Mnterhaltungsbtatt des vorwärts Nr. 7�1. Mittwoch, den Ii. April. 1300 (Nachdnick verboten.) iii NufevfleZzung. Nouiail von Leo T o l st v j. Er stand und schaute sie an und hörte unwillkürlich zu- sammeu das Klopfen seines Herzeus und die sonderbaren Töne, die vom Flns; herüberdrangen. Dort auf dem Uns! im Nebel ging unaufhaltsam eine langsame Arbeit vor sich: bald lauschte, krachte, stürzte ettvas zusammen; bald erklangen die dünnen Eisschollen wie Glas. Er stand und sah ans das nachdenkliche, voll innerer Arbeit gequälte Gesicht Katjnschas, und sie that ihm leid; aber sonderbarerweise verstärkte das nur sein Verlangen nach ihr. Er klopfte ans Fenster. Sie fuhr mit dem ganzen Körper zusammen, als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten, und Schrecken malte sich auf ihrem Gesicht. Dieser Ausdruck des Schreckens verlies; ihr Gesicht auch dann nicht, als sie, beide Handflächen wie Schenklappen an die Augen legend, ihn erkannte. Ihr Gesicht Ivar«iigewöhnlich ernst, wie er es nie gesehen hatte. Sie lächelte nur dann, wenn er lächelte, als ordlic sie sich ihm mit diesem Lächeln unter; aber in ihrer Seele war kein Lächeln, sondern da war Furcht. Er gab ihr ein Zeichen mit der Hand, sie sollte zil ihm hcrauskommeu. Aber sie schüttelte de» Kopf; nein, sie würde nicht heraus- kommen, und blieb am Fenster stehen. Er näherte noch ein mal sein Gesicht den Scheiben und lvollte ihr znrnfen, sie möchte kommen: aber in diesem Augenblick wandte sie sich zur Thür: offenbar hatte jemand sie gerufen. Nechljndow trat vom Fenster fort. Ter Nebel lvar so dicht, daß er fünf Schritte vom Hanse entfernt schon keine Fenster mehr sah, sondern nur eine schwärzliche Masse, anS der das rote, ungeheuer groß erscheinende Licht der Lampe hervorleuchtete. Ans dem Flusse ertönte immer dasselbe seltsame Rauschen, Schurren, Krachen und Klingen des EiseS. In der Zlähc auf dem Hofe krähte durch den Nebel ein Hahn: andre aus der Nachbarschaft antworteten ihm, und fernher ans dem Dorf erklangen sich übertönende, incinandcrflieffcnde Hahnenschreie. Sonst war anffcr auf dem Fluff ringsum alles still. Das lvar aber schon der zweite Hahnenschrei. Nechljndow ging nochmals hinter der HauSeckc hin und her, trat bisweilen mit dem Fils; in eine Pfütze und näherte sich dann lviedcr dem Fenster des Mädchenzimmers. Die Lanipe brannte immer noch, und Katjnscha saß am Tisch, als ob sie über etwas unschlüssig wäre. So lvie er ans Fenster trat, sah sie nach ihm hin. Er klopfte. Ohne nachzusehen, wer da klopfte, lief sie sofort aus dem Mädchenzimmer; er hörte, wie die Anßenthür sich löste und dann knarrte. Er erlvartcte�sie schon am Flur und umarmte sie herzlich stittschlveigend. Sie schmiegte sich an ihn, erhob den Kopf und empfing mit den Lippen seinen Kuß. Sie standen hinter der Ecke des Flurs an einer aufgethautcu, trocknen Stelle; er lvar erfüllt von quälendem, uubcfriedigtcm Verlangen. Plötzlich knarrte die Anßenthür wieder ebenso mit demselben schmatzenden Geräusch. und Matrjona Pawlownas ärgerliche Stimme ertönte: „Katjnscha!" Sie riß sich von ihm los und kehrte ins Mädchenzimmer zurück. Er hörte, lvie der Thürhaken zuklappte. Danach lvurdc alles still, das rote Auge im Fenster verschwand, es blieb nur der Nebel und das Lärmen auf dem Fluß. Nechljndow trat an das Fenster heran— niemand zu sehen. Er klopfte— keine Antwort. Nechljudow kehrte über die Haupttreppe ins Hans zurück, aber legte sich nicht schlafen. Er zog die Stiefel auS und ging in Strümpfen den Korridor entlaug zu Katjnschas Thür neben dem Zimmer Matrjona Pawlolvnas. Zuerst hörte er Matrjona Palvlolmia ruhig schnarchen und wollte schon eintreten; aber dann begann sie plötzlich zu husten und drehte sich auf der knarrenden Aettstelle um. Er war starr und blieb so fünf Minuten stehen. Als wieder alles still lvar. und wieder ihr ruhiges Schnarchen ertönte, ging er lvciter, indem er ans die nicht knar- rendcn Dielenbretter aufzutreten suchte. So kam er dicht an Katjnschas Thür. Alles war ruhig. Sie schlief offenbarnicht, denn ihrAtem war nicht zu hören. Sowie er flüsterte:„Katjnscha!" sprang sie auf. kam an die Thür und begann ärgerlich, wie ihm schien, auf ihn einzureden, daß er fortginge. „Was soll daS? Wie dürfen Sie Die Tanten werden cS erfahren," sagten ihre Lippen, aber ihr ganzes Wesen sagte:„Ich bin Dein." Und nur da? verstand Nechljndow. „Mach einen Augenblick ans; ich stehe Dich an," sagte Nechljndow ganz von Sinnen. Sie schlvieg, dann hörte er das Rascheln ihrer Hand, die den Thürhaken suchte. Der Haken knackte, und er drang durch die geöffnete Thür ein. Achtzehntes K a p i t e l. Am nächsten Tag kam der glänzende, fröhliche Schönbock, um Nechljndow abzuholen zu den Tanten, und nahm sie durch sein vornehmes Auftreten, seine Liebenswürdigkeit, Heiterkeit, Freigebigkeit und Anhänglichkeit an Dmitri vollständig gefangen. Seine Freigebigkeit gefiel den Tanten zlvar sehr, sehte sie aber durch ihr ltcbcrmaß in einiges Erstaunen. Blinden Bettlern, die zu ihm kamen, gab er einen Rubel: als Trinkgeld au die Dienerschaft verteilte er fünf- zehn Rubel; und als Ssüsetka. das Bolognescrhündchen Sofja JwaiiownaL, sich in seiner Gegenwart die Pfote blutig geschrammt hatte, erbot er sich, dem Tier einen Verband an- zulegen, und riß, ohne sich einen Augenblick zu bcsinucn, sein gesäumtes Vatisttaschcntuch eutzlvci(Sofja Jwanowua lvußtc, daß man solche Tücher nicht unter fünfzehn Rubel das Dutzend kaufen konnte.) AuS ihm wurde der Verband her-. gestellt. Die Tanten hatten solche Herren noch nicht gesehen. Sie wußten nicht, daß dieser Schönbock zweimalhundert- tausend Rubel Schulden besaß, die er bestimnit niemals bc- zahlen würde, und daß deswegen fünfundzwanzig Rubel mehr oder weniger für ihn keinen Unterschied ausmachten. Schönbock blieb nur einen Tag und reiste in der folgenden Nacht mit lltechljndow ab. Sie konnten nicht länger ver- weilen, weil der letzte Termin für ihr Erscheinen beim Regt- inent gekommen war. In Ncchljndows Seele erhoben und bekämpften sich an diesem letzten Tag bei den Tanten, wo die Ereignisse der Nacht deutlich vor seiner Erinnerung standen, zwei Gefühle: brennende sinnliche Liebe und eine gewisse Selbstzufriedenheit wegen deS erreichten Ziels; zweitens das Bewußtsein, etwas sehr Schlimmes gcthan zu haben, daS man weniger ihretwegen als seiner selbst'wegen wieder gut machen mußte. In dem Zustande von Selbsttollheit, in welchem Nechljndow sich befand, dachte er nur an sich, ob und wie man ihn ver- urteilen würde, wenn man erführe, wie er an ihr gehandelt. Daran zu denken, waS sie durchmachte und lvas ans ihr würde, kam ihm gar nicht in den Sinn. Er dachte, wie Schönbock sein Verhältnis zu.Katjnscha erraten, und das schmeichelte seiner Eigenliebe. „So so... Destvegen hast Dir plötzlich Deine Tanten so lieb gewonnen, daß Tu eine Woche bei ihnen bleibst," sagte Schönbock, als er KatjuschaS ansichtig geworden.„Da wäre ich an Deiner Stelle auch nicht abgereist. Sie ist reizend!" Er dachte ferner daran, daß es zwar jammerschade sei. jetzt Ivcgzufahren. wo man die Liebe mit ihr noch nicht ganz anSgckostct hätte, daß andrerseits aber die Notwendigkeit einer sofortigen Abreise auch ihr Gutes hätte, weil durch sie mit einem Male Beziehungen abgebrochen würden. die ans die Dauer schwer zu unterhalten wären. Er dachte auch daran, daß er ihr Geld geben müsse, nicht, tueil sie es war, nicht, weil sie das Geld nötig haben könnte. sondern weil alle Welt so handelte. Er gab ihr eben so viel Geld, Uüe er seiner und ihrer Stellung es für angemessen � Am Tage der Abreise erwartete er sie nach dem Mitlag- essen im Flur. Sie stammte ans, als sie ihn erblickte, und lvollte, mit den Augen ans die offne Thür des Mädchen- zimmers deutend, vorübergehen; aber er hielt sie zurück. „Ich wollte mich verabschieden," sagte er und knüllte m der Hand das Couvcrt mit dem Hundcrtrnbelschein zusammen. „Da möchte ich.. Sie erriet, was er wollte, inachte ein finstres Gesicht, schüttelte den Kops und stieß seine Hand zurück. „Nein, nimm," murmelte er, schob ihr das Couvert m den Busen, runzelte die Stirn und stöhnte, als ob er sich verbrannt hätte, und lief in sein Zimmer. Lange nachher ging er noch immer in seinem Zimmer auf und ab, krümmte sich, sprang sogar aus und jammerte laut wie bei einem körperlichen Schmerz, sobald ihm diese Scene wieder einfiel. Was war dabei zu macheu? So ging es immer. So war es mit Schönbock und der Gouvernante gewesen, von der jener ihm erzählt, und mit seinem Onkel Erischa, und so war es auch seinem Vater ergangen, als er ans dem Lande lebte und ihm der uneheliche Sohn Mitenka geboren wurde. der noch am Leben war. Wenn aber alle so handelten, so mußte es doch Wohl so sein. Auf diese Weise tröstete er sich und fand doch keinen Trost. Die Erinnerung brannte in seinem Gewissen. In der Tiefe, der alleruntersten Tiefe seiner Seele wußte er, daß so zu handeln abscheulich, gemein, grausam sei, daß er im Bewußtsein dieser Handlung nicht nur niemand verurteilen, sondern nicht einmal den Leuten frei in die Augen sehen könnte; sich vollends für einen schonen, edlen, großmütigen jungen Mann halten wie bisher: davon >var nicht im entferntesten mehr die Rede. Und er mußte doch bei dieser Meinung bleiben, wollte er Weiler ein muntres, fröhliches Leben führen. Schließlich gab es dazu nur ein Mittel: nicht daran denken. Und das that er. Das Leben, welches er begann: neue Orte, Kameraden, der Krieg halfen ihm dabei. Je länger er lebte, um so mehr vergaß er, und schließlich hatte er wirklich alles vergessen. Nur einmal, als er nach dem Kriege, in der Hoffnung, sie wiederzusehen, bei den Tanten vorsprach und erfuhr, daß Katjufcha nicht mehr da wäre; daß sie bald nach seiner Abreise von ihnen fortgegangen sei, um niederzukommen, dann irgendwo geboren habe und, wie die Tanten gehört, gänzlich verkommen sei— wurde ihm beklommen zu Mut. Der Zeit nach konnte das Kind, welches sie geboren, das seinige sein; aber notwendig war das nicht. Die Tanten sagten, sie wäre ein ganz verdorbenes, liederliches Wesen, gerade wie ihre Mutter. Und dieses Urteil der Tanten war ihm angenehm, weil es ihn gewissermaßen rechtfertigte. Anfangs" ivollte er trotzdem sie und das Kind aufsuchen, aber dann gab er sich, eben weil ihm der Gedanke hieran innerlich zu viel Schmerz und Scham verursachte, nicht die nötige Mühe dabei; so vergaß er noch mehr seine Sünden und hörte auf, an sie zu denken. Aber jetzt führte dieser wunderbare Zufall ihm alles wieder vor die Erinnerung und forderte von ihm die Auer- kcnnung seiner Herzlosigkeit, Grausamkeit und Gemeinheit, die ihn diese zehn Jahr lang mit einer solchen Schuld auf dem Gewissen ruhig hatten leben lassen. Dock) von dieser An- erkennuug war er vorläufig noch weit entfernt er dachte nur daran, wie er es einrichten könnte, daß nicht alle Welt sofort alles erführe, daß nicht sie oder ihr Verteidiger alles erzählten und ihn vor allen Anwesenden blamierten. lFortsctzung folgt.) lNflchdvnck ocrtotfn). Vonbons Vonfeltk DaS erste Konfekt, das vor etlva SOO Jahre» auf den Markt gelangte, hatte mit den löftlichen Erzeugnissen, welche heute die Konditoren und Zuckerbäcker bereite», nichts gen, ei». DaS wird man begreifen, wenn ich hinzusetze, das; sie nur in der Apotheke zu haben waren. Sie wurden aber sehr hoch geschätzt und standen dem- entsprechend auch sehr hoch im Preise. Vor dieser Zeit huldigten Doltor nnd Apotheker der Ansicht, ein Medikament, das einen an- genehme» Geschmack hätte, loinic unmöglich heilkräftig wirken. Von dieser Ansicht ist man mit der Zeit abgekommen, und miste heutige» MalzboubonS nnd Brnstkarainellcn, welche man ebenso gut in Apolhelen wie in Konfitürengeschäftc» erhalte» kann, liefern»US den Beweis, daß man auch sehr wohlschmeckende» Dinge» eine Heilkraft zuschreibe» kanu. Als man in der Mitic des 1ö. JahrhunderS den Saft des Zuckerrohrs einzusieden begann, da verfielen auch sehr bald die Apotheker darauf, ihre Paslille» und Mixturen durch Znsatz von Zucker schmackhafter zu machen oder den abscheuliche» Geschmack ihrer Mittel zu mildern; sie mischte» ihre Drogur» und überzogen ihre Pillen mit dem süßen Produkt und wurde» so die Schöpfer heilkräftiger Bonbons und Pastillen. Aber damals war das Zucker- i2— Iverk nur medizinischer Art, und der Zucker auch viel zu kostspielig. als daß jemand BonbouS i» irgend tvelchcr Fort» zu seinem Per- gnügcn verspeist hätte. Wohl an 300 Jahre vergingen, ehe sich das Gewerbe der Zuckerbäcker aus dem der Apotheker zu entwickeln nnd sich von ihm abzuzweigen begann. Aber der Zucker war immer noch zu teuer und zu hoch besteuert, als daß sich daraus eine bedeutende In- dustrie hätte entwickeln können. Unter diesen Umständen war an eine maschinelle Herstellung nicht zu denken, und in der That hat man noch vor hundert Jahren alles Zuckerwerk unter Anwendung des simpelsten Werkzeugs mit der Hand bereitet. Einige Mörser. Rollhölzer, Scheren nnd m Kandierkessel ans einem kleinen Zicgel- ofcn war das ganze Werkzeug. dessen sich diese Leute bedienten. Natürlich gelangten aus diesen Werkstätten auch noch recht bc- scheidenc Quantitäten ans den Markt, und die Süßigkeiten aller Art waren teuer und schlecht. Man darf nicht vergessen, daß der Zucker immer sehr kostspielig war, daß er in der umfassendsten Weise mit ander» wertlosen Pulvern vermischt wurde, die das Produtt nicht schmackhafter machten. Aber vvn dem Geschmack ganz abgesehen waren diese Zuckcrwaren auch wirklich schädlich. Es war nichts Seltenes, daß Kinder, welche überzuckerte Mandeln genossen hatten, erkrankten. Der„Zucker" bestand nämlich aus nichts anderm als Alba Terra, dem gerade genügend Zucker beigefügt tvar, nur etwas süß zu schmecken. Aber das war noch nicht das schlimmste: die Mandeln waren auch noch mit einer schädlichen Mineralfarbe schön glänzend gefärbt. Das ist jetzt anders geworden; im allgemeinen darf man sagen, daß die deutschen Zuckerivaren heute keinerlei schädliche Zuthötcn enthalten, so verschieden sie auch an Qualität sind. Der Zucker ist mit der Zeit so billig geworden, daß mich sehr gute Bvnbons und Konfekt zu wohlfeile» Preise» erzeugt werden körnieu. Die kleineu Zuckerbäckereien haben heute im allgemeinen den großen Fabriken den Platz geräumt. A» die Stelle des primitiven Geräts siud Drehpfanuen und Dampf-Heizapparate, Schlng-. Kuet- und Mischmaschine», Apparate zum Mahlen. Schneiden und Schaben der Rohprodukte, Maschinen znm Ausrollen der Blätter und Ausschlagen der Forme», Apparat« zum Zerquetschen des Eises, zum Schneefchlagen mid zur Verrichtung von fünfzig andren Funktionen, von denen der Beschauer gar nicht einnml weiß, zu welchen Zwecken sie dienen, die aber doch ivohl erforderlich find, da der Zuckerbäcker nnd Konfitüren- fabrikant doch auch seine Leute und Maschinen nicht zu seinem Privatvergnügen unterhalten dürft«. Allerdings darf ich nicht ver- schweigen, daß immer noch die teuersten Konfeltc mit der Hand bereitet werden. Aber das ist doch nur ein ganz kleiner Teil; die große Masse der Handelsware, einschließlich vorzüglicher Onalitäten, werden mit Maschinen hergestellt. ES giebt heute in allen Kulturstaaten groß« Zuckettvaren-Fabriken. welche nicht allein wegen der Ausdehnung ihrer Anlage», sondern auch wegen der Manuigfaltigkeit der Fabrikattonsprozeffe nnd der wunderbaren exakt arbeitenden Maschine» den Besucher mit größtem Erstaune» erfüllen. Zur Herstellung von Bonbons wird weißer Zucker, den, bei geringeren Qualitäten Stärkezucker zugesetzt wird, in einer geringen Qnantiiiit Wasser und unter Zuführung hinreichender Wärme auf- gelöst und dann über freiem Fcucr gekocht, bis eine ziemlich klare Masse entsteht, die bei gelinder Abkühlung plastisch wird und bei völligem Erkalten erstarrt Die dickflüssige Masse wird auf einer Platte von gleichmäßiger Stärke ausgewalzt. Daun fährt wieder eine Metalltvalze über diese tafelförmig ausgebreitete Masse, aber diese Walze ist in gewissen Abständen mit kreisrunde» Messern besetzt. welche die Platte in lange Streifen schneiden: Die Querteilimg erfolgt in derselben Weise, so daß die gleichmäßigeii, quadratischen Plättchc» entstehen, welche wir als Bonbons vezeichmm. Tic Färbung der Masse, und der mannigfache Wohlgeschmack wird durch den Znsatz von Fruchtsäften nnd ätherischen Ocleii erzielt. Bei der Herstellung gefüllter Bonbons wird der Zuckersaft, dem meist Li qu eure beigemilcht werden, nicht so weit eingekocht, wie bei den gewöhnlichen BonbouS. Der Saft muß beim Erkalten derart beschaffen sein, daß eine schnelle und reichlich« Krhstallisation der Masse erfolgt, ohne daß diese vollständig erstarrt. Inzwischen sind schon die Formen mittels Metallstempel in eine geebnele Schicht feine» ZttckerpnlverS eingedrückt worden, und in die so gebildeten Bertiefnnge» wird nun der Zuckersaft hineingegossen. Dabei erstarren»im die äußere» Formen sofort zu glasigein Zucker, während die Füllnug flüssig bleibt. Eine besonders bevorzugte Klasse niitcr diesen Süßigkeiten bilden* die Fruchtboiibons, welche im Jahre 1850 zuerst von England ans unter dein Namen Drops uiid lllocks in den Handel gebracht wurden; sie werden ans venchiedenartigen Zuckennasseu, unter Zusatz von Fruchtsäften nnd Essenzen dargestellt. Auf diesem Gebiete sind die englische» Fabriken auch bis heute noch unerreicht geblieben. Eng- land importiert alljährlich nugehenre Mengen Zucker a»S allen Teilen der Welt und jährlich ivandcm 50000 Tonnen in die großen Zuckerivaren- Fabriken des Landes. Ans diesen kommt er wieder in so zahllosen Formen mid in so mannigfache» phantastischen Verkleidungen hervor, daß man gar nicht zn sagen iveiß, um welche Materie es sich eigentlich handelt. Das Fabrik- etablissenient einer Aktiengesellschaft in London z. B. welche sich ausschließlich mit der Herftelluiig vo» Bonbons beschäsiigt, bedeckt eine Bodenflächc von 10 Morgen und beschäftigt 2000 Leute. Vielleicht die auffalleudstcu und merkwürdigste» Vorrichtungen i» dieser Zabrik sind die großen Kig'seebeh älter, in welchen„gebrannte Mandeln" verschiedenster Art hergestellt werden. DicS find riesige Pfannen, die durch heißen, zwischen ihre Doppelwände emgeülasencii Dmnpf heiß erhalten werden und sich auf einen Mittclzapfc» in merkwürdig schaukelnder Bewegung drehen. Man kann dies am besten veranschaulichen, wenn man den Kopf auf den Schultern derart bewegt, daß er einen KreiS beschreibt. Man wirft die Mandeln, die überzuckert worden sollen, in diese Pfannen und gießt eine be- stimmte Quantität Syrup über dieselben. Daun setzt man die Pfanne in Bewegung, und die ganze Mapc länft in beständiger Ströninng herum, ivobei nciiiirüch der Shrup an den Mandeln in glatter, gleich- förmiger Schicht haften bleibt. Jede Mandel erhält so einen lieber- zng, welcher infolge der Hitze der Pfanne trocknet und erhärtet. Hat sich so der ganze Syrnp verteilt, so gießt man ein neues Quantum hinein und setzt das Umherrollen und Trocknen fort, bis alles in gleicher Weise anfgebrnncht ist. Diese Prszednr wird so lange fort- gesetzt, bis die überzogenen Mandeln die gewünschte Größe erreicht haben. Darm kommt ein liebcrzng irgend eines Farbstoffs, der früher gewöhnlich ans Magentairyslnllrn für alle Schattierungen in Stot, Preußischblau und Pariser Grün bestand, der aber, wie Herr Clarke Saundcrs, der Herausgeber der„Consectioncrs' Union" versichert, setzt ans durchaus harmlosen Stoffen, wie Cochenille oder Spinniextrakt besteht. EZ ist iiitcresiant, diese großen wirbelnden Psaimen zu beobachten, in denen Hmifeu von„Konfekt" riiPlos in geräuschvollen Strömen herunnvirbelri und durch ihre ständige Ncibrmg miemandcr die si>mmctrische Fonn und die harte glatt polierte Oberfläche der gebräunten Mandeln erlangen. Die FruchtbonbouS fertigt man cntiveder in der Form cylstidrischer Stangen, welche in kürzere schribensvrutigr Stücke geschnitten werden IRocks) oder man giebt ihnen die Gestalt von Hnnbecrcn. Erdbeeren. kleinen Kngcln, Sternchen nsto. iDnrpS). Tie hübschen Zcichunngen ans den Sistnflächci! der chlindrischrn Fruchtbonbons«Verden in folgender Weise erzeugt: man fetzt die Stangen ans verschiedenartigen Zucker- ftäbchen zusammen«md gießt den Rann« zwischen diesen mit gefärbtem Zucker ans. Die Drops Iverden auf Walz- und Pcngcwcekeu her- gestellt, und poac finden letztere«nr für die feinsten Sorten An- wendniig. Sie geben den Drops inrtcr Aniveiibmig gravierter Stempel in derselben Weise die Form wie die Prägstöcke den Ptüuzen. Die Maschinen, welche man zur Hcrsielltuig der rvohlsoilen Sorten anwendet, bestehen aus zwei eng aneinander geriütten Walze«, welche je das cutsprccheude Muster zur Hälfte tu vertiefter Form enthalten und durch seitlich angeordnete Zahnräder derart in Connex gehalten werden, daß die obere und untere Form genau aufeinander Po sscu. Nim kann der Walzeuninfaug natürlich einige Hundert dieser Formen arstuediuen, fo daß solch ein Walziverk äußerst leifhuigSsähig ward. Der Rntrieb er- folgt in der Regel niittels Kurbel durch einen Ä ist eist r, der an? dem gekochten Zucker flache Stücke formt und dksclpcii auf einem ZnführimgSdlrch gegen die Walzen schiebt. Mit ebenso großer GcschioiudPkcil erfolgt daS Ausschneiden von Pastillen. Ans dem glänzeuden StahkchTmder einer kouiplizicrten Maschine l>cwegt sich langsam ein dlinner Strom rnsfimerteii Zuckers mit Zusätzen, die ihm Lviisistenz und würzigeu Eeschuurck verleihen; er gleicht cstieui blauten, endlosen Bande ans schimmernder weißer Serdc oder Atlas und bewegt sich bis zu einem bestimmten Pimlt, an welchem sich mehrere scharfe Stempel ans«hu nied erdrücke«, welche die Pastillen ausstechen; die übrig blelieiiden Stückchen weiden wieder ausgerollt, ansgebreflet und aufs neue den Maschinen zugeführt. Der Zucker«ft zwar der vorherrschende Faktor ir« der Krwfltrueu- Fnbnlation, doch spielen auch die Rebeuarlikeß wie Grirunii, Gelatine, Mandeln, Kokosuüsic, Walnüsse, Pistazien rr. a. m.. bei ihrer Herste tlnng keine nnbedentende Rolle. Der Auckerbäcker fertigt durch Schmelzen und Verunschen des in Forin' klciucr Tropfen aris der Akazie miStretenden GnnnniS mit Zucker Pasten nud Pastillen. Di« als Mürzmiltel allgemein beliebten Mandel» werden gemahlen und geben dann, mit Zucker vermischt, da? lvohlbelminte Marzipan. Tan« ende von Toimen Glimm« imd Nu sie. und SchistSladurrgen von Koloöimssen ristv. gehen Jahr für Jahr durch die Hände des Zucker- väckerS.— Fred H o o d. Nleines I�euillcfon. st. tfhopiu als«unpte.liststeS Medium. Unter diesem Titel veröffentlichen die soeben erschienenen„Psychische» Studien" folgende Charalteristik tz. de FonrccniltS über de« großen Musiker: Chopin hatte die kinulhaft zarteste und eindruckvöllfte Physivgnonii«. die mail sich denken kam». Er schritt wie«nit müden, Gang ans das Piano zu, indem er mit gleichsam feniblickciidem und hellglänzendem Auge vor sich hinsah. Beim Präludieren liefen seine Finger«vie zwecklos über die Taften. Plötzlich nahm dann seine Musik, als ob eine Geisteitreschivörnng stnttgcsmideu hätte, cmen visionären Charakter an. Motive voll rUangfarb« und erhaben heroischem Schwung ivechsclten, kraftvoll nugeschlagen, mit Episoden einer leideuschaft- liche» Poesie. einer intim schmerzlichen Melancholie.... Auch«in Urteil der George csand über Chopin lvird haworgeholt, um für feine luediuniisiischeu Eigenschaften Beweise zu bringen.„Seme Schöpfung", sagt George Saud,„war inmier spouta», erfand die Idee, ohne jiezusucheii. c-ie kam ihm beim Piano plötzlich und vollständig, oder auch blühte sie ii, seine, n Kopf während eines Spaziergangs auf, und er beeilte sich, sie aufs Papier zu bringen. Aber dann begann die erschreckliche Arbeit. Da sich die Dispofitiouen des Themas seinem Geist nicht mehr deutlich darboten, so quälte sich der arme Musiker ab, indem er schrieb, ausstrich, hinzufügte, kürzte, änderte, umschließ- lich einer dumpfe» Berzweiflinig auhcim zu fasten. Ganze Tage laug schloß er sich ein, indem er auf- und abging, weinte, sich die Haare raufte, die beschriebenen Blätter zerriß,, die Feder zerknickte, zwanzigmal einen Takt, einen Mord, eine Rote abänderte. Er brachte, wenn es ihm darauf ankam. 6 Worden mit einer einzigen Seite zn. okme schließlich damit zufrieden zu sein." Ferner wird von Chopin erzählt, daß er eines Abends, als er ein- Polonaise koinpo- uierte, die die Thatcu der Polen verherrlichte, sich diese in feiner Phantasie so lebhaft vorstellt«, daß er schließticki eine förm- lich- Visto» polnischer Krieger hatte, die i» fest, Zimmer eingrdrimgcn wären. Das erschreckte ihn so. daß er schlcmiigst das Zinimer durch eine andere Thür verließ. Semen Trauenirarsch kmnpomerte er in Paris bei Nacht in Gesellschaft eines Stelrtts, das einen» Freund gehört hatte.— — ToS Tillinger Hiitienlner?, ivelchcs in der letzten Zeit so oft genannt«vurdc. liegt bei de», Orte Dillingen an der Saar, im Kreise SaarlouiS. Dieses Werl wurde, wie«vir der„Kvkn. BolkS- Ztg." entnehme,«, bereits 1685 durch den damaligen Besitzer der Herrschaft Dillinge», den Margins de Senoncourt, begründet. Der- selbe mußte für die Erlaribnisevteilimg hierzu an den König von Frankreich eine jährliche Abgabe von einen« Goldthaker(S Frcs.l entrichten. Schon 169st lieferte das Werk die Eifrnplatten wie die Oefen für die Garnison Saarlouis. Der erste Direktor war est, Priester, Pater Rcuard. 1755 wurde das Werk nebst eliicr zugehörigen in der Röhe liegende,« Cisc»schu>«lze um AXZVi) Frs. und'1765 bereits um 72000 FrcS. verkauft. Im Anfang des IS. Jahrhunderts«vurde es Eigeutnm einer anonymen Gesellschaft, die noch heute im Besitze ist. Die Begründer waren, wie die Vorbesitzer Franzosen «md darin ist der Gnnid zu suchen, daß anch heute noch ein sehr erheblicher,«vcim nicht der überwiegende Teil des Geirvschafts» kapitalS st, frmizöfischeu Händen ruht. Maßgebenden Einfluß hat Freiherr v. Stumm, der uach seinen eigenen, von Herrn v. Kardorff mitgeteilte» Angaben, ein Achtel der Aktien des Werkes befitzr. Während das Werk 1861 etwa 700 Arbeiter beschäftigte, sind deren heute ri«i«d 4000 vorhanden. Anßer Pauzerplatten fabriziert es Eifeugnßivaren, Stabeisen, Weißblech und Schtvarzbkech. Früher wurden auch Eisenbahnschienen hergestellt: od heute nicht mehr, ist mis nicht bekannt. Hinter den, Werke dehnt sich ein größerer Schieß- platz zur Eft'robinig der fertiggestellten Panzcrpla'tten ans. Die ersten Arbeiter der Fabrik, nach der Begründung in« Jahre 1685 kamen ans der Gegend von Lüttich. Sie brachten die ersten Kar- tvfleln m« die Saar, welche von da an schnell Enigang in der ganzen lstngebmig fanden.— Volke rkunde. — Eine Uebersicht über die abergläubischen Ge- bränchebeiin Bnnen nlid Bewohnen der Häuser in den Preanger Regentschaften auf Java giebt I. Habema in den„Bijdragen tot de Taal-, Land- e» Vollcndinde von Äedcrlaiidsch-Jndiö". Schon die Wahl des Bauholzes verlangt große Ausiuerksamtcir. und z»v,r luüffen, entsprechend den sieben Täge» der Woche, sieben verschiedene Holzarten zur Verwendung ge- lange», sollen die Brivohnrr in dem neuen Hanse glücklich wrr'den. Gut find Holzarten, die sanre Früchte tragen. und deren Blumen lvohlricchend sind, schlecht solche, deren Stamm Dornen trägt. Auch das Holz von umgefallenen, blätter- losen oder kroulos«,« Bäun»en darf nicht gebraucht werden, weil die Beivohner«ineS dabei« gebaute» Hauses nicht lauge leben«oürden. Würde man Holz, das von einen« verbrannten Hause herrührte, ver- menbeu, so würde»n den« neuen Hause auch bald Feuer entstehen. Holz von heiligen Bäumen dmf man benutzen, nachdem man goldene oder silberne Rägel in den Bann« getrieben hat, wodurch man den Geist, der in dem Banme seinen Eitz hatte, zivingt, de» Bann« zn berlassen. Die Bearbeitung des Holzes nmß am Geburts- tage des Bin, Herrn begonnen werde««. Auch in Bezug auf de» Boden, auf welchem man das Hau? errichten«vill, nniß n,ai« alles mögliche berücksichtigen, da es guten und schlechte«« Boden für Häuser giebt. Der als gut erkannte Boden muß erst durch Zaubermittcl gereinigt werden, namentlich,«venu auf der Stelle ein HanS zum crsteunial errichtet werden soll. Nach welcher Himmelsrichtung die Vordersrile des Hauses nnd in welche Wand die Thür desselben hinkommt, hängt von dein Tage ab, an welchem der Bauherr geboren ist: ist z. B. der Bauherr an einem Dienstag geboren, so muß die Hanptscite nach Norden imd die Thür in der Mitte derselben liege««: je«nand, der am Donnerstag geboren ist,«miß Osten wühlen und die Thür in der Süd- oder Nordwand anbringe«! usw. Das Hans muß bezogen iverden, bevor es ganz fertig gesicllt ist, sonst würden seine Bc- tvohner später Faulenzer sein. Zum Umzüge ins neue HanS eignet sich am besten der Geburtstag des Eigentümers oder scincr Frau. Zuerst müsien st« jedes neue Haus eine Schlaftnatte«uit Kopfkisstm. est, Korb mit Reis, Waffer und Asche hineingebracht werden. Ist das Hans bezogen, so«nnß der Priester in jeder Ecke des Ha«lses, in denen an« Tage vorher schräg gcsch«iittei«e BambuSbehälter mit Waffcr aufgestellt'sind, Gebete sprechen, uu« die bösen Geister, die sich dort verstecken, in vertreiben.—(„GlobuS".) Ans dem Tierleben. — Ueber die verschiedenen Arten der Lein sinken oder B i r k c n z e i s i g e(ITnugilla linaria L.) sprach Dr. D e i ch l e r in der letzten Sitzunq der„Deutschen Ornithologischcn Gesellschaft". Er hat sie an cineiii reichen Material von 500 Välqen studiert. Nach eincni Bericht der„Voss. Ztg." si'ihrte er in seinem Vortrage folgendes ans: Unser allvekannter Leinfink, der im Herbst und Winter ja scharenweise aus nördlichere» Gegenden uns kommt und dann häufig den Weg in die Ääfige der Liebhaber findet, hat, falls man von Lokalforincn zunächst absieht, eine sehr Ivette Verbreitung. Grönland, das nördliche Nordamerika, Nordasien, Schiveden, Nor- wegen und Spitzbergen beherbergen ihn, auch im Nordosten Deutsch- lands ist er als Brutvogel festgestellt. Zur Winterszeit wandert er südwärts und kehrt meist erst spät im Jahre in seine Heimat zu- rück, da seine Brutzeit, dem späten Erwachen der Natur im Norden zufolge, in de» Jnni bis Anfang August fällt. Alle Leinfinken tragen im Winter ein bedeutend helleres Gefieder als in der Ivarnien Jahreszeit, was darauf beruht, dah das nach der Mauser im August und September neu angelegte 5rlcid breite weisze Nändcr an den Spitzen der Federn aufweist, welche dann bis zum Frühjahr hin ab- gerieben«verde» und somit die dunkle Wnrzelhälste der Federn zu Tage treten lassen. Wie bei einem so ausgedehnten Verbreitungsgebiet zu erwarten, sieht der Leinfink in den verschiedenen Gebieten nicht überall glcicki ans, sondern es machen sich hinsichtlich der Färbung. Größe inid Gestalt Unterschiede geltend, welche nach Ansicht dcS Vortragenden zwar meistens nicht zrir Aufstellung besonderer Arten, wohl aber von Unterarten berechtigen. Es stellt sich dabei heraus, daß in Grönland die Ostküste uiid der nördliche und südliche Teil der West- käste je eine deutlich unterschiedene Form besitzt, daß die europäische und japanische Form sich sehr nahe stehen, während der dazwischen lebende sibirische Vogel artlich recht verschieden ist. Während sich in der Winterherberge die Lokalraficn natürlich vielfach vermischen, ist das Brutgcbict der letzteren nach Ansicht des Redners stets ein' scharf begrenztes. In der sich daran an- schließenden Diskussion wurde dieser letzte Satz zur Quelle eines längeren Meinungsaustausches zwischen dem Vortrageuden und Professor Reichcnow über die Möglichkeit, ob verschiedene nahe- verwandte Unterarten in ein und demselben Gebiete heimisch sein können. Im allgemeinen ist man der Ansicht, daß. wem» nahe- verwandte Formen dieselbe Gegend bewohnen, sie als artlich ver- schieden zn betrachten sind, schon deshalb, weil, wenn größere Unter« schiede in der Lebensweise z. B. nicht vorhanden wären, rasch eine Vermischung und Verschmelzung der Arten sich einstellen würde. Formen jedoch, welche örtlich getrennt leben, können, da eine Kreuzung mit den'uächstverwandteu ausgeschlossen ist. wohl derselben Art an- gehören, und ihre meist nur sehr geringfügige» Unterschiede bedingen den Begriff der Unterart. Würde die örtliche Treiiimng der letzt- erwähnten aufgehoben, so würden die sich in jeder Beziehung voll« kommen entsprechenden Tiere rasch eine Mittelfonn der beiden Lokalrassen bilden.—_ Aus den» Pflunzenlebe». ie. Pflanzen- Albinos. Die Erschciunngen des Aldi« nisinus bei Menschen und Tieren sind wohl bekannt, weniger die bei den Pflanzen vorkonimenden. Für die Tiere besteht der Albiiiismns in einer vollständige» Weißfärbung des Haarkleides, ge- «vöhnlich in Verbindung mit einer rötlichen Färbung der Augen und ganz allgemein besteht die Ansicht, daß solche Eigenschaften bei Mensch oder Tier eine Herabsetzung der Körperkraft und des geistigen Vermögens bedeuten. Bei den Pflanzen hat man solche Exeniplare als Albinos bezeichnet, bei denen die sonst grüncii Teile «veiß gefärbt sind. Diese Definition ist insofern nicht genügend,, als sich der AlbiniSmus bei den Pflanzen auch aus nicht grüne Teile er- strecken kann, z. B. auch auf die Blüten. Pflaiizcualbinos werden also im allgeinciiicn solche Gewächse sein, bei denen die uorniale Färbung an einigen oder allen Teilen vermindert oder gänzlich ver- loreu gegangen ist. Man kann danach vollständigen und teil- weisen AlbiniSmus unterscheiden, daneben auch nnvollstänoigeu AlbiniSmus, wenn es sich nicht um eine völlige Entfärbung, sondern nur um eine schwächere Färbung der Pflaiizeuteile handelt. Wie der Albinoneger nntcr den Menschen, der Schimmel unter den Pferden weniger lebenskräftig sind, als die dunkelgefärbten Individuen, so bedeutet auch der Albinismus in» Pflanzenreich eine Schwächung der körperlichen Energie. Der Botaniker Bedel fand z. B. inmitte» einer großen Zahl von Exemplaren der gewöhnlichen Brünelle, einer in der nördlichen gemäßigten Zone weit verbreiteten Art von Lippen- blütlcrn, zwei Stöcke, die statt der gewöhnlichen violetten Vliitc» solche von weißer Farbe hatten. Der eine davon war 85 Millimeter hoch und trug 50 Blüten, der andre Pflanze maß 78 Millimeter und hatte 49 Blüten. Dagegen war die lleiitfie mit violetten Blüten, die sich an denselben Standort fand, 120 Millimeter hoch und wies im ganzen 77 Blüten auf. Außerdeni stellte sich heraus, daß bei den «lbinoS unter diesen Pflanzen die Röhre des Kelchs enger und länger, die Unterlippe weniger entwickelt war, wodurch eine Befruchtung der Blüten erschwert'werden mußte. Eine ähnliche Beobachtung machte derselbe Botaniker an Exemplare» der Kornrade in zwei benachbarten Getreidefeldern. Die Pflanzen in dem einen Feld hatten dunkclviolcttc Blüten, die ini andren Blüten von so schwacher Färlamg, daß sie fast weiß erschienen. Auch hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied in der Größe und der Zahl der erzeugten Blüten. Die Exemplare auf dem einen Acker«varen doppelt so hoch und hatten auch durchschnittlich doppelt so viele Blüten als die des andern. Bemerkenswert ivar die Beobachtung, daß auch das Gc- treibe auf dem einen Felde um so viel höher stand, und die Ursache dieses Umstands solvohl als der Verschiedenheit in der Ent- Wicklung der Kornrade lag ohne Zweifel in einer verschiedenen Zusammensetzung des Ackerbodens, indem das eine Feld reichlich gedüngt ivar, das andre gar nicht. Auch bei dem bekannten Fingerhut svixitalls xurxurea) kann ein Albinismus in ähnlicher Weise gefunden werden, der sich in einer Verminderung der Größe. Zahl und Färbung der Blüten äußert. Mit dem Alter wird jeder Mensch ein Albino, indem seine Haare bleichen, und auch bei den Pflanzen nimmt nnt dem Alter die Färbung gewöhnlich ab. Die Blüten dcS gewöhnlichen Wiesenklecs sind in der Jugend lebhaft rot, im Alter bl'aßrosa, die Blüten des dem Fingerhut verwandten Wachtelweizens(Melarnpyrum), die zunächst oben gelb und unten weiß sind, iverden später oft ganz weiß. Die Beispiele einer der« artigen Entfärbung der Blüten mit dem Alter der Pflanzen ließen sich noch um vieles vermehren, jedoch gicbt es andrerseits auch Blüten, die mit dem Alter dunkler werden, z. B. die des Heide- röschciis(Epilobimn). Immerhin kann es als allgemeine Regel für die Pflanzen gelten, daß der Alvinisnins auch bei ihnen eine Schwächung der Lebenskraft bedeutet, zumal bei einer Verringerung der Zahl und Größe der Blüten auch die Zahl der Samen und damit die Aussicht auf Fortpflanzung geringer wird.— Humoristisches. — Ans der Rede eines bayrischen CentriiinS- abgeordneten:„... Sie sehen also meine Herren, daß ich als katholischer Christ meine Pflicht gcthau und durch meine Abstimmung die Uusittlichkeit bekämpft habe. Ich schließe hiermit meine Bericht- crstättung und lade sämtliche Anwesende zu einem Preisfrcssen mit fideler Bockmusik ein, welches ich morgen in meinem Gasthanse zn veranstalten die Ehre habe."—(„Simpl.") — Leicht abgeholfen Junger Rechtsanwalt (scherzendj:„Klosterbauer, diesen Prozeß verlieren Sie— es ist der dreizehnte seit Ausübung meiner Praxis!" Klosterbauer:»Wissen S' lvas, Herr Doktor, machen S' halt zwei d'raus!"— Notizen. — Da? Berliner Schauspielhaus hat schon für die nächste Zeit Alexander D u in a s' Schauspiel„K e a n" in sein Repertoire aufgenommen. MatkowSki ivird die Titelrolle spiele».— — Im Berliner Opern Hanse sind die beiden nächsten Nävi- täten„Matteo Falcone" von Gerlach und„Die Sibylle" von Alfred S o r in a n n.— — Frau E y s o k d und Ewald Bach vom Schiller-Theater sind von nächster Saison ab für das Lc ss i n g.- T h e a t e r engagiert worden.— — Für die diesjährige Operetten- Saison dcS L e s s i n g- Theaters ist als erste Novität, wie bereits mitgeteilt wurde, das englische Vaudeville„The kreuch m a i d" von Basil H o o d, Musik von Walter Slanghter, in Aussicht genomme».— — DaS Repertoir zu dein Wiener Gastspiel der .. S e e e s s i o n S b ii h n e" enthält n. a.: Tolstois ,. Macht de r F i n st e r n i S", d'AnniiuzioS.Gioeonda". Maeterlincks „ P c l l c a s n n d M e l i s a n d e", Bergas„Wölfin",— vielleicht auch, wenn Anstrenguiigen. die in dieser Hinsicht gemacht werden, zum Ziele führen, vor geladenem Publikum einen oder zwei Akte anS den für Wien verbotenen„Webern". Auch eine Auf- führnug von Moliöres„Eingebildetem Kranken" ist in Aussicht genommen.— — Die„Berliner Sccession" ernannte zn ihren Eh ren- Mitgliedern die Maler Arnold B ö ck l i n und Wilhelm L e i b l und den Bildhauer Adolf H i l d e b r a n d.— — Eine sociale Komödie„Thomas Lindner" von Edward S t i l g e« a n e r wird in nächster Zeit im M ü n ch n c r Schauspiel- haus zur ersten Ausführung gc'migen.— — In Trier wurde die Ausführung von Henrik I b s e n S „Wenn wir Toten erwachen", von der Behörde untersagt.— — Otto Kraus' Schauspiel„Der Zusammenbruch" wurde bei der Crstaufsiihrimg in der Wiener„Freien B ü h n c" entschieden abgelehnt.— — Der dänische Maler P. S. K r o y e r ist geisteskrank ge- worden.— c. Die„A c a d« m i e G o n c o u r t" hat sich nunmehr, wie ans Paris berichtet wird, konstituiert. Bon Edmond de Gonconrt testamentarisch bestimmte Mitglieder sind: Octave Mirbean, I. K HuysNianS, Gustave Geffroy, die Brüder I. und H. StoSny, Paul Margucritte und Leon Hcmiigii«. Zu wählen waren, da die Academic zehn Mitglieder umfassen soll, noch drei neue. Die Wahl fiel auf Elemir Bonrges, Luden DcScaveS und Leon Daudet. Emile Zola hatte erklärt, daß er seine Kandidatur für die Acadömie fran- vaise aufrecht erhalte, und kam daher nicht in Frage, sonst ivüre er sicher einstimmig gewählt«vordcn. HnysmnnS wurde als das älteste Mitglied sür ein Jahr zum Präsidenten der jungen Aeademie gewählt.— Veranrivortlicher Redacreiir: Paul John in Berlin. Druck und Bmaa von Ptar Bapiiia in Berlin.