Hlnterhallungsblatt des Worwäris Nr. 67. Donnerstag, den 5. April. 19ül) (Nachdrnik ucrSotcno 7j Anfovpkesznng. Roman von Leo T o l st o j. Die Maslowa verstummte, als hätte sie Plöhlich den Faden verloren, oder besänne sich ans etwas. „Nun und dann?" „Was dann? Dann war ich bei ihm und fuhr nach Hanse." An diesem Augenblick erhob sich der stellvertretende Staatsanwalt ein wenig, indem er sich gezwungen ans einem Ellbogen stützte. „Sie wünschen eine Frage zu thnn?" sagte der Vor- sibende, und gab auf die bestätigende Antwort des Staats- anwnlts durch eine Handbewegung seine Zustinimuug zu er- kennen. „Ach niöchte mir die Frage erlmiben: war die Angeklagte früher mit Simon ftcntinfin bekannt?" fragte der Staats- anwnlt, ohne die Maslowa anzusehen. Nachdem er diese Frage gethan, kniff er die Lippen zu- sinnmen und runzelte die Brauen. Der Vorsitzende wiederholte die Frage. Maslowa richtete ihren Blick erschrocken auf den Staatsanwalt. „Mit Simon? Jawohl," sagte sie. „Ich möchte jetzt wissen, worin diese Bekanntschaft der Angeklagten mit Äartinkin bestand? Haben Sie sich häufig gesehen?" „Worin die Bekanntschast bestand? Er bat mich zu den Säften, weiter nichts," antwortete die Maslowa»nd lieh den Blick unruhig vom Staatsauwalt auf den Vorsitzenden und wieder zurück gleiten. „Ach möchte wissen, warum Kartinkin zu den Gästen ausschließlich die Maslowa und nicht andre Btädchen gebeten hat?" fragte, die Augen zudrückend, aber mit schlauem Mcphistopheleslächeln, der Staatsanwalt. „Ach tckdis', nicht. Wie kann ich das wissen," antwortete die Maslowa, indem sie erschreckt um sich sah. Dabei blieb ihr Auge eine Sekmide lang auf Nechlsiidoiv hasten.«Er hat gebeten, wen er wollte." „Ob sie niich wirklich erkannt hat?" dachte Nechljndow voll Schrecken und fühlte dabei, wie ihm das Blut ins Gesicht strönite; aber die Maslowa unterschied ihn nicht von den andern, wandte sich alsbald wieder ab nnd heftete ihren fchrcckersüllten Blick wieder auf den Staatsanwalt. „Tic Augeklagte bestreitet also, mit Kartinkin irgendwie in näheren Beziehrmgen gestanden zu haben? Gut, weiter habe ich nichts zu fragen." lind der stellvertretende Staatsanwalt nahm alsbald den Ellboge» vom Pult und begann etwas aufzuschreiben. An Wirklichkeit schrieb er gar nichts ans, sondern zeichnete nur mit der Feder ein paar Buchstaben seines Akten- «niszuqes nach, aber er hatte gesehen, wie Staatsanwälte und Advokaten das machen; nach einer geschickten Frage schreiben sie in ihre Rede eine Notiz, die den Gegner dann zcrschnkctter» soll. Der Vorsitzende wandte sich nicht sofort wieder der An- geklagten zu, weil er in diesem Augenblick den Richter mit der Brille fragte, ob dieser mit der— bereits vorbereiteten und niedergeschriebenen— Fragestellung einverstanden wäre. „Was geschah also weiter?" setzte der Vorsitzende das Verhör fort „Ich kam nach Hanse," erzählte die Maslowa weiter und sah den Vorsitzenden schon etwas dreister an,«und legte mich schlafen, Kaum war ich eingeschlafen— kommt unser Mädchen, die Bertha, und weckt mich."„Steh auf. Dein Kaufmann ist wieder da." Ich wollte nicht hinausgehen, aber die Wirtin befahl es. Dan» wollte er— sie sprach das „Er" wieder mit deutlichem Schrecken aus— immerfort Wein kommen lassen, aber sein Geld war alle geworden. Darauf schickte er mich zu sich in sein Zimmer, sagte mir, wo das Geld läge, und wieviel ich nehmen sollte, Und ich siihr hin." Der Vorsitzende flüsterte jetzt mit dem Kcrichtsmitglicde links und hörte gar nicht aus da3, was die Maslowa sagte, aber um zu zeigen, daß er alles gehört, wiederholte er ihre letzten Worte; „Sie fuhren hin. Nun, und was weiter?" sagte er. „Ich kam hin und that alles, was er mir aufgetragen hatte: ich ging ins Zimmer, ging nicht allein, sondern rief Simon Michailolvitsch und sie,"— damit deutete sie auf die Botschkowa. „Das lügt sie, ich bin und bin nicht hineingegangen?"... wollte die Botschkowa beginnen, aber man that ihr sofort Einhalt. „An ihrer Gegenwart nahm ich vier rote Scheine heraus." fuhr die Maslowa finster fort, ohne die Botschkowa anzusehen. „Hat die Angeklagte beim Herausnehmen der vierzig Rubel nicht bemerkt, wieviel Geld da war?" fragte wieder der Staatsanwalt. Die Maslotva fuhr zusammen, sobald der Staatsanwalt sich ihr zmvandte. Sie wußte nicht, lvas es war, aber sie fühlte, daß er ihr Böses zufügen wollte. „Ich habe das Geld nicht gezählt, aber habe gesehen, daß es Hnndertmbelscheine waren." „Die Angeklagte hat Huudertmbelscheine gesehen, mehr habe ich nicht zu fragen." „Nun also, Sie brachten das Geld mit?" fragte der Vorsitzende weiter und sah nach der Uhr. „>>a. „Na nnd dann?" fragte der Vorsitzende. „Tann nahm er mich wieder mit," sagte die Maslowa. „Und wie haben Sie ihm das Pulver in den Wein gethan?" „Wie? Ach habe cs hineingeschüttet nnd ihm gegeben." „Warum haben Sie es ihm aber gegeben." Sie gab keine Antwort, sondern seufzte schwer und tief. „Er ließ mich gar nicht fort," sagte sie nach kurzem Schiveigen. Ach hatte meine Qual mit ihm. Ich gehe auf den Korridor nnd sage zu Simon Michailowitsch:„Wenn er mich nur fortlassen mochte. Ach bin müde." Und Simon Michailowitsch sagte:„Wir haben's auch satt mit ihm. Wollen ihm ein Schlafpulver geben; dann schläft er ein. nnd Du kannst gehen." Ich sagte: Gut. Ich glaubte. cS fei ein unschädliches Pulver. Er gab mir auch ein Pulver. Ich ging hinein. Er lag hinter der spanischen Wand nnd befahl mir sofort, ihm Cognac zu reichen. Ach nahm eine Flasche tine Champagne vom Tisch, schenkte zwei Gläser ein— für mich und ihn. schüttete in sein Glas das Pulver nnd gab es ihm. Wie hätte ich das gethan, wenn ich Bescheid gewußt hätte I" „Nun, wie ist aber der Ring in Ihren Besitz gekommen?� stagte der Vorsitzende. „Den Ring hat er mir geschenkt." „Wann hat er Ihnen den geschenkt?" „Als»vir zusammen in sein Zimmer kamen. Da wollte ich fort, aber er schlug mich ans den Kopf und zerbrach mir meinen Kamm. Ich wurde böse nnd wollte wegfahren. Er zog den Ring vom Finger und gab ihn mir. danfit ich nicht wegführe," sagte sie. An diesem Augenblick erhob sich wieder der stellvertretende Staatsanwalt und bat, immer mit demselben künstlich naiven Gesicht, um Erlaubnis, noch einige Fragen stellen zu dürfen. Als er diese Erlaubnis erhalten, neigte er den Kopf über den gestickten Kragen und fragte: „Ich möchte wissen, wie lange die Angeklagte sich im Zimmer des Kmifmanns Smjelkow aufgehalten hat?" Wieder überkam die Maslowa Furcht; sie ließ unruhig den Blick vom Staatsauwalt aus den Vorsitzenden gleiten und sagte hastig: „Ach weiß»ficht mehr, wie lange." „Weiß die Angeklagte auch nicht mehr, ob sie, nachdem das Zimmer des Kaufmanns Smjelkow von ihr verlassen »var, sonst irgendwo im Gasthanse eingetreten ist." Maslowa dachte»»ach. „Nebenan in das leere Zimmer bin ich gegangen." sagte sie. „Warum sind Sie dort hiueiugegangcn?" sagte der Staatsauwalt eifrig und wandte sich direkt an sie. „Ach wartete auf eine Droschke." „und Kartinkin.»var der»nit der Angeklagten in dem Zimmer oder»ficht „Er kam auch hinein.- „Warum kam er hinein?" „Der Kaufmann hatte noch Cognac übriggelassen, den tranken wir zusammen aus." «Ah. den tranken Sie zusammen ans! Sehr gut." «Hat die Angeklagte sich auch mit Simon unterhalten und worüber?" Die Maslowa machte plötzlich ein finstres Gesicht, wurde purpurrot nnd sagte schnell: „Was ich gesprochen habe? Das weist ich nicht mehr. Machen Sie mit mir, IvaS Sie wollen. Ich bin unschuldig, das ist alles. Nichts habe ich gesprochen. WaL ivar, habe ich alles erzählt," sagte sie. „Weiter habe ich nichts zn fragen," sagte der Staats- anwalt zum Vorsitzenden, schob die Schultern unnatürlich in die Höhe und trug in das Konzept seiner Rede schnell das Geständnis der Angeklagten ei», mit Simon in daL leere Zimmer gegangen zu sein. Dann trat Schweigen ein. „Sie haben nichts mehr auszusagen?" „Ich habe alles gesagt," brachte sie seufzend heraus und setzte sich. Hierauf schrieb der Vorsitzende etwas in die Akten, hörte eine Mitteilung an. die ihm das Gerichtsnntglied links im Flüsterton»nachte, verkündete eine Unterbrechung der Sitzung für zehn Minuten, stand schnell ans und verließ den Saal. Nach den Nichtern erhoben sich auch die Geschworncn, die Advokaten und Zuschauer und zerstreuten sich hierhin und dorthin, im angenehmen Bewusttscin, daß schon ein Teil der wichtigen Verhandlung erledigt sei. Nechtindow ging in das Gcschworncnzimmer und setzte sich dort an das Fenster. ZtvölflcZ Kapitel. Ja, es war Katjuscha. NcchljudowS Verhältnis zu Katjuscha war folgendes: Zum erstenmal hatte er sie gesehen, als er im sechsten Universitätssemestcr sein Werk über ländlichen Grundbesitz vorbereitete und den Sommer bei seinen Tanten verbrachte. Gewöhnlich wohnte er den Sommer über mit Mutter und Schwester ans dem großen Gut seiner Mutter in der Nähe von Moskau. Aber in diesem Jahre hatte seine Schlvcster geheiratet«nd seine Mutter war ins Ausland, in ein Vad gefahren. Nechijndom mußte indessen sein Werk schreiben und beschloß, den Sommer bei seinen Tanten zu verbringen. Bei ihnen, in der Einsnnikcit, war es still und gab es keine Zcr- strcuungen; die Tanten liebten ihren Ncsseii und Erben zärtlich, und er liebte sie, liebte ihr altmodisches Wesen und die Einfachheit ihrer Sitten. Nechljudolv durchlebte in diesem Sommer bei den Tanten jenen Zustand der Säüvärmerci, in ivelchcin ein junger Mann zum erstenmal nicht durch andre, sondern durch sich selbst die ganze Schönheit und Bedeutung des Lebens und der Aufgäben, die dem einzelnen in ihm zugclviesen sind, kennen lernt, die Möglichkeit unendlicher Vervollkommnung seiner eignen und der ganzen übrigen Welt vor Augen sieht und sich dieser Vervollkommnung nicht nur in der Hoffnung, sondern in der festen Ueberzcugung hingiebt, all diese Vollkommen- heilen, die er sich ausnialt, auch zu erreichen. In diesem Jahre las er noch auf der Universität die „Locial Statics" Spencers. und seine Ausführungen über ländlichen Grundbesitz machten ans ihn starken Eindruck, besonders da er selbst Sohn einer Großgrundbesitzerin lvar. Sein Vater war nicht reich gewesen. aber seine Mutter hatte ungefähr zehntausend Morgen Land als Mitgift er- halten. Damals hatte Zkechljudolv zum erstenmal die ganze Un- gcrcchtigkeit privaten Grundbesitzes begriffen, und da er zu den Leuten gehörte, denen aus ethischen Gründen dargebrachte Opfer den höchsten geistigen Genuß bereiten, beschlost er, sein Eigentumsrecht auf das Land nicht geltend zn inachen. Damals hatte er den vom Vater ererbten Grundbesitz den Bauern hingegeben. lieber dieses Thema schrieb er auch sein Werk.. Sein Leben in dicscni Jahre auf dem Lande bei den Tanten verlief folgendermaßen: Er stand sehr früh, bisweilen um drei Uhr auf, ging vor Sonnenaufgang im Flusse am Fuße des Bergs, bisweilen noch im Morgcnncbel, baden nnd kehrte zurück, wenn noch Tau auf den Gräsern und Blumen. lag. Zuweilen setzte er sich morgens nach dem Kaffeetrinken an sein Werk oder niachte Ouelleiistudieu für dasselbe; sehr häufig ging er aber, anstatt zu lesen und zu schreiben, wieder aus dem Hause und streifte in Wald und Feld umher. Bor dem Mittagessen hielt er irgendwo in, Garte», ein Schläfchen, amüsierte und erheiterte bei dem Mittag- essen durch seine Fröhlichkeit die Tanten, ritt dam, spazieren, oder s»hr in, Boot und las abends wieder in seinen Büchern, oder saß bei den Tanten, die Patience legten. In der Nacht, namentlich wenn Mondschein war, konnte er häufig nur deshalb nicht schlasen, weil er zu große, aus- regende Lebensfreude empfand. Daun ging er bisweilen. anstatt zu schlafen, bis zum Morgengrauen mit seinen Träumen und Gedanken in, Garten spazieren. So lebte er glücklich nnd ruhig den ersten Monat seines Aufenthalts bei den Tanten, ohne der schwarzäugigen, schnellfüßigen Katjuscha, die halb Stubenmädchen, halb Pflegetochter war, irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken. Nechljudolv, der unter Schutz und Schinn seiner Mutter aufgewachsen war, war mit neunzehn Jahren ein vollständig unschuldiger Jüngling. Er träumte von, Weibe nur als Gattin. Alle weiblichen Wesen, die nach seinen Begriffe», nicht seine Gattin sein konnten, waren für ihn nicht Weiber, sondern Menschen. Aber es traf sich, daß in diesen, Sommer am Himmelfahrtstage zu den Tanten deren Nachbarin mit ihre» Kinde, n kam; daS waren zwei junge Damen, ein Gymnasiast»md ihr Besuch, ein junger, aus dem Bauern- stände hervorgegangener Künstler. Nach deiii Thee begann nun, auf der bereits gemähten Wiese vor dem Hanse ein Gesellschaftsspiel,„das letzte Paar heraus", zu spielen. Auch Katjuscha war dabei. Nechljudolv sollte nach mehreren Touren mit Katjuscha laufen. Es war ihn, immer angenehm, sie zu sehen, aber nie war ihm auch nur der Gedanke gekommen, daß zwischen ihm nnd ihr irgend welche besonderen Beziehnngcu bestehen könnten. „Die beiden werde ich ganz gewiß nicht greifen," sagte der vorn stehende lustige Künstler, der»nit seinen kurzen, krummen aber starken Baueriibeincn sehr geschwind lief. „Vielleicht stolpern sie." „Sie greifen sie doch nicht." „Eins, zwei, drei!" Er klatschte dreimal in die Hände. Katjuscha tauschte, kaum ihr Lachen verhaltend, schnell ihren Platz mit Nechl- judows, drückte mit ihrer festen, rauhen, kleinen Hand seine große Faust und lies nach links, wobei ihr gestärkter Nock rauschte. Nechljudoiv lief schnell, er Ivollte sich von, Künstler nicht greifen lassen und stürmte aus Leibeskräften vorwärts. Als er sich umschaute, sah er de» Künstler hinter Katjuscha her- lausen, aber sie ließ sich nicht greifen und entfernte sich, ihre jungen, drallen Beine inunter werfend, nach links. Vorne war ein Gebüsch von Cyringensttäuche», hinter welches niemand lief; aber Katjuscha sah sich nach Nechljudolv un, und gab ihm mit dem Kopfe ein Zeiche», sich hinter dem Gebüsch zu vereinigen. Er verstand sie und lief hinter die Sträucher. Aber da lvar ein kleiner, mit Nesseln bewachsener Graben, von dessen Vorhandensein er keine Ahnung hatte; er strauchelte, verbrannte sich die Hände an de» Nesseln, wurde nast vom Abendtau und fiel hin. Aber dann richtete er sich lachend sofort wieder auf und lies auf den freien Platz. (Fortsetzung folgt.) (Nachbruck verbotm.) Lspiv Klndve. Skizze von I u h a n i A h o. Autorisierte Ucbcrsctzung von G. B r a u s e Iv e t t e r. Endlich lvar die Arbeit fertig, die sein ganzes Leben in Anspruch genommen hatte, endlich hatte er das Ziel erreicht, dem er mit all' seiner Arbeit nachgestrebt: eine eigene kleine Hütte im Walde. Sein ganzes Leben hatte'er andrer Vieh gehütet, andrer Pferde gefahren, andrer Aecker mit den Pflügen andrer gepflügt,' eines andren Acker gerodet, ans eines andern Feldern viele hundert Faden lange Entlvössennigs- Gräben neu gegraben. An eincs andern Tisch hatte er gegessen, in eines andern Bett geschlafen. Er hatte bei geizigen Baucrnhofbesitzcrn gc- dient, die schwere Arbeit forderten und dem armen Arbeiter den Lohn bezahlten, der ihnen patzte. Selbst die Kleider, die er trug, gehörten einem andern und waren nicht nach seinem Matz gemacht, und da er keine Frau hatte, hatte die eines andern sie geflickt. Er besaß nichts, IvaS er sein eigen nenne» konnte, als fem» * ihren Beine und feinen krummen vuuw», ,eine hustendurchschütterte Brust und seine standige Atemnot. Oder richtiger, er besaß doch noch etwas andres— eine halb- fertige Hütte ein Stück draußen vor dem Orte, oufgezimmert auf dem Schlvendacker�) am Rande de§ abgebrannten Walds. Zehn Jahre war er mit dem Bau beschäftigt gewesen, jedes Jahr waren zwei Blockschichten gelegt worden, so daß die untersten Blöcke schon grau waren, wie an einem alten Hause, während die obersten noch frisch und weiß schimmerten. Schließlich war nun endlich das Torfdach gelegt, der Herd fertig geivordcn, die Thüren eingei'etzl und die untersten Blöcke mit der Axt ebenso weiß, wie die obersten gemacht. Der Alte hatte seine Kräfte aufs äußerste angestrengt; bisweilen war er nahe daran gewesen, vor Müdigkeit umzusinken, denn er, der sein Leben lang der Helfer andrer gewesen mar battc niemand, den er hätte zu Hilse rufen können. Und er hatte auch nicht mehr gehofft, als daß es ihm vergönnt sein möchte, nickt die Arbeit halbfertig liegen lassen zu müssen, sondern unter eigenem Dach sterben zu können. Und nun sollte er Feuer auf seinem Herd in seinen» HäuSlei» anmachen— zun» erstenmal in seinem Leben sollte er die Flamme aus eignem Herd sehen. Er hat sich bis zum Waldsaum hingeschleppt, und dort ist es ihn» mit großer Mühe gelungen, einen Arm voll Holz von den Wurzelenden einer vertrockneten, gestürzte» Tanne abzuhauen. Das sollte er mm zur Hütte tragen; aber er ist so müde,»nd darum seht er stch ans den Stamm der Tanne, um sich ein wenig auszu- ruhen. Seine Augen thränen, sein Blick ist gebrochen, seine Gesichts- züge sind schlaff, sein Kinn zittert, seine Hände beben, die Atcuizüge arbeiten sich nur schlver aus der Brust Heraus, und sein Herz schlägt nur ganz schwach. Durch den laublosen Hcrbstivald sieht er seine Hütte niit der osfencn Thür iveiß leuchten gegen den schwarzen Wald im bleichen Licht des Herbstabends. Das ist seine Hütte, die er selbst gebaut hat... Wein» er nur Kräfte genug hätte, das Holz von hier' zu ihr hinzuschaffen I... Er betrachtet seine Hütte und plötzlich erscheint sie ihm so fern, als Iväre sie ans andre Ende der Welt entrückt. Er streicht»nit der Hand über seine trüben Augen, und uuii steht die Hütte wieder näher, aber er sieht sie nur sehr undeutlich durch das dichte Geflecht der Zweige. Klarg-lb leuchtet der Hinrincl hinter dem Wald. Die Kälte schüttelt seine schivitzigcu Schnltern. Er sollte sich beeilen, eine warme Stube zu bekommen... Nun steht sie ivicder auf ihren» Platz»nd ihre Ilnirisse sind für ihn deutlich tvahnichmbar. Da soll er nun vielleicht noch mehrere Jahre leben können. Und möglicherweise bekommt er Hilfe von der Gemeinde, Ivenn er selbst nichts mehr thun kann... Ein Wärmestrom durchrieselt seinen Körper: aber er fühlt doch noch nicht Kraft genug, sich z»» erheben, er muß noch ein Weilchen Atem schöpfen, und er sitzt da und denkt an nichts. Da verniinnit er einen klopfenden Laut— als wenn man irgendwo Nägel mit einem Hammer einschlüge. Und in seinen» Sim» erivacht der Gedanke:„In ivessen Sarg werde»» da die Nägel ein- geschlagen?*... Ein Weilchen später verniinnit er den Klang der Abendglocke von» Gntshof auf der andern Seite des SccS:„Wen» kann wohl dieleS Totcngclänt gelten Die Erde vcrschiviildet immer mehr in» nebligen Dunkel, eS»st, als hüllte der Nebel seine Hütte eil». Der hämnierude Laut ist nicht mehr z» höre»», auch das Glockcnläuten hat aufgehört; aber mm ist es, als begänne der Wald zu sause». Er beugt sich nieder, um sein Holzbiindel aufzuheben, fällt aber kopfüber darauf, rollt aiif de» Boden herab und bleibt neben dem dürren Holz liege»», das raschelnde Laub ist sein Lager, ein Stein sein ftopskissc». Die weiße Hütte steht niitten unter schwarzen Banmstiimpfeu am Rande der in Dunkelheit versinkenden Schlvende, und die schivarze Thür blickt vor sich hin, als fragte sie verivnndert:„Für wen bautest Du die Hütte, da Du selbst»licht kommst?" Für andre I Auch senie Hütte baute Malti für andre!— Kleines �euillekon» — Warum finden wir ein Tier schön? Ucber diese Frage giebt der Berliner Zoologe Professor Karl Möbius in den» letzten Protokoll der hiesigen Akademie interessante Aufschlüsse. Da heißt es: Nnsre ästhetische»» Nrtcile über Sängetiere beruhen auf der Ber- glcichung dieser mit der Form, der Halhuig»nd den» psychischen Lebe» des Menschen sowie mit der Gestalt, den Bcivcgnngci» und dem Bei»khn»cn andrer Säugetiere, welche wir bo» Kindheit ai» häufig gcschc» haben. Solche sind vorzugsweise die als Haus- ticre gchaltciici» Arte», in Mitteleuropa also das Pferd, dcr Hmid, das Rind, das Schaf, die Ziege, das Schivein und die Katze, zu welchen i» Südeuropa der Esel, in Nordafrika das Kaincl hinzukon»mcn. Dem Jäger werden auch der Hirsch, daS Reh und andre oft beobachtete»vild- lebende Säugetiere Grundlagen für seine ästhetischen Urteile liefen», dem Lappländer und Sainojedcn das Remitier, dem Peruaner daö Lmna. Die Miisterticre lehren uns durch die Form und Haltung •) Man baut Waldland in Finnland ai». indem man die Baum- wurzeln in der Erde verbrennt, so daß die Asche als Dung dient. Solche Becker nennt man„Schwende-Aecker" und das Abbrennen »schivcnden". ihre« Körpers, wenn fie ruhig stehen, tvenn sie laufen»nd springen. daß sie mit eigner Kraft de», Zug der Schwere»ach unten Wider- stand leisten. Ans der Richtung des Kopfs, den, Blick der Auge,» schließe», wir auf ihre Empfindungen und ihren Willen. Wir schreiben ihnei» also seelisches Leben zu. uusrem eignen ähnlich. Erst aus solche»» Gedanke:» cntspringeii»usre ästhetischen Urteile, also aus eiucin vielfach zusanlmciigcsetztcii BelvnßtseiuS-Zustande der bei den» Au- blicke eines Tiers ohne jedcS Nachdenken in uns eintritt. Daß die MaßverhSltnisse der Körperteile normal gestalteter Pferde der ästhetische»» Beurteilung andrer Sängetiere zu Gründe liegen, tritt hervor, wenn sehr adivcichend von diesen gebaute Arten betrachtet »verde», z. B. eine Giraffe. Diese finde»» die»»eisten Menschci, häßlich. Fragt man sie, warm», so können sie entlvcder keinen Grund au- geben, oder erst nach einiger Ucberlcgung finde» sie ihre»» HalS zu laug, die Beine zu hoch, den Rumpf zu' kurz. Sie vergleiche» also diese Teile der Giraffe mit entsprechenden Teilen andrer Tiere, die sie für schön halte». Das zuerst ausgesprochene ästhetische Urteil über ein Tier entspringt also ohne jedes Nachdenken aus de», Eindruck, de»» dieses als ein Ganzes in dem Beschauer hervorruft. Erst nachher findet er diejenigen Teile, welche gefallen. gleichgültig erscheinen oder mißfalle»». Die schönste Fom» der Ein- hnfcr'ist da§ Pferd. Ein Pferd, daö ohne sichtliche Anstrengung »nit einem Reiter an uns vorüberjagt oder eine» Wagen fortzieht, erscheint uns als fühlender Ucberwinder der Schwere des eignen Körpers und der Lasten, die eS mit sich sortbewegt. Junge Pserde mit abgernndctcr, glänzender Haardecke, mit erhobene»» Halse und feurigen Augen, die diese Beivegungen n»it spielender Lcichligkeit ausführen, gefallen uns mehr, als langsamere alte Pferde mit matte» Augen, deren Knoche»» nuter der eiiig'efalleiien Haut zu sehe» sind, deren Rücke»» eingebogen ist, dere»! Hals, Kopf und Bauch wie schwere Laste»»»icdcrhängcii. Wir eiituchmeu daher die Eigen- schaftci» des schöne»» Pferds solchen Judividue», deren Gestalt und Betvegimgei» iimcre Kraftsiille verraten. Schön sind viele Antilopen. Die Gazelle ist zierlich und an- mutig. Die schlanken Beine bewegen den 5rörper leicht und sihnelk. Der Hals wird aufgerichtet geträgen, als iväre er ganz lastlos. Das Auge ist groß, schwarz und glänzend. Der Blick ist sicher�»nid zutraulich. Der L ö»v e ist schöner als der Tiger. Seine Nase ist der menschliche» ähnlicher. als die Tigernase. Sie ist höher»uid vorn fast rechtwinklich abgestninpft; die Rase des Tigers stnmpfer ivinklig. Die Mähne deS männlichen Löwen macht dessen Kopf' und HalS massiger. Größerer Masse messcii wir niehr Gelvicht und Kraft bei. Der Blick deS Löwen ist stechender und kraftbelvnßter als der mildere Blick der Löwin. Der ruhig stehende Lötve stützt de», massigen Borderkörper auf die Vorderbeine lvie a»f sichere Säulen. Fixiert der Lölve einen bestiinmten Gegenstand, so sehen ni»d fühlen »vir»nS hinein in eine angriffbereite und siegesgelvisse Körpcrkrast, die»nisre eigne weit übertrifft. DaS macht»ins den Löwen zum prüchtigstci» Typus tierischer Kraft»nid tierischen Muts. Wäre der gemähnte Lö>ve nicht größer als die Hanskatze, so würde er diesen geivaltigen ästhetischen Eindruck nicht inacken. Größere Arten einer und derselben thierischen Grundform si»>d der Ausdruck größerer Krast und Leistungsfähigkeit als kleinere Arte»».— Theater. Berliner Theater: Adele Sandrock als Maria Stuart.— Immer wieder freut man sich über Schillers große Kniist. Welch ein Reichtum an Gestalte»», an politischen Ge- stalten in diesem Stück I Der starre Burleigh, der kluge, von de» Frauen geliebte Lciccstcr, der cntschlosscne fanatische Mortimcr. die beiden Weiber, die i» die Politik alle Leidenschaften des»veiblichen Herzens»n»d alle Jntrigucn deS weiblichen KopfcS hineinbringen— wie das alles von Leben strahl» und ztvar bat eS»licht mir menschlichen, sondern auch politischen Glänzt Mai» braucht sich nur umzusehen in der Geschichte, ja, i» der Gegenwart, und man wird die politischen Type»» alle beisammen finden, wenn auch nicht immer in Sckillerscher Pracht. Und dann die große Gartensccue mit ihrer äußeren Kunst und»micrcn Wahrheit I O, meine Freunde, die Ihr Schiller für einen honetten Poeten haltet, der den Anstand kleinstädtischer Theeetrkel nicht verletzt,— o, ivenn Ihr wüßtet, welck eine Sinnlichkeit in der Elisaveth dieser Seene steckt I Wie gut für Euch, daß Ihr unwissend seid und wie»»endlich gut für uns I Die S a n d r o ck enttäuschte zunächst. Die Fröinmigkeit der Maria, die mit dem Kruzifix auftrat, ivar recht ätißerlich und auch recht thräncnsclig. In der Plastik der Beivcgnng machte sich eine geivisse Monotonie geltend. Besonders eine Armbeivegung nach oben» die hoffnungslose Verziveiffting ausdrücken sollte, kehrte oft ivicder, obivohl sie eigentlich ivenig besagte. Bei der langen Erzählimg des Mortimcr benahn» sich Maria recht langweilig. Hier erwacht nicht nur die Lebenshoffnung, sondern auch daS Weib und die Lust am politischen Kampf. Wir sahen nur wenig davon, recht wenig und der schlicßliche theatralische Abgai»g Verbesserte die Sache nicht. Dann aber kam die Gartensceue und hier gewann Adele Sandrock einen bollci» Sieg. Ihre Leistung war menschlich wahr und schlicht und ivnchs doch zu erschütternder Größe empor. Hier rechtfertigte sie ihren Ruf und ihr Gastspiel, so daß wir ihren kommenden Leistungen»nit warniem Jiitereffe e»,tgegcn- scheu. Neben der Sandrock seien der Lciccster und der Mortimer erwähnt, die beide gut waren.— E. S. Mnsik. In der Kuiistform der Oper find wir wenigsten? znin Teil doch schon glücklich HInauS über die alte Weise, in der das Dramatische mir den Boden bilden muszte, ans dein sich einzelne»nnfikalische Stückchen— Arien, Ensembles, Chöre, Märsche usw.— als effckt- volle isolierte Leistungen erhoben. In der Kunstform des Balletts find Ivir heute noch lange nicht so weit. Noch immer bildet die dramatische Unterlage mehr nur die Ausrede ftir das Anbringen einer Fülle von einzelnen Tänzen der Solisten oder des gesamten Balletts— gleichsam eine Architektur, die nur der Orna- mentik wegen' da ist. Mag der Stoff mythologisch oder wie immer sein; mögen die göttlichsten oder die ungöttlichstcn, die allegorischesten oder direktest natürlichen Figuren auftreten: kaum haben sie sich präsentiert, so rüsten sie sich auch schon zu einem Tanz. den jede andre Gattung von Figuren ebenfalls tanzen, und der in jedem andern Zusammenhang ebenfalls vorkommen könnte. Von dem ersehnten Griff ins moderne Leben, den die Engländer in ihrem „ux t.o da-y-ballst," doch schon gcthan haben, gar nicht zu reden. Auch die Geschichtschreibnng deS Ballettes scheint niemand so recht zu reizen; und ivie dankbar wäre es doch z. B.. nachzuforschen, wie etlva die Beliebtheit der geometrischen Tanzornamcntik mit ihren Bein- und Armparade» vielleicht nur ein Rest jener Welt des fürst- lichcn Klein- und GroszdcspotisinuS vom 13. Jahrhundert ist, die sich in ihrem omamentalischcn Militarismus, in ihrer shimnetrischen Städte- und Gebäude-Anlage und ivorin nicht sonst noch unscrm Gedächtnis so deutlich eingeprägt hat. Das; mrter solchen Umständen der Ballett- Komponist wenig über die Bedeutung eines Tanzkomponisten hinauskommt, ist begreiflich; das; selbst bessere Vorbilder ans einer einhundertjährigen Vergangenheit nicht mahnend wirken, ist es anch. Und die Kritiker erheben sich in der Regel bestenfalls bis zu einein Spott über„beinliche Sitriationen" und„spannende TricotS". Herr Raoul Mad er, ein auch nicht mehr ganz junger Kapellmeister und Opemkoniponist, hat einen Anlauf zu etwas Besserem genommen— vielleicht ohne daß er es selber recht weiß oder einschätzt. Mit seiller Musik»md mit tanzkünstlerischer Einrichtung von I. Haßreiter ging eine Tanzlegende in vier Bildern von H.Regel, betitelt„Die roten Schuhe", vorgestern in» alte» Opernhaus zum erstenmal in Seene.„Die roten Schuhe" find ein lounderkräftigeS Heiligtum, das in irgend einer Kirche Siidrustlands verehrt wird. Aber Wirtstöchterleiir Darinka ftihlt sich versucht, die Schuhe zu probieren,»md nun wird sie vom Engel der Rache dazu verdammt, fortan in den roten Schuhen durchs Lebeil zu tanzen. Das ergiebt»n» manch' wechselvolles Bild: so in der Gesellschaft eines reiche» Gutsherrn, in die Dariuka hineinwirbelt, voi» den Ihrigen verfolgt und vom Rache-Engel himveggeführt; dann in einem dmrklen Geisterwald, mit tropischer und eisiger Waildeldekoration— bis Tarinka endlich, ein Bild des Elends, zurückkehrt: die roten Schuhe fliege» an ihren Platz zurück und Darinka stirbt, vom Engel des Friedens zu den Sterne» entführt. Was daran nicht AnSstattungsstiick, sondern inilerliche Entlvicklinrg und lnotorischcr Ausdruck dieser ist, daS hat der Koinponijt zum Teil ganz hübsch vertont. Nnr ist es eben verlvünscht lveuig. Zwar der Hauptpunkt der Exposition: das Glücksgefühl Darinkas in den »icucn Schuheil, hört sich musikalisch recht gut an. und das hier ver- weiidete und mehnnalS wiederkehrende Schuhe-Moti» ist in feiner tastenden, probiereilden. zu Mehr aushebende» nnd„nach Mehr schineckendeu" Art ein Stück von dem, was wir in der Ballcttmnsit Heranwünsche». Nur dabeibleiben und aus diesen eleincntarisch kcinr- kräftigen Tönen eine Orgie deS sinnverlorenen Dahinwirbelns hcranS- entwickeln!... Allein so ivcit sind ivir ja noch lange nicht. Es folgt hübsch regelmäßig— wie in der Friedrichstadt eine Straße nach der andern— so hier eine Piece nach der andern, und der Rachcengel begnügt sich damit, daß Darinka ab und zu mittanzt; die roten Schuhe'sind nicht so gefährlich! Aus dem Orchester hebt es ein nm's andre Mal an, wie auf einem alten Wiener Ball unter einem der Strauße— mir nicht so schön; eine Gavotte ist nicht übel. ein Goldrausch- Walzer»md ein Lnftgeistertanz sind ebenso„bekannt", nur noch weniger originell und zum Teil recht trivial. Doch unsre primste Prima Ballerina. Fräulein bell' E r a. hat an ihrer Rolle eine Gelegenheit, sich auch als eine vorzügliche Mimikerin zu bewähren: sie spielt das graziös-niigeschlachte Naturfind des ersten Bildes und die gebrochene Jammergestalt des vierten Bildes so eiiidringUch, daß zu einer solche»» Künstlerin nur noch eine eutsprecheilde K»»nst gehört. Dieses vierte Bild ist zunächst frei von» Militarismus des Tanzes; der Tod Da- rinkas Ivirkt iin Spiel dieser Darstellerin und selbst in der Musik er- greifend; da— eine Verwandlung— Stenieilhimmel. Sternen- walzer— der ganze Hohn ans Kunst ist wieder i» vollen Zügen da. Mir war'S, als hörte ich hinter mir schluchzen; natürlich: ein solcher Schlag kai»»» den Kunstfreund nicht ruhig lasici». Aber ich hatte»»»ich gewaltig verhört: cS war nur eil» Aufjauchzen über die Stenienhimniel-Dekoration. die Herrn Quaglio nicht»veniger gut gelungen war, als Herrn B r i o s ch i die Tropen- laiidschaft und Eisgegeiid.— In der Ouvertüre. die zu einem russischen Kirchenfest hinüberleitet, giebt's auch Orgel- klänge— anscheinend weiß weder der Komponist noch einer seiner Berater, daß der russische Kultus keine Jnstrumentalniusik keimt. Die Ansuahine der Novität war nnr stellenweise so lveit lebhast, daß die beide» Verfasser niit ihren Hauptpersonen dankend vortreten konnten;»md diese Verteilung des Beifalls entsprach nicht der Ver- teilnng des Wertes der Musik. Fast möchte»nan dem Stück»veiter- hin einen günstigeren Erfolg wünschet»: einerseits wegen der Leistung dell'Eras und andrerseits, loeil das krafie Nel'eneinandersteheii des Ltünftlcrischen»md tlickünstlerischen in diesem Werk vielleicht doch die kritische Anfmerksainkeit der Beteiligten fruchtbar anregen»vird.— 32, Geographisches. — Von der Borchgre Winks che» Südpolexpedition ist ans Neuseeland eine kurze Meldung an den Direktor der Ham- bnrger Secivarte, Ncnmayer, emgetröffen, die erkennen läßt, daß diese Expeditton mit einem anßerordeittlichen Erfolg heimkehrt, dein» sie hat ihre Aufgabe, die Lage des magnetischen Südpols zu be- stinnnen, gelöst»md bei den Schlittenreise»», die auf den» Snd-Bietoria- land unternommen wurden, eine südliche Breite von 73� 50' erreicht. Dies ist die südlichste Stelle, bis zu der man bis jetzt im antarkttschen Gebiet vorgednmgen ist, nnd damit»vird die von Roß in den Jahren 1340—1848 erreichte Breite von 78» 0' 30", die bis heutigen Tags an erster Stelle stairb, überflügelt. Nächst Roß kau» 1822— 1824 der englische Kapitän Weddcll dem Südpol am nächsten, nämlich bis alif 74" 15', dam» folgt Kapitän Kristeikscn, der 1898 mit dem bekannte»» norwegischen Fangschiff„Antaretic" zn»» Zwecke von Robben-»md Walnschfang eine Reise im südlichen Eismeer ans führte, wobei die erste Landnng von Menschen ans Süd-Victorialaud stattfand.„Antaretic" erreichte 74" 10' südlicher Breite. An dieser Iairgrcise hatte anch der damals gerade in Australien lebende Norweger Borchgrewink teil- genommen, der dann znnr»viffenschastlichen Leiter der englischen Expeditton bestimmt wurde, die der Londoner Verleger George Ne'.vncs ausrüstete. An Bord de"„Southern Groß", eines ehemaligen norwegische»» Fangschiffs. gmg die Borchgre- wiiiksche Expedition im Juli 1898 ab,»im wissenschaftliche Forschungen ans Süd- Victorialand anSznführcn und de» inagnettfche» Südpol zn erforschen. Tic" fft, nach der cingettoffenen Meldimg zu schließen, gelungen. Anch in» übrigen wird man eine gute Ausbeute erwarten können, da Borchgrewink ztvei Zoologen. Nicolai Hanson und Hngh Evans, den Meteorologen L. Brntacch» vom Observatorium in Melbourne mid den Arzt Dr. Klövstad zi» wissenschaftlichen Begleitern hat. Hanson, ein Norweger, ist während der Reise gestorben. Borchgrewinks Expedition ist die erste, die auf dem antarktifchen.Kontinent" überwintert hat. so das; anch in dieser Beziehnng wichttge Anfschlnsse zn envartcn find, die für die künftige deutsche Südpolexpedition, sowie die andren bevorstehender» airt- arktischen Erpeditionen manche wertvollen Winke senthalten dürften.— Humoriftiikhes. — I»» der Eile. Kundin:„Das prämiierte Mastkalb, das Sie geschlachtet haben, ist wohl reißend weggegangen Schlächter:„Na, ich sage Ihnen, davon habe ich allein elf Lebern verkanftl'— — Da? Schneiderföhn che». Onkel:„Eimnal sah ich auf den» Meere auch eine Wasserhose." Schneide rföhucheu:„War sie elegant?"— — V e r e i u S e i f c r. Frau lzn dem erst gegen Morgen heim- kehrenden Gatten):„Mann! kbu Himmels nulle» 1 Was habt Ihr mir wieder die ganze Nacht getrieben?!" Manu:„Ta— Tagesordnung erledigt."— sMeggend. hmuor. Dl.) Notizen. — Der gesamte schönwissenschaftliche Verlag von Freund n- I e ck e l in Berlin ist in den Besitz der G. G r o t e scheu BerlagS- Buchhandlung übergegangen.— — Das e r st e bayrische M n s i k f e st findet»n N ü r>»- b e r g vom 3. bis 5. Juni statt. Das Programm enthält: HaydnS „Schöpfnng", die IX. Sinfonie von Beethoven,„Die Gefilde der Seligen" von WeingarMer, Wagners„Meifterfinger"- Vorspiel. Außerdem giebt das Joachimsche Quartett aus Berlin ein Kammer- musik-Konzert. und das letzte Konzert»st ein Kircheu-Konzcrt.— — Die Leitung des Wiener Karl-TheaterS übernimmt vom 1. Mai ab für fünf Jahre Direktor Aman». Der Pachtzins beträgt 38 000 fl.— — Graf K c» l ck r c n t h s Triptychon.Unser Leben währet siebzig Jahre' ist in Wiener Privatbesitz über» gegangen.— — Ein internationaler Kongreß für der- gleichende Geschichte»vird vom 23. bis 29. Int» in Paris abgehalten.— — Während der Pariser Weltausstellung werden außer dem..Nciv Jork Herald", der schon seit langem eine tägliche Pariser Ausgabe hat, anch die.Neu» Jork TimeS"»md das„New Jork Journal" täglich e Ausgaben in Paris veranstalten.— — Im New I o r k e r Kuickerbocker Theater tuurde G e r h a r t Hauptmanns„Versunkene Glocke" zum erstenmal in englischer Sprache aufgeführt»md errang einen großen Erfolg.— Weramivsrtlicher Rednueur: Pont John in Bettin. Druck uns Verlag von Biax Bading»n Berlin.