schien irgendwelche Differenzen zu ergeben. Der Wertmeister, der Leiter der ganzen Aktion, traute sich verlegen in den Haaren, machte dann aber plötzlich ein paar weisende Handbewcgnngc». Einige der Blankittel stürzten in daS Innere der Fabrik zurück, erschienen aber schon nach iocnigen Minuten von neuem mit großen Hcbcbännien. „Sie müssen die Thorftngel ausheben," erläuterte der Koin- merzienrät. Unten machten sich die Männer an die Arbeit. Keuchend unter der schwere» Last schleppten sie die großen Thülen in das Innere der Fabrik. Ein anderer Teil Halle sich uuierdcssen an den Lastwagen heran gemacht. Zu zwei und zwei neben einander stehend, faßten etwa sinifzehn Mann die schivcre Deichselstange, weitere zehn traten an daS Hintere Ende. Die Schultern stemmten sich mit allen Kräften gegen den Wagen, die am hintern Ende hatten die Arme straff angezogen und lagen mit den Körpern fast auf der Erde. auch die Vorderen mühten sich, den Wagen von der Stelle zu bringen. Umsonst I Der Koloß wich und ivaukte nicht. Der Werkmeister legte die hohle Hand an den Mund und rief etlvas in die Fabrik hinein. eine weitere Schar von Blanlilteln strömte heraus und gesellte sich zu denen, die am Wagen standen, ei» neues Ziehen, Stoßen, Schieben und Stemmen— die Damen oben im Erker schrien ans:„Er geht! Er geht!" Mit einem jähen Stuck bewegte sich' der Wagen vorwärts, hielt aber eben so plötzlich wieder an und rollte dem» ein Stück zurück. Der Kommcrzienrat stampfte leicht mit dem Fuß ans:„Sie sind gegen daS Haus gefahren— natürlich ein Stück abgestoßen— die Tölpel!" Die Männer ans dem Hofe hatten den Wagen jetzt losgelassen. Hochanfatmend standen sie da. mit fliegender Brust, völlig erschöpft. Der eine nahm ein rotes Taschentuch heraus und fuhr damit iiver die Stirn, ein andrer riß den blauen Kittel auf, daß seine bloße Brust sichtbar lvnrde. Dann nahmen sie die Arbeit von neuem ans. Atemlos mit gespannter Neugier folgte man oben am Fenster jeder Bewegung der keuchenden Männer. Eine alte Dame unter- brach zuerst die Stille:„Nein, ist das aber spannend, ivie sich die quälen müssen I" Das Fräulein»nt dem nachdenklichen Gesicht nickle:„Ja, nicht lvahr? Wisse»«ie, woran es erinnert? An ein Bild in dem Prachtwcrk über Aegypten„Sklaven betmPyrainidcubail". Da schleppe» .sie auch eine riesige Last: und oben aus seines Schlosses Dach steht der Pharao und läsfl sich Luft zufächeln und sieht ihnen zu: Schauen Sic, heute sind wir Pharao und die da unten die— Sklaven." „Hübsch gesagt— Fräulein Lucia ist immer geistreich— Sklabe» — Pharao und die Sklaven, wundervoll—" allgemeiner Beifall erhob sich. Im selben Augenblick erschienen die Diener und präsentierten den Moeea in silbernen Tassen. Lachend und plaudernd zerstreute sich die Gesellschaft ivieder in die SalonS. Die seidne» Vorhänge der Erkerfenster fielen zu, über den leeren Hof klang nur noch das Aechzen der— Sklaven.-- — Amerikanischer Kaviar. Zur Zeit lverdeu in Amerika im Jahr etwa TOOOOO Pfund Kaviar, den Slörsang im frischen Wasser und im Ocenu zusammen gerechnet, in de» Handel gebracht; aber noch vor vier Jahren war der Ertrag um ei» Drittel größer. Während der vciden letzten Jahre lvar der Fischrogen im Gewichte sehr unbefriedigend und das Kaviar-Augeöot daher»ar knapp. Die russische Hansenfischerei hat gleich üble Erfahrungen gemacht, deshalb ist das Angebot' an europäischem Kaviar tili Amerika während der letzten drei Jahre hinter regelrechlcm Ertrage lim nahezu zwei Drillet zurückgeblieben. Ter in Blechdosen mit den Ausschrifteu von Hamburger Firmen in den Handel kommende kleinkörnige, angeblich russische Kaviar ist amerikanische» Ursprungs, kommt dem riissischen an Güte durchaus nicht gleich. Er stammt ans dem Störfang an der Florida-Knste in den Aufaiigsmonatei! des JahreS, wen» der Stör von Süden seine Wanderung längs der atlantischen Küste»ach dem Norde» antritt. Der Nagen des dann an der Küste von Florida und Georgia gefangenen StörS ist noch unentwickelt, klein und schwarz. Dieser Kaviar kann mit Vorteil nicht ausgeführt werde» und Ivird daher für den heimischen Bedarf verwandt, unberechtigter Weise als angeblich von Hamburger Firmen in den Handel gebrachter russischer Kaviar. Ter beste amerikanische ist der sogenannte„Lake sSce-t Kaviar", das Erzeugnis de? Störfangs auf den großen Binnenseen. doch auch dieser kommt nicht au Güte dem russischen Kaviar gleich. Die nächstbeste Sorte stammt von der mittelatlantische» Küste, der sogen. .Dclawarc-Bai-Kaviar. Da nur die besten Sorten ausgeführt werden � so wird von diesem bei lveitem der größte Teil verschickt, hauptsäch- lich»ach Hamburg, von wo ans der amcrilauisthe als„echt russischer" Kaviar i» den Handel gebracht wird.— Musik. Man spricht oft von der Tragik, die dein Leben und Schaffen eines jeden großen Künstlers innewohnt. Sic ist gar mannigfaltig: ein großes Snick von ihr bilden die äußern Sorgen um das Ver- hältni? de? Künstlers und seiner Werke zum irdische» Dasein und zur Gunst der Mitlebcndcn. Allein tiefer sitzt wohl die Sorge um die Gestaltung dessen, was dem Künstler seine inneren Phmstastebildcr zeigen, i» der Welt der äußeren Mittel, durch die er jene inneren Vorbilder znr Darstellung auch für Andere bringen will. WaS da aus dem Weg vom inneren zum sinnlichen Auge, vom iimereu zum sinnlichen Ohr. von der schaffenden Phantasie zur anSgesialtenden Hand. zum„spröden Marmor", zum Stoff der wirklichen Klänge verloren geht, ja auch nur, wider die ursprünglichen Absichten des' Künstlers, sich verändert, da? weiß oder fühlt, wenn es überhaupt dazu kommt, er selber allein: Andere können den Abstand zwischen dem fertigen Werk und seiner Wiedergabe in einer imgenngenden Reproduktion er- leimen— jenen lieferen Abstand zwischen lkrlnld und AuSgestnltnng vermögen sie höchstens zu ahnen. Eine solche Ahnung drängte lich mir kaum jemals so stark ans, wie da ich vorgestern B e« t h o V r>! S„Miss» s o 1 0 in n i s" in der Aufführung durch den Sterns ch e n G e s a» g v e r e i» hörte. Ter Komponist hat rS sein„größtes und gelungenstes Werk" gemimit, und thatsächlich ist mid bleibt cS Ivohl cincS bcr gewalLlisten Werke cillcr Zeiten. Allein es mich eines der gewnltsamstrn Werke zn ncinien: zu diesein Wagnis einer Beethoven-Ketzerei luird nmn sich in nilsrci sonst an äsihciischcn Ketzereien reichen Zeit trotz allei Popularität Beethovens doch noch entschließen können. Wie da der Komponist in die alten, so ganz auf eine Allgcniringnltigkeit der Gefühle angelegten Fonncn der katholische» Wtcsse einen davon tveit verschiedenen Inhalt hincingezivnngcn hat— den der vielseitig aus- greifenden individuellen Gesiihlsstiirnie; wie er die Singstinnncii aufweite Strecken so recht tvider ihr»atnrgcinäßes Vermögen tyrannisiert bat! n>id tvic er schließlich, ähnlich dem bald cinporstiirincnden. bald in Gewohntes zuriiekfallendc» Charakter seiner!). Sinfonie, doch ivicdei manches Konventionelle bringt: das konnte den darauf Achtenden geradezu traurig slinnnen. lind tvcnn man bei der öffentlichen Hauptprobe jenes Konzerts, die ich hörte, das abzieht, lvas in der gestrigen Ausführung reifer als vorgestern gelungen sein durfte, so scheint»ilS doch noch ein beträchtlicher Abstand Übrig zu bleiben bis zn der Klangvollendnng, Gestaltnngsdeutlichteit und Stärkevcrtcilnng, die nötig wäre, um dieser Fülle von Schtvierigkeitei:— ztvischcn dem hartnäckig tvicderkehrende» hohen d und tiefsten Figuren des BasseS— den Eindruck des SüiigcuS mit dem Stofflichen zn benehmen. Wie anders, als»Iis an dein Abend desselben TagS eine Auf- fiihntng von Beclhovcns„Fidclio" mit einem Doppelgnstspiel inS Theater des W e st e n s rief! Auch diese Oper, dieser Ver- klärungssang der Gaticntrenc, wird voraussichtlich alle Menschenzeil nberdanern. In ihr hat Beethoven lange nicht so wie in der Mennten" und in der„Messe" ein Ringen seiner eigensten und eigensinnigste» Kräfte mit widerstrebenden Stoffen, Formen und Konventionen ver- sucht(trotz mancher Zuinnlnng an de» Gesang), hat sogar, namentlich in den Chören, den alten Operngcbräuchcn manches allzusehr zu Liebe gethan. Allein eS gilt tvieder einmal de» Sieg eines echten Trämas, eines tvenigstenS an de» entscheidenden Punktcn vollendeten Znsainmentvirkcns der redenden Künste und nicht minder ein Zusammentreffen von Wollen und Können, von Schaffensplan und Schaffensmittcln... Die Auf- fiihnnig gab der Frau Greefs-Andrießen vom Stndliheatcr in Frankfurt a. M. Gelegenheit, sich vor allem als ciiic tüchtige dramatische Künstlerin zn zeigen. Zwar merkt man ihr an, daß sie ihrem rnhigen Temperament den ticfinnerlichen Charakter der „Lconore" erst abzivingen muß, und sie verfugt namentlich mimisch nicht eben über einen großen Neichtnm von Ansdrncksformc»; allein sie behcr-rscht diese mit einer eindrucksvollen Sicherheit und spielte an den Wendepunkten des Stucks mit über- zeugender Kraft. Ihre Stinnnc ist nicht glänzend, nicht groß und in der' Höhe weniger voll rmd rund als in der Tiefe, doch im ganzen gut gestaltet, von einer gerade für diese Rolle passenden Plastik de? ToiiS rmd von echt dramatischer Sonorhcit. Anders Herr Roth in Ü h l als Florestnn: ein klangschöner, mich in der Höhe mild ansprechender Tenor und ein Spielkiinstler, dem die innere Bewegtheit und spccicll die pathologische Unruhe des gequälten Gefangenen bei allen Muskeln herauskommt. Die übrigen Leistnngcn litten unter dem Mangel individuell bedeutender Kräfte an diesem Theater, obgleich das Gefamtspiel recht solid war; doch auch das Orchester ließ, zumal in der schaurig schönen Einleitung zum ztveiten Akt, de» Abstand zn dem, was»ran in Berlin verlangen kann, sehr merklich fühlen. E i n Mittel wird kaum je versagen, wenn cS gilt.»nS über den Gegensatz zlvischcn den Absichten cincS Künstlers und dem Ein- druck seines fertigen Werks hinanszuheben: das virtuose Spiel mit den Mitteln. Das hat uns auch den, sonst nicht mehr neuen ,.D o u I u a u" von R i ch a r d S t r a u ß im neulichen Sinfonie- K o n z e r t interessant gemacht, mag mau sich auch statt des ihm zu Grunde liegenden PrograunntexteS weiß Gott was andres vor- stellen.— sz. ivölkerkundc. — Nene Beobachtungen über die Zusammen- s e tz u n g und Bereit Uli g d c S C u r a r e g i f t S hat nach einem Bericht des„Globus" Gaillard veröffentlicht. Er hat die- selben bei den GuahiboS und PiaroaS gemacht, die ctiva l>(X1 Kilo- metcr oberhalb Ciudad-Bolivar, am Orinoko, in einer wilden und schwer zugänglichen Gegend als einzige Bewohner Hansen. Die Zubereitung des Gifts war das Monopol gelvisjcr Familien, die damit einen schwnnghaften Handel mit den benachbarte» Stämmen trieben. Man unterscheidet starkes Curare, das zur Jagd auf großes Wild vertvandt wird, und schwaches Curare, das zur Jagd von Vögeln und kleinen Säugetieren benutzt wird. Gaillard fand in dieser Gegend nun sehr häufig StrhchuoS Gnbleri Planchon, eine Liane, die 10 bis 12 Meter Höhe erreichen kann. In den Blattwiiikeln einiger Blätter derselben bemerkt man kurze, verdickte und verholzte Knollen, eine Art modifizierter Zivcige. Diese StrhchnoSart wird zur Bereitung des schwachen Curare benutzt. Die Frucht enthält ein weißliche« Mark von süßem Geschmack, welches die Eingeborncn anstandslos essen, nachdem sie die darin steckende» Kerne entfernt haben. Zur Herstellung dcS Curare benutzen die Indianer die Rinde von Zweigen, welche sie abkratzen, so lange dieselben frisch sind. Sic lochen sie darauf nrit Wasser in großen irdenen Gesäße» und fügen die Blätter einer Aroidee Hinz», die in derselben Gegend wächst und die sie„pieston" nennen. Die so erhaltene Flüssigkeit wird durch einen groben Stoff filtriert, den Man aus dem Bast vom Lecytlüs coviacea, von den Indianern„marima" genannt, gewinnt. Dann Ivird der Saft auf gelindem Feuer in flachen, großen Napfe». die eine große Vcrdanipstmgsfläche bieten. eingedickt. Wenn der Saft die Dicke von Synip erreicht hat, wird er in kleine Flaschenkürbisse gefüllt, die mit Holzpfropfen oder einem Faserbnndel der Morichepälme verschlossen werden. Auf ihren Wandernngen tragen die Indianer diese Flaschenkürbisse an einer schnür am Hüftgürtel befestigt, der ihren Guaynco oder Lenden- schürz ans Bast oder Zeug festhält. Das starke Curare Ivird aus einer höher wachsenden Strhchnosart bereitet, welcher die verholzten Knollen in den Blattwiiikeln fehlen.— Archäologisches. c. Das älteste Bauwerk Asiens. In der Pariser„ä.csilemis cksz iuscrüptions" machte Hcnzch interessante Mitteilmigen über das älteste asiatische Vanwerk, daS bis jetzt bekannt ist. Es ist bei den Ausgrabungen in Chaldän durch den französischen Gelehrten de Sarzec entdeckt worden und befindet sich unterhalb des auch schon sehr primitiven Bauwerks des Königs Our Nina. Unter den Resten von Bitdhaucrarbeiten, welche sich in den Ruinen tvie in einem geschlossenen Zimmer fanden, tvar besonders ein neues Fragment einer Art kreisförmigen Altars bemcrkensivert, von dem mehrere andre mit Bildhanerarbeiten geschmückte Bruchstücke schon vorher i» dem umliegenden Gebiet gesammelt worden waren. Heuzeh läßt eS sich angelegen sein, das ganze Denkmal durch Abgüsse wieder herzustellen. Man sieht eine sehr naive Darstellung, die eine Belehiinng zum Gegenstände zn haben scheint. Ein Ltönig. der den gekrümmten Stab, die Waffe oder das Szepter der frühesten Zeiten, hält, reicht einem jüngeren, auf seine Lanze gestützten Krieger ein Diadem. Die beiden Anführer haben jeder eine Reihe von Leuten im Gefolge, die einen sind mit rasiertem Kopf, die andern mit gerieftem Haupt und Barthaar dargestellt! aber alle zeigen ein ganz charakteristische« asiatisches Profil. Der Altar war in vertikaler Richtung von zwei großen Löchern durchbohrt, die zweifellos der Bestimmung dienten, Massen von Waffen und Aexten, die infolge von Gelübde» dargebracht waren und als ein Symbol der Macht der Götter galten, aufgerichtet zu halte». Dieses kreisrunde Basrelief ist die erste figürliche Darstellung ans der Geschichte, die man in Asien anführen kann.— Hunioristlscheö. — Höflicher Abschied.„... Also, adieu, Frau Nachbarin, — und sind S' halt so gut und bleiben S' recht g'snndl"— —(Sin„ahnungsvoller E»gel". Meie r(welcher seinem Freund Müller 50 M. gepumpt hat):„Aber, lieber Freund, waS macht Dich plötzlich so weich?" M ü l l e r:„Ach Gott, mir ist so. als ob ich Dich nicht mehr seh'» sollte!"— — N o t w e h r...... Ich dachte immer. Du köuutest den Huber»ickit leiden, und mm hast Du gar S ch m o l l i« mit ihm getrunken I" „Ja weißt Du, der Kerl wurde alleweil zutraulicher und frecher, und um mich besser tvchrcn zu können, Hab' ich lieber gleich Bruder- schaft mit ihm gemacht i"—,(„Flieg. Bl.") Notizen. — AgneS<3 oi' in a beginnt ihr Gastspiel im Lefsing- Theater am 4. April mit„ Nora".— — Sophoklc«'„ A n t i g o n e" ivird am nächsten Mittwoch, -nachmittags lPjfe Uhr. durch den„Akademischen Verein für Kunst und Littcratnr" im L e> s i n g- T b c a t c r zur Aufführung gebracht.— — Al« Kandidaten für die Nachfolge Prof. BlnuiuerS in der Leitung der S i n g a k a d e cu i e werden Prof. R e i in a n»- Berlin, Spenge!- Hamburg und Gcncralmnsikdireklor Fritz S t e i n b a ch- Memingen genannt.— — In der W i e n c r Hofoper wurde T i ch a i k o w« k y s lyrische Oper„Folanthe" mit lebhaftem Erfolg aufgeführt.— — Nikolan« D n in b a. der eifrige Förderer der Wiener Kunst, ist auf einer Reife nach Budapest plötzlich gestorben. Er hat als Erster M n k a r t und T i l g n e r größere Aufträge gegeben und eine Reihe junger Künstler unterstützt.— — Die P c n s i o n s a» st a l t deutscher I o n r n a l i st e n und Schriftsteller veröffentlicht soeben einen Auszug mis dem Jahresbericht für 1899. DaS vcrfloficne Geschäftsjahr gestaltete sich sehr günstig»ud schloß mit einem Ilebersckinß von 18 700 Mark ab. DaS VereinSverinögeii ist inzwischen aus 000 000 Mark angewachsen.— — Die größte amcrikanifchc Bierbrauerei ist schon seit längerer Zeit die von Anhanser- Busch in S a int-Louis in Missouri. Daneben iiinimt in Chicago und Milwanlee. das fast ausschließlich von Deutsche» bewohnt ivird, die Bierindustrie gewaltigen Ausschwinig. Die Zahl der Brauereien in Chicago ist, nach einem Bericht der„Illustration". in den letzten Jahren von 22 auf 42 gestiegen, zugleich ivnrdc dort eine Brauerakademie er- richtet, in der außer den allgemeinen Wissenschaften Chemie, Physik und Mathematik alles theoretisch»ud praktisch gelehrt Ivird. was ans die Anlage, die Einnchluug und den Betrieb der Brauereien Bezug hat, insbesondere die neuesten Entdeckungcu auf dem Gebiete der Mikroorganismen und de« GährnngSprozcsscS.— Velninivortlicyei: Revaae»:: Paul John in Berlin. Druck un» Bcrcag von Btax Tading in Berlin.