Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 77. Freitag, den 20. April. 1900 (Nachdruck verdoten.) 17] AnferKehtttt�. Slomatt voil Leo T o l st o j. S i e b e il»i« d z w a ii z i g st e s K a p i t e l. Die Fürstin Wassiljeivna liatte ihr sehr komplizieries und sehr nahrhaftes Mittagsmahl, das sie stets allein einnahni, damit niemand sie bei dieser prosaischen Beschäftigung sähe, beendet. Neben ihrem Schlafsofa stand ein-kleiner Tisch mit Kaffee; sie rauchte eine kleine Cigarette. Die Fürstin Sofja Wassiljewna war eine magere, lange, immer noch jugendliche Brünette mit langen Zähnen und grasten, schivarzcn Augen. Man erzählte sich Skandalgeschichten über ihr Verhältnis zum Doktor. Nechljndow hatte früher nicht daran gedacht. Heute aber fiel ihm nicht nur alles das lvieder ein, sondern als er neben ihrem Sessel den Doktor mit seinein geölten, glänzenden, in der Mitte geteilten Bart sah. ivnrde ihm schrecklich wider- ivärtig zu Mute. Neben Sofja Wassiljewna fast Kolossow ans einem niedrigen, iveicheit Sessel an dein kleinen Tisch und rührte .seinen Kaffee lim. Aus dein Tischchen stand ein kleines Glas mit Liqucur. Missi trat zusammen mit Rcchljndoiv zlir Mutter, blieb aber nicht im Zimmer. „Wenn Mama müde wird und Sie vertreibt, kommen Sie zu mir," sagte sie, an Nechljudolv geivandt. in solchem Ton, als wenn nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, und ging fröhlich lächelnd mit nnhörbarcn Schritten ans dem dicken Teppich auS dem Zimmer. „Nim, guten Tag, mein Freund, sehen Sie sich und er- zählen Sie," sagte die Fürstin Sofja Wassiljewna mit ihrem geschickt verstellten, einem natürlichen ganz ähnlichen Lächeln lind entblöstte ihre schönen, langen Zähne, die außerordentlich geschickt gemacht ivaren, so dast sie aussahen wie wirkliche Zähne.„Man sagt mir, Sie seien in sehr finstrer Stiiw mnng ans dein Gericht gekommen. Ich denke mir das für Leute. die ein Herz haben, sehr schwer," sagte sie auf französisch. „Ja, daS ist richtig," sagte Nechljndow;„man fühlt oft sein eignes U»...— man fühlt, dast man kein Recht hat, zu urteilen." „Wie ist daS doch wahr!" rief sie, von der Nichtigkeit seiner Bemerkung gleichsam überwältigt und gleichzeitig ihrem Partner>vie imnier geschickt schmeichelnd. „Aber>vas macht denn Ihr Gemälde. c3 interessiert mich sehr," fügte sie hinzu,„wenn meine Schwäche nicht wäre, hätte ich Sie schon längst einmal aufgesucht". „Ich habe es ganz liegen lassen." antwortete Nechljndow trocken, dem heute die Unanfrichtigkcit ihrer Schmeichelei ebenso auffiel, wie ihr verheimlichtes Alter. Gr konnte sich ans keine Weise auf einen liebenswürdigen Ton stimme». „Das ist unrecht l Sie wissen, Njäpin selbst hat nur ge- sagt, dast er entschieden Talent besitzt," sagte sie an Kolossow geivandt. „Wie mag sie nur so unverschämt lügen," dachte Nechl jndoiv und runzelte die Stirn. Ueberzeiigt, dast Nechljndow nicht bei Stimmung sei, und man ihn in eine angenehme, verständige Unterhaltung nicht verflechte»! könne, ivandte Sofja Wassiljewna sich an Kolossow mit der Frage nach seiner Meinung über ein neues Drama. Sie that diese Frage aber in einem Ton, als tvenii diese Meinung Kolossows jeglichen Zweifel entscheiden müßte und als wenn jedes Wort dieser Meinung für alle Ewigkeit Gültigkeit haben müßte..Kolossow verurteilte das Drama mid gab bei dieser Gelegenheit sein Urteil über die Kunst zum besten. Die Fürstin Sofja Wassiljeivua»var frappiert über die Richtigkeit seines Urteils. versuchte den Bersasscr des Dramas zu verteidigen, aber ergab sich alsbald oder schloß einen Kompromiß mit Kolossow. Nechljndow sah und hörte, aber sah und hörte gar nicht das, was vor ihm stattfand. Beim Anhören bald Sofja Wassiljewna?. bald Kolossows sah Nechljudolv erstens, daß Weder Sofja Wassiljewna, noch Kolossow weder mit dem Drama, noch mstoinander irgend etwas zu thun hatten, sondern dast, wenn sie sprachen, es nur zur Befriedigung des körperlichen Bedürfnisses, nach dem Essen die Zungen und Halsmuskeln zu liewegen, geschähe. Zweitens sah er, daß 5lolossow nach dem Trinken von Branntwein, Wein, Liqncur etwas berauscht war, nicht so be- rmischt, wie selten trinkende Bauertt zu sein Pflegen, sondern die Leute, denen das Trinken zur Gewohnheit geworden ist. Er taumelte nicht, sprach keine Dummheiten, aber war in anormalem, erregt zufriedenem Zustande. Drittens sah Nechljudolv, daß die Fürstin während des Gesprächs unruhig nach dein Feilster blickte, durch welches ein schräger Sonnenstrahl sich bis zu ihr hinz>istehlen begann, der ihr Alter allzu grell beleuchten konnte. „Wie ist das wahr!" sagte sie auf irgend eine Bemerkung Kolossows und drückte ans den Knopf der Glocke neben dem Schlafsofa. In diesem Augenblick stand der Doktor ans und ging als HauSängehöriger, ohne ein Wort zu sagen, ans dem Zimmer. Sosja Wassiljewna begleitete ihn mit den Augen und führte dabei die Unterhaltniig fort. „Bitte, Philipp, lassen Sie den Vorhang herunter", sagte sie, mit den Augen ans einen Fenstervorhang deutend, als auf ihr Klingeln der hübsche Lakai eintrat. „Nein, ivaS Sie auch sagen mögen, in ihm steckt ctlvas Mystisches, und ohne Mysticismus giebt eS keine Poesie". sagte sie irnd folgte mit einein ihrer schwarzen Augen ärgerlich den Bewegungen des Lakaien, der den Vorhang am Fenster herunterließ. „MysticiSmuS ohne Poesie ist— Aberglaube, und Poesie ohne Mysticismus— Prosa," sagte sie mit unglücklichem Lächeln und verwandte dabei de» Blick nicht vom Lakai, der den Vorhang znrechtzog. „Philipp, Sie sollen nicht den Vorhang... am großen Fenster," sagte Sofja Wassiljewna im Märtyrerton und fühlte augenscheinlich mit sich selbst Mitleid wegen der Anstrengung. die ihr diese Worte kosteten. Dann hob sie zur Beruhigung die duftende, qualmende Cigarette mit der ringbcdecktcn Hand an den Mund. Der breitschultrige, muskulöse, hübsche Philipp verbeugte sich leicht, lvie zur Entschuldigung, und schritt, mit seinen kräftigen Beinen mit vorstehenden Waden ans dem Teppich weich auftretend, ergeben und schweigend zum andern Fenster. Hier angelangt, schaute er angestrengt auf die Fürstin und begann den Vorhang so auszurecken, dast nicht ein Strahl mehr auf sie zu fallen»vagte. Aber auch da machte er eS nicht richtig, und wieder mußte die anne Sofja Wassiljewna ihre Rede über den MysticismnS unterbrechen und den un- gelehrigen, sie nnbarmherzig beunrnhigenden Pliilipp korrigieren. Einen Augenblick flammte in Philipps Augen böses Feuer auf. „Der Teufel soll dich holen, was willst du eigentlich k sagt er lvahrschcinlich in seinem Innern", dachte Nechljndow. der dieses ganze Spiel beobachtet hatte. Aber der hübsche, kräftige Philipp verbarg sofort eine ungeduldige Bewegung und begann ruhig daS zu thun, was ihm die ausgemergelte. eutkräftete, durch und durch unnatürliche Fürstin Sofja Wassiljewna befahl. „Versteht sich, in Darivins Lehre liegt sehr viel Wahres," sagte 5iolossow bei seiner Rückkehr, streckte sich in einem niedrigen Sessel aus und schaute mit schläfrigen Augen die Fürstin Sofja Wassiljclvna an,«aber er überschreitet das Mast— ja." „Glanben Sie denn an Vererbung?" fragte die Fürstin Sofja Wassiljewna Nechljudolv, da sie sich durch sein Schweigen bedrückt fühlte. „An Vererbung?" wiederholte Nechljndow die Frage. „Nein, ich glaube nicht daran," sagte er, in diesem Augenblick ganz von"sonderbaren Bildern in Anspruch geuommen. die aus irgend einem Grund in seiner Vorstellung erschienen. Neben dem starken, hübschen Philipp, der ihm wie ein Modell vorkam. stellte er sich Kolosjoiv nackt, mit seinem 5lürbisbauch, dem Kahlkopf und lvie Peitschcnschnüre schlaffen Armen ohne Muskeln vor. Ebenso traten ihm die jetzt mit Saminet und Seide bedeckten Schultern Sofja WassiljclvuaS. so lvie sie sein mußten, undeistlich vor die Augen; aber diese Erscheinung war zu schrecklich; er bemühte sich, sie zu vertreiben. Sosja Wassiljewna maß ihn mit den Augen. „Aber Missi erwartet Sie," sagte die Fürstin.„Gehen Sie zu ihr, sie wollte ein neues Stück von Schumann mit Ihnen spielen... Sehr interessant." „Gar nichts wollte sie spielen. Alles das lügt sie in irgend einer Absicht," dachte Nechljudow. Damit stand er auf und drückte Sosja Wassiljewna die durchsichtige, knöcherne, mit Ringen bedeckte Hand. Im Gastzimmer kam ihm Fekaterina Alexejewna ent- gegen und begann sofort: „Ich sehe, daß die Obliegenheiten eines Geschwornen niederdrückend ans Sie wirken," sagte sie, wie immer fran- zösisch. „Ja, verzeihen Sie, ich bin heute nicht bei Laune und habe lein Recht, andern Trübsinn zu verursachen," antwortete Nechljudow. „Warum sind Sie denn nicht bei Laune?" „Erlauben Sie mir, darüber nicht zu reden," sagte er Und suchte seinen Hut heraus. „Aber wissen Sie noch, wie Sie sagten, man müsse stets die Wahrheit aussprechen, und wie Sie uns allen damals solch grausame Wahrheiten sagten. Warum wollen Sie sie jetzt nicht sagen? Weißt Du noch, Missi?" wandte sie sich an die zu ihnen herausgetretene Missi. „Deshalb, weil es ein Scherz war," erwiderte Nechljudow ernst.„Im Scherz kann man das wohl thun, aber in Wirk- lichkeit sind wir so schlecht, das heißt, ich bin so schlecht, daß ich wenigstens nicht die Wahrheit sagen darf." „Rechtfertigen Sie sich nicht, sondern sagen Sie uns lieber, weshalb wir so schlecht sind," spielte Katcrina Alexejewna mit Worten und that, als bemerke sie den Ernst Nechljudows nicht. «Nein, nichts ist schlimmer, als sich nicht bei Laune er- klären," ließ Missi fallen.„Ich gestehe mir das nie ein und bin deshalb immer gut gelaunt. Ach was, kommen Sie zu mir. Wir werden uns schon Mühe geben, Ihre üble Laune zu vertreiben." Nechljudow hatte ein Gefühl, ähnlich deni, welches ein Pferd haben muß. wenn man es streichelt, um ihm den Zaum anzulegen und es einzuspannen. Und es war ihm heute un- angenehmer alsje, imGespann zulaufen. Er entschuldigte sich, daß er nach Hause müsse, und begann sich zu verabschieden. Missi hielt seine Hand länger als gewöhnlich fest. „Denken Sie daran, daß das, was für Sie wichtig ist, auch für Ihre Freunde wichtig ist." sagte sie.„Werden Sie morgen kommen?" „Wohl kaum," sagte Ncchljndow und empfand dabei Schain, er wußte selbst nicht, feinet- oder ihretivegen. Er wurde rot und ging eiligst hinaus. „Was ist das nur? Wie mich das neugierig macht!" sagte Katerina Alexejewna, als Nechljudow fortgegangen war.„Ich erfahre es sicher. Irgend eine aßairo d'amour propre; er ist sehr empfänglich, unser Mitja." „Eher eine sffiure d'amour sale," wollte Missi sagen und sagte es doch nicht, sondern schaute mit erloschenem, ganz andrem Blick vor sich hin, als der war, mit dem sie Nechljudow angesehen hatte. Sie teilte sogar der Katcrina Alexejewna dieses unfeine Wortspiel nicht mit und sagte nur: „Wir haben alle unsre guten und schlechten Tage." „Ob mich auch dieser wirklich hintergeht?" dachte sie. „Nach allem, was vorgefallen ist, wäre das sehr schlecht von seiner Seite." Wenn Missi hätte erklären sollen, was sie unter den Worten„nach allen:, was vorgefallen ist" verstände, hätte sie nichts Bestimmtes sagen können. Aber dabei wußte sie un- zweifelhast, daß er nicht nur Hoffnung in ihr erweckt, sondern ihr beinahe ein Eheversprechen gegebe» hatte. Alles das waren nicht bestimmte Worte, sondern Blicke, Lächeln, An- spiclungcn, Schweigen. Aber sie hielt ihn trotzdem für den Ihrigen, und es wäre ihr sehr schiver geworden, ihn zu ver- lieren. Achtundztvanzigstes Kapitel. Schändlich, häßlich; häßlich, schändlich, dachte inzwischen Nechljudow, der zu Fuß durch die bekannten Straßen nach Hause zurückkehrte. Das schwere Gefühl, das ihn infolge der Unterhaltung mit Missi befallen, verließ ihn nicht. Er fühlte, daß er formal, wenn man sich so ausdrücken durste, vor ihr im Rechte war; er hatte ihr nichts gesagt, wodurch er ge- duichen wäre, hatte ihr keinen Antrag gemacht; aber er fühlte, daß er sich in Wirklichkeit gebunden und mit ihr verlobt hätte. Und dabei fühlte er heute mit seinem ganzen Wesen, daß er sie nicht heiraten könnte.„Schändlich, häßlich; häß- lich, schändlich," wiederholte er nicht nur in Bezug auf sein Verhältnis zu Missi, sondern zu allem.„Alles häßlich und schändlich," sagte er und betrat seine Haustreppe. „Ich esse kein Abendbrot," sagte er zu Körnet, der zu ihm ins Eßzimmer trat, wo die Tafel gedeckt war und das Thccgcschirr stand.—„Gehen Sie." „Zu Befehl," sagte Kornei, ging aber nicht und begann den Tisch abzuräumen. Nechljudow sah Kornei an und ver- spürte ein häßliches Gefühl gegen ihn. Er wünschte, daß alle ihn in Ruhe ließen, und dabei sthien es. als ob jeder ihm zusetzte._(Fortsetzung folgt.) Nus voll nrnfilmlifthen Lvoche. Auch die musikalischen Osterglocken klingen jahraus jahrein in gclvohnter Weise. Klingt es zu andrer, gewöhnlicher Jahreszeit doch manchmal mit neuen Tönen, so darf man sich wohl wundern, daß gerade diese großen jahreszeitlichen Feste so wenig Anregung zu künstlerisch Neuem bieten, daß also die ihnen zu Grunde liegen- den Kräfte so wenig schöpferisch sind, lieber den musikalischen Ver- lauf dessen, was die päpstliche Kirche z» Rom selber in der Kar- wochc bietet, ist schon viel geschrieben worden; den Mittelpunkt bildet die von düstern Zeremonien begleitete Singung des ans der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammenden ncunstimmigen„Miserere" von Allegri. Bekannt ist die Erzählung, wie der 14 jährige Mozart dieses Stück, dessen Partitur nicht mitgeteilt werden durfte, nach ein- bis zweimaligem Hören genau aus dein Gedächtnis aufschrieb, wonach es veröffentlicht werden konnte; eine Erzählung, die nur versäumt, das Wunderbare dieser Leistung begreiflicher zu machen durch die schiver verineidliche Aunahnie, daß unser Wunder- kind von seinem erzmusikalischen Vater jahrelang im„Musikdiktat" eingeübt worden sei. In unfern Städte» werden der Osterlvoche regelmäßige Wiederholungen bekannter Werke von passender Art ge- widmet, innerhalb wie außerhalb kirchlicher Räume. Von den dies- bezüglichen Darbietungen, die uns in Berlin diese Woche brachte. wählten wir als ein Beispiel das Konzert des W. Freuden- b e r g scheu Chors, schon weil es in seinem Programm auch jenes Miserere hatte, dessen ganze Geivaltigkeit und ivirksame Ein- fachheit, neben andren ähnlichen Stücken ans älterer Zeit, um so mehr hervortrat, als das Programm auch neuere Stücke enthielt, die bei aller äußern Aehulichkeit gerade von jenen Eigenschaften so»venig an sich haben. Unter ihnen war eine Mendelssohusche Psalmkomposition wohl d a S Werk, das sich am mutigsten in Selbständigkeit ergeht; die übrigen neueren Kom- Positionen zeigten viel mehr die iniselbständige Anschmicgnng an da?, ivas von den alten Mustern nachzubilden gelingt; und dieses Ge- lingen Hinwider erschien bei einem Stück von Frendenberg selber noch am größten, bei einem von A. Becker wohl insofern am ge- ringsten, als es am wcuigsteii von der sonst zu fühlenden Innen- kräftigkeit hatte. Daß diese Chorvereinigniig ihre Aufgaben wacker löste, bedarf kaum einer eigenen Hervorhebung oder— Vermutung. Von letzterer sprechen wir ans einem bestimmten Grund. In dem hier benutzten Raum, der Gedächtniskirche, fiel uns dies- mal und häufig eine Unreinheit des Klanges auf. Ich möchte nun verntuten, daß dies nicht an Unvollkonmicnhciten der Aufführung hängt, sondern an einer Eigeuartigkeit der sonst jeden- falls guten Akustik jenes prächtigen Raums. Seine zahlreiche» Wölbungen und Nischen scheinen nämlich gleichsam als Resonatoren zu wirken, die auf einzelne Obertöne in den gesungenen Klängen verstärkend cimvirken und dies in verschiedenen, uamciitlich i» Seiten- Partien des Raums verschiedentlich thun. Diese verstärkten Obertöne eines mehrstimmigen Gesangs geraten nun unharmonisch aneinander als„Mischtöne", zumal wenn es sich um einen künstlerischen Tonsatz handelt. Jedenfalls muß diese Erscheinung schwächer auftreten, wenn die Sänger in„reiner"(natürlicher) Stimmung, und stärker, wenn sie in„temperierter" Stimmung singen; und ich ziveifle[ ein wenig an den« gewöhnlich angenommenen genaueren Einhalten der reinen Stimmung bei unsren Chören; sind ja doch Specialbcstrebungen zu Gunsten dieser Stimmung in Deutschland nicht wie bei den Dom» Solfa-Vcreineit in England vorhanden. Es wäre interessant, von einem eigens auf reine Stimmung eingeschulten Chor ei» Stück singen zu lassen, nachdem man es eben von einem gclvöhnlichen Chor gehört hat, und dieses Experiment ziveimal anzustellen: einmal in einen: gut akustischen Raum mit flacheren Wänden(lvie die Sing- akadcmie einer ist) und dann in einem ebenso akustischen, nur aber wölbungs- und nischcnreichen Raum, wozu natürlich auch derartige Experimente über einzelne Klänge und Akkorde treten müßten. Der weltliche Teil der Ostcrlvochen-Musik tvar zum größten Teil von den, nunmehr zu Gunsten einer größeren Konzertreise beendeten populären Konzerten unsrer Philharmoniker ausgefüllt. Man thut gut, inlwer wieder die Verdienste dieser Konzerte hervorzuheben: vor allem die Verbreitung eines großen Schatzes guter Musik unter ein weites Publikum und die Fixigkeit, mit der dieses Orchester sich in alles findet— fie würden wohl auch, wenn ihnen der stH- rasch ein Stück eigenster Komposition in den Stimmen ausschriebe, es ohne weiteres»ngcfähr ebenso bcrnnterspielcn, wie sie es mit nndren ältesten und neuesten Stücken thun. Man darf aber auch die oft erwähnten Schattenseiten nicht vergessen: das Belassen des Publikums in der Gewöhnung an ein kunterbuntes Fetzenprogramni, in welchem namentlich die Herausreisiungen von Stücken aus.R. Wagners Werke» ein Kunstfrevel, aber freilich gerade für manche Hörer— in München heißen sie„Kellerwagnerianer"— eine besondere Zugkraft find, und dann der ziemlich gleichmäßig pflegmatische Ton, mit dem sie, im Verhältnis zu den Höhen ihres Könnens, unter der gewöhnlichen Leitung zu spielen gezivungen find. So kamen neulich beispielsweise von Beethovens vierter Sinfonie das Adagio und das Trio recht gestaltlos heraus. Sehr dankenswert ivar die Wiederholung der vor kurzem neu erlveckten Ouvertüre von Berlioz zu«Nob Noy": sie gewann beim zweiten Hören. In der vorigen Woche hatten sich die Philharmoniker auch für das Kompositionskonzert eines Ausländers zur Verfügung gestellt, Einige wenige Anslandsgebiete halten zum Teil mit unsrer deutsche» Musik Schritt oder bereichern sie sogar; andre rollen nur eben räumlich auf, was sich bei mis im Zeitenverlauf abgespielt hat, und kommen für uns etwa um 30 Jahre zu spät. Der spanische Kultur- boden gehört derzeit kaum ans irgend einem geistigen Gebiet zu den führenden, ivedcr der mntterländische, noch der besiedelte. In- dustriell oder kommerziell ist von diesem der argentinische Teil an- scheinend im Anfschlvnng, nnisikaltsch ist er es, nach dem Konzert des Herrn Konservatoriuuisdirektors Alberto Willia ms ans Buenos Aires zu urteilen, nicht eben. Es ivar Epigonennuisik; und sie hatte unter der bei uns üblichen Parteinahme für die Musik gegenwärtiger Richtung ebenso zu leiden, wie es zahlreiche Kräfte aus unsrem eignen Land sich müssen gefallen lassen. Gegenüber der Geivöhnnng au alle möglichen Vcrzwicktheiten des Komponierens und des Dirigicrcns hat es ein Mann, der so schlicht und geradehin komponiert und dirigiert, wie A, Williams, ganz bc- sonders schivcr. Aber seine„Miniaturen" für Orchester, eine Gattung, wie sie sonst nur auf dein Klavier häufig gepflegt wird, sind doch trotz manches Bekannten hübsch und als sehr dankbar zn empfehlen. Zivei spanische Lieder waren wegen des fremden Textes schwer zn beurteilen, doch erschien die nicist figurenreichc Begleitung als recht gewöhnlich eine argentinische Volksweise für Orchester er- freute durch die diskrete und sinnige Behandlung. Die genannten Stücke fanden nicht ivenig Beifall, im Gegensatz zn zivei Konzert- ouvertnren, die kaum mehr boten, als was ein musikalisch einiger- niaßcn bcivandertcs Ohr sozusagen von selber weiß. Drei„Oden für Klavier", vom Konzertgeber in etivas Vcrivischter Weise vorgetragen, zeigten wohl am nieisten, daß der Komponist über eine anziehende Oberflächlichkeit nicht recht hinauskommt.— az. Sin„SchviftlkelleL-Ittvilänut". K. O e r t e l schreibt unter diesem Titel in der Beilage zur „Münchener Allgemeinen Zeitung"(18. April ILM): Herr„Leo Brenner",„Direktor der Manora-Sternwarte in Lnssinpiccolo(Qnarnero)" und seit eliva Jahrcsfrist'Heransgeber einer aus allen möglichen Fachschriften und Tageszeitungen zusammen- ge— schriebencn„Astronomischen Lliindschau", ivird genau am 18. August dieses JahreS sein„Läjährigcs Schriftsteller-Jubiläum" feiern. Also verkündet den gläubigen, in mehr als einer Hinsicht bedauernsiverten Lesern besagter Rundschau ein den Vermerk„Ver- tranlich" tragendes Cirkular, in ivelchcm Frau„Fanny M a n o r a, Eigentümerin der Manora-Stcrmvarte", die„zahlreichen Freunde" des Herrn„Brenner" auffordert, sich an dieser wichtigen Feier durch Einsendung von Ziffchriften und Geldbeiträgen(„auch Brief- marken aller Länder werden angenoinnien") zn beteiligen.— Wer ist Herr„Leo Brenner"? Welches sind die Früchte seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die eine solche Feier rechtfertige»? so Ivird sich mancher Leser dieser Beilage verwundert fragen. Lassen wir Herrn Spiridion Gopcevic, dieses ist der wahre Name des Herrn„Direktors", die obigen Fragen selbst beantworten! Vor uns liegt Heft Nr, 05 von Kürschners Büchcrschatz:„Vcata. Roman von Spiridion Gopcevic." lieber den Wert dieses litterarischen Produkts wollen wir hier kein Wort verlieren; was es u»S inter- essant macht, ist die ihm vorausgehende, faksimilierte Autobiographie seines Verfassers, die wir zum Ergötzen nnsrer Leser im Wortlaut hier wiedergeben. Sie lautet wie folgt:„Ein so bewegtes Leben, wie das meinige, auf zwei Schreibseiten zu schildern, erachte ich als ein Kunststück, das höchstens durch Anwendung des Telegrafenstils zuwege gebracht werden kann. Also! Geboren: 9. Juli 1855 im Palazzo Gopcevic, Canal Grande, Trieft. Vater: dort erster Schiffsrceder und Großhändler Oestreichs. Familie: montenegrinisch; von den Venezianern im 17. Jahrh. in den Grafcnstand„erhoben". Studien: öffentliches Gymnasinm Melk, Handelsschule Wien, Konservatorium Wien. Privatstudien: Militaria, Maritima, Historisches, Ethnographie, Geographie, Naturwissenschaften, Linguistik(28 Sprachen, von denen ich 13 geläufig spreche und schreibe). Schriftstellerische Thätigkeit(vom 13. August 1375 bis 18. März 1898): 32 Werke, 2037 Beiträge in 150 Zeitschriften (das anonym oder Pseudonym Verfaßte eingerechnet) und zwar: in 9 politischen, 10 militärischen und maritimen, 21 wissenschaftlichen, 24 belletristischen Zeitschriften und 86 Tagesblättern der alten und neuen Welt. In den Jahren 1889 uiid 1800 auch eine Zeit- schrift und eine Tageszeitung in Wien herausgegeben, anfangs mit Glück, dann durch Wortbrnch des Grafen Tanffe(der Einzeln- vcrkaufslicenz entzog) ruiniert. Reisen: sämtliche Gegenden Europas, ganz Nordafrika, Syrien, Kleinasten. Sibirien, Palästina, Arabien— im ganzen 160 000 Kilometer(welche auf viermalige Umkreisung des Aequators ausreichen würden), darunter über 260 Seereise» auf 25 Meeren. Politische Thätigkeit: 1875 nach Montenegro, um gegen Türken zn kämpfen. Mißlungene Mission nach London behufs An- lehensaufnahme. Mit Fürst Nikita überivorfen, der 1878 Aus- söhnungsversuch macht und mir Ministerresidenten- Posten anträgt. Abgelehnt.(1876 ebenso Garibaldis Antrag, seine italienische Legion in der Herzegowina zu befehligen, abgelehnt.) 1880 als Bericht- erstatter zur albanesischen Liga, mit derselben Abschüttlnng des Türkenjochs geplant, doch überivorfen. 1882 als Bericht- erstatter nach Dalniatien, deshalb verhaftet, 55 Tage gefangen gehalten, zuletzt als unschuldig entlassen. Gleich darauf als Bericht- erstatter»ach Aegypten, wo am Bombardement und Gefechten be- teiligt. 1885 als Berichterstatter nach Bulgarien, wo ich Sitz und Stimme im Staats- und Kriegsrat hatte, ganzen Feldzng gegen Serbien mitmachte, wegen meiner Schilderung der Piroter Gräuel mich mit den Bulgaren überwarf. 1886 bis 1887 der serbischen Ge- sandtschaft in Berlin, 1888 bis 1890 in Wien, in besonderer Mission attachiert. Scktionschef-Stelle im serbischen Ministcrinni des Aenßcrn abgelehnt!(ebenso später Pourparlers wegen Uebernahme be- sonderen Ministerportefeuilles). 1890 infolge Denunziation ziveier Spitzbuben(deren einer dann Zuchthaus bekam) abermals verhaftet (wegen angeblicher Majestätsbeleidigung), aber schon nach 24 Tagen entlassen. Verheiratet: in glücklichster Ehe mit reizender Apothekers- tochter, einer Perle von Hausfrau.(„Ha. wackrer Apotheker, dieses deiner Erzenguisse war gut und süß!") Porträt gleich„Beata" ans 1878 stamniend. Spiridion Gopcevic."— Wie man dieser famoseir Selbstbiographie entnimmt, ist Herr Spiridion Gopcevic, alias„Leo Brenner", in der That ein Tausendkünstler und ein ebenso bescheidener wie wahrheitsliebender, mit einem Wort, ei» recht interessanter Mann. lind Frau Manora? Run, Frau Manora ist niemand anders als das„gute und süße Apotheker-Erzeugnis", wie der Shakespeare- feste Herr Gopcevic sich ebenso klassisch als geschmackvoll ausdrückt. Gleichzeitig des Schriftstellers Gopcevic Gattin und Hausfrau und wiederum des betriebsame»„Direktors" Brenner Brotgeberin und Gönncrin, erfreut also auch sie sich einer Doppeluatur.— Kleines Feuillekon» k. Eine Nacht von 1600 Stunden. Bei der Aufmerksam- keit, die gerade jetzt die Südpolarforschnng allenthalben auf sich zieht, ist ein Bericht von besondrem Interesse, den Adrien de Gerlache, der Führer der rm vorigen Jahre zurückgekehrten Südpolarexpcdition der „Bclgica", in den letzten Nummern'der„Illustration" veröffentlicht hat. In einem fesselnden Abschnitt schildert der belgische Forscher eine„Nacht von 1600 Stunden", die er im Südpolarkreise verbracht hat:„Ein Bruchstück der Sonne erschien uns, dank der Strahlen- brechnng, noch am 17. Mai. Dann begann eine Nacht von 1600 Stunden. In der Mitte des Tages hörte die Dunkelheit jedoch auf, eine vollständige zu sein. Anfangs gegen 9 Uhr und später, zur Zeit der Sonnenwende, gegen 10 Uhr hatten wir eine Art Morgenröte, einen fahlen Scheins dessen schwache Leuchtkraft sich kaum veränderte. Man fühlte, daß diese Morgenröte keinen Tag im Gefolge haben konnte: gegen 3 Uhr erlosch schon die letzte Dämmerung. Aber auch für diesen bleichen Schemen war es noch nötig, daß die Atmosphäre völlig rein war. War der Himmel bedeckt, schneite es, so mußte man die Lampe auch für die Mittagsmahlzcit an- zünden. In dem zerstreuten Licht, das in den wenigen Stunden herrschte, konnte man die Unebenheiten des Eisfeldes nicht unterscheiden, das wie eine große einheitliche Ebene von schmutzigem Weiß erschien. Auf den Spaziergängen, zu denen wir uns aus Gesundheitsrücksichten zwangen, passierte es uns, daß wir gegen die kleinen Eisberge liefen, die sich nicht durch Schatten verrieten. Man schätzte die Eni- fcrnungen und die Größe der Dinge außerordentlich schlecht. Eines Tages glaubte ich in einer Entfernung von etwa 100 Meter eine ziemlich große Kiste zu sehen. Ich war entfernt vom Schiffe und fragte mich, warum man sie dort hingetragen hatte; außerdem war Holz für uns zu kostbar, als daß wir' es vergeude» konnten, ich wurde also ordentlich entrüstet und wandte mich hin... Kaum hatte ich drei Schritte gemacht, so stießen meine Skis an: es war ein kleines Stück Zeitung. Einige Tage darauf, es war noch zn Beginn der langen Winter'nacht, entstand plötzlich ein großer Lärm. Lautes Krache» des Eises in der Nähe der„Belgica" kündigte eine starke Pression an. In der That türmten sich die Eisblöckc auf und schoben sich übereinander. Das Schiff erzitterte, sein ganzes Nippcnwerk vibrierte. Ich war jedoch nicht allzu sehr bennrnhigt, so großes Vertrauen hatte ich zu der Solidität meines guten Schiffs. Und die„Belgica" widerstand dieser harten Prüfung auch in bewundernswerter Weise. Als es wieder ruhig wurde, stellten wir fest, daß sich nur das Vorderteil unsres Schiffs um einen Fuß gehoben hatte und das Wnsserloch im Eise verstopft war, das wir wieder öffnen mußten. Wäre die„Belgica" im Eise zerdrückt worden, so wäre unsre Lage eine schwierigere gewesen als für die Teilnehmer an arltischcn' Expeditionen im gleichen Fall, da die nächste gastliche Küste von unsrem Eise außerordentlich viel tvciter culfcmt war i Fciierlnnd liegt t'on der antarktückei, Jone etwa edrnso entfernt wie Schottland von der arktischen. Ltür ivaren jedoch vom Glück begünstigt. DaS Eisfeld war feftgeschlosien und so kräflig. daß eZ wirlsainen Tchich bot und keine weitere Pression»nS bedrohte.... Die Geschichte imsrer lleberwinternng enthält aber auch ein seür trauriges Blatt. Am Sonntag, de» 5. Juni, zu einer Zeit,>vo in der Heimat die Leute jedenfalls an dem schöne» Sommertag ans der Stadt auf dn-Z Land hinnnSströmten. während bei»»S eine kalte»nd finstere Nacht herrschte, in der Trostlosig- feit imsrer EiSwüste, erschien der Tod an Bord der„Belgien", um»MS unsren Llameraden Daneo z» raitbe». Seit drei Wochen war er erkrankt, eine Herzasfektion hatte ihn befalle». Er hatte auf seine magnetischeu Beobachtungen verzichte» müssen und lag ausgestreckt auf dem Sofa. Zuerst halte sein Zustand uns wenig Besorgnis eingeflößt! aber der Arzt erkannte sehr bald, das; er nicht mehr zu retten war. Wir sahen ihn schnell dahinsiechen, ohne daß er sich glücflicherlveise jedoch über seinen Zustand klar geworden wäre Trotz aller Fürsorge entschlummerte er sanft, am 5. Juni, S'/z Uhr abends. Wir alle beteiligten uns am übernächste» Tage an seinem Begräbnis. Ein großer Sack aus Segelleinwand diente ihm als Leichentuch; er wurde durch ei» Loch, das lvir in das Eis gemacht hatte», hinabgesenkt. ES war eine traurige Leichenfeier i ein scharfer»nd eisiger Wind wehte, und es machte große Mühe, das Lock' zn bohren, durch das der Freund für immer verschwinde» sollte. Aus einem Schlitten wurde die Leiche von vier Männer» zn den, Ort der Bestattung gezogen... ltuser Lebe» gestaltete sich fortan noch düsterer. ES schien, als ob der Tod, der u»S einen Bestich abgestattet, überall seine Spuren und verderbliche» Lciinc hinterlassen hätte. Alle ohne Ausnahme befiel nnS Blut- arnnit und eine tödliche Mattigkeit. Bei allen konstatierte der Arzt Eiltfärbmig der Schleimhäute und beschleunigten Puls. Nach der geringsten Anstrengung hatten»vir oft 140 Pnlsschläge, so schon nach einem einfache» Spaziergang von einer halben Stunde! mehrere von»Iis litte» an Schiviiidelaiifällen. Auch nur ein iveuig an- dauernde geistige Arbeit ivar uns«»möglich geworden, und unser Schlaf wurde durch lauge Zeiten der Schlaflosigkeit unterbrochen. Das war die Wirkung der beständigen Nacht, der deprimierenden Dinikelheit, der Abtvesenheit des Sonnenlichts. Mit welcher Freude wurde daher das Wiedererscheineu der Sonne begrüßt I Am 21. Juli trat dieses Ereignis, ein. Roch erhob sich die Somic nicht über unsren Horizont, aber von der Höhe eines benachbarten Eisberges, den»vir leicht besteige» konnten, sahen wir sie. Bis zur Brücke der „Belgiea" kamen die Strahlen der Sonne herab und vergoldeten die dreifarbige Flagge, die oben am Mäste wehte. Am folgenden Tage wurde die Sonne für einige Mnmten sichtbar. Bon Tag zu Tag erhob sie sich mehr»nd blieb langer. Und mit ihr kam die Gesmidheit zursick und die Hoksnung auf bessere Tage, in dene» das Eisfeld wieder schiffbare Straßen bieten würde"... Hygienisches. — Der Einfluß des P l ä t t e it S f B ii g e l u S) auf de» fteimg ehalt d er Wäsche. Wäsche, die richtig gereinigt wird, soll nach dem Waschen»och in fließendem Waffcr nachgespült Iverdei». Fluß- ll»d Bachwasser ist jedoch stets sehr mit St amen verunreinigt. An sich beim Waschen keimfrei gewordene Wäsche könnte also durch das Spülen iviederum eine Menge Leime (mfnehmen; es fragt sich nun, inwieweit das Bügel» mit dem heiße» Plätteise» diese Leime wieder vernichtet. Diese Frage hat. wie die„Tägl. Rundschau" bericht, Prof. Gaffkh vom Hhgieuischeu Institut der Universität Gießen durch eine« früheren Assistenten Dr. Heinrich Wegner näher prüfe» lasse». Dieser stellte durch Vorversuche zmiächst fest, daß die Birgelremperatur zwischen 1ö0 und 250 Grad CelsiuS liegt. Leinwandstiicke. die mit unreinem Flußwasier und mit iUeiiikiiltiireii von verschiedenen Krankheitserregern(Schtvindslicht, TyphuS, Cholera. Diphtherie. Eiter.'e.j getränkt waren, wurden da»» gebügelt und nach den, Bügeln init Hilfe des 5t»lltirversahrcnS geprüft. ES stellte sich heraus, daß viele Leime, namentlich die als sehr zählebig bekannten Milzbrandsporen durch das Bügeln, selbst bei der zulässigeii Höchsttemperatur von 250 Gr. Celsitts, nicht sicher abgetötet wurden. Dagegen ivare» sämtliche auSgctvachsciieu Leime(also keine Sporen) tot. War das Eisen aber nur gegen 150 Grad EelsinS heiß, eine Hitze, wie sie in der Praxis mizweiselhnft auf cinzelue Wäscheteile häufig mir einwirkt. so Ivurde der Erfolg unsicher oder gering. Auch Tubcrkelbaeillen wurden zwar bei einer Biigeltemperatur von 250 Grad EelsinS ab- getötet, bei einer solchen von 150 Grad Celsius erwiese» sie sich aber nachher im Tierversuch noch lebensfähig, wenn auch i» ihrer Giftigkeit deutlich abgeschwächt. Zu benierken ist noch, daß in trocken gebügelter Wäsche die keimtötende Wirkung dcS Bügeliis noch weniger sich geltend machte, als in feucht gebügelter, und daß ein Bügeln auf beiden Seiten der Leinwandstiicke bcsiere Ergebnisse lieferte, als ein nur einseitiges Bügeln.— Technisches. tc. Verbindung v o n S ch i e n c n d u r ch V e r g i e ß e n. Ii» Laufe der letzten Monate ist bei verschiedenen neuen Straßen- hahiistrccken in Berlin ein von Amerika eingeführtes neues Ber- fahren zur Verbindung der einzelnen Schiene» mit einander Versuchs weise in Benutzung genommen,»nd allem Anschein»ach ivird sich das Verfahren als allen Ansprüchen genügend beivähren. Anstatt .sritit?er Reoacteur: Paul J»h» in Verl« der BerschrMtbiUt.F durch Laschen, welche den Nachteil hat. sich mit der eil zn locker», mib dann das bekannte Anftvßcn der Räder gegen de» Schienentops zn verursachen, wird bei dem»euc» Verfahren ein Wulst von Gnßeiseu um die einfach stumpf voreiiiandcrstoßenden Schicuen-Enden hermngegosse». Zu diesem Zweck ist auf einem Wage», der einer Lokomobile nicht imühnlich sieht, ein vollständiger Ctipolofeu mit Dainpfmaschine lind Gebläse installiert, tvclcher im stände ist. in der Zeit von 1 bis 2 Stunden etiva lOO Verbindungen zn vergießen. Die Forma! zur Hcr- stellung des GnffeS sind zwei entsprechende eiserne Laschen, ivetche die Seiten uiid die Unterkantcn der Schiene» umfassen und imr den 5topf frei lasse», und welche während des Vergießen? durch eiserne L lammern und Zangen ans den Schienen festgeklemmt iverden. Die vollständige Dichtung ivird noch durch gelvöhnUchen Formsand hergestellt. Lnrz nachdem der Eisenguß in derselben Weise ivie in jeder Eisengießerei erfolgt ist, und sich das eingegossene Eisen bis auf Dmikelrotglut abgekühlt hat. werde!« die eifemeu Formen entfernt»nd damit ist die Verbindung der Schienen-Enden in einer Festigkeit her- gestellt, toelche durch Verschraubnng kaum zn erreichen ist. Die Be- fürchtiing, welche man früher gegen eine so innige Verbindung der Schiene» hegte, nämlich die, daß durch die verschiedene Längenans- dehnuilg der Schienen bei Teinperatilrschivanknngen sich ein Versetzen der ganzen Geleisaiilageu ergeben würde, haben sich als übertrieben herausgestellt. Infolge der fast überall in kurze» Enlfernnngen anftrelenden Kurven in der Geleis- anlagc ist ein seitliches Ansiveicheii der Schienen, ivclche die Längen- verätideriing derselben auf die einfachste Weise ausgleicht, fast üver- all genügend mögliib, und auch bei längeren ganz geraden Strecken ntüsse» tvohl solche fast unmerkliche seitliche Ailsbieguugeil genügen. um die Differenz der LängenauSdehuiuig auszugleichen. Man darf erwarten, daß das Verfahren, wenn eö sich auf Straßenbahnen iveiier bewähren wird, auch für die Berbiiiduug der Schieneii bei Vollbahiicu versucht werden wird.— HumoristtschcS. — Poesie nud Prosa. Schauspieler(seine Roll: studrcreildj: Die Schätze, all der Reichtum, den Ihr prahlend zeigt— Behaltet alles dies, für mich Hat's keinen Reiz.., Seine Fr.an(zur Thür heranrufend):„Marius, der Hausherr ist da, er will den HauSzius für die letzten drei Ziele."— („Jugend."» — Protest. F r i> ch g c l> a ck e n o r S ch n st e r t c h r l i» g: „Aber Frau Mccstcr, Sie«verde» mir doch»ich schon in de» Flitterwoche» meiner Lehrzeit hauen tvolleu? l"— Notizen. — In der„Deutschen Gesellschaft f ii r V o l k S t ü m- l i ch e Naturkunde" hält Pros. Jäkel am Freitag, den 20. ds.. abends 8 Uhr, im Bürgersaal des Rathauses einen Vortrag„ U e b e r den Körperbau der Wirbeltiere"; ei» VortragseykluS über„Allgemeine Botanik" wird am Dienstag, de» 24. ds., im Hörsaal deS„Botanischen MuseimiS" von Prof. S ch u n» a n» eröffnet.— — A ii g n st B» n g e rt hat sein Miisitdrama N a u s i k a a" vollendet. ES wird ivahrscheinlich im Dresdner Hoftheater seine Erstanffiihrnng erleben.— — Siegfried Wagner soll einen Stoff aus der Geschichte der f r a» z ö> i s ch c n Revolution zu einem Mnsikdrama ge- wählt habe».— — Im K a r l s r n h e r Hoftheaicr soll, wie da?„Verl. Tagebl." berichtet, am 29. April eine Neueiilstndieruiig von GoetheS„Götz von B e r l i ch i n g e n" in Scene gehen, der zum erstenmal au stelle der ans den Bühnen gaiigvareii abgeschivächten Theater- bearbeitniig von 1804 der alte klassische Götz von 177?. nach der'erstell Dritckansgabe dieses Jahres, zu Grunde liegeit wird.— — Die Zahl der katholischen politischen Zeitungen und kirckilicki-politische» Zeitschriften ist im Deutschen Reich von 136 im Jahr 1830 auf 272 im Jahr 1890 und 419 im Jahr 19 00, darnntcr die der wöchentlich sechsmal und öfter er- scheinenden Blätter von CO im Jahr 1880 ans 94 im Jahr 1890 und 17 1 im Jahr 1900 gestiegen.— — Die i u t e r n n t i o ii a l e a st r o n o m i s ch e Gesellschaft ivird ihre 18. ordentliche Versammlung in der Zeit vom 8. bis 11. August d. I. in Heidelberg abhalten.— tc. Die größte L o k o m o t i v e d e r Welt ivird demnächst die Brookssche Fabrik in Dmikirk, Nordamerika fertigstelle». Es ist eine Güterzngmaschiiir, die ciiischlicßtich des Tenders 20 Meter lang ist, und 3300 Eentncr wiegt. Sie wird auf ebener Strecke einen Lvhwnziig von 100 Wagen mit einer Fahrgeschtvindigkeit vo» 50 Kilometer in der Stunde ziehen könitcu.—_ Die nächste Nummer de? UnterhaltnilzsblattS erscheint am Soiintag. den 22. April. .. Drnci nil!» Vertag von'2}tat Babing tu Berlm.