AnttrhattungMatt des Vorwärts Nr. 78. Sottnwg. den 22. April 1900 (Nachdruck virboten) 18] Mttfovstebuttg. Roman von Leo Tolftoj. Als Kimiei mit dem Geschirr fortgegangen war. wollte Nechljudow zum Samowar treten, um Thee zu trinken,-aber als er Agrafena Petrolvnas Schritte hörte, ging er schnell, um sie nicht zu sehen, ins Gastzimmer und schloß die Thür hinter sich. Dieses Zimmer, das Gastzimmer, war dasselbe, in welchem vor drei Monaten seine Mutter gestorben tvar. Als er jetzt das Zimmer betrat, das durch zwei Lanipen mit Reflektoren erhellt war— die eine vor dem Porträt seine? Baters, die andre vor dem der Mutter— erinnerte er sich seiner letzten Beziehungen zur Mutter, und diese Vc- Ziehungen erschienen ihm unnatürlich und widerwärtig. Auch das war schändlich und häßlich. Es fiel ihm ein. wie er in der letzten Zeit ihrer Krankheit geradezu ihren Tod gewiinscht hatte. Er sagte sich, daß er ihn deshalb gcivnnscht hätte, damit sie von ihrem Leiden erlöst würde, aber in Wirklichkeit hatte er es gcthan, damit er selbst vom Anblick ihres Leidens befreit würde. Im Wunsche, eine angenehme Erinnerung an sie in sich lvachznrufen, schaute er ihr Porträt an, das für fünf- tausend Rubel von einem bedeutenden Maler gemalt war. Sie war in schwarzem Sammetkleide, mit entblößtem Busen dargestellt. Der Künstler hatte augenscheinlich mit besonderer Sorgfalt den Busen, de» Zwischenraum zwischen beiden Brüsten, die Schultern und den Hals mit blendender Schönheit gemalt. Das war nun vollends schändlich und häßlich. Ab- scheulicher Hohn lag in dieser Darstellung der Mutter als halbcntblößte Schönheit, und der Hohn war uin so verabscheunngSwürdigcr, als in diesem selben Zimmer vor drei Monaten dieselbe Frau, ausgedörrt wie eine Mumie, und dabei nicht nur daS ganze Zimmer, sondern sogar das ganze Hans mit qualvoll widerlichem, durch nichts zu vertreibendem Geruch erfüllend, gelegen hatte. Es kam ihm vor, als wenn er noch jetzt diesen Geruch spürte. Und ihm fiel ein. Ivie sie am Tag vor ihrem Tod seine starke weiße Hand mit ihrem knöchernen schwärzlichen Händchen ergriffen, ihm in die Augen geschaut und gc- sagt hatte:„Verurteile mich nicht, Mitja, tvemi ich das nicht gethan habe." Dann waren in ihre von Leiden trübe gctvordcnen Augen Thräuen getreten.„Diese Abscheulich keit!" sagte er sich noch einmal mit einem Blick ans die halbcntblößte Frau mit herrlichen Marmorschnltcrn und Marmorhäuden und einem siegreichen Lächeln. Die entblößte Brust ans dem Porträt erinnerte ihn an ein andres junges weibliches Wesen, das er neulich ebenso entblößt gesehen hatte. Das war Missi gewesen, die sich einen Vorwand erdacht, um ihn abends zu sich zu bitten, damit sie sich ihm in dem Kleid zeigen könnte, in dem sie zn Ball gehen wollte. Er dachte mit Abscheu an ihre schönen Schulter» und Arme. Und dann dieser rohe, sinnliche Vater mit seiner Vergangen heit. seiner Grausamkeit, und die schöngeistige Mutter mit ihrem zweifelhaften Riff. Alles daS war abstoßend und gleichzeitig schändlich. Schändlich und häßlich; häßlich und schändlich. „Stein, nein," dachte er,„ich muß mich frei machen! frei machen von all diesen verkehrten Beziehungen zu KortschaginS, zu Maria Wassiljctvna, zur Erbschaft und zu allem übrigen... Ja. frei atmen. Ins Ausland fahren, nach Rom, mich mit meinem Gemälde beschäftigen." � Er gedachte seiner Zweifel an seinem Talent... Ach, das lvar alles einerlei; nur frei aufatmen. Zuerst nach Konstantinopel, dann nach Rom, nur sich schnell der Obliegen- heilen als Geschworuer entledigen. Und die Geschichte mit dem Advokaten in Ordnung bringen. Und plötzlich drang mit ungewöhnlicher Lebendigkeit die Gefangene mit den schtvarzen schielenden Augen in seine Ein- bildungskraft. Wie hatte sie geweint, als den Angeklagten zuletzt das Wort erteilt war! Er zerknüllte schnell die aus- gerauchte Cigarre im Aschenbecher, löschte sie aus uud zündete eine andre au und begann im Zimmer ans und ab zu schreiten. Und einer nach dem andern begannen alle Augen blicke, die er mit ihr verlebt, in seiner Vorstellung zn erscheinen. Er erinnerte sich deS letzten Zusammentreffens mit ihr, der Leidenschaft, die ihn damals gefangen hielt, und der Enttäuschung, die er dann erfuhr. Er dachte an ihr weißes Kleid mit blauem Band, dachte an den Früh- gottesdienst.„Ich Hab' sie doch geliebt, aufrichtig geliebt, mit guter, reiner Liebe in jener Nacht: Hab' sie auch früher schon geliebt: und wie Hab' ich sie geliebt, als ich zum erstenmal bei den Tanten wohnte und mein Werk schrieb!" Und er stellte sich in der Erinnerung so vor, wie er damals gewesen ivar. Ihn ivehte jene frische Jugend und Fülle des Lebens von damals wieder an, und ihm wurde quälend traurig zu Mute. Der Unterschied zwischen demjenigen,'der er damals gc- Wesen war, und dem, der er jetzt war, war ungeheuer, war ebenso groß, wenn nicht noch größer, als der Unterschied zwischen K'atjnscha in der Kirche und dem Mädchen, welche? sie heute morgen verurteilt hatten. Damals war er ein mutiger, freier Mensch gewesen, dem sich unendliche Möglichkeiten eröffneten: jetzt fühlte er sich ans allen Seiten im Garn eines dniniiien, leeren, ziellosen, nichtigen Lebens verstrickt, aus dessen Fäden er keinen Ausweg sah und in der Hauptsache auch keinen finden wollte. Er erinnerte sich, wie er einst auf seine Aufrichtigkeit stolz gewesen war. wie er sich einst zum Grund- satz gemacht, immer die Wahrheit zn sagen und wirklich wahrhaftig gewesen war, und wie er jetzt ganz in der Lüge drin stak— in der allerschrccklichsten Lüge, in der Lüge, die von allen Leuten seiner Umgebung als Wahrheit anerkannt wurde. Und ans dieser Lüge gab cS keinen Ausweg— wenigstens sah er keinen. Er hatte sich mit ihr beschmutzt, sich an sie gewöhnt, sich mit ihr verzärtelt. Wie konnte er sein Verhältnis zu Maria Wassiljewna, zu ihrem Manne so lösen, daß er sich nicht schämen mußte, ihni und seinen Kindern in die Augen zu sehen? Wie sein Verhältnis zn Missi ohne Lüge lösen? Wie aus dem Wider- sprach zwischen der Anerkenunng der Unerlanbtheit des Grundeigentums und dem Erbbesitz von der Mutter her sich heraus- winden? Wie seine Sünde gegen Katjuscha wieder gut machen? Denn so konnte es nicht bleiben.„Ich darf nicht ein Weib verlassen, das ich geliebt habe, und mich dannt be- gnügcn, daß ich dem Advokaten Geld gebe und sie vomZucht- Haus befreie, das sie gar nicht verdient. Eine Schuld mit Geld wieder gut machen, ist dasjenige. was ich damals that, als ich meine Pflicht zu crsüllen glaubte, indem ich ihr Geld gab!" Und er erinnerte sich lebhaft des Augenblicks, wo er ihr im Korridor nachgeeilt, ihr das Geld eingesteckt hatte und sortgelanfe» war.„Ach, dieses Geld!" dachte er nüt Schreck und Abscheu, gerade so wie damals, an jenen Augenblick.„Ach. diese Schändlichkeit!" sagte er, gerade wie. damals, plötzlich staut.„Nur ein abscheulicher Mensch, ein Nichtswürdiger konnte das thnu! Und ich, ich bin dieser Abscheuliche und Nichts- .würdige!" sagte er laut.„Ja, bin ich denn wirklich, in der That"— er hielt im.Gehen an—„bin ich tvjrklich. in der That ein richtiger Nichtswürdiger? Aber was denn sonst?" antwortete er sich.„Und ist es etwa das allein?" fuhr er fort, sich zn überführen.„Ist etwa Dein Verhältnis zu Maria Wassiljewna und?u ihrem Manne keine Schänd- lichkeit und keine Gemeinheit? Und Dein Verhältnis zum Hab und Gut? Unter dem Vorwande, daß das Geld von der Mutter herrührt, genießt Du den Reichtum, den Du für unerlaubt hältst? Und Dein ganzes.müßiges, häßliches Leben? Und als Krone des Ganzen-- Dein Verfahren mit Katjuscha. Nichtswürdiger, abscheulicher Mensch! Sie, die Leute mögen über mich urteilen, wie sie wollen: sie kann ich betrüge», aber mich selbst betrüge ich nicht." Und er begriff plötzlich, daß die Abneigung, die in der letzten Zeit gegen di� Menschen gefühlt, und besonders heute gegen den Fürsten und gegen Sofja Wassiljewna, und gegen Missi, uud gegen Kornei gefühlt— Abneigung gegen sich selbst war. Und wunderbar r in diesem Gefühl der Anerkennung seiner Gemeinheit lag etwas Krankhaftes und gleichzeitig Freudiges und Beruhigendes. ES war schon mehnnals im Leben mit Nechljudow daS- jenige vorgegangen, was er eine„Seelenreimgung" nannte. Er naqnte aber Seeleureinignng den selischen Zustand, in welchem er plötzlich, nach bisweilen großem zeitlichen Zwischen- räum eine Nerlangsamung, bisweilen aber auch ein Aufhören seines Innenlebens bemerkte und sich daran machte, diesen ganzen Schmutz auszukehren, der sich in seiner Seele angehäuft und der die Ursache jenes AufHörens war. Nach solchem Erwachen machte Nechljudow sich stets zur Regel— was er schon immer hatte thun wollen— ein Tage- buch zu führen und ein neues Leben zu beginnen, das er nie mehr zu ändern hoffte. Aber jedcsn?al verführten ihn die Lockungen der Welt, und er fiel wieder, ohne es zu bemerken, oft tiefer, als er früher gestanden hatte. So hatte er sich mehnnals gereinigt und erhoben: so war es ihm zum erstenmal ergangen, als er im Sommer zu den Tanten kam. Das war das allerlebhafteste, begeistertste Erwachen. Und seine Folgen dauerten ziemlich lange. Dann fand eben solches Erivachen statt, als er aus dcnr Staatsdienst ausgetreten und im Wunsche, sein Leben zu opfern, zur Zeit des Kriegs in Kriegsdienste getreten war. Aber da ging die Verschmutzung sehr schnell vor sich. Tann fand ein Erwachen statt, als er seinen Abschied nahm, ins Ausland ging und sich mit Malerei zu beschäftigen begann. Von der Zeit an bis zum heutigen Tage war eine lange Zeit ohne Reinigung vergangen, und deshalb war er noch niemals zu einer solchen Verschmutzung, zu einem solchen Zwiespalt zwischen dem. was sein Gewissen forderte, und dem Leben, welches er in Wirklichkeit führte, gelaugt; uud er erschrak, als er diesen Abstand sah. Dieser Abstand war so groß, die Verschmutzung so stark, daß er im ersten Augenblick an der Möglichkeit einer Reinigung verzweifelte.„Ich habe ja schon versucht, mich zu vervollkommnen und zu bessern, und es ist nichts dabei herausgekom- m en", sprach in seiner Seele die Stimmme des Verführers,„also wozu es noch einmal versuchen Nicht du allein, sondern alle führen solches Leben," sagte diese Stimme. Aber das freie geistige Wesen, welches allein wahrhaftig, allein mächtig, allein ewig ist, war schon in Nechljudow erwacht. Und er konnte nicht anders, als ihm glauben. Wie ungeheuer auch der Abstand war zwischen dem. der er war. und dem. der er sein wollte— dem erwachten geistigen Wesen erschien alles möglich. „Ich zerreiße diese Lüge, in die ich verstrickt bin, waS es mir auch kosten mag, sage all und jedem die Wahrheit uud handle nach der Wahrheit," sagte er laut, entschieden zu sich. —„Ich sage Missi die Wahrheit, daß ich ein Wüstling bin und sie nicht heiraten kann und sie nur umsonst beunruhigt habe; ich sage Maria Wassiljewna, der Frau des Adelsmarschatts — nein, ihr habe ich nichts zu sagen, ich sage ihrem Manne, daß ich ein Nichtswürdiger bin uud daß ich ihn betrogen habe; und über die Erbschaft werde ich so verfügen, daß ich die Wahrheit anerkenne. Ich werde ihr, Katjuscha, sagen, daß ich ein Nichtswürdiger und vor ihr schuldig bin. uud»verde alles thun, was ich kann, um ihr Schicksal zu erleichtern. Ja. ich iverde sie»viedcrsehcn und werde sie bitten, nur zu verzeihen. Ja, ich werde um Verzeihung bitten, wie Kinder um Verzeihung bitten." Er blieb stehe». „Ich lverde sie heiraten, wenn es nötig ist." Er blieb stehen, faltete die Hände auf der Brust, wie er «8 gethan, als er ein kleiner Junge war. hob die Augen in die Höhe und sagte: „Lieber Gott, hilf mir, belehre mich, kehr bei nur ein und reinige mich von aller Unsauberkcit." Er betete, bat Gott, ihm zu helfen, ihn zu läutern; uud inzwischen war' das, um was er bat, schon geschehen. Erfühlte nicht nur Freiheit, Mut und Lebensfreude, sondern fühlte die ganze Macht des Guten. Alles, alles Gute, was ein Mensch nur thun kann, fühlte er sich jetzt im stände aus zurichten. In seinen Augen waren Thräncn, als er sich das sagte; gute Thräncn und schlechte Thräncn; gute Thränen deshalb, weil cS Frcudcnthräncn waren über das Erivachen des geistigen Wesens in ihm, welches die ganzen Jahre hindurch in ihm geschlafen hatte; und schlechte Dränen deshalb, weil es Thräncn der Rührung über sich selbst, über seine Tugend waren. Ihm wurde heiß. Er trat zum Fenster, aus dein die Vorsatzfcnster heransgcuomnicu waren, und öffnete es. DaS Fenster ging auf den Garten hinaus. Draußen war eine stille frische Mondnacht: auf der Straße donnerten Räder. dann ward alles still. Gerade unter dein Fenster war der Schatten von Zivcigen einer. Höchen kahlen Pappel sichtbar. die mit alll ihren Nebenästen deutlich auf den: Saude der sauber gefegten Terrasse lag. Links war das Dach eines Schuppens, das im hellen Mondlicht weiß erschien; vorn schlangen sich Baumzweige ineinander, hinter denen der schwarze Schatten des Zaunes sichtbar wurde. Nechljudow schaute auf den mondbeschienenen Garten und das Dach und auf den Pappelschatten und spürte und atmete die anregende frische Luft. „Wie schön, wie schön, mein Gott, wie schön!" sagte er von dem, was in seiner Seele war., Neunundzwanzigstes Kapitel. Tie Maslowa kehrte nach Hause in ihre Zelle erst um sechs Uhr abends zurück, müde, mit schmerzenden Füßen nach dem ungewohnten Marschieren über fünfzehn Werst auf dem Pflaster und obendrein vernichtet durch das unerwartet strenge Urteil, und hungrig. Als. noch während einer Pause in der Gerichtsverhand- lung, die Wärter neben ihr einen Imbiß aus Brot uud hart- gesottenen Eiern einnahmen, lief ihr das Waffer im Munde zusammen, und sie fühlte, daß sie hungrig sei: aber jene zu bitten, hielt sie für demütigend. Ms aber hiernach noch drei Stunden vergangen waren, hörte sie schon auf, sich Essen zu wünschen; sie fühlte nur Schwäche. In diesem Zustande vernahm sie das unerwartete Urteil. Im ersten Augenblick dachte sie, daß sie sich verhört hätte; sie konnte nicht sofort glauben, was sie gehört, konnte mit denr Begriff einer zu Zwangsarbeit Verurteilten nicht zurecht kommen. Aber als sie die ruhigen, geschäftsmäßigen Gesichter der Richter und der Geschworncn sah, die diese Verkündigung ivie etwas ganz Natürliches entgegennahmen, geriet sie in Empörung und schrie durch den ganzen Saal, daß sie un- schuldig sei. Als sie dann ebenso sah, daß auch ihr Schrei als etwas Natürliches, Erwartetes aufgefaßt würde, das an der Sache nichts ändern könnte, begann sie zu weinen im Gefühl, daß sie sich mit der grausamen, erstaunlichen Ungerechtigkeit, die ihr widerfahre» war, aussöhnen müsse. Es setzte sie ganz besonders in Erstaunen, daß Manns- leute sie verurteilt hatten— junge, nicht alte Männer; eben dieselben, die immer so freundlich nach ihr hin- geblickt hatten. Einen— den stellvertretArden Staatsanwalt — hatte sie in ganz andrer Stimmung gesehen. Während sie in Erwartung des Gerichtshofs iiu Arrestantenzimmer saß, und auch wahrend der Pausen in der Verhandlung, hatte sie gesehen, wie diese Mannsleute, indem sie sich stellten, als kämen sie zu einem andren Zwecke, an ihrer Thür vorüber- gegangen oder auch ins Zinimer getreten waren, nnr um sie zu besichtigen. Und nun verurteilten diese selben Manns- Personen sie plötzlich aus irgend einem Grunde zur Zwangs- arbeit, obgleich sie in der Sache, deren man sie de- schuldigte, unschuldig war. Sie weinte. aber dann saß sie still, fast vollständig stumpfsinnig in dem Arrestanten- zimmer und wartete auf ihre Abfertigung. Sie wünschte jetzt nur eins: zu rauchen. In diesem Zustande trafen sie die Botschkowa und Kartinkin, die nach dem Urteilsspruch in das- selbe Zinnner geführt wurden. Die Botschkowa begann Masiowa sofort zu schelten und eine Zuchthäuslerin zn nennen. „Was haste nun davon? Haste Dich freigcrcdet? Freilich biste nicht diirchgekoiiniic», Dirne! Was De verdienst, haste jetzt weg! Lei der Zwangsarbeit wüste die feinen Manieren schon ablegen!" iFortsetzung folgt.) Sottntngsptaudvvri. Der Asphalt blüht Ivicder. Sein n» Sobom eriiincriider Gc- rnchstcmli ivcht zwischen den steile» Hänierabhnngen und bettet sich da»» in den Schleiinhnnten der geduldigen Aasen der Großstadt- »icnschcn. Das ist die Lenzfrnchtbarkeit der unorganischen Ratnr. Unten an den Hnnleni Ivachscn nnS den Man er» die grauweiße» oder rotgestrcifteii Ricsenbliiteu, die sich dachartig über die Echan- fensler breite»»nd die hinter ihnen gcslapelle» Schätze vor de» ein- särbenden Strahlen der Sonne schützen: die Marqiiise» sind die Krähliugöliluineu der Ciltz. Die Jiidustrie erzeugt der Stadt die FrühlingSgcwandnng, wie für die kleinen Müdchen daS Jubclgefühl' der liiospeiidni Zeit sich dann und darin entfaltet. daß sie zum crstcinual wieder den dicken gestrickten Wollunterrock ausziehen. Die größeren Mädchen der Stadt wenden besorgt ihr Antlitz vor dem scknncichelnden«oselicht, sie hülle» sich i» dichter» Schleier vo» Tüll. Puder und Fettschiniakt; den» dieser sanft werlnnide Gesell läßt mich die Sommersprolk» treibe» und schadet der Haut. Draußen aber, allwo eS noch andre Tiere l�iebt als Accn- mulatorcn, erwacht in den Lüsten ein unendliches Singen und Zwitschern. Wenn das Gemüt sich die köstliche Schweigern erlaubt— sie ist selten in der Ueberksast moderner' Arbeit— für Minuten völlig zu schweigen und tief zu lauschen, dann thnt sich eine neue junge Welt auf. Wie aus Märchenfernen schwebt sich ein wundersames Zusammenklingen zarter Vogclstiuimcn. die ineinander weben und flattern wie das Laub der Buche im leisen Wind. Und der Hahn kräbt unablässig, daß er, wenn nicht schöner, so doch lauter zu singen verstehe, als das ganze leichtfertige Vogelpaek zusammen. In der Stille erst redet die Natur, und der Mensch von heute, der niemals den Weg zu sich selbst findet, erstaunt über die plötzliche Entdeckung tausendfältiger Schönheit, für die er sonst weder Ohr noch Auge gehabt. Die pausbäckigen Knospen der Kastanie erzählen ihm liebe, lustige Kindergeschichtcn, die sich reckende» Blätter werden ihm zu dicken, rankenden Armen und der feuchte Glanz, der ans der hellen, in bebender Sehnsucht sich entfaltenden Hülle schimmert, scheint ihm wie ein Auge, das in Freuden weint. Wenn die Nacht kommt, strömen die Balsampappcln geheiiimisvollen Duft, als wollten fie den Don, der Welt Iveihen für das Fest des Erwachens. Die Stille raunt von unermefilicher Scligkeir. Am nächsten Morgen aber schliefst das Wunder des Schweigens scheu den Kelch. Ans der Stadt rollen in lückenloser Folge zwei-, drei-, vierfach neben ein- ander auf geraden Straszen die Fahrräder, die jungen glänzenden Blätter der die Wege säumenden Vamne erblinden im Staub, niemand hört mehr die Bögel, imd das Motorgcfährt, der schreckliche Hai der aus Berlin führenden„Prachtstraszeu", stürmt toll in pfauchendem Lärm zwischen die ängstlich fliehenden menschliche» Motorc— Furcht. Schrecken und Benzingcrnch um sich verbreitend. Die Störche, die oben im sonnigen Blau segeln, von. niemand beachtet— der Radler denkt nur an die Lenkstange— können getrost wieder nach Egypten zurückfliegen; sie sind entbehrlich, denn ihr Geschäst wird sicher demnächst durch Motore ersetzt.... Unser heimischer Frühling ist übrigens nur noch für die Proletarier da. Die Leute von gebildetem Besitz esse» keine Kirschen, ivenn sie auch in Werder reif sind. Frische Erdbeeren schmücken im Dezember ihre Tafel, im Frühjahr sind sie bei den Weintrauben angelangt, und im Hochsommer speisen sie Schneehühner. So genicfien sie a»ch die Jahreszeiten zum mindesten ein paar Wockie» früher als die Menschen, die nur das formale Recht aber nicht die Möglichkeit lustiger Freizügigkeit haben. Wenn wir ihnen entzückt von dein erste» warmen und hellen Frühlingsmorgcn schwärmen, zucken sie verächtlich: Ach, da» habe» wir schon im Februar viel schöner gehabt. Zeige» wir ihnen begeistert die schlanken, bunten KrokoSblinncn, die in den Vorgärten sich eben von der Erde aufrichte», als Ivolltcu sie daS Geben lernen, so erklären sie n»S hochmütig, sie wären schon vor sechs Wochen zwischen Rosen gewandelt, und sie sprechen von Ajaccio, Capri, Rom. Neapel, von der Rivicra, und wie sie in Monaco schcnstlichcs Pech gehabt. Seitdem der wirtschaftliche Ans- schwnng Dentschland vergoldet erlebt jeder rechtjchasfene Deutsche den Frühling nicht auf dem Spittelmartt, ja nicht einmal i» Neu- babelsbcrg, sondcni dort unten n» Süden. Nur iver die Sehnsucht kennt! Auch ich kann eS durch meinen Militärpast beweisen, dast ich ein Deutscher bi». Auch ich bin ein Zrilgcnojse dcS wirtschaftlichen Auf- schwungs. Aber merkwürdig, so oft icki auch des Abends mit der sicheren Erwartmig zu Bett ging, am Morgen in Nizza aufzinvache», das Naturgesetz, das den Dcnljchcn i» der Aera des wirtschaftlichen AnfschivmigS zwingt, de» Frühling am Mittcl.neer zu erleben, machte bei mir eine unheimliche und niibegrcislichc Ausnahm«. Ich blieb am Spittelmartt hnitc». und das Höchste war Schlachtensee; hier stellte das Naturgesetz seine Funktioiicii ei», ich kam trotz des Ivirtschastlichc» Airfschtvimgs nicht weiter. Ich musstc warten, bis es dem Norden gefiel, den späten Frühling ins Land zu lassen. Nachdem ich aber endgültig da» Beringen des Nalnrgcsetzes in meinem Fall erkannt. nachdem ich mich mit dein schmerzhafte» Verzicht vertraut gemacht, das; ich auch heuer nicht an die Rivicra reisen würbe, cutschlos; ich»lich, die Rivicra nach Berlin kommen z» lassen. Und das Mittclmeer strömie in der That»ach Berlin,»ud ich habe so doch de» südliche» Frühling genossen. Dabei kostete diese Reise nur ein paar Pfennige, so dag mein loirtschastlicher Anfschivung für den Zweck vollkommen ausreichte. Wollt Ihr das Rezept solcher wohlseilcn FrühlingSfahrt kennen kernen? Nichts einfacher als dies. Ich habe mir die Fremden- listen der Rivicra schicken lassen,»»d indem ich sie studierte, fühlte ich mich in südlicher Sonne, ich tollte mit im Karneval von Nizza, und am grünen Tisch zu Monaco durste ich das Zehnfache meines ertrännuen Vermögens verliere». EL sind g roste und interessante Blätter, diese Fremdeiilistcn, die sich vctitc!»:„La vis pvatique. Courrior des £t rangen. Organe des Str.tions Uivemales de la cötc d'.iznr, publiaut seid la liste göuörsie ofticiello des etrangers sur tont Je littoral. Nice, Cannes, Mcnton, Jlonneo, Mouto-Garlo, Beaulieu, St-Eapliaiil, Grassc, Hyeres, Juau-les-Pius, Tamaiis, Ajaccio, San Remo, Bordighera, Ospedideiti etc."— Es jauchzt das Herz, ivenn es nur die Namen hört: Nizza, EanneS, Monte Carl», San Remo. Bordighera... Jndesien nicht nur die Zauber deS Mitielineersrühling» erstehen in diese» Blätter», der internationale Kapitalismus, der geniestt, taucht ans mit all seinen verwüsiendett Lndentchastcu. Tie ganze Welt hat ihre Aristokraten drS Besitzes hierher gesandt. Handel, Industrie und Grostgrundbesitz sind ans diesem Parlament des GennsseS vertreten, Offiziere mid Staatsmänner, Bankiers und Sprößlinge des Fendaladels drängen sich zivischen den männliiben und lueibiichen Abenteurern, den Wegelagerern der Spieltische. Die Fremdenlisten sind verräterisch, wenn auch die edel geborenen oder edel gewordenen Herren und Damen häufig inkognito reisen. Niemand fragt in Monte Carlo nach dem wirklichen Namen. Gleichwohl läßt sich mancherlei ans den endlosen Liste» lernen, vor allem die Erscheinniig, dast gerade die Deutschen auf- fällig zahlreich sifid: der wirtschaftliche Änfschwnng ist doch eine Thatsache. Und was sollte so ein deutscher Ansschlviingling Besseres thnn, als zur Hebung der ivirtschaftlichen Verhältnisse von Monaco beizutragen, als der Nervenbrunft sinnlosen Spiels zu stöhnen, das für die einen ein Bergenden, für die andern ein Erwerb ist! Die Arbeit und die— Politik der ganze» Erde»mst für den Spieltisch von Monte Carlo stencrn, wo die Harmlosen der Gesellschaft ihre Friihliiigsgesiihlc kultiviere». Wenn man die Fremdenlisten aus dem Paradies des Spiels dttrchmustcrt. so fühlt man sich förmlich geadelt— so vornehm ist die Spieltischrunde. Da ragen die Berliner Herzöge der Finanz, die Bleichröde», Schlvabach und Goldberger. Da flutet aber auch daS blauefte Blut preustisch-deutschcr Aristokratie, diese Prinzen, Grafen und Barone, die den Familien derer von Helldorf, Hatzfeld, Hohenthal, BaNcslrcm, Hohenlohe, Königsmarck angehöre». Ein tüchtiger Statistiker, der zugleich ein bistchen Knlturhistoriker und Politiker sein müstte, sollte cininal eine Saison von Monte Carlo in zuverlässigen Zahlen und Namen gründlich darstellen— man würde eine Triebfeder politischer Strelmugen erkennen. Leichen- gernch mischt sich in den Frühling der Reviera. Es sind nicht nur die ausgeraubten Spieler, die man eines Morgens oben au einem Baum mit einem Strick um den HalS oder unten auf dem Boden mit einem Loch in der Schläfe findet— das ist eine bedeutungslose Bernfskraiikheit jener Gegend—, auch die glücklich Geniesteuden schleppen mit sich»»sichtbar die Opfer, die ihnen das schlvellende, üppige Leben erarbeitet haben. Nein, ich will lieber den Frühling verspätet genicsten und mir im April genügsam Weidenkätzchen ins Wasser stellen— statt der rauschende» Pracht dort unten. Ich kehre von der Riviera zurück: ich lege die aufrührerischen Fremdenlisten beiseite. Sie möge» gut zum Frühstückspapier für den Buben diencii, der gestern zum erstenmal in die Schule gegaugen und das erste Mal etwas vom lieben Gott erfahre» hat. Ein Buch über Deutschlands Seegeltuug hat er bisher noch nicht als Prämie erhalten; cS ist aber auch erst der zweite Tag seines Eindringens in die Wissenschaft. Michaeli, hoffe ich. wird er die Prämie kriegen.— Joe, Kleines �euillekon. — Set Grimdriff der deutschen Städte. In einer interessanten Studie über de» Grundrist der deutschen Städte hat, wie wir der „Köln. Ztg." entnehmen, Otto Schlüter in geschichtlicher Reihen- folge die lulchtigstc» Formen zusammengestellt, die in de» Plänen der deutschen Städte iviedcrkehreu. Als die'ältcsten Städte ans deutschem Bodcnr erscheinen die römischen Niederlassungen ini Rheingebiet und in Obcr-Dentschland. Sie zeigen überall die gleiche Form des römischen Lagers. Im Anschlust an diese röniischen Siedlungen haben sich dann in deutscher Zeit eine Reihe von Städten entwickelt. Das gleiche geschah bei zahlreichen militärischen oder kirchlichen Gründlingen, mid endlich entwickelten sich einige Städte aus Dörfern. Die Anlage ist bei all diesen Orten sehr verschieden: nach Meiinmg von Schlüter scheint es, als ob unter Bevorzugung der radiale» An- ordinnig der Strastcn eine weitgehende Anpassung an örtliche Ber- hältnisie siattgcsnndcu hätte. Die Strastcn dieser Städte sind fast anSnahmSlvS gewunden. Im weiter» Verlans deS Mittelalters traten dann tvieder Grundrisse auf. die unter der Herrschaft der gerade» Linie und deS rechte» Winkels standen; so in verschiedenen Formen bei de» Zähringer Städten in Baden sowie in einem der Haupt- sacbe nach gleichen Schema bei zahlreichen Städten und Stadt- teile» des ivestelbische» Deutschlands. Dieses dem römischen Lager nicht»»ähnliche Schema, das hier in Anwendung kam, wurde bei der Gcrmamsicnmg des Ostens auch dorthin übertragen »ud findet sich daher auch in fast allen ostdeutschen Städte». Die Siadtcrweiternngcn dcS späteren Mittelalters nahmen dann vielfach, auch im Osten, wieder die imregelmästige Form der alten lvesldeiilschcn Städte an. Im 17. Jahrhundert begannen deutsche Fürsten Städtegriindinigeu. die wieberm» mathematische Forme» zeige»; das beliebteste Motiv war das Schachbrelt-Muster « Mannheim, Hanau usw.). daneben finden sich andre schrmatische Figuren, z. B. die Fächerform(Karlsruhe)- Die nüchterne Art der Stadianlage»ach schematische» Figuren ist lveiterhin die beliebteste geblieben. hat unter der Form des Rechteck- Systems das weile Gebiet Amerikas und andrer Kolonialländcr erobert und sie hat bei europäische» Stadtcrweitcrmigcn die meiste Anivendnng gesnuden. Auch Ivo das Schachbrett- Muster ver- mieden Ivird, stickt, wie Schlüter betont, der heutige Städtebau noch tief im Schema. Er erwähnt besonders das modern« Stettin als Beispiel, in dem eine künstliche Figur gclvählt wurde, statt das; man sich den natürlichen Verhältnissen a»paffte. Dagegen zeige» vielfach französische Stadteriveitcrmige» mit mwgiebigcr Verwendung voi! Dinqoiwlstravc» und Ningstrabm. die beide in r?evonaj,tiidcr Weise de» VsrkehSdediirfnissc» z;« dienen geeignet sind, desieec Formen, Dab auch in Deiiischlond derartige Formen, de» Bc- sondcrheiten des einzelne» Falls verständnisvoll nngcpabt, allmählich zur Vertvendnng koninien, hebt Schlüter schlieszlich rnhincnd hervor und bezeichnet als Beispiel dieser Art die von Stnbben geleitete Stadtcriveiternng von Kvl».— — Die Seebären der Ostsee. Die Monatsschrift„Himmel und Erde" schreibt: Bon Zeit z» Zeit beobachten die Bewohner der Ojtseeknste ein plötzliches nnd vollkommen uninolivicrtes Anschivellcn des Wassers, bei lvelchem ein oder mehrere Wellen sich ganz plötzlich erheben nnd 1—2 Meter hoch den ganzen Borstrand bis an die dahinterliegcnde Düne überschwemme», am Strande liegende Fischer- boote nnd Netze hoch anfs Land tverfen nnd den Mensche», die in einem solchen Augenblick am Strande beschäftigt sind, kaum so viel Zeit lassen, das rettende Ufer zu erreichen. Diese seltene Er- scheinnng, von welcher man in den letzten l'/z Jahr- hnndertcn etwa ein Dutzend Beispiele kennen gelernt hat, wird mit dem eigentümlichen Namen„Seebär" bezeichnet. Dieser Name hat natürlich mit dem gleichnainigc» Säuge- tier nicht das geringste zu thnn, sondern kommt von einem jetzt verschollenen Worte„Bahr" her, ivelches Welle oder Woge be- deutet. Der letzte dieser Seebären fand im Mai 1893 an der mecklenburgischrn nnd vorpommersche» Grenze statt und wurde von St, Credncr in Greifswald eiirgehend untersucht und beschrieben. Die Erscheinung wurde des Nachts zwischen 2 und 5 Uhr an einer Anzahl von Stellen beobachtet, die sich im ganzen auf eine Äüstcnstrccke von 105 Kilometer Länge verteilen, doch war auf dieser Linie durchaus keine gleichartige Entwicklung des Phänomens zu konstatieren, sondern es zeigten sich vier deutlich erkennbare Strecken, auf denen der Seebär beobachtet tvar, während dazwischen andre Gebiete liegen, an denen von der Erscheinung nicht das geringste ivahrgeuomme». respektive Ivo sie über- Haupt nicht aufgetreten war. Die See war an allen Beobachtnngsorten vollkommen still, obwohl ein im Nordwesten stehendes Gewitter sich durch zahlreiche Blitze und Donnerschläge verriet. An de» Veobachumgspnnkten wehte nur eine schwache Brise, aber an einzelnen Stellen wurden starke, auf ganz schmale Striche sich beschränkende Böen in derselben Zeit wahrgenommen. Der See- bar erfolgte in der Weise, daß plötzlich das Wasser um den Betrag von l'/z— 2 Meter anstieg und sich in dieser Höhe über den ganzen Strand hinweg ergoß, dann znrückebbtc und nach einer Pause von ki bis 10 Minute» mit einer zweiten, ettvas niedrigeren Woge' zunickkehrte. An manchen Stellen wurde dann noch eine dritte, noch kleinere beobachtet. Bei manchen gut beobachteten Seebären wurden Geriinsche vernommen, die als ein Brummen oder Brausen, oder sogar als eine Art von Knall be- zeichnet werden. Diese rätselhafte Erscheinung wurde im 18, Jahr- hundert auf„unterseeische" Gewitter oder elektrische Entladungen oder ähnliche krause Dinge zurückgeführt, während in der neueren Zeit gewöhnlich einem Znsammenhang der Erscheinung mit Erdbeben das Wort geredet wurde. Dem widerspricht aber, wie Credncr richtig bemerkt, der Umstand, daß nur bei einer einzigen derartigen Erscheinung ein zeitlicher Zusainmeuhang mit einem Erdbeben, nnd zwar dem großen und schweren von Lissabon, sich feststellen ließ, während alle übrigen durchaus nicht mit einem irgendtvo beobachteten Erd- beben znjainmcnfallc».— Aus dem Tierleben. — Zur Biologie des Hummers. Die Züchtung von Hunnnerlarveu im Agnarimn ist mit großen Schwierigkeiten ver- knüpft, insofern immer nur ein kleiner Prozentsatz der jungen Tiere über alle Larvenstadien hinaus gebracht werden konnte. Hanptsäch- kich ivird der Häutungsprozcß den Larven sehr gefährlich. Die Schwierigkeit in der Beabachlung der Lebensweise des Hnmmcrs liegt auf der Hand, kein Wunder darum, daß es selbst Forschern wie lchreubaum u. a. nicht gelungen ist, unbedingte Klarheit über Emzel- iiciten ans dem Leben des Hmnmers zu gewinnen. Ein strittiger Punkt tvar z. B. die Frage nach der Pcriodicität in der Eierablage der hnmuierwcibchen. Während Herrick für die amerikanische Art annahm, daß zwei Jahr zwischen jeder Eicrablage verstreichen, glaubte Ebreubanm für die europäische Art eine vierjährige Wartezeit an- »chnie» zu müssen. Jetzt ist es Appellöf in Bergen gelungen, an einige» hundert Humniern, welche in einem natürlichen Bassin unweit des Meeres gehalten wurde», mit vollkommener Sicherheit fest- zustellen, daß allemal zwei Jahre ztvischen jeder Eierablage verfließe». Indem Appellöf das Glück hatte, einige Hunmiern im Aqnnrim» zur völligen Entwicklung zu bringen, fand er hiiircicheud Gelegenheit, Wachstum und Lebensweise der Larven und jungen Hummer»— der älteste erreichte ein Alter vonjsieben Monaten— zu beobachten. Seinem Originalbcricht an die„Mitteilungen des Deutschen Seefischereivereins" entnimmt der„Promcthens", daß daS Wachstum durch niedrige Temperatur verzögert Ivird. In den ersten drei Stadien und unmittelbar»ach der dritten Häutnng, also im Ansang des vierten Stadium, schwimmen die Larven frei umher: daim aber gehen sie zu Loden nnd nehmen die Lebensweise der Erwachsenen an. Mit dcni Eintritt ins fünfte Stadimti verzichten sie fast ganz auf dle Ausübting ihres Schwtnnn- vermögens, leben versteckt unter Steinen und kehren allenial an • PeiumwertTicher Reoacreur: Paul John in B-rln ihren alten Unterschlupf zurück, weil»' sie freiwillig oder gezwünge n denselben verlasse» hatten. Auf diese Weise eickzichen.'sie sich am besten der Verfolgung ihrer vielen Feinde, so daß angenommen werden muß, daß von dein fünften Stadium an ein verhülwisinäßig großer Prozentsatz zur laichrcifcn Entwicklung fortschreitet. Häutungen wurde» auch im Winter beobachtet. Auch konnten bezüglich des Wachs- tuins individuelle Verschiedeiihcitc» beobachtet werden, so z. B. wie von ciiicin Jungen das sechste Stadium etwa einen Monat früher er- zielt wurde, als von den übrigen, obschon Größe und äußere Lebens- bedingmigen dieselben waren.— Technisches. — Thermometer aus B e r g k r h st a l l. A. Dufour ist eS �gelmigeil, an Stelle der vcrhältnisniäßig leicht schmelzenden Gläser— selbst das Jenaer Therinometerglas sängt an bei dunkler Notglut(000 Grad) zu erweichen— den reinen Quarz oder Berg- krystall zu verwenden, um Thcrmometcrgefäße daraus zu machen. Er behandelt ihn vor dem KnallgaSgebläse wie Glas und füllt die Gefäße mit Zinn, bestimmt die Fixpuiikte, nach denen die Kalibrierimg geschieht, durch den Siedepunkt des Quecksilbers(300 Grad), des Schwefels(530 Grad) und für noch höhere Temperaturen des CadmiumS nnd Zinks. Da der Quarz erst bei 1000—1200 Grad anfängt zu erweichen, so wäre es wohl möglich, bei»ickt allzu großen Schwierigkeiten der Herstellung ein recht bequemes Thermo- nieter bis zur Weißglühhitze zu erhalten. Die„Tech». Rundschau" bemerkt dazu, daß sich Bergkrystall nach dem Schmelzen genau so wie Glas verarbeiten läßt. Er bildet eine teigige, zähe Mafie, welche sich in die beliebigsten Formen und zu feinsten Fäden ber- arbeiten läßt.— Humoristische». — Gemütlich. Gemeindcdiener:„Ja, was ist denn jetzt dös? I... Wisse» Sie nicht, daß es verboten ist. hier zu baden?... Gleich geh'» S''raus und l e i h' n S' mir Ihren B l e i st i f t, damit ich Sic aufschreiben kann!"— — Eine poetische Gattin. Und ivelches war der Höhepunkt Ihrer ägyptischen Reise, Frau Schulze?" „Der 11. Juli. An diesem Tage Hab' ich meinem Mami ans der Pyramide d e S C h c o p s eine» abgerissenen Knopf angenäht!"— — Angemessen. Hausfrau:„So eine Frechheit l Auf Ihre Rechnung schreibt der Schuster„Hochwohlgcborcn" und auf unsre„Wohlgcboren"!" D i e n st m ä d ch e n:„Ja. Madam, i ch bezahle meine Rechnmig aber auch innner gleich!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — L u d w i g D e t t m a« n wollte seine für Altona be- stimmten Wandgemälde in der Großen Berliner K» n st- aus st ekln n g zeigen. Die Berliner Sezession erklärte die Beteiligung seiner Mitglieder an dieser Ansslellniig für un- vereinbar mit seinen Statuten: Dettinann, der bisher dem Vorstände angehörte, hat infolgedessen seinen Austritt aus der Berliner Sezession angezeigt.— — Der bekannte Wagnersänger Heinrich V o g l ist in München infolge eines Schlaganfalls plötzlich gestorben. Der Künstler war im Jahr 1845 in An bei München geboren und war erst Schullehrer. bevor er im Jahr 1805 als Max im„Freischütz" mit durchschlagendein Erfolg zuerst die Bühne der Miiiichcncr Hofoper betrat und sofort angestellt ivnrde.— — Der ehemalige Direktor der Wiener Hofoper, Wilhelm Jahn ist gestern morgen gestorben. Jahn. der seit nahezu einer Woche schwer leidend war. befand sich meist in tiefer Bewußt- losigkeit.— "— Auf der Jahrcsansstelliing der„ G c n o s s e» s ch a s t der bildenden Künstler Wiens" erhielten die Worpswedcr Karl Vinnen die große und Heinrich V o g e l« r die kleine goldene StaatSmcdaille. Außerdem erhielte» Maler Courtens in Brüssel, der schon die große goldene Medaille besitzt, den Rappe ll (Ehrendiplom). Bildhauer Jef Lambcanx in Brüssel und Heinrich Lefler nebst Joseph II r bau i» Wien für Zeichnuiigen zu MnsäuS Märchen die große goldene Staats- mcdaille.—.... — Der französische Bildhauer Alexander F a l g u i v r e ist in Paris gestorben.— — In Tokio hat eine deutsche Zeitschrift unter dem Titel„Die Wahrheit" im März zu erscheinen bcgounen.— —„Vielliebchen" ist nach Snphan ein littauischcS Wort: dort heißen„FilibaS" die„Pärchen", die zwei Haselmitzteriie in einem Gehäuse.— — Eine Sehenswürdigkeit ist ein in voller Entfaltung stehender Rosen bäum(Mnrvclwl Zivi) im Gewächshause der Schloß- gärtnerei in Brest au(Kreis Sora»). Er ist etwa 25 Jahre alt und verbreitet sich über den ganzen Raum von rund 00 Quadratmetern, wo er steht. Bon oben gesehen bemerkt man an ihm eine» Wald von Blüten nnd Knospen, deren-Zahl sich, nachdem schou einige hundert abgeschnitten sind, ans etwa 4000 beläuft.— Druck uno Berlaz vim Mar Badtng m Berlin.