Mterhaltungsblatl o,s Nr. 61. Mittwoch, den 28 März. 1300 (NachdruZ verboten). Ilnferpleliung. :i] Slommt von L c o T o l sto j. Deutsch von Adolf Heß. Erster Teil. Erste?- Kapitel. Wie sehr die mehreren hunderttausend Menschen auf einem kleinen Platz sich auch bemühten, den Boden zu verderben, auf dem sie sich zusammengedrängt hatten; tvic sehr sie auch die Erde mit Steinen verrammelten, damit nichts auf ihr wüchse, und jedes heworsprießende Halmchen aus- rauften, und mit Steinkohlen und Naphtha Qualm entwickelten, und die Bäume beschnitten, und alle Tiere und Vögel ver- scheuchten— es war doch Frühling; Frühling überall, auch in der Stadt. Die Sonne wärmte! frisches EraS wuchs und grünte aller Orten, wo man cS nicht wegkratzte, nicht nur auf den Rasenplätzen der Bonle- vards. sondern auch zwischen den Steinfliesen: und Birken. Pappeln und Ahlkirschen entfalteten ihre klebrigen, duftenden Blätter! an den Linden schwollen die aufbrechenden .Knospen: Dohlen, Sperlinge und Tauben bauten frühlings- freudig schon ihr Nest, und die Fliegen summten sonnen- durchwärmt an der Wand. Fröhlich Ivaren Baum und Strauch, und Vögel und Insekten und die Kinder. Aber die Menschen— die großen, erwachsenen Menschen hörten nicht auf. sich zu betriigen und zu quälen. Sie ivaren der Meinung, daß heilig und wichtig nicht dieser Frühlings- morgen sei. nicht diese Schönheit der Gotteswclt, die allen Kreaturen zur Freude gegeben, zum Frieden, zur Liebe und Eintracht stimmte— sondern sie hielten für wichtig und er- haben das. was sie selbst ausgedacht hatten, um übereinander zu herrschen. So galt im Bureau des GouveruemcntsgefäugnisscS für heilig und wichtig nicht die allen Menschen und Tieren innc- wohnende Friihlingsfreudc und Frühlingszcrknirschnng. sondern der tags zuvor unter Band und Siegel eingetroffene Befehl, laut welchem die zuletzt im Gefängnis eingelieferten Arrestanten— zwei Frauen und ein Mann— heute, am 28. April, 9 Uhr morgens, vorgeführt werden sollten. Eine der beiden Frauen, die Hanptverbrechcrin, sollte allein erscheinen. Und so betrat denn auf Grund dieser Ordre am 28. April, um 8 Uhr morgens der Oberanfsehcr den dunkeln, übelriechenden Korridor der Frauenabtcilung. Hinter ihm trat in den Korridor ein Weib mit vergrämten Zügen und wirrem, grauem Haar,' in einem Kleid, dessen Acrmel mit Tressen besetzt waren und um dessen Taille eine blaue Borte. lief. Das war die Aufseherin. ..Wollen Sie die Maslowa?" fragte sie und trat bei einer der Thören, die in den Korridor mündeten, an den dienst- thnenden Ausscher heran. Der Aufseher schloß mit dem Schlüsselbund klirrend das Schloß auf. öffnete die Zcllcuthür. ans der ein noch Wider- lichcrer Geruch ausströmte als aus dem Korridor, und rief: ..Maslowa, vor Gericht!" Dann lehnte er die Thür lvieder an und wartete. Selbst im GefänguiShof war ein belebender, frischer Feld- genich zu spüren, den der Wind in die Stadt getragen hatte. Aber im Korridor lag ein erstickender Dunst von Birkentecr und Moder, der jeden hier Eintretenden alsbald verdrießlich und traurig stimmte. Das erfuhr, trotzdem sie an die schlechte Luft gewöhnt war, auch die Aufseherin an sich, sobald sie vom Hof aus den Korridor betrat. Sic verspürte plötzlich Müdigkeit und tvollte einschlafen. In der Zelle ertönte unruhiges Treiben: Frauenstimmen und barfüßige Schritte. ..Geschwind sage ich! Rühr' Dich, Maslowa!" rief der Oberanfsehcr in die Zellenthür. Zwei Minuten darauf trat festen Schritt? ein nicht großes, jungeö. sehr vollbusiges Weib nuS der Thür heraus, wandte sich' kurz um und stellte sich neben den Aufseher. Sie trug einen grauen Rock über einem iveißcn Leibchen und Unter- kleid. An den Füßen hatte sie leinene Strümpfe, über den Strümpfen grobe Bauernschuhe, U'ic sie die Gefangenen tragen: ihren Kopf umschlang ein weißes Tuch, rmter ivclchem, offen- bar absichtlich, schwarze wirre Haarlöckchcn hervorgczupft ivaren. Das' ganze Gesicht des Weibes zeigte'.jene besondere Blässe. welche Leuten eigen ist, die lange Zeit hinter Schloß und Riegel zugebracht haben und welche an die Farbe von. 5rar- toffclkcimen'im Keller erinnert. Eben solche Farbe hatten auch die kleinen breiten Hände.und der Weiße, volle, hinter dem großen Kleidcrlragcn fichtbare Hals. In dein Gesicht überraschten, namentlich bei der matteil Blässe, sehr schwarze, glänzende, etwas geschwollene, aber sehr lebhafte Augen, von denen das eine ein wenig schielte. Sie hielt sich sehr gerade und warf sich stark in die volle Brust. Im Korridor angekommen, lcgkc sie den Kopf zurück, schaute dem Aufseher gerade in die Augen und stand da, seiner Befehle gewärtig. Der Aufseher wollte die Thür schon schließen, als sich aus ihr das blasse, strenge, runzelige Gesicht einer alten Frau in bloßem 5lopf hervorschob. Die Alte begann der Maslowa etwas zu sagen, aber der Aufscher schlug der Alten die Thür vor der Nase zu und der Kopf verschwand. In der Zelle erklang weibliches Lachen. Maslowa lächelte ebenfalls und wandte sich zu dem kleinen Gitterfenster in der Thür. Die Alte ans der andern Thürseite lehnte sich gegen das Fenster und sagte mit schriller Stimme: „Sag' ja nicht zu viel: bleib bei dem einen, und damit basta!" „Wcnn'S nur ein Ende nähme, schlimmer wird'S nicht werden" sagte Maslowa. „E i n Ende sicher, aber nicht zwei," sagte der Aufseher nüt beamtcmnäßiger Ueberzengung von seinem Scharfsinn. „Mir nach, Vortvärts!" Das durch das Fenster sichtbare Auge der Alten ver- schwand: Maslowa aber trat in die Mitte"dcS Korridors und ging nüt schnellen, kleinen Schritten hinter den: Anssehcr her. Sie stiegen eine steinerne Treppe hinab, gingen an den noch übler als die Wciberzcllen riechenden, geräuschvollen Männer- gellen vorüber, aus deren Thürfcnstern ihnen überall Blicke folgten, und traten in das Bureau, wo schon zwei Gcfangcncn- transporteurc mit Gewehren standen. Ein Schreiber reichte von seinem Platze ans dein einen Soldaten ein von Tabakdunst geschivängcrtes Schreiben hin, deutete auf die Gefangene und sagte:„Nimm die." Der Soldat, ein Nishegorodschcr Bauer mit rotem, pockennarbigem Gesicht, steckte das Schreiben in den Aermclaufschlag seines Mantels, lächelte und blinzelte seinem Kameraden, einem Tschuwaschen mit breiten Backenknochen, wegen der Gefangenen zu. Dann stiegen die Soldaten mit der Gefangenen die Treppe hinab und traten zum Hauptausgang. 'In der Thür des HauPtanSgangs wurde eine Pforte gc- öffnet! die Soldaten schritten mit der Arrestantin über die Pfortenschwcllc ans den Hof, traten aus dein ummauerten Raum hinaus und gingen durch die Stadt, mitten auf den gcpstastcrtcn Straßen. Kutscher, Höker, Köchinnen, Arbeiter, Beamte blieben stehen und schauten neugierig die Gefangene an: manche schüttelten den Kopf und dachten:„Dahin führt solch ein schlechter Lebenswandel, der dem unsrigen nicht gleicht." Kinder schauten erschreckt die Räuberin an und blieben nur deshalb ruhig, weil hinter ihr Soldaten gingen und sie ihnen jetzt nichts thun konnte. Ein Bauer vom Lande, der Kohlen verkauft und im Wirtshansc Thcc getrunken batte, trat zu ihr, bekreuzigte sich und gab ihr cineu Kopeken. Die Arrestantin wurde rot, senkte den Kopf und murmelte etwas vor sich hin. Als sie die auf sich gerichteten Blicke fühlte, schielte sie unmerklich, ohne den.Kopf zu wenden, nach denen hin, die sie ansahen, und die auf sie verwandte Aufmerksamkeit machte ihr Vergnügen. Vergnügen machte ihr auch die im Vergleich mit der Zuchthausluft reine Frühlingsluft, doch schmerzte sie da? Gehen auf den. Steinen, da ihre Füße des Gehens e»t- wöhnt und mit plumpen SträflingSschnhcn bekleidet waren, und sie sah auf ihre Füße und bemühte sich, möglichst leicht aufzutreten. Als sie an einer Mehlbude vorüber- schritt, vor welcher, von niemand gestört. Tauben hin und her trippelten, hätte die Arrestantin beinahe eins- der schwarzblauen Tierchen mit dem Fuße berührt: die Taube flatterte ans, schlug mit den Flügeln und flog dicht am Kopf der Arrestantin vorbei, so daß diese den Luftzug spürte. Sie lächelte und seufzte dann schwer. Ihr Schicksal war ihr wieder inS Bewußtsein getreten. Zweites Kapitel. Die Geschichte der gefangenen Maslowa war eine sehr gewöhnliche Geschichte. Maslowa war die Tochter einer un- verheirateten Hosmagd, die zu Lebzeiten ihrer Mutter, einer Viehmagd, auf dem Lande bei Gutsbesitzerinnen gelebt hatte. Diese unverheiratete Magd gab alljährlich einem Kinde das Leben, und wie das gewöhnlich auf dem Lande geschieht, wurde das Kind getauft, aber dann nährte die Mutter den unerwünschten, unnötigen Erdenbürger nicht mehr, der sie bei der Arbeit störte, und so starb das kleine Wesen bald vor Hunger. Auf diese Weise waren fünf Kinder gestorben. Alle waren getauft, dann nicht mehr genährt und gestorben. Das sechste Kind— von ciueni durchwandernden Zigeuner— war ein Mädchen, und sein Los wäre ein gleiches gewesen; aber da geschah cS, daß eins von den alten Fräulein den Kuhstall betrat, um den Mägden einen Verweis wegen der Sahne zu erteilen, die nach der Kuh schmeckte. Im Vichstall lag die Wöchnerin mit einem schönen gesunden Kinde. Das alte Fräulein schalt sowohl wegen der Sahne, als auch deswegen. weil mau eine Wöchnerin in den Stall gelassen hätte, und wollte schon fortgehen, als sie das Kind erblickte. Mitleid mit ihn, empfand und sich erbot, Taufpatin bei ihm zu sein. Sie hob das Mädchen lvirklich aus der Taufe, sorgte dann für das Kind. gab der Mutter ans Mitleid mit dem Patenkiude Milch und Geld, und das Mädchen blieb am Leben. Die alten Fräulein nannten sie infolgedessen die„Gerettete". Das Kind war drei Jahre alt, als seine Mutter erkrankte und starb. Der Großmutter fiel das Enkelkindchcn bald zur Last, und dann nahmen die alten Fräulein das Mädchen zu sich. Das schwarzäugige Kind wurde ungewöhnlich leb- hast und niedlich, und die alten Fräulein hatten ihre Freude an ihm. Es waren zwei alte Fräulein vorhanden: die jüngere. gutmütigere— Sosja Jwanowua, die bei dem Mädchen Gevatter gestanden hatte, und die ältere. strengere— Marja Jwanowua. Sosja Jwanowua putzte und unterrichtete das Kind und wollte ein gebildetes Mädchen aus ihm machen. Marja Jlvanowna sagte, man müsse es zur Arbeiterin, zu einem guten Stubenmädchen heranbilden; sie war deshalb anspruchsvoll, bestrafte und schlug sogar das Mädchen, wenn sie übel gelaunt war. So wurde unter dem Einfluß beider aus dem Kind halb ein Stubenmädchen und halb eine Dame. Man gab ihr auch einen Namen, der so in der Mitte stand, und nannte sie nicht verächtlich Katjka und nicht mit Kosenamen Katcnjka, sonder» einfach Katjuscha. Sie nähte, räumte die Zimmer auf, putzte die Heiligenbilder, brannte und malte Kaffee und reichte ihn herum, wusch feine Wasche und saß bistveilen bei den Fräulein und las ihnen vor. Katjuscha erhielt mehrfach Heiratsanträge, aber sie nahm keinen, au in dem Gefühl, daß ein Zusammenleben mit diesen arbeitenden Leuten, die um sie freiten, ihr schwer fallen würde, nachdem sie durch die Süßigkeit des Herreulebens vcr- wöhnt worden war. So lebte sie bis zum sechzehnten Jahre. Als sie aber sechzehn Jahre alt geworden war, kam zu den Fräulein deren Nesse, ein reicher Student, und Katjuscha, die weder sich noch ihm das eingestehen niochte, verliebte sich in ihn. Dann kehrte zwei Jahre später derselbe Neffe auf dem Weg in den Krieg bei seinen Tanten ein, brachte vier Tage bei ihnen zu, verführte und betrog Katjuscha, händigte ihr am letzten Tag einen Hnndcrtrubelscheiu ein und reiste davon. Von der Zeit an wurde sie gegen alles gleichgültig und dachte nur daran, wie sie die Schande loswerden könnte, die ihrer wartete, und begann den Fräulein nicht nur ungern und unfreundlich aufzuwarten, sondern— sie wußte selbst nicht, wie es kam. aber es brach plötzlich aus ihr heraus— sie sagte den Fräulein Grobheiten, die sie nachher selbst bereute, und bat dann um ihre Entlassung. Und die Fräulein, die sehr unzufrieden mit ihr waren, entließen sie auch. Von ihnen kam sie als Stubenmädchen zu einem Kreisrichter, konnte hier aber nur drei Monate bleiben, weil der Richter, ein alter Mann von 50 Jahren, ihr nach- stellte; als er einmal besonders zudringlich wurde, brauste sie auf, nannte ihn„Schasskops" und„alter Teufel" und stieß ihn derart vor die Brust, daß er Hinsiel. Da jagte man sie wegen Grobheit fort. In Stellung konnte sie nicht wieder gehen, weil ihre Zeit bald kommen mußte; so nahm sie Wohnung bei einer Hebamme auf dem Lande, die mit Branntwein handelte. Die Geburt wurde ihr leicht. Aber die Hebamme hatte auf dem Lande dei einer kranken Frau zu thun nnd steckte Katjuscha mit dem Kindbettfieber an, und das Kind, ein Knabe. wurde ins Findelhaus gebracht, wo es, wie die Alte, die ihn hingebracht, erzählte, gleich nach seiner Ankunft starb. Alles Geld, das Katjuscha bei sich hatte, als sie bei der Hebamme Wohnung nahm, waren hundertsiebenund- zwanzig Rubel: siebenundzwanzig waren ihr Verdienst und die hundert waren die ihr vom Verführer gegebenen. Als sie aber die Hebamme verließ, blieben ihr noch sechs Rubel. Sie wußte das Geld nicht bei sich zu behalten und gab für sich und andre, die sie unr etwas baten, alles aus. Die Heb- aiume hatte ihr für den Unterhalt— Nahrung und Thee— in zwei Monaten vierzig Rubel abgenommen; fünfund- zwanzig gingen für Ablieferung des Kindes drauf; vierzig Rubel borgte ihr die Hebamme für eine Kuh ab; zwanzig wurden für Kleider und Näschereien ausgegeben und so kam es, daß Katjuscha nach ihrer Genesung kein Geld mehr besaß und eine Stellung suchen mußte. Sie fand Stellung bei einem Förster. Der Förster war ein verheirateter Mann, stellte ihr aber, gerade wie der Kreisrichter, vom ersten Tage an nach. Sein Weib erfuhr das, und als sie einst ihren Mann mit Katjuscha allein in der Kammer fand, stürzte sie auf sie los, um sie zu schlagen. Katjuscha gab aber nicht nach, und es entstand ein Streit, infolge dessen niau sie aus dem Hause jagte, ohne ihr Lohn zu bezahlen. Da fuhr Katjuscha in die Stadt und blieb bei ihrer Tante. Der Manu der Taute war Buchbinder, und es war ihm früher gut gegangen, aber jetzt hatte er seine ganze Kundschaft verloren und vertrank alles, lvas ihm unter die Hände kam. Die Tante besaß eine kleine Wäscherei und ernährte damit sich und ihre Kinder und unterstützte ihren herunter- gekommenen Mann. Sie schlug der Maslowa vor. bei ihr als Wäscherin einzutreten. Aber die Maslowa hatte das schwere Leben der Wäscheriuueu bei ihrer Taute stets vor Augen und zögerte deshalb und suchte im Mietsconiptoir eine Dienstbotenstclle. Die fand sie denn auch bei einer Dame mit zwei Söhnen, die das Gymnasium besuchten. Eine Woche nach ihrem Dienstantritt begann der älteste, ein schnurrbärtiger Primaner, die Schule zu vernachlässigen und ließ der Maslolva keine Ruhe mehr. Die Mutter gab Maslowa au allein Schuld und lohnte sie ab. Eine neue Stelle fand sich nicht gleich, aber es traf sich, daß Maslolva im Gesindeverniictuugs-Bureau einer Dame mit Ringen und Annbänderu au deu dicken bloßen Händen begegnete. Als diese Dame erfuhr, daß Maslowa eine Stelle suchte, gab sie ihr ihre Adresse und lud sie zu sich ein. Die Maslolva kam auch. Die Dame empfing sie freundlich, bewirtete sie mit Kuchen und süßem Wein und schickte ihr Dienstmädchen irgendwo hin. Abends trat ein hoher Herr mit langem, grauem Haar und grauem Bart ins Zimmeo; dieser Alte setzte sich alsbald zur Maslowa und that zärtlich mit ihr. Die Wirtin rief ihn in das Nebenzimmer und Maslolva hörte, lvie die Wirtin ihm sagte:„Eine frische, vom Laude I" Dann rief die Wirtin Maslowa heraus und erzählte ihr, das sei ein Schriftsteller, der sehr viel Geld hätte und dem nichts Leid thätc, wcuu sie ihm gefiele. Sie gefiel und der Schrift- steller gab ihr sünfundzlvauzig Rubel und versprach ihr, sich häufiger mit ihr zu treffen. Das Geld ging sehr bald für den Lebensunterhalt bei ihrer Taute und für ein neues Kleid, Hut und Bänder drauf. Einige Tage später schickte der Schrift- steller zum zweitenmal nach ihr. Sie kam. Er gab ihr noch füufuudzivanzig Rubel und schlug ihr vor, in eine separate Wohnung zu ziehen. In dieser Wohnung, die der Schriftsteller gemietet hatte, gewann Maslolva einen lustigen Conunis lieb, der ans dem- selben Hofe wohnte. Sie machte selbst dem Schriftsteller davon Mitteilung und siedelte in eine abgeschlossene kleine Wohnung über. Der Commis aber, der ihr versprochen hatte, sie zu heiraten, ließ sie, ohne ein Wort zu sagen. einfach sitzen und fuhr nach Nishui. Sie ivollte allein in dem Hanse wohnen bleiben, aber das erlaubte mau ihr nicht. Da ging sie lvieder zu ihrer Tante. Als die Tante das moderne Kleid, � deu Umhang und Hut erblickte, nahm sie sie unterwürfig auf und wagte nicht mehr, ihr die Stelle als Wäschen» anzubieten, da sie der Meinung lvar, daß Katjuscha jetzt eine höhere Lebensstufe erklommen hätte. Für Maslolva war gar nicht mehr die Rede davon, ob sie Wäscherin werden wollte oder nicht. Sie sah mitleidig auf das Sträslmgsleben in den Vordeezinimern hemb, das die blassen, dünnarmigen Wäscherinnen führten, von denen einige, infolge des Waschcns und Plättens im Seisendunst, bei dreißig Grad, mit winters und sommers offenen Fenstern, schon schwindsüchtig waren— und erschrak bei dem Gedanken, daß auch sie in diese Strafanstalt eintreten sollte. Um diese Zeit wurde sie von einer Frau besucht, die öffentliche Hänser mit Mädchen versorgte. Masiowa rauchte schon lange, aber in letzter Zeit hatte sie auch immer besser und besser das Trinken gelernt. Der Branntwein zog sie nicht nur deshalb an, weil er ihr wohl- schmeckend schien, sondern ganz besonders, weil er ihr die Möglichkeit verschaffte, all' ihre schweren Erlebnisse zu vergessen. Außerdem gab er ihr Ungezwungenheit und Selbstbewußtsein, das ihr sonst abging. Ohne Wein war sie stets verdrießlich und schämte sich. Maslowa hatte zu wählen: entweder die erniedrigende Stellung einer Dienstmagd, in welcher ihrer sicher Verfolgungen von feiten der Männer warteten, oder ein sorgloses, ruhiges, gesetzlich zulässiges Leben in eincni öffentlichen Hanse. Durch dieses letztere gedachte sie sich an ihrem Verführer und dem Connnis und an allen Leuten, die ihr Böses gethan, zu rächen. Außerdem— und das gab bei ihr den Ausschlag— war es verlockend, daß sie sich in dem Hause so viele Kleider machen lassen konnte, wie sie nur wollte— von Sammet und Seide und Ballkleider mit bloßen Schultern und Armen. Und als Maslowa sich ausmalte, wie sie im hellgelben Seiden- kleid mit schwarzer Sammetgarnitur aussehen»vürde— da konnte sie nicht mehr widerstehen. Am selben Abend nahm die Vermittlerin einen Wagen und führte sie in das berühmte Hans der Karoline Albertowna Kitajelva. Bon der Zeit an begann für MaSlowa das Leben chronischer Vergehen gegen menschliche und göttliche Gebote, das Tansende und Abertausende von Frauen, nicht nur niit Er- laubnis, sondern unter dem Schutz der Regierung führen, und das bei nenn Zehnteln mit schmerzhaften Krankheiten, früh- zeitigem Hinwelken und dem Tode endigt. Sieben Jahre führte die Maölolva dieses Leben. Während dieser Zeit wechselte sie zweimal das Haus und war einmal im Krankenhause. Im achten, als sie sechsundzwanzig Jahre alt war, geschah mit ihr dasjenige, weshalb man sie ins Zuchthaus gesteckt hatte und jetzt vor Gericht brachte, nach sechsmonatlichem Aufenthalt im Gefängnis zwischen Mörderinnen und Diebinnen. lFortsetznng folgt.) Tolptojs„Nuferltchttttü" Ei» moderncr Littcrarhistoriker ineint, das; der europäische Einfluß, der sich in de» achtziger Jahren in unserem Schrifttum geltend»lachte, seinen Grund in dein llmstand hatte, daß durch die entnervte Gründer- littcratur der Zusannncnhaug mit den guten Traditionen unsrcs Volkes abgebrochen>var. Falls der Znsaimucnhang bestanden hätte, wäre die litterarische Jugend am Ende im Lande geblieben und hätte an Hebbel und andre angeknüpft. Ohne die Schmach zu unterschätzen, die die kapitalistischen Orgie» der Gründer- jähre über unsre Littcratur gebracht haben, müssen ivir dieser Auffassung doch widersprechen. Die Bewegnilg der Jugend, die damals einsetzte, richtete sich nicht nur darauf, Ivicdcr wirkliche Kunst ins Leben zu rufen. Wirkliche Kunst hätte sie freilich bei Hebbel, Ludwig und andern auch finden könne» und hätte sie trotz Lindau»ud Blumenthal auch gesunden, da die nachmärzliche Littcratur zwar aus dein Bcwntztsei» des Publikums, nicht aber ans ihre in Beiviitztsein geschwunden war. Sic wollten indessen mehr als bloße Knust. Sie ivolltcn eine Kunst, die mit moderner Technik das stürmisch pulsicrcude Leben der Gegenwart bewältigte, und da konnten ihnen auch die besten Traditionen der eignen Littcratur nichts nützen. Im Deutschen Reich hatte eben die neue Zeit keine neue Dichtung gebracht, ausgcnoinmcn jene berufene, deren geistvoller Vertreter Paul Lindau war. Im Ausland dagegen lvnr eine Littcratur cntstaudc», die zugleich groß»ud niodcru war. Es ist nicht nur verzeihlich, es ist einfach ein Verdienst der da- maligcn Jugend, daß sie i»S Ausland ging und dort holte, was zu Hanse nun einmal nicht zu finden Ivar. Norlvcger, Franzosen und Russe» begannen bei uns heimisch zu werden. Ibsens Dramen wurden gelesen, bc- wundert, kritisiert und schließlich sogar ans die Bühne gebracht. Dostojewskis Verbrecherroman„Raskolnikow" hinterließ einen furcht- baren Eindruck in den jungen Gemütern und ivar zugleich ein ge- Ivaltiges Werk der psychologischen Methode. Zolas Romaue er- regten Sensation durch ihre rücksichtslose Wahrheitsliebe und. weckten in Deutschland begabte Schüler. Garborg, Kjellnnd, Lie und die unendlich feine nud tiefe Stimnunigskunst des Dänen Jakobse» zogen ins Land nud fanden ihr Publikum. Eine Zeit mannigfacher An- rcguug, uieiuetwegen auch mannigfacher Thorheit, aber vor allem eine Zeit eifriger Arbeit brach a», und i» dieser Zeit ivar cS, daß auch T o I st o i in Deutschland ein größeres Publikum fand und zu wirke» begann. Sein neuester Roman„ A n f e r ft e h n n g" giebt ein um- fassendes Bild der modernen russischen Gesellschaft. Man freut sich über Zeichnung und Farbe des Buchs. Es ist eine iutcressante, ge- nußrciche nud ivcrtvolle Lektüre. Der Roman gehört nicht zu deiien, die uns tief in die Abgründe des menschlichen Seelenlebens blicken lassen. Er gehört nicht z» der psychologischen Schule, der der oben- envähnte Roiumi Dostojewskis beizuzählen ist. Vom Innenleben des Helden erfahren ivir im Verhältnis zu dem Ninfaiig des Buchs eigentlich lvcnig. Der große Umfang des Werkes zeigt übrigens, ivorauf es Tolstoj angekommen ist. Das Menschliche der Dichtung, das im eigentlichsten Sinn Vorwurf der Kunst ist, hätte sich auf geringerem Raum erledigen lassen. Tolstoj wollte aber das moderne Rußland zeigen und ivar daher gezlvungen, seinen Roman breit und groß anzulegen. Er läßt in der That sehr vieles an unserm geistigen Auge vorüberziehen. DaS Elend des Kriminalgefängnisscs, das luxuriöse Leben der Gardeoffiziere, geschäftsmäßig' und kalt geführte Gerichtsverhandlungen, Ministerpalaste und Bauernhütteir— all das lernen wir in breiteil Bildern kennen. Aber nicht diese Bilder an sich bilden daS eigentlich Interessante des Buchs. Der eigentümliche Gesichtswinkel, unter dem sie ge- sehen sind, ist es, der der Dichtung ihren besonderen Reiz verleiht. Tolstoj hat die Bilder, die er giebt, nicht als Künstler gesehen oder weiichstens nicht nur als Künstler. Sein Schauen Ivar nicht nur (ivie jedes andere auch) durch sein Teniperameut bedingt, sondern überdies durch eine bestimmte ethische Anschauung, die seinen Geist gefangen hält. Er sieht die Bilder und richtet sie zugleich nach seinen social-ethischen Principien; er sieht sie als G e s e l( sch n f t s- kritiker und giebt dann als Dichter wieder, was er gesehen hat. In der Kritik weichen ivir freilich von ihm ab. Er mißt die historisch gewordene und historisch zu begreifende Gesellschaft an den abstrakten Lehren deS Urchristentums und gelaugt so zu einem verdannneuden Urteil. In dem negativen Ergebnis stimmen Ivir mit ihm übcrein, wenn wir auch weder seine Methode billigen können. noch den Weg. den er gehen will, um z» besseren Zu- ständen zu gelangen. Sciue evaugelischeu Zukunftsträume halten wir eben für Träume, und in der asketischen Form, die sie bei ihm annehmen, nicht einmal für lockende Träume. Trotzdem interessiert uns sein Buch nicht nur als Dichtung, sondern auch als ein gelvichtigcr Beitrag zur Gesellschaftskritit. Wie die feudale und kleinbürgerliche Kritik manche Seite der bürgerlichen Gesellschaft in ei» besonders Helles Licht zu rücken weiß, so sieht auch Tolstoj manche Dinge schärfer, als sie ein Anderer sehen könnte. Er zeigt recht deutlich die grauen- hafte Unvernunft der Verhältnisse, unter denen der russische Bauer lebt, ohne freilich im Positiven über ziemlich harmlose Vorschläge hinauszukommen. Besser und schärfer als die Unvernunft der russischen Zustände sieht er die Nichtigkeit und Leere des Treibens in den oberen Gesellschaftsklassen. Hier konune» ihm zivei Umstände zu statten. Einnial hat er das Treiben in der nächsten Nähe kennen gelernt, und zum andern niuß grade seinen asketischen Anschauungen das sinnliche Amüsement dieser Kreise besonders verhaßt sein. Hier sieht Tolstoj schärfer und unerbittlicher. als ein andrer Kritiker von einem anderen Standpunkt auS es könne» würde. Hier haben die Bilder, die er ciitwirft, einen Reiz, den man bei andern Dichtern vergeblich sucht. Mit erbittertem Radikalismus schildert er, was er gesehen hat: die schlecht verhehlte Siuulichkeit in der Konversation mit dekolletierten Damen, die Koketterie, die sich in ein ernstes Gespräch nur einläßt, um den Ernst zum Kuppler zu niachen, den folgenschwere» Einfluß, den die Protektion oder der Haß einer schönen Dame haben kann, die Brutalität der höheren Militärs und die bodenlose Unwissen- hcit der Bureaukratie. Man braucht nur die folgende Stelle zu lesen, in der er einen Turchschnittsaristokraten schildert und nian wird erkennen, daß TolstojS Kritik hier scharf und schucidcnd ist. Graf Jivan Michajlowitck— so erzählt der Dichter— war ein Minister außer Diensten und ein Mann von sehr festen Uebcrzengungen. Die Ueberzeugungen des Grafen Iwan Michaj- loivitek bestanden von Jugend auf darin, daß, ivie es dem Vogel eigen ist, sich von Würmern zu ernähren, mit Federn und Daunen bekleidet zu sein und in der Luft zu fliegen, so sei es ihm eigcntüm- lich, sich von teuren Gerichten zu ernähren, die von teuren Köchen bereitet werden, mit den bequemsten und teuersten Kleidern bekleidet zu sein, mit den ruhigsten und schnellsten Pferden zu fahren, und daß deswegen alles für ihn bereit sein müsse. Außerdem glaubte Graf Jivan Michajlowitek, daß je mehr verschiedenartige Eintünfte er von der Krone zu bezichen habe und je mehr Orden er besitze, und je öfter er hochgestellte Personen beiderlei Geschlechts sehen und sprechen könne, uni so besser iverde es für ihn sein. AllcS übrige aber hielt Graf Jivan Michajlowitek im Vergleich zu diesen Grund- dogine» für nichtig und uninteressant. Alles übrige mochte so oder vollkommen umgekehrt sein. Diesem Glauben lentsprechend lebte und wirkte Graf Jivan Michajloivitck in Petersburg 40 Jahre lang, und nach Ablauf dieser 4V Jahre gelaugte er zu einem Minister- Posten. Die feine und schiicidende Ironie, die diese kleine Charakteristik auszeichnet, blitzt immer wieder hervor, wo Tolstoj das Lebe» der .Höheren" Kreise sckiildert.»nd el'cii diese Irenie, die so iresiii,?! den NimbuS vernichtet, scheint unS dnS eigentlich Wertvolle der Dichtnng zu sein, sotvohl in focialkritischer als auch in künstlenschcr Hinsichd Künstlerisch ist sie nänilich die persvitlichc Niiance. die de» Noinan voll andern Rommien unterscheidet,— Kleines Feuillekan. t. hl! c fö lichte Goldlaqer. I» der„Französischen Allgensenien BergtvcrkS-Nnndschan" veröffentlicht der Minen-Jiigcnienr Bracise einen Slnffntz über die Bctn'igcrcic». die beim Verlans von Cüold- nlinen benutzt werden, um dem Käufer den Gehalt deS GoldlagerS möglichst gröff erscheinen zu lassen. Eine? der plumpsten Verfahren besieht darin, cincil blinden Flintenschuß in das Ausgehende einer Goldader abzufener», lvobci die angclvandte Patrone mit Gold- Pulver gefüllt ist. Die kleinen Goldblättchen legen sich dann in sehr' natürlicher Weise ans den Qnarz auf und rufen den Eindruck hervor, als ob das Gestein in höchstem Grade goldhaltig wäre. Dieser Betrug ist leicht nachzntvciseii, indem man mit Dynmnit die oberste Schicht der Qnarzndcr fortsprengt und sich so davon überzeugt, daß die Ader int Innern ein ganz andres Aussehen hat. Schlimmer ist schoir die Sache, Iveim das zur Sprengung benutzte Dynamit selbst vorher präpariert und mit Goldstaub' versetzt tvird. Nach der Sprengung heftet sich dann das Gold ans die frisch bloSgelegten Flächen des gesprengten QnarzcS, Gegen diesen Täuschungsversuch tvird der erfahrene Ingenieur durch die Gewohnheit gewappnet sein, gerade die ihrem Aeiißeru »ach goldrcichstcn Proben am ehesten für verdächtig zu halten, Er tvird aste Qnarzslückc mit sichtbarem Goldgehalt beiseite schiebe», weil sie die Analyse vollständig fälschen und zu hohe Ergebnisse liefern. In jedem Fall tvird er die zu imtcnuchcr.dc GcstcinSprobe niemals von den loSgesprengten Blöcken nehmen, sondern sich noch ettvaS ans dem anstehenden Gestein mit der Pike herauslösen. Der Onarz einer Goldader enthält stets i» seiner ganzen Masse eine gewisse Menge von feinem Gold, und tvenn dieses in einer Probe gänzlich fehlt, so ist schon ohne weiteres ans einen Betrug zn schließen. Gewohnheitsmäßig wird an Ort und Stelle etwas von dem Onarz in einem Mörser zerstoßen, um nachher auf Gold gewaschen zn werden, Zinveilen wird denn mich der Mörser vorher präpariert und mit Gold„eingefettet", oder es werden kleine Kerben in der Mörserkeule angebracht und in diese Goldstaub ein- geführt, der durch eine kleine mit Graphit geschwärzte Menge Thon festgehalten tvird. Während nun der Onärz zerstoßen wird. löst sich das Gold von dem Mörser oder der.Keule ab und mischt sich unter die zerkleinerten Massen, DaS Gegenmittel gegen diesen Betrug ist ein sehr einfaches: Man nimmt zuvor ein Stück getvöhn- liches' Gestein, zerstößt es in dem Mörser und wäscht cS dann, giebt es einen Goldgehalt, so liegt der Betrug zu Tage. Dieses Verfahre» liegt nahe, da ohnehin stets nach einem Stück' goldrcichc» QnarzcS ei» Stück gewöhnlichen Gesteins im Mörser zerstoßen tvird, damit sich das von der vorige» Probe zurückgebliebene Gold von den Wanden des Mörsers loslöst. Wenn»nn der zerstoßene Quarz geschlemmt lverden soll, so tvird der erfahrene Ingenieur sich ivoht hüten, einen andren zn dieser Arbeit ziizillafsen, denn der Ver- täiifer könnte unter seinen Fingernägeln Goldpnlvcr verborgen haben und dieses bei der Verrichtung des Schlemmens in die Probe einschmuggeln. Wenn die Säcke mit den für die llntersnchnng bestimmten Proben geschlossen nnd versiegelt sind, so sind sie noch immer nicht vor einer Fälschung sicher, tveil mit einer Morphium- spritze eine Lösung von Chlorgold durch die Wand des.Sacks hinein- gespritzt werden kann.— Musik. Trotz winterlicher Stürme naht die Frühlingszeit. und trotz nahender Frühlingszeit brausen die iviiitcrlicheu Konzertstünne weiter, Nur bei genauerem Zusehen merkt man eine kleine Abnahme der lieberzahl von 5tonzerten, und zwar gilt diese Abnahme am eheste» den kleinen 5ionzerteii der erst emporstrebenden Solisten, Die größeren, mehr der Kunst»nd dem Publikum als den Künstlern dienenden Konzerte treten darum um so merllichcr hervor. Gerade in der nächsten Zeit steht manches Besondere bevor, MassenetS für miS»och neue„Maria Magdalena" soll am»ächsten Sonn- abend kommen; ein abermaliges Konzert der Wagner- Vereine mit teiltveise iiiibckaimtcn— Stücken von Wagner. LiSzt und Berlioz ist für 9, April angesagt, vermutlich mit öffentlicher Probe am 5!,: und jedenfalls ivird die Osterzeit weltlichen nnd nicht- weltlichen Jiitcreffen eine Fülle von ernster Mnstt bringen. Dazwischen gelangen die verschiedenen 5to»zcrtcyklen von Solisten und Kammermusikern allmählich zu ihre» Schlußabenden: so das Ildel- Quartett am 29, und die Gura-Abcnde am 30,, gleichzeitig mit einem„Schöpfung"-Äoiizert der Singakademie; am l, April schließen Hnlirö Quartette, am(>. Barths Abende mit einem besonders günstigen Kammermnsik-Programm; für 2. April kündigt sich die „Berliner Liedertafel" an, niid Sänger wie die Melba(am 29. März», Zur Mühlen tain 7. April)». a, wiederholen ihre bewährten Künste. Näherstehende iverden immer noch interessiert für die Streitfrage über Mosers Verbesserung des ResonnanzbodenS im Klavier: einige Zeit nach der Erzählung von Mosers angeblichem Hereiilfall folgte ein der Sache eher günstiger, im übrigen an Geduld cst'belliereiider Ausspruch Prokeffor Slinnpfs; das letzte ist derzeit ein ans vorliegender„Offener Brief an die innsikalische Welt" von der hiesigen Anstriimriltcnfal'rik„Reform", der zwar in interessanter Weise zn Gunsten der Streitsache spricht, aber durch aufgeregten Ton und durch Mangel an Sachlichkeit auch wieder abstößt. Leider noch nicht zur Streitfrage getvordeu ist die Aufnahme deö neulich auf- geführten Vorspiels zu Pfitziiers„Rose vom LiebcSgarteu" bei der Kritik; so viel ich erfuhr; lauteten die Urteile recht absprechend, und die Fülle verächtlicher Ausdrücke, die Otto Lehmann in seiner �Allgemeinen Musik-Zeitmig" über jene Komposition losgelassen hat, iverden lioffenllich von einem lünstigen Musikhistoriker zur Kcnu- zeichmmg unserer Zeit aufbewahrt tvcrde», Das: den vom allgemeinen Interesse begünstigten.Konzerten immer wieder solche zur Seite stehe»,«in die„man" sich nicht kümmert, die es aber erst recht verdienen ivürdcn, haben»vir schon mehrmals hervorgehoben und verwertet. So ließ ich denn neulich das Bciiesiz-Koiizert der Philharmoniker beiseite, obtvohl eS von Hau? Richter dirigiert wurde, dem zwischen Wien und England pendelnden, von den' modernen Pnllvirtiioseii durch seine ruhigere, ältere Weise abstechenden Pultmeister, Mehr zog mich da? volkstümliche Konzert des KoSlecksckien B las e r b u n d S an. Professor Julius 5l o S l c ck ist längst bestens als Künstler, Lehrer nnd Lchrbnch-Berfaffer für Trompete und verwandte Instrumente bekannt; sein jetziges Orchester enlstnmmt, tvenn ich nicht irre, einem seiirerzeitigeii„.Korncttquartctt". Im Gegensatz zu dem getvöhn- lickien, ans Streicher», Bläsern und Schlagiiistruineiitalistcn be- stehenden Orchester, und auch zu der ans Holz- und VlaSnislrnmcntest bestchenden„Haniioniemiisik" spielen hier mir Blechbläser; also eine Ziisanimeiistellniig, die sonst meistens„Hornniiisik" heißt nnd nnS unter dem Namen„Posannenchor" bereits an einer andere» Stelle nntergeloiiimeit ist. Gcivöhiilich tritt zur Belebung noch ein Pankeiipaar hinzu. Wenn ich recht gezählt und diese zum Teil mit- einander nicht nur leicht vcrtnnsckchareii, sondern ans der Ferne auch leicht verwechselbaren Jnstriiiuciitc richtig erkannt habe, so sind eS folgende: An der Spitze stehen etiva 14 Qoraets ä plstons, die hier die Rolle der Violinen im gemischten Orchester oder der Klarinetten im Militärorchester vertreten. Die mittleren Stimmen werden von etiva 8 Trompeten, etwa 8 Bügelhornern und ö Hörnern engeren Sinns vertreten, die tiefen von 9 Posaunen, 3 Baßtnben und 2 Kontrabaßtnben, Also mit dem Paukenschläger 30 Mann, Als Ein- leitnng kam eine von.Kosleck komponierte„Trompeteumnstk der heroisch ritterlichen Trompeter- und Paukerkimst", ausgeführt unter Bcgleituug von Pauken(die mir aber in dieser Kompositwii doch etwas zu üppig behandelt scheinen) von 11„Helddrummetcn", den niisrcn Ventil- lrompeten vorhergehenden alten Naturtrompeten. Selbstverständlich muß sich eine Komposition für diese ans die„Nntnrtöiie" beschränken, also ans die elementarsten Bestandteile der Tonleitern; in diesem engen Bereich bewegt sich freilich die„Fanfare"»m so prächtiger. sieghafter.., Herr KoSlcck hat in feinem Dirigieren etwas Heroisches, doch ohne Affcctatiou; nur sollte er. scheint mir, in der Temponahme noch ruhiger sein, namentlich Ivo es das Abklingen von Phrasen und daS Anklingen neuer gilt— vielleicht würden daim auch die im all- gemeinen nicht sehr starken Berschicdeiiheiten der Bläsergruppen besser hervortreten und manche Einförmigkeiten in Volksliedern und Gesangs- begleitimgen beHobe»»vcrden.~ sz. Humoristisches. — G ii t gezogen.„Aber. Herr Wimmerl, waS machen denn Sie da oben auf dem.Kleiderschrank „Na. Sie scheu doch, meine Frau hat großes Reinemachen, und da hat sie»i i ch derweil hier heraufgesetzt!"— — E i n g n t c r G e i st. F r a n:„WaS thätest Dn, wenn Dir im.Keller ein Geist erscheinen würde?" Mann:„Wenn es ein guter Geist wär', thät' ich ihn— austrinke n."— Notizen. — Die Berlin er« Secession" erweitert ihr AiisstelliliigS- gebäiide in der Kantstraße durch den Anbau eines neuen Oberlicht- Saals, Die Ausstellung Ivird sich nach dem„B. T." in diesem Jahr größer gestalten als im vorigen. Eine Saminlimg der hervorragendsten Werte von Haus v, MarveS ans der Schleißheimer Galerie..Kollektionen von Adolf H i l d e b r a n d, Hans T h o m a „nd Fritz V, ll h d e. sowie eine Reihe von Werken von be- deutenden ausländischen Künstlern gelangen diesmal zur Ans- stcllnng,— —' Dem Berliner„ G o e t h e- B» n d" zum Schutze der freien Kunst und Wissenschaft sind sofort 7M i tg l i e d e r beigetreten,— — Die B e r t i n e r M o z a r t- G e m e i>i d e zählt jetzt 600 bis 900 Mitglieder,— — Der Berliner GeschiehtSmaler A d o l f H c n n i n g ist im Alter von 91 Jahren gestorben,— — In P r a g wurde ein Lustspiel„Z tv c i Ei seu i m F e n e r". eine freie Bearbeitung eines Stücks von E a l d e r o n, mit großem Erfolge aufgeführt.— —„Der P r o b e k a n d i d a t" von Mar Drei, er wurde im Kopen Hagener„Dagmar-Theater" erfolgreich aufgeführt,- iLcrciütivortlicher Rrvacreur: Paul John m Berlin. Druck»nv Vertzz von Max Badrn« m Berlin.