Anterhallungsblatt des Nr. 69. Sonntag, den 3. Ap'.il� 1900 (Nachdruck verboten.) VI Auferpkehung. Roinan von Leo T o l st o j. Vierzehntes Kapitel. Nechljudotv kehrte bei den Tanten ein. ivcil ihre Besitzung auf dem Wege zu seinem vorüberziehenden Regiment lag. und tveil die Tanten ihn sehr darum gebeten hatten; Haupt sächlich aber, Iveil er Katjuscha wiedersehen ivollte. Vielleicht ruhte in der Tiefe seiner Seele schon die schlimme Absicht gegen Katjuscha, die der jetzt entfesselte tierische Mensch ihm zuflüsterte; aber er gestand sich diese Absicht nicht ein, sondern ivünschte einfach, an den Stätten zu ver- weile», wo ihm so behaglich zu Mute gewesen war, und die etwas komischen, aber lieben, gutmütigen Tantchen wieder zusehen, die ihn ganz unmerklich mit einer Atmosphäre der Liebe und Wonne umgaben; und endlich wollte er die liebe Katjuscha wiedersehen, von der ihm eine so angcnchme Eo iiinerung geblieben war. Er kani Ende März, am Charfreitag, ans grundloseil Wegen, bei strömendem Regen, bis auf die Haut durchnäßt und durchfroren an, aber war munter und aufgelegt, wie er sich um diese Zeit inimer fühlte. „Ob sie noch bei ihnen ist?" dachte er, als er in den bekannten, uralten Gutshof der Tanten einfuhr, der mit einer Backsteinmauer umgeben war und jetzt voll hoher, von den Dächern herabgcrntschter Schneehaufen lag. Er erwartete, daß auf das Glockeugeläute seines Wagens Katjuscha heraus laufen würde, aber auf der Treppe vor dem Mädchenzinimer erschienen zlvei barfüßige, ansgeschürzte Weiber mit Eimern in der Hand. Tie beiden hatten ossenbar den Fußboden ge- scheuert. Sie war auch nicht auf der Paradetreppe; es kam nur der Diener Tichon in der Schürze; wahrscheinlich war auch er mit Reinniachcn beschäftigt. Im Vorzimmer erschien Sofja Ilvanoivna im Seidenkleid und in der Haube. „Sieh. das ist lieb. daß Du gekommen bist!" sagte Sofja Jwanowna und küßte ihn.„Maschenka ist etivas un- Wohl und müde von der Kirche. Wir haben das Abendmahl genommen." „Ich wünsche Dir Glück dazu. Tante Sofja," sagte Rechljudow und küßte Sofja Jwanowna die Hand.„Pardon, ich habe Dich naß gemacht." „Geh in Dein Zimmer, Dil bist ja ganz durchnäßt. Und einen Schnurrbart hast Du auch schon... Katjuscha, Katjuscha, bring ihm schnell Kaffee I" „Sogleich!" erklang eine lvohlbekannte, angcnchlne Stimme aus dem Korridor. Rechljudoivs Herz klopfte freudig iir der Vrnst. Sie war da! Jhin war, als wenn die Sonne hinter Wolken hervor- blickte, und er ging fröhlich mit Tichon in sein früheres Zimmer, (im sich umzukleiden. Rechljudow wollte Tichon nach Katjuscha fragen, was sie machte, wie es ihr ginge, ob sie nicht verheiratet wäre? Aber der Diener war so ehrerbietig und dabei streng, er bestand so fest daraus, selbst das Wasser an? der Kanne ans die Hände zu gießen, daß Ncchljudow es nicht fertig brachte, ihn nach Katjuscha zu fragen, sondern sich nur nach seinen Enkeln, nach dem alten, lieben Hengst und nach dem Hofhunde Ccntaur erkundigte. Alle waren wohl und munter; aber Ccntaur war im vergangenen Jahre von der Tollwut befallen. Als Rechljudow sein nasses Zeug abgeworfen hatte und sich gerade anzukleiden begaun, hörte er flinke Schritte, und dann klopfte es au die Thür. Rechljudow kannte sowohl die Schritte wie das Klopfen. So ging und klopfte nur sie. Er warf sich den nassen Mantel um uud trat zur Thür. „Herein!" Sie war es, Katjuscha. Ganz dieselbe lvie früher. nur noch lieber. Ihre lachenden, unschuldigen, ganz wenig schielenden, schtvarzen Augen schauten ebenso von unten nach oben, wie ehedem. Sie trug auch lvie früher eine reine, weiße Schürze. Sie brachte von den Tanten ein Stück parfümierter Seife, die soeben ans dem Papier gewickelt war, und zwei Handtücher: ein großes rnssischeS und ein Frottierhandtuch. Und die unangerührte Seife mit den ein- geprägten Buchstaben, und die Handtücher und sie selbst— alles war gleich rein, frisch, unangerührt, freundlich. Ihre lieben, festen, roten Lippen legten sich gerade wie früher bei seinem Anblick in unwillkürlicher Freude zusammen. „Wünsche Glück zur Ankunft, Dmitri Jwanowitsch!" brachte sie mühsam heraus, und Röte überströnite ihr Gesicht. „Ich grüße Dich... grüße Sie." er wußte nicht, ob er sie mit„Dn" oder„Sie" anreden sollte und errötete ebenso lvie sie.„Wohl und munter, ja?" „Danke sehr... Hier schickt Ihnen Ihre Tante Ihre rote Lieblingsseife," sagte sie und legte die Seife auf den Tisch und die Handtücher über die Lehne eines Sessels. „Haben unsre eignen Sachen." sagte Tichon, um die Selbständigkeit des Gastes zu retten, und deutete stolz auf das geöffnete Reisenecessaire Nechljndoivs mit silbernen Deckeln, in dem eine ganze Anzahl Fiäschchen, Bürsten. Bartpomaden, Parfüms und alle möglichen Toilettegegcnstände lagen. „Bestellen Sie Tante meinen Dank. Wie freue ich mich, daß ich hier bin!" sagte Rechljudow und fühlte, daß ihm ebenso heiter und lieb ums Herz wurde, wie es früher ge- Wesen war. Sie aber lächelte nur zur Erwiderung auf diese Worte und ging hinaus. Die Tanten hatten Rechljudow immer gern gehabt, aber dieses Mal kamen sie ihm noch freundlicher als sonst entgegen. Dmitri zog in den Krieg, wo er verwundet oder getötet werden konnte. Das rührte die Tanten. Rechljudow hatte seine Reise so eingerichtet, daß er nur einen Tag und eine Rocht bei den Tanten bleiben wollte; als er aber Katjuscha sah, willigte er ein, auch Ostern bei ihnen zu verbringen und telegraphierte seinem Freunde und Kameraden Schönbock, mit dem er in Odessa zusaminentreffen wollte, er möge ihn bei den Tanten abholen. Vom ersten Tage an. wo er Katstischa wiedersah, empfand Rechljudow dasselbe Gefühl wie früher für sie. Ebenso wie früher konnte er jetzt nicht ohne Unnlhe Katjuscha in ihrer weißen Schürze ansehen, konnte nicht ohne freudige Er- regung ihre Schritte, ihre Stimme, ihr Lachen hören und nicht ohne Rührung in ihre schwarzen, Johannisbeeren ähn- lichen Augen sehen, namentlich wenn sie lächelte; namentlich konnte er nicht ohne Verwirrung wahrnehmen, wie sie bei jedem Zusammentreffen mit ihm errötete. Er fühlte, daß er verliebt war, aber nicht so wie früher, wo diese Liebe für ihn ein Geheimnis>var, das er sich selbst nicht eingestehen wollte, und wo er fest davon überzeugt war, daß man nur einmal lieben konnte— jetzt war er verliebt und wußte darum Bescheid und freute sich darüber; er ahnte auch dunkel, worin diese Liebe bestand und was aus ihr hervorgehen könnte. Aber das gestand Rechljudow sich nicht ein. In seinem Innern lebten, wie im Innern aller Leute. zwei Menschen: ein geistiger, der für sich nur dasjenige Heil begehrt, welches auch andern zum Wohle dienen kann; und ein tierischer Mensch, der nur auf sein Wohl bedacht ist und diesem bereitwillig das Wohl der ganzen Welt zum Opfer bringt. In dieser Periode seiner Sclbsttollhcit, die das Leben in Petersburg und der Militärdienst in ihm hervorgerufen hatten, herrschte der tierische Mensch in ihm und unterdrückte vollständig den geistigen. Als er aber Katjuscha sah und wieder dasjenige Gefühl empfand, welches er früher empfunden hatte, da er- hob der geistige Mensch das Haupt und begann sein Recht zu ordern. So ging in Rechljndow während dieser zwei Tage wr Ostern ein fortgesetzter innerer Kampf vor sich, den er sich rcilich nicht eingestand. Im Grunde seines Herzens wußte er, daß er abreisen müsse und daß er gar keinen Grund hätte, jetzt bei den Tanten zu bleiben; er wußte auch, daß daraus nichts Gutes entstehen könnte, aber gleichzeitig war ihm so fröhlich uud angenehm, daß er sich jenes nicht eingestand und blieb. Am Sonnabendabend vor dem Osterfest kam der Priester mit dem Diakon, nachdem sie. wie beide erzählten, die drei Werst von der Kirche bis zum Hause der Tanten im Schlitten nur nüt Mühe durch Pfützen zurückgelegt, glücklich an, um den Frithgottesdienst abzuhalten. — 2' Ncchlindow wohnte mit de» Tanten und der Dienerschaft Lein Gottesdienst bei und schaute unaufhörlich nach Katjuscha, die an der Thür stand und das Räucherbecken darreichte. Er tauschte mit dem Priester und den Tanten den Ostergruß und -kuß und wollte schon schlafen gehen, als er im Korridor die Vorbereitungen Matrjona Paulownas. der alten Stubenmagd Maria Jwanownas. hörte, die mit Katjuscha in die Kirche wollte, um sich Ostcrbrot und Ostcrknchen weihen zu lassen. „Ich gehe auch hin." dachte er. Ter Weg zur Kirche war weder für Wagen uoch Schlitten passierbar; deshalb befahl Ncchljudotv, der bei den Tanten wie zu Hanse Anordnungen traf, den sogenannten„Brüderchen" zu sattein. zog. anstatt sich schlafen zu legen, seine glänzende Uniform mit fest anschließenden Reithosen an, warf den Mantel über und ritt ans dem feist und schwer gewordenen, unauf- hörlich wiehernden alten Hengst in der Dunkelheit durch Pfützen und Schnee nach der Kirche. Fünfzehntes Kapitel. Sein ganzes späteres Leben laug blieb dieser Gottesdienst eine der heitersten und stärksten Erinnerungen für Nechljndow. Als er in der schwarzen, nur hie und da von weiß- schimmerndem Schnee erhellten Finsternis durch die Pfützen patschend aus dem Hengst nüt gespitzten Ohre» beim Anblick der ringS um die Kirche angezündeten Lampen in den Raum vor der Kirche cinritt, hatte der Gottesdienst schon begonnen. Bauern, die den Neffen Marja Jwanownas erkannten, geleiteten ihn an einen trockenen Platz, wo er absteigen konnte, nahmen sein Pferd, um es anzubinden, und führten ihn in die Kirche. Sie war voll vou feiernden Leuten. Rechts standen die Bauern: die alten in selbstgefcrtigtcn Kaftans, in Bastschuhen und reinen weißen Fußlappen; die jungen in neuen Tuchkaftans mit bunten Gürteln gegürtet, in Stiefeln. Links die Frauen in rotseideucn Kopftüchern, Plüschmicdcrn mit hellroten Acrmcln und blauen, grünen, roten, bunten Röcken und Halbstiefeln mit Hufeisen. Die bescheidenen Alten in weiße» Tüchern. grauen Kaftans. alt- modischen Leinenröcken und Schuhen aus Leder, oder in neuen Bastschuhen, standen hinter ihnen; zwischen diesen und jenen standen geputzte Kinder mit übermäßig geölten Köpfen. Die Bauern bekreuzigten und verneigten sich und schüttelten das Haar; die Frauen.' namentlich die alten, richteten die glanzlosen Augen fest auf ein bestimmtes Heiligenbild mit Lichtern, preßten die zusammengelegten Finger gegen daS Tuch auf der Stirn. gegen die Schulter oder den Leib. flüsterten dazu und beugten sich stehend nieder oder fielen auf die Kniee, Die Kinder machten eS den Großen nach und beteten fleißig, wenn man nach ihnen hinsah. Tic goldene Wand nüt Heiligenbildern vor dem Allerhciligsten brannte von kleinen Lichtern, die aus allen Seiten die goldunuvickeltcii großen; Kerzen umgaben. Der Kronleuchter war mit Lichtern besetzt von den Chören ertönten freudige Lieder der freiwilligen Sänger mit Brüllbässen und dünnen Diskantstimmen. Ncchljudolv ging nach vorne durch. In der Mitte stand die Aristokratie: ein Gutsbesitzer mit seiner Frau und einem Sohn, der ein Matroscnjackett trug; der Kreisrichter, der Telegraphcnbcamtc, der Kaufmann in hohen Stiefeln, der Dorfälteste mit einer Denkmünze, und rechts von der Empore vor den Thüren zum Allerheiligsten, hinter der Gutsbesitzerin, Matrjona Pawlowna in lilafchiinmerndcm Kleide und einem wcißgesäumtcn Shawl und neben ihr Katjuscha in weißen« Kleide mit kleinen Fakten auf der Taille, blauen« Gürtel und einer kleinen roten Schleife im schwarzen Haar. Alles war festlich, feierlich, luftig und schön; der Priester fn hellem Silbcroniat mit goldenen.Kreuzen; der Diakon und die Küster in silbernen und goldenen Fciertagschorröcken. und die geputzten, freiwilligen Sänger mit reichlich geölten Köpfen, und die fröhlichen Melodien der Festgcsänge. und die nnans- hörlichcn Segnungen der Menge durch die Priester mit den drei blumciigcschmücktcn Lichtern und dem immer und immer wiederkehrenden Allsruf: Christ ist erstanden! Christ ist er standen? Alles war schön; aber am allerschönstcn war Kntjnscha im weiße» Kleide und blauem Gürtel, nüt der roten Schleife im schwarzen Haar und den Entzücken Wied erstrahlen den Zfilgen. Nechljudow fühlte, daß sie ihn sah. ohne nach ihm hin zlischauen. Er nahm das deutlich wahr, als er nahe n» ihr vorüber zum Altar schritt. Er wußte ihr nichts zu sagen. aber er sann sich etwas au? und sagte, an ihr vorbeigehend: 4— „Tante will nach der Spätmesse Fasten brechen und zuerst wieder Fleisch essen." Das junge Blut überströmte, wie stets bei seinem Anblick, ihr ganzes liebes Gesicht; und die schwarzen, unschuldigen Augen schauten lachend und fröhlich von unten nach oben und blieben auf Nechljudow haften. „Ich weiß," sagte sie lächelnd. * In diesem Augenblick drängte der Küster mit einer kupfernen Kanne durch das Volk, schritt an Katjuscha vorüber, ohne sie anzusehen, und streifte sie mit dem Schoß seines Chorrocks. Er war offenbar aus Ehrerbietung vor Nechljudow um diesen herumgegangen und hatte so Katjuscha berührt. Nechljudow war es ganz unfaßlich, wie dieser Küster nicht per- stalid, daß alles hier und in der ganzen Welt nur KatjuschaS wegen existterte, und daß man alles in der Welt übersehen könnte, nur nicht sie, den Mittelpunkt des Ganzen. Ihretwegen glänzte das Gold an der Wand mit Heiligenbilder« und brannten alle Lichter auf dem Kronleuchter und den andren Leuchtern: ihretwegen ertönten die fröhlichen Lieder:„Ostern Gottes, freut Euch, Ihr Menschen!" Alles Gute in der Welt war nur ihretwegen da. Und es schien ihin so, als wenn Katjuscha das wüßte. Das schien Nechljudow so, als er ihre hübsch gewachsene Gestalt im weißen Kleid mit kleinen Falten ansah und ihr überglückliches Gesicht, an dessen Ausdruck er erkannte, daß dasselbe Lied, welches in ihm erklang, auch in ihrem Innern wiedertönte. Während der Pause zwischen Früh- und Spätinesse trat Nechljndow aus der Kirche. Das Volk wich vor ihm zur Seite und verbeugte sich. Der eine erkannte ihn, der andre fragte: wer ist das? In der Vorhalle blieb er stehen. Bettler umringten ihn; er gab ihnen die Kleinigkeit, die er in der Börse hatte, und schritt die Treppenstufen hinab. lFortsctzmig folgt.) Sonttkergsplerttvevei. Die Verletzung der Person, die Becintröchtigmig, Schödigirng und Zerstörung fremden DoseinS erscheint iiimiiteu nusre» Kintur- lebcus in mamligfoche» Arle». Dodei ist doS Motz der Schöölichteit durchmiS nicht daS Motz der Vcm-teiluug. Der im Krieg organisierte Masientotschlog erscheint ivic ein furchtdareS.»nicnlriniibareS. in seiner erbarmuugSwsrn Gcwalttliätigleit zugleich heroisches Schicksal; und wenn die Kraft»nd Blnte eines Volks sinnlos geopfert wird— was giltS, dieGeschichtSfalniliste» iveisen uns die historische Notwendigkeit des glorreichen Ereignisses nach. Wird hiligegeii ein vielleicht»nniitzerMknsch von einem Verbrecher niedergeschlagen, so regt dieser Frevel ividrr den Siechtsznsland die Menschen ivüd a»f und der Thaler erhält nicht eine Feldherrendotation, sondern das Henkerbeil. Rn» besteht allerdings zwischen den Völkern kein bindender RcchtSznstand, luie et unrerhnlb der Nationen ciilstanden ist— aber ans diesem Mangel, statt die Pflicht seiner Beseitigung, daS Recht des Mords ab- leite», ist die Logik eine« Verbrechers, der nicht seine That. sondern daS Recht, das sie zum Verbrechen stempelt, anklagt. Wenn man den Krieg für erlaubt hält, weil kein geschriebenes Reiht ihn verbietet, so darf man, um den Einzelmord zu verteidigen, eine Anfhebmig der Strasparagraphen verlangen. Die materielle Aer- dcrblichlcit einer Handlung, nicht ihre, juristische Kodifizierung be- stimmt ihre ZnIAsjigkcit. Selbst wenu man dem Motiv der That eine rntscheidendc Bedeutung für ihre Wertung beimißt, so lvird der Krieg vor den» Gericht hmmnstr Sittlichkeit nicht sckwldkoser als der Mord. Vermindert sich wirklich die Schuld mit der Größe des Raubs? Ist eS weniger verbrecherisch, um die Erbentung eines gr?ß":« Stück Landes oder von Goldmineu ivillen Zehntansendc von Menschen z>» metzeln, als wenn ein Strolch einen Handiverksbnrschc» nmbringt, um ihm ein paar Groschen zu entwcndcn. Die klare Verniinst einet erhöhten Meuschhcil lvird einst den Wahmvitz der heutigen Widersprüche nicht cininal begreifen. A»S unzählige» Rinnsalen läßt der glftinischendc ÄopitalismnZ unablässig Tod und Siechtm» in die Leiber der besitzlosen Arbeits« sklaven strömen. Wir begnügen nus, bedauernd die Bernfskrankheiten zu beschreiben, die frühes Sterben wirken, und. an die grausige Erscheinung wie au ei» llnvernicidlicheS gewöhnt, werden wir 11118 kaum völlig bewußt, daß diese Wiasienvergiftniig. die der Mehrheit der Menschen den größeren Teil deS von der Ratnr ncwährien Lebens widernatürlich rmibtt, das fluchwürdigste Verbrechen ist. Wie winzig ist dagegen die Schuld einer jugendlichen Frau, die ihren lästigen greisen Gatten durch Arsenik beiseite schalst: und doch bänint sich bei solcher That selbst das Geivisfen eines MailnS auf. der seelenruhig Tag für Tag seine Arbeiter in Arsenikgrnbcn schickt. Der Einzelfall erregt, die Epidemie wird gleich- inülig hingenommen— DaS ist der nnheimliche Widerspruch in einer Kultur, die erst in den Anjängen eines wahren GeineinfchaftS- rechts steckt. Ter Mordprozeß Gönezi, der zur Zeil in Berlin den Raum der Zeiliingen und das.Julerefle der Leser usurpiert, ist an sich kein ÄtimUwlfall von besonders sensationellem Gepräge. Die Schuld des Manns scheint zweifellos. Sein wüstes Lüge» entbehrt des Raffine- mcnts, das sonst Berbrecher zu beweisen Pflegen. Es ist das schäunicndc wirre Geschwätz cincS MannS. der sich um jeden Preis vom Galgen loszulügcu versucht. Auch in den Beweggründen deS Mörders tritt keine Besonderheit hervor: ein Mensch, der reich werden will, schlägt zwei alte, sonderbare Frauen nieder, bei denen er groste Schätze vermutet, die ihn für immer von aller Not befreien sollen. Aber eine Eigentümlichkeit in dein Austretcu des Ilugcllagtcn streut in das triviale Mosaik der Verhandlungen charakteristische Farbcntupfeu. Es war zwar nur eine sprachliche Besonderheit, die Anwendung eines im mechanischen Gebrauch bis zur Ilukcniiltichlcit abgeschliffcncu Flickworts, aber gerade diese lnnnersort wiederkehrende Formel gab dem Ganzen einen Anhauch groteske» Hohns und gemütvoller Teufelei:„Bitll schön! Ich Hab' nicht gemordet."„Vitt' schön, ich weist nix.".Vitt' schon, der Zarge hat die beiden Frauen massakriert." Die kindlich demütige, bescheiden flehende Fonnel im Munde eines Menschen, der«ntcr dem begründeten Verdacht steht, wehrlose Frauen abgeschlachtet zu habe» I Man stellt sich vor.>vie er seinen Opfern, als sie sich sträubten, liebenswürdig zurief:„Macht keine Um« ständ', bitt' schön I Zu dem hnmeristischcn Verbrecher, wie wir ihn .nchr ans Opern uiid Novellen kenne», der mit dem Tode spastt. zn dem grostmnligen Verbrecher der Romantik, der die Schwachen schützt und die Stnrkcir straft, gesellt sich der hösiich bittende Frevler der Gönezi-Art. der Main» von Welt, der HmidlmigSreisender gewesen ist und mit Franc», denen er Schuhe aumistt, galante Scherze treibt. Und gerade dieser höfliche Frevel ist die Fonu. unter der jene schwersten Kultmvcrbrcchc», die leine Ahudnng durch geschriebene Gesetze finden, erscheinen. Bei all de» Bestialitäten, welche die Gc- scllichast duldet und übt, crtluigt das girrende„Vitt schön I" GvncziS mit. Das idealistische Flitterwerk, mit dem die Barbarei ihre Schande heuchlerisch behängt, ist nichts andres als das grausig- höhnende „Vitt' schön!" des höflichei» Verbrechers. Mag man von PalrioirsumS reden oder von nationaler Gröste, von Unteruehniiingsgcist oder Wcltpolitik, vom wnndcrthätigen tlapital, der Kmikurrenzsähigleit der Industrie nnd dem Schutz der Landlvirtschaft, mag man be- Haupte», für Ordrirmg und Sitte, für Thron und Altar zu läinpfr»— mnner ist eL nur das mnndgäirgrge„Bitt' schön" des höfliche» KrevlerS. der die Form des scinften Au- stands wahrt. Man unterdrückt, schändet, zerstört nnciidliches Leben, daS»nr in Gleichheit, Freiheit rmd uernnnftgeinästcr Gliedernng gedeihe» kann, aber indem nran so handelt, lallt man aufgeputzte Worte und ideale Phrasen: Beneckt, bitt' schön! „der in der Sprache der Politik: die nationale Ehre, der Ecknitz der heimische» Arckwit. die Sittlichkeit des Volks, die Erhaltung der heiligen Güter forder», dast geschehe, ivas den DaseinSzrrstvrer» ersprirstlich scheint. Es ist die Aufgabe der voran drärigcudcn Kultnrkämpfer. dast sie das.Bitt' schön" der Frevler entlarven rmd hinter der gleistcudcn Höflichkeit das Gemeine erkenne». Tie licbeusiviirdige Schurkerei ivird durch de» Trotz der lauteren Wahrheit gebändigt, die nicht schön bittet, sondern rauh begehrt.— Joe. Kleines Lenillekon. ck Nnd dranhen war cS Frühliiig.?e wriicr mmi sich den Fesitage» näherte, desto stärker wurde der Andrang des PndlmimS. Schon am srühen Voriniiiog schob es sich in dichten illassrn durch die weiten Räume des Grostdazars. Vcai ersten vis huiauf zm» vierten Stock daS Snmmc» und Surren einer hnudcrtköpjigcu Menge, jenes unentwirrbare Snimnrir nnd Surren,! von dem man nichts versteht,»nr mitcrl-rochrn von der» eintönigen Ruf:„Kasse!— zur Kasse!" In der Abteikrmg für Hiitr und Pndartikel flmidcir dir Känscrinnc» ivie die Mauern, tlops drängte sich mr Kops, sniiszchn, zivanzig sprachen immer zu gleicher Zeit: „Fränlci», haben Sie dies Fagon nicht billiger?" „Ich möchte einen englischen Hut iir Siklwrgran!" „Rein, hier ist die Krempe so breit— haben Sie keinen mit schinaler Krempe?" „Fräulein, geben Sic cinc T eigne in Schwarz! Fräulein, aber Frniilrin, hören Sie doch nur!" „Fa. ich warte auch schon eine halbe Stimdcl ES ist grästlich!" „Fräulein I Frärckein!" „Aber gleich doch, mcinc Danre, ich will ja mir hier erst fertig bediene»." DaS junge Mädchen rannte von rechts nach links, von links nach rechts, sprang die Leiter hinauf, um anS den obcrsleir Fächern einen SIvst Hüte hcrnntrrznlange». kniete auf der Erde, um eiueir ander» Etost ans den Schublade» hcraiiszn Hainen, und sprang von neuem die Leiter hinauf. Ans ihrer Stirn stand der Schwei«. ihrc�Backen brannten loie im Fieber,»nmchninl griff sie mich dem Tisch, als brauche sie einen Halt, aber schon im nächsten Augen- btirk flog sie von neuem hia nnd her— auf und ab. „Fränteiii. ich möchte euren Ronbrandthiit siir meine Tochter." „Tors c» etwas Besseres sein, meine Dmne?" „Ans den Preis kommt es dnrchans nicht an." „Dann nehmen Sic vielleicht so ctlvas, silbcrgrau mit lveisten Straustfederit, das Allerneueste." Die alte Dame dreht den Hut zwischen den Fingern. „Gefällt Dir der Lonnv?" Das Backfischchcn rümpst leicht die Nase:„Die Federn hängen gar nicht über die Krempe, man trägt sie doch nicht mehr hoch- garniert." «O doch, gnädiges Fräulein, daS ist das Neueste für den Sommer, vielleicht jetzen auch das gnädige Fräulein den Hut erst einmal auf." „Ja probiere ihn doch mal, Lonny. Was soll das Ding denn überhaupt kosten?" „Fiiufnnddreistig Mark, gnädige Frau, die Federn sind ganz echt und das Stroh ist vom allerfeinsteu." Das Lacksischchen hatte inzwischen den alten Wiuterhnt ans den Tisch gelegt und drehte sich mit dem neuen tänzelnd vor dem Spiegel:„Nein, die Federn gefallen mir gar nicht. Haben Sie nicht ctlvas mit BInme». Da oben steht ein hübscher Roleuhut." „Das ist aber keine Rembrandt-Fayon. gnädiges Fräulein, Rem- brandt garniert man fast immer nur mit Federn." „Gott, uns liegt ja gar nichts an Rcinbrandt-Fagon".—- Die alte Dame liest sich schwer ans einen gerade leer gewordenen Stuhl fallen:„Das sagt man doch überhaupt blast so hin. Rem- brandt ist viel zn alt für meine Tochter, Sie als Verkäuseri» hätten das gleich wisse» müssen." Fn daS Gesicht des jungen Mädchens schost eine dunkle Blut« welle. Ihre Augen fmikelleu ans. aber fie unterdrückte das Wort. das ihr auf den Lippe» schwebte. Mit einem leichten Seufzer langte sie den Roienhnt herunter, zugleich auch noch ein halbes Dutzend andre:«Vielleicht gefällt de» Damen hiervon etwas. Hier die englische Form ist sehr chic nnd jugendlich." Die alte Dame nahm den Hut:»Ja, sieh mal, Lonntp der ist lvirlticki hübsch." „Er eignet sich prachtvoll für das gnädige Fräulein." Der Backfisch drückte den Hut in die braunen Locken und drehte sich wieder vor dem Spiegel; dann flog das zierliche Strohgeflecht mit Vehemenz ans die Tischplatte:„Nein, der ist mir zn gewöhnlich. Englisch trägt jede Ladenmainjell, da kann uusereinS doch nicht nut gehe». Was kostet denn hier der Rvseuhnt?" � „Achtundzwanzig Mark, gnädiges Fräulein, es sind echt fran- zösische Blumen." „Aver die Rosen sind so hell. Lonnts." Die alte Dame liest eine der Blumen prüsend durch die Finger gleite».„Habe» Sie de» Hut nicht mit dunkleren Blumen?" „Wir müstten Ihne» einen andern Kranz mcfgarnieve», gnädige Frau. Aber das zarte Rosa steht doch dein Fräulein Tochter reizend zu Gesicht." Die Mutier niast daS Backfischchen mit einem prüfenden Blick: „Ach nein, sie sind zu hell, halte» Sie doch einmal einen dnnllcren Kranz dagegen." „Ja, wenn die Damen eiiien Augenblick warten wollen." Sie drängte sich durch die Ladentische und eilte nach dein entgegen- gesetzte» Ende des Saales, kam aber schon im nächsten Moinent mit einei» großen Karton voll Blumen zurück:„Hier find sehr schöne dimkelrote Rosen, gnädig« Frau. Sehen Sie, wir köniiteil den Tuff hier links a» die Seite stecken nnd die Ranke gner durch die Spitzen legcir. Wollen daS gnädige Fräulein eiirmal sehen— so." Lonny trat von neuem vor den Spiegel, schüttelte aber heftig dei, Kopf:„Nein, er gefällt mir nicht, der nun schon ganz n»d gar nicht. Rosen sind steif, ich mag keine Rosen, nein— ich nehiiie doch de» Rembrandthiit!" „Na, das habe ich Dir ja gleich gesagt," die Mutter erhob sich. „Neinbrandt ist das allcrelegaiitestc. Packen Sie den Rembrandthiit ein. Frnnlei»!" „Ich> verde ihn gleich nach der Kasie senden, gnädige Fran. ich will bloß»och den Zettel schreiben." „Aber beeilen Sie sich, Fräiilei»". die alte Dame tupfte das Gesicht mit dem Spitzentnch:„Gott sei Dank, dast wir fertig find. Dieser Skandal hier ist direkt zliin Vcrrücktwcrdc», ich bin wieder drei Tage nervenkrank." Lonny, die sich unterdessen den Wiuterhnt ivieder anfgesetzt, nickte: „Ja, nnd eine Luft ist hier zum Ohmnächtigwerden. Na komm', Mama, jetzt fahren wir direkt nach dem Thiergarten und erholen miS erst mal— dranstc» ist es Friihking. Ist der Zettel noch nicht fertig Fräulein?" „Ja wohl hier, meine Dcmren." Die jniige Berkänferin reichte daS Blatt hinüber, dan» lehnte sie sich an den Ladentisch. Ihre Aligcn fielen zu, alle Farbe mar ans ihrem Gesicht gewiche», eö sah aus. als wollte sie znsommenbrcchen, aber nur eine Sekunde dauerte diese Schwäche, da»» rassle sie sich niis und rannte von neuem hin inid her— her nnd hin. lind iiiuiier lauter wurde der Lärm ringsum, mid immer stickiger die schwüle Luft.... Und d.austen ivar es Frühling!— Theater. S ch a N sp ielhanS:„Gevatter Tod" von Eberhard König.— Da ich daS Stück, daS furchtbar philosophisch austritt. nicht ganz verstemden habe.»inst ich mich ziiiiächft mit der Fest- stellimg des Thalbestands begnügen. Ein alter Waldarbeiter also macht den Tod znin Gevatter seines SohnS Hau?. Der Junge ist ei» Sonntagskind und vom Tod zu großen Dingen anscrsehen. Er -soll ein Gliickkicher und Seqenl'niicieiider unter den Menschen werden. wenn er dein Tode tre» bleibt, doS heisjt, wenn er.die Selbstsucht meistert'. I» einem Fläschchen, das er empfängt, ist ein Trank enthalten, der alle Leiden bannt. Wohlgemerkt aber nur. wenn der Tod am Kopfende deS Betts steht, steht er am Fußende, rnng der Pgtient trotz allem daran glauben. Mit diesem Tränkchen nun kommt Hans, das Sonntagskind, in die Stadt des Königs, wo die Prinzessin krank daniederliegt. DaS Volk begrüßt ihn mit hellem Jnhel und die Begeistertsten fangen sofort von a Conto der noch gar nicht vollzogenen Heilung'zu bechern. Dabei vollführe» sie übrigens vor dem Königspalast einen Lärm, der polizeilich nirgends geduldet werden würde und der auch ästhetisch nicht ge- billigt werden kann. Im dritten Akt finden wir den Wundermann im Krankenzimmer, wo er sich sterblich oder unsterblich, wie mau will, in die Prinzessin verliebt. Er ivill sie rette», koste es, was eS wolle, und er läßt auch von diesem Willen nicht, als er den Tod am Fußende des Betts sieht. Damit hat er die.Treue gebrochen' und seine selbstsüchtigen Triebe freigegeben. Es wird nun ein schreck- licher Eroberer, wütet in der Welt herum und pflückt blutige Lorbeeren, ohne doch glücklich zu sein. Im letzten Akt stirbt er schließlich, was für ihn und uns eine Erlösung ist. Vermutlich will der Autor den Gedanken aussprechen. daß man in einem kontemplativen Leben, über das der Schatten des Todes fällt, glücklicher sei, als in einem Lebe», das von Begierden und Wünschen erfüllt ist. Ich sage: vermutlich: denn ich möchte mich nicht anheischig machen, in dem zusammen- gelesenen Zeug einen einheitliche» Sinn zn entdecken. Obwohl man das Schanlpielhans zur Genüge kennt, begreift man doch nicht, wie es dieses philosophische Wischiwaschi zur Aufführung bringen konnte. Es ist ein diletantischeS Oberlehrerdrama der schlimmsten Sorte. ohne Saft und Kraft, ohne Phantasie, ohne Dichtersprache und infolgedessen langweilig. langweilig, zu», Verzweifeln lang- weilig. Dazu kommt noch, daß Herr König zur Un- sähigkeit auch die Eitelkeit des Diletanten erhalten hat. Er spreizt sich, als Ivenn er einen neuen Faust geschrieben hätte..Ein Märchen von der Menschheit' nennt er seine Predigt. an der mir die Abwesenheit aller poetische» Qualitäten märchenhaft ist. ES scheint, daß man sich im Schauspielhaus zivischen König und Äadelburg, zwischen der Ivertlosen Langeweile und dem wertlosen Amüsement entscheiden muß. Ist das wirklich so, dann in Gottes Rainen heraus mit dem„Bärenfell', in dem mehr Kunstverständnis steckt, als in den fünf Alten dieses langweiligen.MenschheitS- Märchens". lieber die Schauspieler wollen wir lieber schweigen. ES hieße ihnen»ahetrete», wenn man sie nach den gestrigen Leistinigen beurteilen wollte. AnS abstrakten Schemen könne» auch die besten Schauspieler keine Gestalten schaffen. DaS vernünftigste Wesen im Stück ist schließlich der Tod— er bringt nacheinander alle Haupt- Personen um.— E. S. Volkskunde. — Die althochdeutschen Tier namen behandelt, wie lvir einem Bericht des.Globus* entnehmen. Palander in einer Dissertation. Sie bewahren, so weit sie in der erste» litterarischen Epoche uns vor Augen treten. Elemente ans sehr verschiedenen Sprachperioden. Bis in die Urzeit gehen beispielsweise zurück nnd sind europäischen ivie asiatischen Sprachen angehörig: lumd, boc, obso, stior, kalb, sö, scaf. lirgermanisch sind z. B. focbs, bero, maidaro, wizula, eibboino, wizent, rSh. Die Lehnworte auf dem Gebiete der deutschen Fauna sind von hohem knltur- geschichtlichen Wert. Bon den Römern staminen esil, sou, märi, zeltäri, mül, helfant, etwas später ist entlehnt praraveredus. Bei ihrer Ankunft in das romanische Alpenland lernten die Deutschen die Gemse und das Mnrineltier kennen. Wegen Mangel an BetveiSmaterial sind die keltogermanischen Beziehmigen nicht klar zu erkennen. Charakteristisch für die Beziehnnge» der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn sind die drei slaivischen Tiernamen zoboi. blieb, sisiinüs. Alle drei sind auch Namen von Pelzwerke». Noch unerinittelt sind manche Quellen, so für bazza, racta und olbento (albandus. Kamel). Man nimmt aber an, die beiden ersteren stammten aus Italien. Der alte Name deS Kamels, den die Germanei, mit de» Slawen gemein haben, bleibt vollständig rätsel- Haft, llnmöglich ist es nicht, daß lvir es mit einer germanischen Bildung zu thn» haben, aber so lange die Geschichte'deS Kamels ganz verborgen ist. erscheint diese Annahme immerhin etwas gewagt ju sei�— Geologisches. — Eine Salzpfanne in Transvaal. Aus der Iveiten, flachinelligen Buschsteppe nördlich von der Hauptstadt der Süd- afrikanischen Republik, Pretoria, erhebt sich ans den teils sandige», teils lehmigen, teils hnmose» jugendlichen Bildungen ein Granit- gebirge heraus, Ivelches von zahlreichen DiabaSgängen durchsetzt wird. Wenn man die Höhe der Berge erreicht hat, so öffnet sich dem Auge der Blick ans eine überraschende lind in der sonst so einförmigen Gegend völlig abweichende Erscheinung: eS senkt sich nämlich eine trichterförmige Vertiefung in den Granit ein, deren Wände nach Osten, Norden»nd Weste» Hin ziemlich steil abstürzen. während der südliche Abhang durch elwaS geringere Neigung gerade noch die Anlegung eiirrs in Windungen sich in die Tiefe himniterziehendeu Fahrweges, der freilich auch nur für afrikanische Verhältnisse branchbar erscheint, ermöglicht hat. Rings um den Trichter herum erheben sich auf dem ihn umkleidenden Rücken eine Anzahl von kleineren Hügeln. Die tiefste Einsattelung in der IliuraHnuiiig des Trichters liegt etlva LS Meter über dem Gruiide desselben. In diesem Trichter nun liegt ein kreisrunder See, dessen Durchmesser etwa 4 Meter beträgt, nnd dieser See ist mit einer außerordentlich konzentrierten, rot gefärbten Salzsoole erfüllt. Dieses Salzivasser besitzt nur eine geringe Tiefe, die je nach der Jahreszeit schwankt und bei niedrigste»,' Wasserstande nur 1—2 Fuß beträgt. Der Boden deS SeeS ist mit einer starken Kruste von Steinsalz bedeckt, welche meist in große» Würfeln aus- krystallisiert ist und eine rötliche Farbe besitzt. Nur stellenweise beobachtet man auch Iveißes Steinsalz. Ebenso findet sich unter den aliSkrystallisierten Salzen„Trona", d. h. wafferhaltiges, kohlen- saures Natron, und zwar entweder in einzelnen Lagen oder in schuppigen Krystallaggregaten, auf den Oberflächen der Steinsalz- Würfel und in de» Zwischenräumen zwischen denselben. Das Ufer des kleinen Salzsees besteht ans eine», sckivarzen Schlamme, der hier und da mit dünnen Salzkrusten bedeckt ist. Unter dem Schlamme folgt dann ein grober GruS, der das ZersetzungSprodukt des unter- lagernden Granits ist. Das Salz dieses Soolebeckens wird teils durch Eindanipfen in einer eisernen Siedepfanne, teils durch Uintrystallisieren der auf den, Boden des SeeS vorhandenen Salzlager gewonnen. Eine chemische Analyse der Salze er- gab, daß das Wasser fast frei von Gyps ist, daß es 21 Prozent gelöster Bestandteile enthält und daß dieselben zu 3/4 auS CHIornatrim» und zu>/« ans kohlensaurem Natron bestehen. Diese inerkiviirdige Salzpfanne ist nach der Ansicht von Cohen, der »Iis Über dieselbe ausführlich berichtet hat, höchst wahrscheinlich anf Erscheinungen vulkanischer Art in derselben Weise znrückznfiihren, wie die bekannten Maare in der Eifel oder wie die eigentümlichen, mit milkaiiischen Triimmerprodlikten erfüllte» chlindrischen Schlote der Rauhen Alb. Man wird annehmen muffen, daß eS sich um einen Explosionskrater handelt, der sich von»»teil her mit Salz beladenem Schlamin füllte, so daß der Salzgehalt der Schlot- ansfüNmig zugleich zum Ersatz der ihm entzogenen Salzmengen Verwendung findet.—(«Prometheus'.) Humoristisches. — V e r s ch n a p p t. A.(ironisch):„Dein»eneS Stück soll ja ordentlich ausgepfiffen worden sein— besonders der letzte Akt!' Dichter:„Das ist eine Lüge... im letzten All war ja nie- mand mehr da!'— — Fatal. Junger Arzt(dnrch die Thür i»S Wartezimmer rufend):«Wer von Ihnen wartet denn am längsten?' S ch u h m a ch e rm e i st e r:«Ich, Herr Doktor, schon über acht Monat I'— — Unter vier Auge n. Fabrikant(zu seinem Com- pagnon):«Schon recht miserabel ist unser Fabrikat!... Seien wir froh, daß lvir nnS nichts abzukaufen brauche» I"—(«Fl. Bl.") Notizen. — Im Berliner Schauspielhause wird Goethe?«Götz von V e r l i ch i» g e n" in gänzlich neuer Ausstattung für nächste» Herbst vorbereitet.— — In, Bremer Stadttheater wnrde EchegarahS Schauspiel«Das Brandmal' mit großem Erfolge aufgeführt.— — In A l t e n b u r g ist eine Oper«Der Pnlvermncher z u N ü r u b c r g" von Philipp Bade. Lehrer au der Mannheimer Hochschule für Musik, erfolgreich ausgeführt worden. In der nächste» Saison wird die Oper am Karlsruher Hoftheater in Sceue gehen.— — In Hildes heim wird am 1. Mai eine neue Bau« g e w e r t S s ch n l e eröffnet.— — I» Bautzen ist, wie die«V.-Ztg.' berichtet, kürzlich ein Verband wendischer Schriftsteller lXalo eerbskich spisacelow) gegründet worden, der die Förderung deS wendischen Schrifttums bezweckt, und dem Redaetenre. Schriftsteller und Bericht- erstatter der Iveudischeii Blätter und Zeitschriften, deren eS gegenwärtig acht giebt, angehören.— — Eine M u s i k a u S st e l l u n g wird i» L o» d o n im Krhstall- Palast organisiert werden und bis zmu September daner».— — Prof. Dörpfelds AuSgrab,»igen, die er auf der Insel Theali nach den Resten deS Herrscherpalastes des OdyssenS anstellre, sind ganz erfolglos gebliebe». Prof. Dörpfeld ist»uu überzeugt, daß Theali mit Unrecht für das homerische I t h a I a gilt, daß eS bielmehr dnS homerische Same vorstellt. während die Insel L e» k a S für das Jthaka Homers angesehen werden muß.— t. Einen Botanischen Garte» im Kongo-Staate wird die belgische Regierung demnächst a» dem Platze Coquilhatville einrichten: mit dem Botanischen Garte» wird gleichzeitig eine la nd- wirtschaftliche Versuchs st ation begründet werde».— VkrantwoNlicher 9