Hnterhaltungsblatt des Horiväris Nr. 68. Freitag, den 6. April- 1900 (Nachdruck verbalen) 8] Aufevflehttng. Noulan von Leo T o l st o j. 5iatjuscha flog ihm strahlend vor Lächeln mit Augen, so schwarz wie feuchte Johannisbeeren, entgegen. Sie liefen zu- fammcn und faßten sich an der Hand. „Sie haben sich wohl verbrannt?" sagte sie und legte ihren in Unordnung geratenen Zopf mit der freien Hand zu- recht. Dabei lächelte sie schwer atmend und sah ihn von unten ans gerade an. „Ich tvußte nicht, daß da ein Graben ist." sagte er eben- falls lächelnd und ließ ihre Hand nicht fahren. Sic schmiegte sich an ihn und er näherte ihr, selbst nicht wissend, wie das kam, sein Gesicht; sie wich nicht zurück, er drückte ihr noch fester die Hand und küßte sie auf die Lippen. „O, was thust Du!" sagte sie, riß mit einer schnellen Bewegung ihre Hand los und lief von ihm fort. Dann lief sie zu einem Syringenbusch, brach von ihm Zwei Weiße, schon verblühte Springen und schlug sich damit in das brennende Gesicht. Dabei sah sie sich nach ihm um und ging endlich, die Arme mutlvillig schlvcnkcnd. zu den Spielenden zurück. Von der Zeit au änderte sich das Verhältnis zwischen Nechljudow und Katjuscha, und es stellten sich bei ihnen jene besonderen Beziehungen ein. wie sie zwischen einem unschuldigen jungen Mann und einem ebenso un schuldigen Mädchen vorkommen, welche Neignng zu cinaildcr verspüren. Sobald Katjuscha ins Zimmer trat oder Nechljudow nur von weitem ihre weiße Schürze erblickte, wurde für ihn alles wie mit Sonnenstrahlen übergössen, alles gestaltete sich inter cssanter, lustiger, bedeutungsvoller, und das Leben ivurde fröhlicher. Dieselbe Empfindung hatte auch sie. Aber nicht nur die Anwesenheit und Nähe Katjuschas übten diese Wirkung auf Nechljudolv aus; dazu genügte für ihn schon das Bewußtsein, daß es eine 5latjuscha gäbe, und für sie, daß ein Nechljudow lebte. Ob Nechljudow einen unangenehmen Brief von seiner Mutter erhielt, oder ihm seine Arbeit nicht gelang, oder er die grundlose Traurigkeit eines jungen Mannes empfand— er brauchte nur daran zu denken, daß Katjuscha da wäre und er sie sehen tvürde— und sofort war alles verschwunden. Katjuscha hatte im Hause viel zu thun, aber sie beschickte alles, und in ihrer freien Zeit las sie Bücher. Nechljudow gab ihr Dostojewski und Turgenjew, die er selbst eben erst gelesen hatte. Am besten gefiel ihr das„Stillleben" von Turgenjew. Gespräche zwischen ihnen fanden nur selten bei Begegnungen ans dein Korridor, dem Balkon, im Freien und ab und an im Zimmer der alten Magd bei den Tanten, Matrjona Paulowna, statt, nnt der Katjuscha zusammen tvohntc. Nechljudow kam bisweile» in deren Stäbchen, um Thec zu trinken und den Zucker dazu zu beißen. Und diese Gespräche in Gegenwart Matrjona Paulownas waren die aller- angcnehnistcn. Wenn sie allein waren, ging die Unter- Haltung weniger gut. Da fingen alsbald die Augen an zu sprechen und sagten etwas ganz andres, weit Wichtigeres als der Mund, und die Lippen schlössen sich, und den jungen Leuten wurde weh und bang, und sie gingen schnell von- einander. Dieses. Verhältnis zlvischcn Ncchljudolv und Katjuscha dauerte während seines ganzen ersten Aufenthalts bei den Tanten. Die Tanten merkten die Beziehungen, erschraken und schrieben darüber sogar der Fürstin Helena Jwanowna, Recht judowos Mutter, ins Ausland. Tante Marja Jwanowna fürchtete, Dmitri könnte in näheren Umgang mit Katjuscha treten. Aber diese Befürchtung war unnütz; Nechljudow liebte.Katjuscha. ohne es zu wissen, wie unschuldige Leute lieben, und seine Liebe bclvahrtc ihn und sie am besten vor einem Fall. Er hatte nicht nur gar keinen Wunsch, sie körperlich zu besitzen, sondern schon der Gedanke an die Möglichkeit solcher Beziehungen zu ihr war ihm schrecklich. Die Befürchtungen der poetisch veranlagten Sofja Jlvanowna gingen dahin, Dmitri mit seinem entschiedenen, festen Charakter würde, nachdem er einmal das Mädchen lieb gewonnen, auch daran denken, sie zu heiraten, ohne sich um ihre Herkunft und ihren Stand zu kümmern. Und diese letzte Befürchtung hatte viel mehr Grundlage. Wenn Nechljudow damals seiner Liebe zu Katjuscha sich deutlich beimißt geworden wäre, und besonders wenn man versucht hätte, ihn davon zu überzeugen, daß er nie und nimmer sein Schicksal nnt dem dieses Mädchens vereinigen könne und dürfe, so hätte sehr leicht der Fall eintreten können, daß er bei seiner geraden, offenen Natur zu dem Schluß gekommen iväre, es gäbe keine Gründe gegen die Heirat eines Mädchens, einerlei, wer sie wäre, wenn er sie nur liebte. Aber die Tanten sprachen nicht mit ihm über ihre Besorgnis, und so reiste er ab, ohne Katjuscha seine Liebe ge- standen zu haben. Er war überzeugt, daß sein Gefühl für.Katjuscha nur eine Erscheinung feines Gefühls der Lebensfreude sei, die damals sein ganzes Wesen erfüllte und die auch von diesem lieben, fröhlichen Mädchen geteilt wurde. Als er aber abreiste und.Katjuscha, die mit den Tanten auf der Treppe stand, ihn mit ihren schwarzen, thräncnvollen Augen, die ein lvenig schielten, begleitete— da fühlte Nechljudow, daß er etwas Schönes, Teures hinter sich ließe. das niemals wiederkehren würde. Und ihm wurde weh ums Herz. „Leb wohl. Katjuscha. ich danke Dir für alles", sprach er über die Haube Sofja Jwanownas hinweg beim Einsteigen in den Wagen. „Leben Sic Wohl, Dmitri Jwanowitsch," sagte sie mit ihrer freundlichen, lieben Stimme, drängte die hervorbrechen- den Thränen zurück und lief in den Hausflur, wo sie sich ausweinen konnte. Dreizehntes Kapitel. Seitdem hatten Nechljudow und Katjuscha sich drei Jahre lang nicht wiedergesehen. Er traf erst dann ivieder mit ihr zusammen, als er, gerade zum Offizier befördert, auf dem Weg in den Krieg bei den Tanten einkehrte. Damals war er aber schon ein ganz andrer Mensch geworden, als der war. der vor drei Jahren den Sommer bei ihnen zugebracht. Dieser war ein ehrenhafter, aufopfcrungSfähiger Jüngling gewesen, stets dazu bereit, sich jeder guten Sache hinzugeben; jetzt ivar er ein durch und durch verkommener, raffinierter Egoist, der nur den Genuß liebte. Damals war ihm die Welt als ein Geheimnis erschienen, das er fröhlich und begistert zu enträtseln suchte; jetzt war in diesem Leben alles deutlich und klar, und maßgebend waren nur die Lebensbedingungen, mit denen man zu thun hatte. Damals war für ihn nötig und wichtig die Gemeinschaft mit der Natur und mit denjenigen Menschen(Philosophen, Dichtern), die vor ihm gelebt, gedacht und gefühlt hatten; jetzt waren ihm nötig und»vichtig menschliche Einrichtungen und der Verkehr mit den Kameraden. Damals war ihm das Weib als etwas Geheimnisvolles, Reizendes— eben durch das Geheimnisvolle in seinem Wesen— erschienen; jetzt war die Bedeutung des Weibes, jedes Weibes— außer den zur Familie gehörenden und den Frauen der Freunde— ganz einfach folgende: daS Weib war eins der besten, schon häufig erprobten Gennßmittel. Damals brauchte er kein Geld und konnte kaum den dritten Teil dessen verzehren, was die Mutter ihm gab; auf die vom Vater er- erbte Besitzung aber konnte er sogar verzichten und das Land den Bauern geben; jetzt reichten die fünfzehnhundert Rubel monatlich, die er von der Mutter bekam, nicht ans, und es waren schon unangenehme Auseinandersetzungen wegen des Geldes vorgefallen.' Danials hielt er für sein wirkliches„Ich" sein geistiges Wesen jetzt ging er auf in seinem gesundery frischen tierischen„Ich". Und diese ganze, schreckliche Veränderung war mit ihm vorgegangen nur deshalb, weil er aufgehört hatte, an sich zu glauben, und angefangen hatte, an andre zu glauben. Er hatte aber aufgehört, an sich zu glauben, und angefangen, an andre zu glauben, weil solch ein Leben, wo man an sich glaubte, zu schwer war; denn dann mußte man alle Fragen' nicht zu Gunsten seines körperlichen, leichte Freuden suchenden„Ich" entscheiden, sondern fast imnicr gegen dasselbe; wenn man aber andren glaubte, war über- Haupt nichts zu entscheiden, dann war schon alles entschieden, und zwar immer gegen das geistige, für das körperliche ..Ich"- Ja. damit nicht genug: wenn er an sich selbst glaubte, unterlag er stets dem Tadel der Leute; glaubte er aber den andren, so errang er den Beifall seiner Umgebung. So hielten, wenn 9!cchljudow über Gott, die Wahrheit, Reichtum. Armut nachdachte, las oder sprach, alle Leute das für unangebracht, zum Teil' sogar für lächerlich, und seine Mutter und seine Tante nannten ihn mit gutmütiger Ironie einen lieben Träumer; wenn er aber Romane las, verfang- liche Geschichten erzählte, ins französische Theater zu lächerliche» Vaudevillcs fuhr und dieselben lustig wiedererzählte, dann lobten ihn alle und ermunterten ihn. Wenn er es für nötig hielt, seine Bedürfnisse einzuschränken, seinen alte» Mantel zu tragen und keinen Wein zu trinken, hielten alle das für sonderbar und für ein Zeichen von Originalitäts- sucht. Wenn er aber Unsummen Geldes für irgend eine Liebhaberei, für eine ganz ungewöhnliche, prachtvolle Zimmer- cinrichtung ausgab, lobten alle seinen Geschmack und schenkten ihm kostbare Sachen. Als er enthaltsam war und so biS zu seiner Verheiratung bleiben ivollte, fürchteten seine An- gehörigen für seine Gesundheit, und sogar seine Mutter wurde nicht traurig, sonderst eher vergnügt, als sie erfuhr, daß er ein richtiger Mann geworden sei und seinen Kameraden irgend eine französische Dame abspenstig gemacht habe. An den Zwischenfall mit Katjuscha aber, daran, daß es ihn» in den Kops tomnicn könnte, sie zu heiraten, vermochte die Fürstin- Mutter nicht ohne Schrecken zu denken. Ebenso, als Ncchljudow nach erreichter Volljährigkeit die kleine Besitzung, die er vom Vater ererbt, den Bailern hin gegeben hatte, weil er Grundbesitz für eine Ungerechtigkeit hielt, da jagte diese Handlung seiner Mutter nnd dcnVertvandten Schreck ein, und er war beständig Gegenstand des Spotts und der Vorwürfe all seiner Angehörigen. Man wurde nicht müde, ihm immer wieder vorzureden, daß die Bauern, die das Land erhalten, nicht nur nicht reich geworden, sondern verarmt seien, da sie drei Schenken anfgethän nnd gar nicht mehr gearbeitet hätten. Als aber Nechljudow nach seinem Eintritt in die Garde mit den Kameraden soviel durchbrachte und vcispielte, daß Helene Jwanownä das Kapital angrciscn mußte, machte sie sich wenig Kummer und dachte, es sei ganz natürlich und sogar gut, wenn diese„Blattern" in der Jugend und in guter Gesellschaft eingeimpft würden. Anfangs kämpfte fRechljudow, aber der Kampf war zu schwer, weil alles das, ivas er im Glauben au sich snr gut hielt, den andern als schlecht galt; und umgekehrt, alles, was er im Glauben an sich für schlecht hielt, von seiner ganzen Umgebung für gut erklärt wurde. Es endete damit, daß Nechljudow nachgab: er hörte auf an sich zu glauben und glaubte den airdern. In der ersten Zeit war ihm dieses Verzichten aus sich selbst unangenehm, aber das unangenehme Gejühl hielt nicht lange vor nnd sehr bald hörte Nechljudow, der um diese Zeit auch zu rauchen und zu trinken begonnen hatte, auf, irgend welche Qualen zu empfinden, nnd verspürte sogar eine große Erleichterung. Dann gab Nechljudow sich mit der ganze» Leidenschaft lichkeit seiner Natur diesem neuen Leben hin, das alle Leute um ihn herum für gut befanden, und erstickte vollkommen in sich jene Stimme, die etwas andres verlangte. Begonnen wurde dtnnit nach seiner Uebersiedelnng»ach Petersburg, und vollendet wurde es durch seinen Eintritt beim Militär. Man hatte keine andre Beschäftigung, als in einer sorg- sältig angefertigten nnd sauber gebürsteten lnicht von ihm selbst, sondern von andern angefertigten und gebürsteten) Uniform, mit Waffen, die ebenfalls von andern hergestellt, geputzt und dargereicht wurden, auf einem schönen und gleich falls von andern gezüchteten, zugerittenen und gefütterten Pferde zur Parade zu reiten, hier nnt ebensolchen Leuten wie er seinen Säbel zu schwingen, zu schießen und andre Menschen dasselbe zu lehren. Eine andre Beschäftigung gab es für ihn nicht, und die hochgestellten Personen, die jungen und alten, der Zar und die Leute in seiner Umgebung billigten diese Thäiigkcit nicht nur, sondern priesen sie und dankten dafür. Außerdem wurde es für wichtig gehalten, in Offiziers- kasinoZ oder in den Salons der feinsten Restaurants zu essen und namentlich zu trinken, sowie riesige Geldsummen zu vcr- schleudern, von denen niemand wußte, woher sie kamen; dann Theater, Ballette, Weiber und wieder Reiten. Säbelschwingcn und Galoppieren, und Geldvcrschleudcrn, Wein, Karten und Weiber. Diese Art der Lebensführung übt aus Militärs einen verderblicheren Einfluß aus als aus andre Menschen, weil ein Nichtmilitär, der solches Leben führt, nicht umhin kann, sich desselben in der Tiefe seines Herzens zu schämen. Militär- Personen dagegen sind, besonders in Kriegszeiten, stolz auf ein solches Leben, so auch Nechljudow, der nach der Kriegserklärung an die Türkei in das Heer eingetreten war. „Wir sind bereit, unser Leben im Krieg zu opfern; und deshalb ist ein fröhliches, sorgloses Leben nicht nur verzeihlich, sondern auch notwendig sür unS; also führen wir es." Derart waren Ncchljudows nicht ganz klare Gedanken in dieser Periode seines Lebens; er empfand so recht den Genuß, aller sittlichen Fesseln, die er sich angelegt, los und ledig zu sein, und lebte fortwährend i» einem Zustand chronischer Selbsttottheit. So war es um ihn beschaffen, als er nach drei Jahren bei den Tanten angereist kam. (Fortsetzmig folgt.) Die Devttnveinigttng Vcv Unlängst warf jemand die Frage ans, ob man noch vom „Rhcinstrom",„Elbstrom", überhaupt von deutschen Strömen reden könne, oder ob nicht überall daS Wort Strom durch„Kloake' ersetzt werden müsse? Damit wollte er die Bcrgistnng und Verunreinigung treffen, die in steigendem Maße alljährlich an unsren Flnßlänfe» vorgenommen wird dadurch, daß alle möglichen Abflnßwäffer, Löningen, Abfallstoffe der Slädte, der Holzschleisereien, Holzstofffabriken, Eelluloiesabrilen, Papierfabriken, Seifenfabriken, Woll- und Waschsabrikcn, Gerbereien?c. in die deutschen Flußlänfe geleitet werden. Im Allgemeinen Krankcnhanse zu Eppendorf bei Hanibürg wurde konstatiert, daß unter den vorgekommene» ThphuSsälle» sich manche ans den Genuß von Elbwasser zurückführe» lassen. Herr Dr. du Mcsnil schreibt: „Jedenfalls ist der hohe Prozentsatz auffallend und illustriert zur Genüge, daß daS Verschlucken von Elbwasser nicht ungefährlich ist/' Die Hamburger Behörde» warnen den» auch schon seit langem: „Trinkt kein»»filtriertes Elbwasser!'' Doch wie mit der Elve, verhält cS sich auch mit andren deutschen Ströme» und Jlnßränincn. Die Frage, wie wir der Vergistung und Verpestung der Flußlnufe Einhalt thun, gewinnt daher an Bedeutung und cS ist nicht»»- interessant, auch einmal zu sehen, wie sich die Frage entwickelt hat. BiS tief in die sechziger Fahre hinein glaubten die Stadt- verwaltniigen das Recht zn haben, daS auS Städten und Fabriken abfließende Schmutzwaffer in den nächsten besten Wasserlaus zn leiten, der dadurch der natürliche Unratspüler wurde. Stinkende Ninnstcine leiteten Regen- und Nüchenwasser langsam zum Fluß nno ein großer Rest versickerte zwischen den Fugen der Gossensteinc, mit seinem lieblichen Duft die Straßen imd Gäßchen namentlich zur Sommerszeit erfüllend. Senkgruben und Tonnen bewahrten die menschlichen Exkremente ans, bis sie ans schwankendem Faßlvage» vom Bauer abgeholt wurden. ES war so idyllisch bei nnS I Dan» fing man an. gußeiserne und bleierne gtöhin zn fabrizieren, Wasserrohres in die Häuser zu legen, die alljährlich cntzwcifrorcn, die Decken ausweichten und die Bewohner zur Verzwcislnng brachten. Doch der nncrfahrcne deutsche Rohrleger lernte vom englischen Kon- lnrrenten und verbesserte, piitcutgcschwrißtr, schmiedeeiserne Slufiieii mit GaL- nnd Waffer-FiliiigS wurden eingeführt. Aver erst IbLV eröffnete eine englische Gesellschaft in Berlin vor dem Stralauer Thor das erste Wasserwerk; die Maßnahmen betreffs Fernhaltnng übelriechender Stoffe aus den Rinnsteine» erwiesen sich als nn- zulänglich, und ein Bericht des Polizeipräsidenten vom Jahre ltzö? erhebt nach dieser Richtung hin sehr heftige Klagen. 1873 aber war Berlin bereits so weit, daß seine städtischen Behörden nach einem vom Baurat Hobrecht aufgestellten Plan, einen Versuch mit der unterirdische» Entwässerung im südwestlichen Teile der Stadt vor- »ahmen, nach dessen Gelingen das heutige Radialsyftcm in seinem ganzen Umfange zur Annahme gelangte. J» England trat in den sechziger Jahren eine Kommission zil- sannncn,»m die Vcrnnreiiiignng der dortigen Flüsse zu nnlersnchen nnd die wirksamsten Mittel dagegen fcstzustellc». Sic kam alsbald dazu, einen Grad von Unreinheit des Abflußwasiers zu bestimmen, welcher nicht überschritten werden dürfe. Kanin war dies geschehen, als sich herausstellte, daß diese Grenzen nicht inne gehalten werden konnten,„ohne wichtige Industrien zu schädigen", d. h. ohne cinfluß- reiche Kapitalisten, die ohne Rücksicht ans das Gemeinwohl arbeiten, in arge Verlegenheit zu bringen. Heute hat sich freilich die Gesetzgebung iast eines jeden Staats mit der Frage der Verunreinigung der Flußlänfe chon beschäftigt. Vaden erließ bereits 1884 eine Verordnung zum Schutze seiner Fischerei, ivclcbc folgende Ztüssigkeiten als schädlich nach Möglichkeit von den öffentlichen Gewässern ausschließt. I. Flüssigkeiten, in welchen mehr als 10 Proz. suspendierte und gelöste«ubstanzcn enthalten sind; 2. MissiMtcn, in welchen die nachbezeichneten Substanzen in einem stärkeren Verhältnis als in demjenigen von 1; 1000(beim Rhein von 1: 200) enthalten sind, nämlich Säuren, Salze, schwere Metalle, alkalische Substanzen, Arsen, Schwefclwasserstosi, Schwefel- mctallc, schweflige Säure und Salze, welche schlvesligc Säure bei ihrer Zersetzung liefern; 3, Abwasser aus Gewerbe» und Fabriken, welche feste fänlstis- fähige Substanzen enthalten, wenn dieselben nicht durch Sand und Bodenfiltration gereinigt worden sind; 4. Chlor und chlorhaltige Wasser und Abgänge der Gasanstalten und Teerdeftillationen, ferner Nohpetrofeum und Prodalic der Pctroleunidestillation; 5. Dampf und Jliissigkeitc», deren Temperatur 40 Grad Reanmnr (50 Grad Celsius) übersteigt. In Sachse» ist durch Ministerialvcrordnung. die Einführung fester Stoffe in einen Wasserlauf unbedingt untersagt, wenn solche zur Verunreinigung des. fliehenden Wassers geeignet sind. Wenn mit dem. Betriebe einer bestebcndeii Anlage eine Verunreinigung des fließende» WnsscrS verbunden ist, so müssen deren Besitzer solche Maßnahmen vorkehren,„welche nach dem jeweiligen Stand der Wissenschaft getroffen werden können", um den Nebelständen abzuhelfen.' Bei neuen Anlagen, welche die Wasser laufe durch Abfallwässcr zu verunreinigen geeignet sind, soll die Genehmigung enitvcder garnicht oder nur dann erteilt werden, wenn die Unternehmer entsprechende Einrichtungen treffen, durch welche die Verunreinigung des WafferS behindert wird. Gleiche»nd ähnliche Schutzbestiinmnngen sind heute in fast allen Staaten erlassen, ohne daß damit indessen der Verseuchung der FI»ß- laufe in wirksamer Weise Einhalt gethmi wäre. Im Gegenteil scheint diese langsam fortzuschreiten, so daß bereits die£st- und Nordfecbädcr zn einem großen Teil an der Verseuchung ihres Bodens und ihrer Uferstrecken kranken. Angesichts der in den Seebade-Ortc» innner zahlreicher austretenden epidemischen Krailkheiten beginnen sich in den Reihen der festländischen Acrzte ernste Besorgnisse geltend zn machen. In absehbarer Zeit wird man daher gezwungen sein, von seitcu dc-Z Reichs Maßnahmen gegen die Verpestung der Ströme zn ergreifen. Dein Leser wird cS interessant sei»», zn hören, daß uns a» nnsrem Rationallvohlstand jährlich nicht bloß dadurch für Millionen Mark Schade!» zugefügt wird. daß mai» die Flnßlänse durch die Abfallwässer verunreinigt, sondern daß der der Allgemeinheit durch die unbenutzte Verschleuderung der Fabrik- Abflußwässer zngefiigte Schaden mindestens ebenso groß ist. Nach seinen» Dünger- gehalt ist der Wert der städtischen und Fabrik- Abflußwässer nach Millionen jährlich z» berechne»». Die landwirtschaftliche Nnsnntzung dieses DnngergehaltS ist daher für»mS von höchster Wichtigkeit.' Seit mehr als vierzig Jahren müht sich die Wisscirschast, zuerst in England, dann bei»ins mit diesen» Probien», ohne seiner Lösung in vollen» llmfang nahe getoi»nncn zn sein. Ein strenges Verbot, organische Stoffe im Znstand der Zersetzung den öffentlichen Geivässern zuzuführen, wenn der öffentliche Wafferlaus im Verhältnis zn ihrer Masse zu klein oder zn langsam oder gar nicht fließend ist sSeen), würde wenigstens die Besitzer gewisser Fabriken zn ihren» eignen Heile zwinge», sich mit den Abflnßivässcn»»»ehr zn be- schäfiigcn. Der Reinigung ivürdc die Verivertung voi» selbst folgen, schon nm die GeldanS'gabc durch Nutzen ivicdcr aufznwicgc». Eine erschöpfende Behandlung nach der Frage der Schädigung gesundheitlicher Interessen durch die Verunreinigung der Flüsse ist in dem knappe» Nahmen cuicS beschreibenden Aufsatzes»amrlich nicht möglich;»imi muß sich auf eine kurze Skizze beschränke». Selbst in solchem Fall, Ivo die Aulvohucrschaft ihren Bedarf an Trinkwasser Tiefbrunnen eiitnimmt, kann die Fluyveninreiniginig gesundheitliche Nachteile durch üble AuSdünstnirg dcS FlnßlaufS, der Flnßrmider»e. bringen. Ucbcrschwemmt ein viele organische Bestandteile enthaltrndcS Flußwnsscr die Ufer, so werden nach dein Fallen deS Wassers diese Bestandteile zurückgelassen, gehen i» Zersetzung über»nd können, ohne direkten Genuß des Flußwassers, alle jene Krankheiten erzengen. die durch daS direkte Einatnic» von Miasmen entstehen sollen. Vor allen Duigen aber treten auch nnsern Haustieren in den» verunreinigten Fllißivasscr ein Heer von Jeinden der schlimmsten Art entgegen, von dein mir»nit den» schärfsten Mikroskop erkennbarcii Milzbräii'dbacillnS bis zu den» mit Fingern zn fassenden Hund-bandivurm. Die Abfälle der Gerbereien in dci» Flüssen wirken alS Fäiilniserreger zersetzend ai»s Fischlaich. Die Abfälle von Woll- Wäschereien, Tuchfabriken und Färbereien, die ein erhebliches Qnautmn von Seife enthalten, sind der Fischzucht nachteilig, iveil sie dein Wasser den.Kalk entziehen. Die feinen Holzsplitter, die sich in den Ab- fällen der Holzstoff- nnb Celllikosesabriken finden, töten die Fische, indem sie sich ihnen i» die Kiemen setzen»sw. ilsw. Tan» aber auch wird jede Fabrik, ftc zu ihren» Betriebe reinen Wassers bedarf, welches sie Flnßlänse»» eiitnimml, geschädigt durch die Veruitreiniguiig vcr- initlclst der Avfalliväsjcr. Die Reinhaltung nnsrcr Flußlänse ist daher eine Allfgnbc, deren Lösung immer brennender wird, je mehr die Industrie fortschreitet. Hoffen wir, daß»ms die Lösung dieser Frage einmal in einer Weise gelingen tuiitd, die alle die Gefahren, ivelche heute»»»sre» Flnßläufen drohen, für inmter und gründlich beseitigt.— Emil R o s e Ii o lv. Kleines Fenillekon. t„Nanchsncht"«üb tvolksgesnndheit. Dr. Breiiimg ver- öffcntlicht in der„Deutschen Mediziual-Zeitung" eine» bemerkens- werten Aufsatz über das alte Thema der Schädlichteit des Tabak- rauchen«. Er spricht von einer Rauchsucht in ähnlichem Sinne, Ivie uiau eine Morphiumsucht oder Lpi»i»»sucht kennt, in Fällen, Ivo eine derartige Gewöhnung ai» den Tabakgerniß eingetreten ist, daß sich beim Aussetzen desselben körperliche Beslhtverden einstellen. Das; ein llebermaß im Gebrauch des Tabaks besteht, lehrt schon die Statistik; denn nia» kann es für keine»ormale Thatsache erklären, das; iir England jährlich ettva 10 Millionen Mark mehr für Tabak als. für Brot ausgegeben werden. Dabei steht der Tabakverbrauch i» England durchaus nicht besonders hoch, den» dort werden auf jede» Kopf der Bevölkerung nur 040 Gramn» Tabak jährlich kousumiert, während die entsprechende Menge in den Vereinigten Staaten 25ö0 Gram»»» beträgt. An zweiter und dritter Stelle stehe» Belgien und Holland»nit je 2300 Gramn»,. dann folgt die Schweiz mit 2000 und Deutschland mit 1400 Gramn», in weiterer absteigender Reihe Oestrcich-Nilgarn. Rorlvegen, Däne- niark, Frankreich Und Rnßlaild und dann erst England. ES ist bei, dieser Gelegenheit auch einer statistische» Erhebung zu gedenken, die unlängst ein russischer Arzt unter den Petersburger Studenten machte, um den Einfluß des Rauchens aus die Gesundheit festzustellei». Er fand, daß unter den Raucher»» Erkrankungen»im etwa 13 von Hundert häufiger sind, als»mter den Nichtrauchern, und daß daS Verhältnis für die Nanchcr, Ivelche den Rauch zu verschlucken pflegen, noch erheblich ungünstiger ist. Gewöhnlich legt»»an die schädliche Wirkung deS Tabaks ausschließlich den» Nikotingehalt zur Last, aber diese Ansicht»st irrig. Man»miß das' Ranchcn vielmehr als eine Art von trockener Destillation des Tabak- blattes unter dem Zlltritt einer größeren oder geringeren Luftineiige betrachten. Dabei gehen die Destillationsprodukte in den Körper über. DaS Nikotin, das an sich einer der gefährlichsten Bestandteile de« Tabaks ist, gelangt dabei gerade nicht zur Wirkung, da es sich in der bei»» Ranchcn entwickeltc» hohe» Temperatur zersetzt. Es entstehen dann eine Reihe von andren Verbindungen, die eine» Gehalt an verschiedenen schädlichen Gasen besitzen, därnnter Kohlen- säure, Cyanwasserstoff oder Schwefelwasserstosf, Sumpfgas und Kohlcnoxyd. DaS KohlenoxydgaS ist derjenige Bestandteil des Tabakrauchcns, der die bekannten Folgen des längern Arffcnthalts j» einer verräucherte» Atmosphäre in erster Linie ver- anlaßt. Außerdem enthält der Tabakrauch noch einen Stoff von ölig harziger Veschasfciihcit, der einen ekelhaften Geruch und Ge- schmack besitzt und schon i» ganz geringen Mengen bei Fröschen LähmnugSerscheiumigcii, Herzschwäche»md Tod zur Folge hat. Das Herz ist auch dein» Meujche» dasjenige Organ, das am meisten durch den Tabakranch angegriffen Ivird, sowohl beim Nanchcr selbst als beui» Nichtraucher, der längere Zeit in einer mit Tabakrauch gcschiväugcrtcn Atmosphäre bleibt. Die Schlvere einer Cigarre hängt ivcnigcr mit den» Nikotingehalt, als»nit dem Gehalt an Annnoniak zusammen, welch' letzterer bei den» Gärungsprozeß in» Tabak entwickelt ivird. Daher sind die importierte» Cigarre», ivenn sie frisch versandt tvcrdcii, um so viel schwerer, als die aus überseeischem Tabak in Hamburg oder Bremen verfertigte», weil bei den verpackten frischen Cigarre»» die Gärungsstoffe zurückgehalten werden. Die Schädlichkeit dcS Aiumoniakgchalts beruht darauf, daß das Nikotin, das gewöhn- lich in einer leicht verbremilichen Verbindimg»nit einer Säure vor- Händen ist, von dieser getrennt ivird und so i» den Rauch übergeht, wodurch die vergiftende Wirkung befördert wird. Daraus ergievt sich der Grund für die Schädlichkeit der frischen und feuchten Havanna-Cigarre. Daß auch der Magen, die Nerven»nid Sinnes-- organe unter dein Tabak leiden, ist besonders für das erstgenannte Organ bekannt. Verhältnis», äßig»venig beachtet sind die Stör,»»igen dcö Gehörs als Folge von Tabakvcrgistmig, die ivahrscheinlich auch auf der Wirkung des Aminoniäls beruhen.»nit Ohren- sausen aiisaiigcn und zu einer Schwächung der Hör- krnfl führe». Daß der Cigarcttcngennß besonders ge- fährlich ist, darüber herrscht zic»uliche Eiustinuuigkeit. weil sie, einzeln genossen, einen viel zn geringen Eindruck herbor- bringt, und daher an» ehesten zu eine»» llebermaß verleite». Der Cigarcttenrauchcr ist gewöhnlich sofort au einer eigentümliche» Geld- färbnng der Fingernägel zu erkennen, die besonders in der russischen Aristokratie häufig anzulresscn ist. Die Folgen des übermäßigen Cigarettenrauchens äußern sich i» einer«Schwächung der Herz- lhatigleit, in Störungen von Schlaf, Appetit und Verdauung, in chronischen Katarrhen der Nase und des Rachens. Breitimg ist geradezu der Ansicht, daß plötzliche Todesflille an Jnflncnza in einem Zusammenhang mit dem Eigarettenmißbranch stehen...In» allgemeineii hält man das Cigarcttenrauche» für harmlos»nd es heißt immer: Ich rauche nur Cigarettenl Aber jede russische Cigarcttc kostet eine Hcrzfaser, allerdings ist die Zahl der Herzfaser» sehr groß, aber auch das größte Kapital ivird oft in kurzer Zeit ausgegeben." Natürlich soll»icht jeder Genuß von Tabak als bedenklich hingestellt werden, dagegen werden niehr als 25 Gramn» Tabak pro Tag für schädlich erklärt'>d. i. mehr als 5 mittelgroße Cigarrcn). Gänzlich des TabakgcnnffeS cnlhaltcn sollten sich Herz- leidende. Nervenkranke und Epileptiker.— f. Wie wird der Name„Shakespeare" geschrieben? Eine englische Zeilschrift veröffentlich« eine interessante Zusammeustcllillig bei zahlreiche» Variationen, unter denen Shakespeares Name zu den verschiedenen Zeiten schon erschienen ist. ES sind nicht weniger ats die folgenden: Chaksper, Shakspere, Shaxpere, Shakspire. Shnrspere, Schatsper, Shnkcspcre, Shakespeare, Schakespeyr, Shnxcipearc, Shagspere, Shaxpur, Shakspcr. Shaxspcare, Saxpere, Shakcspire. Shakespcire, Shackspcare, Shakaspear. Shaxper, Shnkspcar, Shaxpeare, Shakspecre, Shaxbnrd, Shackspeyr, Shakespcar, Schakcsper, Shackcsperc, Shakespere. Dr. Funnvnll läßt nur fünf Unterschriften des Dichters als niizweifclhaft echt gelten, von denen drei in seincin Testament gn finden sind. Sie lauten«bercmstnnmend: Shakspere. nur die eine konnte nicht genau entziffert werden n»d hat den Philo- logen viel Kopfzerbrechen gemacht. Dr. Fnrnivnll liest sie ebenfalls für Shakspere; Stevens. Malone und Sir Francis Madden entziffern sie als Shakspcare.— Musik. Schon mehrmals Satten wir Anlaß genommen, einzelnes aus der Entwirklnng des Oratoriums zu verzeichnen, jener eigentümlichen Erweiterung der nnisikalischen Lyrik zu Gesängen und Reden, Wechselgcsmigen und Wechselreden, Ensembles und Chören, der zum Drama nichts fehlt als— alles, was eben ein wirkliches Drama ausmacht. Lag in der bisherigen Geschichte dcS Oratoriums das Schwergewicht bald ans der lyrischen, bald ans der epischen Seite; waren bald einzelne Individuen in ihren Solopartien, bald die Mafien in ihren Chorgesängcn die Hanptträgcr des Ganzen und hatten wir vor kurzem in Hcrmans„Geiger von Ginünd" sogar einen dramatischen Anfbnn, wenn auch ninsikalisch wenig verwertet, als Grundlage einer„Legende" kenne» gelernt: so war doch den vcrschiedcntlichen Werken dieser Gattung cineö gemeinsam— ein verhältnismäßig tief greifender Ausdruck großer und zwar elenientarcr Gefühle, weltlicher oder religiöser Art, bei einzelnen oder bei Massen. Wer nach einem neuen Oratorien- theina greift, wird auch seine Wahl zunächst ivohl danach einrichten. Ein biblischer Stoff wie der von der büßenden Magdalena z. B. wird in dieser Weise innstkalisch leicht ebenso locken, ivie er es für die bildende Kunst gcthnn hat. Der französische Komponist I. Massenet(geb. 1842), von dessen Opern manche auch in Deutsch- land, zumal in Wien, zur Geltung gekommen sind, hatte sich schon in seiner ersten Zeit jenes Stoffes bemächtigt; sein von L. G a l l e t nach bekannten Bibclivorten tcxtierteS„geistliches Drmna"„Maria Magdalena" wurde bereits 1873 zu Paris aufgeführt. In Deutschland ist eS bisher anscheinend noch nicht vorgeführt worden; am letzten Sonnabend hat es nun der C ä c i l i e n- B e r e i n mitcr Professor Alexis Hol- l ä n d e r in der Singakademie vor unser Publikum gebracht und sich dadurch jedenfalls ein Verdienst erworben, soweit historisches Interesse und— alles in allem— Trefflichkeit der Reproduktion in Frage kommt. Leider oder vielleicht zum Glück war mir infolge nieincs Besuchs der neulich besprochenen Baudevillc-Premiere nur das An- höre» des ersten der drei Akte möglich. Ob ich andernfalls bis zum Ende ausqehalien, und ob mir die späteren Teile den Eindruck des ersten wesentlich verändert hätten: ich weiß es nicht, bezweifle es aber gar sehr. Schon der Text, der sich weder nach einer einhcit- lichen Abrundung des Inhalts noch auch nach einem wenigstens einigermaßen gegliederten seelische» EntwickelungSgaug bemüht, ließ nichts Gutes ahnen; von der Musik aber lann ich mir sorgen: dab ist die richtige romanische Oberflächlichkeit>nit einer Hereintragung ihrer Opernwelt in ein Gebiet und vor ein Publikum, die beide längst— und seit kurzem erst recht— an besseres ivie an eine Selbstverständlichkeit gewöhnt sind. Magdalena ist eine klagende Büßerin geworden; gut— aber eine fade Arienraunzcrin muß sie darum noch nicht geworden sein. Sie„hat ganz vergessen Lust und Scherz und llebernmt"; sie hat die eine Liebe mit der andren ver- tauscht— aber schwerlich die Leidenschaft und Fülle des früheren LiebenS mit der blutlosen Langweiligkeil, in der sie jeht der Kam- ponist singen läßt. Subtile Feinheiten erwarten wir von einer solchen Komposition keineswegs, und wir frenen uns der schlichten Weisen, mit denen die Holzbläser einleitende Stinmmng machen; allein lvenn endlos und endlos ein dndclsackmüßiges Dadideldi-Didada das ersetzen soll,>vas wir an elementarer Größe erwarten; wenn unbarmherzig gleichmäßige Rhythmen ein Einerlei zeichnen, das nur durch geschickte Terzette». dergl. unterbrochen wird: wenn die Frage des ChorS»ach der Herkunft einer»encn geheimnisvollen Macht in ein ebenso mclodienhaftes Tranrrgcleicr getaucht wird ivie andre Partien: nnd wenn nns endlich und wiederum kanm ein oder das andre etwas sinnigere Ensemble über das fortgesetzte Didelda hinaus- hebt, dann kann die Fixigkeit des Kmnpönisten im Aufbau solcher „schöner Stellen",'kann das mühevolle Zertaktiere» der Luft durch den Dirigenten und kann der wackere Ernst der vier Solisten iFrän- lein D e st i n ii, Frl. M ii l l e r- H a r t n n g, Herr S y b n r g, Herr Fergnsson) eher nur bedauert als gepriesen werden. Und wer sich überzeugen will, daß solche strenge Maßstäbe angesichts«nsrer musikalischeii Traditionen berechtigt sind, dem wird die kommende Osterzeit mit ihren„Passionen" u. dergl. genügende und begneme Gelegenheit dazu bieten.— sz. AuS der Pflanzeuwelt. — Der Stachelbeerstrauch. Dieser Strauch, welcher sich vor fast allen ander» verwandten Sträuchcrn durch Fruchtbarkeit auszeichnet, dessen Früchte überall beliebt und in der mannigfachsten Weise wirtschaftlich zu verwerten sind, der sich fast in jedem, selbst dem kleinsten Gärtcheu findet, entbehrt wohl noch am meisten jeder Pflege. Da aber keine andre Obstpflanze die gute Pflege in höherem Maße lohnt. wie gerade der Stachelbeerstrauch, zudem jetzt die richtige Zeit hierzu gekommen ist, wird in„Hau?, Hof und Garten" kurz auf folgendes aufmerksam gemacht: Zuerst wird darauf hingewiesen, daß der Stachelbeerstrauch nach dem sechsicn Jahre, selbst auch bei der besten Pflege, im Ertrag immer mehr zurückgeht und man deshalb au Ersatz desselben denken soll. Wölfl bleiben einzelne Sträucher unter besonders günstigen Ver- hältnisscn bis zum 10. und selbst 12. Jahre noch fruchtbar, allein das sind Ausnahmen; jedenfalls ist die Fruchtbarkeit der Sträucher vom 3. bis 0., höchstens 8. Jahre am größten. Besonders liebt die Stachelbeere den milden, lehmigen, etwas feuchten Boden in freier sonniger Lage; hier erzielen die Früchte ihre höchste Vollkommenheit, weniger ans leichtem, zu trockenem Boden. Aber auch ans dein aller- besten Boden sollte man es an reichlicher nnd guter Di'ingnng nicht fehlen lassen, die gewünschte andauernde Fruchtbarkeit erfordert solche unbedingt. Eben so notwendig ivie die kräftige Diingnng. ja fast noch nötiger als diese, ist der gute Schnitt der Sträucher. Beim Stachelbeerstrauch müssen alle aitcn und überflüssigen Triebe durch Messer oder Schere beseitigt werden; hier gilt cS, stets mir junges nnd tragfähiges Holz herailznziehcn, zugleich der Luft und Soline lnigehiiidertcn Zutritt zu den Früchten zu schaffen. Wo solches de?- halb noch nicht geschehen, da beeile man sich noch jetzt, alle alten, bemoosten Teile zu beseitige», ebenfalls die Zweige, welche sich zu tief zur Erde beugen. Als Regel allerdings beobachte man, das nötige Schneiden lieber schon im Herbst, bald nach Abnahme der Früchte vorzunehmen. Bei Bcobachtnng dieser Pniiktc wird man nicht nur dauernde Fruchtbarkeit erzielen, sondern man erhält Früchte von höchster Vollkonimcnhcit.— Humoristisches. —„E s." Ein junges Ehepaar befindet sich in Gesellschaft mehrerer Herren ans einer Eisenbahnfahrt. Nachdem sie n»S cineiil der längsten Tmmels der Gotthardbahn aus Tageslicht kommen, ivendet sich die Dame au ihren Galten:„Robert, es h a r geküßt, warst Du'S?"— — Nicht verlegen. Oberkellner:„Der Herr auf Nr. 14 beklagte sich, es habe durch die Zimmerdecke ins Bett gc- regnet, nnd er sei bis ans die Haut»aß geworden." Hotelbesitzer:„Schreiben Sie ihm eine Mark ans die Nechnung für eil« Bad."— — Höchster Realismus. A.:„Ich habe neulich eine Winterlandschaft gemalt, die war so naturgetreu, daß daS Thermo- »icter in»ieincin Atelier um zivanzig Grad herabging." B.:„Hm, das ist noch gar nichts. Ich habe im vorigen Jahre ein Porträt des alten Braun gemalt, das war so lebendig, daß ich cS regelmäßig rasieren mußte."—(„Jugend".) Notizen. — Eleonore Dnse wird in nächster Zeit in, Berliner Theater an zwei Abenden in d'AniiunzioS ,.G i o c o n d a" auf- treten.— —„Familie Selicke" von Holz imd Schlaf, das bei seiner Erstaufsührnng in der Berliner„F r e i e» B ü h n c" so lebhaften Streit hervorrief, ist jetzt in Rudolstadt zum ersten« male ans einer öffentlichen Bühne gegeben worden und erzielte einen starken Erfolg.— — Die Smith-Stiftnng, an? deren Zinsen nach den nr- spriinglichen Satzungen nur iiiibemrtteltei» d r a m a t i s ch e ii S ch r i f t st e l I e r>i des Regierungsbezirks Wiesbaden die erste Aufführung ihrer Werke ermöglicht iverde» soll, hat nach der „Frks. Ztg." eine Statntenändcruiig eintreten lassen, ivonach sie jeden» Reichsdeutschen offensteht.— — Von Mark Twain iverden in kurzem, zunächst i» englischer Sprache, z>v e i neue Bände erscheinen, eine Saniinlung von Ärtileln und eine Reihe seiner kurzen pointierten Geschichte».— — Auf der Insel KoS will nian den berühmten Tempel des ASklepios entdeckt haben.— — Dem Erfinder der N» S st e l l n n g e n, F r a n o i s de Ncnfchäteau, soll in Paris ein Denkmal gesetzt werden; anläßlich der Weltausstellung hat sich zu diesem Zivcck ein 5toinitee gebildet. Re»fcbZ.teau, ein sehr geschätzter Schriftsteller, hatte als Minister de? Innern im Jahre 1708 die Idee, den Glanz der republikanischen Feste dadurch zu erhöhen, daß er in einein Riindschreiben die Industrielle» zur Ausstellung ihrer Erzeugnisse aufforderte. Diese erste Ausstellung wurde am 1. Veiideinaire des Jahres VI der Republik ans dem Marsfelde er- öffnet:' die Zahl der Aussteller belief sich ans 110 nnd die Dauer de» Unternehmens auf 10 Tage.— Die nächste Nummer des ilnterhgltungsblatts erscheint am Sonntag, den 8. April. Verantwortlicher Sieoacreur: Paul John ,n Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.