Mterhaltungsblalt des Mrwürls Nr. 80. Mittwoch den 25. April. 1S00 (Nachdruck verbolcri 20] AnferlTelzung. Roman von Leo T o l st o j. „Ich lsab' Dir gesagt, nimm einen richtigen Vcrteidicvt." sagte die Korablewa.„Wozu, zur Verbannung?" frage sie. Die Maslolva wollte antworten und konnte es nicht. sondern holte schluchzend aus der Senunel die Schachtel mit Cigarcttcn hervor, auf der eine rotivangigc Dame nit sehr hoher Haartracht und entblöjztcm, dreieckigem Busen abgebildet war,»nd reichte sie der Korablewa. Die Korablelva schaute das Bild an und schüttelte miizbilligend den Kots, Haupt- sächlich deswegen, weil die Maslowa so schlecht' mit dem Geld umging. Dann nahm sie eine Cigarette herius. rauchte sie über der Lampe au. that selbst einen Zng und steckte sie dann der Maslowa in den Mund. Die Maslowa begann gierig, ohne mit Weinen aufzuhören, einmal, nach dem andern den Taoakrauch in sich einzuziehen und Ivieder aus- Zustogen. „Zwangsarbeit," sagte sie schluchzend. „Sie Eschenen Gott nicht, die Frcischlnccr, Blutsauger verfinchtc l" sagte die Korablelva.„Haben das Mädchen um nichts verurteilt." An diesem Augenblick ertönte eine Lachsalve inmitten der am Fenster stehengebliebenen Weiber. D.iS kleine Mädchen lachte auch und ihr dünnes Kiuderlachen f.otz mit dem heiseren, winselnden Gelächter der Erivachscnen zu/ammen. Ein Straf- ling auf dem Hof hatte etlvaS getha«, waS auf die zum Fenster HinanSschaucndeu derartig wiikte. „Ach, der Schuft I Was er da macht!" sagte die Fuchsrote. drückte mit dein ganzen fetten Körper schaukelnd ihr Ge- ficht gegen das Gitter und schrie silMloS unanständige Worte hinaus. „O, dieses Vocksfell I Was sie da wieder schnattert l" sagte die Korablewa, schüttelte vor der Fuchsroten den Kopf und wandte sich wieder zur Maslowa.„Viele Jahre?" „Bier," sagte die Maslowa. und die Thräncn flössen ihr so reichlich ans den Augen, das; eine auf die Eigarrctte fiel. Die Maslolva knüllte sie ärgerlich zusammen, warf sie fort und nahm eine andre. Die Bahuwärterin hob, obgleich fie nicht rauchte, sofort das Ende auf und begann cS wieder zurecht zu streichen. Dabei redete sie unaufhörlich. „Ist wirklich wahr, Schwälbchen," sagte sie,„die Wahr- hcit hat der Eber gefressen. Sie thnu, was sie wollen. Und wir hatten so gedacht, sie würden Dich freisprechen. Matwcjelvna sagt: sie sprechen sie frei, aber ich sage es nicht, ich sage, Schwälbchen. mein Herz fühlt, sie verschlingen sie, stich so ist cS auch gekommen," sagte sie, angenschein- lich mit besonderem Vergnügen den Klang ihrer Stimme hörend, Um diese Zeit waren schon alle Sträflinge über den Hof gegangen, und die Weiber, welche sich mit ihnen unterhalten statten, traten vom Fenster fort und kamen ebenfalls zur MaSIowa. Als erste kam die glotzäugige Branntwein- Verkäuferin mit ihrem Mädchen. „Ra, wannn denn so streng?" fragte sie. setzte sich zu Maslowa und strickte schnell an ihrem Strümps weiter. „Deshalb so streng, weil kein Geld da ist. Wäre Geld da. hätte sie einen guten Verteidiger gemietet und wäre sicher freigesprochen," sagte die Korablewa.„Dieser— wer ist es doch noch— der rauhhaarige Rüsselkäfer, der, meine Nerchrtcste, zieht Dich trocken rniS dem Wasser heraus. Wenn man den genommen hätte!" „Schön: genommen hätte!" sagte mit entblöfiten Zähnen das„Tauscndschön", welches sich zu ihnen gesetzt hatte,„der wird Dir unter tausend etwas husten." „Da sieht mau wieder seinen Glücksstern," trat die Alte herzu, die wegen Brandstiftung sah.„Treibt zum Spast dem Jungen die Frau ab, und so wird der ins Gesäugnis gesperrt, und ich komnle ans meine alten Tage hierher," begann sie zum hundertstenmal ihre Geschichte zu erzählen.„Vom Gefängnis kommst Du an den Bettelstab, da nützt Dir nichts. Und hast Dn nichts, kommst Du ins GcfäilgniS.".- 1 „Das geht bei denen immer so," sagte die Branntwein» verkäuserin, schaute dem kleinen Mädchen auf den Kopf, legte den Strunipf neben sich, zog das Mädchen zwischen ihre Beine und begann mit geschwinden Fingern ihren Kopf ab- zusuchen.„Warum handelst Du mit Schnaps l Ja, womit willst Du Deine Kinder ernähren?" sagte sie und setzte ihre Beschäftigung fort. Diese Worte der Branntloeinvcrkänferin erinnerten die Maslowa an Branntwein. „Ich möchte Branntwein," sagte sie zur Korablewa, wischte sich mit dem Hemdännel die Thrünen ab und schluchzte nur noch selten. „Hast Du Geld? Eieb her." sagte die Korablewa. Zwciunddreifiigstcs Kapitel. Die Maslowa holte ans der Semmel das Geld hervor und gab der Korablelva den Coupon. Die Korablewa nahm den Coupon, beschaute ihn, und obgleich sie nicht lesen konnte, glaubte sie doch dem allwissenden Tansendschön, daß dieser Zottel zwei Rubel fünfzig Kopeken wert sei. und kletterte zum Wärmeloch amOfen nach Ürrdort versteckten Flasche mit Schnaps. Als die Weiber das sahen, die nicht i'Hre Pritschcnnach barinnen waren, gingen sie an ihren Platz. Die Äckö/ViyS schüttelte inzwischen den Staub aus dem Kopftuch und Kleid, kletter»? auf die Pritsche und begann die Semmel zu essen. „Ich habe Dir Thee aufbewahrt. Er ist freilich abgekühlt," sagte Fcdosin zu ihr. Gleichzeitig holte sie vom Wandbrett eine mit Fußlappen umwickelte zinnerne Theekanne und einen Becher. Das Getränk war ganz kalt und schmeckte mehr nach Zinn als nach Thee, aber die Maslowa schenkte den Becher voll und begann zu der Semmel zu trinken. „Finaschka, da!" rief sie, brach ein Stück von der Semmel ab und gab es dem kleine» Jungen, der ihr aus den Mund sah. Die Korablewa reichte inzwischen die Flasche mit Brannt- wein und einen Becher hin. Die Maslowa bot der Korablewa und dem Tausendschön zu trinken an. Diese drei Gefangeiren bildeten dieZellenaristokratie. weil sie Geld hatten und alles teilten, was sie besaßen. Nach kurzer Zeit lebte die Maslowa auf und erzählte gewandt vom Gericht, wobei sie den Staatsanwalt nachäffte und berichtete, was ihr am meisten vor Gericht aufgefallen wäre. Es war ihr besonders aufgefallen, daß die Mannsleute, so viel sie acht darauf gegeben, ihr überall, wo sie auch ge- Wesen, uachgelaufeu waren. Im Gcrichtssaal hätten alle sie augeschcu, erzählte sie. und wären sogar in dieser Absicht extra ins Arrestaiitenzimmer gekommen. „Der Trausportsoldat sagte auch: Sie kommen immer, um Dich anzugucken. Kommt einer: wo ist hier dieses oder jenes Papier, oder sonst etwas; aber ich sehe, daß er gar kein Papier nötig hat»nd mich mit den Augen verschlingt," sagte sie lächelnd und schüttelte wie vor Natlostgkeit den Kopf.„Sind das Brüder!" „Ja das ist schon so," fiel die Wärtorfrau ein, und als- bald floß ihre singende Rede dahin.„Die sind wie Fliegen nach dem Zucker. Was andres treiben sie nicht, aber dafür sind sie zu haben. Mit Brot ist's bei denen nicht gcthan.. „Und so war es auch hier," unterbrach die Maslowa sie. „So habe ich es auch hier getroffen. Eben als sie mich brachten, kommt eine Abteilung vom Bahnhof. Die fielen so über mich her, daß ich mcht wußte, wie vou ihnen loskommen. Gott sei Dank, hat der Gehilfe sie vertrieben, Einer setzte mir so zu. daß ich ihn mit Gewalt zurückstoßen mußte." „Wer von ihnen war es?" fragte Tauscndschön. „Ein Schwarzer mit einem Schnurrbart." „Versteht sich, er." „Wer?" „Na, der Schtscheglow, der eben vorüberging." „Was für ein Schtscheglow?" „Sie weiß nichts von Schtscheglow. Schtscheglow ist zwei- mal vou der ZivangSarbeit entkomnien. Jetzt habe» sie ihn gefaßt, aber er wird wieder weglaufen. Den fürchten sogar die Aufseher," sagte Tansendschön, die den Gefangenen Zettel zusteckte«nd alles wußte. WaS im Gefängnis geschah.„Er entkommt sicher." „Er cuttomnif, nbcr nimmt uns nicht mit," sagte die Aorablewa...Und Du sag' lieber." wandte sie sich an die Maslowa:„Was hat Dich der Ablokat von ein Gnadengesuch gesagt; das niusit Du jetzt einreichen." Die Waslow» sagte, davon wüßte sie nichts. In diesem Augenblick trat das fuchsrote Frauenzimmer, das beide mit Sommersprossen bedeckten Hände in sein dichtes rotes Haar versenkt hatte und mit den Nägeln den Kops kraute, an die Schnaps trinkenden Aristokratinnen heran. „Ich will Dir alles sagen, Katerina." begann sie.„Erst- lich, zu Anfang, mußt Du schreiben. Du bist mit dem Gerichtshof nicht zufrieden, und dann beim Staatsanwalt anzeigen." „Was willst Du eigentlich?" wandte die Korablcwa sich mit böser Baßstimme an sie.„Hast den Schnaps gerochen. brauchst gar nicht zu reden. Wissen ohne Dich, was wir zu thun haben. Brauchen Dich nicht." „Ich spreche nicht mit Dir. was mischst Du Dich hinein!" „Möchtest Schnaps haben? Da schleichst Du heran." „Nun. gieb ihr schon," sagte die Maslowa, die immer mit allen teilte. waS sie besaß. „Ich werde ihr so eins langen!..." „Ei, das wollen wir doch sehen," meinte die Fuchsrote and bewegte sich auf die Korablewa zu.«Ich bin nicht bange vor Dir." „Alter Gefängnisbcsen P „Bist Du ja selbst I" „Du fauler Sch/.vchöarm I" „Ich e?.? Schlingdarm? Zuchthänslerin! Seclemnörderin l" schrie die Fuchsrote. „Geh fort, sage ich," sagte finster die Korablewa. Aber die Note kam nur noch näher heran, und die Kora- tlelva stieß sie gegen die fette, offene Brust. Die Note hatte gleichsam nur darauf gewartet und krallte plötzlich mit einer Schnellen Bewegung eine Hand in Korablcwas Haar, während ie sie mit der andren ins Gesicht schlagen wollte. Aber die Korablewa ergriff diese Hand und hielt sie fest. Die Maslowa und Tausendschön faßten den Arm der Roten an und bemühten sich, sie fortzureißen, aber die in das Haar gekrallte Hand der Roten öffnete sich nicht. Sie ließ das Haar für einen Augenblick los. aber nur, um es sich um die Faust zu wickeln. Die Korablewa aber, mit gesenktem Kopf, hieb mit einer Hand ans dem Körper der Roten herum und schnappte mit den Zähnen nach ihrer Hand. Die Weiber drängten sich um die Balgenden, trennten sie von- einander und schrien. Sogar die Schwindsüchtige trat zu ihnen und schaute hustend auf die ineinander verkralltcn Weiber. Die Kinder drückten sich gegeneinander und weinten. Auf den Lärm kam die Aufseherin mit dem Auf- sehcr. Die Zankenden wurden getrennt, und die Korablewa ließ ihren grauen Zopf fliegen und nahm aus ihm die herausgerissenen Haarbüschel fort, während die Fuchsrote ihr vollständig zerrissenes Henid gegen die gelbe Brust drückte. Dabei schrien beide, erklärten den Borfall und führten Klage. „Ich weiß schon, an allem ist der Branntwein schuld; Morgen sage ich's deni Inspektor, der wird's Euch schon ein- bläuen. Ich nierke ja, wie der Schnaps riecht." sagte die Aufseherin.„Paßt auf und schafft alles fort, sonst geht's Euch schlecht. Ich habe keine Zeit, Euch zu durchsuchen. An die Plätze und stillgeschwiegen." Aber es trat noch lange kein Schweigen ein. Noch lange schalten sich die Weiber, erzählten sich gegenseitig, wer an- gefangen und wer die Schuld hätte. Endlich gingen der Auf- sehcr und die Aufseherin hinaus, und die Weiber begannen stillzuschweigen und sich hinzulegen. Die Alte trat an das Heiligenbild und fing an zu beten. „Sind zwei Zuchthänslerinnen zusammengekommen!" be- gann plötzlich wieder mit heiserer Stimme die Fuchsrote am andern Ende der Pritschen und begleitete die Worte mit geradezu raffinierten Schinipfereien. „Hast Du noch nicht genug?" erwiderte die Korablewa alsbald und fügte ebensolche Schimpsivorte hinzu. Und beide verstummten. „Hätten sie mich nur nicht gestört, ich. hätte Dir sicher die Glotzaugen ausgerissen", begann wieder die Rote. und wieder ließ eine ähnliche Antwort der Korablewa nicht auf sich warten. Wieder eine längere Frist des Schweigens und wieder Schimpfereien. Die Zwischenräume wurden immer länger, «Nd endlich wurde alles vollkommen still. Alle lagen sie da; einige schnarchten, nur die Alte, die stets lauge betete, machte immer noch ihre Verbeugungen bor dem Heiligenbild, und die Küsterstochter hatte sofort, nachdem die. Aufseherin hinausgegangen war, wieder ihren Spaziergang in der Zelle vor- und rückwärts aufgenommen. Die Maslowa schlief nicht und dachte daran, daß sie eine Zuchthänslerin sei und man sie schon zweimal so genannt hatte: die Botschkowa und die Fuchsrote, und konnte sich an den. Gedanken nicht gewöhnen. Die Korablewa, die mit dem Rücken nach ihr hin lag, wandte sich um. „Das hätte ich nie und nimmer gedacht," sagte die Maslowa leise.„Andre, was die auch thun— geschieht ihnen nichts, und ich muß für nichts leiden." „Gräm Dich nicht, Mädchen. Auch in Sibirien leben Menschen. Du gehst auch da nicht verloren," tröstete die Korablewa sie. „Ich weiß, daß ich nicht verloren gehe, aber es kränkt mich trotzdem. Ich hätte solches Los nicht nötig, wo ich an ein so schönes Leben gewöhnt war." „Gegen Gott gehst Du nicht an," sagt die Korablewa mit einem Seufzer,„gegen ihn gehst Du nicht an." „Ich weiß, Liebe, aber es ist doch schwer." Sie schwiegen eine Zeitlang. „Hörst Du? Sie zerfließt in Thränen," sagte die Korablewa und lenkte Maslowas Aufmerksamkeit auf selt- samc Töne, die von der andern Seite der Pritschen er- schallten. Diese Töi.'e waren verhaltenes Schluchzen des fuchsroten Weibes. Die Fuchsrote weinte deshalb, weil man sie vorhin gescholten, geschlagen und ihr keinen Branntwein gegeben hatte, nachdem sie sich so sehnte. Sie weinte auch deswegen, weil sie in ihrem ganzen Leben nichts erfahren hatte als Schimpfworte, Spott, Kränkungen und Schläge. Sie wollte sich trösten nnt der Erinnerung an ihre erste Liebe zu einem Fabrikarbeiter Fedta Molodjonkow, aber als sie an diese Liebe dachte, fiel ih.r auch ein, wie die Liebe geendet hatte. Diese Liebe hatte danüt geendet, daß jener Molodjonkow in trunkencni Zustand sie zum Scherz mit Bitriol eingerieben hatte und dann mit seinen Freunden laut lachte, als er sah, wie sie sich vor Schmerz laut krümmte. Das fiel ihr ein und ihr ward weh, und im Glau'beii, daß niemand sie hörte, bc- gann sie zu weinen und weinte? wie Kinder— stöhnend, durch die Nase schnaubend und die splzigen Thränen schluckend. „Sie thut mir leid." sagte.die Moslowa. „Natürlich, aber sie braucht ja nicht so zudringlich zu sein." Dreiunddreißig ff es Kapitel. DaS erste Gefühl, welches Nechljndow andern Tags beim Erwachen empfand, war das Bewußtsein, daß mit ihm irgend etwas vorgegangen sei; bevor er aber noch darauf kam, was eigentlich mit ihm vorgegangen war, wußte er schon, daß es etwas Wichtiges und Gutes sei.„Kcrtjnscha, die Gerichtsverhandlung." Ja, nran mußte aufhöre»? zu lügen und die volle Wahrheit sagen. Und welch wunderbares Zusammen- treffen: gerade an diesem Morgen kain der längst erivartete Brief von Mana Wassiljcwna, der Frau des L/delsmarschalls, derselbe Brief, den er jetzt ganz besonders nötig hatte. Sie gab ihm volle Freiheit; wünschte ihm Glück zu se.'ner bevor- stehen den Verheiratung. „Verheiratung!" sagte er ironisch.„Wie weit �in ich jetzt davoir entfernt!" lFortsetziuig folgt.) (Nachdruck verboten.) Dlükenlcbcn. Endlich, so lauge cS auch gewährt Hot, schmückt sich wieder Feld und Flur, Garten»nd Wold»nit dem bimten Bliitenkranz, dessen Anblick uns, so oft»vir ihn aucb schon geschaut haben, immer von neuem mit belebender Freude erfüllt. Weiß, gelb, rot, blau, violett verbinden sich die Glocken, Kelche, Nosettcn, Dolden z» eiiiem Muster, das, so ivohllos seine Anordnung erscheint, von keines Künstlers Hand sinniger, anmutiger»md entziickcndcr geschaffen »Verden könnte. Sie alle, die Blüten an Kräuter»», Strauch und Bann», sind Sonnenkinde»', die erst des»varmcn Kusses der»vunderlhütigen Sonne bedürfen, ihn zum Leben zu erivachen. Je nachdcin diese ihre goldnen Strahlen spärlicher oder reichlicher herabsendet, entfaltet sich auch in den verschiedenen Jahren der Blütenschninck später oder früher. Aber diese Schivankungcn bewege» sich doch nur in engeren Grenzen. Vergleicht nian nämlich über eine Reihe von Jahren hinaus die Zeitabschnitte, an denen bei den einzelnen Pflanzen- arten das crfte Aufblühen eintritt, so ergeben sich die sich gleich- bleibenden Mtteltermine, auf Grund deren man einen Pflanzcnkalendcr zusammenstellen kann, der die Gesetzmäßigkeit in dem Erscheinen der Blüten erkennen läßt. Einen derartigen Pflanzenkalender hat beispielsweise für Breslau Ferdinand Cohn aufgestellt. Für Breslau beginnt der Vorfrühling mit de», Brechen der Änospen der Stachel- beere am 22. März. Am ö. April haben sich die Stachelbeeren aus der Knospcnhülle völlig befreit und ihrem Laub folgt das des Geis- blatts, der Spiräen, des HollnnderS, der Traubenkirsche, des Flieders, der Eberesche und der Roßkastanie. Aber auch Blüten finden sich bereits im Gehölz. Am ö, April beginnt die Kornclkirsche ihre goldgelben Dolde» aufzubrechen. Ebenso öffnen die meisten Waldbäume ihre unscheinbaren Blütenkätzchen, wie die Erlen, die Pappeln, die Weiden, die Birken und die Nüstern. Der eigentliche Frühling, die Zeit der Baumblüte, wird eingeleitet durch die Blumen der Kaiserkronen, die sich am 21. April öffne». Gleichzeitig blüht der Spitzahorn. Dann folgen in immer steigender Fülle alle die edle» Vcrtvandten aus der Klasse der Rosen- blutigen, von der Aprikose, die den Reigen eröffnet, bis zum Apfel- bann', und Hagedorn, die ihn beschließen. Am 28. April tritt die in Wäldern und Anlagen viel verbreitete Ahl- oder Tranbenkirsche in Blüte. Ilm dieselbe Zeit blühen auch die Rapsfclder, unlre Gärten tchmückeu sich mit Goldlack, Tulpen. Hhacinthen und Narcisscn und in den Wäldern entfaltet sich ebenfalls ein freundlicher Blumen- flor. Die Wiesen dagegen beginnen das Grün ihres Rasens nnt de». Weiß. Gelb und Rot der Blumen erst zu durchwirken, wenn der Flieder und die Roßkastanie in Blüte trete», Ivie es in Breslau an, 12. Mai stattfindet. Jetzt, in der Zeit des HochfrühlingS, ist das stmge Laub ausgewachsen, und die Baumkronen schließen sich mehr und nichr. Neben zahlreichen duftigen und farbenreichen Blüte» in Hecken und Büschen erscheint die Blüte der Berberitze am 20. Mai und die des �Goldregens am 21. Mai. Mit der Blüte der Nobinia oder der sogenannten Akazie an, 30. Mai»nd des schwarzbeerigen HollnnderS a», 1. Juni beginnt ein neuer Abschnitt des Jahres,' der Vorsommer. Gleichzeitig ttcte» die Roggenfelder i» Blüte und die schwankenden Rispen der Wiesen- gräscr verstreuen den befruchtenden Blütenstaub. Die Zeit der Rosen-, der Reben- und der Lindenblüte bezeichnet den Gipfelpunkt des Jahres. Als Tag der Centifolicnblüte ist für Breslau der 8. Jnni, für die großblättrige Linde der 23. Jnni ermittelt. Die Blüte der Rebe fällt zwischen Rose und Linde, bald nach de». Verblühen des Roggens. Mit der Blüte der weißen Lilie, in Breslau an, 28. Jnni, beginnt die Wende des Jahres, der Anfang des eigentlichen Sommers, von Ivo an die Fülle deS Blütenschmucks sich ebenso nach abwärts neigt wie der Lauf der Sonne. Natürlich gilt der mitgeteilte Pflanzenkalender nur für Breslau. Für Orte von einer andren geographischen Lage erfolgt das erste Aufblühen der einzelnen Pflanze» zu andren Zeiten, aber stets ergeben die Beobachtungen bestimmte Miltclternnne, die dann ebenso die Gesetzmäßigkeit in dem Erscheinen der ersten Blüten darthnn. Wie der Blütenflor in seinem Auftreten gewisse Zeiten einhält, so beginnt auch die einzelne Blüte ihre LebcnSthätigkcit, die in der Herbeiführung der Befruchtung»nd Samenbildnng durch die Eröffnung des Bliitcnkclchs besteht, zu bestimmten Stunden. ES gicbt Blüten- knospen, welche sich schon am frühesten Morgen öffnen und welche der erste Strahl der aufgehenden Sonne bereits vollständig entfaltet antrifft. So öffnet die in unfrei, Gärten häufig als Schlingpflanze gezogene Purpurwinde schon um 4 llhr ihre Blütenknospen. Zwischen 4»nd 5 Uhr morgens öffnen sich die wilden Rosen. Dann folgen zwischen 5 und 6 Uhr die meisten Arien des Leins. Zwischen 6 und 7 Uhr öffnen sich die Blütenknospen des Weidenröschens, zwischen 7 und 8 Uhr diejenigen der Ackerwinde. Zwischen 8 und 9 Uhr öffne» viele Gcntianen»nd Ehrenpreisarten, zahlreiche Sancrklccarten sowie das dunkelblütige Fingerkraut ihre Blütenknospen. Zwischen 9 nnd 10 llhr gehen die Blütenknospen der Tulpen nnd Opuntien auf, zwischen 10 und il Uhr jene des kleinen Tanscnguldenkrauts und zwischen 11 nnd 12 Uhr diejenigen deS aufrechten Fingerlrauls. Jetzt folgt bis zum Abend eine lange Pause. In nnsren Breiten öffnet keine Pflanze am Nachmittag ihre Blütenknospen. Sowie sich aber die Sonne dem westlichen Horizont nähert, beginnt das hübsche Spiel von neuem. Uni 6 Uhr abends oder kurz zuvor springen die Blütenknospen des Geißblatts auf, bald darauf öffnen sich diejenigen der Nachtkerze und der Lichtnelken, zwischen 7 nnd 8 Uhr brechen die Knospen der Nacht- Violen, Nachtblume», verschiedener Lcimkrautarten und des Stechapfels auf, zwischen 8 und 9 Uhr folgen dann abennals einige Leinikrautartcn und den Beschluß macht endlich zwischen 9 und 10 Uhr die Königin der Nacht. Sehr verschieden ist die Lebensdauer der einzelnen Blüten. Es giebt zahlreiche Blüten, die sich mir an einen» einzigen Tag öffnen nnd zwar mir für einige wenige Stunde». So bleiben die Blüten des Jbisch nur drei Stunden offeii, der Calandrie vier, des Protu- laks, des Sonnentaus und des SandkrantS fünf, deS Sauerklees sechs, der Winiderblume sieben, der Allionie und des Reiherschnabels acht, der Schwertlilie nenn»nd des Windlings zehn. Eine längere Lebensdauer ist schon den Blüte» beschiedcn, die des Nachmittags zwischen 5 und 7 Uhr aufbrechen, die ganze Nacht und auch den nächsten Vormittag hindurch offen bleiben und sich erst zur Mittags- zeit oder gegen Abend für immer schließen. Zu ihnen gehören mehrere Arten des Stechapfels und der Nachtkerze, die Marina und die Nachtblnme. Eine andre Gruppe von Pflanzen zeichnet sich dadurch ans, daß ihre Vliitei, in, Lauf deS Vormittags zum ersten- mal aufgehen, sich darauf, sobald die Dämmerung naht, schließen. sich an,»nchsten Morgen abermals öffnen, aber dann zwischen 2 und 5 Uhr nachmittags welk Iverden und abfallen. So verhalten sich be- sonders die Blüten der mobnartigcn Gewächse und des Leins» die Himbeere und verschiedene Fingerkräuter. Doch auch an verhältnismäßig langlebigen Blüten fehlt eS nicht. Ein Zeitraum von zwei Tagen liegt zwischen den, Beginn nnd dem Ende des Blühens der einzelnen Blüte unter andrem bei dem Wiescn-Storchschnabel, dem Fünffingerkraut, der wilden Rose, dem Ackcrsenf und den, Ehrenpreis; drei Tage dauert die Blühzcit bei den, Oderinennig. dem Labkraut und dem Sonnenröschen, vier Tage bei der Lichtnelke nnd der Scilla, fünf Tage bei den, Tausend- gnldenkrant, sechs Tage bei den, Fingerhut, den, Türkenbund nnd der weißen Lilie, sieben Tage bei den Hahnenfußgewächsci,»nd den Pelargonien, acht Tage bei dem Winterling, den, Leberblümchen »nd dem Steinbrech, zwölf Tage beim Crocus und achtzehn Tage bei der Moosbeere. Einige tropische Orchideen bringen es sogar bis auf 30. 40, 50 nnd 90 Tage, ja eine Frauenschnhart bis auf 70 Tage und die Odontoglosfumorchidee bis auf 80 Tage.— Theo Seelmann. Nlvines Feuillekon. g. Eine Dame.„Na Frau Barowsky, endlich, mich so in Stich zu lassen, wenn Sie wüßten, was ich für Aerger gehabt habe Jhret- wegen I" „Ja ich konnte aber gestern Ivirklich nicht," die jinige, elegant gekleidete Frau trat vollends herein nnd ließ die Thür hinter sich in das Schloß fallen. „Es ging doch beim besten Willen nicht— Lieschen hatte Geburtstag, da ninßte ich den Kindern Chololade kochen und nachher mit ihnen spielen»nd..." „Und ich kriege meine Konnnission nicht zusammen»nd kann nicht abliefern— ich hätte bald die ganze Arbeit verloren, Jhret- wegen. Na setzen Sie sich einen Augenblick, ich will erst noch hier das Blatt fertig sticken, sonst komme ich ans der Richtung." Das alte Fräulein beugte sich von neue», über den Strickrahmen. Die junge Frau rückte sich einen Stuhl vom Tisch ab, warf die Muster- zeichnungcu, die darauf lagen, auf das Sopha und ließ sich schwer auf den Polstersitz fallen:„Die Treppen zu Ihnen herauf sind fürchterlich, Fräulein Berner I Ist denn auch wieder Arbeit da?" „Arbeit ist schon genug da. ich riSkireZ es nur bloß nicht, Ihnen welche mitzugeben, es ist alles sehr eilig und Sie halten niemals Wort." .Diesmal aber bestimmt." „Ja. ja, ja— diesmal aber bestimmt— das sagen Sie jedeS- mal, und nachher hat Lieschen Geburtstag oder es kommt Besuch--- oder..." .Na, ich kann doch den Besuch nicht sitzen lassen nnd sagen, daß ich Arbeit habe." die Stimme der jungen Frau nahm einen etwas heranSforderndci, Ton an,—»meine Bekannten würden einen schönen Begriff von nur kriegen! Nein aber, Fräulein Venicr, wirklich, glauben Sie nur nur' noch einmal— ich möchte Mir so gern eii, paar Groschen verdienen zum Friihjahrshnt.Jch halte mich jetzt ran." „Na einmal noch, aber dann gewiß nicht wieder, wenn Sie mich von neuem in Verlegenheit setzen. So, nnd mm zeigen Sic mal die Sachen her." Das alle Fräulein stand auf.„Mein Gott, das Stnhlkissen haben Sie ja noch nicht einmal mitgebracht?" „Gewiß, Fräulein, hier ist eS ja." Die andre hielt ihr die Stickerei entgegen,„Da im Paket? Aber Sie sollten es doch nicht ausspannen', Sie sollten eS doch im Rahmen liefern, ich muß es doch erst leinien." Die junge Frau schwieg, ein verhaltnes Lächeln spielte um ihren Mund. „Harten Sie denn das aber ganz und gar vergessen, Frau Barowsky? Ich habe es Ihnen doch so eingeschärft.— Jetzt muß die Platte von neuem eingespannt iverden; was denken Sie denn, was mir das für Zeit kostet? Und wenn ich noch einen Rahmen frei hätte— dann könnten Sie es doch machen— aber es ist in allen etwas eingespannt." „O, ich hätte jetzt auch gar keine Zeit," die jnnge Frau warf den Kopf zurück,„meine Frenndin wartet unten auf mich." „Ja natürlich, Sie haben keine Zeit, aber ich muß sie mir von meiner abstehlen— na nun lassen Sie schon gut sein,_ ich werde es machen, nnd hier haben Sie die neue Arbeit, wieder ein Stuhlkissen, sehen Sie, die Blumen iverden diesmal in Rosa gearbeitet und um die Blätter konnnt Japangold. Sie müssen mir die Sache aber in, Rahmen bringen, ich kann sie anders nicht gebrauchen." „Kam, ich sie denn nicht selber leinien und dann ausspannen?" „Nein, nein, das lassen Sie nur, das verstehen Sie nicht, das muß sehr subtil genuicht werden, sonst giebt es Flecke." Die junge Frau verzog das Gesicht nnd rückte.auf den, Stuhl hin und her:„Und Sachen, die ich ausspaimen kann, haben Sie wohl nicht?" Nein, die sind vorlanfig alle, na überhaupt, was... ich verstehe Sie nicht, warum ivollen Sie denn die Sachen absolut aus» spannen?" „Na, mit den ollen Stickrahmen soll ich über die Straße gehen??.............. „SJuit, der ist doch nicht schlver l Sie haben es doch auch gar nicht weit." „Na, wenn mich nun aber einer sieht. DaS ist doch un- angenehm.. „Unangenehm?. I DaS alte Fräulein sah sie über die Schulter tvcg mit einem erstaunten Blick an. „Na und ich gehe nicht mit dem Stickrahmen." Die junge Frau trat mit dein Fuß auf wie ein Kind.„Nein, ich gehe nicht damit, entschieden nicht. Ich bin doch keine gewöhn- liche Arbeiterin— ich bin doch eine Dame— schlimm genug, dag ich sticken mutz, datz man so einen Mann hat, der nicht genug Der- dient, aber degradieren latz ich mich drum schon lange nicht, nein, schon lange nicht." „Nun, das brauchen Sie ja auch nicht." das alte Fräulein sagte eS sehr ruhig, um ihren Mund zuckte es wie leiser Spott:„dann lasten Sie doch die Arbeit einfach liegen, dann gebe ich sie einer andren Stickerin mit." „Ich mochte sie doch aber gern machen— mein Mann gicbt mir doch nichts, der mit seinen elenden zweihundert Mark im Monat, der kmift mir keinen so eleganten Hut, tvie ich ihn brauche und..." „Ja na. tvie Sie wollen, Fra» BarowSky," das alte Fräulein trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.„Da ist die Arbeit— aber wenn Sie sie mir ausgespannt bringen, kann ich sie nicht gc- brauchen, das sage ich Ihnen gleich." „Aber das ist einfach abscheulich von Ihnen, Fräulein Börner—, jaivohl, abscheulich." Die junge Frau sprang auf und ihre Augen funleiten, als sie nach dem Stuhlkisten griff.'--—.____ — Die Nachtfröste deS FriihjahrS, die großen Mörder der jungen Pflanzemvelt. stehen uns wieder bevor. Schuir»räuchern Gärtner und mancher Blirnrenfreundin haben sie schwere Ent- täuschungen bereitet; doppelt willkommen dürfte da ein Mittel sei», durch das man den Eintritt der Nachtfröste vorher bcstiiuuren und seine Lieblinge vor ihnen schühcn kann. Wie der Direktor deS Botanischen Gartens in Dresden, Prof. Drude, in langjährigen Bcob- achtungen festgestellt hat, kann sich der Gärtner schon an» Mittag über die Tcmpernturverhältnisse der Nacht orientieren. Es bedarf dazu eines feuchten Thermometers, d. h. eines Thermometers, dessen Quecksilberlugcl mit feuchter Gaze umtvunden ist. Zieht»ran von der Höhe, die dasselbe um Mittag zeigt. 4V» Grad C. ab. so erhält man die Teniperatur der komnrende» Nacht bis auf Grad C. annähenid. Zeigt daS feuchte Thermometer rin» Mittag beispicls- weise 6 Grad C., so kann man für die Nacht � Grad C. erwarte», die Temperatur, Ivo sich auf den Blättern bereits Rauhreif zu bilden beginnt; es gilt also, leicht erfrierende Pflanzenkinder durch Decken. Sträucher, Bestreuen mit Torfmull k. zu schützen und die lcicht- transporticrbare» wieder in das wärmende Treibhaus oder Zimmer zurückzubringen. Die Methode Drude�s ist von dem Genfer Gc- lehrten Kanimcrmann entdeckt worden und hat sich bisher bei allen Beobachtungen als durchaus vertraneusivürdig erwiesen.— Gesundheitspflege. og. lieber die sogenannte Tabaksblindheit und ihre Ursachen änderte sich kürzlich der berühmte Augenarzt an der Universität Stratzbnrg, Professor L a q u e u r, tvie folgt: Die Tabaksblindheit kommt glücklicherweise nicht allzu hänfig vor, nrefft nur bei leidenschaftlichen Ranchern. die trotz chronischer BerdonungS- störungen zu viel Cigarren täglich verbrauchen. Wer an Appclit- mangel, an chronischem Magenkatarrh leidet, mutz im Tabakgeuntz doppelt vorsichtig sein. Die Tabaksblindhcit fehlt nn allgemeinen bei Personen. die durchschnittlich weniger als 2ö Gramm Tabak pro Tag zu konsumieren pflegen; Störnngcu der Herzthätigkeit können sich bei empfindlichen Personen aller- dings auch schon bei geringeren Berbrauchsmengen ein- stellen. 25 Gramm Tabak entsprechen ungefähr einer Anzahl von fünf Cigarren mittlerer Größe, und dieses Quantum pro Tag sollte auch von passionierten Rauchern niemals überschritten werden. Bei leerem Magen zu rauchen, wie es vielfach geschieht, ist immer schäd- lich; am besten wird das Rauchen unmittelbar nach den Mahlzeiten vertragen. Will man zwischen zwei Wkahlzeiten noch eine Cigarrc rauchen, so sollte man vorher ein wenig Nahrung zu sich nehmen, und wäre es auch nur ein Stückchen Brot oder Zwieback. Zu ver- werfen ist die Gewohnheit, die Cigarre fortwährend im Munde zu halten und sie bis aufs äußerste Ende aufzurauchen. Manche Personen huldigen der Ilnfitte, die Cigarre zwischen den Zähnen zn kauen: dadurch wird der Hintere Teil der Cigarre durchfeuchtet und die schädlichen Stoffe des Tabaks zum Teil gelöst. Wird nun der Speichel, wie es vielfach geschieht, verschluckt, so müssen unbedingt kleine Mengen Nikotin vom Magen aufgenommen werden, und es entsteht auf diese Weise eine neue Quelle der Vergiftung. Ans dem gleichen Grunde ist eö vorteilhaft, das letzte Stück der Cigarre fort- zuwerfen, ehe es so durchfeuchtet ist, datz es nicht nicbr glimmt; denn auch dieses läßt gelöste Giftsubstanzen in die Mundhöhle übergehen. Die Reizung der Zunge, der Lippen- und Mundhöhlen- Schleimhaut ist Ivahrscheinlich auch auf die Wirkung dieser infolge von Durchfeuchtnng gelösten Substanzen zurückzuführen. Der reget- mätzige Gebrauch einer Cigarren spitze wird viele dieser Schä- digungcn beseitigen oder verhüten. Leider machen sich nur die wenigsten Raucher diesen Schutz zu nutzen, weil die Spitze dem Feiiifchmecker einen Teil des GennsteS raubt. Die ersten Per« giftungSerschcinungen machen sich gewöhnlich bei der Herzthätigkeit bemerkbar; anfangs in mehrtägigen, später in immer kürzeren Zwischenräunren tritt ein plötzliches' Bcklcimnungsgcfühl und Herz» klopfen ein. ES ist die erste Warnung für den Raucher. Wer sie außer acht läßt und den Tabakgenutz nicht eiusckräult, wird bald von ernsteren Störungen heimgesucht werden.— Aus den» Pflanzenleben. — lieber den Anbau der Akazie schreibt A. Manrizio in der„Mutter Erde": Die im Jahre 1633 von Robin aus Birginien eingeführte Akazie hat in Deutschland eine zu geringe Beachtung gefunden. Es ist auch dem Laien bekannt, datz die Akazie ansprnchs- los ist. und an Stetten des Bodens gedeiht, au denen tveder Gras noch Kräuter wachsen. Sie wächst hier sogar besser, als unsre be» scheidcnslen Bännie. Sie stellt aber große Ansprüche ans Licht. Im Hochwald kann sie nur dann erfolgreich angepflanzt werden, tvenn man ihrer Krone einen freien Stand sichert. Als Baum wachst sie meist ästig und sperrig. Im Mittclwalde ist sie als Oberholz ivegen ihrer lichten Beschattung gut zn gebrauchen, und für den Riederwald ist sie durch die Zähigkeit, sich reichlich durch Wurzelbrut fort- zupflanzeu und durch die große„Aaschrviichsigkeit" besonders Ivcrt- voll. Noch eine Eigenschaft der Akazie macht sie zu einem für sandigen Boden schätzenswerten Baum. Sie gehört nämlich zur Familie der Leguminosen, welche de» atmosphärischen Stickstoff mittels ihrer Wurzelbaktcricn assimiliere», und so den Stickstoff- Vorrat des Bodens bereichern. Dadurch wird, ähnlich der Wirkung der andren Leguminosen, der GraLwnchS befördert. hiermit auch an Böschnngen, Dämmen der Boden gefestigt. Ju der Ausbildung cincS festen. schwere»»nd dichten Holzes steht die Akazie trotz des raschen Wachstuius obenan nntcr sämtlichen Bäumen der gcmätzigtcu Zone rind nähert sich dadurch manchen tropischen Hölzern. Das.Kernholz ist ausgezeichnet durch Festigkeit, Elasticität, Härte, Widerstandsfähigkeit gegen Fäulnis rmd ist dem Wurmfratz nicht unterworfen. ES ist für Speichen, Rad- fclgen, Hammerstiele sehr geeignet n»d wird von Mafchiiieiibaueni, die seine Eigenschaften einmal kenne» lernten, geschätzt. Die beste UmtricbSzcit ist fünfzehn Jahre, nach»ciicreu deutschen und nngrischeu Beobachtungen wird der Wuchs der Akazie nach zwanzig Jahren viel geringer, lieber den Anbau der Akazie spricht sich der»ngrifche Landforstnicistcr folgendermaßen ans; Die Akazie winde schon vor vielen Jahrzehnleu als eine Holzart erkannt, die für die Aufforsinng der zahlreichen Sandflächen des uugrischc» Tieflands von hervor- ragender Wichtigkeit ist. Besonders in den letzten zwei Dczcnuic» gewann sie sehr an Verbreitung»nd tritt gegcnivärtig auf einer Fläche von 70000 Hektar bcsiaiidbildcnd auf. Ausgezeichnete Dienste leistet sie im Saud der Ebene und findet auch im Hügelland und den südlichen Hängen deS Vorgebirges bei der Aufforstung von Ocdlaud, von Wasserrissc» und steilen Böschungen ausgedehnte Ver- Wendling. Die gcriugen Bodenausprüche n»d das trotzdem Vorzug- liche Wachst»»» sowie die»mverwüsiliche Wurzelbrut sind Eigen- schaftcn, die neben der Vorznglichleit ihres Holzes der Akazie eiiic» fo hohen Wert verleihen.— Humoristisches. — Auch eine Kritik. Professor der ksassischen Philologie:„Ja, seh'n Sie. meine Herren, das ist ja eben da? Großartige,' daß ivir an der lateinische» Sprache ein»lntrügkichcS Mittel haben, die Erzeugnisse der sogenannten»enc» Littcratnr auf ihren Wer» hin zu prüfen. Wenn sicki nämlich solch' ein poctiiibe? Werk in gutes Latein übersetzen läßt, so könne»» Sie überzeugt sein. ist eS gut;— wenn nicht, so legen Sie es nur getrost beiseite!"— — D i e B a n d a kommt! Ein in Klansciibnrg studierender junger Mann erhielt, wie der„Pester Llohd" erzählt, kürzlich von feinem Vater folgendes Telegramm:„Konnnc heute abend, erwarte mich an» Bahnhof mit einer V a n d a! Dein Vater." Der junge Mann dachte hocherfreut, fein Vater miiste einen Haupttreffer oder iniiidcstenS ein sehr glänzendes Geschäft gemacht haben, da er sich einen so pompösen Empfang bestellte. Pünktlich erschien der Sohn in Begleitung einer Z i g c n n c r v a n d a an» Perron und als nach Ankunft des Z»gs der Vater ciiicn» Coiips II. Klasse entstieg, eilte der junge Mann ans ihn zu. knapp hinter ihn» die Zigeuner, die ans Leibeskräften den Räkoczi-Marsch fiedelten. Erstaunt blickte der Alle um sich. „Bist Du verrückt?" fragte er,„daß Du mit einer M n s i k- b a n d a da heraus kommst?" „Du hast Dir sie ja telegraphisch bestellt," entgegnete der Sohn. „Ich?" Der junge Mann hielt ihn» das Telegramm hin. Der Vater starrte das Papier an»nd sagte, nachdem er sich von der Ueber- raschnng erholt hatte:„Ist nnr gar nicht eingcfallc», sondern, weil eS plötzlich so kalt geworden»nid ich wußte, daß ivir ein gutes Stück Weges in» offene» Wage» zurücklegen müssen, telegraphierte ich Dir: erivarte mich mit einer— B n n d a l"(ein Mantel aus Wolle oder Schaffellen). Tableaul— ••» v � Leramwortliche: Redaeieur: Paul John in Berlin. Druck und Bertag von Max«»»»>, a ra Berlin.