Nnlerhaltungsvlali des Nr. 83 Soniltag, den 29. April. 1900 (Nachdruck verdaten.» 831 Attfevptelzttttg. Noman von Leo T o l st o f. ..Ich nnlh Ihnen noch mitteilen," sagte Nechliiibolv,..das; ich sucht tveiter au den Sitzungen teilnehmen kann." ..Da müssen Sie.>me Ihnen bekannt, dein Gericht hin reichend tvichtige Gründe angeben." ..Die Griindc sind die. das; ich jedcö Gericht nicht nur für nnniltz. sondern sogar für»»moralisch halte." ..So so." sagte der Staatsanwalt, immer mit demselben. kaum bemerkbaren Lächeln, als ob er durch dieses Lächeln andeuten wollte, daß solche Erklärungen ihm bekannt wären und zu einer bcstimniten Kategorie von Lächerlichkeiten ge hörten. ..So so: aber Sie begreifen doch tvohl, daß ich als Staatsanwalt Ihnen nicht beistimmen kann. Und deshalb rate ich Ihnen, darüber dem Gericht eine Erklärung ab zugeben; dann wird das Gericht über Ihre Erklärung entscheiden und sie für triftig oder für»ncht triftig erklären und Ihnen im letzteren Falle die gerichtliche Strafe auferlegen Wenden Sie sich an das Gericht." ..Ich habe meine Erklärung abgegeben und thue keine weiteren Schritte." sagte Nechljudow ärgerlich. ..Empfehle mich." sagte der Staatsanwalt, sich mit dem Kops verneigend: er hatte offenbar den Wunsch, diesen sonder baren Besucher bald los zu werden. . Wer war da eben bei Ihnen?" fragte das Gerichts Mitglied, welches nach Nechljndows Hinausgehen das Zimmer des Staatsanwalts betrat. „Nechljudow; wissen Sie. der schon im Krasnoperskischen Bezirk in der Scmstwo verschiedene sonderbare Vorschläge machte. Denken Sie sich: er ist Geschworncr. und unter de» Angeklagten befindet sich eine Frau oder ein Mädchen, die zu Zwangsarbeit verurteilt ist, und die er nach seinen Worten verführt hat und setzt heiraten will." ,.Ia Wohl nicht möglich!" „Das hat er mir erzählt... Und dabei in einer sonder baren Erregtheit." „Da ist etivaS nicht richtig. Dieses absonderliche Verhalten der jetzigen junge» Leute." „Na. so ganz jung ist er nicht mehr." „Ach. lieber College. wie uns aber Ihr gepriesener Iwaschcutow anödet l Gr macht uns tot; redet und redet ohne Ende." „Man ums; die Leute einfach unterbrechen, sonst sind es die richtigen Obstrilklionisteu..." Sechs»» d dreißigstes Kapitel. Vom Staatsanwalt fuhr Nechljudoiv direkt zum Interims- gefängnis. Aber es stellte sich heraus, das; da keine Mas- Iowa war. und der Aufseher erklärte Nechljudoiv. sie müßte im alten Transportgefängnis fei». Nechljndow fuhr dorthin. Wirklich, hier war Lekaterilia Masiowa. Die Entfernung vom Jntcrimsgefäugnis bis zum Trans- vorthnns war nngehener, nnd Nechljudow kam erst gegen Abend im Transporckhaus an. Er wollte in die Thür des. riesigen, finsteren Gebäudes, treten, aber die Schildwache ließ ihn nicht hinciii, sondern läutete nur. Auf das Läuten kam ein Aufseher herbei. Nechljudoiv zeigte seinen Schein, aber der Aufseher sagte, ohne Erlaubnis des Inspektors könnte er ihn nicht einlassen. Nechljudoiv begab sich zum Inspektor. Schon während er die Treppe hinaufstieg, hörte Nechljudow hinter der Thür die Kläuge irgend eines komplizierten Brnvourftücks. das auf dem Klavier gespielt wurde. Als ihm aber ein Dieuslmädche» mit verbundenem Auge ärgerlich die -Thür öffüete,-stürzten diese Klänge gleichsaiu ans dein Zimmer heraus- und trafen seil« Gehör. Es war eine übermäßig oft gehörte Rhapsodie von LlSzt. die schön,' aber nur lüs. zu einer bestimmten Stelle gespielt wurde'. Wenn der Spieler bis zu dieser Stelle gekomme» war. wiederholte er immer dasselbe. Nechljudoiv fragte das perbmideiic Dienstmädchen, ob der Inspektor zu Hanse sei." � Das Dieirftmädchen sagte:„Nein." „Koiiliiit er denn bäldil". Die Rhapsodie hielt wieder innc und wurde glänzend lind geräuschvoll bis zu der verHerten Stelle wiederholte'> „Ich iverde gehen und fragen/' Und daS' Dienstinädchen ging fort.. s Die Rhapsodie begann gerade wieder dahiiizuranschen. alS sie plötzlich noch vor der verhexten Stelle abriß nnd eine Stiiiime ertönte:. ..Sag' ihn!, daß er nicht da ist ini� heute nicht mehr kömmt. Er ist eingeladen, ivas soll dieses Dränge»?" er-. tönte eine weibliche Stimme hintbr der Thür, nnd wieder er klang die Rhapsodie, aber wieder hielt sie inne, nnd man hörte das Geräusch eines zurückgeschobenen Stuhls. Allgen scheinlich wollte die erzürnte Klavierspielerin dem zudringlichen Bestich, der nicht zur festgesetzten Zeit kam. selbst Bescheid sagen. „Papa ist nicht da!" Mit diesen Worten trat ein blasses, jämmerlich aussehendes, frisierte?. Mädchen mit blaiien Ringen unter den trüben Augen aus dem Zimmer. Als sie den jungen Mann nh feinen- Paletot erblickte, wurde sie sanfter...Treteil Sie. bitte, näher.,, Was tvünschcii Sie?" „Eine Gefangene zu sprechen."/ „Gewiß eine Politische „Nein, keine Politische. Ich habe die ErlanbniS vorn Staatsanwalt." „So, ich weiß nicht; Papa ist'»ficht da. Aber kommen Sic, bitte,"'forderte sie ihn wieder ans. in den kleinen Flur zu treten.--„Sonst-wenden- Sie sich an seinen Gehilfen. der ist jetzt im Eonrptoir. mit dein reden Sic.. Wie ist-Ihr Name?" „Ich danke Ihnen," sagte Nechljudoiv. ohne ans die Frage zu antivorten, und ging hinaus. Man hatte kau»» die Thür hinter ihm schließen können. als schon wieder dieselben mutigen, fröhlichen Klänge ertönten. die ebensowenig zu dem Ort paßten, an dem sie hervorgebracht wurden, wie zu dem jämmerlichen Gesicht des Mädchen?, da? üc so hartnäckig auswendig lernte. Draußen traf Nechljudoiv einen jungen Offizier mit ge- sarbtem und gedrehtem Schnurrbart und'fragte ihn nach denk Gehilfen des Inspektors. Es ivm" der Gehilfe selbst. Er nahm den Eiiilaßschci». sah ihn durch und sagte, er hätte nicht die Erlaubnis, jeiinmd in das Transportgefängnis hineinzn' lassen. Es sei auch schon spät. Er bäte, morgen wiederzn» koinnien. „Morgen»in zehn llhr ist der Besuch jedem gestattet: dann kommen Sic nnr. dann ist der Inspektor auch zu Hause. Sic können sie dann mit den andern zusammen sehen', nnd wenn der Inspektor es gestattet, auch im Bureau." So kehrte Nechljudoiv, ohne an diesem Tage ei» Wieder- ehe» erreicht zu haben, nach Hause zurück. Erregt von dem bedanken, sie zu sehen, ging er durch die Straßen und dachte jetzt nicht niehraü das Gericht, sondern an seine llnterhaltitng init dein Staatsanwalt nild de» Aufsehern. Der Umstand, daß er ein Zusammentreffen mit ihr gesucht und dein Staatsanwalt von einer Absicht Mitteilung gemacht und in zwei Gefängnissen gewesen war und sich vorbereitet hatte, sie zu sehen, erregte ihn so sehr, daß er sich lange nicht beruhigeil konnte. Z» Hanse angekommen, holte er sogleich seine lange nicht mehr angerührten Tagebücher hervor, las einige Stellen in ihnen durch und schrieb folgendes hinein:„Zwei Jahre lang habe ich keine Tagebuch geführt und geglaubt, daß ich niemals zu dieser Kinderei zurückkehren würde. Aber das war keiiie Kinderei, sondern eine Unterhaltung mit mir selbst, mit dem wahrhaften, göttlichen Ich, das in jedem Menschen lebt Die ganz? Zeit über hat dieses Ich geschlafen, nnd ich hatte niemand-. Mit dem ich inich nisterhalten könnte. Anfgcivecks hat es der ungewöhnliche Vorfall am �8. April im Gericht, ivo ich Geschworncr- ivar. Ich habe ans der Anklagebank sie, die pon mir verführte �tatjnscha in. StMlwgÄKeidom; wieder.-. gesehen Durch ein soitderbare? Mißverständnis iiild durch iiteuien-Fehler ist sie zuv Zwangsarbeit verurteilt worden: Ich war soeben beim StäatsäuivaU und im Gefängnis.- Man hat mich nicht zu ihr gelassen, aber ich bin entschlossen, alles zu thm«. um sie wiederzusehen, vor ihr meine. Sünden an bekennen und meine Schuld wieder gut zu mache»,. iveun auch durch eine Ehe. Herrgott, hilf mir! Mir ist sehr gut und frertdig ums Herz."<._.' Siebenunddreißig st es Kapitel. Maslowa konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen, sondern lag mit offenen Augen da, schaute auf die Thür und die bald vorwärts, bald rückwärts wandernde Küsterstochter und dachte nach. Sie überlegte, daß sie um keinen Preis einen Sträfling auf Sachalin heiraten, sondeni sich irgendwie anders ein- richten würde— mit irgend einem Beamten, einem Schreiber, meinetwegen mit einem Aufseher oder Gehilfen. Sie waren ja alle versessen darauf.„Aber nur nicht mager werden; sonst gehst du zu Grunde." Und sie erinnerte sich, wie der Verteidiger sie angesehen hatte und wie der Vorsitzende und die ihr begegnenden und absichtlich vorübergehenden Männer im Gericht nach ihr hinAblickt. Sie erinnerte sich, wie die Bertha, die sie im Gefängnis besucht� ihr erzählt, daß der Student, den sie bei der Kitajewa geliebt hatte, zu ihnen gekommen sei, nach ihr gefragt hätte und sie sehr bedauerte. Sie dachte auch an den Streit mit der Fuchsroten und fühlte Mitleid mit ihr; dachte an den Bäcker, der ihr extra Semmel ge- schickt. Sie dachte an vieles, aber nur nicht an Nechljudow. An ihre Kindheit und Fugend, namentlich aber an ihre Liebe zu Nechljudow dachte sie niemals. Das war zu schmerzlich. Diese Erinnerungen ruhten unangerührt irgend- wo tief in ihrer Seele. Selbst im Traum sah sie Nechljudow niemals. Heute, im Gericht, hatte sie ihn weniger deswegen nicht erkannt, weil er. als sie ihn zum letztenmal gesehen, Militär ohne Vollbart, mit kleinem Schnurrbart und zwar kurzem, aber dichtem Lockenhaar gewesen war. während er jetzt schon nicht mehr jung aussah und einen Vollbart trug, — als vielmehr deshalb, weil sie niemals an ihn dachte. Sie hatte alle Erinnerungen an ihre Vergangenheit in jener schrecklichen Stacht begraben, wo er von der Armee gekommen und nicht bei seinen Tanten vorgefahren war. (Fortsetzung folgt.) Von der MelkonsPtellttttg. 9L Pariser Stimmungen und B e r st i m m u n g e n. DaS deutsche Haus. Paris, 26. April 1966. In einem kurzen und kategorisch gehaltene» Erlaß bat die Aus- stellung allen denen, die es angeht, nunmehr zu wissen gegeben. daß bis zum 28. d. M., das ist bis zum Sonnabend, alle Arbeiten beendet sein müssen; nach diesem Termin soll kein Arbeiter mehr auf dem Ausstellungsfelde zugelassen werden, wer nicht fertig wird bis dahin, hat es sich dann selbst zuzuschreiben. Skeptische Leute glauben nicht recht an den vollen Ernst dieser Worte und meinen, es werde sich wohl im gegebenen Augenblick»och irgendwo ein Hinterthürchen im wahren Sinne des Worts finden lassen, durch das die Arbeiter eingeschmuggelt werden können; aber es wäre im Interesse der Sache zu wünschen, daß mit der Drohung Ernst gemacht wird, weil heute auch die Pünktlichen unter der Unpünktlichkeit ihrer Nachbarn zu leiden haben. Eine Reihe von Ansstelleni, die mit Auf- bietung allen Fleißes ihre Erzeugnisse schon vor dem offiziellen Er- öffnungstermin ausgelegt hatten, mußten sie fast die ganze Zeit seither durch Decken, Bretter und dergleichen verdeckt halte», weil es irgend einem guten Mann in der Nähe gefiel, geradezu niiwahr- scheinliche Mengen von Staub aufzuwirbeln. Das Publikum wird froh sein, wenn es erst einmal von der abscheulichen und bis zum Ueberdruß gehörten ominösen Phrase: plus tsrck d. h.„später" erlöst ist, mit der man jetzt an allen Ecken über das llnsertige hinweggetäuscht werden soll? froh werden auch die Berichterstatter sein, deren Thätigkeit sich bis jetzt so zu sagen in der Novellen- dichterei erschöpfte. Wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der grimmige Redacteur sein Recht verloren, der vom Berichterstatter dringend Neuigkeiten heischt. Unsre Absicht ist, unsre Leser so gut es in derartigen Ausstellungsbriefen geht, über den Stand des gewerblichen Lebens in den verschiedenen Läudern zu unterrichten aber dazu muß man Vergleiche ziehen können, und das ist heute noch fast unmöglich. Die Schuld an der allgenicinen Unfertigkeit und Verspätung trifft nur zum geringsten Teil die eiuzelnen Aussteller, in deren eigenstem Interesse es vielmehr liegt, möglichst frühzeitig und voll- ständig ihre Erzeugnisse den, Publikum zugänglich zu machen. Eher schon könnte man der Ausstellungsleitung, im besondern den Vau- firmen die Verantwortlichkeit zumessen! aber nach dem, was man allgemein hört, tragen die schlechten srauzösischen Verkehrsverhält- nisse die meiste Schuld. Noch vor wenigen Tagen standen bor den Pariser Güterbahnhöfen Tausende von Waggons mit Ausstellungs- gütern, die wegen inangelhafter Einrichtungen und schlechter Dispositionen nicht entladen werden konnten. Zum wer iveiß wie vielten Male haben die Kapitalistengesellschastcn. denen der französische Eisenbahn- Verkehr ausgeantwortet Ivorden ist, den Betveis ihrer kompletten Unfähigkeit geliefert. Man muß schon nach Ländern mit ganz .koLxiimpiertcr Verwaltung gehen, nach Italien oder den Balkan- steinten,«ro solche traurigen Verkehrsberhältniffe zu finden, wie in Frankreich oder gar in Paris. Die Verfechter des Privatbetriebs von Straßenbahnen. Gaswerken, Elcktricitätsccntralen und dergleichen niüßten verurteilt iverden. ein paar Jahre lang die Segnungen der- artiger Einrichtungen in Paris am eignen Leibe zu verspüren. Die Trambabn- nnd Omnibusverhältnisse der französischen Hauptstadt sind einfach eine Schande; im Interesse einer Kapitalistenklique wird das Publikum in der unerhörtesten Weise ausgeplündert und gemißhandelt. Da bei diesen: Raubshstenr die Dividenden so fett sind, daß die glücklichen Aktionäre in eignem Gefährt auf Gummirädcrn oder in. Automobil durch die Sttaßcn kutschieren können, so scheren sie sich den Teufel um die Flüche und die Wer- zweifliuig der Menge, die ihnen auf Gnade und Ungnade aus- geliefert ist. Den Herrschaften von der Großen Berliner Straßen- bahn inuß sich das Herz vor Neid inr Leibe herumdrehe», wenn sie sehen, mit welcher Unverschämtheit und Gewissenlosigkeit ihre Kollegen jenseits des Rheins erst auftreten könne»! Am schlimmsten leiden unter diesen Umständen natürlich, wie immer, die Arbeiter und schlecht bezahlten Angestellten; es ist ganz gewöhnlich, daß Leute mit einem Tagesverdienst von fünf Frank sechzig bis fünfund- siebzig Centimes, das ist den achten bis sechsten Teil, den orgaiii- sierten und autorisierten Straßenrärrbern in den unersättlichen Rachen werfen müssen. Und so lammsgcduldig ist das hiesige Publikum, so nachsichtig— oder so gut geschmiert!— ist die hiesige Presse, daß es schon als eine kleine That erscheint, wenn nnste Parteiblätter die Konzessionierung der kapitalistischen Kliqnen über das Jahr 1916 hinaus bekämpfen! Wenn die Weltausstellung mit dein zu erwartenden Masscnaudrange auswärtigen PnbliknmS, der die Kalamitäten auf die Spitze treiben niuß, zu einem gründlichen Wandel in diesen Zuständen den ersten Anstoß abgäbe, dann wäre sie in der That ein Segen für diese sonst so herrliche Stadt. So gehen vielfach in diesem Lande große politische Freiheiten, von denen man bei uns noch kaum zu träumen wagt, Hand in Hand mit einer jäimnerlichen Adinimstration; naive Leute, die in einer Bourgeoisrepublik das Ideal erblicken I Ueberall schreit die Anarchie des heutigen gesellschaftlichen Lebens nach einer fnndanicntalen und organischen Umgestaltniig, überall drängt sich dem Lebenden die Gewißheit auf, daß es so nicht mehr lange weiter gehen kann; Reformation an Haupt und Gliedern ist notwendig und unabweisbar. Und mag das französische Volk auch noch so lustig und leichtlebig sein, diese Notwendigkeit drängt sich doch auch ihm immer deutlicher auf, die Socialisiernng der Massen, die Verbreitung socialistischer Gedanken und Ideale niacht sichtbare Fortschritte. Dabei haben sich sehr viele Franzosen eine gewisse komische Neugierde für die Persönlichkeiten ausländischer Potentaten belvahrt. Man kann keine fünf Minuten vor dem, übrigens trotz der viel- gerühmten deutschen„militärischen Pünktlichkeit" auch noch nicht vollendeten, deutschen Rcpräsentationsgebäude in der Ausstellung stehen, ohne von irgend jemandem in ein Gespräch über Wilhelm II. verwickelt zu werden. Seine Gewohnheiten, seine Ansichten, seine Thaten und Reden interessieren die Pariser im höchsten Grade. Sie bewundern den Herrscher, der trotz der vielen Repräsentations- pflichten, die ihm seine Stellung auferlegen mutz, uoch immer Zeit finden, andauernd Reisen zu machen, zu dichten, zu komponieren, zu malen, zu zeichnen. Pläne zu Gebäuden, Schiffen und Denkmälern zu entwerfen, militärische Uebungcn abzuhalten, zu jagen u. s. w. u. s. w. Ob der deutsche Kaiser wohl zur Ausstellung kommen wird? Diese Frage darf natürlich bei den Parisern nicht fehlen, die es kaum be- greifen können, wenn unsereiner gelassen zugestehen muß, daß ein deutscher Socialdeinokrat kaum hinreichend über höfische Pläne unter- richtet zu sein pflegt, um darauf«ine Antwort geben zu können. Das deutsche Repräsentationsgebäude erregt andauernd die Aufmerksamkeit aller Ausstcllungsbesncher; nichts Verwunderliches bei dem nicht ganz ungemischten Interesse, das die DurchschnittSfranzosen allein von jenseits deS Rheins Stammenden ciitgegenbringen. Es ist nach den Plänen des Vauinspektors Johannes Rndke von der be- kannten Frankfurter BauunternehmuiigSfirma Philipp Holzmann n. Co. am Quais d'Orsay aufgeführt worden. Mit Mitteln ist anscheinend nicht gespart worden und der massige Bau mit dem über 60 Nieter hohen Turni macht einen ziemlich guten Eindruck. In welchem Stil es gehalten ist? In jenem wunderlichen„Altdeutsch", dessen Stunde in Deutschland wohl glücklicherweise bereits geschlagen hat. Schöne Motive, die alten deutschen Bauten entnommen sind, können den gekünstelten Eindruck des Ganzen nicht verwischen. Die breiten Giebelflächen hat man mit Malereien aus der Nibelungen- sage bedeckt, Malereien, deren etwas schreiende Farben von der steundwilligcn Pariser Sonne wohl noch etwas gebleicht werden; die Westfa?ade zeigt eine beachtenswerte Holzarchitektur, die keinen üblen Eindruck mächt. Mit altdeutschen, soll heißen: schwer zu enträtselnden Buchstaben hat man auf jeder Seite ein Spruchband bedeckt, nicht ohne die Gelegenheit zu benutzen, ein klein wenig— Flottenpropaganda dabei zu treiben: denn während vorn„Arbeit" und„Friede" gleichsam als offizielles Programm auf die Beschauer herabprangen, lautet der Spruch auf der rechten Giebclseite: „Auf die Flut der Stern des Schicksals weist, Lichte kühn die Anker, Menschengeist l" Aber vorher bewillige noch rasch die Flottenvorlage l In erster Linie dient das deutsche HauS den Zwecken der offiziellen Repräsentation; tvenn es erst aber einmal ganz fertig ist, öll es dem Besucher charakteristische Zweige des deutschen Kultur- lebcnS vor Auge» führen. Da wir ja nun einmal in dem Geruch stehen, das Volk der Dichter»nd Denker zu sei», so hat man das deutsche Buchgewerbe in erster Linie zn dieser SpecialansstetUmg auscrsehcn;_ ihm schliefen sich dann die graphischen Künste in ihren mannigfachen Zweigen und eine photographischc Ansstellung im besondere» an. In diesem Jahr begehen die Jünger der „schwarzen Kunst" die Jubelfeier ihres ehrbaren Meisters Johannes Gutenbcrg: auch auf fremdem Boden wird hier dem Genius des Mannes eine verspätete Huldigung dargebracht. Von Gutenberg z» Röntgen— fürwahr eine bedeutungsvolle Znsaninicnstellnng ans der reichen Entwicklung unsrcs nationalen Geisteslebens. Andre Säle des deutschen Hauses sollen alles enthalten, was in Deutsch- land auf dem Gebiete der Arbeiterwohlfahrtspflege privater Initiative seine Entstehung verdankt. Der Bourgeoisie mug man zugestehen, dnfe sie sich in Scene zn setzen weist! An offiziellen und offiziösen Verherrlichungen flottcnbegcistertcr Millionäre, die cincir ivinzigcu Teil ihrer Riesencinkoininen zur„Wohlfahrtspflege" abzugeben für nützlich befunden haben, wird es zweifellos nicht fehle». Die Dokumente, der Arbeiter- Vergewaltigung durch allerhand Knhuemäniier, Stunnns und der- gleichen wird man freilich vergeblich zn suchen habe», ebenso wie i» den sonstigen socialen Abteilungen schwerlich die Rudimente des Zuchthansgesctzcs und des Posädolvsky- Erlasses ausgestellt sein werden. Das Weinrestaurant und die damit verbundene Weindan- Ausstellung im Untergeschost des deutschen HauscS sdcr Katalog führt die beiden Veranstaltungen euphemistisch in umgekehrter Reihenfolge an) werde» schwerlich so viel Anfmcrlsamkeit erregen, wie die drei Hanptsäle des Ha nseS, i» denen der deutsche Kaiser den Franzosen eine eigenartige Huldigung dadurch bereitet, dast er sie zur Aufnahme der hervorragendsten Werke der französische» Kunst des vorigen Jahrhunderts bestimmte, die sich im Besitz der prenstischenKönigSfamilie befinden. Der bunte Trubel einer zusammengewürfelten Menge von Globetrotters lvird sich dort zwischen Möbel und Gobelins b'e- wegen dürfen, in denen einst Friedrich II. mit dem bissigen Spötter Aronel von Voltaire geistreiche Wortplänkelcicn ansfocht und sich über Gott und die Welt lustig machte. Wie sich die Zeiten ändern! Heute haben j» auch wohl die Meisteriverke eines Watteau, Laueret, Pater, Chardin und wie sie sonst heißen, in Berlin und Sanssouci keine rechte Stätte mehr: Anton von Werner und Knack- fnß sind an Stelle jener Männer getreten, und anstatt der sträflich lustigen Verse ans Voltaires Pueclle seiner Verspottung des Kultus der Jnngfran von Orleans) thnt man im Zeitalter der lex Heinze gewiß gut daran, Majors und Dichters Laufs„Eisenzahn" z» citicren! Wie sagte» wir doch eben?„Fürwahr eine bedentnngs- volle Zusammenstellnng aus der reichen Entwicklung nnsrcS nationalen Geisteslebens"...,_ S. Atttttveliungon fitm modernen Vnhnenpkil. In Hantburg sah ich vor Jahren eine Aufführung von Ibsens „Gespenster". Natürlich nicht im Stndtlheater, das damals von deni Börsianer Pollini sozusagen„geleitet" ivurde. Herr Pollini hielt Ibsen für ein schlechtes Papier und so war er ganz konsequent, wenn er nicht damit handeln wollte. Die„Gespenster" mußten durch eine bescheidene Hiuterthür in Hamburg hcrcingclasjcn werden. Eine Theaterschulc führte sie mit ihren Schillern ans. An der Spitze des Instituts stand ein ehemals recht bekannter Hofschanspieler der altei« Generation. Daß er im„alten" knicht untergegangen ivar, beweist allein die Thatjache, daß er für Ibsen einen offnen Sinn und ein offnes Herz hatte. Im„neuen" aber ivar er— soweit die Schanspielkunst in Frage kam—»och weniger untergegangen»nd so gab er die„Gespenster" zwar modern- natürlich, aber doch mit den schwere» Accenten, die eine schwere Tragödie nicht sowohl erträgt, als vielmehr fordert. Der Eindruck' war überaus stark, wenigstens bei mir. Wenige Wochen nach jener Aufführinig brachte das Berliner Residenz-Theater die„Gespenster" nach Hamburg. Ju scincni Ensemble fanden sie» sehr klangvolle Namen, so Nlidolf Niltner und Rosa Bcrtens. In der Anffnhrnng hat ganz gewiß undcndlich viel mehr feine und sichere Kunst gesteckt, als in jener Vorstellung, die unter der Leitung eines alte» Hofschanspiclcrs von Schülern gegeben wurde. Trotzdem blieb die Wirkung weit hinter jener ersten Aufführnng zurück. Wie eine rasende Jagd zog das Ganze vorüber. Da wurde so elegant und flott gesprochen, wie in einem französischen Schwank, wo es gilt, die Leute nicht zur Besimiimg kommen zu lassen. Die Farben der Dichtnug wurden durch die leichte Konversalion verwischt, und ich begriff den Man» nicht recht, der mir das nachher als „natürlich" sehr war»» empfahl. Inzwischen habe ich manches begreifen gelernt, auch die moderne „Natürlichkeit", die manchmal gar nicht„natürlich", sondern eine sehr komplizierte und gelegentlich wohl auch raffinierte Sache ist. Der Dentlichleit zu Liebe will ich meine Ansicht an einem konkreten Beispiel auseindersetzen. Als Kainz seiner Zeit im Deutschen Theater de» Zaust spielte, fiel die Art und Weise auf, ivie er eine bekannte Stelle sch rtispi ilcrisch behandelte. Es handelte sick, um die Worte: „... Nenns Glück I HerzI Liebe! Gottl Ich habe keinen Namen Dafür I Gefühl ist alles; Name ist Schall und Nanch, Umnebelnd Hiinmelsglnt I" Kainz streichelte hier Grethchcns Wangen, seine Nngrn Icnchtctci» vor Glück»nd mit der seligen Leichtigkeit des niibckümmertcn Lieb- Habers sprach er die Verse. Das war gewiß geistreich und ich»leiner- seits habe mich»misomehr darüber gefreut, als sein Faust sonst keine» tieferen Eindruck hinterließ. Die philosophischen Verse so ganz und gar in leichte Liebcsversc umzuwandeln. war. wie gesagt, ein geistreicher Gedanke, zugleich aber war es ein Gedanke von so ätzender Schärfe, daß er die wunderbaren Verse zerstörte. Gerade Kainz versteht ganz ausgezeichnet, die Verse einer Dichtung ans der sozusagen abstrakten Deklamation i» die Sphäre des mensch- lichen Geschehens herabzuholen nnd das ist ein Verdienst, so ehrlich und schwerwiegend wie nur irgend eins. In der er- wähnten Scene aber schlug sein Vorzug in einen Fehler um. Er gab eine geistreiche Einzelheit auf Kosten Goethes und so gewiß ich mich über die Einzelheit an sich freute, so gewiß ist es, daß in diesem Augenblick Goethe zn keinem Menschen in» Theater sprach, auch zn mir nicht. Wenn aber Goethe nicht zun» Publikum spricht, bleib! die Wirkung ans, wie viele Künste sonst auch an die Dichtung verwendet werden mögen/ Kainz hat nicht die Ausgabe, diesen oder jenen Gonrmand zu erfreuen, sondern soll vor allem den Faust zur Geltung bringen, wenn er den Faust spielt. Mit der moderne»„Natürlichkeit" verhält es sich etwa so: sie ist zn einer Natürlichkeit für Gourmands geworden. Es ist sehr hübsch, de» Mund nicht voll zn nehmen, es ist sehr hübsch, wie ein Mensch zu gehen und nicht wie ein„Held", auch sein Organ zu schonen, ist eine»i'itzliche Sache. Ans der andern Seite aber ist eS auch ganz nnd gar keine Schande, einmal eine machtvolle Beweginig zn machen. wie es auch ganz»nd gar kein Verbreche» ist, ei» wohlklingendes Organ zn haben. Wenn eine Stelle, bei der ein Schauspieler der alten Schule unfehlbar„losgegangen" wäre, von einem modernen Schauspieler mit Geist und Verstand gedämpft wird — dann schnalzt der Gonrmand im Parkett mit der Zunge und sagte:„Ah! Zucker!„Unser" Schulze! Hoho!" Wenn nun aber der Dichter in dieser Stelle Sturm nnd Drang und Macht zn geben vermeinte— was thne ich dann mit Schutzes Zucker? Selbst wenn der Dichter die Grenzen der Natur überschritten habe» sollte, wäre es immer noch besser, mit ihm zn sündigen, als gegen ihn. Die„Natürlichkeit", die nur genossen werden kann, indem ma» die Feinheit des schnnspielcrischeii Nasfinements bewundert, ist keine» Pfifferling wert. Wir wollen Natur, Natur; aber keine Natürlichkeit, die— pardon— zn einem— Kunststück geworden ist. Ein Stück bon Ibsen mag zehnmal im Salo» spieken, der Schauspieler steht darum doch auf dem geweihten Bode» der Tragödie, nnd das braucht er wirklich nicht zn vergessen. Oder besser: er darf es nicht einmal. Und dann die Nachahmer, o— die Nachahmerl Kainz gab, als er Goethe schuldig blieb, wenigstens Kainz und das ist immerhin nicht wenig. Nun aber die Nach- ahnirr, die aus Angst vor„Unnatürlichkeit" das bißchen Temperament zurückdrängen, was sie überhaupt haben, die Pansc» machen. so angenehm wie die Wüste Sahara, nur weil das„vornehm" ist, weil sie glauben, daß so am„Dentschen Theater" Komödie gespielt wird. Auf die Gefahr hin, für einen Barbaren gehalten zu werden, will ich bekennen, daß ich oft heimlich de» Wunsch ans die Bühne gesandt habe: EiwaS mehr Provinz, meine Herrschaften! Etwas mehr das Bewnßffein, daß wir mm doch einmal im Theater sind, wo kein Mensch sich ans die Dauer mit „intimen" Reizen zufrieden giebt. Es ist»»glaublich, wie viel besser für ein Stück mitnnter eine schlechte Aufführnng sein kann. als eine sogenannte musterhafte. Im„Deutschen Theater" sah ich einmal Schnitzlers„Vermächtnis" und die dichterische Ohnmacht, die sich hier abquälte, ein Drama zn schreiben, machte mich entsetzlich nervös. Monate nachher sah ich dasselbe Stück in einer andren Ans- führung. die zwar nicht schlecht, aber doch unendlich viel bescheidener war als jene des„Deutschen Theaters". Die Arbeit war einfach nicht wieder zu erkennen. Die Schauspieler hatten offenbar nicht die Zeit gehabt, sich in das Detail ihrer Rollen z» verlieren nnd so kam ei» Zug in das Stück, der es zwar nicht zu einem guten, aber doch zu cincni leicht erträglichen Drama machte. Das Mühsame nnd Gequälte war fast vollständig verschtvmidc». Zuviel Detailarbeit kann einem Drama eben gerade so gefährlich werden, als zn wenig oder gar keine. Die Schanspielcr sprachen das wenige, das Schnitzler überhaupt zu sagen hat, frisch nnd froh herunter und dabei standen sich alle Teile am beste». Das Unterstreichen, Gliedern, Detaillieren der Künstleram Deutschm Theater hatte die Nichtigktit dcs Ganzen uurpeinlich zum Beivnßtseiu gebracht. Und weiter! Hebbels„Julia" halte i» der„Neuen Freien Boltsbühne" einen vollen und starken Erfolg, nicht trotz, sondern wegen der nnbekiininierten Naivetäi,»nit der die Schanspielcr an die Arbeit gingen. Also lassen ivir uns belehren I Die Lorbeeren des„Deutschen Theaters" sind ehrlich verdient nnd auch noch immer frisch und grün. Aber gerade weil ich sie schätze, möchle ich mich nicht darauf schlafen legen.— Erich Schlaikjer. Kleines Feuilleton» ck. Die Markise. Herrn Tapezierer Bchrend I Bitte morgen Dienstag zwischen elf»nd zwölf zn mir heranzn» kommen, da ich wegen einer Balkon-Marlise mit Ihne» sprechen »Höchte. Achtungsvoll Frau Kanzleirat Richter, B.... straße 5 I. Gr drrhte die Karte in der Hand:,?>»d eiernde kente. aus- gerechnet gerade lieutc, tva so tiicl Arbeit da ist! Wenn Sie wenigsteils biS morgen Ivaric» wolltet" �Schick' doch mal den Jungen ruber," sagte die Frau,„fragen lassen kann man ja dock mal." - Er sah sie eine» Moment an: ,.Da? wäre eine Idee. Du, ja schick ihn mal— ich liehe fragen, ob ich nicht morgen kommen konnte, heute wäre so viel jr» thuii." Die Frau stand auf und ging hinan?, der Mann wendete sich wieder seiner Arbeit g».»lein Laut durchbrach die Stille der Werk- statt, nur der Stieglih. der iin Bauer auf- und nicderhüpfte, zwitscherte ab und zu leise. Nack einer Weile kam die Frau zurück: ,.G? geht nicht, Alter, sie lassen sogar sagen. Du mochtest doch gleich' lonnncn. Frau Rätin fährt nachmittag in die Stadt und möchte den Stoff dazu besorgen, vorher muh sie aber mit Dir darüber sprechen." ..Na denn man lo°," er schob den Polstersessel, an dem er gerade arbeitete, beiseite und loischte die Hände an der Schürze ab.„Hast mir wohl mein Zrng schon mitgebracht?" „Ja, hier ist eS." sie legte ihm Rock und Weste ans den Stuhl. /.Ist'nc ganz schöne BestrNrmg. ivaH?" ,.Na.' nnd ob— zwanzig Mark wenigsten?, und dmm hat sie'? noch billig bei ihrem grohen' Balkon. Bloh z» dimmt, dajz ich heut ruber muh, zu dmnM l" „Gott, c? lvird ja nicht so lange dnnern, Alter, solche Be- sprechnng. dainit ist man dock in zehn Minuten fertig." „Ich nmh auch ans die Minute passen. locnn ick fertig werden soll; na, thnt nichts, ivenn es schlimin kommt, arbeite ich die Nacht durch." Er nahm seinen. Hut nnd ging. Pünktlich um 11 llhr stand er vor der Nichtcrschen Wohmmg lind zog die Glocke. Da? Dienstmädchen öfsnete ihn, und lieh ihn eintreten, sie wollte ihn der Fron Kauzleirat melde», erst»ach geraumer Zeit lain sie zurück:„Herr Behrend möge doch ciiieu Augeii- blick Winten, Fran Rätin lpäre gerade im Bade." Warten— mit einein Seufzer setzte er sich auf einen der alten Rohrstühle, die ans dem halbdunkeln Korrldor standen. Der„Augen- blick" zog sich lange hin, seine Taschenuhr zeigte schon dreiviertel zwölf, da öffncte'sich endlich die Salonthür:„Nun, Herr Behrend, wenn Sie jetzt so freundlich sein wolle»." „Jaivohl, Frau Rätin l" Er legte den Hut auf da? kleine Spicgclspiud und trat näher. Sie' ging ihn, voran nach dem Balkon. Ivo der 5>alizleirai schon am Frühstückstisch sah. „Sehen Sic nl>o hier. Meister Behrend, eine Markise über den ganze» Balkon. Wieviel Stoff gebranche ich dazu?" „Ja, wollen Fran Näli» denn breiten haben oder schmalen?" ,WaS ist denn vorteilhafter?" „Na ich denke, breiter, Frau Natin, lassen Sic mal sehen," er nahm den Zollstock und mäh.„Ja, nehmen Sie mau breite», so himdertdreihig Zentimeter. dann brauchen»vir nur zwei Bahnen. Wie lang soll sie denn sein?" Die Räli» sah ihren Mann an:„Ich denke doch vom Sims oben, nicht wahr. Max?" „Ja. ja. vom Sims oben i" er legte die Zeitugg beiseite,„und dah sie etwa bis hierher fällt, sehen Sie»ual, Meister." er hob die Hand. ..Ja, ganz recht, bis dahin mnh sie schon, wir lang wird dcim da? scui von oben? Haben Sie nicht eine Leiter da?" „Ja. die ist Hinte» in der Küche. vielleicht lassen Sie sie sich gehen vom Mädchen durch da? Berliner Zimmer hindurch— und links über den Korridor, werben'Sie finde»?' „Na, ich denke doch, Frau Nätin!" Er ging und holte die Leiter, und dmm, intchdcm er auSgeiuesteu:„Also zwei Meter Länge und ziveinml die Breite macht vier Meter im ganzen, nnd lvcuil Sie' da»» noch ciiien halben Meter ans die Frisur rechnen, macht vier- »iuhalben Meter." „llnd Ringe brauchen Sie auch noch. Porzellanringe, nicht ivahr?" „Ja, Porzellanringe, Herr Rat. Pier Reihen nehnien tvir, dann rafft sich da? gut, ans jede Reihe sechs Stück, uiackt zivei Dutzend." „Schön, zwei Dutzend, schreib mal auf", die Rätin lvinkte ihrem Manne zu. und Iva? brauchen Sie sonst noch Meister, Stangen?" „Wollen Frnlt Rätin denn die mich selbst kaufen? Ja? Dann also zwei lange Stangen, auch so lang wie der Balkon, eine eckige zum Festmachen oben nnd eine runde zum Durchschieben, lind dann die beiden Stützstangen für die Seite, da nehmen Sic auch runde, und anderthalb Meter lang nnd dann noch Flügelschrauben, Herr Rat, zivei Flügelschrauben." ,.DaS sind die Dinger, womit die Seitciistangen an die untere ' Stange geschraubt werden/ nicht roahv? Sagen Sie mal, da? hat > mich fckon immsr interessiert, wie bekommt man denn die Dinger durch da? Holz ",.D. da? ist-ganz- einfach. Herr Rat, da bohrt man erst mit dein Bohrer ein Loch hindurch,-und.drum— geht die Schraube ganz von selbst. Ja. und dann noch Roiilenuxschnnr zum Ziehen, nehmen Sie aber recht derbe?, da? sich nicht so leicht dinchschcneil. In. da? wäre dann alte?." „Schön, Meister, und tun? kriegen Sic für? Macken-?" Er drehte den Zollstock in der Hand:„Na—'? ist eine graste Markise— nnd— na. ich werd'S billig machen, weil Frau An tin 'ne alte Kundin ist— füiifzehn Marl." „Schön, so hatten tvir auch gedacht", die Nätin setzte sich zu -oreremwolliltver uttoacitur,: Bant John m Berln ihrem Man».„Dann werde ick gls» alle? besorgen und tveün es hier ist. gebe ich Ihnen Bescheid!" „Sonst kann ich auch morgen nachfragen, Frau Rätin, morgen habe ich Zeit." „Nein,»ciir. lassen Sie nur Meister. ich schicke; ick weist noch nicht, ob ich beut' nach der Stadt komme." Sie machte eine ent- lassende Haudbetvegimg. „Na ja. dami seien Fran Rätin so freundlich." Gr griff nach seinem Zollstock und ging. Die Rätin horchte, bis die Thür hinter ihm in da? Schloß gesaileii war. Dann wandte sie sich lachend zu ihrem Mann: „Na. siehst Du. nun haben tvir Bescheid, Lind soggr wie die Flügelschrauben reinkommcn. ivcistt D». Run laß ick die Näherei vom Mädchen machen. D» hänunerst und schraubst das Ding zu- sammen und schließlich gebe ich dem Portier ein Fünfgroschenstück, »nd er legt e? auf. War das nicht eine feine Idee»nit dem Tapezierer?"— Physikalisches. — Die höchsten hörbar e n Töne. Rudolf König hak nach der Methode der Diffcrcnztöiie oder Stoßtöne einige Reiben hoher Stinnngabclil nntersucht. Gr erreichte mit f7 26 S40 Schivingungen in der Sekunde, während e? nach derselben Methode vorher nur gelungen war. Pfeifeutöne bis zur SchtvingmigSzahl 14 ovo genügend sicher zu bestjumicii. König vermochte den Ton von 26 840 Schwingungen nicht mehr zu hören, wohl aber hie durch ihn beim Znsmumcnklaitg mit einem andern Ton erzeugten Stoßtöne. Das Intervall zwischeti zwei Tönen, die noch Stoßtöne erzeugen können, nimmt mit steigender Tonhöhe ab und ist nach Königs Versuchen bei f' auf einen halben Ton gesunken. Die Grenze der Hörbarkeit der Stimmgabeltönc liegt nach den Versuchen König? durchgängig bei c7 mit 16 384 Schwingungen in der Sekunde. König hat auch Versuche angestellt, die SchwingnngSzahlcn seiner Sliimngabeln mit.Hilfe der Ktindtschcn Stanbfiguren festzustellen. Diese Methode erwies sich als sehr au?- sichtsvoll. Es gelaug noch, Stanbfiguren mit einer Stimmgabel zu erhalten, welche 00 000 Schwiiigungen in der Sekunde macht.—, Geologisches. — Die Ab st am m U ng der Kohlensäure in n a t ii r- l i ch e>i Kohlen s ä n r c- Q n c l l e n. Die herrschenden Ansichten über die Abstammung der Kohlensänre in den kbhlensänrehnltigcn Quellen sind vom Standpunkt der Geologie folgende: Das Auf- treten von Kohlensäiirc-Auöstrvnmngen und ebenso da? Vorkommen von kohlcnsäurercichcn Wäffern wird mit der Annahme erklärt, daß entweder»och bestehende vulkanische Vorgänge die'Qnellcn dieser GaS- cutwickluiig sind oder daß in den vulkanischen Gesteinen absorbierteKohlen- säure' angehäuft ist, welche dann im Wasser sich allmählich auslöst. Wie berechtigt diese Annähmen für viele Fälle des BorkonnneuS von Kohlctzsänregiicllcn anch sein mögen, für alle Fälle bieten sie keine genügende Erklärung. Es ist deshalb berechtigt, die Frage zu stellen, ob da nicht»och andre Ursachen vorhanden sind. Den» in Böhme» insbesondere gicbt eS viele kohleiisäurchaltigeii Quellen inmitten von Moor- und Bmilnkohlenlager» oder in deren itächster Nachbarschaft. Da liegt nun die Venmitnng nahe. daß bei dem sich vollziehenden Prozeß der Vennoorung und der Bräunkohlen- bildinig Kohlensäure frei wird, die dann vom Wasser absorbiert wird.' Durch genaue und wiederholte Versuche ist geflinden worden. daß bei der Bildung eines Mctercenincrs V rann kohle ans Holz 14 Kilogramm Kohlensäure frei wird. Man kanii sich mm eine Borftcllnng machen, ivclch' ungeheure Mengen Kohlensäure sich au? istiiem größeren Braunkohleuflötz euttvickelu müssen. ES ist bekannt. daß Braunkohle, an der Lust sich ritsch verändert und Kohlensäure abgiebt. Professor Gintl fand durch Persuche, daß auch unter völligem Abschluß der Luft 5lohleusäure abgegeben lvird, nnd zivar »in so mehr, je höher die Temperatur ist. Daraus und ans andren Ursachen folgerte er. daß der Prozeß der Moor- und Brau»- kohlenbildung ähnlich einem Gärungsprozcsie durch kleine Lebe- tvcfcn(Monaden) bedingt sein müsse. Selbstverständlich sind die Untersiichnugcn über diesen Punkt noch nicht abgeschlossen. Aber soviel ist sicher, daß die Braun- nnd Steinkohleu-Lagcr ständige Quellen der Kohlensäure- Entivicklimg sind, nnd daß deshalb eine Anzahl von Kohlensäure- Quellen in vielen Fallen(namentlich in Böhmen) ihren Kohlcnjäure-Gehalt nnd sohin ihr Entstehen direkt den Braunkohlen- beziehmiaswcise den Moorlagern verdanken.— („Mutter Erde".) Humoristisches. — M a n m ü st s i ch z il helfen w i s s e n.„Sagen S' nur. Frau Nachbarin, warirni haben S' denn Ihren Mos'? im Papagei- käsig sitzen, '„In ivissen S', damit er mir nicht in der frisch g'ivaschcnen Stub'n lunanaiida lauft!"— — Raffiniert.„Ja. was ist denn das, Herr Bäuchle?-! -Sic gehen ja jetzt alle Tage in. diePot'lcstlngcn de? Vegetarier- Pcrcius? Wollen Sic am Ende gar beitretend" „Ach gar keine Spur' Ich geh' nur hig, weil mir bau» z' HauS mci' R o st b r a t l n o' a in a l so gut schmeckt'"— — G e>v och u hcitsph r a H. S i e(beim Llbschicd):„Wirst Du mir auch treu bleiben. Max?", E r(Geschäftsreisender):„Ja, iveii» ich Zeit Hab'!" _(..Flieg. Bf") Druck un» Veriaz vor 21tar Bapina m Verlm.