Anlerhaltungsbtatt des Horwäris Nr. 79. Dieilswg. den 2i. April 19üO (Nachdruck ocitotcK.) id] Aufevpkeszung. Roman von Leo T o l st o j. Die Masloiva hatte die Hände in die Aennel ihres Sträflingskleides versenkt und den Slops nach unten gebeugt. So saß sie da, schaute zwei Schritte vor sich auf den fest- gestalnpftcu Justbodcn und sngto nur: „Ich thue Euch nichts, laßt Ihr inich auch in Ruhe. Ich thue Euch uichts," wiederholte sie einigemal und schwieg dann ganz. Sie wurde erst dann wieder ein wenig munter, als die Botfchkowa und Slartinkin fortgeführt wurden und ein Wärter eintrat, der ihr drei Rubel brachte. „Bist Du die Maslowa?" fragte er. „Da. das schickt Dir eine Dame," sagte er dann und reichte ihr das Geld. „Was für eine Dame?" „Nimm hin. Soll man auch noch reden mit Euch!" Dieses Geld hatte die Stitajcwa, die Wirtin der Mas- lowa, geschickt. Als sie aus dem Gericht heraustrat, wandte sie sich au den Gerichtskommissar mit der Frage, ob sie der Maslowa etwas Geld geben könnte. Der Gerichtskommissar sagte, das könnte sie. Nach dieser Antwort zog sie den sämischledernen, dreiknöpfigcn Handschuh von der dicken. weihen Hand, holte aus den hinteren Falten ihres seidenen Rocks ein modernes Portemonnaie hervor, wählte aus einer ziemlich großen Menge Coupons, die erst kürzlich von den durch sie„verdienten" Talons getrennt waren, einen zu zwei Rubel und fünfzig Kopeken aus. that zu ihm noch zwei Zwanzigkopekenstücke und ein Zehnkopekenstück hinzu und ubergab sie dem Kommisiar. Der Kommissar rief einen Wärter und übergab ihm das Geld im Beisein der gütigen Spenderin. —„Bitte, geben Sie es richtig ab," sagte Karolina Alber- towna dem Wärter. Der Wärter war beleidigt über dieses mangelhafte Ver- trauen und ging deshalb so"böse mit der Maslowa um. Die Maslowa freute sich über das Geld, lveil es ihr das verschaffte, was sie jetzt allein wünschte. Nur eine Cigarette bekommen und den Rauch einziehen, dachte sie, und all ihre Gedanken vereinigten sich in diesem Wuilsch, zu rauchen. Sie trug solch großes Verlangen da- nach, daß sie gierig die Luft einatmete, in welcher Tabakrauch zu spüren war, der aus der Thür des Nebenzimmers in den Skorridor drang. Aber sie mußte noch lange warten, weil der Sekretär, der sie entlassen sollte, die Verurteilten vergessen hatte und in ein Gespräch, ja sogar in einen Disput über den verbotenen Artikel mit einem der Anwälte verwickelt war. Endlich, um fünf Uhr. wurde sie entlassen, und die Transportsoldaten— der Nishcgoroder und der Tschuwasche— führten sie durch den Hinteren Ausgang aus dem Gericht. Noch im Flur des Gerichtsgebäudes gab sie ihnen zwanzig Kopeken mit der Bitte, ihr zwei Semmel und Cigaretten zu kaufe». Der Tschuwasche lachte, nahm das Geld und sagte:„Schön, Ivollcn Dir's kaufen," und kaufte wirklich ehrlich Cigaretten und Semmel und gab das überschüssige Geld heraus. Unterwegs durfte sie nicht rauchen. So kam die Maslowa mit dem unbefriedigten Wunsch, zu rauchen. in das Gefängnis zurück. Als sie in die Thür geführt wurde, brachte man von der Eisenbahn wohl hundert Sträflinge ein. Im Durchgang stieß sie mit ihnen zusammen. Die Sträflinge— bärtige und rasierte, alte und junge. Russen und Fremde, einige mit rasierten Köpfen— klirrten mit ihren Fußkettcn, erfüllten den Vorraum mit Staub, mit dem Lärm ihrer Schritte, mit Stimmen und scharfem Schweiß- gcruch. Als die Sträflinge an der Maslowa vorüberkamen, schauten alle nach ihr um. und einige traten zu ihr und be- rührten sie. „Ei, Mädel— schön!" sagte einer.„Fräuleinchen, grüße Sie," sagte ein andrer und zwinkerte mit den Augen, Einer, ein schwarzer, mit ansrasiertem blauen Nacken und einem Schnurrbart im rasierten Gesicht, der in Fuß- fesseln ging und mit ihnen klirrte, sprang zu ihr hin und um- armte sie. „Ei. die kennt ihren Freund nicht mall Hab Dich nur nicht so!" rief er mit entblößten Zähnen und glänzenden Augen, als sie ihn zurückstieß. „Frecher Kerl, Ivos machst Du da?" rief der von hinten herzutreicude Gehilfe des GefängnisdirektorS. Der Sträfling fuhr zusammen und sprang eiligst fort. Der Gehilfe aber fiel über die Maslowa her.„Was machst Du hier?" Die Maslowa wollte sagen, daß mau sie aus dem Ge- richt gebracht hätte, aber sie war so müde, daß sie keine Lust hatte, zu sprechen. „Aus dem Gericht, Euer Wohlgeboren," sagte der Gefreite Transportsoldat, indem er hinter den Vorübergehenden hervor- trat und die Hand an die Mütze legte. „Nun. dann liefere sie dem Aufseher ab. Aber was ist das für eine Unordnung!" „Zu Befehl, Euer Wohlgeboren!" „Ssokolow! Aufnehmen!" rief der Gehilfe. Der Auffehcr trat herzu und stieß Maslowa böse gegen die Schulter. Dann nickte er ihr mit dem Kopfe zu und führte sie in den Skorridor der Fraucnabteilung. Hier im Korridor wurde sie überall befühlt, durchsucht, und als man nichts fand ldie Schachtel mit Cigaretten war in die Semniel hineingeschoben), wurde sie in dieselbe Zella hineiugelaffen, aus der sie morgens herausgetreten>var. Dreißig st es Kapitel. Die Zelle, in welcher die Maslowa gefangen gehalten wurde, war ein neun Ellen langer und sieben Ellen breiter Raum mit zwei Fenstern, einem hervortretenden abgeblätterten Ofen und Pritschen, deren Bretter von der Trockenheit Risse bekommen hatten. Letztere nahmen zwei Drittel des ganzen Raums ein. In der Mitte gegenüber der Thür befand sich ein dunkles Heiligenbild mit angeklebtem, kleinem Wachslicht. Unter dem Bild war ein eingestäubter Jmmortellenstrauß aufgehängt. Links hinter der Thür ivar eine schwarze Stelle auf dem Fußboden: dort stand der Kübel. Die Inspektion hatte soeben stattgefunden: die Frauen waren schon für die Nacht eingeschlossen. Die gesamten Insassen dieser Zelle waren fünfzehn: zwölf Frauen und drei Kinder. Es war noch ganz hell, und erst zwei Weiber lagen auf den Pritsche«: die eine, bis an den Slops in ihren Sträflings- rock gehüllt, war eine Närrin, die wegen Unordnung in ihren Papieren eingesperrt war— diese schlief fast immer—, und die andre eine Schwindsüchtige, die eine Strafe wegen Diebstahls absaß. Diese schlief nicht, sondern lag. mit dem Sträfliugskleid unterm Stopf, mit lvcit geöffneten Augen da und gab sich Mühe, nicht zu husten. Die übrigen Weiber waren sämtlich mit unbedecktem Stopf und nur in Hemden aus groben Leinen: einige saßen auf der Pritsche und nähten, andre standen am Fenster und schauten auf die im Hof vor- überziehenden Sträflinge. EinS der Weiber, welche nähten, war dieselbe Alte, die Maslowa begleitet hatte: Korablewa, ein finster aussehendes, hohes, starkes Weib mit gerunzelter Stirn, voller Falten im Gesicht und einem herabhängenden Haut- sack unter dem Stinn. Sie trug ein kurzes Zöpfchen blonder, an den Schläfen ergrauter Haare und eine haarige Warze auf der Wange. Diese Alte war wegen Todschlags ihres Mannes mit dem Beil zu Zwangsarbeit verurteilt. Sie hatte ihn aber deshalb erschlagen, weil er ihrer Tochter nachgestellt hatte. Die Slorablewa war die Zellenälteste: sie handelte auch mit Branntwein. Sie nähte mit einer Brille und hielt die Nadel in ihrer großen ArbeitLhand nach bäurischer Art mit drei Fingern, die Spitze ans sich gerichtet. Neben ihr saß und nähte ebenso Säcke aus Segclttich ein kleines, stutznäsiges. schwarzhaariges Weib mit kleinen, schwarzen Augen, gutmütig und schwatzhaft. Das ivar eine Bahnwärterin, die zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, weil sie nicht mit der Flagge an den Zug herangetretcu, und mit dem Zug ein Unfall passiert ivar. Das dritte nähende Weib ivar Fedosia— Fenitschka, wie die Gefährtinnen sie nannten—. ein weißes, rotwangiges Ding mit hellen, blauen Kinderangen und zwei langen blonden Zöpfen, die um den kleinen Slops gewunden waren. Sic war noch sehr jung und lieblich anzusehen und war wegen eines Vergiftungsversuchs an ihrem Mann eingesperrt. Sie hatte ihn sofort nach ihrer Verheiratung zu vergiften gesucht, die mit ihr als sechzchiv jährigem Mädchen vollzogen worden war. In den acht Monate», während der sie, gegen Bürgschaft entlassen, das Urteil erwartete, hatte sie sich nicht nur mit dem Mann ans- gesöhnt, sondern ihn sogar so liebgewonnen, daß das Urteil sie mit ihrem Mann tvic ein Herz und eine Seele zusannnen- lebend antraf. Trotzdem der Mann und der Schwieger- Vater und namentlich die Schwiegermutter, die sie lieb- gewonnen hatte, sich vor Gericht mit aller Kraft bennihten. sie zn rechtfertigen, wurde sie zur Verbannung»ach Sibirien, zur Zwangsarbeit verurteilt. Diese gute, fröhliche, oft lächelnde Aedosia war die Nachbarin der Masiowa auf der Pritsche. Sie hatte die Masiowa nicht nur liebgewonnen, sondern sah es als ihre Pflicht a», sich um jene zu bekümmern und ihr dienstlich zn sein. Unbeschäftigt saßen ans den Pritsck)en noch zwei Weiber: eins von vierzig Jahren, mit blassem, hagerem Gesicht, das vielleicht früher einmal sehr hübsch gewesen, jetzt aber mager und blaß war; sie hielt ein Kind in ihrem Arm und nährte es. Ihr Verbrechen bestand darin, daß, als in ihrem Dorf ein Rekrut ausgehoben wurde— nach Ansicht der Bauern ungesetzlich ausgehoben wurde— das Volk den Landrat zurückgehalten und den Rcknitcn weggenommen hatte. Dieses Weib aber, die Tante des ungesetzlich Weggenommenen, hatte zuerst nach dem Zügel des Pferdes gegriffen, ans dein der Rekritt fortgeführt wurde. Weiter faß nnthätig auf der Pritsche eine nicht große, ganz runzelige, gutmütige Alte mit grauem Haar und buckligem Rücken. Diese Alte saß auf der Pritsche am Ofen und gab sich den Anschein, als haschte sie einen vierjährigen, kurz ge- schorne», kleinen Dickwanst, der an ihr vorüberlics und sich vor Lachen ausschüttete. Das Jüngelchen lief im bloßen Hcmdchen an ihr vorbei und sagte stets ein und dasselbe: „Elsch, hast mich nicht gekriegt I" Die Alte war samt ihrem Sohn»vegen Brandstiftung angeklagt und ertrug ihre Ein- sperrung mit erhabener Gutmütigkeit. Sie grämte sich nur um ihren Sohn, der gleichzeitig mit ihr im Gefängnis saß. aber am allermeisten um ihren Alten, der ohne sie— das war ihre Sorge— ganz verlausen würde, da die Schwieger- tochtcr fortgegangen, war, und nun niemand ihn rem wusch. Außer diese» sieben Frauenzimmern standen noch vier an einem der geöffnete» Feilster, hielten sich an dem Eiscngitter und unterhielten sich durch Zeichen und Rufe mit den auf dem Hof vorüberziehenden selben Sträflingen, mit welchen die Maslowa am Eingang zusammengestoßen war. Eins von diesen Weibern, die eine Strafe wegen Diebstahls absaß, war ein großes, schweres, fuchsrotes Frauenzimmer niit hängendem Leibe, gelblich iveißem, sommersprossenbedecktcm Gesicht und ebensolchen Armen, sowie einem dicken Halse, der sich ans dem losgebundenen, aufgeschlagenen Kragen hervordrängte. Sie schrie mit schriller Stimme unanständige Worte anS dem Fenster. In einer Reihe mit ihr stand eine dunkle, plumpe Arrestantin mit den« Wüchse eines zehn- jährigen Mädchens, mit langem Rücken und ganz kurzen Beinen. Ihr Gesicht war rot, mit Flecken, brcitsteyenden, schwarzen Augen und dicken, kurzen Lippen, die die weißen hervortretenden Zähne nicht verdeckten. Sie lachte winselnd mit Unterbrechungen demjenigen zu, der auf den Hof hinaus- trat. Diese Gefangene, wegen ihrer Putzsucht„Tausend- schönchen" genannt, war Wege» Diebstahls und Brandstiftung verurteilt. Hinter ihnen stand in sehr schmutzigent, grauem Hemd ein jäninierlich anzusehendes, hageres, sehniges, schwangeres Weib. Sie war wegen Hehlerei verurteilt. Dieses Weib schimeg, aber lächelte während der ganzen Zeit beifällig und gerührt über das, lvas auf dem Hof vorging. Die vierte stand am Fenster. Sie saß wegen heimlichen Branntlvein- Verkaufs und war ein mittelgroßes stämmiges Frauenzimmer vom Lande mit sehr vorstehenden Augen und gutmütigem Gesicht. Dieses Weib, die Mutter des. Knaben, der mit der Alten spielte, und des siebenjährigen Mädchens, die bei ihr im Gefängnis waren, weil sie sie niemand überlassen konnte, schaute ebenso wie die andren zum Fenster hinaus, aber strickte unaufhörlich Strümpfe und runzelte mit geschlossenen Augen mißbilligend die Stirn über das, was die auf dem Hof vorübergehenden Sträflinge sagten. Ihre Tochter aber, das siebenjährige Mädchen init aufgelöstem iveißem Haar, stand im bloßen Hemdchen neben der Fuchsroten, hielt sich mit den mageren, kleinen Händchen an deren Rock, hörte mit still- stehenden Augen aufmerksam auf die abscheulichen Schimpf ivorte, die die Frauenzimmer sich mit den Sträflingen zu warfen, und lviederholte sie im Flüsterton, als ob sie sie ansivendig lernte. Tie zwölfte Gefangene war die Tochter eines Küsters, die ihr Kind im Brunnen ertränkte. Sie war ein großes, stattliches Mädchen mit wirrem Haar. das aus einem kurzen, dicken, blonden Zopf hervordrängte. Sic vcrlvandte keine Aufmerksamkeit auf das, was um sie her vorging, lvanderte barfuß nur im schmutzigen grauen Hemde ans dein freien Platz in der Zelle hin und her und wandte sich kurz und schnell um. wen» sie bis zur Wand ge- kommen war. Einunddreißigstes Kapitel. Als das Schloß klirrte und die Maslowa in die Zelle hineingelassen wurde, wandten alle sich ihr zu. Sogar die Küsterstochtcr blieb einen Augenblick stehen, schaute auf die Eintretende, erhob die Augenbrauen, aber ging dann, ohne ein Wort zu sagen, sofort wieder mit ihren großen entschiedenen Schritten hin und her. Die Korablewa steckte die Nadel in die grobe Leinwand und starrte die Maslowa durch die Brille fragend an. „O ivch! Da ist sie wieder! Und ich glaubte, sie würden Dich freisprechen," sagte sie mit ihrer heiseren, fast männlichen Baßstimme.„Bist sicher verdonnert." Sie nahm ihre Brille ab und legte ihr Nähzeug neben sich. „Tantchcn»nd ich haben auch schon über Dich gesprochen, Schwälbchen. Man kann mit einem Mal freikommen. Kommt vor, sagten wir. Geben sogar noch Geld dazu, wie sich's eben trifft." begann alsbald mit ihrer singenden Stimme die Bahnlvärterin.„Aber nun sieht man's. Unsre Meinung >var nicht richtig. Der Herrgott denkt sein eigen Teil, Schwälbchen," führte sie ununterbrochen ihre freundliche, Wohl- klingende Rede. „Ach, haben sie Dich wirklich verurteilt?" fragte Fedosia in mitleidiger Zärtlichkeit und sah die Maslowa mit ihren hellblauen.Kinderaugen an, und ihr ganzes fröhliches, junges Gesicht vceändertc sich, als wäre sie bereit zu weinen. Die Maslowa erwiderte nichts, ging schweigend an ihren Platz, den zweiten von der Ecke, neben der Korablewa und setzte sich ans die Pritschenbretter. „Ich glaube, sie hat auch nicht gegessen," sagte Fedosia. stand ans und trat zur Maslowa. Die Maslowa legte, ohne zu antworten, die Semmel ans das Kopfende und begann sich zu entkleiden; sie nahm das staubige Sträflingskleid ab und das Kopftuch von dem kranS gewordenen schwarzen Haar und setzte sich. Die am andern Ende der Pritschen mit dem Jungen spielende buckelige Alte kam auch heran und blieb vor der Masloiva stehen. „Tss, tss, tss!" inachte sie mit der Zunge und schüttelte mitleidig den Kopf. Der kleine Junge trat auch hinter der Alten herzu, riß die Augen iveit ans, streckte die Oberlippe im Winkel vor und starrte ans die Semmel, welche Maslowa mitgebracht. Als die Maslowa all diese mitfühlenden Gesichter sah, nach all dem,>vas heute mit ihr vorgegangen war, da begann sie beinahe zu weinen, und ihre Lippen fingen an zu zittern. Aber sie bemühte sich, standhaft zu bleiben und blieb standhaft, bis die Alte und der kleine Junge herankainen. Als sie aber das gute, mitleidige Lispeln der Alten hörte und naiiicutlich, als sie mit den Augen dem kleinen Knaben begegnete, der seine ernsten Blicke von der Senimel auf sie richtete, konnte sie sich nicht mehr halten. Ihr ganzes Gesicht zitterte, und sie begann zu schluchzen. (Fortsetziiiig folgt.) .»Die Gefpenlkee." Deutsches Theater. Die«Gespenster" sind vielleicht das Drama Ibsens, das am »leisten beschimpft ivorden ist. Als es in Berlin znm erstenmal ge- gebe» ivnrde, murmelte(wenn ich mich recht erinnere) der olle ehr- liche Bluincnthnl etivaS von einer„LebcnSfrende", die er sich nichr ivolle verdüstern lasten. Die guten Leute, die ein Drama für nii- sittlich halten, Iveil in'seinem Vortvurf Unsittlichkcit steckt. fanden sich in hellen(oder' besser: in dunklen) Haufen ein lind strengten ihre Demmzianteiikehlen recht ivackcr am Seht. welch' ein Familicnbild! Dieser Mensch entweiht das Verhältnis zwischen Mutter>md Sohn. Der Sohn ist ein sittenloser Mensch, der die„wilde Ehe" verteidigt, und sich auch andre Greuel zu Schulden kommen läßt. Die Mutter ist nicht viel besser. Ihrem verstorbenen Mann hat sie davonlaufen wollen, um sich einem Pastor an den Hals zu werfen. Der Pastor ist siiatiirlich!) als ci» kompleter Dummkopf geschildert. Und erst die übrigen Personen! Der Vntcr ist a» seine» Ausschweifung«» zu Grunde gegangen. Der Tischler Engstrand ist ein scheinheiliger Schuft und die Rcgine ist eine Dirne von nicht geivöhnlichcr Frechheit. Ist das Poesie? Wir wolle» Poesie, die reiiie Poesie des deutsche» Geiniitsl lind dann ginge» sie zu Blninenthal! Aber inchr nur von diese» Leuten, die sich zunächst jedcnr Dichter in de» Weg stellen, hatten die„Gespenster" zu leiden. Auch andre Gegner fanden sich ein. Die Mediziner tadelten das Krankheits- bild, ivoniit sie ja an, Ende recht haben mögen. Schildert man eine Krankheit, nbcminnnt man schließlich mich die Verpflichtung. sie korrekt zn schildern. Damit aber ist auch dieser Kritik die Grenze gezogen. Im übrigen sind die Mediziner, wenn sie Dichtungen kritisieren, etwa so gescheidt, wie Stöcker, inen» er von de» modernen Naturwissenschaften spricht. Auch der geistreiche Einwand, daß die Vererbung„noch gar nicht erwiese» sei", fehlte natürlich nicht, lind >»»> erst die Aesthetiker l Die ältere» Professoren schüttelten die Köpfe und lächelten mitleidig. Der Mensch hat ja keine Ahmuig! Nichts weniger, als alles fehlt, Herr Kollege I Und dann freuten sie sich über den annen Ibsen und natürlich auch über ihre eigene Klugheit. Die Auekdvlc erzählt von einem Engländer, der eine Landschaft mit seinem Bädcker vergleicht»nid dabei ciucii im Buch verzeichnete» Berg nicht sinden kann. Er sucht und sucht und kommt ichließlich zu dein Nesnltat:„Die Landschaft ist nicht richtig I" Ganz ahn- lich standen die Theoretiker vor Ibsens Drama. In ihrem ästhetischen Bädekcr stand manches verzeichnet, was nicht im Drama zu finden war. Wo war die Schuld? Wo waren die fünf (sind eS nicht fiiiif'O bedeutungsvolle» Stellen, die nach Freitags „Technil" in einem guten Drama sein müssen? Wo war die.„siit- liche Weliordnnng"? Gerade ans die war mau besonders erpicht, denn es ist ein angenehmes Gefühl, die Welt in Ordnung zn wissen. Man fand das alles aber nicht, und so erklärte man wie jener Eng- länder:„Die Tragödie ist nicht richtig". Schließlich fiel einigen, denen cS um die bedrohte Sittlichkeit zu thnn war, der alltestamentarischc Satz ein, nach dem die Sünden der Väter an den Kindern heimgesucht werden. Da hatte ina» ja— endlich!— die„Schuld", wenn auch mcrkivürdigcrwcisc nicht der der Schuldige, sondern vielmehr der llnschuldigc die Zeche bezahlen mußte. Viel lveiter kam man auf diesem Wege also auch nicht. Die ganze Betrachtungsweise war von vornherein falsch. Kammerhcrr Alving ist nämlich genau so unschuldig wie Oswald und so gehe» schließlich i» dem vertrackte» Stück zwei llnschuldigc zu Grunde. Die Sache ist nämlich— erschrecken Sie nicht—. daß die moderne Tragödie die Schuld gestrichen hat. Von Oswald, dessen Unschuld zu Tage liegt, reden wir nicht. Aber sehen wir uns seinen Vater an. Fran Alving, die keine Schönfärber»! genannt werden kann, ist cS selbst, die ihn von Schuld befreit. Er hatte keinen Berns, er hatte nur eine Vc- schnftiguttg; er hatte keine Freunde, er hatte nur Bekannte. Er lebte in einer engen Welt, die seine gesunde Natur verdarb und ihre Kraft in Ansschweisung verkehrte. Frau Alving erklärt seine Laster ans seinem socialen Milien und löst so seine Schuld in sociale Notwendigkeit ans. Auch in andren Tragödien liegt es klar zn Tage, daß die Schuld gestrichen ist. Warum gehen eigentlich die„Weber" z» Gnmdc? Etwa weil sie einem Ehrenman» wie Herrn Dreißiger einige von de» Möbeln zerschlage», die er ihnen in höchst legaler Weise gestohlen hat? Ach nein I Sie sckwitern an der leidigen Thatsache, daß änf scite» der Unternehmer die größeren Bataillone sind. Sic haben geliltcn und gehmigert; sie haben zchntauscndmal recht mit ihren Fordernngcn an die Gesellschaft mid trotzdem in ü s s c n sie iiiiterliegen, iveil keine Klasse siegen tan», wenn hinter ihrem Recht nicht auch die Macht steht. ES ist das eine historische Notwendigkeit und bor dieser Not- wendigtcil falle» die„Weber", obwohl ihr Recht so klar ist Ivie der helle Tag. Die moderne Weltanschammg glaubt nicht, daß der Mensch die Welt, sondern nmgekehrt, daß die Welt die Menschen bc- stimmt. Wer das Individuum, frei handelnd, in den Mittelpunkt stellt, mnß ihm freilich auch die Verantwortimg überlassen und kommt so zur tragischen Schuld. Wer aber den Menschen als bc- stimmtes und bedingtes Wesen sieht,, der fragt nicht nach der Schuld, sondern nach dein kausale» Zusammenhang. Mit andern Worten: nach der Noiwendigkeit. Wir sehen aber täglich und stündlich de» Menschen im Zusammenhang der ganzen Gesellschaft. Wir werden fortwährend für Dinge verantwortlich gemacht, an denen wir unschuldig sind. DaS Leben bläut es jedem ein, daß er nicht ans sich selbst gestellt ist. Wir hängen von der Welt, ab, in der wir leben. Die Ereignisse in Südafrika berühren auch unser Schicksal, und wenn Lnbliner ein Stück schreibt, leiden wir alle. Wir fragen nicht mehr nach der tragischen Schuld, wir fragen»ach dein Zu- snmmeiihang alles Geschehens, nach der Notwendigkeit. Vor kurzem wurde in Berlin der„Oedipus" gegeben. In einer Weise ist die moderne Kunst zur Tragik dieses antiken Stücks zurückgekehrt, aber freilich: in ihrer Weise. Die Not- wciidigkcit im„OcdipnS" ist eine blind und grausam verhängte, die uns mit Entsetzen erfüllt. Die Notwendigkeit, die wir suchen,' ist die veriumftgemäßc, die Notwendigkeit des Denkens. Bon der Not- wcndigtcit des„Ocdipns" sind wir nicht nur durch eine Welt, sondern durch Welten getrennt. Der Begriff des Tragischen hat sich gc- wandelt, nicht nur seit den Tagen des Sophokles, sondern auch seit denen Schillers. Alles fließt.— Erich S ch l a i k j e r. Vis S i n v lt u v e. Von George A u r i o l iParisj. «Zersoiien I Deputierter. Paioucn| ein Süngling. Der blasse Jüngling: Habe ich die Ehre, mit Herrn Hixe zn sprechen? Der Deputierte: Der bin ich. mein Herr. Der blasse Jüngling: Sehr wohl... ich bitte um Ver- zeihung. mein Herr:'ch komme wegen— oder vielmehr nein; �ich habe gehört. Sic brauchen eine» Sekretär. Der Deputierte: Das stimmt. Der b l a s s e I ü» g l i n g: Vielleicht hat Ihnen Herr Bigarncau bau mir erzählt? Mein Name ist Plnme. Der Deputierte: Ah, sehr gut!... Bigarnean hatZfinir allerdings bon Ihnen gesprochen... Sie sind Abiturient? Sehr gut!— Also, mein verehrter Herr Plume, die Sache ist abgemacht: ich nehme Sic z» mir. Mein Gott, ich weiß ja. das Gehalt ist zm» Anfang nicht... Der blasse Jüngling: Oh, damit bin ich cinverftanden. D c r D e p n t i e r t e: Ich zahle 75 Frank monatlich. ES ist allerdings wenig. c3 ist sogar sehr wenig... Aber Sie sind jung, Herr Plume, Sie Iverden Ihren Weg schon machen, davon bin ich überzeugt. Als Gegenleistung für diese bescheidene Summe verlange ich von Ihnen fast gar nichts! Sie wissen, ich bin ei» sehr einfacher Man». Wen» Sic bei mir keintreten, iverden� Sic nicht mein Angestellter sein, sondern mein Freund, mein Kanterad. Der blasse Jüngling: Oh, mein Herr I Der Deputierte: Jawohl, mein Kamerad; sogar mein Kumpan, Ivie Ihr jungen Leute sagt,— mein Kumpan! Der blasse Jüngling: Sie sind wirtlich zu liebens- würdig. Der Deputierte: Sie sind hier Ihr vollständig eigner Herr. Ich existiere nicht; Sie können thun und lassen, was Sie wollen. Ihre Arbeit ist übrigens ganz nn- bedeutend. Sie kommen morgens um 7 Uhr! Sie werfen einen Blick ans mein Kabinct, bringen meine Papiere in Ordnung, und— Dil lieber Gott, wenn rechts oder linls ein bißchen Staub liegt— das geht min einmal nicht anders— so'n bißchen ausgefegt ist ja bald! Um acht Uhr gehen Sie hinunter und holen die Post; Sie benüycn gleich die Gelegenheit, um mir meine Milch herauf- zubringe», die Sie wohl so freundlich sind, für mich warmzustellcn. Um S Uhr diktiere ich Ihnen ein Dutzend Briefe. Um IV UHr kommr mein Artikel für die genes cko Luit- vusst." an die Reihe. Sie schreiben ihn mit besonderer Tinte und ziehen dann zwölf bis fünf- zehn Kopien auf dem Antokopiste» ab. Wenn das geschehe» ist, cöuvertieren Sie die Artikel, bringen die Briefe zur Post und kommen wieder, um mir die Provinzzeitungen vorzulesen. Von tt—!2 Uhr ruhen Sic sich ans und amüsieren sich bannt, daß Sie mir Eigaretten für meinen Tagesbedarf drehen. Ich habe einen famosen Apparat... ein tlcincs Wunder... es giebt nichts Hübscheres, als damit zn arbeiten. Sic werden ja sehen. Um 12 llhr gehen Sie frühstücken. D e r b lass e I ii ii g Ii n g: Sehr wohl! Der Deputierte: Nachmittags kopieren Sie mir bis 3 Uhr einige Kapitel ans meinem letzten Ronian. Um 3'/s Uhr holen Sic mich ans der Kammer ab, mn die Brüsseler Korrespondenz fertig- zustellen. Ich übergebe Ihnen das erforderliche Material, Sie Imifm ans Telephon, und wenn das besorgt ist, erwarten Sie mich im Cafs Regenee, Ivo ich mit Cognelin Cadet meine Domino- Partie spiele.' Ich gebe Ihnen die Liste für einige klein-- Besorgmigen, die noch zn machen sind, und... mein Gott, daS ist so ziemlich alles... Meistens sind Sic schon vor 9 Uhr frei. Sic sehen, mein lieber Herr Plnnie, das ist nicht zum Bäume-Ansreißcn. — Ist Ihnen das recht? Der b I as s e Jüngling: Gewiß, gewiß I mein Herr I Aber bevor ich mich entscheide, möchte ich noch eine kleine Frage an Sie richten? D c r D e p n t i c r t e: Richten Sic I Der blasse Jüngling: Sind Sie mit Ihrer Wäscherin zufrieden? Der Deputierte: Hahahaha! Weshalb denn? Der blasse Jüngling: Wenn Sic nämlich nur im gc- ringsten mit ihr unzufrieden sein sollten, so könnte ich ja recht gut in meinen Freistunden Ihre Wäsche ausbessern, sticken, reinigen und plätten I—(„ F r a n k f u r t e r Z e i t u n g.") Kleines Ileuillekon. — Gt'vrts über Krystallbildmig. Ende vergangenen Jahres fandc» sich in Rcgcnsbnrg beim Ausheben eines Baugrundes in der Tiefe von 4 Meter Banreste vom römischen Prätorium, unter denen ein Estrich ans dem bekamitcn römischen Ziegelmörtel wegen seiner außerordentlichen Festigkeit Bewunderung erregte. Diese Mörtel- schicht hat auch natiirmissenschastlichcs Interesse, da, wie die illustrierte Wockienschrift„Mutter Erde" berichtet, sie in Spalten und sonstigen kleinen Hohlräumen eine Mineral- Neubildung ent- hält. Diese Höhlungen sind nämlich ausgefüllt von zahl- reichen llcinen Krhstallcn. die. wie die chemische Untersuchung gezeigt hat, ans C 03 Ca, kohleiisanrcm Kalk, bestehen. Die Krh stalle sind äujjasi diiimc, basisch«: Vlnilchcil. die kainn eine seit- liche prismatische chcxagonale) Vegreiiznug zeigen. Der Dnrchmesscr der Blättchen beträft etwa 2 Millimeter, die Dicke ist ncri>ic>er als 0,2 Millimeter. Es liegt also hier einer der wenige» Fälle vor, wo man das nngesähre Alter einer natürlichen Ki-ystalll'ildmig berechnen kann. Das römische Gebäude ist aller Wahrscheinlichkeil nach iin dritten Jahrhundert n. Chr. entstanden nnd bei der Bertreibung der Römer aus Rcgensbnrg am Ende des vierten Jahrhunderts zerstört worden. Jener Estrich kann also lölX) Jahre unter der Erd- oberfläche gelegen haben. Es ist aber auch möglich, das; der Bau noch länger bestanden hat, doch ist auch dann noch mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen. dap jener Estrich 1200 Jahre unter der Erde gelegen hat i es lväre dies also die Duner des Krhstallisationsprozesscs. lind doch sind in diesem immerhin recht respektablen Zeitraum erst jene wmzige» Krhstalle entstanden, die kein Ceiitigramm wiegen! Bedenkt man. das; der ja hänstg in der Statur vorkommende Caleit sich sehr oft in Ceuti- und Dceimetcr groben Ärhstalle» findet(in der vcchrifchcn Staatssanunlung in München liegt ein Calcitrhomboeder, dessen Kanten 20 bis 30 Centi- meter messe»), daß er ferner meist in einem dichteren Material, das der Zirkulation des lösenden nnd wieder absetzenden Wassers bc- deutend mehr Widerstand entgegensetzt als ein poröser Mörtel, ans- krhstallisiert ist, so kann man sich eiueu ungesähren Begriff machen, welch' unendlich altes Gebilde eine schöne Calcitdrnsc ist.— Theater. Freie Bolksbiihne:„Die drei Töchter des Herrn Dupont". Schauspiel in drei Aufzeugcn von Eugen B r i e u x.— Das Stück ist bereits im„Vorwärts" besprochen worden, als es zum erstenmal aufgesiihrt wurde. Bon einen, dichterischen Wert kann keine Rede sein. Die Satire ist zeitweise grotesk übertrieben nnd auch viel larmoyante Scntiincntalität bekommt man zu kosren. Wird die Arbeit schlecht und recht als ein Theaterstück betrachtet, hat sie einige Borzüge, die bereits in der ersten Besprechung hervorgehoben sind. Diese Vorzüge mögen die Wahl des Stücks iunnerhin recht- fertigen. Ueber die Anssiihrung ist nichts als Unerfreuliches zu berichten. Im zweiten Akt herrschte ein Durcheinander, daß einem die Haare zu Berge standen. Die Schauspieler schienen wirklich die Sache als eine Art Kindcrkoinvdie aufzufassen, in der es geht, wie es eben gehe» kam,. Herr Pagah gefiel sich als Possen- reiher und Enima Sydow würde selbst in Lüneburg dem besseren Publikum auf die Nerve» fallen. Die Schauspieler scheinen die idealen Tendenzen der»Freien Volksbühne" nicht zu kennen oder nicht zu verstehen. Das ist ein Bildungsmaugel, über den wir mit ihnen nicht rechte» wollen. Was aber sagt eigentlich Herr Reu mann- Hofer zu der Sache'i Es kam, ihm doch nicht gleichgültig sei», daß»„an gerade in seinem Theater Dinge sieht, die man glücklicherweise in Berlin sonst nirgends sieht. Dast die Scenen, in denen Waldow. Elise Sauer und Marie Elsinger die Bühne beherrschten, besser mlsfielen. Ivollen wir gern hervor- heben. Gute Schauspieler haben den Respekt vor ihren, Handiverk, den die schlechten nicht einmal begreifen, geschweige denn lcnien können. Waldow freilich hätte besser lernen können.— E, S. Aus dem Gebiete der Chemie. t. Die chemische Zusammensetzung des Fleisches von Säugetieren und Vögeln sowie der Hühner- e i e r war der Gegenstand einer Reihe von Untersuchinnzc», die der Rahrnngsmittel-Ehemiker Balland der Pariser Akademie der Wissenschaften mitgeteilt hat. � Seine hanptsächlichcn Resultate lassen sich in folgenden Sätzen zusaimneiifasiell: Das Fleisch der vier Viertel der hauptsächlichen Säugerierc, die zur Nahrung dienen(Rind, Kalb, Ziege, Hammel, Hase, Schwein, Esel, Pferd»nd Maultier) eut- halte», nachdem die eigentlichen Fettschichten beseitigt sind, durchschnittlich 70 bis 78 Proz. Wasser, Vä bis Wt Proz. Mineralstoffe. 1,4 bis 11,3 Proz. Fett»nd 3 bis Proz. Stickstoff. Herz, Leber, Lungen und Nieren enthalten bre--- selben Mengen an Wasser und Stickstoff lvie mageres Fleisch, der Fettgehalt bleibt unter 5 Proz., der Aschengehalt(d. h. der Gehalt an Mineralstoffen) schwankt zwischen 1 und 1,7 Proz., übrigens findet sich in den Lungen etwas Mangan. In den, Blut vom Rind, Kalb, Hammel oder Schwein finden sich bis zu 83 Proz. Wasser, unter tzZ Proz. Asche, Spuren von Fett imd ebensoviel Stickstoff wie in den. Fleisch der vier Viertel, die be- greiflicherweise immer weniger Wasser enthalten als daS Blut. Geröstetes oder gebratenes Fleisch birgt in trocknen. Zustande etwa die gleichen Mengen Stickstoff, Fett und Mineralstoff in sich lvie das rohe Fleisch. Wenn aber in Betracht gezogen ivird, das', das Fleisch beim Brate» erheblich an Wasser verliert nnd dadurch zu- sammcnschrunwst. so_ ist der Nährwert von gebratenem Fleisch für das gleiche Gewicht erheblich größer als der von rohem fleisch. � Der Wassergehalt geht dein» Braten je nach der Dicke er Stücke und der Dauer der Berührung mit dem Feuer auf_K4 bis 42 Proz. zurück. Gekochtes oder zu Ragout verarbeitetes Fleuch verliert während des Kochens nicht mir Wasser, sondern auch losliche Stickjwffsubstanzen, Fett und besonders iviiucralstofie, die in d,e Bouillon der Suppe oder i» die Sancc des Itagonts ein- gehen, auch dann bleibt jedoch das gekochte Fleisch für ein gleiches Gewicht noch nahrhafter als das lvasserreichere rohe Fleisch. DaS Fleisch bon Vögeln(Ente», Gänsen und Hühnern) enthalt dieselben Nährstoffe lvie daS Fleisch der Säligetiere, aber in etwas höherem Verhältnis, da der Wassergehalt„och nicht 70 Proz. beträgt nnd in den gebratenen Hühnern z. B. bis ans 52 Proz. herabgcht. Eine besondere Ernährnng verdienen noch die Hühnereier. Das Weiße nnd das Gelbe haben bekanntlich eine verschiedene Zusammen- sctzung: das Eiweiß enthält 8« Proz. Wasser,' 12 Proz. cigent- liche» Eiweißstoff(Albumin) nnd fts Proz. Mineralstoffe, das Eigelb nur 51 Proz. Wasser. 15 Proz. Stickstoff, 30 Proz. Fett und 10s Proz. Mineralstoffe. Das Ei im ganzen besteht zu V, seines Gewichts aus Wasser, liefert also zu einem Viertel reine Nährstoffe. Zwei Eier wiegen ohne die Schalen dinchschuittlich 100 Gramm und danach besitzen 20 Hühnereier zieinlich genau den gleiche» Nährwert wie 1 Kilogramm Fleisch. Somit liefert ein Huhn innerhalb weniger Tage eine Menge von Nährstoffen, die seinem eignen Gewicht gleich kommt. Ilm die Bedeutung der Hühnereier für die Ernährung großer Slndtc durch ein Beispiel zu vermischanlichea. sei daraus verwiesen. daß im Jahre ISW am Octroi in Paris 538 2S9 120 Eier deklariert wurden, die bei einem Durchschnittsgewicht von je 50 Gramm einen Nährwert von fast 27 Millionen Kilogramm dm-stellten d. h. eben so viel wie das Fleisch von 108 200 Rindern mit je 400 Kilogramm Flcischgewicht. Die nach Paris in jenem einen Jahre eingeführten Hühnereier haben dieselben Menge von Nährstoff in die Stadt hin- ein gebracht wie zwei Drittel sämtlicher eiugefiihrter Rinder.— Humoristisches. — Die mitleidige Nachbarin. Frau A.: Die Stimme meiner Klara hat schon schiucres Geld gekostet. Frau B.: Ja, läßt sich denn gar nichts dagegen thun?— — Di e Sentenz des Fachmanns. Kapellmeister Wein- reber von, Hofthcatcr zu£ hat eine neue Oper„Titnrel" in ans- gesprochenem Bayrcnthcr Stil kompoinert und will sie an seiner Oper zur Anffnhnmg bringen. Die Orchesterproben gestalten sich im- gemein schwierig; namentlich will die eine Stelle,' in der sich eine Hornstimiue von einem kompliziertem Fignrenwerk abheben soll, absolut nicht herauskommen. Die Stelle wird unter' steigender Ungeduld des Dirigenten sieben-, achtmal imrchgenolnmen. alles vergebens. Da meldet sich, als Wcinreber wieder einmal abgeklopft hat, der betreffende Hornist zum Wort: „Herr Kapellmeister, Sie können sich darauf verlassen, das kriegen wir nicht heraus: die Stelle ging ja schon im„Tristan" nicht!"— — Günstige Konjunktur. Tourist(der mit einem Hausierer zusammen vor einem wütenden Ochsen flüchtet): Teufel, wenn man doch wenigstens noch eine Waffe bei sich hätte! Hausierer(keuchend): Ich hob' Taschenmesser, wollen Sc eins kaufen?—(„Lust. Bl.") Notizen. — Im Berliner Opern Hanse soll Aubers Oper„DaS eherne Pferd" noch im Mai zur Ansführnng gelange».— — Bei der Erstaufführung des Schauspiels„Familie Waw r och" von Franz Adamns im Wiener Deutschen Bolkstheater gab es einen Theaterskandal. Einzelne Streichungen der Ceusur und besonders der Ton der Dar- stell, mg ließen die Spitze gegen die Arbeiterführer so scharf wie möglich hervortreten, so daß der schroffste Widerspruch bei einem Teil des Publikums hervorgerufen wurde.— — Ein„Wendisches Muse n in" ist in Bautzen eröffnet worden. Seim Grundlagen bilden ethnographische und andere Gegenstände über die Wenden.— — Bei Grabungen in cinen, Weinberg in der Nähe de-Z Kolon oshügels, eine halbe Stunde außerhalb Athens, wurde soeben das Grab des Sophokles entdeckt. Innerhalb des Sarkophags fanden sich nur die Schädelknocheu imd 14 wertvolle aittische Lekythoi(Gefäße, worin Oel oder wohlriechende Essenzen anfbelvahrt werde»), zu der Gattung der sogenannten weißen gehörig. Ans der Grabtafel ist, tveiu, auch etwas verstünunelt. der Name .Sophokles" zu lesen.— — Das Wetterhans auf der Zugspitze, die letzten Herbst fertig gewordene meteorologische Station, wird dem- nächst von einem jungen Astronomen bezogen werden. Die Station wird Sommer wie Winter einen Assistenten habe». Das Wohnzimmer, dessen dicke Wände durch Einlage von Kork, Asche nnd Pappe gegen Kälte wie Hitze geschützt sind, ivird eine reichlich ausgestattete Vorratskammer erhalten. Eine gute Bibliothek soll Unterhaltung bieten. Durch das Telephon wird der Astronom seine Meldungen nach München machen nnd sonst Be- obachtimgen, Erkrankung. Hilfeheischung je. ins tiefe Thal melden. Im Winter lvird's ihm an Bewegung nicht fehlen. Oft wird er den Schnee vor de» Fenstern imd Thüren wegschaufeln müssen, außerdem muß er selbst seine Wäsche waschen, Brot backen:c. Bon, Oktober bis Mai darf er sich auf völlige Einsamkeit gefaßt machen, m der ihn nur Sturm, Gewitter und Schnee besuchen werden.— — Zola über die Kritik:„Die Kritik gleicht ganz der Pariser Feuerwehr. So wie ein Unglück passiert, ist sie gleich am nächsten Morgen zur Stelle, um mit de» AbräuumngSarbeiten zn beginnen."—___ Verantwortlich«: Resacreur: Paul John in Berlin. Druck und Bering von Max Babing in Berlin.