Anterhaltlmgsblatt des Horwärts Nr. 87. Souiltag, den 6. Mal- 1900 (Nachdruck verboten.) 27Z Attfevlkekzung. Roman von Leo T o l st o j. Um diese Zeit begannen die Besucher hinauszugehen. Der Inspektor trat zu Nechljudotv und sagte, die Be- suchszeit sei zu Ende. Die Maslowa stand auf und wartete ergeben, bis man sie fortlassen wurde. „Leben Sie Wohl, ich muß Ihnen noch vieles sagen, aber wie Sie sehen, kann ich es jetzt nicht," sagte Nechljudow und reichte ihr seine Hand.„Ich komme wieder." „Ich denke, Sie haben alles gesagt..." Sie gab ihm die Hand, aber drückte seine nicht. „Nein, ich will mich bemühen. Sie wieder zu sehen, wo- möglich mit Ihnen zu sprechen, und daint werde ich Ihnen das sehr Wichtige sagen, was ich Ihnen sagen muß." sprach Nechljudotv. „Nun, kommen Sie nur," sagte sie leise und lächelte mit dem Lächeln, mit welchem sie Männern zulächelte, denen sie gefallen wollte. „Sie stehen mir näher als eine Schtvestcr," sagte Stech- ljndolv. „Wunderbar!" wiederholte sie und ging kopfschüttelnd hinter das Gitter. Z>v e i ri n d v i c r z i g st c s 5t a p i t e l. Nechljudotv hatte erwartet, daß Äatjuscha schon beim ersten Wiedersehen, nachdem sie ihn erkannt und seine Absicht, ihr zu dienen und Buße zu thun, erfahren, sich freuen und versöhnen und wieder 5tatjuscha werden würde; aber zu seinem Schrecken bemerkte er, daß keine Kutjuscha vorhanden war, sondern nur eine MaSlowa. Das nahm ihn Wunder und erschreckte ihn. Hauptsächlich wunderte ihn, daß die Maslowa sich ihrer Lage nicht mir nicht schämte— nicht ihrer Lage als Ge- fangenc(deren schämte sie sich), sondern ihrer Lage als Prostituierte—. sondern gleichsam mit ihr zufrieden, fast stolz auf sie war. Dabei konnte das gar nicht anders sein. Jeder Mensch muß, lim thätig zu fein, seine Thätigkeit unbedingt für»vichtig»tid gut halten. Deswegen bildet sich jeder Mensch, welches auch immer seine Stellung sein mag, sicher- lich stets eine derartige Ansicht vom Leben der Menschen überhaupt, daß seine Thätigkeit ihm alS wichtig und gut er- scheint. Man glaubt gewöhnlich, Diebe oder Mörder, die ihren Beruf als schlechten erkannt, müßten sich wegen desselben schämen. Gerade das Umgekehrte ist der Fall. Diese vom Schicksal und durch ihre Sünden und Fehler in eine be- stimmte Lage versetzten Menschen bilden sich, wie anormal diese Lage auch immer sein mag, stets eine Anschauung vom Leben überhaupt, bei der ihre Lage ihnen als gut und be- achtcnstvcrt erscheint. Zur Aufrechterhaltnng einer solchen An- schanung aber bleiben die Leute stets in dem Preise,_in dem die Begriffe gelten, die sie sich vom Leben und ihrer Stellung in ihm gebildet haben. Uns wundert das. tvenn es sich um Diebe handelt, die sich ihrer Geschicklichkeit rühmen, oder um Mörder, die mit ihrer Grausamkeit prahlen. Aber es wundert uns nur deshalb, weil der ttreis dieser Leute beschränkt ist, und hauptsächlich, weil wir uns außerhalb des Kreises befinden. Können»vir indessen nicht dieselbe Erscheinung an Reichen beobachten, die mit ihrem Reichtum, das heißt ihrem Raube prahlen; an Feldherren, die sich ihrer Siege, das heißt ihrer Mordthatcn rühmen; an Herrschern, die mit ihrer Macht, das heißt ihrer Gelvaltthätigkeit prahlen? Bei diesen Menschen sehen wir die Verkehrtheit ihrer LebenSanschannng nur deswegen nicht ein, weil der von ihnen gebildete.Kreis ein größerer ist»ind»vir inis selbst innerhalb desselben be- wegen. Als die Maslotva fühlte, daß Nechljudotv sie in eine andre Welt versetzen wollte, leistete sie ihm Widerstand, in der Voraussicht, daß sie in jener Welt, in welche er sie hineinzog, ihre Stellung im Leben verlieren würde, die ihr Zuversicht und Selbstachtung verlieh. Aus diesem Grunde hatte sie auch die Ennncrnlig an ihre erste Jugend und ihr erstes Verhältnis zu Nechljudow aus ihren Gedanken vertrieben. Diese Erinnerung paßte nicht zu ihrer jetzigen Weltanschauung und war deshalb völlig in ihrem Gedächtnis ausgestrichen, oder besser: irgendwo unangerührt aufbetvahrt und dabei so eingeschlossen und verklebt, wie Bienen, damit kein Zugang zu denselben übrig bleibt, ly.e Nester der Maden verkleben, die die ganze Arhe'.t der Bienen verderben können. Und deswegen wo.'- der jetzige Nechljudotv für sie nicht derjenige Mensch, den sie einst mit reiner Liebe geliebt hatte, sondevü nur ein reicher Herr, den man ausnutzen konnte und mvJßte, und zu dem man nur Bezichtingen unter- halten konnte, wie zu allen Männern. „NC«»., die Hauptsache konnte ich ihr nicht sagen," dachte Nechljudotv, als er sich mit den Besuchern zum Ausgang tvandte.„Ich halbe ihr nicht gesagt, daß ich sie heirate. Ich hab's nicht gesagt, ave-r thue es," dachte er. Die Aufseher, die an.der Thür standen, zählten die Be- snchcr bei ihrem Austritt wieÜM-r zweimal, damit kein Ueber- zähliger im Gefängnis bliebe oder hinausginge. Daß man ihn auf den Rücken klatschte, beleidigte' Nechljudow jetzt nicht mehr; er bemerkte es nicht einmal. Dreinndvierzigstes Kapitel. Nechljudow wünschte sein äußeres Leben zu verändert'.', die große Wohnung aufzugeben, die Dienerschaft zu cntlaffen und in einen Gasthof zu ziehen. Aber Agrafena Petrowna legte ihm dar. daß es keinen Zweck hätte, vor dem Winter etwas in der Lebensweise zu ändern; im Sommer würde niemand die Wohnung nehmen, und wohnen und Möbel und Sachen haben müßte man doch irgendwo. So führten alle Anstrengungen Nechljudows, sein äußeres Leben zu verändern(er wollte sich einfach, nach Stndentcnart ein- richte»), zu garnichts. Nicht genug. daß alles beim Alten blieb; im Hause begann sogar eine angenehme Thätigkeit: ein Auslüften, Aufhängen und Ausklopfen aller Woll- und Pelzsachen, wobei der Hausknecht und sein Gehilfe, die Köchin und selbst Kornöi halfen. Zuerst wurden verschiedene Uniformen und sonderbare Pelzsachen, die niemals zu irgend etwas ge- braucht wurden, hinausgebracht und auf die Leine gehängt; dann fing man an. Teppiche und Möbel hinausznschlcppcn, und der Hausknecht mit seinem Beistand krempten die Aer'mel an den muskulösen Armen ans und klopften im Takt kräftig all diese Gegenstände aus, und durch alle Zimmer verbreitete sich Naphthalingeruch. Wenn Nechljudow über den Hof ging und auS dem Fenster schaute, wunderte er sich darüber, wie schrecklich viel alles das war, und daß alles ohne Zweifel unnütze Dinge waren. Die einzige Verwendung und Bedeutung dieser Sachen, dachte Nechljudow, bestand darin, daß sie Agrafena Petrowna, Kornöi, dem Hausknecht. seinem Gehilfen und der Köchin Gelegenheit zu turnerischen Uebnngen gaben. „ES lohnt sich nicht, die Lebensweise jetzt zu ändern, bevor der Prozeß der Maslowa nicht entschieden ist," dachte Nechljudotv.„Und dann ist das auch allzu schwer. Es wird sich trotzdem alles von selbst ändern, wenn sie freigesprochen oder verschickt wird, und ich ihr folge." An dem vom Advokaten Fanarin festgesetzten Tage fuhr Nechljudotv zu ihm. Als er in seine prachtvolle, ihm selbst gehörige Wohnung mit riesigen Gctvächsen, ivunderbaren Gardinen an den Fenstern und überhaupt jener teuren Ein- richtung trat, die von unsinnigen, das heißt ohne Mühe eri haltcuen Summen spricht, und welche nur bei unerwartet reich gewordenen Leuten angetroffen wird.— traf Nechljudotv im Empfangszimmer ganze Reihen von Besuchern, die. bedrückt tvie beim Arzt, an Tischen mit illustrierten Journalen saßen, die zu ihrer Zerstreuung dienen sollten. Der Bnreanvorsteher des Advokaten saß ebenfalls hier, an einem hohen Pult; als er Nechljndotv erkannte, trat er auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte, er würde seinem Chef sofort Meldung machen. Aber der Bureauvorstehcr ivar noch nicht bis zur Thür dcS Arbeitszimmers gelangt. als diese sich von selbst öffnete und laute. lebhafte Stimmen— eines nicht mehr jungen, stämmigen Mannes, mit rotem Gesicht und dichtem Schnurrbart, in sunkel- nagelneuem Anzug, und Fanarms selbst— ertönten. Auf den Gesichtern beider lag dcrjcuige Ausdruck, den man bei Leute» ......- r-.-. .. x ftiftef, d!c soeben ein vorteilhaftes, aber nicht ganz sauberes Geschäft abgeschlossen haben. „Sind selbst schuld daräii, Freund," sagte Fauariu lächelnd. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." „Na. na. das kennen wir." Und beide lachten unnatürlich. „Ah, Fürst, bitte sehr!" sagte Fanarin, als er Rech ljndow erblickte, nickte dem sich entfernenden Kaufmann noch einmal zu und sührtc Nechljndow in sei» stilgerechtes Arbeits- Zimmer.„Bitte, rauchen Sie," sagte der Advokat, indem er sich.Nechliudotv gegeniibersetzte und daS Lächeln verbiß, welches durch iZbin Erfolg des vorausgegangenen Nuternehnlens hervorgerufen war. „Tanke, ich komme wegen des PuozesseS der MaSlowa." „Ja, ja, sofort: ach. sind das«ch.nste, diese Geld- sacke,"- sagte er.„Sie haben den Burschen gesichv». er besitzt ein Kapstal von zwölf Millionen. Und sagt dabei, er sei schwäch.' Aber wo er Ihnen nur einen Fünfun,'»zwanzig- Rubelschein heraushole» kann, da entreißt«vv Ihnen den Schein mit den Zähnen."i .Er spricht von seiner Schwache.. und dn sprichst von Iünjundzwanzig-Rnbclschcincu,' dmchte inzlvischcn Nechljndow und fühlte eine nnbestininrte Awneignng gegen diesen skrupel- losen Menschen, der durck./ diesen Toir zn zeigen»vünschte, daß er mit ihm,- mit Nechljndow, so, aber mit den Klienten und dem übrigen ein andrer, auS einem fremden Lager wäre. „Er hak mich schon fürchterlich geelendet; ein nichts- Ivür-viger Mensch! Ich wollte mir mir das Herz erleichtern," stagte der Advokat zur Rechtfertigung dafür, daß er nicht über den Prozeß redete.—„Also, was Ihre Sache anbelangt... Ich habe den Prozeß ausmerksam durchgelesen und seinen Inhalt picht gebilligt wie bei Turgenjew steht, das. heißt: der Anwalt war jämmerlich und hat alle Kassationsgrün de versäumt." „Also was haben Sie beschlossen?" „Im Augenblick.— Sagen Sie ihm," wandte er sich an den eintreteiideil Bnreanvorfieher,„daß eS so gehen wird, wie ich ihm gesagt habe;, kann er— gut, kann er nicht— auch gut!" „Aber er ist nicht damit einverstanden." '„Nliu, dann ist es auch einerlei." sagte der Advokat, imd sein fröhliches und wohlgemutes Gesicht ivurde plötzlich finster und böse. „Ta heißt es, die Advokaten verdienen das Geld um- sonst," sagte er,, wieder die frühere Freundlichkeit in seinem Gesicht aufziehend.„Ich habe einen unvermögenden Schuldner von einer ganz ungerechten Anklage frei bekoimiien, und jetzt übcrlänft mich alles." „Aber jeder solcher Prozeß kostet ungeheiire Arbeit." „Lassen doch auch wir, wie ein Schriftsteller sagt, ein Stück voil unser»! Fleisch im Tiutensaß." „Nun also, Ihr Prozeß, oder der Prozeß, der Sie iuter essicrt," fuhr er fort,„ist niederträchtig geführt, triftige Gründe zur Kassation sind kaum vorhanden, aber man kann trotzdem versuchen, ihn zu kassiere», und da' habe ich denn folgendes geschrieben." lFortsctzung solgi.) zZottnkÄgsplNttdevrr. > Für 150000 Mark, so schätzt man, hat die Stadt Berlin Bretter, buntes Zcng und.Ta»ilcn"-Grü>i eilig ineinander gestigt, nm ihr sür ein paar Stunden ein festliches Gepränge zn verleihe». Ein Drittel der Summe hat man ihr nur bclvilligl': cS scheint ein neuer Trik, Loyalität zn züchten, indem man zunächst nur eine ködernde Anzahlung fordert nnd diö Havptkostcn' dann im Wege einer Etats- iibcrschreitnng einkassiert. Man»»iß öS dem FisknS und der Schloszverivaltnng nachrühmen, daß sie in dein Besuch fremder Fürstlichkeiten«itgcgen der freisinnigen Koinnmnc keinen Anlaß gesehen haben, ihre Mittel für kostspieliges Flitterlverk herzugeben.. Die öffentlichen Gebäude begnügte» sich mit ein paar Fähnchen nnd.-lvcmr eS hoch kam, einigen dürftigen Guirlanden, und die Schlösser blieben gar gänzlich schmucklos. Einen erstannlichen Bclveis von Charaktergroße aber haben die Warenhäuser gegeben, so ivcit sie durch die geplante Nnsnahnicstciler getroffen ivcrdcn: sie, die sonst Taiisende für lärmende Ansstaffieriing an patnotischen Feiertagen vcrbranchci?, wendeten diesmal keinen bunten Fetze» und kein Talglicht zur Erhöhung dcrWeihc dcS Tagesnnd deSAbcndS an. Siedemoiisirierten gegen die WarenhanSsteiier, indem sie den Tag der snrstlichen Gäste gäuzlich vergessen zu haben schienen. DaS Selbstbewutztsein, das den, städtischen Freisinn abhanden gekommen ist, scheint eine lctzls Zuflucht bei den WarrnhcmL-Jnhäbern gefunden zn habe», die den Grundsatz der Barzahlung auch in der Politik befolgen. Hingegen nusre Stadtdemokraten in ihrer lleberchristlichkeit die Rnten, mit denen sie gezüchtigt iverden, mit Fähnchen und grünen Reisern um- wickeln und sie zun, Zeichen hwgcbeitdcr Dcnutt jauchzend zur Schai, stellen. Freilich ans ihre Hochgefühle, die ihnen das Völkcrvcrbrüdcriliigs- Fest ucrschaflic. fiel ei» tiefer. trauernder Schatten. Ein tückischer Zufall hat den höfischen Kredit. den sie sich niit. so nnsäglichcr Mühe und Selbstvcrlcngnnng endlich zn erlverbcn begännen, mit einem Schläge lviedcr zerstört. Man ivollte dem Kronprinzen Glück wünschen, das; er regicruiigSmündig gcivordcn, und die Bcrsanmilnng der Stadt- verordneten, die bernse» war, dieses koimnnnale Giückscmpfinden lyrisch zn stilisiere», erwies sich als bcschlntzunfähig. Die Adresse konnnt nicht mehr zum Termin zu stände, und bei Hofe tvird mai, die Rücksichtslosigkeit, bei so beocutsamc» Angelegenheiten nicht vollzählig zn erscheinen, recht nngnädig cmpsindeir. Ja, Freiherr v. Mirbach, dessen Weltaiischänniig in einer Konsistorialordining ans den, 16. Jahrhundert ivnrzclt, wird i» der durch die loyale Nachlässigkeit des StadtfrcisinuS verschuldeten Vcr- spätnng der Adresse sicher cinc versteckte Anttvort ans die Warte- tragödie dcS Berliner Oberbürgermeisters argwöhnen, wenn man sich dermaßen Zeit läßt, seitens der Kommunc die Regicrungssähigkeit des Thronfolgers zn bestätigen. Die 150 000 M. sind vergebens hergegeben tvorden: die»nglnckselige Veschlnßuusähigkeit hat alle Erfolge lviedcr zu Schande» gemacht. Es tvird dem Konnnuiialfreisinir nur ciiicS übrig bleiben, mit von seiner getreuen lliiterwürfigkeit zn überzeuge!,: er tvird die Mirbachschc Konsistorialordining als rechtsverbindlich anerkennen miissen. Außerdem aber ist den«tndt- verordneten ans jener unzeitgemäßen Bcschlnßimfähigkcit ei» schrijt- stcllcrjsches Problem von solcher Schwierigkeit crtvachscn, wie es seit Beginn der Weltgeschichte kamn jemals sich dargeboten hat. Wie soll man die Nachträglichkeit cntschuldtgcn? Es' geht doch nicht an, daß man versichert, man habe erst eben von dem Ereignis erfahren und beeile sich darum usw. Auch das hilfreiche Citat: Spät kommen wir. doch wir komme», behebt die Schivicrigkeitcn nicht. Am ein- fachstcn ist eS schon, das Schriftstück vorzudatieren und es. mit einer Fiinf-Pfeimig-Marle versehen, in den Brieflasten eines BorortS zn werfen, der von dein Stadlverkehr-Porto ausgeschlossen sst. Dann glaubt es erstlich jedennann leicht, daß die postalische Beförderung schon ein paar Tage gedauert haben kann, lind da die Annahme außerdem wegen des zu zahlenden Strafportos verweigert iverden dürste, kann»na» dann bei einer zweite» Absendnng die Berspätung mit triftigen niid sehr verzeihlichen Gründen cntjchnldigcn.... Fürstenvisiten haben noch immer ihr Publikum, jenes ewige Publik»»», das stets vorhanden ist, wenn Mililärimisik ertönt, ein Leichnam ans dein Hause getragen wird oder ein Brautpaar zur Kirche schreitet. Immer ist es der gleiche Ausdruck stinnpf erregter Neugier, die sich au jeder Erscheinung sättigt. ohne nach ihrem iiineren Wert zu fragen. In dieser psychologischen Berfassimg' liegt ein starkes Konservierungsmittel für Gewalten, die die Macht haben, gaukcludc Masseiisem'ationei» herzustellen. Aber i» dieser Genußfähigkeit, die imr. möglich»st, weil große Schichte» des Volts in»usägltcher Verödung, bar jeden höheren geistigen Lebens, ihre Tage verschleppen, liegt doch zugleich ei» Wunder. Ist es wirklich ein Vergnügen, in grauenvoll fegenden».Staub, im stickigen, übel riechenden Tnnst schivitzcnder Menschemnassen, zwischen Droschken- nnd Schutzn»amiS- Pferden,- die gelegentlich ans den Füßen der Straßciipilgcr schmerz- hast tänzeln, sich vorlvärts zu drängen, bloS um im smiscildc» Hnscki einige glänzend uniformierte Fürstlichkeiten vorbeifahren zu sehen d Aber für alle diese Frauen. n»d Kinder, diese Mitglieder dcS iutellektnelle» nild nicht-intelleklnellcn Mittelstands, denen sich vcr- einzelte Lnnipenproletaricr geselle», diese Kriegervereins-Mitglicder, die durch die märchenhastcn KrciSblatt-Schildcruiigeii auS der Probinz nach Berlin gelockt wurde», scheint in der That so ein flüchtiger Blick die Strapazen wert. Einen grünen Helmbnsch eilig voriibcrflnttcni zn sehen, entschädigt für blane Fleckei» nnd ans- gedörrte Gaumen. Nur sind die Gefühle dieser Menschen, die sich danlbar mit den» von der Polizei bcwilligtcii Rest von Bewegungsfreiheit begnügen, nicht eben hochpolitischer Natur. Bon Völker- verbrüderling hört»nan nichts, auch dynastische Religiosität koiuiut nicht zum Ausdruck. Ihre Empfindungen schweifen mir in» Allgemein- Menschlichen. Der Prunk der Nliifonnen uud� die Schnelligkeit der Pferde imponiert. Man bat auch Siim für die Schivicrigkeitcn der Repräsentation. Man bemitleidet sogar die strahlenden Herrschaften. Zwei ältere Frauen tauschen darüber ihre scnfzcnd-stauneiiden BeN'achiltngen a»S: Das muß doch fnrchthar anstrengend sein, so jeden Tag von morgens bis abends zu regieren. Aber ganz besonders erwecken die Kinder sürstlicher Personen die mütterlichen Gefühle der Gaffenden. ES ist die- selbe Erscheinung, die man in Specialilätenlheatern beobachten kann, Ivo das Publikum stets über die kindlichen Künstler am ineistcn ent- zückt ist. So gicbt es auch hier entzücktes Stannen, wie man, obwohl so klein, schon die Fähigkeit habe, eine nuZgcwachsetic Prinzessin zu sein und mit solcher Zierlichkeit sich zu berbeugen. Derart offenbart sich die Volksseele der immer gleichen Philister- ivclt. Der Geist des Scherlschen Dcpcschensaals beherrscht- die ganze Triumphstraße. Kein politischer Gedanke, kein ernstes Ideal be- herrscht diese Massen, und die Herrschenden würden sich in eine» verhä»gi>isv«llctt Selbstiänschung befinden. wenn sie in ihnen eine vnlähliche Gefolgschaft ihrer Interesse» glaubten. Diesem Publikum ist cS ganz gleich, welches Schauspiel aufgeführt wird und wer es darstellt; weun'S nur etwas kostenfrei z» sckcu giebt, und die harmlosen SportAcute, die überall dabei sind mit ihren sensationell gclvandete» Damm im rötlich gefärbten, nach der neuen Mode tropisch üppigen Haarwuchs, lassen sich s gern auch ein Erkleckliches kosten. Die gleiche Bewnndernng, lvic dem äußeren Glanz slaaisrccht- lich bevorzugter Menschen, wird ja auch dem zivcisclhafte» Schmuck der Straßen freigebig gezollt, der bei solcher Gelegenheit, ebenso hastig wie künstlerisch geschmacklos hergerichtet ivird. In dieser slittrigen Theaterpracht, die ihren Cöiilissenscheiil ins strenge Soniiculicht zn stellen lvagt, steckt ein Moment ästhetischer Ver- bildnng des Volks. Dieser Tand maßt sich antoritatibc Gellniig an, schoi» lvcil er so teuer ist. Wen» die ifarbcir nur schreien. wenn eS an Bronzegold nicht fehlt, die rohen Gerüste möglichst hoch in den Himmel klettern imd puppiger Zicrrat nicht gespart ivird, so berauscht der erlogene Glanz, die iämnicrliche Unwahrhaftigkcit, das nnechtc Schnnnkentnin die kiinstlerisch Ungebildeten und ivird ihnen znm Maßstab ästhetischer Größe, gleich Ivie die politische Jndisscrcuz bei Parade» und Einzügen das Jiitcresse am Wesentlichen und Bcdcntsameii menschlichcr Knllur einbüßt. Insonderheit sollte uinn endlich aufhöre», die großen moderne» Städte mit ihrer geradlinigen Eharakterlosigkcit durch derartige» angestrichenen Aufputz iuS Possenhafte z» verzerren. Wenn in de» alten Städten, deren Gassen krmnm»nd eng über Hügel klininie», zwischen den Giebelhäiisern grüne Brücken geschlagen werden und m der Mitte lvie ans den Wolkcii bnntc Wimpel herabhängen, dann wirkt solch simpler Schmuck ivie kindliche Fröhlichkeit. Gar keinen Sinn»nd gar keinen Geschmack aber zeigt es, Fahnen iind Acstc an die Riesenkästcn der üiodcrnc» Großstadthäuscr zu klebe» und zwischen die schlveren Steininaliern trügerisch verhängte Holzkolosse z» stellen; es ivirkt doch innner nur wie ein größciilvahnsinnig gcwordeiicr Fünfzig- Pfciiiiig- Bazar, mid der Vorübergehende ivird höchstens von dem bänglichen Gefühl erfaßt, das schnell ge- zimmerte Werk möchte zusammenstürzen. Ehr plumper Obelisk aus rohem Holz gehauen, mit grober grauer Sackleinwand übcrklcidct, ein paar durchsichtig angepinselte Goldstreifeii, unten griincS Rnnlcuwcrk und oben ein gipserner Adler, der Gold vorschlvindclt— so ehrt man den Besuch eines fremden Fürsten. Am Ende hat der Berliner Stadtfreiiinn doch mit solchem dekorativen Ulk eine Satire ans den inouarchischc» Kultus liefern ivollcn; denn dieser freisinnige Monarchenknlt ist eben so rcvt wie der Sacklcinwand-Obckisk.—-lvo. Von dev MeltanMeNnttg. 4. N nglstck ii der II n gl ii ck. Die Ale xandcrbr ü ei c. D i c K n n st p a l ä st e. Paris, 3. Mai 1900. Der letzte Sounkag war von einer Pracht und Schönheit, die selbst in dieser Stadl des sprüchwörtlich schönen Frühlings selten sind. Ungezählte Scharen froher»nd festlich gestimmter Menschen waren hinausgeeilt, um nach der Woche schwerer Arbeit ein bißchen Sonnenschein und Maienlnft zu erhaschen. Den ganzen Tag über berrschtc auf der Ausstellung regstes und bergniigtcstcs Leben lind Treiben, als plötzlich um vier Uhr nachmittags der krachende Zusammensturz einer AcrbnidungSbriicke zwischen zwei Schau- gebänden Entsetzen. Schrecken und Berzwcifkiing ringsum— ver- breitete. Die Leser dieses Blatts sind a» andrer Stelle bereits über de» iuißeren Hergang und die mulmaßlicheu Ursachen deS gräßlichen Unglücks unterrichtet Wörden.- Aber was dort nicht geschildert worden ist, das ist der tiefe und nachhaltige Eindruck des Ereignisses aus die Ansstellimgsbcsnchcr. Eine lähmende Müdigkeit überall! ein angstvolles, mirnhiges Fragen und Forschen, eine Solidarität deS Mitleids, die durch de» Gegensatz der Freude und Lustigkeit vorher noch rührender gemacht Ivurde. Wie immer so nahmen auch jetzt die Gerüchte über die Größe des Unglücks die unwahrscheinlichsten Formen an; man schrie, die große Jenabriickc sei eingestürzt. Hunderte von Opfern rängen mit dem Tode und hundert andre seien schwer verletzt. Und als endlich authentische Nachrichten angeschlngen ivareii. als sich der dichte Kreis der Neugierigen unr die ilngliicksstelle ein wenig lichtete, da wurden doch immer»och neue Zweifel in die Masse geivorsen, ob man nicht durch falsche Nachrichten dem„Geschäft" zu Liebe getauscht ivcrdc» solle. Die Freude ivar vergällt, der frohe Himmel der sorglosen Lustigkeit mit schwarzen Wolke» verhängt— ein böscS Ende des Tages, der so schön bc- gönnen, llnd dann am folgenden Tage ivicder ein Unglück! Bier fleißige Arbeiter mit zerschnielterten Gliedern, vom Gerüst abgestürzt, haben mit ihren» warme» Blut und zuckenden Hirn de» Boden der Festhalle bespritzt! O, diese Gegensätze! So ist das Lebe», so ist der Krieg, wie das französische Wort sagt; so ist auch die Ausstellung. Kein Stillstand dann»,»nie Schassende treten an Stelle der Ge- sallcncn. Mann über Bord, voguc 1». galeie— Volldampf voraus 1 Von der Avenue deS Ehamps ElyfvcS jder Straße der dtzstiische» Gefilde), ungefähr an der Stell«, wo der Znduslrtepalast der früheren Ausstellungen stand, führt jetzt eine neu geschaffene Prachtslraßc direkt auf den hochragenden Jnvalideudom mit seiner vergoldeten Kuppel z». Ter rnssiichc» Frenndschast zu Liebe hat man sie Nicolausstraße genannt, und die herrliche Brücke, die hier die Seine überspannt, Alexanderbriicke. Unziveifelhaft ist diese Brücke eines der bcmcrkcnS-- loertrsteii Werke moderner französischer Jngcnieinkunst. Glücklicher alS die Berliner, die sich ihren Fluß durch die mißrafeiien Arbeiten eiucS vormals fchkechl gckciteien Banbiireans verschandeln lassen mußten und heute eine Ileiue Reise zn machen haben, um lvcingstcns � an der Oberspree ciuc» würdigen Brückenbau betrachten z» löimen,! haben die Pariser jetzt uiittc» in ihrer schönen Stadt einen Fluß, ibergang, der durch seine praktische Gestaltnng. die Eleganz seiner Linienführung und die Pracht seiner dekorativen Ansstattnng Belvnndernng erregt. Tie Ausgabe, die den Architekten und Fngenicnren Resal und Albh gestellt lvar, bot der Schwierigkeiten übergenug: es handelte sich danini. nüt einem einzigcir Joch die ansehnlich breite Seine zu überspannen, der Schiffahrt genügenden Spielraum auch bei hohem Wasserstande zn gestatten, und doch zugleich die Trare so niedrig zu Halle», daß der lvnndcrvollc Durchblick ans den Invaliden- dam nicht beeinträchtigt wurde. Diese Aufgabe Haben sie gelöst und damit ein Werk geschaffen, das daS Andenken n» diese Ausstellung — zweifellos wohl die letzte ihrer Art— lange Zeil wach erhalten ivird. Die große Völkerkirnieß von 1880 hat den Pariserir den Eiffelturm gebracht, der auch jetzt»och in ragender Größe das Marsfeld beherrfcht, ein Bauwerk, dein rnan bei aller Belvnndernng für seine Größe und Kühnheit kaunr einen stzmpathischen Zug ab- gewiinicn kann, so recht eine Schöpfung eiucs spekulierenden Patiamiste», der gewohnt ist, mit faulen Werten zu bandeln, und oen Hrmrbng als erlaubtes Mittel des Existenzkampfes ansieht; wie viel lieber lenkt rnan de» Blick von ihm ans diese Brücke, die bestimmt ist allen zn dienen, die nicht nur ein schönes, sondern auch ein nützliches. der Gesamtheit förderliches Werk ist, einen socialen Wert repräsentiert. Für babylonische Türme, für Pyramidalbantcn beginnt»usre Zeit den Geschmack zn vertieren. llnd lvcnn sie nützliche Werke auch noch mit den» Namen eines augstgepeinigten halb- asiatischen Selbstherrschers verunziert, so darf man' doch hoffen, das; sie auch diese»»Imudigx Schwäche bald ablegen Ivird. Aber für die srauzösische Bomgcoisrcpnblik ist und bleibt diese Namengcbung ein charaltcristischcS Zeichen. Biegt man bo» der Rvc»nc des Ehamps Elysees in die NicolanS- slraße ein, so erheben sich rechts und links zlvci rnoninneutalc Gebäude mit prächtige» Sandftcilrfac'ade»: der große und der kleine Kunst- palast, die an diesem erkte» Mai eingeweiht lvorden sind. Der große Palast besteht ans drei selbständigen Gebäude», dem Hauptgebäude a» der erivähntc» RicolanSstraße, einem zweite» Gebäude a» der Avenue d'Anti» und einem Berbindnngsteil; diese Dreiteilung war geboten durch die Gestaltung des Platzes, da die beiden Fronten nicht parallel zu einander verlause», sie gab aber auch zugleich die Mög- Uchkert einer überraschend reichen architektonischen Gliederung. Durch- >veg im romanischen Stil gehalten, ist die massige Vorderfront durckr eine Reihe lvnchtiger Säulen sehr glücklich eingeteilt und durch zlvci wunderschöne keramische und Mosaikfricse prächtig geschmückt. Wir sprachen schon in einem sriihcren Brief davon, daß diese Ausstellung den Mangel eines modernen, einheitlichen n»d logischen Stils evident dnrthne; aber hat man sich einmal mit dem heule herrschenden Ctlekticismus(Stilmischmasch) abgefunden, so Ivird nran der Kunst der Architcktc», die dieses Bamverk schufen, die Anerkennung nicht versagen. Sie hak>cn ei» Gebärwe hergestellt, das de» bildenden Künsten eine bleibende Stätte biete» Ivird; Maler und Bildhauer aller Natioiren tonnen sich keinen würdigere» Rahinen für ihre Schöpfungeir lvünschcit, solange rnan überhaupt noch ihre.Kunst- lcistmigrii in die an Kirchhöfe gemahnenden AuSstellmrgcn und Museen zn bannen geneigt ist.— Gegenüber diesen» großen Palaste erhebt sich, kleiner zivar und'weniger reich ansgestattet. doch.in der Wirkiing rnhigcr und einheitlicher, der sogenannte kleine Knnstpalast: daS Bcilvort„llcii»" ist dabei freilich nur relativ z»i verstehen, denn auch dieses schöne Bamverk zeigt ansehnliche Diinensionen. Zu gc- lvöhnlichen Zeiten, nach der Ausstellung. soll der große Palast, wie wir schon atidcutkten, als Ersatz für die ehemalige Jndustriehalle, den Zivecken der' regelmäßig iviederkehrendei» KiiiistauSstellllngci» dienen; der kleine soll zn einer Art Pariser Musen»» ausgestaltet werde»». Heute sind beide zu einer fast»miibcrsehbarei» reichen, vierfältigen Klmstausstellüng eingerichtet worden: eine retrospektive < rückschauende!, eine' ausländische, eine srauzösische Jahrhundert- und eine sraiizösischc Jahrzehnt- Ausstellung sind hier vereinigt. Nach einer einzige», wenn auch stiindenlaiigei» Wcnideruug durch die zahlreichen Säle, nach einem notg'edrnngenc» flüchtigen � llinblick »intcr diesen niiS ganz Frankreich und der ganzen Welt znsaminen- getragenen Schätzen, ist ciuc Beschreibung.ganz unmöglich. Es ge- hört Muße und es gehört liebevoller Flcisffchazu. um sich in das zn versenken; ivc»s hier in einzigartiger Vollzähligkeit dargcbolei» ivird. Aber schon auf der ersten Wanderung durch die retrospektive und die französische Jahrhimdert-Aiisstellmig erstaunt man über die Unzahl der hervorragenden Kuustivcrte, die dieses Land besitzt. Welcher Reich- tum. Ivo so vieles den»mtüvlichcu Verfall, die kriegerische» Zer- störnngen, den vernichtenden Unverstand und den blöden Knusihaß überdanerit tonnte! Gcivebte Tapeten ans den» 14. Jahrhunderr prangen an den Wänden, mid auf den Tischen liege» zierliche Elfenbein- und Holzschnitzereien, deren Alter nicht mehr mit Sicherheit fcstzuslcllci» ist; das aücifcn regime(.die Zeil dctz oftcn Köinjiöhcnschcift) lcl't vor unsrrit Alleen loicdrr oiif. dcr si»»- bernckende, schwelgerische Luxus dc? �rvüeiiivohiisinuigcn! «»!> daneben der steife nberladene nnd i»it aiitike» Motive» kokettierende Etil de? erste» Kaiserreichs, ttirche» und Museen aus der Provinz, Privatleute a»S Stadt und Land. a»s Frankreich und der Ferne haben ihre Schätze bercitiviltiiz zur Bcrfngnna gestellt. Da giebt es nicht nur z» schauen l»id zu bcivuudcru, sondern a»ch zu lernen, viel zn lerne».— L. Kleines>KenilIekou» st. Feine Damen. Vor einigen Tagen hielt der bekannte englische Chirurg Trcves bei einem Diner im Nefonnklnb in London eiiie Ansprache, in der er das Verhalten vieler englische» Fronen im Kriege scharf verurteilte nnd von einer„Franenplage" in Kapstadt sprach. Diese Aenstcrnng hat nun in London einen wahren Eni- riislnngsswrn« hervorgerufen. Die Londoner Zcitimgen sind voll von Protesten, die ihnen täglich in großer Zahl zugehen. Der Berichterstatter der„Daily Mail" hat sich daher personlich an Treves geivandt, rmr von ihm nähere Angaben nber die Gn'inde seines Angriffs auf die Franc» zn erhalten. Treves erwiderte:„Sie »Verden sich erinirmr, daß ich der einzige Chirurg war, der einen Stab vor» Wärterimien mit hinansnahnr. Ich that das, weil ich weiß, daß Frauen»mentbehrlich bei diesem wichtigen Ziveigc der Lazarettarbeit find. Auch für die Frauen, die frcilvillig die Heimat, Geld und Bequemlichkeit aufgegeben haben, um bei dem Werk, die Leiden zu lindem, zu helfen, habe ich nur die tiefste Bcivmidemug. Daß man meinen Venrcrkmigen eine andre Bedeutung untergelegt hat, setzt mich in Erstannen.- Aber wenn ich die Lage der Tinge in Kapstadt erkläre, Ivo eine ganz andre Art von Frauen sich zUsammengeffttiden hat, Iverden Sie selbst urteilen, ob ich berechtigt war. einen starken Protest gegen das. Iva? ich mit„Fraiienplage" bezeichnete, auszusprechen.'' Kapstadt war zn der Zeit, von der ich sprach, vollgepfropft mit müßigen Frauen. von denen die meiste» „smarte" Dame» ans der„Gesellschaft'»varen, die. nach neue» Sensationen begierig, nach Südafrika kamen,»m sich einen Feiertag zn machen. Die Hotels in Kapstadt»varen angefüllt unt diesen Dmiien. die sich hier wie bei eine»» Piknik in großem Stil amüsierten. DaS Monnr Nelson-Hotel war vollgepfropft init ihnen, und lvemi ein kranker oder vcrtvnndetcr Offizier von der Front kam, um Quartier zu suchen, hotte er nicht die geringste Aussicht, ein au- ständiges Hotel zu finde». Diese vornehmen jungen Damen hatten nicht den geringsten Vorwand, in Südafrika zn sein, außer ihrem eignen Wunsch, den Feldzng zu einem Gegenstand neuer Vcr- gniigungen und Sensationen zn niachen. Das war aber noch nicht die schlimmste Seite ihrer Amvcscnhcit. Wenn Mittagsgcsellschnften und andere gesellige Vergnügungen ihnen z»l langweilig wurden, veranftaltctcu sie eine» gcmcinjchastlichen Besuch der Lazarette. „Was»vcrden ivir heute ammigewt"—„Wir»vollen die Lcmmudeteu besuchen", so hieß es, und daL gab den Anlaß z» einem Cinsall in die Lazarette nnd einer unberechenbaren Cinmischuug in die Thätigleit der Acrzle. Offiziere. die die Aufsicht über die Verwundeten hatten, wurden in der Ersiillmig ihrer Pflichte» von den Dauien unter- brochen. Sie zeigte»» Erlaubnisscheine von hohen Persönlichkeiten vor. denen die Offiziere nichts zn veriveigem wagten. So»vnrden den» die Frauen herumgeführt, und die Vertvnndetei» wurden ihnen gezeigt. Cs gab Fälle, in denen Verwundete, die ein halbes dutzcnd- mal hintereinander von diese» Cindriiiglinge», die sich in alles hiiieinmischtcii, gciverkt»varen, sich von ihnen abivandten nnd schließ- lich sagten:.Mein Gott,»verde ick denn nie zur Ruhe kommen?" Ii» ciiicm andern Fall beklagte fich ein Militärarzt, daß eS schon spät wäre nnd er noch keinen seiner Pnticnlcn ordentlich gesehen hätte »vcgcu der.Herde geschäftig thuender Frauen, die an dem Tage sein Lazarett zn ihren» Schanplatz gemacht hätten. Nur von diesen Frauen, die im Kriege ihre krankhafte Neugierde zn befriedigen suchen, habe ich gesprochen."— Theater. c. In der I a h r e S v e r s a m m l n n a der f r a u z v s i- s ch c n ,. G e s e l l s ch a f t der d r a m a t i s ch e» A u t o r e n nnd K o ni p o» i st c»". die nntcr dem Vorsitz von Victorien Sardon am Mittivoch abgehalten»vurde, erstattete Paul Milliet den Bericht. aus dein hervorging, daß die Tautiömei» sich im Geschästsjahr ILSL/tWO auf 3 743 393,00 Frank, d. h. 73174.ö0 Frank«lehr als i»r Vorjahre erhoben halun». Diese Einnahmen verteile» sich auf: Paris»»d Vororte 2 475 594,20 Frank, Departements 908 575,70 Frank, Ausland 300 223.70 Frank. Interessant»vnr in dem Bericht auch folgender Vergleich: Die Geiamleinnahmen der Pariser Theater beliefen sich» im Jahre 1806/07 auf rund 13 Millionen, 76/77 auf 16 Millionen, 80/87 auf 19 Millionen, 1896/97 ans 22 Millionen, und im Jahre 1899/1900 haben sie genau L2 150 930.13 Frank erreicht. Milliet führte dazu ans, daß die gegenwärtige Geschäftslage der Theater im allgemeine» nicht zu großen Vefiirchtnngcn Anlaß gäbe; man dürfe nicht, tvic es so oft geschähe, aus der schlechten Lage einzelner Theater ans eine all- gemeine Thcatermüdigkri» des Publikums schließen. Die Lage dieser Theater Ivime die verschiedensten lirsachcn haben: zn hohe Unkosten, die in? llngemessene Ivachsendcn Forderungen einzelner Künstler. Un- besländigkeit der Leilitug, bei der kein Staimnpnbliknm herangezogen ivürde. tvic überhaupt, daß daS Budget anf ein Marinmm der Ein- nahmen gestellt werde, das in normalen Zeiten nicht innner erreicht iverden könne. Eine» kleinen Stnrm rief ein Aiitrag Pierre DeconrccllcS hervor, der bezweckte, zun, Besten der AlterSpensioiiö- Kasse ei» Prozent von den Tantiemen, die aus dem Ausland eingehen, z» er- heben. Da? Komitee erklärte diesen Vorschlag für„statntcillvidrig", »vorauf die Majorität der Vcrsainmlmw energisch protestierte: wrim die Statute» einen so»nenschenfrrllndttchen Äorfchlag nicht znliesgm. so müßte» sie eben revidiert werden. Roch erregten» Hin- und Her- reden lvurde ein Antrag von 05 Mitgliedern, deren Unterschriften schnell gcsaimnclt lvurde»», anf eine außerordentliche General- Versammlung gestellt, die über dei» Antrag DeconreelleZ berate» sollte.— Astronomisches. — Neue P l n n e t e n. Anf der Lick-Steruwartc in Kalisoniien wurde.»vie die«Köln. Ztg." berichtet. mittels des großen Photo- graphischen Fernrohrs nach mehrstündige«. Exponieren der Platte ein neuer Planet anö der Gruppe der Asteroiden zivischen Mars>md Jupiter entdeckt, der durch seine überaus geringe Helligkeit und Kleinheit höchst mcrklvürdig ist. Er erschien bei der Entdeckiing nur 17. Größe nnd kam« kann, jemals heller als 10. Größe werde,,. Für das große Lick-Teleskop steht er an der Grenze der Wahrneh»,- barkeit, und cö ist wnhttcheinlich. daß in ganz Europa kein Fern- rohr vorhanden ist, welches dieses Sternchen direkt zn beobachten gestattet. Nur daS eine oder andere große photographische Teleskop,»vie z. V. das neue große Jnstniment in Potsdam, kann diesen Planetoidc» zur Darstellung bringen. Die Bahn desselben»st »icrklvürdig wenig von der Kreisbahn ablveichend und auch»nr sehr wenig gegen die Ebene der Erdbahn geneigt. Nach seiner Helligkeit zu schließen, kam, dieser Planet mir 8—10 Kilometer im Durchmesser habe», so daß sei» ganzes Voliune» dcmjeuigc» eines nicht allzu großen irdischen Berges lau», gleichkommt nnd seine ganze Ober- fläche kleiner ist als die Fläche, welche die Stadt London bedeckt. Auch Japan beteiligt sich jetzt au astrouomischcu Forschungen; zum erstenmal ivird von dort die Entdeckiing von iicuen Planeten gc- meldet. Sie geschah auf dem astrononiischcn Observatorinm Azabu bei Tokio durch S. Hirayawa. Die beiden nencntdecktc» Planeten wurden auf pholographischem Wege gefunden.— HnmorististheS. — Der einzige Fehler. Z i m m e r v e r m i e t e r i n sWitwe):„...Etwas ist an den Männern doch immer miszi»- setzen! Mein gegenlvärttger Mieter z. V. ist fleißig, ruhig, niichtcn,. ordentlich— n» r w i l l er mich absolut nicht heiraten!"— — Der gescheidte Pieeolo.„Piccolo, habt Ihr ein Konbersatiouslcxiko»?" „Nein!... Was möchte» S' denn gern wisjeu, Herr Professor?"— — Unerwartete Schlußfolgerung. Er:„ES ist doch stark, kauft der Junge seiner Braut ein Bongnet un» siiuf Mark!" Sie:„Daran siehst D»» jetzt,»vas für eii, schäbiger Bräntigam D n dereinst geivesen bist!"—(„Flieg. Vl."j Notizen. — Der Schauspieler Franz Guthery vom Lessing- Theater ist im Atter von 50 Jahre» gestorben.— — Die Große Berliner K u>» sta u s sie l l u n g ist Sonnabeubmittag eröffnet ivorden.— — Iii Frankfurt a. M. wurde die dreiaktige Oper„Die Mainacht" von, R i m S.k y- K o r s a k o>v zum erstenmal deutsch ausgeführt, hatte aber keinen rechten Erfolg.— — An, Züricher S t a d l t h e a t c r sind nach der„Z. P." in der Rächt die beiden S t e i n s i g u r e u, die de» Haupteiiigang des Theaters flankiere», von roher Hand arg beschädigt worden.— — Bisher unbekannte Manuskripte von Ten» h s o n. die Jugendgedichtc und eine Anzahl von Briefen, die der Dichter an Artbnr Hallan richtete, ciithalten, sind von einem Gelehrten in Sheffield entdeckt worden.— — lieber die bisherigen Erlebuiiie und den Verlauf der neuesten Reise Sven H e d i» S„ach C e n t rn l a s i e u berichtet das jüngste Heft von„Peterm. Mitt." Danach hat Sven Hedi» die Erforschung des Sarin, bereits ausgeführt. Am 1. September 1399 war er in Kaschgar eingetroffen»nd hatte nach kurzem Ansecilhalt dort Lailik am Jarkand-darja erreicht, Ivo er eine Fllißfähre an- kaufte, un» anf dieser die Fahrt jtroninbivärts bis zum Lob-uor anzutreten. Am 15. September begmi» die Tl>alfahrt, die am 7. Dezember, im Jangi-köh au» Lev-nor abgeschlossen wurde. Die Frlicht dieser Flußfahrt ist eine vollständige Aufnahme des Jarkand» darja und des Tarini.— —„fflo'i, ok allerwägs hengeradcn kann, säd' de Hiring, dor wärd he in Essig legt!" lMccklenbmgischeS Sprichivort.» Beramworrlilve-.«reacrcur: Paul John n« Berti». DcuS uns Benag vir. Dtax Boving m Berlin.