Inlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 85. Doilnerstag. den 3. Mar� ISi�) lNachSnick verboten.) 25] Anferlkehnng. Roman von Leo T o l st o j. Ncunuuddreißigstes Kapitel. Nechljudow fuhr früh von Haufe fort. In der Gasse fuhr noel) ein Bauer vonr Lande und rief mit sonderbarer Stimme: „ÜKil— lieh! Mil— lich I Mil-lich!" Gestern>var der erste warme Frühlingsregen gefalle». Ueberall, Ivo kein Pflaster war. begann plötzlich das Gras zu grünen die Birke» in den Gärten waren mit gninem Flaum überstreut, und Ahlkirschcn und Pappeln breiteten ihre laugen, duftenden Blätter aus; in den Häusern aber und Magazinen nahm man die Doppelfenster heraus und rieb sie rein. Auf dem Trödelmarkt, an dem Nechljudow vorbeifahren mugte, wogte neben den in Reihen aufgeschlageneu Buden eine dicht- gedrängte Volksmenge, und gingen zerlumpte Leute mit Stiefeln unter der Achsel und über die Schulter geworfenen gebügelten Hosen und Westen. Vor den Wirtshäusern drängten sich schon aus der Fabrik sreigclafsene Mannsleute in sauberer Kleidung und blanken Stiefeln, und Weiber mit hellen Seidentüchem mit den Kopf nnd laugen Winterjarken mit Glasperlen. Die Stadtpolizistcn mit gelben Pistoleuschuitmi standen aus ihrem Posten und schauten nach Unordnungen aus, die ihnen Abwechslung in ihrer quälenden Langenweile verschaffen könnten! ans den Boulevardsugluegen und auf dem grünen, sich eben erst färbenden Rasen liefen spielende Kiuder und Hunde hin und her, und lustige Wärterinnen safzeu aus den Bänken und unterhielten sich miteinaudcr. Auf den Straßen, die auf der linken Seite, im Schatten, noch kühl und feucht, in der Mitte aber schon aufgetrocknet tvaren. donnerte» auf dem Pflaster unaufhörlich schwere Last- wagen, dröhnten die Reundroschkcu und klingelten die Pferde- bahnen. Auf allen Seiten zitterte die Lust von verschiedenartigem Klingen und Smmnen der Glocke», die das Volk zur Teilnahme an ebensolchem Gottesdienst riefen, wie er jetzt im Gefängnis vor sich ging. Und das Volk ging auseinander, jeder in sein Kirchspiel, Der Droschkenkutscher brachte Nechljudow nicht zum Gefängnis selbst, sondern zum Durchgang, der ins Gefängnis führte. Einige MannSlcnte und Weibspersonen, größtenteils mit Bündel». standen hier am Durchgang. der ins Gefängnis führte, etwa hundert Schritte von letzterem entfernt. Rrchts befanden sich niedrige Holzgebände, links ein zlveistöckiges Haus mit einer Art Auslsirugeschild. Das riesige steinerne Gefäiiguisgebände selbst stand vorn; zu ihm wurden keine Besucher zugelasscp. Eüie Schildwache mit dem Gewehr ging auf und ab und rief diejenigen strenge au, die au ihr bor- übergehen wollten. Arn Eiilgaiigspförtchen zu den Holzgcbäudcu, auf der rechten Seite gegenüber der Schildwache, saß mit einem Notizbuch ein Aufscher ans der Baut in seiner Uniform mit Tressen. Au ihn traten die Besucher heran und uaunten die- jeuigen, die sie bcfncheu wollten, und er schrieb sie dann ein. Nechljudow trat auch au ihn heran und nanilte Katerina Masiowa. Der Aufseher mit den Treffen schrieb ihn auf. „Warum wird man noch nicht hereingelassen?" fragte Nechljudow. »Ist Frühmesse. Wenn die Frühmesse zu Ende geht. dauu läßt man euch hinein." Nrchlsudolv trat zrnu Haufen der Wartenden. Von dem Hänfen löste sich ein Mensch in zerlmiipter 5lleiduiig nnd zer- kuülltem Hut, mit Schuhsohlen an den bloßen Füßen und roten Streifen über dem ganzen Gesicht, und wandte sich zum Gefängnis. „Wohin schleichst Du da?" schrie der Soldat uut der Flinte ihn an. „Was brüllst Du da?" antwortete der durch den Ruf der Schildwache durchaus nicht ans der Fasfimg gebrachte Lump und kehrte um;„läßt Du mich nicht durch, warte ich. Schreit gerade wie ein General!" In der Menge wurde beifällig gclachV Die Besucher waren größtenteils schlecht gekleidete, sogar zerlimipte Leute; aber es waren auch dem äußeren Anschein nach anständige Männer und Frauen darunter. Neben Nechljudow stand ein gut gekleideter, im ganzen Gesicht rasierter, wohlbeleibter roterMensch, mit eiueni Bündel in der Hand, das offenbar Wäsche enthielt. Nechljudow fragte ihn, ob er zum erstenmal hier sei. Der Mensch mit dem Bündel erwiderte, daß er jeden Sonntag hier wäre, nnd sie unterhielten sich miteinander. Er war Portier an einer Bank und Tain hierher, um seinen Bruder zu besuchen, der wegen llutevschleife vor Gericht gekommen war. Dieser gutmütige Mensch erzählte Nechljudow seine ganze Lcbensgeschichte und wollte auch ihn ausfragen, als ihre Auf- mcrksamkcit durch einen Studenten mit einer verschleierten Danie in Anspruch genommen lvurde. die in einer Renndroschke auf Gummirädern mit einem großen Rappen von guter Rasse angefahren kamen. Der Student hielt ein großes Bündel in der Hand. Er trat zu Nechljudow und fragte ihn, ob man die süßen Semmeln, die er mitgebracht, als Almosen ver- schenken könne, und was man dazu thun müsse.„Ich thue das aus Wunsch meiner Braut. Das ist meine Braut. Ihre Eltern haben uns geraten, die Semmeln Sträflingen zu bringen." „Ich bin selbst zrnn erstenmal hier und weiß nicht Bescheid, glaube aber, daß man den Mann da fragen muß." sagte Nechljudow und deutete auf deu Aufseher mit Tressen, der mit seinem Buche rechts saß. In demselben Augenblick, wo Nechljudow mit dem Studenten sprach, wurde die große eiserne Gefängnisthür. mit einem kleinen Fenster in der Mitte, geöffnet, und durch sie trat ein Offizier in Unifonn mit einem andern Aufseher. und der Aufseher mit dem Notizbuch erklärte, daß das Herein- laffen der Besucher begänne. Die Schildwache trat zur Seite, und alle Besucher eilten mit schnellen Schritten, als fürchteten sie. zu spät zu kouimen, in die Gefängnis thür. An der Thür stand ein Aufseher, der in der Reihenfolge, wie die Besucher an ihm vorüber gingen, sie zählte und laut ausrief:„16, 17" und so weiter. Ein andrer Ansseher berührte innerhalb des Gebäudes jeden mit der Hand nnd zählte eoenfalls die in die folgende Thür Eintretruden, damit beim Hinauslasien, nachdem die Zählung verglichen, nicht ein einziger Besucher im Gefängnis bliebe und nicht ein Gefangener hmansgelassen würde. Dieser Zählende klatschte, ohne hinzusehen, wer vorüberging, Nechljudow mit der Hand auf den Rücken, und diese Berührung durch die Hand des Aufsehers kränkte Nechljudow im ersten Augenblick, aber er erinnerte sich albbald daran, weshalb er hergekommen war. inid schämte sich dieses Gefühls der Unzufriedenheit und des Gekrünktseins. Das erste Gelaß hinter der Thür war eine große, ge- wölbte Zelle mit eisernen Gittern vor den kleinen Fenstern. In dieser Zelle, dem sogenannten Verfamullnngszimmer. erblickte Nechljudow in einer Nische eine große Abbildung der Kreuzigung.„Wozu ist das?" dachte er. da sein Verstand den Gegeustand des Bilds unwillkürlich mit Erlösung, aber nicht mit Einkerkerung in Verbindung brachte. Nechljudow ging mit langsamen Schritten und ließ die eiligen Besucher vorauf; er empfand unbestimmte Gefühle des Schreckens vor den Böscwichtern, die hier eingesperrt waren, deL Mitleids mit den Unschuldigen, die, wie der Knabe von gestern und Katjuscha, hier sein mußten, und des Zageus und der Rührung vor dem Widerschen, das ihm bevorstand. Beim Hinaustreten auS dem ersten Ranm sagte am andern Ende desselben der Aufseher irgend ctivas. Aber Nechljudow war so von seinen Gedanken in Anspruch gc- nominell, daß er daraus nicht acht gab und weiter dorthin ging, wohin die meisten Besucher gingen. nämlich in die Männcrabteilung Mb nicht in die Fmnenabteilnng, wohin er hätte gehen müssen. Er ließ die Vormiscileuden vorüber und trat als letzter in den Raum, der für Besuche bestimmt war. Das erste, was ihm ciitgegenschkiig. als er die Thür geöffnet hatte nnd in de« Raum eintrat, war ein betäubendes, in ein einziges Geheul zllsaimnenfließendes Schreien von hundert Stimmen. Erst als er näher an die Leute herantrat, die, lvio über den Zucker gesäte Fliegen, an dein Netz sklebten, das die Zelle in zivci Hälften teilte, begriff Nechljudow,- mn wnS ei sich handelte. Die Zelle mit Fenstern an der Rückivand tvar nicht durch ein, sondern durch zwei von der Decke bis auf den Fuß- bodcn reichende Drahtnetze in zwei Teile geteilt.� Zwischen den Netzen gingen Aufscher. Ans dieser Seite der Netze waren die Gefangenen, auf jener die Besucher. Zwischen den einen und den andern waren die beiden Netze und ein Zwischen- räum von drei Ellen, so daß mau nicht nur nichts hinüber- reichen konnte, sondern auch kein Gesicht, namentlich wenn man kurzsichtig war, zu erkennen vermochte.|6§ war auch schwer zu sprechen; man mußte ans Leibeskräften schreien, nni gehört z» werden. Auf beiden Seiten waren Gesichter gegen die Netze gepreßt, von Franen, Männern, Vätern, Müttern, Kindern, die sich bemühten, sich zu sehen und sich mitzuteilen, was notivendig war. Aber da jeder sich bemühte, so zu sprechen, daß sein Besucher ihn verstände, und die Besucher dasselbe wollten, und ihre Stimmen sich störten, so versuchte jeder den andern zu über- schreien. Dadurch entstand jenes von Schreien unterbrochene Geheul, welches Nechljudow cntgegenschlug, sobald er die Zelle betrat. Das zu unterscheiden, was gesagt wurde, war ganz unmöglich. Man konnte nur nach den Gesichtern über das urteilen, was gesagt wurde, und darüber, welche Be> zichungen zwischen den Redenden bestanden. In der Nähe Nechljudows befand sich eine Alte im Tuch, die, gegen das Netz gepreßt, mit zitterndem Unterkiefer einem blassen, jungen Menschen mit halbrasiertcm Stopf etwas zuschrie. Der Sträf- ling hatte die Brauen hochgezogen, die Stirn in Falten gelegt und hörte aufmerksam zu. Neben der Alten stand ein junger Mensch im Rock, der kopfschüttelnd auf das hörte, was ein ihm ähnlicher Sträfling nnt abgehänntem Gesicht und ergrautem Bart sagte. Noch weiter hin stand der Zerlumpte, schwenkte die Hand, schrie etivas und lachte dabei. Neben ihm aber auf dem Fußboden saß ein Weib mit einem Kinde im 8 utcn, wollenen Tuch und schluchzte offenbar, weil sie den grauen ltann auf der andren Seite in der Sträflingsjacke mit rasiertem Kopf und in Fesseln zum erstenmal wiedersah. Uebcr diesem Weibe stand der Portier, mit dem Nechljudow gesprochen hatte, und schrie einem kahlköpfigen Sträfling drüben mit glänzenden Augen aus Leibeskräften etwas zu. Als Nechljudow einsah, daß er unter solchen Umständen werde sprechen müssen, erhob sich in ihm ein Gefühl der Empörung gegen diejenigen, welche solche Einrichtungen treffen und beibehalten konnten; er war überrascht, daß nicht einer von den Menschen in dieser schrecklichen Lage über eine der- artige Verhöhnung menschlichen Fühlens aufgebracht schien. Die Soldaten, der Inspektor, selbst die Gefangenen bc- nahmen sich so, als ob sie anerkannten, daß alles so sein müsse. Nechljudoiv Veriveilte in dieser Zelle wohl fünf Minuten und empfand ein sonderbares Gefühl des Knmnlers, des Bc- wußtscins seiner Ohnmacht und des Zwiespalts mit der ganzen Welt; eine sittliche Ohnmacht überkam ihn, ähnlich dem Schwanke» auf einem Schiffe. „Doch ich muß das ausführen, weswegen ich gekommen bin." ermunterte er sich.„Wie kann ich das?" Er begann mit Blicken den Vorgesetzten zu suchen, und als er einen nicht großen, mageren, schnurrbärtigen Menschen in Osfizieruniform wahmahni, der hinter dem Volke ging, wandte er sich an ihn. „Geehrter Herr, können Sie mir nicht sagen," fragte er mit angestrengter Höflichkeit,„wo die Frauen gefangen gehalten werden und wo man sie besuchen darf?" „Wollen sie in die Frauenabteilung?" „Ja, ich möchte gern einen von den weiblichen Sträflingen sehen," erwiderte Nechljudow mit derselben krampfhaften Höflichkeit. „Das hätte» Sie sagen müssen, als Sie im Emapfngs- zimmer waren. Wen möchten Sie sehen?" „Ich niöchte Jckaterina Masloiva sehen." „Was ist sie, verurteilt?" „Ja, sie ist vorgestern verurteilt," erwiderte Nechljudow ergeben, da er fürchtete, die Stimmung des Inspektors irgend- wie z» verderben, der an ihm Anteil zu nehmen schien. „Wenn Sie in die Frauenabteilung wollen, so gehen Sie, bitte hier," sagte der Inspektor, der ans Nechljudows Höflichkeit offenbar geschlossen hatte, daß dieser Aufmerksam- keit verdiene. „Sidorow," Ivandte er sich an einen schnurrbärtigen Unteroffizier nnt Medaillen,„bring den Herrn in die Frauen- abteilung." »Zu Befehl, Herr Lieutenant.* In diesem Augenblick ertönte am Gitter das herzzerreißende Schluchzen irgend einer Person. Nechljudow war alles sonderbar, und am allersonderbarsteu war ihm, daß er dem Inspektor und dem Oberaufseher danken und sich gegen sie verpflichtet flihlen mußte, dieselben Leute. die alle die Grausamkeiten verübten, die in diesem Hause be» gangen wurden. Der Aufseher führte Nechljudoiv ans dem Männer- Besuchsziinmer in den Korridor und dann durch die Thür sofort in das Besuchszimmer der Franenabteilung. Vierzigstes Kapitel. Dieses Zimmer war ebenso wie das Männerzimmer durch zwei Drahtnetze in drei Teile geteilt, aber es war bc- deutend kleiner, und in ihm waren sowohl weniger Besucher wie Gefangene: aber das Geschrei und Geheul war ebenso wie in der Männerabteilnng. Ebenso ging zwischen den Netzen die Obrigkeit auf und ab. Sie wurde hier durch eine Ausseherin in Uniform repräsentiert, mit Tressen an den Aermeln, blauen Stoßlitzen und ebensolchem Gürtel, wie die Ansseher trugen. Und ebenso, wie in der Männerabteilung, klebten auf beiden Seiten Leute an den Netzen; ans dieser Seite Stadtbewohner in der verschiedensten Kleidung, auf jener die Gefangenen, einige in weißen, andre in ihren eignen Kleidern. Das ganze Netz war mit Leuten besetzt. Sie erhoben sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der andern hinweg gehört zu werden; andre saßen auf dem Fußboden und unter- hielten sich. Am meisten von allen weiblichen Sträflingen fiel durch ihr durchdringendes Geschrei und ihr Aussehen eine zer- lumpte, niagere Zigeunerin ans, deren Kopftuch von dein krausen Haar henmtergerntscht>var. Sie stand fast initten im Zimmer auf jener Seite des Gitters an einer Säule und schrie mit schnellen Gebärden einem tief und fest gegürteten Zigeuner im blauen Rock etwas zn. Neben dem Zigeuner saß auf der Erde ein Soldat, der mit einer Gefangenen sprach; dann stand da gegen das Netz geklebt ein junger, blondbärtiger Bauernbursche in Bastschuhen mit gerötetem Gesicht; er hielt offenbar mit Mühe die Thräncn zurück. Mit ihm sprach eine lieblich anzusehende blonde Gefangene, die mit hellblauen Augen ihr Gegenüber ansah. Das waren Fedosia und ihr Man». Neben ihnen stand ein Mensch in zerrissener Kleidung, der sich mit einem zerzausten Weibe nnt breitem Gesicht unterhielt: dann zwei Frauen, eine Mannsperson, wieder eine Frau. und jedem gegenüber eine Gefangene. Die Maslowa war nicht unter ihnen. Aber hinter den Gefangenen, anf der andren Seite, stand noch ein Weib, und Nechljudow begriff sofort, daß sie es war, und fühlte alsbald, wie sein Herz verstärkt schlug und sein Atem innehielt. Die entscheidende Minute nahte. Er trat znm Gitter und erkannte Katjuscha. Sie stand hinter der blauäugigen Fedosia und hörte lächelnd zu, was diese sagte. Sie war nicht im Sträflingsrock wie vorgestern, sondern im weißen Leibchen, das in der Taille fest gegürtet war und sich auf der Brust hoch erhob. Unter dem Kopftuch drängte sich, wie im Gericht, lockiges schwarzes Haar hervor. lFortsctzung folgt.) Die erste Beschreibung; über die Massage aber führt uns in gar graue Borzeit. In einem um 2700 v. Chr. entstandenen chinesischen Buch, Kong-Fu betitelt, finden wir eine so präcise Auseinander- setzung der Grundsätze und Anwendungsweise der Massage, daß man später dem Begründer der sogenannten schwedischen Heil- gymnastik, Pehr Henrik Ling(t 1839)," vorwerfen konnte, er sei bei den Chinesen in die Schule gegangen und habe ans dein Kong-Fu sein Wissen geschöpft. In die moderne Klinik hat Joh. Georg Mezgcr die Massage eingeführt. Als Assistenzarzt an der medizinischen Klinik der Universität zn Amsterdam versuchte er, gelähmte Personen mit Masiage zn behandeln. Die durch die manuellen Manipulationen erzielten Besserungen und auszcrordentlichen Heilerfolge veranlaßten Dr. Mezger, sich fortan ausschließlich mit der Massage zu beschäftigen. So erhob er das im Volk seit den ältesten Zeiten namentlich bei Quetschungen, Ver- stanchungen,„Reißen" übliche mechanische Heilmitttcl zum systematisch ausgebildeten und wissenschaftlich begriindeten Zweige der modernen Medizin und Heilkunde. Mczger erwarb sich einen Weltruf, und seine Anstalt in Wiesbaden wurde von deutschen»nd ausländischen Aerzten zum Studiuni des Massagcverfahrens besticht. Exsudate, Flnssigkeitsergüsse in den Maschen der Gewebe, hervorgerufen durch Entzündungsprozesse oder Verletzungen, werden teils durch die Lymphgefäße, teils durch die Vlntkapiliarcii aufgesogen. Mezger nahm an, durch Streichelt und Kneten die Resorption unter- stützen und fördern zn können. Und die angcnfäNigm Hcilrcsultate bezeugten die Richtigkeit seiner Voraussetzung. Die Umfuhr der aufgenommenen Ernährnngsprodnkte und die Abfuhr der verbrailchten Stoffe besorgt das Cirknlafioussystcm. Die leitende Flüssigkeit ist das Blut: Wie das Wasser klar wird, wenn es fließt, so wird auch das Blut durch die Bewegmig gereinigt und funktionsfähig erhalten. Indem wir eine Stelle reiben oder kneten, entsteht erhöhter Blntznflnß. Die Blnlkörpcrchen eilen an die massierte Stelle, durchdringen und durchfluten die Teile, tragen neue Stoffe an, verleiden den Fremdkörpern und Frcmdstoffcn das Dasein, lösen ans, was an Bcrbranchtem in den Gelvcbcn haftet, und sühren das Aufgelöste mit sich fort und fördern so den Stoffwechsel. Die Richtung der Massage ist eine ccntripctale. Das Ccntrnm ist das Herz. Die Wirkmig erstreckt sich vor allein ans die Nerven. Diese werden wohlthätig angeregt, Schmerzen gelindert, die Lcistnngs- fähigkcit gehoben. Die angeregten Nerven fördern die Bercngernng und Erweiternng der Blutgefäße. Zn der rein nicchanischen Wirkmig der Massage, die das»nt Vcrbralichsprodnktcn beladcne Venciibliit dem Herzen zu vorwärts schiebt nud dadurch dem arterielle» Blnt mit frischen Nährstoffen die Bahn frei macht, gesellt sich mithi» die auslösende Wirkung der angeregten Nerven. Diese Manipulation lvirlt demnach auf die Ly»»phgefäße snnd Venen wie ein Piilupwerk. Die Lymphgefäße saugen neue ans den BlutkapiNnren durchgepreßte Flüssigkeit ans, die Venen erhalten stärkeren Nachschnb; dadurch lvird der Blutdruck erhöht imd der Blutnnrlauf beschleunigt. Aus der Geschichte der Massage haben wir erfahren, daß Mezger die Mcchanotherapie zuerst bei Lähninngcn aiNvandtc. lind die akuten und chronischen Erlranklingen des Belvegungsapparates sind »och iunner die Domäne der Massage. Deshalb steht sie auch bei den Chirurgen in hohem Ansehen. Die Behandlung der Knochen- qnetschungen, der Gelcnkkoiitusioncn und Vcrstaiichungen. die Nach- dehaiidlung bei Knochenbrüchen besteht Ivcsentlich in Massage, die ödcniatöse Anschivellungen beseitigt, die Resorptioii der Blutergüsse fördert und entfernt»nd Gclcnksteifigkeit und MnSkelschwäche. aushebt. Auch bei chronischen Leiden der Knochen und Gelenke, so bei Rachitis und chroiiischcni Gelenkrhcllinatisnnls.sind StreichnUgen und Knetnngcn von großem Vorteil. Eine Indikation sür die Massage bilden schnierzhastc Erkrankungen und Zerrinigcn der Muskeln, namentlich Hcxcnschntz und Norken- schnlerzen, ost austretende MnSkelschwäche bei btlltnrincn Mädchen. Bei Nervenschmerzen(Migräiic, Ischias) tritt die Ivohlthätige Wirkling der Massage deutlich zn Tagc: die Qualen lassen nach, ivcil die Nerven voir de»» durch ihre llnigebnng auf sie ausgeübten Druck befreit werden. Auch auf dem Gebiete der inneren Krankheiten lvird der Wert einer ziveckinäßigcn Massage innncr niehr gewürdigt und durch ihre Anwenduiig werden hervorragend günstige Erfolge errungen. Durch Halsinnssagc lassen sich akute nud chronische Katarrhe der Lnftivege, chronische Heiserkeit, Erschlaffung der Stimnibändcr günstig beciuflusscn. Angezeigt sind Strcichnngen bei veralteten Entzündinigcn des Brust- und Rippenfells. Oertcls Heilmethode für. Stönnigen des Zirknlationsapparats räumte der Massage einen wichtigen Platz ein. Großartige Erfolge verzeichnet die Massage bei Erkrankungen des VcrdauungstraktnS, bei chronischer Leber- und Milzschivcllnng, bei Gelbsucht, bei Magen- und Darmkatarrhen, bei alten Exsudaten in der Bauchhöhle und bei Darmträgheit. Die Massage tritt iir fiinf Formen in Änwendlnig: als Streich»»;;(effleurage), als Reibung(friction), als Erschütterung (Vibration), gls Knctung(petrisage) und als Klopfnng(tapotement). Das Streichen geschieht mit den Handtellern, mit dem Daumen, mit den Fingerspitzen, und verfolgt den Zivcck Verändcrnngcn in der Haut fortznichicbcir: Beim Reiben werden die BclvegnngAt kreisförmig mit dem Handballen oder den Fingerballen ausgeführt. Durch die Reibimgen werden krankhafte Produkte gedrückt, zerrieben und zerquetscht und in das umliegende gesunde Geivebe verteilt und fortgestrichen und zwar nach dem Herzen zu, Ivcil dieses die natürliche Richtling des Vencnstroiiis ist. Auf tiefliegende Organe(z. B. Muskeln, Magen, Darin) wirkt die Vibration ein. Mit den Fingern einer Hand oder beider Hände faßt man eine Partie Muskel». Nerven, ein Organ, ein Glied und ruft im Ellbogengelcnk stoßförmige Zitterbelvegungen unter An- spaminng der Untcrariinnilskeln hervor. Die weitaus häufigste Form, in der die Massage Antvendnng findet, besteht im Kneten des Körpers oder einzelner Teile(Hände, Füße, Hals, Unterleib). Die betreffenden Partien werden ziviscben die Finger und die Hand genommen und die Finger machen Be- wcgnngen, ivie sie das Ausdrücken eines Schtvanims, das Durch- kneten des Teigs erfordern. Bei Körperstcllen mit stark entwickelter Muskulatur, solvie da. Ivo man in die Tiefe wirken ivill, tritt aii die Stelle des Knetcns das Klopfe» mit dem Handrücken, mit der flachen Hand, mit den Kanten der Hand. In den letzten Jahren wurden viele Massagc-Artikcl ans den Markt geworfen: japanische Kugeln, Walzcnapparate und dcrgl. Diese„Selbstinnsseiire" leisten gute Dienste. aber die grüßte Künstlerin bleibt doch die menschliche Hand. Leben auf Leben: das ist das beste. Auch die Geiiindhcit steckt an; frisches, ivarmcS schivcllendeS Leben weckt krankes, sieches Leben oft zn ncncni Blühe». Aerzte ans allen Lagern erkennen die außerordentlichen Heil- erfolge der Massage an. Und ich bin des Glaubens, daß sie noch zn Größerem berufen ist, daß ihr noch eine große Zukunft bevor- steht. Aber ein Panacce ist die Massage auch nicht, ebenso wenig ivie das Wasser. Und die Massage heilt auch nicht allein. Um einen kranken Menschen wieder gesund zu machen, müssen wir immer auch all' die andren Faktoren, von denen ein gcsuudhcitsfreudiges Leben abhängig ist, heranziehen: Wasser, Licht. Luft, Bewegung und Ruhe und last not least eine zweckmäßige Diät.— D r. Heinrich W a s s m n t h. Aleiuus Iseuillokon. — Die Nczcusion eincS Rnbinstcinsche» KonzcrtS, das vor etlva 29 Jahren in New Dork stattgefundeii hatte, hat ein Herr P. Schreiber in Guadalajara der„Dtsch. Ztg. in Mexiko" ans seiner Knriositätcn-Mappe überlassen. Die Rezension ward in der„New Aork Mnsic Trade Review" veröffentlicht. Es ist eine wunderliche Beschreibung von dem Klavierspicl Rnbinsteius, deren Ausdrücke sich freilich in deutscher Uebersetzung nicht ganz so drastisch wiedergeben lassen, wie der amerikanisch- englische Jargon des Schreibers sie gicbt. Er schreibt:„Jetzt hatte er(Nubinstein) wieder sein Thema verändert. Er hüpfte nnd tänzclte gar schön von Ende zn Ende der Klaviatur. Er spielte sanft nnd leise nud feierlich. Ich hörte Kirchenglocken über den Bergen. Die Lichter des Himmels wnrdcn angesteckt, eins nach dem andern. Ich sah die Sterne nnfgchen. Die große Orgel der Ewigkeit begaii» zn spielen vom Ende der Welt her. Dann ward die Mnsik zu Wasser, voll Gefühl, was nicht gedacht werden konnte, und tröpfelte iip, tap, tip, tap. klar, süß, wie Frendenthräncn, die in ein Meer von Glanz fallen. Es war noch süßer. Es war so süß, wie ein Süßlicbchen, versüßt mit weißem Zucker, gemischt init gcpiilvcrtcm Silber»nd Duftdianianten. ES war zn süß I Ich sage Euch, das Publikinn jubelte. Nubinstein»lachte eine Art von Bückling, als ob er sagen wollte: Sehr verbnuden, aber es wäre inir lieber, wenn Sie mich nicht unterbrechen wollten. Er hielt eine Minute oder zwei iune, um Luft zu schöpfen. Dan» ward er rasend. Cr fuhr mit den Fingern in die Haare, strich seine Acrincl empor, that seine Rockschöße etivaS weiter voneinander, drehte seinen Stuhl höher, lehnte sich vor, und nun, sage ich Euch, ging es über das alte Klavier her. Er schlug ihm ins Gesicht, ohrfeigte es, zog es bei der Nase, kniff es in die Ohren nud kratzte ihm ins Gesicht, bis eS sörmlich schrie. Er schlug eS zn Boden und trat es schändlich mit Füßen. Es brüllte wie ei» Ochse, blöckte wie ein Kalb, heulte Ivie ein Hliud, quirlte wie ein Schwein, kreischte wie eine Ratte, aber er ließ es nicht los. Dann lief er eine gute Strecke in die Untergründe des Basses, bis er rein i» die Ein- gclvcide der Erde geriet, und Ihr hörtet eine» Donner hinter dem andern hergaloppiere» durch die Höhlen»iid Klüfte. Dann fnchsjagte er seine rechte Hand mit seiner linken, bis er ans dem höchsten Diskant hinweg in die Wolke» hinauskam, wo die Noten noch feiner waren als die Spitzen von Sticknadcl» und Ihr nichts höre» konntet als nnr die Schatten derselben. Und auch dann ließ er den Klimperkasten noch nicht los. Zwei vorwärts, an dem ersten Herrn vorbei, an der ersten Dame vorbei, dalanco?, rechts und links chassez, auf den Platz zurück, Rande Damen rechts, cliaino de«laines, Poloitaisc, herein und heraus, hierhin, dorthin, vorwärts und rückwärts, perpotuum mobile, ver- knüpft nnd gedreht nnd verflochten und verheddert in vierzigmalelftaiiscnd doppelte Schleifknoten. Es war ein Durch- einander. Und doch ließ er den alten Kasten noch nicht los. Er jührO seinen rechten Flügel vor, dann seinen linken, dann sein Qscutnim. Er öffnete sein Gefchntzfener, Belngernngs- gefchütz hier. Zwölfpsiinder driiöen,iaziue, alle Batterien ,md Bonwen z» gleicher Zeit. Das Hans zitterte, die Lichter tanzten, die Wände wackelten, der Fnfchode» stieg empor, und die Decke lani hernuter. Das Kirinaineut barst, der Bode» schwankte, Erde tmd Hinmiel! Die ganze Kreatur, Kartoffelklöße, fiir einen Sechser Nirm. Anndnägel. O dn lieber Angnstin! Der Papst lebt herrlich in der Welt! Liebes Aennchen, dreh dich imr um! rmir. rnmnr! rummer. rndel, dudel dudel dumui, didel didel didel didel, idel dnddel, idel daddel, idel didel didel ditm. klang, porrelang. porrelaug— pardauz! Bei diesem letzten Krach hob sich Rubinstein körperlich in die Lust und kam wieder herab mit den Knie», den zehn Fingern, de» zehn Zehen, seinen Ellenbogen und seiner Nase, mit allem herab ans das Klavier und schlug damit alle Tasten desselben einzeln und zugleich an. Das Ding platzte und ging auseinander in fü»f»md- siebzigtanfendfünfhundertnudzweiundvierzig herni-derai-semi- Triller. Ich ivar von Sinnen I Als ich ivieder zu mir kam, fand ich mich etwa zlvnnzig Fug unter der Erde, in einer Kneipe, die sie die Ansternbucht nennen, und traktierte einen Dankee, den ich früher nie gesehen und hoffentlich auch niemals wiedersehen werde. Der Tag brach an, bis ich in meinen Gasthof kam, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: ich ivitffte meinen eignen Namen nicht mehr. Der Portier fragte nach der Nummer meines Zimmers, worauf ich ihm sagte: „Bringen Sie mir eine Portion heißer. Viusik für zwei Personen.' — Na also! Es gab also auch vor zivanzig Jahren schon— , ft e t v— I c" I— Völkerkunde. fc. Ein tscherkessisches Mittagsmahl. Den inter- tssauteu ethnographischen Berichten, die de Bahe von seiner Reise im Norden des Kaukasus giebt. entnimmt die„Nntnre' folgende Scknlde. rung eines tscherkessischen Mittagsmahls. Ter Reisende befand sich in der Nähe von Jekaterinodar, der Hauptstadt der Provinz Kuban. inmitten der Bevölkerung der Bjeduks. die Tscherkesseu sind und che» mals Christen waren, dann aber Mnhnmedaner geworden sind. Eigeimnig ist daS Ceremoniell und das Menn eines Mittagsessens bei diesen Völkern. Die Eingeladene» kommen in das Hans,»m an der ihnen gebotenen Mahlzeit teilzmiehmen; der Hausherr allein darf mit seinen Gästen essen, sein Sohn und seine Neffen bediene». Appetit mich jeder Gast mitbringen, denn der Sohn hat eine sehr gebieterisch ilingcnd« Forutel, mit der er die Gäste zum Essen auffordert:„Mögen die Gäste dein Hausherrn ohne Widerspruch gehorchen, ihr unißt essen, den» wir habe» unsre Waffen." Alle Gäste sitze» auf sehr niedrigen Baum- stümpsen, der Herr des Hauses bleibt dmlegen stehen, um den Gästen seine Ehrerbietung zu erweisen. Man beginnt mit Waschungen, d. h. man gießt Waffer über die Hände der Gäste, dann bringt man ein kleines niedriges Tischchen, das gleichzeitig als Tisch und als Schüssel dient; in der Mitte befindet sich eine Art Torte aus gebackeuem Mais. In den Schüssel» schwimme» Hühucrslügcl und Keule» in einer Sauce ans zerlassener Butter, die mit rotem Pfeffer und Safran gefärbt ist. ES giebt weder Gabel» noch Lössel, zum Essen bedient man sich allein der Finger. Jeder bricht, so gut er eben tauir, ein Stück von dem Brotkuchen ab, der unser Brot ersetzt, taucht es in das orangefarbene Jus und fischt, immer mit den Finger», ei» Stück Huhn heraus. Wenn mau die Knochen sorgfältig ausgelutscht hat, legt man sie aus de» Rand des Tischchens, der zu diesem Zivrck besonders frei bleibt. Ist der erste Gang beendet, so nimmt man das Tischchen fort und bringt ein zweites, auf dem sich eine Schüssel mit einem Teig befindet, der von ziemlich schlecht gekochten Hammelstücken»in- geben ist, einer Art von Kolettes, die wenig Fleisch, aber viel Fett haben, dem? dieser Talg wird von den Bewohnern des Landes ganz besonders geschätzt. Man ißt den Hammel natürlich.>vie man das Huhu gegessen hat. meistens werden ober die Knochen, wenn sie reinlich abgenagt find, einem Wolf, der im Hof des Hauses an- gekettet ist. hingeworfen. Zwischendurch wird den Gästen ein Glas „Mepsi" eingegossen, ein Getränk, das ans Holzäpfeln bereitet ist, oder eine Art Bier mit Gerste, das man„Barkhzim" nennt. Schließ- lich kommt der Nachtisch, der ebenfalls aus einem besonderen Tischchen hereingebracht lvird und der aus Reis mit Rosinen und saurer Sahne besteht, wobei beide Gerichte in Verschiedeue» Gefäßen auf- getragen»verde».— Geographisches. — Ans Sibirien werden, wie wir der„Boss. Ztg." ent- nehmen, Nachrichte» über die von Markgraf geleitete Expedition gemeldet, die in den letzten zwei Jahren die noch fast völlig un- bekannten Niederungen des Ob und des I e n i f s e i er- forscht hat. Die Ergebniffe dieser Expedition haben in Sibirien lebhaftes Interesse erweckt, da dadurch die bisherige» Ansichten über Nordwest-Sibirien. das man allgemein für ein sehr nuwirt- licheS und»nfrnchtbares Land hielt, völlig nmgestoße» werde». Markgraf hat den Unterlauf des Jenissei bereist, er hat sich in Tnriichaiisk aufgehalten und die Ruine» der alte» Samojeden- residenz Mangasei besucht. Die Expedition hat ferner die Unterläufe deS TaS»nd der Ssossiva wie ihrer Nelienflüsie erforscht, die Brechowski-Jnseln besucht, das Nadymsli- und das Pelymskigebiet bereist, einig« Zeit i» ObdorSt ,nid Umgegend zu- gebracht und». a. auch den nördliche» Ural t>errist. Markgraf hat BettNllivvrliich«! Reoaciear: Paul Joh» in Berlii somit ein ungeheures und noch wenig lbekannteS Gebiet erforscht. wobei er und seine Begleiter allerdings viele Entbehrrnigen ausgestanden haben. Roch der Meinung der kühnen Reisenden sind die Aiederinige» des Ob und des Jenissei zur Kolonisation weit geeigneter als die Palscheramiindung und die Knsteit des Weiße« Meers, die läirgst besiedelt sind, ivährend es in Norstwest-Sibirien fast gar keine russischen Ansiedelungen giebt und dort nur nomadisierende Samojeden und andre„Wilde" leben. An vielen Orten kann nach Markgrafs Anficht mit Er- folg Ackerbau getrieben werden mid auch der Gemüse- bau bietet keine Schwierigkeiten, sondern die Kolonisten könnten ihren ganzen Bedarf an Gemüse sich au Ort und Stelle verschaffen. Der Hanptreichtlun dieser Gegenden aber find große fruchtbare Wiesen, aus die schon Nordenskiöld aufm erlsam gemacht hat. Diese Ivetten Henschlagc an den Ufern des Ob und Jenissei. von deren Größe man sich nur schwer eine richtige Borstellimg machen kann, suchen ihres Gleichen nicht nur in Sibirien. sondern auf der ganze» Welt. Im Frühling ergießen sich die Wassermasien der beiden mächtige» Ströme viele Meilen weit inS Land hinein und überschwemmen Tauseude von Quadratmetern»nd im Sommer entfaltet sich eine ungemein üppige Vegetation ans den vom Hochwasser gedüngten weiten Flächen. Markgraf glaubt, daß diese Flußniederungen sehr geeignet für Viehzucht sind.— Hnmoristischcs. — Die Fian des Malers.„Was ist'S denn, Laura, ist denn der Kaffee noch nicht fertig?!" „Gedulde Dich nur noch fünf MinnleU. Adolar, skizziert isk er ja schon!"— — M o d e r n e s M ä d e l. Mama:„Hier, Lieschen, ist die ver» sprochene neue Pappe." Lieschen seuttänscht):„Aber sie hat ja keine Rädel- hosen an? 1"— — Sein Ideal. Sch miere ndirektor:„Wenn ich doch einen Helden beläme, der mit den Augen hörbar rollen könnte!"— s.,Megge»d. Hrnn. Bl."j Notizc». — Michael M u» k a e s h, der bckomite imgnsche Maler, ist am Dienstag in der Heilanstalt in Endenich bei Bonn gestorben. Er war am 20. Febr. 1344 in Mmiknez in lluqäru als Sohn eines Tischlers geboren und erlernte anfänglich das Handwerk seines Vaters. Dann wandte er sich der Ralerri zu und ging zminchst nach München, später setzte er feine Studien unter KiirniS und Bantier in Düsseldorf fort. 1372 siedelte er nach Paris über, wo er zur religiösen Malerei überging. Miuikaesy hat auch in Berlin die große goldene Medaille erhalten.— — Eine Kollektiv- Andstettnng des Malers Graf Leopold v. Kalchreuth ist im Salon Eassirer eröffnet.— — Der Vorstand der Deutschen Sbtikeipeare-Gesellschaft hat für die beste Bearbeitung des Themas„Shakespeares Belesen- heil" einen Preis von 80l> M. ausgesetzt.— — Am Deutschen Laudes-Thcater in Prag wird ein ChklnS dramatischer, M e i st e r s p i e l e" vorbereitet, in dem eine Reihe von Hauptwerken der klassischen und modernen Dichter von hervorragenden deutschen Echanspieleru dargestellt werde» sollen. Der CyllnS wird 12 Abende umfassen. Zur Auffiihrnug gelangen: Shakespeare Hamlet"), Goethe s.Gütz von Berlichiugeu"). Lei sing(„Nathan der Weise" und„Minna von Bimchclm"), Scknller(„Kalrala und Liebe". „DemetrinS-Kragmeut"). F>etztag(„Jonrualisten"), Fuldas,. Talisuiau"), Hauptmann(„Hannele"). Ibsen(„Nora"). Die öftreichiicheu Dichter sind vertreten durch Grillparzer(. Jüdin von Toledo"), Naimnud („Verschwender"), Rnzeng ruber(„Das vierte Gebot").— — In Rothenburg n. d. Tauber, der architektonisch eigen- artigste» Stadt Süddeutschlands, wird mich in diesem Jahr, und zwar am Pfingstmontag, eine Anssühnmg dcS historischen VerS- schaufpiels„Der Mcistertrnnk" stattfinden.— — Drehers.Probekandidat" ist i»S Italienische übersetzt worden und soll eine der rrstc» Novitäten des ständige» Theaters bilden, das N o v e l l i im November in R o in eröffnet.— — Iii B u d a p e st hat eine Frau als erste Ungarin die B a n m e i ft e r p r ü f u ii g bestanden und das Baumeisterdiploin erworben.— — Zur Ergänzung seiner ocoanographischen Forschungen während der„Frain"- Expedition lvird F r i t h j o f Nansen im Lause dicseö Sommers eine Fahrt in die nordischen Gewässer an- treten.— — Internationale wissenschaftliche Ballonfahrten solle» in der zivcile» Woche des lausenden Monats ver- .mstaltet werden, an den sogenannten Eistagcn Mamertus, Pan- Iratius und SorvaiinS. Die Ballonffchrte» sollen sich über ein weites Gebiet von Europa erstrecken.— . Druck mio iicusi von SJtci Vaoing tu Bcrln..' J