HnlerhaltungMalt des"Vorwärts Nr. 74� Sonntag, den lö April 1900 tNachdruck verboten) u] Attfevflehung. Noman von Leo T o l st o j. T r e i u n d z w a n z i g st c s Kapitel. Endlich hatte der Vorsitzende seine Rede beendet. Gr nahm den Fragebogen und gab ihn dem zu ihm herantreten- den Obmann. Die Geschwornen standen ans, freuten sich, daß sie hinausgehen konnten, und begaben sich einer nach dem andern in das Beratungsziimncr, wobei sie wie Leute, die sich genieren, nicht wußten, was sie mit ihren Händen anfangen sollten. Sobald sich die Thür hinter ihnen geschlossen hatte, trat ein Gendarm an die Thür, riß seinen Säbel aus der Scheide, schulterte ihn und blieb so an der Thür stehen. Tie Richter erhoben sich und güigen fort. Die Angeklagten wurden ebenfalls hinausgeführt. Nach ihrem Eintritt ins Beratungszimmer holten die Ge- fchwornen, wie früher, vor allen Dingen Cigaretten hervor und begannen zu rauchen. Das Unnatürliche und Falsche ihrer Lage, das sie mehr oder minder im Saal auf ihren Plätzen empfunden, war vorüber, sowie sie das Beratnngs- zimmer betreten und sich Cigaretten angezündet hatten. Jetzt verteilten sie sich mit einem Gefühl der Erleichterung in dem Zimmer, und alsbald begann ein lebhaftes Gespräch. „Das kleine Mädchen ist nicht schuldig, es war der- Wirrt", sagte der gutmütige Kaufmann!„man muß nachsichtig mit ihm umgehen." „Das werden wir schon erwägen", erwiderte der Obmann.„Unsern persönlichen Eindrücken dürfen wir nicht nach- geben." „Der Vorsitzende hat schön gesprochen." bemerkte der Oberst. „Ja, schön! Ich wäre beinahe eingeschlafen." „Die Hauptsache ist, daß die Bedienten nichts von dem Gelde wissen konnten, wenn die Maslowa nicht mit ihnen unter einer Teck, gespielt hatte," sagte der Köinmis mit jüdischem Gesichtstypiis. „Also waS; hat sie nach Ihrer Ansicht gestohlen?" fragte einer der Geschwornen. „Das glaube ich um keinen Preis!" rief der gut- mistige Kaufmann,„die rotängige Spitzbübin hat alles Der- brachen." „Sind lauter brave Menschen," sagte der Oberst. „Aber sie sagt doch, daß sie nicht ins Zimmer hinein- gegangen ist." „Und das glauben Sie? Ich möchte dieser frechen Person in meinem ganzen Leben nicht trauen." „Na und? Das macht auch viel aus, wenn Sie ihr nicht trauen," sagte der Contmis. „Den Schlüssel hat sie gehabt." „WaS denn V Was hat sie da gehabt," erwiderte der Kaufmann. „Und der Ring?" „Das hat sie ja gesagt!" schrie der Kaufmann wieder.„Ter Kanfmanu war strawm und noch dazu betrunken; hat sie geprügelt. Na, und nachher hat's ihm natürlich leid gcthan:„Da, nimm daS und weine nicht!" WaS für ein Kerl: zwölf Werfchok, glaube ich, und gegen acht Pud schwer." „Darauf kommt es nicht an," unterbrach ihn Peter Gcrassimowitsch,„die Frage ist die: hat sie die ganze Sache eingefädelt und die andern verleitet, oder aber die Be- dienten?" „Die Bedienten allein können eS nicht gethan haben. Sie hatte den Schlüssel." So ging die Unterhaltung ziemlich lange planlos hin und her. «Erlauben Sie, meine Herren," sagte der Obmann. „Setzen wir uns an den Tisch und beraten. Bitte schön," sagte er und setzte sich auf den Platz des Vorsitzenden. „Sind doch ein abscheuliches Volk, diese Mädchen," sagte der Komiuis und erzählte zur Bekräftigung seiner Meinung, baß die Maslowa die Hauptschuldige wäre, wie ein solches Mädchen einem seiner Freunde aus dem Boulevard die Uhr gestohlen hätte. Der Oberst fing bei dieser Gelegenheit an, einen noch frappanteren Fall zu erzählen, der den Diebstahl eines silbernen Samowars zum Gegenstand hatte. „Meine Herren, bitte an die Fragen." sagte der Obmann und klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch. Alle schwiegen. Die Fragen waren so formuliert: 1. Ist der Bauer ans dem Dorfe Borki, Bezirk Kravi- wenski, Simon Petrow Kartinkin, im Alter von drciunddrcißig Jahren, schuldig, am 17. Januar 188" in der Stadt N. den Kaufmann Smjelkow vorsätzlich ums Leben gebracht zu habe», in der Absicht, ihn im Einverständnis mit andern zu berauben. und zwar durch Darreichung van Gift in Cognac, wodurch thatsächlich Smjelkows Tod erfolgte, sowie ihm ungefähr zweitausendfünfhundert Rubel und einen Vrillantring eist- wendet zu haben? 2. Ist die Kleinbürgerin Euphemia Jwanoivna Botfchkowa, im Alter von dreinndvierzig Jahren, des in der ersten Frage angeführten Verbrechens schuldig? 3. Ist die Kleinbürgerin Jekaterina Michailowna Maslowa, im Alter von siebenundzwauzig Jahren, des in der ersten Frage angeführten Verbrechens schuldig? 4. Wenn die Angeklagte Euphemia Botschkolva gemäß der ersten Frage unschuldig ist, ist sie dann schuldig, am 17. Januar 188" in der Stadt N., als Angestellte im Gasthause Mauri- tanien, heimlich ans dem verschlossenen Koffer eines Ein- wohuers des Gasthauses, des Kaufmanns Smjelkow. in seinem Zimmer befindliche zweitansendfünfhundert Rubel entwendet und zu diesem Zweck den Koffer mit einem zur Stelle geschafften, untergeschobenen Schlüssel geöffnet zu haben? Der Obmann las die erste Frage vor. „Nun,>vas meinen Sie, meine Herren?" Diese Frage wurde sehr schnell beantwortet. Alle ant- warteten übereinstimmend: ja, er ist schuldig der Teilnahme an der Vergiftung und Beraubung. Nicht damit einverstanden, Kartinkin schuldig zn sprechen, war nur ein alter Markthelser, der auf alle Fragen rechtfertigend antwortete. Der Obmann glaubte, jener verstände nicht recht, und erklärte ihm, daß nach allem ganz unzweifelhaft Kartinkin und die Botfchkowa schuldig wären; aber der Markthelfer erwiderte, er verstünde schon, aber es sei doch Wohl besser, Mitleid zu haben.„Wir sind alle keine Heiligen," sagte er und blieb so bei seiner Meinung. Ans die zweite Frage in betreff der Botfchkowa wurde nach langen Erörterungen geantwortet:„Sie ist nicht schuldig". da kein deutlicher Beweis für ihre Teilnahme an der Ver- giftnng vorlag, worauf ihr Anwalt besonderes Gewicht gelegt hatte. Der Kaufmann, im Wunsche, die Maslowa zu recht- fertigen, bestand darauf, daß die Botfchkowa die Haupt- anstifterin von allem sei. Viele Geschworue stimmten ihm bei: aber der Obmann, der streng gesetzmäßig verfahren wollte, sagte, eS sei kein Grund vorhanden, sie der Teilnahine an der Vergiftung zu bezichtigen. Nach langem Gestreit trug seine Meinnng den Sieg davon. Auf die vierte Frage bezüglich der Votschkoiva erfolgte die Antwort:„ja. ist schuldig," und ans Dräugen des Markt- Helfers wurde hinzugefügt:„aber verdient mildernde Umstände". Die dritte Frage betreffs der Maslowa rief einen er- bitterten Streit hervor. Der Obmann blieb dabei, daß sie sowohl der Vergiftung wie des Diebstahls schuldig sei: der Kaufmann stimmte dem nicht bei und mit ihm der Oberst, der Koinmis und der Markthelfer. Die übrigen schwankten. Aber die Ansicht des Obmanns begann durchzudringen, namentlich weil alle Geschwornen müde waren und gern der Meinung beitraten, die sie bald zur Einigung zu führen und damit auch zu erlösen versprach. Nach allem, was bei der gerichtlichen Untersuchung vor- gegangen, und so wie Nechljndow die Maslowa kannte, war er überzeugt, daß sie weder der Entwendung noch der Vergiftung schrrldig sei, und anfangs glaubte er auch bestimmt, daß alle das anerkennen würden. Als er sah, daß die Ent- schcidnng sich einer Verurteilung zuneigte— infolge der un- geschickten Verteidigung des Kaufmanns, die augenscheinlich auf seinem Wohlgefallen an der Maslowa beruhte,»voraus er gar lein Hehl machte; sowie infolge deZ Widerstands des Obmanns gerade auS diesem Grunde; hauptsächlich aber infolge der allgemeinen Ermüdung—, da wollte er etwas da- gegen sagen. Aber es war ihm schrecklich, für die Maslowa zu sprechen; es kam ihm vor, als würden alle sofort seine Be- ziehungeu zu ihr erraten. Dabei fühlte er doch, daß er die Sache so nicht lassen könnte, sondern etwas eiUüdern müßte. Er wurde rot und blaß und wallte eben zu reden beginnen, als Peter Gernssimowitsch, der bis dahin geschwiegen hatte, augenscheinlich durch den gebieterischen Ton des Obmanns geärgert, plötzlich Einspruch zu erheben und dasselbe zu sagen begann, was Nechljudow hatte vorbringen wollen. „Erlauben Sie," sprach er,„Sie sagen, sie hat gestohlen, weil in ihrem Besitz der Schlüssel war; aber tonnten denn nicht die Zimmerbedienten nach ihr den Koffer mit einem nachgemachten Schlüssel öffnen?■" „Nun, gewiß, gewiß." stimnite der Kaufmann bei. „Sie konnte ja kein Geld nehmen, weil sie in ihrer Lage gar nichts daunt anzufangen weiß." „Dasselbe sage ich auch," bekräftigte der Kaufmann. „Eher hat ihr Erscheinen den Angestellten den Gedanken eingegeben. Sie haben die Gelegenheit benutzt und dann alle Schuld aus sie gewälzt." Peter Gerassimowitsch sprach gereizt. Und seine Gereiztheit teilte sich dem Obmann mit. der infolgedessen be sonders hartnäckig seine entgegengesetzte Ansicht zu vertreten begann. Aber Peter Gerassimowitsch sprach so überzeugend, daß die Mehrzahl ihm beistimmte und das Verdikt abgab, wonach die MaSlowa an der Entwendnug des Geldes und des Ringes nicht teil- genommen hätte, sondern der Ring ihr geschenkt worden wäre. Ms aber die Rede auf ihre Beteiligung an der Vergiftung kam, sagte ihr eifriger Verteidiger, der Kaufmann, wieder, man müsse sie freisprechen, da sie gar keinen Grund gehabt, ihn zu vergiften. Der Obmann dagegen sagte, man dürfe sie nicht freisprechen, weil sie selbst eingestanden hätte, das Pulver dargereicht zu haben. «Sie hat es dargereicht, aber geglaubt, es wäre Opium." „Sie tonnte ihn auch sunt Opium ums Leben bringen," erwiderte der Oberst, der sich gern in Kontroversen einließ; und er begann bei dieser Gelegenheit zu erzählen, daß die Frau scmeö Schwagers sich mit Opium vergiftet hätte und gestorben wäre, wenn sich nicht ein Arzt in der Nähe be- filnden und man rechtzeitig geeignete Maspegelu ergriffen hätte. Der Oberst erzählte so eindringlich, selbstgefällig und mit so viel Würde, dich niemand den Mut besaß, rhu zu unterbrechen. Nur der Commis war durch das Beispiel augesteckt und beschloß, ihm ins Wort zu fallen, um feine eigne Geschichte zu erzählen. „Auf diese Weise gewöhnen sich andre daran." begann er.„daß sie vi ach g Tropfen nehmen können; ich habe einen Verwandten..." ASein der Oberst ließ sich nicht unterbrechen, sondern fuhr in seiner Erzählung von den Folgen deS Einflusses von Opium ans die Frau seines Schwagers sout. „Wahrchastig schon 5 Uhr. meine Herren," sagte einer von den Gcschworncil. „Also wie ist eS, meine Herren," wandte sich der Obmann an die Gesmillheit,«erkennen wir fie schnldig, aber mit Ausschluß der Absicht zu stehlen; und die Wertobjetlc IM sie nicht entwendet. So richtig, ja?" Peter Goraffimotviltsck) war mit seinem Sieg zufrieden und erillärbe sich einverstaudeu. „Sie verdient ober rnildenide Umftmrde." fügte der Kaufmann hinzu. Alle waren damit ciiwerstandcii. Nur der Murithclfer blieb bei fernem;„Nein, nicht schnldig!" „Also der Spruch gestaltet sich so," etzklärte der Lbmnun: „ohne Absicht zu stehlen; Wcrtobjcite hat sie nicht eulweiidel, folglich nickst schuldig." „Drehen Sic die Sache so: und verdient mildernde Umstände— damit das letzte, was übrig bleibt, von ihr abgewaschen wird," brachte der Kaufmann fröhlich vor. Alle waren derart ermüdet und in den Streit verwickelt. daß niemand daran dachte, der Antlvort hinzuzusügen:„ja, aber ohne böswillige Absicht auf das Leben". Nechljudow war so erregt, daß er dos Bcrseheu ebenfalls nicht bemerkte. I» dieser Form Wurden die Alstworten in den Gerichtssaal gebracht. (Fortsctzruig folgt.) SonnkagsplÄudevei« Wenn man mit der Wannseebahn eine knappe halbe Stunde hinauSfichrt, dann den weitläufig in zierlichen Gärten verftrenten Villenort durchwandert, so gelangt man bald an das vorläufige Ende der ciliilisierten Welt. Weithin dehnt sich ein kümmerliches Brach- feld, lehmiger Saudboden, der mit kleinen Hebungen und Senkungen das geniale Ansehen liederlicher Unregelmäßigkeit zu gewinnen sucht. und doch mir den traurige» Eindruck von Blatternarben erzielt, Mitten in dieser Ocdc aber befindet fich eine tiefere Mulde, und hier hauste das Wesen, zu dem ich vor drei Wochen hinausgepilgert war, Obwohl der effige Siege» wie nüt gezückten Lanzen mich zurückzu- treiben suchte. Die Sorge und Neugier, Iva? für eine Pose uns nach Ostern die in dunklen Schleiern serpentintänzelnde preußisch- deutsche Politik zeigen möchte, hatte mich zunächst veranlaßt, eine berühmte Karten- legerin ansznsuchc»; mdefien die tieffiimigc Dame fand den Fall zu schivierig, den sie selbst mit Zuhilfenahme von Kaffeesatz nnd Eidotter und bei verdoppeltem Honorarsatz nicht lösen zu köuucii behauptete. Dagegen war sie in der glückliche» Loge, mir die Adresse eines Wijicudcii zu verraten, der zufällig, gerade vor einiger Zeit in dir Aähe Berlins übergefiedelt. So machte ich mich am folgenden Sonntag auf den Weg. Die Korkeiilegeicku hatte mir die Lage der Wohnung des Wissen- den so genau beschrieben, daß ich keinen Augenblick im Zweifel ivar: hier diese Mulde beherbergte die ganze Eickcmttins der Welt. Die Gegend war nicht sonderlich anmutig. Der Boden ivar mit einem dürstig- dürren Grasgcstriipp überwachsen, das die Blöße der unfruchtbaren Erde mehr risthiiltte als bedeckte»nd dessen fahle Nbgestorbeicheit keine Eiunernng mehr erweckte, als ob jemals der grüne Sasthanch deS Lebens in ihm gewesen, lieber dem verdorrten Gras, fast die ganze Vertiefung aiibsülleud, breitete sich eine Kolonie von absonderlichen Trümmer» einer ehemaligen menschlichen, allziinicnschlicheu Küchevciiirichtung: Braune, gelbe, weiße Steingitt- schcrbeu, ein paar Bierflaschen inst gebrochenen Hälsen, eiserne Töpfe mit abgespriuigenem Email, eine Bloch- schüsfcl mit schrecklichen Bculeit und ivcit klaffende« Wunden — alle den Boden gen Himmel gewandt— eine Bratpsaune mit grausam abgeknütwm Stiel, der eittsetzlich verstiünir.clte Rmnpf einer Gießkanne, dazivischen, bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt, ein KUzt'antossel, oin linker Wumssticsel. dessen Sohle sicki strebsam vnporrccktc, mn einen im Oberleder gähnenden Abgrund zu über- brücken, lvaS der hilfreichen Sohle allerdings nicht gelaug, nnd end- lich der halb vcnvcsie Leichnam eines Regenschirms, an dessen Skelett armselige Stosssetzcn hingen. Hm! Der Wissende hatte sich wahrlich kein komfortables Quartier ausgesucht, ivemi auch die Weisheit auf äußerlichen Glanz gern verzichte» mag. Auf de» Rat der Kartenlegen» hatte ich mir ei» fimles Vergrößlviuigsglas mitgol'racht, untcr deficri Beistand ich nu» die Kolonie sorgfältig absuchte. Borsichtig und mit einem uuülnrwindliche» Gefühl deS Ekels hob ich die Scherbe»»ich Gefäße eiupcn. An dem Rande eines verrosteten Topfes zerriß ich mir dir Hand. aber, obwohl nach der Gedanke einer drohenden Blnt- Vergiftung pcunjste, suchte ich weiter, das VergrößcrnugsglaS vor den spähenden Augen. Nirgends ivar der Wissende z» finde». War er spazieren gegcnigen. ansgc-ogen oder gar gestorben? Schon wollte ich das vergebliche Bemühen anfgebcn. da hörte ich cn>s der Gicsstamie ein seines, ttingeudsscinvirrendes Geräusch. Ich hob die »ingestülpte Gießkanne empor»md setzt gewahrte ich ihn: Dar Wissende lag auf der Erdo nnd sclnmrchte. Die Fint dos elllinelhenden Lichtes erweckte ihn undunwlrschfnhreranf. UnterdemVergrößernngSglaSzeigte er doch eine ganz crklrcklickie Lä>»ge. die für einen menschlichen Llegimuigsmaim wohl ausgereicht hätte, und WS er mit festicii vor» nehmen, müden Aenglestr mich bös« anglotzte, zog ich n»willkürlich den Hut. tvarf mich der Länge nach ans den Bauch, ohne ans die drückenden, kratzenden, pickenden Trümmer zu achten,»nid lispelte demiitig: pBerzoitzei». Cr.ee llerz!" ..Das ist ja eine sörulliche Revolution." schrie der Wissende. ,.kS jcheiist ein Weldbeden zu sei», das mir plötzlich meiu getv.cstligcS Schloß iortgeweht»ust«ich obdachlos gemocht hol"— der«leine wieS erstaunt auf die Gießkanne, die jetzt auf der LängSfetlc lag. ..Verzeihen. Excellenz,"«widerte ich bescheiden»md mit flehender Eicks rfttildignug,„das war ich!" Der Wissende kreischte, als ob er mit dem Messer über einen Teller gestrichen hätte. DaS Ivar offenbar sei» höchstes Gelächter. „Kleiner Schäker! Kleiner Schäker!", lochte, er und die ganze Gestalt dopte dal>ei'.oie die weiße Kehle eines �voschcS.„Sic wollen so etwas machen können. Sie menschlicher Spniwogel Sie I Was so ein zweibeimgos Smiipsticr alles tau», eö pfeift, nnd alle Naturgesetze— hnlch! hast du nicht gesehn!— tanzen nach seiner Weise!" Der Wissende lachte b.'ied«, daß er zu bersten drohte. „Sie wohwz» nicht besonders behaglich", begann ich wieder. indem ich das Gespräch in der Richtung meines AnttegenS zu steuern trachlele. „WaS soll man machen!" seufzte der Wissende, der mit ge- kreuzten Beinen a-us dem Boden iiumiifeljvar nebe» meinem rechte« Ohr kauerte.„Mein Schloß, das mir das Wellbeben min»nu- geslistzt hat. war doch recht geräumig nnd blink! r sehr augeirchiu. Freilich war die Decke schadhast. ES regnete und schnelle durch—, „Man hätte ewige Scherbe» über die Lacher legen sollen/ riet ich schüchtern. Der Wissende lachte Ivieder:.Sie find ein hartnäckiger Schälerl Ein paar Scherben ans die Löcher legen— als wenn das gar nichts wäre! Das ist köstlich. Sie sind ja ein verwegener Umstürzler. Wollen alles aus einmal machen. Die Löcher sind nun einmal da, ich lebe schon seine etlichen Billionen Jahre. So lange ich denken kann, sind immer die Löcher in der Decke nieines Schlosses gewesen, und sie tvcrdcn bleiben, bis sie im Lauf der Billion-Billioncn. wenn das Metall wächst, allmählich kleiner werden und ganz verschwinden. So lange muß ich den Regen und den Schnee erdulden. Wir müssen uns den Naturgesetzen füge», ivertcr Herr, das hilft nun einmal nichts. Gc- dnld und ruhig Blut, das ist alles, was wir thnn können. Das ist das Geheimnis der Entlvicklung. Reden Sie mir nicht davon, daß man diese schwierigen Fragen im Hmidmndrehcn zn lösen vermöchte. Btllion-Bkllionen Fahre und vielleicht noch mehr gehören dazu, bis sich etwas bessernd gestaltet. Die Seele der Welt ist—" „Was ist sie—", fragte ich erregt. „Langsamkeit"— erwiderte der Wissende feierlich.„DaS wissen Ihre Staatsmänner-auch ganz gut. F ch habe sie unterrichtet." Da waren wir»litten in dein angelaugt, was ich zn erfahren Ivünsane. „Und Sie glauben nicht, daß es möglich ist für im? Menschen, auszuführen, was uns die Vernunft gcbiclet, oinznrcißcn und anfzn-- baue». zn zertrümmern nnd zn gestalten, wie es die sinnvolle Ein- ficht gebietet?" ,', Utopist!" schalt der Wissende.„Nehmen Sie sich vor der Polizei in acht, so etlvaS darf man niebt einmal denken. Am Ende reden Sic noch— wie sagt man doch bei Ihnen— von Menschengb-- gl— gl— ich ha lös— von Menschenglüs. Rehmen Sie sich an Ihren Mimstcm ein Beispiel!" In diesem Augenblick brauste ein Windstoß über uns hinweg. „Frichlmgsstiirni!"— rief ich begeistert. „Ja, es zieht!" klagte der Wissende nnd rieb sich sein Bein, in dem die GickU zn nngeli schien.„Aber, wie gesagt,»nein kleiner jimgor Utopist: Langsamkeit ist die Seele der Welt '„Es giebt Menschen, die den Frühlingsstnrm fürchten, weil er leicht einige Fensterscheiben zerbricht," rief ich. „Die klugen Menschen thnn recht daran." crlviderte der Wissende. „Aber sie haben doch»mr noiwendig, ein Stück Holz zwischen Nahmen und Flügel zn kleuanrn, dann kann der Frühlmgstunn durch das gcössnele Fenster hineimochen, ohne daß ailch nur ewc Scheibe klirrt!" „Sie schwärmen ivieder von Umnöglichkeiten, mein Lieber!" spottete der Wissende.„Solch ein Stück Holz giebt es nicht, nnd wenn es dergleichen gätw, vermöchte cS niemand so, wie Sie es vorschlagen, z!i benutzen! Man muß warten. Die Dinge cntivickelu sich nicht so rasch. Wir könnc» gar nichts plötzlich thnn, so auf einmal, mir von der unendlichen Zeit kisincn wir die Erfüllung unsrcr Wünsche erhoffen. So nähr dies GraS. das hier das Land bcbeckt/ wciter dürr bleiben wird, lvie es gewesen ist in all den unzähligen Jahren, die ich schau gelebt habe, so wahr wird Ihre sageuannte Vernunft nicht Bliilen kiinstlich erzeuge» können. Das ist gegen die Aatnr!' Abermals jagte der Frilhlingsstvrm über daS Feld Ich erhob mich vom Boden; im Biifsicfieii zertrat ich das Ver�rößerungsitlaS und der Wissende war so für mein Auge verscklvliikdc». Mtt ihm aber Ivar auch alles kleinliche Verzag«» aus dem Gemüt gelocht und in daS Brausen hnieiu rief ich, daß die Warle lvie ans den hastenden Wollen ins Weite segelten: „Du iviiizigcr Zlverg! Jetzt erlomie ich Dich. Lebst schon ctvige Zeit, und wcisit doch nur, was.el>en c'.zt geschehe». Äavust nicht hinausseheu iilwr den Augenblick der Gegenwart. Ijaft veigesien. Ivos vorher war. und lannst lischt ichaneu, was werden wird— das Verwehende ist Dir das Blsibendc, das Stäub.chen die Wglt. der flüchtig« Anfall die ewig starre Notwendigkeit, die in Ltchrbilsionen »ltz sich merkbar vorivärts wähst. SMt b.as Wwrtcn lehrt uns,. Dn Zwerg, Natur, sondern Schassen nnd Wirken in stürmender Fruchtbarkeit. Morgen bereits schivindct der öde Rost von Busch und Bau,», über Nacht»rwacht das atwcud« Grün a>!- überall und bald bergen lvie wieder die prangende.Frucht, i» der Scheuer. Die Natur jauchzt im Erzeug�,, ihr icheiuluves Versiegen und Stocken ist ruw ein Atem holen, und im Stur»» simnt sie gewaltig, wie ans dem Nichts nUilötzlich. unat'lössjg junge nene Wellen von strast mid Schönheit. Das ist das ewige Feiertags-- wunder der Aiifcrsichung. die Mahniing der Natur an bw lueujcklwchc Vernunft, ihr gleich zn sein im ül'erslröuieuden Sckasseli zweckmäßiger' Arbeit- Die Qsiereier liege» hinler all«» Väschen, ihre SciuUeu sehnen sich, zu zerbrechen, damit das Leben si>S Licht wachse. Wen» lvir nur den Weg nicht scheuen und die Augen öffnen l"....... Am Äarsreit.lg ging ich ivieder hinaus aus das Feld. Ivo ich de» Wissenden gelrosse». In der Mulde sproßte zwischen dein Gc- rümpel lustig allerlei dünnt, es überstieg schon die kleineren Scherben, und in den Osiartagc» wisch die ganze Ausiedcftlllg beUchchNich illl Ernnen veisnuken sein. Der Wissende tvar vor diesem rcbosiiift'närcn Erlvacheu der Dürre gesisichtet.—»> o o. Von Äeu Mstta«Mellnng» 1. Bor der Eröffnung Paris. 12. April 1900. An diesem Sonnabend, dem 14. April, wird der socialdemolraijsche Handclsminislcr der französischen Republik, Alexander Atillerand, die Weltnnsstellnng eröffnen. Die Frage, ob der in dem noch von Caniot unterzeichnete» Aiisstellinigsgesctz vorherbestimmte Termin innegehalten werden könne oder nicht, hat in der letzten Zeit Stoff zn erregten Debatten in Frankreich abgegeben. Wenn auch alle Franzosen glcichelinaßen Anteil nehmen an dem Erfolg der Alts« stellung, die eine nationale Angelegenheit im slärksten Sinne des Worts ist? so hofften doch gar viele auf«inen schönen Anlaß, um über das jetzige Minisierinm die ganze Scheite heißen pntriotisckwn ZornS ans schalten zu können. Die Otiten Leute werden sich nnimiehr gewiß mit der Konstaticrmig begnügen, daß der große Pölkerjahrmartt am 14. April zlvnr erösfnel wird—, aber nicht fertig ist. In den letzten Tagen war eS Ivahrhnst lebensgefährlich, eine Expedision in das AnssielliingSgebiet zu unternehmen: Menschen, Tier« und Maschinen werden bis zur völligen Erschöpfung an- gespannt, um uoch zn beenden, was beendet weiden kann,»in zn verdecken, was man tratz aller Anstrengnngc» halb fertig lassen muß. Ein mächtiges Wogen ,md Drängen, ein fast unsinniges Treiben und Hasten an allen Orten! Zchntanieude nnd abermals Zehmailsende von Neugierigen jeden Alter« und Geschlechts umdrängen zu jeder Stunde des Tags die Ansstellmig, um wenigstens hier und da ein Stückchen von den Herrlichkeiten zn erhaschen� die der dichtgcfügte Zaun ihren Blicken noch neidisch per- enthölt i an den prächtige» Semebrücken, von denen man einen Teil der Gebinde beauem überschatten kann, herrscht«in lottdes Treiben und Wogen; Menschen und Gefährte lnlden einen loseren Knünsl, und es bedarf der ganzen Kunst großstädiiichcr Kutscher, nn» einen Wagen sicher nnd ahn« Unfall durch diese Engpässe zu leiten. Am begnoinsten haben es die Deckpassagiere hoch oi>eii anf.dcn Ominbnsfen, denn pur Schritt mn Schritt»nd mit langen Pansen rücke» die Kolosse bor, die ebenso viele wandelnd« Ziischanenribünen sind. Dabei ist das Wetter kalt und»»frcnndlich in Paris; tute wäre es erst, wenn der Frühling ntft strahlender Pracht liier schon ein- gezogen wäre»nd»icik Hnnderttausende von©of seilt ans de» Hänscrn lockte! Aus beiden Usern der Seine, vom lkintrachlsplatz lstlaco che ja Eonevitlo) lüs zinn Trocadcro ans dem rechten, und von der ffsplauadc der Flivalide» bis zmn kWmsfcld erstreckt sich das unver- . glcichlich schöne AuSstellinigSgcbiat�ine Fläche von 1t)8Hektnrcn bedeckend. Wundervoll gliedern sich die zum uorübergehendev Gebraiich gleich- stmi ans dem Apden grftmnpften Gebäude dem prachsiollcn Städte- bild o»»nd ein. Seine Könige haben Paris Paläste, und Gärten von oft b es chri ebener Schliichcit geschaffen, ans dem Mark nnd Blut des Volks: als da« Kiiitigtnm dwsc Dienste geleistet hatte nnd feine Zeit«r-fnüt ivar, schaffte nia» eS ab: dann kam«ine iie»e Epoche, das fiaisencich. nnd der Tezcmbcrntami ließ seinen Präfckte» Hanßmann rnit viMticht jToftr Eriergic eine neue kotadt bilde»; sicherlich hat das nnzilffig« Opfer gelosiet und der Bevölkernng unerhörte Laften auferlegt,-aber heule siecht mau nur noch die Erfolg- nnd die Schönheiten. Penis ist die Stadt der Ansstelllutg«»: seüre ganze Anlage, sxine Bagartz sein«»ationale»nd inlernastoiial« Bedeutung habeü-S dazu gemacht Hirt) der lapitalistifche Ksickurtenzkanipf, »er seine Fechter' und Opfer zugleich mit blutijzxr Geißel vorwärts tzcidt, trug dos Seine ditzn bei. Daß Paris alle elf Jahre seine HLgltanSstelliing Hachen mich,-ist in Frankreich aNtnähIich zu cmcin snndamfiiteleii Glanbenssatze geworden. Bevor wir»nS i» den fölgenden Briefen mit den Einzckheitcn des großen»nd inchosaiften Werfe« befasse» werden, bevor ivft mls in eine'Untersnchnlig der Zwecke. Mittel l»ld Erfolge der Ausstellung verffrson, nrtisfe» i»ir wenige-Zeilen einem allgemeinen lteberblick widmen. Eine Ueberschan»her die Leiftniigen des ahgelanseiten ueun, zehnte» Jatitchnndeils auf möglichst allen Gebieten menschlicher Thätigkcit zu geben, daS ist dse Grundidee dieser Schöpsiing. Das uemizehwe Jahrtnindert ist im cmiiivitteii Sinn das Zeit« bller des Katutolisinns;«s fast denn die Au-Zstesinng eine» Trininph des Kapitalismus darstellen. Ist es da nicht charak'tcristlsch. »aß ei» Sociatdernokrat chcrnf-en ist, dies Werk zn Ende z» führen? fitemi man darin nicht wie nnsre srnnzösischen'Genossen die ihm- Mische Andentitlig sehe» ivill. dich der SocialiSmus lrernfen ist, de» alternden Kapitirlisinns o.bzitlv�en, so wird man«x. iveingsivus als znten Witz der Weltgeschichte schmunzelnd hetrachte». Sollte die ßsrmltühee«erairtlichl wetste», so ivest sie sich überhaupt ver- wirkliche» läßt, so mußte der Ansstcllimg von vorn- herein ein wescntlich historischer Eba rasier gegeben werden. Das bat man auch in ingeniöser Weise zu thnn versucht: jeder oirzelmm Alrteilmig hat man einen historischen Aimex gegeben, eine Art kleine» Musemas, in ivelchem dem Veschancr an wenigen aber wichtigen L.tei spielen die Fposchrltte jcdeö einzelnen Futmstrjezwlchses im 19. Jahfthlindrti klar werche». sollen. Soll«ine Ausstellung mehr sein als«ine bazamtsißige Au- l>ä»fi»!g binit ziisaminciigeivürseljcr Waren von mehr oder weniger großem Werte, so bedarf eS vor alten Dingen einer Narcn faß- liche» Eintailinig in Gruppen und Klassen. DaS ist jedoch keichtcr gesagt als gothan. Das moderne Ltzben hat nicht allein ans dem industriellen Gebiet»nw Spea'rtlisiermig erzeugt, die. um ciiic» volkstümlichen Ausdruck zu gebraiicheu. ins Aschgraue geht. — 29a— Man brmicht mtr einmal eine Nek>nstcht ftfrcv die letzte deutsche s s»lch, ei» Kirchhof Die Mutter blieb stehen und wies zur Gewerbestatistik angeschaut zu haben, um über die Hunderte und Aberhnuderte von verschiedenen Gewerbe» in Erstaunen gesetzt zu »verde«, llud da handelt es sich doch nur um das gewerb- liche Leben, Ivährend die Ausstellinig auch die andern Ziveige menschlicher Thätigkeit in ihren Kreis ziehen»vill. Die Pariser Ausstellung von» Jahre 18öS zählte in acht Gruppe» 3V Klassen von Ausstellungsgegenständen; die von 1867 in 10 Gruppen 95 Klassen; 1878 teilte man ungefähr»ach denselben Gesichtspunkten ein; 1889»vollte mau mit allen nur mög- lichen Mitteln den Ueberblick durch»nöglichste Znsanuncnfassnug alles zu einander Gehörigen erleichtern und begnügte sich mit 87 Klassen in 9 Gruppen. Aber die Entlvicklung ist stärker als der Wille der Ausstellungsleiter, und so hat man diesmal 121 Klassen in 18 Gruppen eingerichtet. Im»vesentlichen hat man dabei folgenden Plan zu Grunde gelegt an der Spitze steht Erziehung und Unterricht des Menschen, als des Trägers aller Kultur; folgen Kunst und Wissenschaft als die feinsten Blüten dieser Kultur, die»viederum ihre Grundlage und ihren Stützpunkt findet, in der Industrie, dem Per- kehr und dem Handel, dem Landbau, der Gartcnivirtschaft, dem Forstlvescn und dem Bergbau mit allem Ivas zu diese» einzelnen Gebieten jeweilig in nahem Zusammenhang steht; besondere Gruppen sind dann der Gesundheitspflege, dem häuslichen Leben, dein Knnstgeiverbe geividmet; aber auch dem Kricgslvefcii zu Wasser und zu Lande hat man einen Platz cingcräunit. Mit Recht, denn es Iväre ehr schneidender Widerspruch, wöllte man die Nachtseiten unsres sozusagen.Kulturlebens" ganz übergehen. Ohnehin bevorzugt die Ausstellung, eben»vcil sie einen Triumph darstellen soll, gar zu sehr den schönen Schein. Die grauen- haften Zustände im modernen, von der vielgepriesenen kapitalistischen Epoche gcschasfene» Masscnproletariate bleiben dem Blick der frohen Zuschauer verborgen—»vie es hinter den Coulissen aussieht, das soll nicht gezeigt»verde». Die absterbende bürgerlich- kapitalistische Epoche hat das Bedürfnis, sich noch einmal au ihren Erfolgen zu berauschen, sei es auch auf die Gefahr eines tüchtigen Katzenjammers. Man erzählt von einer in- bischen Wasierblnnie, die immer erst der sinkenden Sonne ihre präch- tigcir Blüten entgcgenreckt, um sie von den letzte» Strahlen des glühenden Abendrots»vie von den Flammen eines Scheiterhaufens unilohen zu lassen, bevor sie in die Tiefe verfinkt: so umstrahlt der Glanz und Glast einer untergehenden Menschheilsepoche auch diese Eiittagsbliite menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes.— S. Mleines Feuillekon. es nn» bald, Wir»vohntcn des Iluizngs g. Qsterspaziergaug. Zwanzig Jahre»Verden aber ich»veisj es»ort», als Iväre cS gestern gelvesen. »»och nicht lange in Bcrlii». Der Trubel und Tummel »var kau», zu Ende— nun»var Ostern da. Kein fröhlich lachendes FrühlingSfest, kalte, graue, stürmische Märzentage. Den ganzen ersten Feiertag goß der Regen in Strömen, erst gegen Abend klarte sich das Wetter. Die Steine trockneten auf, die Sonn« kam hervor, rötlich golden lag ihr Widerschein auf den ragenden Häusermasse». Der Pater legte die Zeitung beiseite, össnete da» Fenster und beugte sich hinaus: „Wolle» wir nicht noch ein bischen gehe»?* Die Mutter zuckle die Achseln:»Wohin denn noch?" „lind»venu es mir durch ein paar Straßen ist, könneu uns ja noch ein Stück Berliu ansehen, kommt nur." Durch»vclch« Straßen»vir gingen, ich»vciß e? kaum. Es lvar da drinnen in der Altstadt, in der„City". Die Straßen»varen still und leer, blank geivasche» von» Regen standen die Hänser, die großen Schaufenster verhangen, mir in den oberen Etagen zeigte sich hin und»vieder zwischen reingewascheneu Festgardiiici» ein neu- gieriges Gesicht. Der Bater erzählte biel. Er hatte seine Jugend in Berlin verlebt. ilnd er liebte Berlin und kannte seine Vergangenheit nnd tvllßte, was hier geschehen lvar nnd was dort. Da war die Spandauerstraße n»it ihren alten Patrizier- Häusern. Hier hatte das Rathans gestauden nnd da die Gcncbtslaube. die null schon so lange nicht mehr da war. Und dann der Alexanderplatz, hier lvar der Stclzenlriig getvese», er hatte ihn noch gelaunt— ei» altes verwettertcs Hans— und dort die Gcorgeukirche,>v» sie i» alten Zeiten die Pestleichen begraben hatten, nnd wo das Hospital der Aussätzigen stand. Ilnd dann kamen wir in den Friedrichshain. Es war schön darin, wundervoll! Nach der Enge der dinnpfige» Gassen hier draußen der Frühling l Noch standen die Bminie kahl nnd leer, aber es war ei» Knospe» und Schivellen über ihren Zweigen. Ein würziger Duft stieg ans dem Boden ans. ei» Duft von feuchter Erde»md jungem Gras. A» den Hängen blühten Crocns nnd Schneeglöckchen. In der höchste» Spitze einer Linde saß die Drossel lind sang. Planlos schritten wir durch de» stillen Park. Heber verschlungene Wege im Innern, dann tvieder am Saun» entlang, tvciter, iminer weiter. Jeder schwieg, atmete den frische» Frühlingsduft, lauschte atif da» Drostellied'niid schivieg— aber dann Seite. 8!» Und der Vater darauf:„Die Märzgefallenen!" �>i schmalen Gängen gingen»vir zlvischen den versilnkeiieii Gräbern hin. Der Vater erzählte tvieder. Er hatte alles mit- angesehen, als Knabe damals. Er war auf dem Schloßplatz geivesen, als das Volk zusammenlief, sein Recht zu forden,; er hatte gesehen, ivie ihm die Soldaten als Antwort— Kugeln sandte». De» Kämpf ans den Barrikaden hatte er gesehen, zu seinen Füßen hatten die Leichen der Erschossenen gelegen: „Die Kugel mitten in der Brust, Die Stirue breit gespalten—" Mit verhaltener Stimme begann er das alte Lied, seine Augen ginge» über die Gräber fort, als sähen sie in eine andre Welt.. ' So stauden wir eine ganze Weile, wortlos, übertvältigt von Erimiermige»; da»» nahm die Mutter einen Ftiederziveig und ließ ihn durch die Finger gleite»:„Seht die dicken Knospen, ein paar Tage lind er ist grün. Alles kommt»vieder— die Blätter, die Blumen, alles hat sein Ostern, nur der Mensch bleibt fort. Die da nuten— ivas haben sie nicht gehofft, erstrebt nnd erträumt— nun liegen sie in der Erde, ihr Streben— Ivo blieb es? Dunkelheit ist darüber und Nacht..." Aber der Vater Ivaudte das Haupt und sah sie an nnd sagte: „Sie werden auferstehn Und es war in seiner Stimme ei» Ton, den ich nicht bergcsscu kann. Zivauzig Jahre liegen zlvische» heute nnd damals, und ich höre ihn immer noch. Und ich verstehe, ivas das Kind nicht verstand, und er findet ciir Echo in»leinem Herzen, das ihn jubelnd anfnimnit und weiter trägt... Trotz Tod nnd Nacht und Dunkelheit; Ostergeläute — Osterdotschaft:„Sie iverde» auferstehn!"— Astronomisches. — Vom Planeten V e n»i s. Nach einer Drahtineldnug des Direktors der Ricolni-Hanptstermvarte Pnlkoiva bei Petersburg vom 10. April an die Centralstelle für astronomische Telegramme in Kiel hat nach der„Voss. Ztg" der Astronom der Pnlkowaer Stern« warte Belopolsky die langumstrittene Frage, ob der gegenwärtig so hell sckicinendc Abendstern, der Planet Venns, eine Umdrehnngsdaner von 225 Tagen oder eine solche von nur nahe 21 Stunden hat, in letzterem Sinne entschieden. Nach der kurzen Drahtmeldung ist die Entdeckung durch vier photographische Auf- nahmen des Spektrums der Venus gelungen; es wird sich dabei um die Verschiebung der Spcltrallinien au zivei gegenüberliegeudeir Raudstelleu der Acquatorialgcgend der Venus handeln. Aus einer solchen Verschiebung der Svektralliiiieu.»venu sie scharf gemessen iverde» kann, läßt sich die Geschiviudigkeit der Bewegung deö eiiiei» Randes auf uns zu, des andren von ims»veg in Kilometern für die Sekunde angeben, nnd damit ist dann auch die Umdrehnngsdaner bestimmt. Zu einem ähnlichen Ergebnis»var schon der römische Astronom de Bico im Jahre 1842 durch die Fleckenbeobachlnng der Venus gelangt; in neuerer Zeit bis heute»vnrde aber die längere Umdrehuugsdauer von 225 Tagen eifrig verteidigt.— Hnmoristischc«. — E i u kluger Sohn. V a t c r lder sich soeben die zehnte Maß einschenke»» ließ):.... Wenn Mama fragt,»vie viel Bier ich getrunken, so sagst Du drei!.. Verstanden?" Karlcheu:„Papa, ich»vill lieber sagen: sechs— sonst merkt sie'S!"— — I a s o!„Aber, Fritz,»vie siehst dein» Du ans?" „Der Müller Karl hat mich in den Dreck geivorsen!" „Dummer Junge, ivärmn hast Du Dir denn das gefallen lassen? Hätt'st ihm doch eine Ohrfeige gegeben!" »Die Hab' ich ihm ja vorher gegeben I"— — Erschivereud.„Piefke.»vir werden Sie nach einer andren Abteilung versetzen müssen! Erstens wird im Bureau nicht geschlafen, nnd zlveitens»vecken Sie mit Ihren» Schnarchen den Herrn Rat ans!"—(„Flieg. Bl.") Notizen. — Kapell m ei st er Schalk scheidet mit dem 15. April an? seiner Thätigkeit an der Berliner Hvfoper,»im sein Engagement in Wien aiizntreten.— — Die Leitung der Ge'ellschaftSkonzerte der„Wiener Gesell- schaft für Musikfreunde" wnrde für die nächste Saison Ferdinand Löwe übertragen. Richard v. P e r g e r ivnrde Direktor des Konservatoriums.— — In C a r» n n t n in, der ehemaligen römische» Festung in, Noricnm, stieß man ans ein v o l l st ä n d i g e s Waffen-« n d V e r p f l n» g S m a g a z i n von äußerst solider Bauart. In den Räumen fand man einen sehr reichen Vori'at römischer Waffen, im ganzen 1037 Stück, unter denen sich auch Brnchstücke des Schienen- pmijecS(lorica segmentata) befanden, sowie Vorräte von Gerste» Erbie», Hirse iistv. Zugleich»vnrden hier auch wichtige Inschriften gefunden, die aber noch nicht vollständig eiftziffert nnd gedeutet sind.—. — Die Anbaufläche für Linsen ist im Deutschen Reich vhn 1874—1893 ungefähr um eil» Drittel zurück« gegangen.— PerontivoNliqer Reiwcreur: Paul John in Berlin. 5 ruck»tiD Beria» von ckltc; Boving m Berlin.