Unterhaltimgsblatt des Uarwärts Nr. 60. Dienstag, den 27. März. 1900 cNacKdruck vervolill.) q Elvmrnkine Holnr. Giac üivmicuftubic von Gabriele N e»t t e r. tSchliis;.) Ottolar machte ein finsteres, gepeinigtes Gesicht. Später traf ihn Frau Holm, wie er mitten in der allgemeinen Froh- lichkeit einem schönen jungen Jtaliencrlnirschen. der eines der Mädchen auf den nackten Arm küssen wollte, sehr ernst bc- deutete, sofort das Hans zu verlassen. Zu seiner Mutter sprach er ein büseS Wort von Tingel- Taugel-Lustbarkeit. Er, der Abenteurer, hatte anZ allen ivilden Fahrten seines Lebens nur c i n Ideal gerettet: das bürgerlich Korrekte. ES ging ihm wie manchem vielcrfahrcnen Manne, der nicht ver- steht, tvie eine Frau unschuldige Freude an Dingen haben kann, die ihm durch unreinliche Erinnerungen vergiftet sind. Seit jener Abendgesellschaft war seine gelassene Liebens- Würdigkeit gegen seine Mutter einem kühlen, fremden Wesen gewichen. Ottokar hatte Frau Holm schon während der ersten Erwähnung ihrer ZriknnftSpläne gebeten, bei den Schritten. die sie thun wolle, vor allen Dingen ihrer Würde nichts zu vergeben. Ob sie diesen Wink völlig verstand und beherzigte? Es war später nicht»vieder die Rede von ihren Hoff- innigen und Absichten gewesen. Ottokar nahm sie nicht mehr ernst. Eines Abends kam Frau Holm mit wogender Brust und fliegendem Atem heim, bleich vor Erregung, von Staub und Schweis; bedeckt. „Ich habe eS erreicht! Ich habe eS erreicht l" rief sie jauchzend ihrem Sohne zu und fiel erschöpft auf einen Stuhl. ..Ich habe den Khedive selbst gesprochen, er hat Deine Au- stelluug genehmigt!..." „Ismail Pascha selbst?" fragte Ottokar ungläubig.„Aber Mutter, wie hast Du denn da? angestellt?" „Seit Wochen schon bot ich alles ans. damit der Konsul mir eine Audienz verschaffe. Oder der Minister. Aber sie haben mich iminer mit leeren Versprechungen hingehalten. Nim Wichte ich aber, das; der Vicckonig in diesen Tagen in Alezaudricil ist und seine Mutter besucht. Da habe ich einen Wagen genommen und bin Hinansgefahren nach Ni-Talate, dem Schlosse da dranffen am Kanal, wo die alte Vicekönigtn Mutter wohnt. Und Cigarrcn und Gold hatte ich mit mir und einen Korb mit Kuchen und Süßigkeiten. „Und Gott sei Dank, schivatzen kann ich ja Arabisch wie Deutsch. Da habe ich bei dem Soldaten im Schildcrhanse angefangen und ihm vorgeredet, ich müsse den Vicekönig sprechen, weil inein Kind, das ich seit fünfzchu Iahren nicht gesehen hätte, seit eS ein kleiner Bub' war, endlich zn mir znkückgekvmmen sei. und nun wolle eS wieder fort übers Meer, wo die Menschen sterben vor Hitze und von den wilden Tieren gefreffen werden. Und habe ihm Cigarren zugesteckt und Nllpieu und Zuckerzeug für seine Kinder.... Ihr wißt ja— die Araber und Türken— ivaS bei denen die Mutter gilt.... Ueberall haben sie mich durchgelassen. Und das Zuckerzeug hat noch mehr gewirkt als das Geld und die Cigarren, weil eS für ihre Kinder war. Und so habe ich im Garten warten dürfen, biS der Vicekönig ans der Stadt gekommen ist im offene» Wagen, mit vier Läufern; deren iveiße Aermel blies der Wind auf, daß sie tvie mit ausgebreiteten Flügeln liefen... Und wie sie näher und näher getanzt kamen, die brannen Jungen vor deu sausenden Pferden her, da war es mir, als brächten sie mir daS Glück. Und ich wurde so mutig I Und als der kleine. dicke Herr mit seinem roten Fez ausstieg und durch das Portal kam, bin ich ihm einfach zu Füßen gefalle», auf den Garten- kies hin und habe ihm alles gesagt, was ich schon deui i Schilderhaussoldaten und den Gärtnem und Thürhütern und Kawassen und all den ÄerlS gesagt hatte. Ganz dasselbe. Bei ihm war Achmed Pascha, der mich kannte und ihm bestätigen konute, daß ich die Wahrheit redete. Und Ismail ist eben auch Türke, und Ihr wißt ja. wie viel er auf seine Mutter hält. Und halb war er gerührt und halb hat er gelacht. Wenn man ihn amüsiert, soll«hhi ja alles bei ihm crmchcch: Da habe ich mich denn recht zum Hanswurst ge- macht. Was schadete eS— es war ja für meinen Jungen. Und da habt Ihr nun das Resultat: Administrator im Kafr Zagat und zwanzigtausend Franks Gehalt im Jahr!... ISmail läßt sich nicht lumpen!" Gretchen fiel ihr um den Hals, weinte, küßte ihr die Hände. Ottokar ging nachdenklich im Zimmer auf und nieder. „Junge— ist eS Dir nicht recht?" stagte Frau Holm, ans der siegreichen Aufregung plötzlich niederstürzend in eine klägliche, bedrückte, demütige Stimmung. „Mutter— Du bist eine merkwürdige Frau." sagte Ottokar.„Man muß Dich bewundern und doch— ich möchte, Du hättest das nicht für mich gethan." „Ottokar— bist Du so klein?" „Vielleicht bin ich kleinlich. Aber ich ikomme nicht darüber hinweg, in Gedanken Dich dort knien zu sehen vor dem Manne, der doch nur ein großer Narr ist.... Ich wollte. Du hättest das nicht gethan-- Wir reden noch darüber...." „Ottokar--? Nicht jetzt— nicht jetzt.... Wenn Du ruhiger geworden bist." Fra» Elementine Holm lag die ganze Nacht hindurch mit unruhigen Gedanken wachend ans dem Lager. Ihr großer Herzenswunsch' war der Erfüllung nahe, sie würde ihren Sohn in der Nähe behalten. Trotz seiner Be» denken zweifelte sie keinen Augenblick an seinem Glück über diese Stellung. Zwanzigtausend Franks Gehalt— das weist man doch nicht von der Hand. Natürlich würde sie mit nach Kafr Zagat hinausziehen. Wenn er sich nun mcht- verheiratet.... Welch ein herrliches Leben konnte» sie Beide miteinander führen. Gewiß würde sie dann nach und nach auch wieder Einfluß auf ihn gewinnen. Sie wollte es ja so gut und klug beginnen, ihn unvermerkt zu deu GeisteSquelleu zu führen, ans denen sie die Nahrung für ihre Seele schöpfte. Denn es ließ sich ja nicht leugnen, daß er ein rechter Alltagsmensch geworden war— ihr Traumgott und Held. Wer mochte übrigens wissen, wie weit auch hier GretchenS heimliche Einflüstcnmgen im Spiele waren. Sie hatte sich gründlich in dem Mädchen getäuscht. Eine tückische falsche Person war sie. tvie hatte sie sich zu verstelle» gewußt, um ihr Ziel zu erreichen! Könnte Ottokar mit einer Frau glücklich tverden, die ihn lehrte, die eigne Mutter zu mißachten? Nicht durch ihre Schuld sollte sein Leben verpfuscht werden. Die Liebe zwischen den Beiden war thörichte Sinnenlust. Man durfte sie nicht berücksichtigen. Redeten sie denn je ein ernstes Wort miteinander? War es nicht ein unaufhörliches Necken und Küssen, eine Lust am Oberstächlichstcu? Sie mußte sie trennen— es war ihre Mutterpflicht. Sie empfand Gretchen so sehr als ihr Geschöpf, das; sie sich förmlich wunderte, sie nicht durch ihren Wunsch allein in irgend einer Versenkung verschwinden lassen zu können. Am nächsten Morgen, als Frau Holm am Kaffectische erschien,>var ihr Sohii schon ausgegangen. Frau Holm zog die Brauen unzufrieden zusammen. Sie hatte ausführlich mir ihm über die Zukunft reden wollen. Und immer, wenn sie diese Absicht hatte, war eS, als ob er sie schon ahnte und ihr entschlüpfen»volle. „Wird er mittags zurück kommen?" fragte sie Gretchen. „Wenn Du die Güte haben willst, eS mir zu sagen?" ..Ich weiß es nicht, Maina." Fra» Holm lachte bitter. „Als ob Di« es nicht»mißtest." „Wirklich nicht, Mama." .Ma ja— nenne mich nicht immer Maina. Ich bin nicht Deine Mama."—......—.............-..... Gretchen schwieg erschrocken und hielt es für geraten. nach einer Weile im Nebenzimmer zu verschwinde». Voll dort hörte man sie eine»» Walzer probieren, anfangs etwas stümperhaft, dann glatter, munterer. Die Thür»ourdc aufgerissen. Ein Rauschen und Flattern. wie von einem großen Vogel, der mit den Flügeln schlägt; ein heftiges Atemholen. „WaS spielst Du da?" rief Frau Hol»». „Deu Walzer aus der.Fledermaus'." „Wie kommst Du dazu?" schrie Frau Holm zor»»ig. „Weißt Du»licht, daß ich das leichtfertige Stück hasse?" „Ottokar hat mir die Noten geschenkt. Er wollte gern ekwaZ Lustiges von mir hören. Alle Welt spielt es in diesem Winter!" „Ich verbitte mir. daß in meinem Hause dieser frivole Schund gespielt wird!" „Aber wenn es doch Ottokars Lieblingsstück ist.. „Lüge nicht, Du hinterlistiges Geschöpf!" Frau Holm geriet in blinden, wütenden Zorn, in dem alle Qual der .letzten Wochen einen jähen Ausbnlch fand. Sie riß die Noten- blütter voni Pulte und schlug sie dem Mädchen um die Ohren. Am Arme zerrte sie Gretchen von dem Klavierstnhl enipor, und die haßglühenden Augen auf sie geheftet, schrie sie:„In einer Stunde hast Du mein Haus zu verlassen. Nimm Deine Sachen— was Dir geschenkt worden ist, kannst Du behalten — ich gönne Dir den Plunder. Aber komme mir und meinem Sohne nicht mehr unter die Augen!" Aufschluchzend, in Todesangst vor der großen, gewaltigen, ihrer Sinne kaunr noch mächtigen Frau lief Gretchen hinaus, griff nur nach Hut und Mäntelchen, flog die Treppen hin- unter und warf sich in einen Wagen. Gott sei Dank, wußte sie ja, in welchem Cafe ihr Ottokar saß und darüber nach- dachte, wie dieses schwierige und gefährliche Verhältnis zwischen ihnen und der Mutter am friedlichsten zu lösen sei. Einige Stunden später erschien Ottokar bei Frau Holm. Milde, friedlich, ausgeweint, kam sie ihm entgegen. Aber er ging an ihr vorüber, er sah sie gar nicht. ... Ja— konnte er denn schon wissen, was ge- schehen war? Sie versuchte zu erklären. Er schnitt ihr daS Wort ab. „Reden wir nicht mehr über die Sache, Mutter. Ich habe Gretchen gesprochen— es ist wohl am besten, so wie es gekonimen ist." Frau Holm blickte ihn ängstlich und demütig an. Sehr bleich sah er doch aus— es ging ihm nahe.... O, sie wollte ihn ja auch so pflegen, und lieben...- Wenn er sich nur ausgesprochen hätte.... Aber er ging schweigend in fein Zimmer und schloß die Thür hinter sich ab. Und so verrann der Tag in einem beklommenen, dumpfen Schweigen. Gegen sechs Uhr ging Frau Holm aus, etwas zum Abendessen zu besorgen. „Reis mit Curry" sollte es geben, eine Speise, die sie verabscheute und für ungesund hielt, die aber Ottokar liebte.... Als sie heimkam, hatte ihr Sohn sich inzwischen ent- fernt. Sie hielt bis um 9 Uhr abends das Essen warm. Dann sagte ihre Dienerin:„Ich denke nicht, daß der Herr heute abends zurückkommt, er hat ja seinen Uoffer mit- genommen." Frau Holm starrte sie aus großen Arigen an. Ein kalter Schauer lief ihr durch die Glieder. Sie ging mit schweren Schritten in Ottokars Zimmer. Papier lag umher, an- gerauchte Cigarrcnendcn, Streichhölzer, ans dem Tische ein Paar alte Handschuhe... Sic fiel auf den Rand seines Bettes, wo er die Nacht vorher noch geschlafen, und dort saß sie, bis es dunkler und dunkler wurde rmd endlich ganz finster. Das Mädchen kam und fragte, ob sie sich nicht niederlegen wolle, aber sie schüttelte nur den Kopf. In der Nacht schrack die kleine Araberin in ihrer Kammer hin uud wieder aus dcni Schlafe auf und lauschte furcht- sani. Es drang zu ihr ein heiseres Schreien und Stöhnen, wie es sich dem Menschen in unerträglichen Schmerzen cut- ringt. Ein Tag— ein ganzer Tag verging noch ohne Nachricht. Dann am Abend brachte ein Bote einen Brief von Ottokar. Er schrieb der Mutter, daß er es für besser halte, in seine bisherige Stellung zurückzukehren. Gretchen habe er mit sich genommen und werde sich in Aden mit ihr trauen lassen. Von dieser Zeit an hörte und sah man nicht niehr viel von Frau Holm in der europäischen Kolonie. Sie lebte still in ihrem leergewordenen Hause und hegte einen bösen Haß auf ihre Landsleute. Mehr und mehr nahm sie orientalische Sitten uud Gebräuche an. Zuweilen holte sie sich kranke Fellahkinder von der Straße und pflegte sie. Von den unr- wohnenden Türken und Arabern wurde ihr eine demütige Ehrfurcht entgegengebracht, und sie erhielt von ihnen den Bei- namen: die Mutter der großen Trauer. Es ging das Gerücht, daß sie zum MohaminedauiSmus übergetreten sei, aber das wurde nie als sicher bestätigt.— Mebev unfve NvÄfk. (Berliner Theater.) Es muß offen anerkannt Iverden, daß Lindau das Berliner Theater gehoben hat. Daß er es besser verwaltet als Herr Prasch, danken wir ihm nicht. Es schlechter zu verwalten, war überhaupt nicht möglich, und da auch das Niveau unmöglich geworden war, auf das Herr Prasch, oder Frau Prasch, oder beide zusammen das Theater gebracht hatten, mußte notwendig eine Steigerung eintreten. Lindau hat aber auch das Theater an sich gehoben. Seine litterarischen Nachmittagsvorstellungen sind eine Ivcrtvolle Bereiche- rung unsres Thcaterlebens, um so mehr als sie auch de» Abend- Spielplan günstig beeinflussen. In Bezug auf Björnso», dem der letzte Nachmittag galt, muß Lindau es wohl bei halber Arbeit bewenden lassen. De» zweiten Teil von„Ueber unsre Kraft" würde er gewiß gern spielen, da er nicht nur bedeutender, sondern auch bühnenivirksamer ist als der erste. Leider ist es nicht eben so geiviß, daß die verfassungswidrige und mithin zu unrecht bestehende Censur ihn passieren ließe. Und so müssen wir uns wohl darauf gefaßt macheu, daß.Ueber unsre Kraft" mit dem Tod des Pfarrer Sangs beschlossen wird. Das ist um so bedauerlicher, als die grandiose Psychologie der Dichtung sich erst im zweiten Teil zu voller Be- dcutung auswächst. Wie aus dem Sohn des wundergläubigen Pfarrers ein Schwärmer wird, der sociale Wunder verrichten will und mit Dynamit an der kranken Gesellschaft herumknriert: das ist jedenfalls das Bedeutendste, das BjörUson geschrieben hat und vielleicht überhaupt etivas vom Bedeutendsten, das die neuere dramatische Litteratur birgt. Aber immerhin: der Pfarrer Sang ist auch für sich allein ein Charakter, der eine nähere Beschau verdient. Er nimmt es mit seinem Christentum so ernst, daß einen Konsistorialrat, oder sonst einen patentierten Vertreter der Kirche ein kalter Schauer überlaufen muß. In der Bibel steht bekanntlich, daß der Glaube Berge versetzen kann, und der Pfarrer Sang ist so kindlich, so wenig gelehrt, so unrettbar thöricht, das für bare Münze zu nehmen. Es steht geschrieben, daß dem wirklichen Glauben das Wunder verliehen wird, und Pfarrer Sang ist ein so wenig gebildeter Christ, daß er nun auch thatsächlich mit seinem Glanben Wunder thun will. Er hat die gelehrte» Kommentare nicht gelesen, in denen mit lächelnder llcber'legcnhcit derartige radikale Schrullen abgcthan werden. Er kennt jenes civilisierte und schätzenswerte Christentum nicht, das sich philosophisch mit jeder politischen Gemeinheit abfindet und den Mann von Golgatha»och einmal ans Kreuz nagelt. Pfarrer Sang liest die Bibel wie ein Kind und ist— der Esel— dumm genug, um zu glauben, daß man klare Schrift» Ivortc auch ohne unklarc Kommentare verstehen kann. Dem Glauben ist aber mit klaren Worten das Wunder verheißen uud somit will Saug— ein Riese von Naivctät— nun auch wirklich Wunder thun. Er thut auch Wunder. oder doch, was einem Wunder so ähnlich ficht, wie ein Ei dem andern. Die Gcivalt seiner Persönlichkeit teilt sich Kranken und Siechen so mächtig mit, daß sie aufstehen und wandeln. Er gicbt— wenn er doch nur die gelehrten Kommentare gelesen hätte!— sein Vermögen den Armen und setzt sich dem Sturm und dem tückischen Vergnebel au?, tveil er wirklich glaubt, was andre mit den Lippen bekennen, daß nämlich sein Leben in Gottes Hand ruht. Er ist kein Sonutagschrist. sondern sozusagen ein SamStagS- gläubiger, für den Arbeit und Glauben noch nicht geschieden sind. Er will vor allem»über die Kraft" hinaus. Die Moral des Christentums ist früher und feiner verkündet worden. als im Evangelium. Die skeptische Welt soll den Glauben an der Kraft des Glaubens erkennen. Pfarrer Saug zweifelt keinen Augenblick, daß er über Kräfte verfügt, die keinem Ungläubigen zu Gebote stehen. Ihm fehlt, wie seine kluge und unglückliche Frau sehr richtig sagt, ein ganzer Sinn— der Sinn für die Wirtlichkeit. Eben weil ihm dieser Sinn fehlt, sieht er nicht, daß er seine Frau zu Grunde richtet. Er nimmt ihr Leben mit der Selbstverständlichkeit, die den bedeutenden Manu nicht sowohl kennzeichnet, als vielmehr ausmacht. Pfarrer Sang würde sehr erstaunt fein rmd seinen liebreichsten Ton anschlage»», wenn ihm jemand ins Gesicht sagte, daß er ein Mörder sei. Nichtsdestoweniger. aber ist er einer und zwar ist er uni so grauenhafter, als er aus Motiven nrordet, die wir bewundern müssei». So mit dem Fluch des Entsetzens war nie ein Mörder ge- schlagen I Einen ehrlichen Messerstich kann man schließlich parieren und einen feigen verabscheuen, aber was soll inai» zu einem Manne sagen, der mit aufrichtigein Glauben und kindlicher Heiterkeit mordet? Man schaudert. Ein tiefes Schaudern geht von BjörnsonS Dichtung anS und das ist, unsres Ermessens, an ihr das bedeutendste. Tiefer haben wir den entsetzliche» Fluch des Sünders nie gefühlt, als von dem wnndcrthuenden Pastor Sang. Tiefer ist es uns nie zum Bewußtsein gekommen, daß ein Mensch, der„über die Kraft" hinaus- geht, ein Verbrecher ist, den man totschlagen oder einsperren muß. lieber die Kraft hinaus I Zunächst war es die kluge und warme Frau Pastor, über deren Kraft der Wunderglaube ihres geistlichen Mannes hinausging. Sie gab stückweise alles, ivas sie hatte, zuerst ihr bißchen Glück, dann ihre Habe, und schließlich ihre Gesundheit. Als sie so viel gegeben hatte, konnte sie freilich nicht mehr zurück, und als eine Freundin sie fragt, ob sie ihren Mann liebt, spricht sie das tiefe Wort: ich liebe ihn eigentlich nicht— ich existiere durch ihir Es ist freilich eine traurige Existenz, oder es ist doch eine, und wir könnten ruhiger scheiden, wenn sie der Fran de- lassen würde. Da Pfarrer Sang indessen wächst, wächst anck sein Wund.erglanbe, und es ist an» Ende nnr logisch, dag ein Mensch daran glauben muß, wenn so ein christlicher Ucbcrinensch sich entivickeln soll. Frau Sang muß auch ivirklich daran glauben. Wir erfahren wenig von ihr und doch schenken ivir ihr alles, was Ivir an Liebe haben. In diesem entsetzlichen Christenmilie» ist sie der einfache nnd natürliche Mensch, mit dem wir menschlich sühlci». Solange sie lebt, lveint in ihr das verletzte Menschentin» und im Tode klagt sie so granenhaft den Wunderglauben an, daß ivir ihren liebevollen Mann vor de» Straf- lichter ziehen müßten, wenn er nicht— eine tragische Natur— von einer höheren Instanz sein Recht erhielte. Pfarrer Sang hat durch Gebet nnd Glanben seine kranke Frau heilen ivollen. Er hetzt sie, die seinem Willen unterivorfen ist, in einen Ficberransch von Ge- sinidheit hinein, um sie dann schließlich als Leiche in scincil Annen allfzufangeii. Und nnn erst fällt es ihm wie Schuppen von den Augen und mit einem entsetzten„oder", das den Zusammenbruch seines Glanbens verkündet, sinkt auch er entseelt zusammen. Im Vordergrund der Vorstellung stand Bassermann, ob- wohl er eigentlich im Hintergrnnd der Dichtung stand. Herr Pitlschau traf den Pfarrer Sang recht gut, nnr daß er miS durch eine strafbar süßliche ChnstiiSmnske emniyierte. Er scheint bei den Malern Studien gemacht zu haben, die sich besser auf die Frisur als auf die Genialität Christi verstehen. Frätilein Franc ndorfer war in der cllvaS passiven Rolle der Frau Sang warm nnd natürlich.— Erich S ch l a i k j e r. Kleines Fenillekon. K. Zur Naturgeschichte der Regisseure. Lndlvig B a r n a p verößentlichl im April-Heft von„Westermanns Monats- heften" eine fesselnde Plauderei ans der Theaterwelt, in der er cüte „Naturgeschichte der Regisseure" zu entivickeln versucht. Die zahl- reichen Regisieurtypen, deren Bilder er nach ihren besonderen Nei- ginigen und Veranlagungen mit feinem Humor ansinalt, seien hier in ein paar Strichen wiedergegeben. Baruay nimmt sich zunächst den „Buchhalter" vor. AIS Adept LanbcS schwört er auf„Das WortI" Auf der Probe steckt er die Rase fortwährend ins Buch nnd koil- trolliert jede Silbe! Ivie es ans der Scene aussieht, geht ihn nichts an, wenn nnr der Text wörtlich gesprochen wird. Der„Wegweiser" hat dagegen sorgsältlig in seinem Regiebuch festgestellt, woher jeder Schauspieler kommen und tvohiii er abgehen soll, welche Wendung hier und welcher Bogen dort auszuführen ist. ANbekannt ist der„Schul- meister". Langer ergrauter Bart, fein goldgesticktes Samnictläppchcu auf den spärlichen, aber sehr lange» Haaren sind seine Kennzeichen. Alle bekannten dramaturgischen Werke von Rötscher bis Devrient kennt er, und er hält auf jeder Probe lauge kunftwisseuschaftlichc Vorträge, aber nur für die jüngeren Schanspicler. da die alten doch nicht niehr auf ihn hören. Die Proben sind daher natürlich endlos. Das «Panoptikun»" hat leine andre Sorge als daß, besonders in histori- scben Stücken, die darzustellende Persönlichkeit durch Bart, Penückc und Schminke möglichst porträlähnlich gemacht ivcrde, er würde es nicht überleben, ivenn bei ihm, ivie einmal bei einem Gastspiel HaaseS i» Mainz, die Rolle dcS alten Goethe im„Königs- lientenant" boin Direktor im natürlichen Vollbart gespielt würde! Der„Baumeister" kamt sich ein wirksames Bühnenbild ohne die vcr- wcgenstcn Erhöhnngeu auf der Bühne nicht denken, er liebt vor allem die„stilvolle Dekoration", bei der, wenn eS irgend geht, Treppen nach einem oberen Stockivcrk führen oder die Darsteller aus der Tiefe auf die Bühne heraufsteigen, und in einem einfachen bürgerlichen Zimmer muß er wenigstens an einem Fenster oder einem Balkon einen„Tritt" anbringen lassen. Weit verbreitet ist der ThpiiS der„Kopiermaschine". Dieser ist sehr oft abivesend auf„Geschäftsreisen", in Paris oder London, in Wien oder Berlin. Dort notiert er sorgfällig alles, ivas er sieht nnd holt auch den Regisseur aus, nm zu Hause sklavisch alles nachzuahmen, d. h. bei den betreffenden Stellen hat er auf der Probe immer plötzlich„eine gute Idee"! Das A und O für den„Orientexpreß" ist:„Schnell sprechen, einander die Reden gleichsam auS den, Munde nehmen— nur keine Pausen!" Sein höchster Ehrgeiz ist es. einen Rekord zn erziele», bei dem eine Vorstellung, die drei Stunden dauern müßte, in zweien hcruntcrgepeitscht wird, gleichviel, ob das Publikum ettvas von den Reden der Darsteller versteht oder nicht. Der„Schlangenmensch" erstirbt in Ehrfurcht vor seinem Chef und findet jede Maßregel desselben richtig und geistvoll, nur im geheimen findet er einmal seinen Anordnungen gegenüber einen tiefen Seufzer, ein sarkastisches Lächeln oder ein bedeutmigs- volles Achselzucken.... Sein Gegenbild ist der„Sturnrbock". Er ist ein Unzufriedener, tadelt alle Anordnungen des Direktors, schimpft aus alles, möchte„lieber Steine karren als sein verfluchtes Handwerk treiben", ist meist leberleidend, raucht leidenschaftlich und klagt über mangelhafte Verdauung. Die Schauspieler aber sagen von ihm, er sei ein„ehrlicher Kerl". Ein Thcarerdircktor Namens Quant, der vor vielen Jahren gelebt haben soll, hatte jeglichem Mißgeschick gegenüber das Trostwort:„Rur ruhig, Kinder,»m zehn Uhr ivird's doch aus." Auf ihn geht die Gattung der„Qnantiauer" zurück, die durch nichts ans der Fassung zu bringen sind. Der „EntouteaZ" macht alles, er ist für den Direktor„eine Perle", weil er über alle Hrndmiisse hinwegkommt. Dein„Legomachos" ist der ganze äußere Apparat gleichgültig, er sitzt nur und lauert auf falsche Betonungen in den Reden der Schauspieler, um aufzuspringen und mit überlegenem Lächeln seine Auffassung des Satzes zur Geltung zu bringen. Der„Unteroffizier" ist ein ieidenschaftlicher Anhänger der Abschreckungstheorie, er leimt die 16g Paragraphen der Theater- Hausgesetze auswendig und ahndet jedes kleinste Vergehen durch Zu- diktieren von Strafen, die noch dazu unfehlbar am„schwarzen Brett" zur allgemeinen Kenntnis gebracht Iverden. Auch einen„Papst" giebt es unter den Regisseuren. Er kann niemals irren.. Was er einmal übet Ausfassimg und Darstellung� gesagt hat, das gilt. Er kennt auch den Text bester als jeder«-chauspieler, und wenn dieser sich verteidigt und das Textbuch vorgezeigt wird, nach dem er recht hätte. dann ist es— ein Druckfehler I Sehr sarkastisch nialt Barnay den „Stimniimgsregifseur",'. das Schoßkind der Modernen:„Halbe Beleuchtung, die Lampen füglich so weit herabgestimmt, daß man die Schauspieler nur noch erraten kann,— Pausen an allen möglichen Stellen— dargestellte Gedankenstriche des Autors— ein so leise ge- sührtcs Gespräch, daß kaum die Hülste der Worte verstanden wird— das sind seine gangbarsten Hilfsmittel, und hat er es erreicht, daß das Publikum von der dargestellten Scene nichts gesehen nnd nur die Hälfte verstanden hat, dann ruft er triumphierend:„Seht Ihr? Stimmung I Stiiumung I— Das ist alles I" Der„Verist" arbeitet viel mit bestaubten Stiefel», geflickten Beinkleidern, zerbrocheneu Stühlen, piependen Kanarienvögeln, rauschende» Wasserfällen, roten Nasen, und ivenn das Stück im Winter spielt, mit Schneefällen, die man durch das Fenster sieht usw. Baniay zählt noch eine ganze Anzahl von Typen auf, den„Masseverivalter", der mit großen Massen in erster Linie Leben und Beivegung in das Bühnenbild bringen will. Schlachten, brennende Schlösser, ganze Scharen schreiender, ans der Bühne herumkrabbelnder Statisten zu ver- blüffenden Effekten braucht, den„Schneider", de»„Dekorateur", den „Scheinwerfer", den„Phonographen", den„Rötclmann" u. a.... Der beste Regisseur aber, schließt Barnay, der rechte ist, der von jeder Gattung etwas und von keiner zu viel hat!— Litterarisches. — W i e Dickens arbeitete. Ans Dickens„Nicholas N i ck l c b h" ist eine ergötzliche S ch u l a il n o n c e des Mr. Squeere bekannt, der für 20 Guineen Jahrc-Zhonorar alles mögliche bietet: „In Mr. Wackbord Squceres Akademie k. in Dorkshire finden junge Leute Kost und Logis, Kleidung, Bücher, Taschengeld, Unterricht ui allen lebenden und toten Sprachen um das jährliche Honorar von 2V Guineen. Keine Extravcrgütungcn. keine Ferien, eine unüber- troffcne Kost. Mr. Squeere hält sich in London auf und ist täglich von 1—4 Uhr im Mohrenknopf zu Snoiv Hill zu sprechen." Nicholas Nicklcby erschien 1833 von» April an in Lieferungen. Eiu Leser des .AlhenntmlS" schreibt an dasselbe, daß er zufällig in de»„Times" vom 23. Jnni 1338 die folgende Annonce gefunden habe, die Dickens zweifellos in feiner köstlichen Erzählung benutzt habe:„In Mr. Simpsons Akademie 3C. in Dorkshire finden junge Leute Kost, Logis und Unterricht, einerlei, für ivelchcn Stand sie sich später ent- scheiden»vollen, um das jährliche Honorar von 20 bis 23 Guineen, je nach Alter. Keine Extravergütungcn und keine Ferien. Referenzen bei Mr. Simpson, der täglich voi» 12—2 in» Mohrcnkopf zi» Snoiv Hill zu sprechen ist." Mit Ausnahme des NamciiS nnd des Wohnorts, von dem Dicken« nur da-Z Dorkshire übernommen hat, stimmen die beiden Annoncen fast vollständig.— Theater. Freie Volksbühne. Tie„Neuvermählten". Da- nach:„Die sittliche Forderung".— Der Stoff, den Björiffon in den„Neuvermählten" behandelt, ist i»n Grunde epischer Natur. ES ist kein Zufall, daß in dem Stück niehr geredet»vird, als eigentlich gut ist. Trotzdem haben»vir aber schließlich doch n»it einer licbensivürdigen und interessanten Dichtung zu thun, die sich init Recht auf dem Spielplan erhalten hat. Der Inhalt ist leicht erzählt. Ein junger Mensch hat in eine alte und sehr reiche Familie hineingeheiratet. Da die Eltern sich von ihren» Kind nicht trennen können,»miß der junge Gatte sein Eheglück in ihrem Hanse genießen. Das Milien dieses Hanfes ist prachtvoll geschildert. Schivcre Tcppiche dämpfen die Schritte. Nie hört man ein lautes oder gar ein grobes Wort. Alles vollzieht sich in der denkbar größten Ruhe und Bc- haglichkeit. Man ist nicht überglücklich. aber hat dafür ailch keine Sorgen. Vor allem ist nian zufrieden und satt, so ganz unbändig satt. Daß ii» einen» solchen Hause ein thätiger Mensch mff die Daner nicht nthmen kann, ver- steht sich von selbst. Der junge Ehemann erstickt fast in all der Behaglichkeit, die ihn täglich ningiebt. Wie er aber seine Ketten zerbrechen»vill, revoltiert das Weibchen, daS bei Mama und Papa zu bleiben Ivünscht. Sie ist ihrem Mann zivar angetraut, ii»» Grunde aber ist sie das Kind ihrer Eltern geblieben und hat ein Grauen vor der Welt draußen, in der sie an» Endo etwas von der geivohnten Bchaglickileit vermissen könnte. Natürlich»vendet sich schließlich alles zum Guten. Der junge Gatte bleibt fest, zieht mit seiner Frau in die Stadt und erreicht auch, daß sie dort ihre Kindlichkeit ablegt und sich zr» einer vernünftigen Fra»» cntlvickelt. Gespielt»vurde daS Stück im allgemeinen gut. Nur der Darsteller des jungen Ehemanns ließ Frische und Eleganz vermisset». Eine besondere Genugthnnng war es uns, endlich einmal FrauHachmann- Zipfer wieder auf der Buhne zu sehe»». De» �Aeüberinählte»" sollte � Sittliche Forderung", die bereits von den össetttlichen Ansinhrniigen her bekaiuit ist. DaS graziöse SHick übte auf das Pnblikni» eine sehr starke Wirkung anS. wozu freilich die vorzügliche Darstellung da» Ihrige beigetrageil haben mag. Bor allcni Frau P a n t- S t e i n e r t bot älö Rita eine entzückende Leistung. Wenn man bedenkt, dast sie auch als Gretchcn ausgezeichnet ist, must ina«l ihren'. Talent Rcichtuin und Bielseitigleii nachrühmen.— E. S. Geographisches. — Ncber Ortsnamenkunde im Dienste der Be- s iedeluilg Sichre sprach Dr. Blninschei» in der letzten Sitzluig der Gesellschaft für Erdkunde zu Köln. Die ältesten Ortsnamen auf dem Boden de» heutige» Deutschlands, so führte er nach einem Berichte der„Köln. Ztg." au», sind keltischen ItrsprungS. Besonders beachtenswert sind die meist mit Personennamen zusaniniengesetzte» Endungen»e und»ao, deren letztere, zu ich umgeformt, namentlich i» den nicderrheinischen Gegenden häufig vorkommt und die beiden Abhänge der Ville sEndenich, Fischenich usw.), die Umgebnug von Jülich und Zülpich und da? Maiseid als Stätten ver- hältniSmädig dichter Ansiedelnng erscheinen lägt. Noch dichter ist das Moselland von Kelten bewohnt gewesen, das mit seinen mehr als Li» keltischen Ortsnamen geradezu als eine ge- schlösse»? SlnsiedlungSkctte zwischen de« in ältester Zeit völlig nnbc- siedelten Gebirgen gelten mufe. Die ältesten deutschen Ortsnamen — nächst den stanimcinsilbigen die znsanimengesetzten mit aha, Wasser, verkürzt zu ach und a(Urach, Eisenach. Bebra, Stettrat mit al>a und afla, verstümmelt zu pe, off. uff, et lHaspe, Arloff, Walluf, Honnef), mit loh, ta Wald, mit lar, verkürzt ler(Fritzlar, Soller. Schüller) u. a.— kennzeichnen sich durch ihre niedere Lage, durch frühzeitiges Absterben der Grund- und BestimmungSwortc, durch das Fehlen von Personennamen als einem Zeitraum zugehörig, in dein drcÄnsiedeknngen nur lose mit den» Boden verbunden ivarcn. Eingehend wurden die dcrZcit vom�.— 9. Jahrhundert zuzuweisende» Endungen er- örtert. Gegenüber der Theorie Arnolds, der an der Hand dieser sogenannten StammeSendungen(weiter, ingen. hosen— heim, Hansen) die Wanderungen und Niederlassungen der Chatten, Alemannen und Franken festgestellt hat. glaubt der Vortragende, die Bedeiitung jener Silben als Stanmreswo'rte verneinen und ihre Verlvendbarkcit für die Erkenntnis der StamiiieSinederkassnngen in Ziveiscl ziehen zu müssen, Die Iveilcr und weil, Ableitung von lat. viklare und vsua. finden sich nur ans allein römischen Bode» und sind, nach dessen Besitzergreifung durch die Deutschen init Pcrsoiieiinaincn(Ottivcilcr, Dndlveiler) und andren deutschen Besti»nmiiigslvorteii(Eich>vei ler,Ohl>veilcr>zusammen- gesetzt, in glcickicr Weise Alemannen wie Franken geläufig gewesen, Die andren sind al» gemeindeutsch anzusehen. Wenn die inKen in Alemamnen in anffallender Dichtigkeit erscheinen, so zeigt da», das; eben jene Teile de? alten Zehntcnlandeö von den Akcmanucil in einer Zeit besetzt worden sind, in der bei diesen noch die alten Gc- fchlechterverbände herrschten, deren Führer zum Teil noch in den Bestimmung»Worten(Personenname») weiterklingen. Nach der Be- sprechmig der im Zeitalter de» weitere» AnSbaneS, der Nodungeu vom 9. bis 12, Jahrhundert entstandenen Namcu ausrode, rat. reit, reut, ans scheid, hagen usw. gelangt der Vortragende zu dem Er- gebniS, das; die Ortsnamenkunde doch mir ini allgemeinen Finger- zeige für die Bcstcdclnngsgeschichte darbiete und das; für die wissen- schaftliche Ausgestaltung dieses so ivichiigen Teiles der Landeskunde noch weitere Momente(Flur- und WüstnnssSnamcn. Flnrverfnssinig, die alten Gangrenzen, die ältesten kirchlichen Berhältnissc u. a.) zu berücksichtige!: seien.— Medizinisches. >e. Ein neueöHetlserum gegen d i e T n b e r k u l o s c, In Paris find in den letzten Wochen im Institut Pastenr Versuche mit einer neuen Heilblntbehandlung der Tuberkulose gemacht worden, deren Ergebnisse von grofier Bedeutung zu sei» schehieu, Prof, Marmorck hat an der Herstellung eines Sernnrs gegen die Tuberkulose gc- arbeitet. Bevor er dessen Wirkung an der Lungentuberkulose er- proben wollt-, hat er es bei Fallen von sogenannter chirurgischer Tuberkulose versucht, also bei den Erlranknngcn der Haut, der Gelenke und Knochen, der Abscesic und Fisteln und einer Menge unstillbarer Eiterungen, die von dem Tnbcrknlosc-Bacillns verursacht werden. BiShcr'hat ei» Dutzend von Kranke» Impfungen mit dem neuen Serum erhalten, die an eiteriger Hüfbzeleiikentzündung, an Tuberkulose, Fisteln und Abscessen litten. Die Mehrzahl von ihnen wurde nach der zehnten Einspritzung geheilt, die andren befanden sich ans denr Wege der Heilung. Nach der ersten Ein- spritznug zeigte sich ein leichtes Ansteige» der Temperatur und die Wunden veriinderte» ihr Ausseben. Nach der vierten bis fünften Einspritzung besserte sich da» Allgemeinbesinden der Kranken bereit» sichtlich. Der Appetit nahm zu, die Eiterungen hörten auf und die Wunden zeigten die Neigung sich zu zu schliesten, das Gewicht der Kranken nahm zu. Ein init Hüftgelenkentzündmig be- haftetcr Patient) der gleichzeitig von Lniigenschnündsncht begriffen war und dessen Auswurf Massen von Bacillen aufwies, besserte sich derart, dast schon nach der dritten Einspritzung der Ans- wurf erheblich nachliest und die Bacillen gänzlich daran? uerschumuden. Von erheblicher Bedeutung ist der Umstand, dast die Eiuspritzunge» des neue» Serum keinerlei gefährliche Wirkimg auf das körperliche Befinden ausüben, wodurch bekanntlich der Gebranch des Koch'schen Tnbe.knlin fo bedeiikliÄ ivinde. Da? Serum von Marmorck kann nt» vollkommen unschädlich bezeichnet werden. Technisches. — Gr o st e Schornsteine. Nach Mitteilung der„Zeitschrift de? bayrische» Dampfkesselrevisions- Vereins" ist der 14l> Meter hohe Schornstein der HalSbrifiker.Hiitte bei Freiberg in Sachsen»och immer die„höchste Este" der Welt. Sie hat oben 2.5 Meter lichte Weite und 25 Centimeter Wanddicke. Unten beträgt die lichte Weite 5,25 Meter und die Wanddicke 1,5 Meter. Ihr kommt in der Höhe am nächsten der Schon:stcin der Mechernich er Bleihütte bei En»- kirchen an der Eisenbahn Köln— Trier. Er ist 124 Meier hoch mid hat oben 2,5 Meter, unten 7.5 Meter äußeren Durchs Messer. Hinter_ diesen beiden Riesen bleibt der türzlich er- baute Dampf- Schornstein für die elektrische Centrale der Metropolitan Street Raillvay Company in New Uork mit seiner Höhe von 1l>7 Meter allerdings zurück, dagegen hat er eine von unten bis oben sich gleich bleibende lichte Weite von V.71 Meter, so dast der cylindrische Hohlraum de? ganzen Schornsteins bei einer Grundfläche von 35,2 Quadratmeter einen Rauminhalt von 2782 Knbilnreter hat. Der äußere Durchmesser dieses Schornsteins beträgt oben 7,22»nd unten 11,84 Meter, die Wanddickc demnach oben 0,5, unten 2,0 Meter, die jedoch in dein Teile von 27 bis 104 Meter einen ringförmigen Hohlraum einschliestt, innerhalb dessen Austen- und Innenwand durch zahlreiche Rippen verbunden sind. Das Gruiidmaneriverk des Schornsteins, der ettva 8700 To, wiegt. ruht auf 1200 Stück 4,0 Vi» 12 Meter lies eingerammte» Pfählen mit tsementbetondecke. Die Kraftanlage ist für eine Höchstleistimg von 70 000 Pferdestärke» bestimmt und würbe die Scbornstein- höhlniig für da» stündliche Verbrennen von 52 Tonnen Liohlen oder für den Berbrauch von 0,742 Kilogramm Kohlen ans die Pferde- stärkcnstnnde berechnet sein,— Humoristisches. — Eine Ehe nach der lex Heinze.„Aver sage doch. wo steht eigentlich da? Bett Deine» Galten?" „�a, weistt Du, ich bin erst siebzehn Jahre alt, und da nnist er noch ein Jahr lang im Hotel schlafen."— — Ein Kunst stück. In einem VergniigniigSlokal brodnciert sich ein sogenannter Tierstimmen- Imitator. Er versichert das Publilnm, i» der Lage zn sein, sämtliche Tiere in den Stimmen imitieren zu können, und fordert ans. ihm solche zu bezeichne».— Nachdem sich eine Zeitlang niemand nielden will, erbebt sich endlich im Hintergrund deS Saal» ein behäbiger Münchner und ruft: ,, Imitieren S' amal a Oelfardine{"—(Simpl.") — M i st b e r st a n d e n. K r a u ke r:„Nun behandeln Sie mich schon ein halbe» Jahr und e» ist alles n in s o n st!" Arzt:„O nein— warten Sie nur bis zum Jahres- schlustl"— Notizen. — V j ö r nfo u S Schauspiel„ U e l> c r» n s r e K rast" ist für Mittivoch iin B e r l i n c r T h e a t e r in den Abendspielpla» aufgenommen.— — Paul Pauly ist für da» Berliner S ch a n s p i e l h a u ö verpflichtet ivordcn.— — G e r h a r t H a n p t m a u n»., S ch l n ck>rn d Jan" fand im Leipziger.Reuen Theater" nur teilweise eine» Erfolg.— — Rudolf Lothars Masleuspiel„König Harlekin" wurde von der Wiener C e n s n r verboten. Da» Stück war im Deutschen Volkstheater in Vorbereitung und sollte während des Ensemble-GastspielS auch in Bertin zur Aufführung gebracht werden.— — In W i e n habe» eine Anzahl llniversitätsprofessoren gegen die Anbringimg eines s h m b o l i st i s ch e n Gemäldes„Die Philo- sophie" von GnstaS K l i in t. da? für die Aula der dortigen llniversität als Deckenschmnck bestimmt ist, P r o t e st erhoben, iveil das Gemiilde ans ethischen und ästhetischen Gründen nicht an diesen Platz paffe.— — Siegfried Wagner dirigierte am Sonntag in Paris das Orchester C o l o n» e. Seine„Bürenhänter"-Ouvertüre gefiel, ivie dein„Bert, Tagcbi," geineldet ivird, und»ach der Auf- führnng des„Siegfried-Jdylts" und des.TranerlMirscheS" ans der„Götterdännuernng" bereitete ihm das Publikum stürmische Ovationen.— — Die.Klage eines Pariser„C l« q n c- E h e f s" geg?» eine» Theaterdireltor, der de» Vedingnugeu eines Vertrags nicht entsprochen hatte, wurde vom Handelsgericht a b g e w i e f c n mit der Begründung,„dieser Vertrag sei nirs.ittiich, deshalb unstatthaft', da er den Ziveci habe, die Zuschauer betreffs de» Werts der anfgeführien Stücke zu tänickien".— t. Von dem amerikanischen Bennessimgsdampfer„Nero" loiirb« die tiefste MeereStemperatnt. abgesehen von den Polar- meeren, zivische» der Insel G» a in»nid der M i d io a y- Insel- gruppe ini S t i l l e n O e e a n gefunden. Dort»onrde in einer Tiefe von 9273 Meter!» eine Temperatur von 2,10 Grad EelsiiiS und in einer Tiefe von 9325 Metern eine solche von 2,22 Grad ge- messen.—_ >berc>nrn>»rr1igie: Reeacceur: Pont Jvhn in Berlin. Druck un» Bern», vor. Uta? Badliiz in Bettln.