Anterhallungsblatt des Worwärts Nr. L3. Freitag, den 30 März. 1900 (Nachdruki vcrbvtin). ? Aufcvltelznns. Roiilan von Leo T o l st o s. AlS Nechljndow mit dem Ankleiden feetiq war und auf die Treppe hinaustrat, hielt unten schou-scin bekannter Rutscher init einem Fuhrwerk auf Guminirädern. „Sie waren gestern gerade vom Jürsten Kortschagin fort gefahren," sagte der Rutscher und lvaudte dabei seinen uinskulöscn. verbrannten Hals im lveißcn Heindkragcn zur Seite—„da kam ich dort an, aber der Portier sagte nur: „Sind eben fort"." Selbst die Kutscher wissen um mein Verhältnis zu Kortschagins Bescheid— dachte Nechljndvw, und die nn- entschiedene Frage, die ihn in letzter Zeit ununterbrochen be schäftigt: ob er die Kortschagmn heiraten sollte oder nicht, tauchte wieder in ihm ans und er vermochte, wie mit der Mehrzahl aller Fragen, die ihn damals quälte», so auch mit dieser ans keine Weise fertig zu werden. Zu Gunsten einer Heirat überhaupt sprach erstens der Uinstaud, das; die Ehe anster den Annehmlichkeiten eines häuslichen Herdes noch die Möglichkeit eines sittlichen Lebens waiidels bot(so bezeichnete Nechljndow ein derartiges Familienleben!: zweite»?., hauptsächlich, sprach dafür, das; Nechljndow hoffte, eine Familie und Kinder würden seinem jetzt inhalt losen Leben Sinti verleihen. Diese beiden Gründe sprachen für eine Ehe überhaupt. Gegen sie sprachen die allen Junggesellen gemeinsanie Furcht vor dem Einbüßen ihrer Freiheit und zweitens die unbewußte Scheu vor dem geheimnisvollen Wesen des WeibeS. Zu Gunsten einer Ehe, specicll mit Missi(die Kortscha- gina hieß eigentlich Marija; man hatte ihr aber. wie das in allen Familien bestimmter Kreise geschieht, einen Beinamen gegeben), ließ sich erstens anführen, daß sie anS guter Familie war; daß sie sich in allem, von der Kleidung bis zu ihrer Art des Redens, Gehens, Lache»?, von ein fachen Leuten unterschied, nicht durch ehvas ausschließlich ihr Anhaftendes, sondern durch„Korrektheit"— er wußte keinen andern Ausdruck für diese Eigenschaft und schätzte die selbe sehr hoch; zweitens liest sich anführen, daß das Mädchen ihn höher als alle andren Menschen schätzte, folglich, nach seiner AuffassungSweise, ihn verstand. Und diese? Verstehe», das heißt das Anerkennen seines hohen Werts, war Nechljndow ein Beweis für ihren Verstand und für ihr richtige?. Urteil. Gegen eine Heirat, gerade mit Missi. sprach erstens der Umstand, daß man sehr wahrscheinlich ein Mädchen finden konnte, das noch weit höhere Vorzüge besaß und deS halb seiner noch würdiger war als Missi; und zweitens, daß Missi nn Alter bon siebenundzwanzig Jahren stand und also sicher schon früher jemand geliebt batte. Dieser Gedanke war quälend für Nechljndow. Sein Stolz konnte sich nicht damit aussöhnen, daß sie auch in der Vergangenheit nicht ihn allein hatte lieben können. Versteht sich, sie konnte nicht wisse», das; sie ihm begegnen würde, aber schon der Gedanke, daß sie vielleicht vor ihm jeinaiidm geliebt hatte, bedeutete für Nechljudotv ciuc Kränkung. So sprachen also ebenso viel Gründe für, wie gegen die Ehe: wenigstens waren sich die Gründe an Stichhaltigkeit gleich, und Nechljudotv lachte über sich selbst und nannte sich einen Esel, der zwischen ztvci Bündeln Heu steht und nicht weiß, welchem von beiden er sich zuwenden soll. Wenn er übrigens von Maria Wassiljewna, der Gemahlin de?» Adelsinarschalls, keine Antwort erhielt, ans der hervorging. daß sie sich mit der Angelegenheit vollständig ab gestin den hätte, konnte er so wie so nichts unternehmen. Der Gedanke, daß er mit der Entscheidung noch warten könnte und müßte, tvar ihm angenehm. „Uebrigens werde ich da?, alles später überleget.," sagte er sickt. als seine Neiliidroschke geräuschlos" ans dem Asphaltpflastcr bereits in die Einfahrt zum GerichtSgebände rollte. „Jetzt gilt es gewissenhaft, wie ich das imincr thne und für meine Pflicht" halte, der Gesellschaft gegenüber seine Schuldigkeit zu thun. Oft ist das ja auch ganz iirtcreffnnt," nieinte er und schritt an dem Portier vorbei in die Halte des Gerichtsgebändes. Fü nftcs Kapitel. In den Korridoren des GerichtögebäudcS hcirsthtc sthotr rege Bewegung, als Nechljudotv in das Haus eintrat. Die Gerichtsdieller eilten in schneller Gangart, zuweilen sogar im. Trabt, ohne die Füße vom Boden zu erheben, schlürfenden Schritts mit Akten und Aufträgen keuchend hin und her. Die Kommissare, Advokaten und Gcrichtspcrsoncn kamen und gingen Supplikanten und Angeklagte ans freiem Fuß drückten sich verdrießlich an den Wänden entlang oder saßen erwartungsvoll da. „Wo ist das Bezirksgericht?" fragte Nechljudotv einen Gerichtsdiener. „Welches soll e?. sein? Es gicbt eine Civilabteilnng und das Oberlandesgericht." „Ich bin Geschworner." „Kriminalabteilimg. Hätten Sie gleich sagen können. Hier rechts um die Ecke, dann links die zweite Thür." Nechljudotv ging in der angegebenen Richtung vorwärts. Vor der bezeichneten Thür standen zwei Herren und warteten: einer war ein großer dicker Kaufmann, ein gutmütiger Mensch, der offenbar gut gegessen und getrunken hatte und nun recht gemütlich gestimmt war; der andre tvar ein Commis jüdischer Herkunft. Die beiden unterhielten sich über Wollpreise, als Nechljndow zu ihnen trat und fragte, ob hier da?. Geschwornenzimmer sei. „Hier, mein Herr, hier. Sind Sic auch Geschtvorner. wie wir?" fragte der gutmütige Kaufmann, lustig mit den Augen zwinkernd. „Also werben wir nn? zusammen quälen," fuhr er auf Nechljudotv?. bejahende Antwort fort.„Baklafcholv, Kauf- mann zweiter Gilde," damit reichte er seine breite, weiche, schlaffe Hand.„Ja, ja, man muß sich quälen. Mit wem hnbe ich das Vergnügen?" Nechljudotv nannte seinen Namen und trat in da? Zimmer der Geschivorncn. In dem kleinen Räume tvarcn zehn Leute verschiedener Herkunft versammelt. Alle waren eben erst gekommen und saßen oder gingen hin und her, sahen sich au und schloffen Bekanntschaft. Einer, ein Militär außer Dienst, trug Uniform, die andern waren im Gehrock oder Jackett erschienen, nur einer ging im langen 5iaftan. An ollen war, trotzdem diese Sitzung viele ihrer gc- wohnten Thätigkcit entrissen hatte und sie geradezu sagten. das Amt sei ihnen lästig— der Ausdruck eines gewissen Vergnügens zu bemerke», das durch da?. Bewußtsein der Er- süllnng einer tvichtigen Bürgerpflicht in ihnen hervorgerufen tvar. Die Geschwornen, die zum Teil Bekanntschaft schloffen. teil?, nur mutmaßten, wer sie seien, unterhielten sich vom Wetter, vom zeitigen Frnhjahr und von der bevorstehenden Schlvurgerichtsverhandlung. Die mit Nechljndow nicht be- könnt waren, beeilten sich, seine Bekanntschaft zu mache». weil sie das offenbar für eine besondre Ehre hielten. Und NechljudoN' nahm diese Ehrenbezeigung, wie stets unter unbekannten Leuten, als ettvaS ihm Gebührendes entgegen. Wenn man ihn gefragt hätte, warum er sich für bedeutender als die Mehrzahl der Leute hielt, so hätte er darauf nicht anttvorten können, da sein ganzes Leben keine besondern Vorzüge austvics. Denn daß er schön englisch, französisch und deutsch sprach, daß er Wäsche. 5ileidcr, Kratvattcn und Hemden- knöpfe von den allerersten Lieferanten trug, konnte nicht der Grund für die Aiierkenming seiner Ucbcrlegcnhcit sein. DaS sah er selbst ein. Aber dabei erkannte er doch diese seine Uoberlcgenhcit rückhaltlos an und nahm die ihm erwiesenen Ehrenbezeigungen als daS Gebührende entgegen und that be- leidigst wenn man sie ihm vorenthielt. Im Geschwornen- zimmer mußte er gerade dieses unangenehme Gefühl ihm vorenthaltener Ehrenbezeigung durchkosten. Unter den Ge- schworneii befand sich ein Bekannter Ncchljudows. Das tvar Peter Gerassimowitsch(Nechljudotv wußte nie seinen Familien- tiamcn und prahlte sogar etwas damit), der frühere Lehrer seiner Schwesterkinder. Peter Gerassimowitsch war jetzt Gym- nasiallchrer. Er war Nechljndow schon immer durch seine Vertraulichkeit, sein selbstzufriedenes Lachen, überhaupt durch seine„kommuuen Manieren", wie Nechljudows Schwester sich ausdrückte, unerträglich getvestm. „Also Sic sind richtig auch dabei reingefallen," cnipfing Petcr Gerassimowitsch mit lauteiil Gelächter Nechljudow.— »konnten Sie sich nicht dünne machen?" „Habe nie daran gedacht," sagte Ncchljndow strenge und ärgerlich. „Das nenne ich bürgerlich gehandelt! Na. tvarten Sie nur, wenn erst der Hunger kommt und der Schlaf nicht kommt, werllen Sie schon anders singen!" lachte Deter Gerassimowitsch noch lauter. Dieser Oberpriestersohn wird mich gleich noch nnt Du an- reden, dachte Nechljudow und drückte dabei in seinem Gesicht einen Kummer aus, der nur dann natürlich gewesen wäre, wenn man ihni soeben vom Tode seiner sänitlichen Verwandten Mitteilung gemacht hätte. Er trat also von jenem weg und näherte sich einer Gruppe, die sich um einen großen, rasierten, stattlichen Herrn gebildet hatte, der lebhaft etwas erzählte. Dieser Herr sprach von einem Prozeß, der eben jetzt in der Civilabteilung verhandelt wurde, wie von einer ihm genau bekannten Sache, und nannte dabei die Richter und berühmten Advokaten init Vor- und Zunmnen. Er erzählte von der wunder- baren Wendung, die ein berühmter Advokat der Sache zu geben verstanden hätte, und infolge deren eine der beiden Parteien, eine alte Dame, obwohl sie vollkommen ini Recht sei, um nichts und Ivicdcr nichts eine große Summe Geldes an die Gegen- Partei bezahlen müßte. „Ein genialer Advokat," sagte er. Man hörte ihm ehrerbietig zu, und einige bemühten sich wohl, hie und da eine Bemerkung einfließen zu lassen, aber er schnitt allen das Wort ab, als wenn ihm allein der wahre Sachverhalt bekannt sein könnte. Obgleich Nechljndolv schon spät gekommen war, mußte er noch lange warten. Die Verhandlung zögerte sich des- halb hin, weil ein Mitglied des Gerichtshofes bislang nicht erschienen war. Sechstes Kapitel. Ter Vorsitzende kam frühzeitig ins Gencht. Er war ein großer, kräftiger Mann, mit langem, grauem Backenbart. Er war verheiratet, führte aber, gerade wie seine Frau, ein sehr lockeres Leben. Man that sich gegenseitig keinen Zwang an. Heute niorgen hatte er ein Billet von der Gouvernante. einer Schweizerin, erhalten, die den Sommer bei ihm in Stellung gewesen und jetzt auf der Durchreise vom Süden nach Petersburg im Gasthause„Italia" abgestiegen war, wo sie ihn zwischen drei und sechs Uhr erwartete. Ans diesem Grunde wüiifchte er die Sitzung heute früher anzufangen und früher zu schließen, damit er vor sechs Uhr bei der rot- blonden Klara Wassiljewna sein könnte, mit welcher er letzten Sonimcr im Landhausc einen Roman angeknüpft hatte. Nach seinem Eintritt in das Kabinett riegelte er die Thür zu, holte auS dem Aktenfchrank voni untersten Brett zwei Hanteln und niachte zivanzig Bewegungen aufwärts, vorwärts, seitwärts, abwärts: dann machte er dreimal halbe Kniebeuge, wobei er die Hanteln über dem Kopf hielt. Nichts erhält doch so gesund, wie kalte Abreibungen und Ghnlnastik, dachte er und betastete mit dem goldgeschmiickten Ringfinger der linken Hand den angespannten Biceps des rechten Armes; ihm blieb noch übrig, die Drehung mit ge- streckten Armen auszuführen(diese beiden Hebungen wurden stets vor dem langen Sitzen in der Verhandlung von ihm gemacht), als die Thür erzitterte. Jemand Ivollte sie öffnen. Der Vorsitzende legte gcschivind die Hanteln an ihren Platz und öffnete die Thür. „Entschuldigen Sie," sagte er. Ins Zimnier trat ein Mitglied des Gerichtshofes. Ter Herr trug eine goldene Brille, war klein, hatte hohe Schultern und ein mürrisches Gesicht. „Ist wieder Matwei Nikititsch nicht da?" sagte das Mit- glied des Gerichtshofs unzufrieden. „Nein, ist noch nicht da," antwortete der Vorsitzende und zog sich die Uniform an.„Der kommt auch immer zu spät." „Sonderbar, daß er sich gar nicht schämt," sagte das Mit- glied, setzte sich ärgerlich hin und holte Cigaretten hervor. Dieser Herr, ein sehr accurater Mann, hatte heute morgen einen unangenehmen Zusanimenstoß nnt seiner Frari gehabt, weil sie mit ihrem Monatsgcld vor der bestimmten Frist zu Ende gewesen war. Sie bat ihn um Vorschuß, aber er sagte, er ginge von seinen Grundsätzen nicht ab. Da gab es leine neue Scene. Die Frau sagte, wenn er so sei, gäbe es kein Mittagessen, er solle nicht ans Mittagessen zu Hause rechnen. Darauf war er fortgefahren und fürchtete nun, sie würde ihre Drohung wahr machen; denn man konnte von ihr alles gewärtigen.„Da soll einer noch brav und anständig weiterleben", dachte er und sah auf den strahlenden, gesunden, fröhlichen. gutgelaunten Vorsitzenden, der, beide Ellbogen breit aufftützend, mit seinen hübschen, weißen Fingern den dichten, langen, grauen Backenbart auf beiden Seiten des gestickten Kragens strich: „Er ist immer zufrieden und vergnügt, während ich mich quäle." Der Gerichtssekretär kam herein und brachte die Akten." (Fortsetzung folgt.) «Nachdruck verboim.) Drv MorhfvslU. Skizze von Alfred a f H c d e n st j e r n a. Autorisierte Ucbcrsctzuiig von E. B r a u s e>v e t t e r. (Schluß.) Frau Holm eilte in der Nichtimg zum Markt davon. Ich zog inciiic Uhr ans und sah bald«ins den Zeiger, bald dein sicher sehr netten, aber äußerst einfachen Vnnnnvollklrid der Frau Holm nach. Fräulein Holm, fie hieß übrigens Amanda, lachte ein tvenig verlege», ja, mir war eS sogar, als wenn sie errötete und sagte: „Sie wundern sich gewiß nver die Toilette, in der meine Mutter zum Mittag geht?" „Ach, ivic sollte ich...? Aber cS kommt mir etwas merk- würdig früh vor und... sind Sie nicht auch eingeladen, Fräulein?" „Nein, und Maina ist auch nicht„eingeladen", sondern... sie ist Kvchfran, sehen Sie..." Nachdem ich sie einen Augenblick dumm angestarrt hatte und nichts zn sagen ivußtc, nmrmcltc ich ctivaö von dem lnltnrfördeniden Einfliih der Kochfranen. Am Abend, als Frau Holm ivicdcr von dem Schmause nach Hanse gekommen war. promenierte Fräulein Amanda mit ein paar Bekannten ans dem Kirchhof, und alles war siill und friedlich, da meinte Frau Holm, während wir ans der Veranda saßen: „Ich bin ei» Kind der Stadt, sehe» Sie, und habe rnidjjiic von hier losreißen können, obwohl man cS hätte thnn sollen, denn cS gebt einem hier schlecht..." »Jnwicfcnl. Frau Holm? Ach ja, Sie sind LSitive, aber...' „... Dafür giebt cS auch Trost, meinen Sic? Ja, bisweilen, aber nicht immer Behüte, ich lasse nicht den Kopf hängen, seufze und weine auch nicht; aber meinen Johann vergesse ich doch niemals l lind dann habe ich ein so schönes Andenken an ihn, die Sorge und Plackerei, um mein Kind und mich z» versorgen. Er hatte ein Geschäft, das recht gut ging; aber er starb bereits im dritten Jahr, bevor wir etwas zurücklegen konnten, imd ich ivußtc mir anfangs keine» Rat, wie ich ii»S ernähren sollte, da ich eigentlich nur lvnßte, ivie man Geld unter die Leute bringt." „Arme Frau Holm!" „Es giebt Leute, denen es noch schlechter geht, gelviß; aber es kann auch schivcr genug sein, bei den Diners und EouperS der Kinder(derer zn kochen, die uiisre Jugendfreundinnen waren, oder durch die Thiire einen Blick in den Saal zu werfe», in dem man als junges Mädchen selbst tanzte. Aber im Lause der Zeit vergißt man das Vergangene. Als ich i» diesen Tagen bei einer silbernen Hochzeit das Diner bereitete, entsann sich die Frau darauf, daß ich auf ihrer Hochzeit als Brantdamc gewesen war, erst mitten während des MahleS; aber dann war sie auch so freundlich, in die Küche hiiiansznkommeik und mit mir anzustoßen. Sic nennen mich „Marie", und ich mache natürlich keinen Versuch, sie anders zu nennen, als„gnädige Frau". „Hin!" „Aber wissen Sie, was mich doch am meisten ärgert?" „Nein." „Daß Mein Fohanit, der so gern etwas Gutes aß und alles so rühmte, Ivos anf»nsrcm Tisch kam, niemals erfahren soll, ivie ich jetzt kochen kann! Ach. der arme Johann, als er lebte, konnte ich ja nicht viel. Auch da kommt eS wie bei allem auf Ucbung, Gcivandl- heit und Kenntnisse an." „Herr Holm ivar also ein Feinschmecker?" „Gewiß i aber wenn ich daran denke. Ivie wenig ich damals konnte I Ach. der Eule I Cr hatte leine Ahnung, ivas seine Marie allcL lernen iviirde I" Sie war die ganze Zeit sehr ruhig gewesen. Es hatte ihr keine Thräne der Demüthignng gekostet, als sie erzählte, daß die Silber» braut mit ihr in der Küche angestoßen hatte: aber als sie nun daran dachte, daß ihr Johann»iemals eine Ahnung von der Eni» wickclnng ihrer liiliiiarischen Talente bekommen würde, da flössen die Thränen in Strömen. „Er liegt dort, wo wir heute früh Kaffee getrunken haben. Ich habe die Bank dort hingesetzt." Wie traurig. so nahe einer so meisterlichen Kochktinstlerin zn sei», und sich dann i» einer Daseinsform zu befinde», in der man nicht mehr ihr warmes Herz und ihre reiche Begabung ge- nieße» lann! Beinahe bedauerte ich den seligen Holm. Vielleicht sitzt er dort mit Abraham, Jsnac und Jacob zn Tische; aber was versteht man im Jenseits vom Meim? „Gic PnT'fii wM viel Veobaih tunken angestellt, Frau Holm, bei de» viele» feierliche» und frohen Festen, bei denen Sie als Koch- frau sozusagen hinter die Coulisseii der Faniilicn geschaut haben?" „Ach ja, mehr als mir bisweilen lieb gewesen ist. Denn es ist gerade nichts Erheiterndes, zu sehen, wie oft die Herzensfreude beim Begräbnis grögcr ist, als auf der Hochzeit, oder zu hören, wie Main« und Frnn sich zanken, ivas es kostet, wenn für den Geburtstag des andern ein Fest gegeben iverden soll." „Es miiglc sehr interessant sein, Sic Einiges erzählen zu hören, Was Sie bei solchen Gelegenheiten erfahren haben. Mein Raine ist..." „Ach, machen Sie sich weiter keine Mühe. Ich kannte Sie gleich wieder nach einem Bild im„Fainilienblatt", als Sie drauszen vor der Thür standen. Ich will Ihnen sagen, nicht jeder Beliebige dürste in Amandas Bett schlafen und ich würde auch nicht jedem am Grabe Kassec anbieten." „Ach, Frau Holm, Sie schmeicheln mir I Und die Geschichten, wie wird es mit denen?* »Ra, wie wolle» sehen 1* Kleines �euillekon» — Noscn von Jericho. Der„Frantf. Ztg." wird geschrieben: lieber die Rosen von Jericho handelt Dr. Konrad Schiel im „Palestinc Exploration Fund". Er führt u. a. folgendes aus: Die Rose von Jericho ivird von der Weisheit Sirachs(XXIV, 14) zuerst erwähnt. Damals mag das herrliche Jordanthal ein Rvsciigarlen gelvesen sein und noch 1172 schrieb ein Theodorich:„Viele Rosen wachsen in Jericho und ebenso treffliche Tranben". Doch nach den Krcnzzügen Hörle das ans. Da aber die Rosen von Jericho mit der heiligen Jungfra» in Verbindung gebracht waren(Yad el'Azia, die Hand der Jungfrau), so ivolllen alle Palästinnpilger Rosen von Jericho sehen und besitzen. So kam die Anscrstehungspslanze(.Ana»tatiea hierocliunticaj dazu. alS Ersatz für die btose zu gelte», die Anastatica, die tot daliegt, Ivcnn sie getrocknet ist, und deren Zweige dann eine kugelige Masse bilden, während sie immer und immer sich wieder ausbreiten und ausleben, wenn man sie ins Wasser legt. Mancherlei Aberglaube knüpft sieh an die Pflanze: sie lvnchse nur da, wo die Jungfrau Maria gestanden und gegangen, sie öffne sich nur an gclvissen Festtagen der christlichen Kirche und abends (zum Beispiel am Weihnachtsabend); in der Hand einer Gebärenden lindere sie die Schmerzen und erleichtere die Geburt. Aber„sie ist Iveder eine Ltose, noch wächst sie in Jericho", sagt Bädecker. An den Ufern des toten Meers und in der Wüste ist sie zu finden, von der Sinaihalbinsel an bis zum Fordan. Nach des Bruders Lievi» de Hammes„Führer zu den heiligen Stätten" hat man im Mittelalter noch eine andre Pflanze als Rose von Jericho angesehen, von der man erst in der Neuzeit wieder tveiff, welche gemeint war. Schick nennt sie Odon- tospermum Pygmaeum; die Pflanze ist wohl identisch mit dem A Stensens Pygmaeus, welche sich in den Wappen mehrerer fran- zösischcr krenzfahrendcn Adelsfamilie» findet. Gerade jetzt sollen von Jebcl Knnnitel in» Westen von Jericho zahlreiche Exemplare des Odontospermnin oder Asteriscus nach Jerusalem auf den Markt gekommen sein. Diese Pflanze bar alle Eigentümlichkeiten der Anastatica hierochnntica, und sie öffnet und schlieft sich noch rascher als die letztere.— Theater. Akademisch-litte»arischer Verein: A n t i g o n e von Sophokles.— Der junge Verein hat sich durch die vor- gestrige Aussührnng ein- neues Verdienst erworben. Gleichzeitig wurde zur Gewiffheit, lvas nach der ersten Vorstellung mir Ber- inntnng war: der Chor muff tvcg!. Es geht nicht, eine Tragödie in modernein Stil zu spielen und dann die uns völlig fremde Ein- richtung des Chors zu übernehmen. Der Verein sollte den Mut der Konsequenz habe» uiid den Chor in Volkssccncn und Einzelgespräche atiflüscn. Da er auf diese Weise die Dichtung unsernr Berständnis nahebringen würde, würde er auch durchaus im Geist der echten Pietät handeln. „Antigone" liegt uns von vornherein viel näher. als der OedipliS. Der Mann, der hier vom Schicksal geschlagen wird, fällt i» eineni Konflikt, der auch»ach unsrer Ausfassung tragisch ist. Der Gegensatz zivischen den starren Forderinigen der Staats- Vernunft und den Geboten der Menschlichkeit kommt ergreifend zin» Ausdruck. Auch die Charakteristik erscheint mir lebensvoller als im „Ocdipus" zu sein. Einzelne Sccnen sind— selbst in der cttvas trockenen Uebcrsctzung, die benutzt wurde— von fast Shakespearescher Wucht. Herr He ine war als Kreon ausgezeichnet. Das Schauspielhaus sollte sich seinen eignen Darsteller ivirklich einmal ansehen. Es befindet sich iti einem bösen Irrtum, wenn es glaubt, reich genug zu sein, um derartige Kräfte unbenutzt lassen zu können. Frl. D u m o n t war als Artigone nicht an ihrem Platz. Ihrem Organ fehlt manches für den groffen tragischen Stil und ihren Empfindungen auch. Warum will sie die schönen Eindrücke verlvischen, die Ivirvon ihren nioderilenRollcn erhalten haben? Dcr Teiresias muff größer und furchtbarer wirken, als er in der Darstellung Reinhardts wirkte. Reinhardt ist ein aus- ezeichneter Künstler, aber der Stil seiner Kunst widerspricht der tolle. Eben weil er in seine,» eignen Stil so Ergreifendes leistet, ver- sagt er, wenn er in einem andern spielen mutz. Schließlich wären »och Herr K a y ß l e r und W i» t e r st e i n zu nennen. Der Dichtung ging ein seenischer Prolog von Hofmannsthal voraus, der besser fortgeblieben wäre, lieber den litlerarischen Wert will ich damit nicht geurteill habe», einfach weil ich den Schauspieler, der die Hauptrolle spielte, nicht verstand. Was ich aber rein äußer- lich verstand, verstand ich dein Sinn nach nicht und kann so zu keinem Urteil kommen. Der Prolog war aber viel zu eng mit der Dichtung verwoben. Herr HofnrannSthal und Sophokles soll man nickt zu nahe aneinander bringen. Das schadet beiden. Vor allein natürlich Hofmannsthal.— E.£>. Knltiirgeschichtliches. k. E i n p r ä h i st o r i s ch e s Verschönerungsmittel. Es ist bekannt, daß die alten griechischen Athleten ihre Haut gc- schmeidig machten, indem sie de» Körper mit Oel einrieben und die Haut mit einem besonderen Instrument abkratzten. Daß aber diese Pflege der Haut schon in frühesten Zeiten bei einer primitiven Bc- vvlkernng zu finden ist, beweist neuerdings ein eigentümliches Froltierinstrument, das mehrfach an der Stätte des alten Troja und bei den neuere» Ausgrabungen auf Melos gefunden worden ist. Nach dem Fundort gehört es in eine»och frühere Periode als die mhkenische und ist daher von größter Wichtigkeit für die Kultur dieser ältclte» Bevölkerung. Es sind Kegel oder Keile von Terrakotta, deren Dicke an der Basis drei und zwei Zoll beträgt, die Höhe ist ztvei Fuß. Dicht an der Spitze ist durch den ganzen Kegel hindurch ein Loch gebohrt. Das nierkivürdigste an diesen Kegeln ist aber das Aussehen der Unter- scite der Basis; in diese sind zahlreiche kleine Locher in nnregel- mäßigen Reihe» eingekerbt. Die Bestimmung dieses Instruments hat bereits zu de» verschiedenartigsten Deutungen Veraulassniig gc- geben. Schlicuinnn glaubte,, daß die Löcher ursprünglich mit Borsten gefüllt waren, und dieser Kegel also den Griff einer Bürste dar- stellte. Dazu scheint aber die Forin tvenig geeignet; die Borste» tvären bei dem geringsten Seitendruck herausgefallen, und von einer Cementbcfestignng am Grunde ist nichts zu sehen. Gegen eine andre Theorie, daß der Kegel zum Abdruck farbiger Muster auf die Haut oder ans Webereien diente, spricht die Unebenheit der Basis. In den, soeben erschienenen Heft der„Classical Review" weist nun Cccil Smith eine andre Beftiinmnng dieser sogenannten „Troja-Bürsten" nach. Die rauhe Oberflache diente dazu, die Haut tveich und glänzend zn machen, so daß man eS hier also mit einem der ältesten Schönheitsmittel zu thnn hat. Das ergiebt sich auch besonders aus der analogen Verivcnduug von vollständig gleichen Terrakottagegensiänden bei de» Aeghptern.' In seinem Buch über die Aegypter erzählt Laue bei der Beschreibung eines ägyptischen Bades:„Nachdem man den Körper geknetet hat oder auch früher reibt der Diener die Fußsohlen des Badenden mit einer Art Naspcl aus gebranntem Thon. Dazu iverden ztvei Arte» von Raspeln ver- ivendct. Die eine ist sehr porös und rauh und in die reibende Oberfläche sind mehrere Linien eingekerbt, die andre ist aus festem schönen, Thon, und die Oberfläche, mit der das Reiben ausgeführt ivird, ist künstlich rauh gemacht. Die rauhere Raspel ist von großem Rußen für die Leute, die keine Strümpfe tragen, was ja bei den Bewohnern Aegyptens meistens der Fall ist. Die andre ist für die Empfindlicheren bestimmt zun. Reiben der Glieder, um die Hont tveich zu machen." Diese Beschreibung paßt genau ans die Form der prähistorischen Tcrrakotta-Kcgcl, ebenso die Art des gebrannten Thons. Die ans der untern Basis roh eingelerbten Muster sollten die Reibnugsfläche rauh machen. Das Loch an der Spitze lvar zum Durchziehen eines Rings und Aufhängen des Jnstrliments bestimmt, oder auch, um den, Finger des bteibendcn einen besseren Halt zu geben. Daß die Haut dieser vorinhkcnischen Bevölkerung noch nicht sehr empfindlich lvar und Strümpfe damals noch z» den unbekannte» Kleidungsstücken gehörten, ist wohl sicher vorauszusetzen. Das Frottieren wurde auch wohl kaum auf die Fnßlcidc» allein beschränkt, sondern erstreckte sich auf den ganzen Körper. Auf das„Polieren" der Haut fpielt schon Hcsiod an.— Archäologisches. — lieber die Altertümer von C o p ä n und Q n i r i g n 5, sprach Prof. S e l e r in der letzten Sitzung der Berliner„Gesellschaft für Anthropologie". Die„M. A.-Z." berichtet über den Vortrag folgendes i Dem Vortragende» ist es in jüngster Zeit geglückt, daS Material für die Entzifferung der Bilder der Hieroglyphen zn mehren, die sich auf den Steiiimonumente» der M a y'a auf der Rnincnstätte von Palenke finden. Diese Stätte ist an der Grenze von Gnatc- mala und Honduras gelegen, am Ende einer alten Handelsstraße, die hier vom Atlantik nach Central- Amerika führte und noch durch Cortez benutzt worden ist. Die von Flüssen durchströmte Region hieß ivegen des starken Kanocvcrkehrs daselbst bei den Ein- geborenen das„Land der Schiffe", und die Straße ist noch bis nach Vera Paz hin z» verfolgen. In Guatemala selbst finden»vir die Momniiente nicht, die hier am Rio Montagna, bei Copün in der Wildnis des UrtvaldS aufgefunden worden sind. Es sind Koniplexe von Monnmenten, und in ihren vom Flusse ans anstvärts an- steigenden Terrassen haben diese Bauten mit denen des alten Troja Aehnlichkeit. Oberhalb der Terrassen ist ein Hof, in dem sich teils als Säulen, teils als Altarplatten benutzte große Steiiimonnmcnte befinden, die mit Bildern und mit Hieroglyphen bedeckt sind. Die Anlage von Quirigriä entspricht der von Copän. Im Berliner„Museum für Völkerkunde" befindet sich der Abguß einer Stele von Quiriguä, ans deren breiterer Vorderseite eine mit Kopf- putz geschmückte, reichgekleidcte menschliche Figur dargestellt ist, Ivähreiid die Seitenflächen der Säule mit Reihen von Hieroglyphen — 25'_>— bedeckt find. Diesen Dingen nt(5 dem Gebiete der VlNijo-Äukllir-stand nra» z»erst bei dein Memgel ou historffchcir Nachrichten viirtoc; kregeu- «{ifr. Sliis den Mitteilungen dcS Bischofs Land« von Ankotaii in seinen„mens de Yakatan" konnte man indessen die An- schannng gewinnen, daß die Grundlagen der Chronologie bei den Maya-Stänmicn mit der ans Alt-Mexico her hekannteii, über- einstimmte, das; die gleichen Grundvorstcllnngen. Ivie sie sich in den 2V aufeinander folgenden»nid sicki in deslinmiten Perioden »viederhvlcndcn Tagen des altinahanischen Festlands finden, für die Name» und Zeichen»ys bekannt sind, hier nieder erscheinen. Durch sorgfältige Vergleichiiug der Bilderhandschriften.. die wir..boil. de» Mahn»iid den alten Mexikanern besitzen, mit den Moiinnientcn ist Sie»irrt viele»» 2charffinn durchgeführte Deutung von Bildern und Hicroglhphei! für die Zalslciizcichcu bon 1 bis' 10 gelungen, mit Ausnahme des ZcickienS für 2. das noch nicht ganz'sicher feststeht. Das Tckpalcl---- Feuerstein der Mexikaner findet im Feuerstein- messer der Maya seine Analogie. Die Zeichen für die 18 IahreS- feste, die je 20 Tage boii einander entfernt sind und mit ihren Namen von Landa überliefert sind, hat man nach den Handschriften auf den Monumenten wiedergefunden. Der Nefcrcnt erörterte im Verlaufe seiner Darlegungen zunächst das Zahlen- shstcni, tvic cS sich ans den» Festkalender der Maya finden lagt. Da- durch, das; gewisse Zahlcngeichen in der sogenannten„Dresdener Handschrift" rot und andre schwarz angegeben sind, kam man auf Bezeichnungen gewisser Differenzen und zur Erkenntnis des Stellen- wertes der zn Säulen geordneten Zahlzeichen, und e? ergaben sich fiir die verschiedenen Stellen folgende Werte der Zifierzeichcn: An erster Stelle stehen die Einer, die zweite Stelle nehmen dann die Zwanziger ein, und es folgen an dritter Stelle die SVOger, dann die Mmal"GVger, endlich die 20mal 20inal Jövgcr. Diese Perioden sind auch' in der Sprache der Maya- Stämme, die groge Zahlen lieben, begründet. Die Sonne gilt auf den Momnncnteir als Symbol für den Einzeltag und die Tag« haben neben ihren Zahl- zeichen auch noch eine bildliche Vezeichni'nig, die mit dem Zahlzeichen in Znsannncnhang zu bringen ist. ES ist durch diese Forschungen er- »vicscn tvordcn, das; ähnlich wie die alten Römer die Wochentage nach ihren Göttern bezeichneten, auch dieser Brauch bei den Maya- Stiimmeu EentralamcrikaS existiert. Je 13 Tage ihrer 20ger Periode ztvischen den einzelnen Festen sind durch die Bilder von' je 13 vcr- fchicdcnc» Göttern bezeichnet, während die noch fehlenden 7 Tage durch eine Komposition der Zeichen zn dein sie charakterisierenden Bilde gelangt sind. Fast der ganze Festkalender der Maya kann nun- »nchr als bekannt gelten.— Aus den« Tierlebe». — lieber den S t i chl i n g schreibt E. Bade in der Wochen- schuft„Ncrthus"; Bon den Stichlingen(Gastevostev.s) sind et loa zehn Arten genaner bekannt. bon denen eine Art(Gasterostous spinachia) im Salz- und Brakivasfcr lebt, Ivährcnd man die übrigen Arten hnnptsächlich als Sützlvasserbcwohncr ansprechen kann, obgleich sie alle im stände sind, auch im Meere existieren zn können. Alle bekannte»» Arten sind ans die gcniästigtc und die Polarzone der nördliche»» Halbkugel in ihren» Borkoinincn beschrankt. llnsre beiden in Deutschland vorkonmieirdcn Snsgvasserarten find der drcistachlichc Stichking und der kleine Stichling, von denen der erste ivcgcn seiner eigenartigen Körper- Beschilderlmg ein allgemeines Jntcrcsse beansprucht. Die durch ein silberglänzendes Pigment gefärbte Haut drö Nrnnpfes erscheint bei de»»» drcistachligen Stichling in Mitteleuropa grösstenteils>»ackt, bei den weiter nördlich vorkönnnenden Formen bilden sich mediane Nückensthilder und seitliche Schienen derart an ihr ans, das; der Fisch oft bis zur Bauchseite ganz gepanzert erscheint. Zwischen diesen beiden Forincn sind aber zahlreiche tlcbergänge vorhanden, so das; die Ansstelinng von verschiedenen Arten in dieser Hinsicht als nicht gerechtfertigt erscheint. Wenn angegeben wird, das; diese verschiedenartige Beschilderimg als Sommer- und Winterkleid anzusehen ist, d. h.. das; der Stichling ohne Schilder sein Sominerklcid trägt»md sich im HochzeitSschinnck befindet, der Panzer aber daS Winterkleid darstellt, so ist auch dieses nicht richtig, denn an im Aanarinn» gc- haltcncn Exemplaren konnte ich feststellen, das; die beschilderte Form «»ich zur Fortpflanzmigszcit Schilder trägt, die nackte Fori» dagegen auch in» Winter keine Körperbcdcckung erhält. Bon den Flossen des Stichling? sind die eigenartigen Banchflossei» besonders crlvähnenS- wert. Diese sind banchstäudig, mit den» Schanibcin verbniiden»nd bestehen an? eine»» starken Stachel und einen» kleinen Strahl. Bor der»veichcn Rückenflosse haben drei starke Stachel» eine isolierte Stellung, während sich vor der Afterflosse gleichst»!«'? ein starker Stachel befinder. Da der Stichling diese Stacheln, die keine zn iinterschätzciiöcn Waffe»» bilden, lange Z.cit hindurch aufgerichtet hält, so müßten die StachclmnSkclu in'it der Zeit durch diese? An- spannen sehr ermüden, so daß der Fisch i» diesem»vehrloscn Zu- stände mm seineii Feinden vollständig preisgegeben»väre, wci»» nicht geivisfc Anordnungen und Vörrichtmi'ge» de»» MnSkeli» daS Aufrecht- erhalte»» der Stacheln erleichterten. Zn diesem Zwecke sind die Stacheln Mit Spcrrvorrichtungcn versehen, die nur dann die Stacheln niederlegen, »venu der Fisch es»vünstht, init Gelvalt, und zivar mit ziemlicher Kraft aber»nr niedergedrückt»verde» könncii,»vcnn die Sperrvorrichtung zerbrochen»vird. Ans diesen» Grunde vergreifen sich auch nur i»»»- aclvipte Naiibfischc an den» Stichling. Der Hecht, der sonst keinen lebenden Fisth verschont, der in die Nähe seines»vcitcn Rache»? kommt, last! die um ihn spielendem Stichlinge völlig unbeächtet. bc»'- greift sicki aber nicht selten an dem ebenfalls mit starken Stacheln beivehrten Barsch, der keine Spcrrvorrickitmigen besitzt,»»»»d hält den stopf diese? Räubers so lange in seinen» Rachen, bis der Barsch er- »lüdet seine Stacheln niederlegt und lästt ihn dann in seinen» nnersättliche Schlund verschwinden. Durch die AuSbildimg so vorzüglich ausgestatteter Stachel»» konnte bei den» Stichling die mistere Körperbepanzerimg als ettvaS lkel>e»stüss'ges innnetchii» schlvindcn, auch ohne diesen Panzer. der einer freie»» Beivegung sich stets hinderlich- zeigt, ist ja der Stichling trefflicher geschützt, als viele andre Fische;, der Panzer.wird voi» der jüngere»» Generation der Stichungc stets»nehr und Mehr als imnötlger Ballast abgeschafft. Entsprechend seiiier mir geringen Graste ist der Stichling einer der gefährlichsten Räuber, den das Snsstvnsfer anfiveist. Er verzehrt den Laick» nnd die Brut anderer Fische, denen er mit dem gröstten Eifer, der gröstten Schlauheit nnd Gier nackistcllt. An»»neiste» interessant ist der Stichling durch den Ba» seines Nestes,»vclchcs er anS Pflanzcnteilen und andren Stosfen ain Grunde des Gewässers mifbant. Sobald geeignetes Baumaterial herbeigeschafft ist,»vird dieses durch eine« Leimtröpfen, der aus der Geschlechtsöfstinng tritt, ziisaminengekittet und der Bau nach innen nnd misten abgerundet. Da? Mämiche» zupft und spült Hälniche» heraus, leimt sie an andrer Stelle»vieder fest, vcr- flechtet die Enden der Bamnaterialien»niteinander, so das; ein rund- licheS Nest entsteht, daS oben nnd»mten vollständig geschlossen ist, seitlich aber eine Oessnnng trägt, tinter zierliche»» inid graziöse»» Betveginigen»vird ein Weibchen bon» Mäimchei» dazu eingeladei», seinen Laich den» Neste anzuvertrauen nnd helfen diese Licbkosnngei» nichts, locken die glühenden Körperfarbe»», die jetzt da? Männcheii zur Schau trägt, nicht, so»vird ein andres Weib gesucht.»velclicS sich gefügiger zeigt. Dieses schlüpft in den Eingang ein, legt hier einige Eier ab und bohrt sich da»»» selbstans der dein Eingang entgegen- gesetzten Seite einen Ausgang durch die Ncstwandnng,»vährend das Männchen durch seine Milcki die Eier befruchtet. So lock» nnd drängt daS Männchen mehrere Wcibchei» in das Rest. Genügt die Menge des abgelegten Laiches den» Männchen, so»vird die Hintere Nest- öffiinng verichlofie» nnd nun stellt sich der Vater vor dein Eingangs- loch« zun» Schutz der Brut auf, vertreibt die nach den» Laich lüsternen Weibchen,»vagt sich auch an größere Linchrnubcr und ist mich den ausschlüpfende»» Jungen noch kürzere Zeit ein aufopfernder Pfleger, indem er die Vorivitzigcriveise das Rest zn früh verlassenden Kleine»» mit den» Manl ergreift und in die Kinderstube zurückspeit. Erst Ivenn die Brut sich selbst Nahrung verschaffen kann,»vird der Vatcc sorgloser und überläßt dann seine Kinderschar sich selbst.— HninoristisMes. — PräciS ausgedrückt. M ü» ch n e r lzu feiner Fran. die auf belebter Strast« beinahe von eine»» Wagen überfahren »vorden ivärej:„Ja»voastt, da darfst halt nct l a n g n n» a n a n d- s ch a n n, da unlstt halt a>v eng n in a n a» d s ch a u»»." — B c>v c i s.„Pastor Sänftlich scheint recht vergnügte Stunden erlebt zu haben»vährend seines Bestich? i» der Residenzstadt." „Hat er Dir erzählt?" „Nein, aber er»varilt immer so eindringlich,»vdlch' Sündenpfnhl daS sei, ein ziveiteS Sodon» und Goniorrha."— —„ n e b k r z e u g u n g macht»v n h r I" n» g l a II b i g e s I n d i v i d» n»»:„Die Klapperschlange ist nicht sechs Fast lang,»vie auf den» Anschlagzettel steht." M e n a g c r i c b e s i tz e r(sehr hoflichl: Oh bitte, hier ist ein Zollstab, der Käfig ist offen,»vollen Sic nur gefälligst selbst nach- »nesien."—(„Jugend".) Notizen. — Da? Schiller»Theater»vird»och vor den Oster- feiertagrn eine Ncneinstndiernng von I b se» S„B r and" bringen.— — In M ü>! ch c n Ivurde daS neue, der K ü n st l e r- G e- n o s f c n s ch a f t gehörende' K ü n st l c r h a u S am Donnerstag feierlich eröffnet.— — Zwanzig Professoren der Wiener Nniversität, zumeist Mc- dizincr, richteten nach einer Meldung deS„B. T." an den Unter- richtS-Minister ein Memorandum, worin sie den P r o t e st ihrer Kollege» gegen KlimtS Bild„Die Philosophie" bekämpfen.— — Elsa von S cki a b c l S k h»vird in» nächstei» Herbst in» Petersburger Neinetti-Thcater ein russisches Privat-Thcater einrichten.— — Am 20. März 1810 wurden zun» erstenmal in London die Bogen eines englischen Werkes auf der Schnellpresse, einer Erfindung de? Deutsche» Friedrich König, gedruckt.— — In Frankfurt a. M. wurden im Jahre 1353 einige S ch Iv e i n e hingerichtet,»veil sie ein in der Wiege liegendes Kind in Sachsenhansett angefressen hatten.— — In Buenos A y res erkrankten am 3. und s. Februar 303 Personen an» Hitzschlag, von denen 180 starben.— Die nächste Nummer des Untcrhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den l. April._ tLercniNvvrtllcher R.ewatur: Paul John in Berlin. Druck uns Bernig von Max Badliig in Berti»'..