Htnlerhaltu'igsbkntt des Süt. 82� Freitag, den 27. April. Igciv (Nachdruck verboten.) 22] Kluferpkohung. Roman von Leo T o l st o j. Der Vorsitzende schien gerade wie gestern anS lanter Unparteilichkeit und Gerechtigkeit zusammengesetzt und erklärte und brachte den Geschwornen das bei, was sie bereits Wichten und unmöglich nicht wissen konnten. Ebenso wie gestern wurden Pausen gemacht, ebenso wurde geraucht; eben so rief der Gerichtskommissar sein:„Der Gerichtshof kommt I" und ebenso saßen die Gendarmen da und bemühten sich, nicht einzuschlafen. Aits der Verhandlung ging hervor, daß dieser Bursche als kleiner Junge vom Bater in eine Tabakfabrik gegeben war. wo er fünf Jahre zugebracht hatte. Im gegcnivärtigen Jahre war er nach vorausgegangenen Mißhelligkeitcn des Besitzers mit den Arbeitern entlassen worden und stellenlos ohne Beschästigimg durch die Stadt gebunimclt. wobei er sein letztes Geld vertrank. Im Traktir war er mit dein ebenso wie er schon seit längerer Zeit stellenlosen Schlosser, der stark trank, zusammengetroffen, und sie hatten zu zweien in der Nacht, in trunkenem Zustande, das Schloß erbrochen und das erste, was ihnen in die Hände kam, mitgeilommcn. Sie wurdei» abgefaßt. Gestanden alles ein; wurden aber ins Gefängnis getvorfen. wo der Schlosser in Erwartung des Urteils starb. Ueber den Burschen aber saß man jetzt zu Gericht, wie über ein gefährliches Wesen, vor dein man die menschliche Gesellschaft schützen mußte. „Ein ebenso gefährliches Wesen wie die Verbrecherin von gestern," dachte Nechljudow, indem er alles hörte, was vor ihm vorging.„Sie sind gefährlich. Aber sind wir nicht gefährlich?... Ich, ein Wüstling und ein Betrüger, und»vir alle, alle diejenigen, die mich als den, der ich bin, kannten und mich nicht nur nicht verachteten, sondern sogar verehrten? Es ist doch augenscheinlich. daß dieser Bursche nicht ein besonderer Bösewicht, sondern offenbar ein ganz gewöhnlicher Mensch ist, und daß er zu dem, der er ist, nur deshalb ge worden ist, weil er sich in den Bcrhältnisseil befand, die solche Menschen hervorbringen. Und deshalb scheint mir, ist es klar, das; man. damit es solche Burschen nicht mehr giebt, sich be mühen muß. die Bedingungen abzuschaffen, unter denen solche nnglükkliche Wesen entstehen. Aber was thnn wir? Wir ergreifen einen solchen Burschen, der sich gerade fangen läßt, obgleich wir sehr gut wissen, daß tausend andre, die ihm gleichen, nngcfangen bleiben, — werfen ihn ins Gefängnis.>vo ihm Müßiggang oder im- gesunde, unnötige Arbeit aufgezwungen werden, und gesellen ihn zu andern Leuten, die entkräftet und vom rechten Lebens- weg abgekommen sind. Dann schicken wir ihn ans Staatskosten in Gesellschaft der allerverkonimeusten Subjekte von Moskau in das Gouvernement Jrkutsk. Wir thnn gar nichts, um die Bedingungen zu beseitigen, unter denen Menschen wie diese entstehen: im Gegenteil: wir fördern jene Anstalten. anS denen sie hervorgehen. Diese Anstalten sind wohl bekannt: es sind Fabriken, Manufak- türm, Werkstätten, öffentliche Häuser und Braimtwcinschcnken. Wir beseitigen dieselben nicht etwa, sondern sehen sie als etwas Nr'tlveiidiges an, unterhalten sie und regeln ihre Ein- richtnng. Ans diese Weise bilden wir nicht einen, sondern Millionen Menschen heran, greisen dann einen von ihnen heraus und bilden uns ein, Wunder was gcthan, unS selbst derart beschützt zn haben, daß gar nicht mehr von uns ver- langt werden kann. Haben wir ihn nicht von Moskau nach Jrkutsk expediert?"— So dachte Nechljudow mit un- gewöhnlicher Klarheit und Lebhaftigkeit, während er auf seinem Stuhl mit hoher Lehne neben dem Obersten saß, den verschiedenen Tonfall der Verteidiger, des Staatsanwalts und des Präsidenten hörte und ihre selbstbewußten Be- wegungen sah. Und wie viele und große Anstrengungen kostet diese ganze Heuchelei, dachte Nechljudow weiter, mit einem Blick über den weiten Raum, die Bilder, Lampen, Lehnstühle, Uniformen, die dicken Wände und geräumigen Fenster. Dabei malte er sich die riesige Größe dieses Gebäudes ans und die noch größeren Dimensionen dieser ganzen E-nrichtmig mit ihrem Heer von Beamten, Schreibern, Wächtern und Gerichtsdienern, die nicht nur hier, sondern in ganz Ltnßland für ihr Mitwirken an der ganz überflüssigen Komödie Geld erhalten. „Wenn wir nur ein Hundertstel dieser Anstrengungen darauf richten würden, diesen Verkommenen zü helfen, die wir jetzt nur als Hände und Leiber betrachten, welche für unsre eigne Ruhe und Bequemlichkeit erforderlich sind I Es hätte sich nur ein Mensch finden müssen— dachte Nechljudow, indem er auf das kränkliche, eingeschüchterte Gesicht des Burschen sah—, der sich seiner erbarmt, als man ihn bereits aus Not aus dem Dorfe in die Stadt gab. und ihm in seiner Not geholfen hätte: oder selbst als er schon in der Stadt war und nach zwölsstündiger Arbeit in der Fabrik mit seinen älteren Freunden, die ihn verführtem in den Traktier ging, — da hätte sich jemand finden müssen, der ihm gesagt hätte: „Geh' nicht. Wanja, das taugt nickts." Dann wäre der Bursche vielleicht nicht gegangen, er hätte sich nicht beschwatzen lassen und hätte nichts Böses gethan. Aber ein derartiger Mensch, der sich seiner erbarmt, fand sich während der ganzen Zeit, wo er wie ein wildes Tier in der Stadt lebte, seine Lehrjahre verbrachte, und, kurz geschoren, um keine Läuse zu bekommen, für die Meister Einkäufe besorgte, überhaupt nicht: im Gegenteil: alles, was er von Meistern und Kollegen hörte, seitdem er in der Stadt lebte, war. daß ein fixer Kerl sei. wer betrog, trank, schimpfte, sich prügelte oder liederlich war. Als er aber trank und von der ungesunden Arbeit. dem Trinken und der Liederlichkeit verdorben, verdummt und albern, wie im Schlaf, ziellos in der Stadt umherschlcnderte. aus Dummheit in irgend einen Schuppen einstieg und aus demselben niemand nöttge Dielenläufer hervorholte, da be- kümmerten wir uns nicht darum, die Ursachen zu beseitigen, welche diesen Burschen in seine jetzige Lage versetzt hatten, 'andern da wollen wir die Sache dadurch wieder gut machen» daß wir diesen Burschen bestrafen l... Schrecklich i Man weiß nicht recht: ist hier die Grau- samkeit oder der Unsinn das Größere von beiden? Aber jene wie dieser scheinen hier ihren Gipfelpunkt erreicht zu haben." Nechljudow bedachte alles das und hörte schon nicht mehr, was um ihn herum vorging. Und er erschrak selbst über das, was sich ihm eröffnete. Er wunderte sich, wie er das nicht früher hatte sehen können, wie andre eS nicht hatten 'ehen können. Fünfunddreißigstes Kapitel. Sobald die erste Pause eintrat, stand Nechljudow ans und trat in den Korridor mit der Absicht, nicht mehr in das Gericht zurückzukehren. Mochte man mit ihm machen, was man wollte, aber an dieser Komödie weiter teilnehmen, das brachte er nicht fertig. Nechljudoiv erkundigte sich, wo das Zimmer des Staats- anwalts sei, und ging zu ihm. Der Gerichtsdiencr ivollte ihn nicht vorlassen, sondern erklärte, der Staatsanwalt sei jetzt beschäftigt. Aber Nechljudoiv hörte nicht auf ihn, trat in die Thür und wandte sich an den Beamten, der ihm ent- gegenkam, mit der Bitte, dem Staatsanwalt zu melden, daß er Geschworener sei und ihn in einer sehr wichtigen An- gelegcnheit sprechen müsse. Ter Fürstentitel und die feine Kleidung halfen Nechljudow. Der Beamte machte dem Staatsanwalt Meldung, und Nechljudow wurde vorgelassen. Der Staatsanwalt empfing ihn stehend, augenscheinlich ver- tinunt über die Hartnäckigkeit, mit der Nechljudow ihn zu orechen verlangte. „Was wünschen Sie?" fragte der Staatsanwalt strenge. „Ich bin Geschworener, mein Name ist Nechljudoiv. und ich muß unbedingt die Angeklagte Maslowa schon," brachte Nechljudoiv schnell und entschlossen heraus, wurde dabei rot und fühlte, daß er einen Schritt unternähme, der entscheidende Bedeutung für sein Leben haben würde. Der StaatsaiUvalt war ein kleiner brünetter Manu mit kurzem grauen Haar, glänzenden lebhaften Augen und eineln geschorenen, dichten Borte an der vorstehenden unteren Mnnlade. „Die Masiowa? Geiviß, kenne ich. War wegen Gift- triords angeklagt," sagte der Staatsanwalt ruhig.„Wozu müssen Sie die sehen?" Dann fügte er, gleichsam mit dem Wunsche, milder zu sein, hinzu:„Ich kann Ihnen das nicht gestatten, wenn ich nicht weisz, wozu das nötig ist." „Es ist für nnch einer ganz besonders wichtigen Ange- legenheit wegen nötig," begann Nechljndow und flammte auf. „So so." sagte der Staatsanwalt, erhob den Blick und schaute Nechljndow aufmerksam an.„Ist ihre Sache schon vorgewesen oder noch nicht?" „Sie ist gestern vor Gericht gewesen und ganz im- gerecht zu vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sie ist unschuldig." „So so. Wenn sie erst gestern verurteilt ist," sagte der Staatsanwalt, ohne auf Ncchljudows Erklimmg bezüglich der Unschuld Maslowas acht zu geben,„so muß sie sich bis zur endgültigen Urteilsverkündung im Interims- gefängnis befinden. Besuche sind da nur an bestimmten Tagen gestattet. Dorthin rate ich Ihnen, sich zu bemühen." „Aber ich mutz sie sobald wie möglich sehen", sagte Nechljudow, während seine untere Kinnlade zitterte, und fühlte das Herannahen der entscheidenden Minute. „Weshalb müssen Sie das?" fragte der Staatsanwalt, mit einer gewissen Unruhe die Brauen hebend. „Weil sie unschuldig und dabei zu Zwangsarbeit ver- urteilt ist. Der. Schuldige an allem aber bin ich." sagte Nechljudow mit zitternder Stimme und fühlte dabei gleich- zeitig, datz er etwas sagte, was er nicht zu sagen brauchte. „Wie ist das zu verstehen?" fragte der Staatsanwalt. „Weil ich sie verführt und in die Lage gebracht habe, in der sie sich jetzt befindet. Hätte ich das nicht ge- than, so würde sie nicht einer solchen Beschuldigung aus- gesetzt sein." „Trotzdem sehe ich nicht ein, welchen Zusammenhang das mit dem Besuch hat." «Einfach den, daß ich ihr folgen und sie... heiraten will," sagte Nechljudow. Und wie stets, wenn er hierüber sprach, traten ihm Thränen in die Augen. „Ja? Nun sehen Sie!" sagte der Staatsanwalt.„DaS ist wirklich ein sehr außergewöhnlicher Fall. Sie sind ja wohl Stimmführer in der Krasnoperskischen Semstwo?" fragte der Staatsanwalt und erinnerte sich dabei, daß er früher von diesem Nechljudow gehört hatte, der jetzt einen so sonderbaren Entschluß kundthat. „Entschuldigen Sie, ich glaube nicht, datz das etwas mit meiner Bitte zu thun hat," erwiderte Nechljudolv ärgerlich und flanimte auf. „Natürlich nicht," sagte der Staatsanwalt, kaum nierklich lächelnd und durchaus nicht verwirrt,„aber Ihr Wunsch ist so ungewöhnlich und weicht so von aller Form ab..." „Also, wie ist es, kann ich die Erlaubnis bekommen?" «Die Erlaubnis? Ja. ich werde Ihnen sofort einen Ein- laßschein ausstellen. Nehmen Sie gefälligst Platz." Er trat an den Tisch, setzte sich und begann zu schreiben. „Bitte, setzen Sie sich." Nechljudow stand. Nachdem der Staatsanwalt den Schein geschrieben, über- gab er Nechljndow das Schreiben und sah ihn neugierig an. (Fortsetzung folgt.) Aus drv ntttfistuliplhcn Moche. Wieder einmal übertönt die Totenglocke den Klang der Musik vom Tage. Vor kurzem sind in München Heinrich Vogl und in Wien Wilhelm Jahn gestorben. Wer biographische Notizen über sie braucht, wird solche leicht finden, und zu einem Nekrolog langt es hier nicht. Aber Eins möchten wir hervorheben. Beide Männer wurden auch besonders in Verbindung mit Richard Wagners Namen genannt, weniger ivohl Jahn, der frühere Wiesbadener, dann Wiener Opsrirkapellmeisier, der als einer der bedeuteirdsten Dirigenten von Wagners Musikdramen galt, desto mehr aber Vogl, der all- berühmte Heldentenor im besten Sin» des Worts, der in Wagners junger Glanzzeit der Schöpfer mehrerer Hauptrollen ivar. Seine Vereinigung eines hoch über aller Opernschablonc stehenden drama- tischen Spiels, mit einem höchst künstvplle», auch im Konzert meister- haften Gesang, den er immer iviedcr mit eifrigster Selbstvervoll- komnuinug Pflegte, niachte ihn zum echten Vertreter Wagncrscher Kunst. Beim Hinscheiden solcher Männer drängt sich nun die bange Frage auf, wie viel von der Ueberlieferung jener Glanzzeit nach- gerade übrig bleiben wird, lieber daS jetzige Bayreuth ward schon mancherlei Klage erhoben, datz dort von der airtheurischen Tradition nicht mehr genügend vorhanden sei; und auf unsre Opcrntheater, vielleicht zum Teil daS Wiener und das Münchner ausgenmnmcn, ist ja erst recht nicht z» rechnen. Je geringer die Zahl der Getreuen von damals wird, desto kostbarer werden ihre Zeugnisse, desto dringender die Notwendigkeit, diese noch beizeiten auszunützen. Dazu kommt mm. datz ja jede Periode der Musik ihren eignen Vortragsstil hat. Was werden etwa kommende Jahrzehnte ans den Werken Wagners mache»? Run steht innner in Frage, Ivie denn ein Werk aus einer früheren Periode in einer späteren gespielt werden solle. Etwa nach dem Stil der späteren? Aber dann fälscht man daS Werk. Oder nach dem Stil der früheren? Aber dann fälscht man den Eiudrnck: denn eS iverden ja nunmehr zum Teil andre Instrumente gespielt, jedenfalls andre Hörfähigkeite», andre Kenntnisse usw. in Anspruch genommen. Und diese Fälschung dürfte sogar die bedenNichere sein. Es ist lvie bei einer Ueber- setzuug, ja ivie bei jeder reproduktiven Kunst, vielleicht sogar wie bei jeder darstellenden Kunst. Volle Treue ist unmöglich, wenn aus einer Sprache in die andre, aus einer Erscheinungsivelt in die andre übertragen iverden soll. Alte Regel: vor allem den Geist der Sprache wahren, in die übersetzt werde», den Geist der Gestaltnngswclt wahren, i n der gestaltet werden soll. Und die Treue? Die folgt am besten aus der Fragestellung: wie würde der ursprüngliche Autor sich in der neuen Sprache, in der neuen Gestaltungswelt ausdrücken? So ergicbt sich das Gebot einer kunstvollen Berücksichtigung des einen wie deS andren, also eines Mittelwegs, der aber kein Verwischen. sondern ei» Zusammenwirken bedeuten soll. Herr Professor Waldemar Meyer dürfte diesen Mittelweg gut getrosten haben, als er neulich sclbvicrt das sogenannte„Kaücr- qnarlctt" von Haydn vorführte. Der Zauber, der uns aus solchen Werken mit ihren verbältniSmätzig unselbständigen Füllstimmen(im 2. Satz zu einem wcchiclvollcn Spiel der öslrcichischen Volksbynuie gesteigert) und mit ihrer rührenden Freude an einer heiteren Welt nnifatzt, ist nicht mehr der Zauber unsrer Welt, ist aber freilich auch wieder etwas andres als der ein Mcuschcnalter spätere„Biedermeier"- Ton. Jene Vorsühruug geschah in dem bereits Lki. der dankenswerten Konzerte des „Ausschusses zur Veranstaltung von Volks- a u f s ü h r u n g e u". Abermals ein Problem der Ucbertragnng I Hier soll gute Musik Hörern zugeführt werden, die gleicvjaui in einer andren Sprache hören, als in welcher sonst das Publikum hört und ein Tonkünftler komponiert oder rcproducicrt; Hörern, die mehr Abwechslung lieben als andre und weniger leicht und lang bei au- strengenden Eindrücken festzuhalten sind. Also bnntcs Programm I Und das ist nun wieder kunstwidrig, der Knust untre». Ich glaube, wir kommen aus diesem alten Dilemma, das um so drängender wird, als sich ja allmählich in der Arbeiterschaft immer mehr das Verlangen nach volkstümliche» Musikaufsührnngen regt, nur dann heraus, wenn wir sie durch irgendwelche nicht pedantische Milte! ganz eigentlich belehrend machen, durch inslrntlive Cr- lämernngcn und was eben sonst einem solchen Ziveck dienen mag. I» eben jenem Konzert hatte Fräulein Charlotte Tanbert mit wohlverdientem Erfolg vier Lieder gesungen; darnnrer folgten ein„O latzt mich träumen" von dem bekannten Opercttenkompomston A. Sullivan riud ein„Litauisches Lied" des Klassikers Fr. Chopin unmittelbar aufeinander. Wo war da für den weniger erfahrenen Hörer ein Anhalt, um neben jenem schrecklichen Schmachigesang den Wert dieses schlichten»nd doch inhaltreichc» Liedes zn würdige», das aber hinwieder kein rechtes Bild deS eigentlichen Chopin giebt?! Und wenn cS erst einmal gelten wird, diesem Publikum, das ja naturgcmätz zu einer Begnnstignng selbständiger moderner Regungen neigt, solche Kompositionen von heute und die ihnen entsprechende Art der Wiedergabe vorzuführen? Es war mir nicht leicht, mich in einen ganz eigene» Fall von Uebertragung hineinzufinden, als ich die Klaviervorträge Herr» G. Adolf Papendicks hörte. Ein würdiger älterer Herr, der so gar nichts vom modernem Virtuosen an sich hat, aber desto mehr von der Ge- nauigkeit, Einheitlichkeit und Besonnenheit deS Meisters. Das, waS selbst in der sehr frühen k'-moll-Sonätc Bcethoveus den Komponisten des Leidenschaftlichen ankündigt und das, was es in der v-molk- Sonate Schuberts zn Beginn Stürmisches und im aveitcren Verlauf sozusagen Blumenhnftes giebt: all diese, ei» besonders sensitives Temperament des Spielers verlangenden Eigentümlichkeiten liegen über die etwas trockene Natur Herrn Papendicks hinaus. Allein sein ungemein reinliches, durchsichtiges, allem Verwischen durch Pedal sc. so ganz entgegengesetztes Spiel, das doch keineswegs der Energie und der gestaltenden Betonung entbehrt, ist wenigstens als ei» gleichsam aus älterer Zeit herüberreichendes Muster eine interessante Ergänzung des heute lieblichen. Aber Chopin»nd Liszt, die noch neben einigen weniger bekannten Stücken ans dem Programm standen, wollte ich nicht mehr hören; ich fürchte, der Konzertgcber würde mit dem Vortrag solcher Werke seinen bis dahin noch crträg» glichen Mangel an flotter Lebhaftigkeit und schwiegsamer Phantasie zn deutlich fühlbar gemacht haben. Zu all den Konflikten von Vortragsweise treten nun noch häufig Aufgaben wie die, sich'im' Konzertsaal zu bewähren, wenn man sonst auf einem ganz andren Boden wirkt, oder inmitten einer Flut der aller- verschiedensten Darbietungen sich mit einem oder dem andren Stückchen selbständig zu vertreten. So höre ich über einen als„Konzert- u n d V o r t r a g S a b e n d zu w o h l t h ä t i g e m Z w c ck e" be- — 3i zeichneten Abend. Safe dort ein halb Dutzend Deklainattol�l!i»sUer mit verdientem Erfolg ihm- interessanten Persönlichkeiten ivirkten, Nennen ivie Johannes Trojan und wie Otto Sommers- t o r f f(dieser mit litterarisch wertvollen, vermutlich eignen Stticke»). daß dazwischen Frau Lieban- Globig mehrere Lieder sehr niedlich, aber etivas äußerlich vorgetragen habe, und dafe die Opercttenvirtnosin Frl. Mia Werbe r mit ihrer, übrigens recht schrill gewordenen Stimme den Eindruck erweckte, überhaupt nicht für den Konzertsaal geeignet zn sein. Also schliefe- lich auch der Konflikt, dafe solche Künstler sich hilfsbereit zu einem wohlthätigen Zweck finden lassen und dann erst»och»nit einer Kritik rechnen müssen. So tragen künstlerische Wohlthättgkeitsvorstellunge» stets einen oder vielmehr zahlreiche Widersprüche in sich, vielleicht mit grvfeerein Schaden für die Kunst als der Nutzen ist, den sie— recht fraglich— für den„Zweck" einbringen.— bz. Vwifept-VlÄkkev. Die Maifesl-Blättcr der deutschen und der östreichischen Partei und die Dtai-Nuinmern des.Wahren Jakob" und des„Süddeutschen Postillon" liege» uns vor. Das Fe'stblatt der deutschen Partei gedenkt in erster Linie des Jubiläums, das die Partei in diesen Tage» begeht: seit dem Einignngsivcrk auf dem Gothaer Kongrefe sind in diesem Mai gerade fünfnndzwanzig Jahre verflossen. Die Geschichte dieser Einigung zeichnet ei» sachlicher, gut orientierender Rückblick ans jene Tage, der Erinnming an dieses Jubiläum ist auch das Vollbild auf den beiden mittleren Seiten des Blatts gewidmet. Es ist ein Triptychvn, dessen drei Abteilungen von Stamm und Blätterkrone des EichbanmS umrahmt sind. Auf dem Mittelbild legt die Stärke, ein überlcbcnsgrofecs Weib in Brnstharnisch und Helm, bewaffnet init einer Keule, schützend die Rechte auf die geeinte» Hände der beiden Arbeiter, die i» stolzer Haltniig, mit dem Ausdruck gesammelter Kraft vor ihr stehe»; im Hintergründe liegen Fabriken mit vielen rauchenden Schloten. Auf dem rechten Scitcnbildc stürmt, das Schwert schwingend, die Freiheit heran, links flieht vor ihr die Zwietracht, auf deren Wirken die Herrschaft des Gottes Mamnio» begründet war. Die Zeichnung ist in einfachem linearen Stil gehalten, der zukunftSfrohe siegeSsichcre Geist, der ans dem Ganze» spricht, wird gefallen. Weniger wird dies vielleicht bei dem Titelbildc der Fall sein: auf dem Erdball steht, mit der Linken die gewaltige Fahne, mit der Rechten de» Hammer schwingend, ein Arbeiter im Schurzfell; er ruft zum Kampfe, aber die Art, wie er zn diesem Zweck den Mund öffnet, wirkt doch recht fatal, und auch sonst macht das Gesicht einen nicht gerade übermäfeig klugen Eindruck. Noch ciu Bild enthält die Nmmner, eine Reproduktion der bekannte» „Scenc ans der Hölle" von dem belgischen Tausendkünstler Wicrtz, Napoleon vor seinen Opfern in der Hölle. Nicht das hat man. bei- läufig' bemerkt, gegen das Bild eingewendet, dafe es„Tendenz- Malerei" sei, sondern, dafe es so ganz nur Tendenz und so gar tvenig Kunst, eigne überhaupt nicht, gäbe. Der Texttcil enthält aufeer dem schon erwähnten Aussatz«in längeres Gedicht„Der Arbeit Fest" von Ernst Prcczang, einen in« To» etwas fremden Aufsatz«Der erste Mai und die Frauen", eine kurze Behandlung des Themas „Was können die Gewerkschaften?", Ucbersichten über die Fortschritte der Arbciterschntz-Gesetzgcbnng und die Entlvicklnng der Maifeier im letzten Jahrzehnt, über die Kriegsfnrie in« nennzehnten Jahr- hundert». a. Wieder etwas gar bunt präsentiert sich das Maifestblatt der östreichischen Genosse n. Und nur in den« Titelblatt � nackte Kinder schwingen sich im Reigen um ei» Nelkenbect, ans den« ein Maibainn ausragt— ist die Farbe auf drei einfache Töne, hell- braun, hellblau und rot, gestimmt, die gut zn einauderstehen, und auch die Zeichnung ist ansprechend; daö grofee beigelegte Vollbild und das Schlufebild«Mannnön" haben dagegen wieder einen zu weichliche» Ton.„Unser der Sieg— trotz alledem!" betitelt sich das Vollbild: Die Freiheit weist den Mammon mit seinen Geld- säcken und seiner Helferin, der Schlange, aus dem Palast und hält die Hand des jungen Burschen, der die grofee rote Fahne trägt; zu der FclSplatte, a»>f der sie steht, zieht die ihr zujubelnde Schar der befreiten Arbeiter heran. Wie früher ist auch diesmal der Textteil entschieden die bessere Hülste des Maiblatts. � Es enthält eine Reihe anfeuernder und anregender Aufsätze. Ellenbogen ivirft einen Rückblick auf den Textilarbeiter- und den Kohlcugräbcr-Strcik, Ellen Key plaudert über„Kunst und Socialismus", Fritz Austcrlitz zieht die„Bilanz des Wiener Wahlrcchtskampss", von den„Friedens- bcstrcbungen" in unsrer Zeit bandelt ein andrer Beitrag: und die „Maieuivandennig" erzählt in Dialogforin die Bekehrung des zum Proletarier gewordenen Landmanns. In der Maiiiuiinner des„ W a h r e n I a k o b" ist ein grofecr Teil der Beiträge dem Gedanken des ersten Mai gcwidinet. Ii« einem farbigen Scherzbildc auf. der Titelseite treiben Faune. im Wald- dunkel ihr Wesen. indem sie einen Polizisten von den« Fcstplatze im Hintergründe fernhalten, auf den« in« freundlichen Sonnenlichte eil» fröhliches Volk seine Maifeier begeht; auf dex Rückseite ivird „die alte und die««uie Gesellschaft" in zlvei Paaren von Reisenden kontrastiert, die auf schmalem Bergpfad einander be- gegne», wobei die alte Dame Kehrt machen mufe. In einer grofee» Zeichnung wird„der Siegeslauf des Socialismus" geschildert wie eil« Rande bemerkt wird, ist sie frei»ach eine»« bekannten Motiv ?—. Walter CraneS„Der Wettlauf der Stunde««" gearbeitet. Die Slmiden sind hier- zu den einzelnen Völlen« Europas geworden, die "» edlen Wettlauf zu dem hohen Ziel des Socialismus einander die Palme streitig machen. In Gedichten und Plaudereien, in Scherz und Ernst tvird der erste Mai gefeiert. Wilhelm Liebknecht hat den Leitanfsatz geschrieben. Die Nummer enthält auch die Novelle„Ein Sterben" von Paul Bröcker(Hamburg), die bei dem Preisausschreiben des„Wahren Jakob" den ersten Preis davongetragen hat. Der„Süddeutsche Postillon" zeigt ailf den« Titelblatt seiner Mai-Nummer den Arbeiter, der„seinen Feiertag" hält; er schreitet einsam durch die hügelige Landschaft— der erste Mai ist sonst eigentlich ivohl nicht der Tag, an den, der Arbeiter das Be- dürfnis empfindet, allein zu gehen. Auch gegenüber dem Mittelbilde „Die Not" wird mau seine Bedenken nicht»ulterdrückcn können. Wir sehen dabei ganz ab von den Qualitäten des Bildes. Aber es scheint uns verfehlt, an unserni Maitag, dem Tag, an dem wir freudiger als an jeden« andern der schönen Ziele'gedc>«kcn wollen, zu denen unser Kamps uns führen soll, uns im Festbwtt das Scheusal vorzuführen, als das die Not hier dargestellt ist.— Kleines Feuilleton. — Aus Reporterberichte« hat das„Nene Wiener Tagblatt' folgende Sätze gcsannnelt: In, höchsten Grade bestürzt, ivurde die Blechbüchse nebst dem Stück Pcchfackel»nid der Zündschnür mit der Annahn, e. dafe dies eine Bombe sei, den» Bezirksgerichte übergeben. Diejenigen Arbeiter,»velche die Blechbüchse gefunden und zu tragen hatten, standen wahre Tantalusqualen aus. Erwähnenswert ist. dafe beide Villenbesitzer scharfe Bnlldogen haben und sich die ganze Nacht nicht rührten. Wie ans Czeniowitz telegraphiert wird, hat dort der Offiziers- Stellvertreter M. T. in Gesellschaft der Tochter eines Wiener Post- beamten zuerst sich u,>d dann seine Geliebte erschossen. Gester» ist hier Herr N. N. nach knrziveiligen, Krankenlager einen« tückischen Leiden erlegen. Sein Absterbe»»ist die lauterste Teilnahme seiner Kollegen hervor. Mit mehrere» Leuten bewaffnet, drang der Direktor in das Zinnner. Se. Excellenz der Leichnan, ruhte in einen« Metall- Doppelsarg. Herr Dr. L. hatte die Gnade, auch im Gunipendorfcr Spitale von der hohen Besuchern« angesprochen zu werden. Wenzel Wolf arbeitete auf einem Neubau in der Schvnbnlnner- strafee in Meidling. Dieser war schwerhörig und an» linken Auge erblindet. Vor drei Monate» wurde er Witiver. Ein schnell herbeigerufener Sichcrheitswachmann durchschnitt den Riemen und wurde, nachdem ihm die Aerzte der Rettungsgesellschaft Hilfe geleistet hatten, in seine Wohnung gebracht. Es war eine Orgie von Gemetzel, die da eine Bestie in Menschen» gcstalt exekutiert hatte. Die Bestattung des Heimgegangenen findet im engste» Faniilien- kreise statt. Der Train zuckte dreimal förmlich zusamnien.(Beim Sturze eines Felsblocks auf eil» Eiscnbahngeleise.)— Theater. Schiller-Theater. N i o b e. Der Diener zlveier Herren. Der Frühling sängt an, den Spielplan z>« beeinflussen. Man giebt heitere Stücke, um sich zur Sonne dranfeen in keinem allzu schroffen Gegensatz zu bringen. Das Schiller-Theater hat „Niobe" hervorgeholt und hat damit den Erfolg gehabt, den der be- kannte englische Schwank bei einem naivei» Publlkmn wohl stets er- reichen wird. Ungleich Ivcrtvoller als„Niobe" tvar die Instige Komödie von Golda», die de» Abend beschlofe. DaS Stück ist über hundert Jahr alt und«virkt heute noch so frisch, ivie es nur immer bei der Premiere gewirkt haben kann. Das behandelte Motiv ist von der einfachsten Art. Ein Diener verdingt sich an zwei Herren und ruft dadurch die grvfete Verwirrung hervor. Worin diese Verwirrungen bestehen, ist in« Grunde gleichgültig; ich wenigstens habe voi« der eigentlichen Fabel keinen Eindruck empfangen. Üin so fröhlicher aber«var der Eindruck, den ich von dem Hauptcharakter des Stücks erhielt. Der Diener ist mit feiner und sicherer Knust ge- zeichnet. Sein Charakter ist eine ivnnderliche Mischung von gesundem Menschenverstand und täppischem Wesen. Mai« lacht über seine naiven Späfee, obgleich sie einen« bereits längst ans andren Koinödien bekannt sind. Man lacht und hat dabei das beste Gewissen von der Welt.■ Nirgends stellt sich die Empfindung ein, die einem ans den niodcrnen Cirkusschtvänken so peinlich gut bekannt ist— die Enipfiudnng eiiier leisen Scham, weil«na» sich durch den Unsinn der Bühne zum Lachen zwingen läfet. Der Diener Goldaus kann es gar nicht zu toll treiben und das kommt wohl daher, iveil hinter seinen Späfeen immer ein Ivirklicher Mensch voi« Fleisch' und Blut steht. Man hat es schliefelich immer mit Kunst zn thu««,' mit einer ungebundenen, sorglosen und verwegenen 5ti«»st, aber doch eben mit Kunst. S ch in a s o w, dem unter den Darstellern die Hauptaufgabe zufiel, spielte, ganz in« Charakter des Stücks. Er war vor allem innner frisch«ind gab dem Diener die ganze Ausgelassen- hcit, die er braucht, wem« er»nS unterhalten will.' Neben Schmasow wäre noch Grete M c h e r zu nenncn, die im ersten Stück die Niobe spielte.— L. L, Kulturgeschichtliches. t. DaS ä l t« st e Maß. von dem wir Kenntnis haben, ist wahrscheinlich die Elle oder die Län�e vom Ellenbogen bis zur Spitze des kleinen Fingers. Dieses Maß wurde schon beim Bau der große» Pyramide» 3500 Jahre v. Chr. benutzt, war auch bei den Juden und andern semitischen Völkern in Anwendung. Die Länge war bei den verschiedenen Völkern verschieden. Ein sehr altes in den Ruinen von Abhdos gefundenes Ellcnmaß besitzt eine Länge von 25,1 Zoll oder 623/4 Centimeteru, während die späteren Ellen- maße, die kurz vor dein griechischen Zeitalter im Gebrauch waren, nur 18V« Zoll oder 4öli2 Centimcter Länge besaßen. Die durch- schnittliche Länge der Elle kann zu rund 50 Centimetcr angenommen >v erden, und dieser Betrag stimmt auch mit den an der großen Pyramide angeivandten Maße» überein.— Völkerkunde. — Der» Berliner Museum für Völkerkunde ist ein Exemplar von einer großen Ausgabe mexikanischer Bilder- s ch r i f t e n in Faksimile zum Geschenk gemacht Ivorden. Die „Nat.-Ztg." berichtet darüber folgendes: Die schön gezeichneten und prächtig kolorierten Codices, lvelche zur Ansicht ausliegcir, enthalten fast ausschließlich den Kalender der Mexikaner, der zu Weissage- zwecken verwandt wurde nnd zugleich die bedeutendste Quelle für die Kenntnis der mexikanischen Religion und Mythologie bildet. Jeder Woche von 13 Tagen präsidiert eine bestimmte Gottheit, deren Funktionen durch die Kleidung und daneben gemalte Syiubole kenntlich gemacht sind. Jeder Tag ist durch ein bestimmtes Zeiche», das einen Gott, ein Tier oder sonst einen konkreten Gegenstand dar- stellt, zu einem günstigen oder ungünstigen gestempelt. Dasselbe ist mit den 20 Wochen der Fall. TageSzcichcu giebt eS ebenfalls 20, die regelmäßig aufeinander folgen. In 20 Wochen zn 13 Tagen, also in 260 Tagen ist der Kalender zn Ende. Seine Entstehung ist voll- ständig dunkel und scheint zu den Mondphasen keine Beziehung zn haben. Daneben besteht aber eine Rechnung nach Sonncnjahren zn 365 Tagen. In einem solche» Jahr werden 18 Festzeiten zu je 20 Tagen unterschieden. Die Feier bezieht sich je nach den Jahres- zeiten auf bestimmte Gottheiten, die mit dem Gedeihen der Feld- früchte und mit dem schroffe» Wechsel ztvischen Trockenheit und Regen- zeit in dem Hochlhal von Mexiko zn thim hatte». Die Darstellungen dieser Götter, und der zu ihren Ehre» gefeierten Feste bilden einen weiteren Teil der in den Bilderhandschriften aufgezeichneten Dinge. Reben Sonne und Mond beobachtete» die Mexikaner den Morgenstern, die Venns, nnd brachten deren Umlanfszeit von je 584 Tagen in dem Kalender von 260 Tagen durch die Anordiiuiig der Tagcszeichen zum Ausdruck. Je nachdem der Anfang der Uuilaufsperiodcir auf diesen oder jenen Tag fiel, wnrde ein bestinunter ungünstiger Ein- fluß der Gottheit des Morgensterns auf die Menschen erivartet. Die Grundzüge dieses Kalenders, ans Sonne, Morgenstern und de» Zeit- räum von 260 Tage» gegründet, finden sich bei allen Kulturvölkern CentralamerikaS, obwohl diese sprachlich in keiner Verlvandtschnft zn einander stehen. Das mexikanische Götterpantheon enthält Erd- und Himmelsgötter. Seine Bielgestaltigkeit ist daraus zu erklären, daß jede der vielen Städte nnd jeder Stamm seine eigne Gottheit hatte und alle diese Gestalten von den siegreichen Bewohnern der Stadt Mexiko nach und nach in ihren Olymp aufgenommen wurden, sobald sie ihre Herrschaft über das mexikanische Reich, wie es Cortez vorfand, ausdehnten. Naturgemäß geht aber eine einheitliche Auffassung durch die vielen Stanmigottheitc». Den Mexikanern am nächsten steht die Erde. Wenn die Sonne mit ihren Sonnenpfeile», den Strahle», die Erde verivundet nnd Dürre erzeugt, so wird dieses in den Bilderschriften dadurch dargestellt, daß der Hirsch, das Symbol der Erde, von einem Pfeil erlegt wird. Der„doppclköpfige" Hirsch aber ist zugleich der Name einer Erd- göttin, welcher von dem lvichtigeu Gegensatz der Dürre und dcS Wasserreichtums auf der Erde hcrgeuommen ist. Wenn der Morgen- stern Dürre verursacht, so sehen wir die Maisgöttin vom Speer der Gottheit des Morgensterns verwundet und Raupen fressen die Mais- kosben auf dem vertrockneten Erdreich. So können die Sonnen- gotter eigentlich nur umnittelbar den Menschen schaden, nämlich durch Äernrittlung und Schädigung der Erde und ihrer Gottheiten. Da aber von der Erde sowohl Gutes ivic Böses herkommt, so haftet allen Erdgöttinnc» eine doppelte Auffassung a». eine freund- liche und eine furchtbare, wie ivir das schon«»' der Dürre und dein Wasserreichtum sahen. Die Maisgöttiu giebt den Mais, das Haupt- Nahrungsmittel der Mexikaner, sie verursacht aber auch unter dem Namen.Sieben Schlangen" die Hungersnöte. Aus dem Schöße der Erdgöttinnen sproßt alles Lebe»— was sehr naiv durch einen Baum ausgedrückt wird, der ans ihrem Leib emporivächst— sie sind aber zugleich Todesgötter, weil in den Erbrachen des Abends die, Tonne herabstürzt und in ihm alles Leben begrabe» wird Deshalb werden sie häufig mit Totcuschädel, Kiiocheii-Eniblemen. ausgerissenen Herzen und abgehauenen Händen, die sie als Schmuck an sich tragen, dargestellt und sind ursprünglich zugleich die Götter des Kriegs, obwohl gewöhnlich die Sonnengötter als solche fungieren. Die Erde braucht zu ihrem Wachstum Blut. Das sehen wir folgendermaßen in einer Bilderhandschrift zum Aus- druck gebracht. Zwei Mensche», deren Köpfe abgeschlagen sind, liegen am Boden, den Hälsen entspringt ein starker Blutstrom, der sich ivie cm breites Band um einen Erdgott und eine Erdgöttin schlingt. Dieses Sitzen unter einer Decke bedeutet die'Verheiratung, Rings lum sie breitet sich die Erde aus. dargestellt durch einen von Linien unffchlossenen Raum, in den viele Häkchen gezeichnet sind, die ge- wöhuliche Hieroglyphe für Erde. Aus dieser Erde sprossen zwei Blütcnbämue empor. Der Gedankengang ist klar und für die mexi» kauische Auffassung des Menschenopfers bezeichnend. Deshalb viel- leicht wurden die Opfer für die Erdgöttiunen enthauptet, während sie sonst durch Oeffuen der Brust und Herausreißen deS Herzens geopfert wurden. Ein ebenso verständlicher Vorgang ivar, daß man den Opfern die Haut abzog und sich mit dieser die Repräsentanten der Erdgotthciten bekleidetem Das sollte an den Jahrcsfesten der Erdgötter andeuten, die Erde möge sich mit neuer Vegetation überziehen. Es ist wahrscheinlich, daß die Sitte der Menschenopfer überhaupt von dem Wachstum der Erde ausging. Der Kultus der Erdgöttcr trägt überhaupt einen lveit archaischeren Charakter als der der Himmelsgötter. Andrerseits berichtet eine alte Tradition, daß der Krieg von den Göttern geschaffen wurde, um die werdende Sonne mit dem Herzen und dem Blut der geopferten Ge- fangenen zu nähre», sonst leuchte sie nicht genug.— Ans dem Pflanzenleben. — Schnelles Wachstum einer Pflanze. Viele Gelvächse verlängern ihre Triebe ungemein schnell. Der Bambus ist ein Gras, welches man mit geeigneten Bcobachtrmgsapparaten ivachsen sehen kann, nnd Baumtricbe erreichen nach dem Stutzen zuweilen in einem Jahre die Länge von zwei bis drei Metern. Am leichtesten zu beobachten ist das WachStmnergebnis natürlich an einjährigen Pflanze», bei denen man die WachstnmSzelt genau keimt, nnd unter ihnen dürfte, wie C, H. Baker iin Bulletin des Botanischen Gartens von Kew mitteilt, eine Amarnnthacee ans Florida, Genicks, -uistnrlis, Ivohl voll wenigen andren Pflanzen an Schnelligkeit des Wachstums übertroffcn werde». Ihre Triebe erreichen häufig eine Länge von 6,70 und selbst von 7,60 Meter im Laufe eines Sonuncrs.— Humoristisches. — Ein Kavalier..Haben Sie schon Duelle gehabt?" „Nein, aber Ohrfeigen Hab' ich schon gekriegt."— — K e i n e R e g c l ohne Ausnahme. Dame:.Neillich las ich, das Nadel» sei nicht allein für die Muskel», sondern auch für das gesamte Nervensystem nützlich: ist das richtig, Herr Doktor!" Herr:„Allerdings, anSgenomille» den Norvns rerum."— — Dame» von beute.«Wohin so eilig, meine Liebe?" .Ach, was man jetzt für Sorge» hat! Ich gebe nachinittag einen D a n» e n k a f f e e und da inuß ich»och Aschenbecher ein- kaufen."— s,Jngend."> Notizen. -—Im Lessing-Theater werden nach dem.B. T." in der nächsten Saison folgende Novitäten zur Ausführung gelange»: Hermauil Sudernlanns Schauspiel.I o h a n n i s s e u c r". tvkax Halbes.Joha»niSi»acht". Otto Erich H a r t l c b e il s OffizicrStragödie.Rosen montag"; ferner sind Stücke von Ludivig Fulda, Max Dreher, Philipp Lang in a ii» zugesagt. Endlich ist Mailrice D o u n a y S Sittcnstück.I-o Tenent" erworben.— — Coit Max K re tz c r erscheint bei Fischer u. Franke ein „Possenspiel in drei Akten"„Die Kunst zu heiraten."— — Die D ärmst äd te r K ü n st l c r k o l o» i e bereitet für das Jahr 1901 eine Ausstellung vor, die keine Ausstellungshallen, keine Ansstclllmgöstände oder dergleichen enthält, vielmehr eine Ans- stellung fertiger Hänser, eine kleine moderne Stadt ist, in der jeder Stuhl, jede Decke, jedes Tischgerät künstlerisch durchdacht ist. Die Hänser werde» als bleibende Villen gebaut, sie sind von vornherein verkauft. Der größte Teil aller ausgestellten Gegenstände ivird gleich fest gekauft und der Aussteller hat Gelegenheit, ivcitere Stücke fest in Bestellung zu bekomme». Die Bauteil sind schon seit einige» Monaten in Arbeit und Ulan hofft, bis znm Herbst mit dem Rohbau fertig zu sein, imi dann de» Winter über die innere Einrichtung ans- zustellen und zu vollende».— — An S ch iv e i z e r Universitäten gab es 1890: 134, 1894: 322, 1898: 474, 1898/99: 555 im,natrik»li«rte Stüde u t i n n r n.— — Die St. Petersburger Naturforscher-Gesellschast hat eine staatliche Uilterstützung von 10 000 Rubel erhalten zur Cr- richtmig ihrer biologischen Station im Hasen von Jekaterinograd im nördlichen Eismeer zlvische» der Rhbatfchi- Halbinfcl und der Bai von Kola.— ie. Die größten Gebläse Maschinen der Welt sind kürzlich von einer anierikanischell Firma für die Ohio- Werke der National Steel- Company geliefert worden. Die riesige» Maschine» sollen 45 Umdrehungen in' der Minute machen, dem Kolben eine Geschwindigkeit von 450 Fuß geben und einen anfänglichen Damps- druck von 160 Pfund besitzen. Bei 45 Umdrehungen entwickeln die drei Maschinen je 5000 Pferdekräste und blasen i» jeder Minute 57 240 Knbilfnß Luft mit einem Druck von 25 Pfund aus den Qnadratzoll ans.— Die nächste Nuinmer des llnterhaltnngSblatts erscheint am Sonntag, den 29. April. .......*'"' Veramivorllllve: äHccacieur; Paul John in Beian. Druck und Verlag von Max Boving in Berlin.