Ant,rhaltu»gsblatt des vorwärts ?!r. 70. Dienstag, den 10. April. 1300 (Nachdruck vcrdotcrt.) io] Auferflelzungi. Ronian von Leo T o l st o j. Es dämmerte schon sichtlich, aber die Sonne ging noch nicht auf. Ans den Grabsteinen um die Kirche herum ruhte das Volk aus. Katjuscha lvar in der Kirche geblieben; Nechljndow blieb stehen und erwartete sie. Tie Menge trat in dichten Scharen ans der Kirche, klapperte mit den Nägeln unter den Stiefeln auf den Fliesen, ging die Stufen herunter und zerstreute sich ans dem Raum vor der Kirche und dem Kirchhos. Ein hochbejahrter Alter, Marja Jwanownas Zuckerbäcker, mit wackelndem Kopf, hielt Nechljudow an und tauschte den Osterkuß mit ihni aus; fein Weib, eine Alte mit runzligem Hals unter dem seidenen Bnisttuch. zog emS ihrem Tuch ein safrangelbes Ei und gab es ihm. Dann trat auch ein junger, Muskulöser MnfTjik in neuem Nock mit grünem Gürtel lächelnd herzu. „Christ ist erstanden," sagte er mit lachenden Augen, lehnte sich gegen Nechljndow. überströmte ihn mit dem eigenartigen, angenehmen Mnshikgrrnch und küßte ihn mit seinen festen, frischen Lippen dreimal mitten ans den Mund, wobei der krause Bart kitzelte. ?lls Nechljudow sich mit dem Mushik küßte und von ihm ein dunkelziuunetfarbigcS Ei entgegennahm. erschien das schillernde Kleid Matrjona Pawlowuas und das liebe, schwarze Köpfchen init der roten Schleife. Sie erblickte ihn sofort über die Köpfe der Vorübergehenden hinweg und er sah, wie ihr Gesicht strahlte. Die beiden Frauen traten in die Vorhalle, nnd blieben dort stehen, um die Bettler zu beschenken. Ein Bettler trat au Katjuscha heran. Sic holte etwas ans ihrem Tuch hervor, gab es ihm, näherte sich ihm dann und küßte ihn dreimal. Dabei begegnete ihr Blick dem Blick Rechljudows. und es Ivar, als ioenn sie ihn fragte: ist es gnt, tvas ich da thue? „Ja. ja, mein Lieb, alles ist gnt und schön; ich liebe Dich." Die beiden traten aus der Vorhalle, und er ging zn ihr. Er Ivollte nicht den Osterkuß mit ihr tauschen, sondern wollte nur näher bei ihr sein.„Christ ist erstanden!" sagte. den Kopf neigend und dabei lächelnd, Matrjona Pawlowna, in einem Ton, als wenn sie sagen wollte, daß heute alle gleich wäre». Dann legte sie ihr Taschentuch in ei» Mäuschen zusammen, wischte sich den Mimd ab und hielt ihm die Lippen hin. „In Wahrheit erstanden erwiderte Nechljudow und küßte sie. Er sah sich nach Katjuscha um. Sie errötete und näherte sich ihm in: selben Augeiiblick- „ Christus ist erstanden, Duiitri Iwanowitsch." „In Wahrheit erstanden." sagte er. Sie küßten sich zweimal, dachten dann gleichsam nach, ob es noch eininal nötig fei, rnw küßten sich zum drittenmal; dabei lächelten beide. „Gehen Sie nicht zum Geistlichen?" fragte Nechljndow. „Nein, wir setzen uns hier ein wenig hin, Dmi tri Iwano- witsch," sagte Katjuscha, wie nach einer angenehmen Mühe schwer atmend, und schaute ihm dabei mit ihren hingebungs- vollen, jungfräulichen, liebenden, ganz wenig schielenden Augen gerade ins Gesicht. In der Liebe zwischen Mann und Frau giebt eS immer eine» Augenblick, wo diese Liebe ihren Höhepunkt erreicht, wo nichts Bewußtes, keine Ileberkegung und keine Sinnlichkeit in ihr enthalten ist. Ein solcher Augenblick war für Nechljudow diese Nacht des Osterfestes. Wenn er jetzt an Katjuscha zurückdachte, so verdeckte dieser eine Augenblick alle übrigen, in denen er sie gesehen hatte. Das schwarze, glatte, glänzende.Köpfchen; das weiße Kleid mit den Falten, daß ihre hübsch gewachsene mädchenhafte Gestalt und den nicht hohen Busen umschloß; diese Röte und die zarten, glänzenden, schwarzen Augen, nnd dann in ihrem ganzen Wesen zwei Hauptmerkmale: die Nein» hcit jnngfränkicher Liebe nicht nur zn ihm— das wußte er—. sondern zn all und jedem, was in der Welt ist, nicht nur zum Schönen, sondern auch zum Bettler, den sie ge- küßt hatte. Er wußte, daß in ihr diese Liebe sei, weil er sie in sich diese Nacht und diesen Morgen empfunden hatte, und weil er wußte, daß er in dieser Liebe mit ihr in eins zu- sammenfloß. Ach, wenn doch alles bei dem Gefühl geblieben wäre, das er in dieser Nacht empfand! Ja, all das Schreckliche war erst nach dieser Osternacht geschehen! dachte er jetzt, wo er im Geschwornenziinmcr am Fenster saß. Sechzehntes Kapitel. Nach seiner Rückkehr aus der Kirche aß Nechljudow zuerst wieder nach den Fasten Fleisch in Geineinschaft der Tanten, trank nach der beim Regiment angenommenen Gewohnheit, um sich zu stärken, Branntwein und Wein, ging dann in sein Zinimer und schlief alsbald in den Kleidern ein. Ein Klopfen an der Thür weckte ihn auf. Er erkannte am Klopfen, daß sie es war. erhob sich, rieb sich die Augen und reckte sich ans. „Katjuscha, Du? Komm herein," sagte er und stand auf. Sic öffnete die Thür ein wenig. „Sic werden zum Essen gerufen," sagte sie. Sie war in demselben weißen Kleide, aber ohne Schleife im Haar. Bei einem Blick in seine Augen erglänzte ihr Gesicht, als wenn sie ihm etwas ungewöhnlich Freudiges mit- zuteilen hätte. „Ich komme gleich." erwiderte er und ergriff einen Kamm, um sich das Haar zu kämmen. Sie blieb noch einen Augenblick stehen. Er bemerkte das. warf den Kamm fort und beivcgte sich auf sie zn. Aber in demselben Augenblick wandte sie sich schnell um und ging mit ihre» gewöhnlichen leichten, schnellen Schritten auf dem Läufer des Korridors fort. „Ich Schasökops", sagte sich Nechljndow,„warum habe ich sie nicht festgehalten?" Und er lief ihr nach in den Korridor. Was er von ihr wollte, wußte er selbst nicht. Doch schien es ihm so, daß er, als sie zn ihm ins Zimmer trat, etwas hätte thun müssen, was in solchem Fall alle thun; und er hatte es nicht gethan. „Katjuscha. wart doch." sagte er. Sie sah sich um. „Was wollen Sie?" sagte sie und verlangsamte ihre Schritte. „Nichts; nur..." Er nahm sich zusammen, dachte daran, was in solchem Falle alle Leute in seiner Lage thun, und faßte Katjuscha um die Taille. Sic blieb stehen nnd schaute ihm in die Augen. „Nicht doch, Dmitri Jwanowitsch, nicht doch," sagte sie bis zu Thränen errötend und that mit ihrer rauhen, kräftigen Hand seinen Arm beiseite. Nechljudow ließ sie los und einen Augenblick wurde er nicht ünr ärgerlich und schämte sich, sondern hatte sogar Abscheu vor sich selbst. Da hätte er an sich glauben sollen; aber er verstand es nicht, daß dieser Aerger nnd die Scham die allerbesten Gefühle in ihm Ware», die nach außen drängten, sondern es schien ihm im Gegenteil, als wenn Dummheit auS ihm spräche und er das thun müßte, was alle thäten. Er lief ihr noch eininal nach, umfing sie wieder und küßte sie ans den Hals. Dieser Kuß war schon ein ganz andrer als die beiden ersten Küsse: der eine, unbewußte, hinter dem Syringengebüsch, und der andre heute morgen in der Kirche. Dieser war schrecklich, und sie fühlte das. „WaS thun Sie mir?" rief sie in solchem Ton, als wenn er etlvas unendlich Wertvolles unwiderbringlich vernichtet hätte, und lies geschwind von ihm sort. Er ging ins Speisezimmer. Die Tanten im Fcstklcide, � der Doktor und eine Dame aus der Nachbarschaft standen am Büffett mit dem Imbiß. Alles das war ganz gewöhnlich, aber in der Seele Nechljudows war Sturm. Er verstand nichts von dem, was man zu ihm sagte, gab verkehrte Antworten und dachte nur an Katjuscha und an die Empfindungen beim letzten Kusse, als er sie im Korridor eingeholt hatte. Er konnte an gar nichts andres senken. I Wenn sie ins Zinimer trat, fühlte er, ohne sie anzusehen, mit seinem ganzen Wesen ihre Gegenwart und mußte sich Gewalt anthnn, um nicht nach ihr hinznblickcn. Nach dem Mittagessen ging er sofort in sein Zimmer, schritt in starker Errcgnng lange in ihm auf und ab, horchte auf jedes Geräusch ini Hanse und wartete auf ihre Schritte. Der tierische Mensch, der in ihm lebte, erhob jetzt nicht nur das Haupt, sondern trat den geistigen Menschen, der er bei seinem ersten Besuch und sogar noch heute morgen in der Kirche gewesen war, nnt Füßen und herrschte ganz allein in ihm. Trotzdem Ncchljiidow Katjuscha unablässig aufgelauert hatte, war es ihm nicht ein einziges Mal geglückt, sie au diesem Tage allein zu treffen. Wahrscheinlich wich sie ihm aus. Aber gegen Abend würde sie in das Zimmer neben dem von ihm bewohnten hineingehen. Der Doktor blieb über Nacht hier und Katjuscha mußte das Bett für den Gast znrecht machen. Als Ncchljudow ihre Schritte hörte, ging er ihr nach, indem er leise auftrat und den Atem anhielt, als wenn er ein Ver- brechen vorhätte. Sie hatte beide Hände in die reine Kisscnbühre gesteckt und hielt mit ihnen das Kissen an den Ecken. Jetzt wandte sie sich nach ihm um und lächelte aber das war kein heiteres, fröhliches Lächeln mehr, wie früher, sondern ein erschrecktes, klägliches. Es sagte ihm gleichsam, daß das, was er jetzt thäte, schlecht sei. Einen Augenblick blieb er stehen. Noch war die Möglich- keit des Kampfes vorhanden. Wenn anch nur schwach, so sprach doch noch die Stimme reiner Liebe in ihm, sprach von ihr, von ihren Gefühlen und ihrem Leben. Eine andre Stimnie aber sprach: paß auf, du versäunfft dein Glück, deinen Genuß. Und die zweite Stimme übertönte die erste. Er trat entschlossen an sie heran. Und der schreckliche, un- bezwingliche, tierische Mensch kam vollends über ihn. Er ließ sie nicht aus seinen Armen, drückte sie aufs Bett nieder und setzte sich neben sie. „Dmitri Jwanowitsch, liebster, bitte lassen Sie mich?" sagte sie in kläglichem Ton.„Matrjona Pawlowna kommt I" schrie sie laut auf und riß sich los. Wirklich kam jcniand an die Thür. Dann konime ich nachts zu Dir," sagte Ncchljudow.„Du bist doch allein?" „Was wollen Sie? Niemals l Das darf ich nicht," sagte sie nur mit den Lippen; ihr ganzes Wesen voll Errcgnng und Bestürzung sagte etwas andres. Es war wirklich Matrjona Pawlowna, die an die Thür kann Sie trat mit einer Bettdecke im Arm ins Zinimer, sah Ncchljudow vorwurfsvoll an und schalt Katjuscha, weil sie nicht die richtige Decke genommen hätte. Ncchljudow ging schweigend hinaus. Er schämte sich nicht einmal. Er sah an Matrjona Pawlownas Gesichtsausdruck, daß sie ihn tadelte und ein Recht dazu hatte; er wußte, daß das, was er that, schlecht war; aber der tierische Sinn, der aus dem früheren Gefühl reiner Liebe zu ihr entstanden war, nahm ihn jetzt ganz in Beschlag und beherrschte ihn, ohne etivas andres anzuerkennen. Den ganzen Abend war er seiner selbst nicht mächtig; ging bald zu den Tanten, bald verließ er sie; ging in sein Zinimer und an die Treppe und dachte nur das eine, wie er sie sehen könnte. Aber sie wich ihm aus. und Matrjona Pawlowna bemühte sich, sie nicht aus den Augen zu lassen. Siebzehntes Kapitel. So verging der ganze Abend, und die Nacht brach an. Der Doktor ging schlafen. Tie Tauten legten sich ebenfalls hin. Nechljudow wußte, daß Matrjoua Pawlowna jetzt in, Schlafzimmer bei den Tanten sei, und Katjuscha im Mädchen- zimmer allein lväre. Er trat wieder auf die Treppe. Draußen war es dunkel, feucht und warnc; der Weiße Nebel, der im Frühling den letzten Schnee vertreibt, oder sich von dein schmelzenden letzten Schuee verbreitet, erfüllte die ganze Luft. Vom Fluß, der hundert Schritte entfernt nur Abhang vor dem Hause vorbeifloß, hörte man seltsame Töne: es war Eisgang. . Nechljudow stieg die Treppe hinab, schritt auf ge- schmolzencin und zu Eis gewordenem Schuee über Pfützeii und trat an das Fenster des Mädchenzimmers. Sein Herz hämmerte derartig in der Brust, daß er es hörte; sein Atem setzte bald aus, bald rang er sich in einem schweren Seufzer hervor. Im Mädchenzimmer brannte eine kleine Lampe; Katjuscha saß allein am Tisch und schaute nachdenklich vor! I sich hin. Nechljudow sah sie lange unbeweglich an, er wünschte zu wissen, was sie Wohl thäte, im Glauben von niemand gesehen zu werden. Zwei Minuten lang saß sie unbeweglich, dann erhob sie den Blick, lächelte, schüttelte wie im Selbst- Vorwurf den Kopf, änderte ihre Haltung, legte stürmisch beide Arme auf den Tisch und richtete den Blick vor sich hin. lFortsetzimg folgt.) Oio Nollürlichkeik mtf dev Vühne» (Slwia und Messolina.) ES ist im Grunde ein schreckliches Stück. Während der Vorlvurf, den es behandelt, die höchste Kraft erfordert hätte, spricht die pure Ohnmacht ans jeder Zeile. Die Bnhlerin Messalina, deren Frechheit sich fast zur Größe auswächst, verlangte Sinnlichkeit und noch einmal Sinnlichkeit und immer wieder Sinnlichkeit. Was ihr der Dichter gab, war das Temperament eines Gymnasial- lchrcrs. Ein Gymnasiallehrer mag sich so das Laster vor- stellen, wenn es ins Riesenhafte wächst, gerade so, so schön agierend und so schön redend. Wenn ans der Bühne wirklich Messalina wäre, müßte uns ein Schrecke» befalle»; aber wir erschrecken hier nicht. Wir sehe» eben keine Messalina, wie sie die Natur mitunter hervorbringt. Wir sehen eine gebildete, maßvolle, hübsch hcrgerichtete Messalina. Nirgends bricht die Sinnlichkeit so heiß und stark hervor, daß uns der Athem vergeht. Nirgends wird die Wollust furchtbar, nirgends ahnen wir— was wir hier doch müßten— ihren Zusammenhang mit Gransanikeit und Verbrechen. Eine Familien- messalina sehen wir, ei» Weib, das eine ehrbare Hansfrau gewiß schrecklich lasterhaft finden wird, aber keine wirkliche Messalina, kein Geschöpf, das bestrickt und vor dem man sich doch entsetzt. Leider kam die S a n d r o ck dem Dichter nicht zur Hilfe. Sie war so äußerlich wie er, mindestens so äußerlich, vielleicht noch niehr. Große Gesten, große Worte und gar keine Wirkungen,— das war im allgemeinen die Signatur der Leistung. So warm und wuchtig sie als Maria war, so kalt und ohnmächtig und theaterhaft war sie als Messalina, als Maria konnte sie einfach Schiller spielen, wurde vom Strom seiner Leidenschaft hingerissen und war echt. Die kalte Pracht Wilbrandts hat sie nicht beleben können. Vielleicht ver- sagt sie immer, wenn sie nicht unter dem Bann eines echten Dichters steht. Es steckt viel Pose in ihrer Kunst, viel Freude an theatralischen Geberden und theatralischer Majestät. Ein Dichter, der sie hinreißt, läßt sie die Bühne vergessen und erlöst ihre starke Natur. Bleibt sie kalt— und wer bliebe das bei Wilbrandt nicht?— ersetzt sie den inneren Mangel durch laute Aeußerlichkcit und verliert so völlig den Znsammenhang mit der Kunst. Merkwürdig, wie gern man seinen Fehlern nachgicbt! Diese Schauspielerin, die sich vor theatralischer Unnatur hüten sollte wie' vor der Pest, schleppt uns Mosenthals entsetzliche„Debohra" nach Verlin, eins der Stücke, deren letzte» Slkt niemand kennt, weil jeder schon vorher mit Grausen flieht. Kennt sie Shakespeare nicht? Oder Hebbel? Und warum bringt sie die nicht nach Berlin? Vor allem für Hebbel, der hier schmählich behandelt wird, wären wir ihr aufrichtig dankbar. Warum also nicht? Slnch sie selbst würde bei Hebbel besser fahren, als bei Mosenthal und Wilbrandt. LI» und für sich habe ich gegen die großen Gesten der Sandrock gar nichts. Nur daß sie leer sind, bedauere ich. Wir haben— in Berlin wenigstens— die großen Gesten ja fast vergessen, aber ich fürchte sehr, daß wir sie wieder lernen müssen. Es hat sich ei» Natürlichkeitsbegriff herausgebildet, mit dem wir nicht weiter- kommen, weder dramatisch noch schauspielerisch. Selbst wenn er richtig loäre, müßten wir ihn über Bord werfen, weil er seine Mission erfüllt hat. ES geht in dieser Richtung einfach nicht weiter, oder wenigstens: es geht nicht höher. Der Begriff ist indessen ganz und gar nicht richtig. Die Natürlichkeit der Bühne besteht keineswegs in einer äußerlichen Annäherung an. die Wirklichkeit. Wenn es damit seine Nichtigkeit hätte, waren gerade die größten Dramatiker von einer grauenvollen Unnatur, was tvir doch lieber nicht behaupten wollen. Es hat seinen guten Sinn, wenn ein Dichter oder Schauspieler sich dein Alltag so weit wie möglich nähert. Er muß sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und hat ein Recht auf den Stil, der mm einmal ihn, cigcntiimlich ist. Nur soll er sich nicht einbilden, daß er die Statiirlichkeit gepachtet hat, iveil er große Gesten vermeidet, decent spielt und sein Organ schont. Temperamentlose Menschen haben immer dazu geneigt, diesen Stil als den allein„natürlichen" ausznrnfen; aber die temperamentvollen Naturen haben es ihnen nie geglaubt. Das Tem- perament aber hat der Kunst noch immer mehr Segen gebracht als die Tcmperamcntlosigkcit. Die Wahrheit ist, daß man in jede m Stil natürlich sein kann, im pathetischen so gut wie im realistischen. Die großen Gesten der Sandrock können durchaus natürlich sein und in Maria Stuart bei- spielswcffe sind sie es. D i e N a t ü r l i ch k e i t besteht in der Kongiruenz zwischen Ton und Enipfiirden, zlvischen Geste' und Ausdruck, zwischen Wort und Inhalt. Eine pathetische Rede, durch die wirklich ein starkes Pathos flutet, ist genau so„natürlich", ivie eine Unterhaltung zwischen ztvei Ecken- stehcrn. Wir kommen nie zu dein wuchtigen Stil, den alle jüngeren — 2' Dramatiker suchen, wenn lv!r ims das nicht endlich klar niachcn. Das einzige Drama, in dem beispielsweise Hauptmann zu wuchtiger Größe emporwächst, beruht auf— M a s s e n w i r ku n g e n. Eine Thatsache, die mir sehr deutlich zu sprechen scheint. Will man den großen Stil, muß mau den Helden wollen und will man den Helden, muß man die Prachtgeschmeide der Sprache wieder hervorholen, um ihn zu schniücken. Die Not ist eine außer- ordentlich strenge Erzieherin; sie lehrt nicht nur beten, sie ivird uusre jüngeren Dichter auch wieder reden lehren. Und warum auch nicht? Wir wollen nicht preisgeben, was schwer genug errungen ist. Die Sprache soll individuell abgetönt bleiben, wie sie es bei echten Dichtem immer Ivar. Redet der alteMiller nicht anders als derPräsident und doch reden beide die Sprache des jungen Schiller. Reden etwa Anzengrnbers Bäuerinnen wie Bäuerinnen im allgemeinen? Ach nein, sie reden die Sprache eines Dichters, eines großen Dichters sogar, die Sprache Anzengrubers. Trotz alledem aber reden sie natürlich. Was eine Person ausspricht, muß ihrem Charakter und der Situation, in der sie sich befindet, durchaus entsprechen. W i e sie es ausspricht, bleibt Sache des Dichters. Freilich, mit dein Stil des Dramas niiißte sich auch der Stil der Darstellung ändern. Darüber zu reden, iviirde indessen heute zn iveit führen.— Erich S ch l a i k j e r. Kleines Isenillelon» Der Dachs. Bon den einst bei uns ansässigen Raubtieren haben Bär und Wolf, Luchs und Wildkatze auf deutschem Boden keiir anerkanntes HeimatSrccht mehr, und eine Liste derjenigen Bier- fiißler, die heute noch in unser» Wäldern und Heiden, in Ried und Moor, an den Ufern der Bäche, Flusse und Seen, gelegentlich auch im Hühnerstall und Taubenschlag als blutdürstige Mörder ihr Wesen treiben, weist nur wenige Namen ans: Wiesel, Iltis und Marder, Fuchs, Fischotter und Dachs. Ein sonderbarer Kerl ist der Dachs. Seine Glieder sind außer- ordentlich muskulös, die Borderfüße lang und mit starken Krallen bewehrt; tüchtig kratzen kam, er damit und graben wie ein Maul- Ivurf. Fnrchteriveckend ist das Gebiß, und er versteht's zu gebrauchen, wein, das dicke Blut in zornige Wallung gerät; schon mancher Hund hat das z» seinem Schadeii erfahren. Für gewöhnlich benimmt Grimbart sich ruhig und gesetzt, wie's einen, wohlgenährte», selbstzufriedenen Philister ansteht. Man könnte de» ungeschlachten grauen Burschen, wen» man ihn durchs Holz oder zwischen Steingeröll umhertrottcn sieht, für einen kleinen Bär halten. Er hat auch in seinen Gepflogenheiten dies und das vom Rieistcr Petz; wie dieser hält er Winterschlaf, und seine Nahrung entnimmt er den, Pflanzen- mid den, Tierreich. Wurzeln und Beeren läßt er sich bestens »nmden; Jilseitcn, Frösche, Eidechsen, Schlangen gelten ihm für leckere Kost. Mit der langen, spitzen Schnauze gräbt er Hunimel- nester aus und Feldinänsc. Vogeleier und junge Nestvögel, auch alte, die zufällig sich erhaschen lassen, werden einverleibt, etiva auch ein Häsleiii, das ihn, in die Qiicre kommt. Doch das sind Extra- vrdiiiaria, in, allgemeinen fordert er durch sein Fouragieren die Verfolgung des Mcuscheii nicht heraus. Verglichen mit Neinecke Fuchs ist Grimbart ein Muster von Harmlosigkeit und Unschuld. In der wildromantischen Felsenschlucht liegt am Fuß der ein- springenden schroffen Kalksteinklippe eine Mulde, nur wenig mehr als nretertief und kaum doppelt so groß wie eine geräumige Wohnstube. Alte Buchen stehen am Rande und dazwischen eine vereinzelte knorrige Eiche mit kurzem, massigem Stnmni. Die schon in Mannshöhe über dem Boden ansetzenden Acste greifen weit aus und halte» über den Kessel einen Lmibschiri». Bizarr gesonnte und wirr verschlungene Wurzeln kriechen über den Boden hin, allerlei Waldblumen wuchern dazwischen, und Brombeergernutc bildet malerische Fcstous. DaS ist der Vorgarten zur Klause des grauen Einsiedlers� dort unten in der Mulde liegt, gut versteckt, der Eingang zum Dachsbau. Vor vierzehn Tagen haben der Förster und seine Leute Grimbarts Gattin und Kinder ausgegraben. Der xater faroilias hat damals sich glücklich snlviert, nach der e»t- weihten Heimstätte ist er nicht zurückgekehrt. In der Falkeuschlucht hat's ihm gesallen, den Kessel unter der knorrigen Eiche hat der Witivcr zum neuen Domizil sich erkoren. Doch nur zu bald ist nian den, Acrmste» ans die Spur gekommen und heute Nacht soll er gefangen werden. Das erfahre ich vom Förster, dem ich mit seinem Buben Fritz an, Flnßufer begegne. Fritz hat ein Bündel unterin Arm, auS der großen' Jagdlasche seines Vaters schauen die schlanken Köpfe zweier Teckel. Mich dauert Grimbart, heimlich ivünsche ich, die geplante Razzia möchte niißlingcn, offene Einsprache zn erheben steht mir nicht zu. Wenn unr die Geisterstunde der Mond hoch oben an, Hinnnel steht und mit duftigem, silbergrauem Scheine die Wipfel der die Schlucht umsämncnden Tannen überhaucht, tvenn keine andren Laute die herrschende Stille unterbrechen als der heisere Schrei einer an den Hängen hinhuschcnden Eule, etwa auch das Surre» eines miniiigtich gestiiunUc» Hirschkäfers, das helle Gekläff eines Fuchses oder das vom fernen lltied hertöucnde, kaum vernetz», bare Gequak der Frösche, dann erachtet Grimbart die Zeit für gekommen, her- auszukriechen aus seinem Tagesversteck und auf der Obcrlvelt Um- schau zu halten nach Proviant. Vor der Hausthür steht er, vor- sichtig schnüffelnd; das Zlveig- und Laubwerk über ihn, loirft scharf markierte Gitterschatten auf sein Fell. Er kratzt sich bedächtig hinterm Ohr, er schüttelt sich, er wittert ivicder und wieder, und im 9— guten Glanben, die Luft sei rein, watschelt er langsam davon, nicht ahnend, wie nahe ihm das Verhängnis. Eine gute Viertel- stunde abivärts vom Dachsbau weg' mündet die'Falkenschlucht in die Flußniederung; gemischter Wald, Nadel- und Laub- holz, lvechselt dort mit Wiesen, Erlenbruch und Sumpf; verkrüppelte Weiden, Binsen und Schilf spiegeln sich in Tümpel» und kleinen Teichen. Dörfer oder überhaupt Menschcuwohnuugen gicbt's keine in, Umkreise einer halben Meile. Ein Paradies für den Freund freier Natur, ciiie Gegend, die ich durchstreift habe kreuz und quer, bei Tage und zur Nachtzeit, in, Sommer und im Winter, in die es mich immer und immer ivicder hinauszieht, fort aus den, Hasten und Spekulieren der Krämerwelt, de», Qualm und Getöse der Fabriken, körperliche und geistige Auffrischung z» suchen und zn finden. Wir drei, der Förster, Fritz und ich, haben die Falkcnschlucht erreicht und machen Halt. Was Dn zu thun hast, weißt Du also, redet der Vater den zwölfjährigen Sohn an. Steigst zur Höhe,»ingchst die Schlucht und schleichst von oben her zum Bau. Ist das Netz richtig ringe- legt und gut festgeinacht, dann giebst Du's Signal, den doppelten Eulenschrei, und hältst Dich parat. Fix und Fex Ivcrden ihn schon eintreiben, aber paß auf, daß Du's Netz rasch heraus- und zuziehst, wenn der Dachs drin steckt. Der Bube verschwindet zwischen den Stämmen, der Förster und ich setzen uns auf einen Fiudlingsblock und lvarten. Eine halbe Stunde später vernehmen wir das Signal und die Hunde Ivcrden freigelassen. Lautlos gehen sie auf die Suche und wir ihnen nach durch dick und dünn. Vater, Vater I hören wir da plötzlich rufen. Vater! Sie sind aneinandergeraten. Krcnzinillioueiidonncrwctter! flucht der Förster und stürmt keuchend vorwärts. In fünf Minuten stehen■ wir auf dem Kampf- platz. Eine verworrene Masse wälzt sich knurrend, winselnd, zähne- schnappend zn unser» Füßen. Endlich wird der Kopf des Dachses einen Augenblick frei, ein wohlgezieltcr, kräftiger Knüppelschlag über die Schnauze, und das Tier streckt alle Viere von sich. Fix hat sich am Halse des Feindes verbissen, Fex liegt blutend, anscheinend tot drei Schritte abseits. Der Förster nimmt ihn auf, er streichelt ihn, er spricht ihm zu, und leises Wimmern antwortet nach einer Weile. Hurra, er lebt! Inzwischen hat Fritz den andern Teckel gelöst, auch der ist bös zugerichtet. Das Netz wird aus dem Bau geholt, der tote Dachs hineingesteckt und der Rückmarsch an- getreten. Armer Grimbart! hätte ich doch das Verhängnis von dir ab« wenden können.—(«Kölnische Zeitung".) — Künstliche Muskatnüsse. Nach einer Mitteilung des All- genieinen Amsterdamer Handelsblatts sollen in Belgien künstliche Muskatnüsse in so täuschender Weise hergestellt werden, daß sie, zumal bei Bern, eng,„ig mit echten, von diesen kaum zu unterscheiden sind. Die chemische Untersuchung dieser Falsifikate hat ergeben, daß sie aus einem Gemengsel von fein pulverisierter Muskatnuß(her- rührend aus ausgezogenen oder beschädigten Nüssen) und etwa 20 Proz. mineralischer Stoffe bestehen. Da es nicht ausgeschlossen erscheint, daß sich diese Nachahmungen auch Eingang in Deutschland'verschaffen, sei die Aufmerksamkeit der beteiligten Kauf- leute auf den Gegenstand hingelenkt. Als Erkennungszeichen werden � angegeben; 1. Wenn die Nüsse durchschnitten werde», entfällt die be- kannte pflanzeuartige Struktur, die so charakteristisch bei den echten Nüssen ist; 2. wenn die Nüsse drei Minuten lang mit kochendem Wasser behandelt werden, so werden sie weich und können mit den Fingern zu Pulver zerrieben werden; 3. bei Verbrennung lassen sie, ungefähr 18 Proz. Asche zurück, während die natürliche Nuß nur 2—3 Proz. Asche enthält; 4. die gefälschten Nüsse sind in, allgemeinen viel schwerer als die echten.— Völkerkunde. — In der anthropologischen Gesellschaft von London teilte, wieder„GlobuS" berichtet, Graf de Carbi eiilige Beobachtungen über die Sitten und Gebräuche der Neger in, N i g e r d e l t a mit, die er bei langjährigem Verkehr gründlich kennen lernen konnte. Zn den Menschenopfern, die den Schutzgöttern der Flüsse dargebracht werden, werden Mädchen der lohefarbiaen Jboncger ersehen; sie wissen sehr wohl, ivas ihnen bevorsteht, sehen es aber geradezu als eine Ehre an und sind stolz darauf; sehen sie bei einer andren Frau schöneKleidcroder reiche Schmucksachen, so darf ihnen der Wunsch nachdem Besitz derselben nicht abgeschlagen werden, und so sieht man sie über und über mit de» kostbarsten Seidenstoffen beladen und mit einem Uebcrmaß von Korallenschmuck behängt. Eine ähnliche Gleichgültig- keit gegen den Tod(die nichts mit religiösen Vorstellungen zu thun hat) findet man auch bei andren Menschenopfern. � Als de Card, einmal einen solchen Todeskandidaten retten wollte, wurde dieser darüber so wütend und beleidigte mit Absicht so sehr die an- lvescnden Neger und ihren Häuptling, daß inan ihn sofort totschlug. Beschneidung(ohne Verbindung mit einem reli- giösen' Mythos) kommt bei verschiedenen Stämmen mit ganz verschiedener Bedeutung vor: bei einzelnen gilt sie als Zeichen der Sklaverei, bei andren als das des freien Manns. Ein schwerer Schimpf für eine Frau ist es, wenn eine andre Damnen und beide Kleinfingcr der erhobenen rechten Hand einschlägt und dabei den Zeigefinger und Mittelfinger V-förmig gespreizt gegen sie ausstreckt. Es bedeutet:„Du sollst Mutter von Zwillingen werden 1" Bei den meisten Negerstämmen des Nigerdeltas werden bei Zwillingsgeburten fofoofjl Mutier aT5 Bcibe Kinber getötet.?f»ch wenn eine Fran Bei der Geburt stirbt, wird ihr Kind getötet nnd mit ihr Begraben(nicht aus Aberglauben, sondern wegen der Unmöglichkeit, das Kind zu erhalten).— Medizinisches. — W i e entsteht die Nervosität? Man spricht von der ztmehmenden.Nervosität" unsrer Zeit, man spricht von Menschen, die»Nerven haben", man gebraucht das Wort.nervös" mehr als je zuvor für alle möglichen 5tra»khcitszustände; was aber dieses viel- gebrauchte Wort bedeutet und warum es unsrcr Zeit den Stempel aufdrückt, ist wohl den lvcnigsten klar. Wie sich durch den ganzen Körper ein Netz von Gefägcn ausbreitet, so werden auch alle Teile von Nerven versorgt. Der Ausgangspunkt derselben ist Gehirn und Rückenmark, von hier aus geben sie, sich vielfach verästelnd, in de» Körper, bis sie schließlich in feinsten Berzweignngen endigen. Was die Funktion der Nerven betrifft, so hat man zur Vergleichung ganz treffend das Telegraphensystein herangezogen. Wie die Telegraphen- netze, von gewissen Aufangsstationcn ausgehend, sich über das ganze Land verbreiten und die verschiedenen Stationen nnteinauder in Verbindung setzen, so gicbt es auch in» Nervensystem bestinnnte Stationen. Diese iverdeu durch die sogenannten Nervenzellen dar- gestellt. Jede Nerveiizelle steht»n» ans ztvcisache Weise mit der Peripherie in Verbindung, durch einen feusiblen und einen moto- rischeu Nerven. Der senstble oder GesühlSnerv ist dazu bestinnnt, der Zelle Erregungen zuzufiihre»» i umgelehrt trägt der»notorische oder Bewegungsnerv die Erregiuigc» von der Zelle nach der Peripherie. Wenn also z. B. die Haut durch eine»» Stich gereizt »vird, so ivird an der betreffenden Stelle ein feinster Rervenzlveig in Erregung versrtzt, die ürregmig pflanzt sich ans den Nerven- stanl»» fort, durchlällft in diese»», das Rückenmark und gelangt schließlich ins Gehirn, wo mm der ursprüngliche Reiz, d. h. der Nadelstich, zun» Bewi»ßtsei>l kommt: wir rmpfindcu den Schmerz. De» mngekehrten Weg nimnit die Erregung bei einer Bewegnug. Wollen wir z. B. eine» Finger krümmen, so geht ein Nervenreiz vom Gehirn durch das lliückeumark und den Ncrvcnstauun mit seinen Verzweigungen zn den» MnSkel, der die Kriinunnng des Fingers besorgt. Natürlich ,»»uß dieser Weg jedesmal mit großer Geschwindigkeit zurückgelegt werden, da unr eine überaus k»lrze Zeit zwischen den» Stich und der Empsindniig resp. zwischen dein WillensinipulS nnd der Bewegung verstreicht. In der That hat»nan bcrecknret, daß die Rervenerrcgmrg in einer Sekunde 27,26 Meter zurücklegt. Da mm der Weg, den die Erregung selbst von den» äußersten Fußende bis zum Gehirn zurücklegt, ein vcrhältrnsmäßig kleiner ist. so braucht sie mir einen ganz gc- ringen Britchteil einer Sekunde, um die Bahn zu durlanfen. Bei maiichei» Nervenkrankheiten kommt es vor. daß die Leitung verlang- samt ist. dam» vergeht z. B. zivisckwn cinein Stich und der Schmerz- empsindniig eine längere Zeit. Zwischen den beiden geschilderten Bahnen kommen n»n» gewisserinnßel» ilnlschalwngen des Stroms vor. Wenn»vir z. B. auf einen plötzlichen Reiz, der eine Stelle des Körpers getroffen hat. sofort mit einer Bewegung antivorten, so hat die Erregung einen ziemlich langen Weg zurückzulegen. Sie geht nämlich erst auf dem Wege der CiupfiudnngSnerven zn einer Nervenzelle, hier findet die Ilmschaltmrg statt: der Reiz geht anf den Bewegimgsnerven über nnd legt in diese»» den umgekehrten Weg. nach der Peripherie hin, zurück. Man darf sich min nicht vorstellen, daß das Rerveiisystem jemals frei von Er- regnngen wäre, sondern fortwährend stießen ihm Reize zu, wie Gesichts-, Gehör-, Gefühlscindriicke nsiv., die in den Aervenbahncn einen beständigen Erregungszustand miterhalten. Je mehr aber das Nervensysten» durch solche Reize in Anspnich genominen ivird.»imso empfindlicher wird es natürlich: es bat keine Zeit, n», sich genügend zu erholen und für neue Anstrengnngei» zn kräftige». So entsteht jener Zustand leichter Erregbarkeit, de»»vir.Nervosität" ueinien. Es jst keil» Zweifel, daß das modcnie Äultmiebeu, welches an die Nerven jedes Enizeliien immer höhere Anforderungen stellt, die zu- nehmende Nervosität erklärt. Nicht mir sind die Reize, denen n»sre Nerven beständig ausgesetzt find, vermehrt»»ud verstärkt, sondern gleichzeitig ist die ErholuiigSzeit veriniudcrt. Darin liegt zugleich für jeden Einzelnen ein Wegweiser, wie er sich selbst vor de» üblen Folgen der Nervosität am' besten schützen kann: möglichste Ber- mmdernng der Reize, möglichste Verlängerung der Erholung für die Nerven!— Astronoinisches. — Die nene Heidelberger Sternwarte anf der An- höhe des KönigSsinhl erbaut. erregt in der Fachprege ei» besondres Interesse. Zum erstenmal ist hier in Deutschland in einer Höhe von nahe fünfhundert Metern ei» Bcrgobservatorinm entstanden nnd mit großen Erlvartniigen sehen die Astronomen den Beodachtungs- Ergebnissen eines so günstig in ivaldigcr Umgebung gelegenen, leistungsfähig ausgestatteten' Instituts entgegen. Wie man der .Schweiz. Banztg." schreibt, steht die nene Heidelberger Sternivarte aber aiich in ihren» Arbeitsgebiet»ind ihrer Organisation insofern einzig da. als fie sowohl eine astronomisch« wie eine astro- physikalische Ahteilung enthält, die beide mit vortrefflichsten Instrumenten reichlich ausgestattet snid. Die nstrophyfilalische Abteilung, deren Vorstand der bekannte Planetoiden- und Kometenforschcr Pro- -fessor Max Wolf ist, erhält außer den bisherigen guten Apparaten der früheren Wölfischen Privatstcrnivarte noch eine» neuen großen ' �' Lerantworll'.cher Nedacieur: Paul John in Berlü photographischen Refraktor, den eine amerikanische Verehrerin der Himniclsforschlliig, Miß Bruce, dem Institut gestiftet hat. Er ist ü» den letzten Tagen vollendet worden»»»d die damit probeiveise an» gestellte» Versuche haben überraschende Ergebnisse geliefert. So imirde mit den großen Linsen des Apparats eine Anzahl ungewöhnlich feiner und deutlicher Photographien hergestellt, wie sie mit den bisher in Gebrauch befindlichen Instrumente!» nicht zu erzielen waren. Einige der Photographien zeigen Regionen in der Konstellation des PersenS »»d geben Bilder von Tausenden von Sternen, die bisher init den Apparaten andrer Observatorien nicht erreicht werden konnten. Heidelberg Ivird also den Ruh»» haben, auch die besten Linsen zum Photographieren von Himmelskörpern zu besitzen. Den Hauptvorteil der hohen Lage der Sternwarte erblickt mn»» darin, daß sie mährend eines Teils des Winters über dem Thalnebel liegt»n»d folglich»»ehr günstige Beobackitilngsiiächte bat. Dam» aber ist auch die Durch- sichtigkcit der Luft drirchlveg eine erheblich größere, so daß die Photo- graphischen Ausiiahmei» oben fast eine volle Große der Sterne mehr cuthalte», als die in» Ncckarthal. Zn den ersten Arbeitern des Instituts zählen nebe» astronomischen und meteorologischen Bcobach- tungcn insbesondere auch solche über die Durchsichtigkeitsverhältnisse der Atuiosphärc. Die photographischcn Aufnahinen haben bereits nenn neue kleine Planeten entdecken lassen. Sehr günstig hat sich die neue Bergsternwarte auch für die photographische Aufnahme großer Stcrniiebeluiasscn erwiesen. Die misgcdehiite»t Nebelpartien »in die Plcjadcn und den großen Orionncbel Hern»» konnten mit viel bessere»» Erfolg aufgenommen»verde», als früher anf der Sternivarte in der Stadt. Auch über die Milchstraße sind bereits photographische Anfnahinen gelnugen. Ein ganz besonders günstiges Ergebnis hat die neue Stcrii>»>artc nvck» über das Zodinkallicht zi» verzeichnen. Während nämlich diese rätselhafte Trscheiiumg in der Stadt fast nie gesehen ivcrdcn konnte, ivar das Zodiakallicht auf dein Königöstnhl in jeder klaren Nacht daS ganze Jahr hindurch sichtbar,»ud oft in solcher Pracht, daß die Milchstraße daiiebe» zurücktrat. So koniitc» bereits öfter genaue Beobachtungen Über die Form»md die Lage des nicrk»vürd!gcn Lichtscheins gemacht »verde»,»md die nächsten Jahre dürften ohne Zweifel noch eine Reihe werivollster Aufschlüsse über das Wesen jener rätselhaften Himmels» erschcmung zu Tage fördern.— HttnnoristischeS. — Eigentlich. F r e n n d i ii:.Bist Du denn wirklich glücklich mit Deinem Mann gewesen?" Junge Witwe:.Ach, ich sage Dir. unendlich glücklich.,. eS ist eigentlich schade, daß er gestorben ist!"— — Der Pantoffelheld.»Meine Frau ist sehr viel auf Reisen." „So. da haben Sie wohl auch eine Regierung im Ilm- herziehen?!"— — Aha! Fran Meisterin(zum Lehrjnngen. der eben von» Meister eine derbe Ohrfeige bekommen hat mid sich»mn die dicke Backe hält):.Junge, was ist Dir denn?" Lehrjlinge:„Ick spiele den Jeschwollenen!"— („Lust. 931.") Notizen. — Her u» a n n S n d e r»»i a n n s neues vieraktiges Schauspiel „J o h a n u i s s e u e r" soll am 6. Oktober in» L c s s i u g- T h c a t e r seine Erstanffühlung erleben.— — Die Berliner S e c c s s i o n 3 b ii h n e will bei ihren» Gastspiel i» Wien in» Juli d. I. Klint Ha ins uns„An des Reiches Pforten" und Frank W e d« k» u d 3„D e r K a m m e r» s ä n g« r" zur Anssührung bringen.— — Die„Neue Urania" beginnt ihre populär- wiffcnschnft- licheu Vorstellungen im Belle Alliauce-Theater am 1. Mai mit einer von Dr. M. Wilhelm Meyer verfaßten Novität„Bis ans Ende der Welt".— — Der Litterarhistorikcr Robert König, der Besonders als Verfasser der bei Velhagen n. Klasing erschienenen„Deutschen Litteratnrgcschichtc" bekanntgeworden ist, ist in» Alter von 72 Jahren in P o t s d a m gestorben.— — Max Schillings Oper„Der P f c i f c r t a g" hatte im Leipziger Neuen Theater einen starken Erfolg.— — In» M ü ii ch c n e r Hoftheater fand das Lnsisviel„Welke Blatte r" von Alfred H a l in eine freundliche Aufnahme.— — Ein dreiaktigeS Volksstück„Der letzte Knopf" von Julius v. Gan s-Lndassy wurde im Wiener Deutschen Vollötheater unter Zeichen stürmischer Erregung z n r ü ck- gewiesen. In» Zuschauerrawn wäre cS beinahe zu Prügeleien gekommen.— — Die ci»glislhe Schauspielerin Olga Nethersole, die in New Jork angeklagt war. durch die Anfftihniug von Daudet 8 „Sappho" gegen die Sittlichkeit verswßei» zn Häven, wurde frei» g e s pro ck> e n.—__ . Druck uuo Verlag von Biax Baotug m Berlu».