Hnterhatttmgsblatt des Horwärts Nr. 83. Dienstag, den 8. Mai. (Nachdruck verboten.) 28] Nuferstehnng. Roman von Leo T o l st o j. Der Advokat nahm ein Blatt beschriebenes Papier und begann, die uninteressanten, formalen Worte schnell verschluckend, andre dagegen besonders eindringlich aussprechend, zu lesen: „An die Kriminalabteilung des Kassatioushofcs und so weiter, die und die Beschwerde. Durch gerichtlichen Beschluß auf Grund des und des Verdikts ist die Maslowa für schuldig befunden worden, den Kaufmann Smjelkow mittels Gift um das Leben gebracht zu haben, und aus Grund des Artikels 1454 des Strafgesetzbuchs zu Zwangsarbeit mid so weiter und so weiter verurteilt." Er hielt inne, offenbar trotz der ständigen Gewohnheit mit Vergnügen sein Erzeugnis anhörend. „Dieses Urteil erscheint als das Resultat so wichtiger prozeffucller Beeinträchtigungen und Fehler," fuhr er cindring- lich fort,„daß es der Kassation unterliegt. Erstens ist die Verlesung der Untersuchungsaktcn über das Innere Smjelkows während der Gerichtsverhandlung gleich im Anfang durch den Vorsitzenden unierbrochen worden— eins." „Aber der Staatsanwalt hat doch diese Verlesung der- langt," sagte Ncchljudow voll Erstaunen. „Einerlei, die Verteidigung konnte dasselbe Verlangen stellen." „Aber das war doch ganz und gar nicht nötig." „Trotzdem ist es ein Grund. Weiter: Zweitens ist der Verteidiger der Maslowa," fuhr er mit Lesen fort, „als er, in der Absicht, die Persönlichkeit der Maslowa zu charakterisieren, die inneren Ursachen ihres Falles streifte, in seiner Rede durch den Vorsitzenden mit der Begründung unterbrochen worden, daß die Worte des Verteidigers nicht direkt zur Sache gehörten: inzwischen fft aber, wie unlängst vom Senate dargelegt, die Erklärung des Charakters und überhaupt der moralischen Eigenschaften von allergrößter Bc- dcutung schon für die richtige Entscheidung der iinpntutio juris der Strafzumessung— zwei," sagte er, Ncchljudow an- blickend. „Er hat das aber doch recht ungeschickt gesagt, so daß man gar nichts verstehen konnte," meinte Nechljndoiv noch mehr»erwundert. „Der kleine Dummkopf konnte natürlich nichts Gescheites zu stände bringen." sagte Fanarin lachend,„aber es ist dennoch ein Grund. Dann weiter: Drittens, in seinem Schlußwort hat der Vorsitzende, trotz der kategorischen Be- stimuiung des§ 1, Artikel 801 der Kriminalgerichts-Ordnung, den Geschworenen nicht auseinandergesetzt. ans welchen juristischen Elementen der Begriff einer Schuld besteht, und ihnen nicht gesagt, daß sie das Recht hatten, die Dar- reichung von Gift durch die MaSlowa an Smjelkow als that- sächlich feststehend anzuerkennen und ihr dennoch, wegen Fehlen der Absicht auf das Leben, diese That nicht als Schuld anzurechnen, und sie auf diese Weise nicht eines Kriminal- Verbrechens, sondern nur eines Vergehens für schuldig zu er- klären— einer Fahrlässigkeit, infolge deren, unerwartet für die Maslowa, der Tod des Kaufmanns eingetreten ist.— Das ist die Hauptsache." „Wir hätten das auch von selbst begreifen können; es ist unser Versehen." „Und endlich viertens." fuhr der Advokat fort,„ist die Antwort auf die von feiten des Gerichts gestellte Frage nach der Schuld der Maslowa von den Geschworenen in einer Form gegeben worden, die in sich einen deutlichen Widerspruch enthält. Die Maslowa war der vorsätzlichen Vergiftung Smjelkows in ausschließlich eigennütziger Absicht, die als einziger Beweggnmd zum Morde erschien, angeklagt worden: die Gcschwornen aber verneinten in ihrer Antwort die Absicht auf Raub und die Teilnahme der MaSlowa an der Entwendung der Wcrtgegcnstände. woraus ersichtlich war, daß sie auch die Absicht der Angeklagten auf Totschlag zu verneinen im Sinne hatten und nur infolge eines Mißverständnisses, das durch die UnVollständigkeit des Schlußworts des Vorsitzenden hervorgerufen war, dieses in ihrer Antlvort nicht gehörig zum Ausdruck brachten, wo dann diese Anttvort die An- Wendung der Artikel 816 und 808 der Kriminalgerichts-Ordnung verlangte, das heißt Aufklärung der Geschworuen von feiten des Vorsitzenden über den von ihnen begangenen Irrtum und Uebergehen zu einer neuen Beratung und einer neuen Antwort auf die Frage nach der Schuld der Angeklagten," las Fanarin vor. „Aber warum hat der Vorsitzende das nicht gethan?" „Ach möchte auch wissen, warum sagte Fanarin lachend. „Folglich wird der Senat den Jehler wieder gut machen." „Das kommt darauf an, wer dort in dem betreffenden Augenblick thätig ist. „Nun also, schreiben wir weiter: Ein derartiges Verdikt gab dem Gericht nicht das Recht," fuhr er schnell fort,„die Maslowa einer Knmmalstrase zu unterwerfen, und die An- Wendung des 8 3, Artikel 771 der Kriminal-Gerichtsordnung bildet einen fchmeucn und groben Eingriff in dir Grundlage unsres Kriminalprozesses. Ans angeführten Grün den habe ich die Ehre, und so weiter und so iveiter, um Kassation laut Artikel 009. 910.§ 2 und Artikel 928 der Kriminalgerichts- Ordnung und so weiter und so weiter und um Ueberweifung dieses Prozeffes cm eure andre Abteilung desselben Gerichts zur neuen Verhandlung einzukommen. Also«lles. was mau thun konnte, ist gethan. Aber ich will offen sein: die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs ist gering. Ucbrigens hängt alles von der Zusmnmcnsctzuug der Senatsabtcilmcg ab. Wenn Sie dort Freunde habe», so bemühen Sie sich." „Ich kenne diesen oder jenen." „Und dann beeilen Sie sich, sonst fahren alle aus ein- ander, und Sie miffsen drei Monate warten.... Im Falle eines Mißerfolgs bleibt noch das Gnadengesuch allerhöchsten Orts. Da hängt es davon ab. was sich unter der Hand machen läßt. Auch tu diesem Falle bin ich zur Auffetzung des Gnadengesuchs bereit." „Ach danke Ihnen.— also das Honorar.." „Der Burcauvorsteher wird Ihnen die Reaffchrfft des Gesuchs geben und Ihnen Bescheid sagen." „Ich wollte Sie noch fragen: der Staatsanwalt hat mir einen Einlaßschein ivs Gefängnis zu jener Person gogebem, im Gefängnis aber hat man mir gesagt, ich brauchte für Besuche außerhalb der festgesetzten Tage und des festgesetzten Orts noch die Erlcuibms des GouvernemK. Ist das nötig?" „Ja, ich giaüdr. Aber jetzt ist kein Gmiverneur da, der Vicegouverneur besorgt seine Obliegenheiten. Und der ist solch ein Rindvieh, daß Sie kam» etwas bei ihm enricheu würden." „Ast das Maslennikow?" «Aa." „Ich kenne ihn," sagte Nochljadow und stand auf. um fortzugehen. In diesem Augenblick flog eine Leine, schrecklich häßliche, ftutznäsige, knochige, gelbe Dame mit schnellen Schritten ins Zimmer— es war die Frau des Advokaten, die sich tvegen ihrer Häßlichkeit-augenscheinlich keine» Kununor machte. Sie war nicht nur ungewöhnlich auffallend gekleidet— in fünft- lich drapiertem Sammt und Seide, hellgelb und grün, son- dern auch ihr dünnes Haar tvar aufgewickelt, und fte flog wie eine Siegerin ins Zinnner, in Begleitung«ncs ktng«, lächelnden Menschen mit erdiger Gesichtsfarbe, im Rock mit seidenen Aufschlägen und weißer Halsbinde. Das war cm Schriftsteller: Rechljudow kannte ihn von Ansehen. „Anatole," sagte fte, die Thür öffnend,„laß uns gn mir gehen. Sscmen Awanowitsch verspricht, seine Voqe vorzulesen, und Du mußt sicher über Gauschin lesen." Rechljudow wollte fortgeben, aber die Frau des Ad- vokaten flüsterte mit ihrem Manne nid wandte sich sofort an ihn: „Bitte. Fürst, ich kenne Sie rmd halte eine Vorstellung für überflüssig; besuchen Sw unser» Lüteraturabeild. Es wird sehr interesjaut. Anatole liest reizend." „Sic sehen, was für verschied eucaiige Dinge ich zu thun habe." sagte Anatole, die Hände ausbreitend, und lächelte, indem er auf seüie Frau deutete und dadurch die Uiunöglich» keit ausdrückte, sich ciaer so bezaubernden Person zu Wider- setzen. Ncchljudow dankte mit traxrigem und strengem Gesicht und größter Höflichkeit der Frau des Advokaten für.die Ehre der Einladung, lehnte dieselbe ab, da er nicht im staude wäre,-ihr zu folgen, und trat in das Empfangszimmer heraus. „Dieser Fwtzenschneider," sagte die Frau deS Advokaten Von ihm, als er hinausgegangen war. Im Empfangszimmer übergab der Bureauvorstehcr Rech- ljudow das fertige Gesuch und sagte auf die Frage nach dem Honorar, Anatole Ssemjonowitsch hätte eintausend Rubel au- gesetzt und dabei erklärt, er nähme solche Sachen eigentlich nicht an. thäte es aber seinetwegen. „Wie steht es mit der Unterschrift des Gesuchs, wer muß die vornehmen?" fragte Nechljudow. „Die Verurteilte kann selbst nuterschreiben, und wenn das mit Schwierigkeiten verbunden ist, so kann es auch Anatole Ssemjonowitsch, nachdem er von ihr Vollmacht er- halte» hat." „Nein, ich fahre hin und hole ihre Unterschrift," sagte Nechljudow und stellte sich, Katjnscha»loch vor dem bestinunten Tage wiederzusehen. Vierundvierzig st es Kapitek. Um die gelvöhnliche Zeit ertönten im Gefängnis die Pfeifen der Aufseher; mit lautem.Eisengerassel wurden die Korridor- und Zellenthüren geöffnet; nackte Füße und die Absätze der Lcderschuhe klatschten auf dem Boden. Die Arrestanten und Arrestantinnen wuschen sich, kleideten sich an und traten zur Zählung in den Korridor, und nach der Zählung holten sie heißes Wasser zum Thec. Beim Thee wurden in allen Gefängniszellen lebhafte"'-'- spräche darüber geführt, daß an diesem Tage zwei Arresln.....l mit Ruten gezüchtigt werden sollten. Einer von diesen Arrestanten war ein junger Mensch, der Angestellte Wassiljew, der gut zu lesen und schreiben verstand; er hatte seine Geliebtem einem Eifersuchtsansall erschlagen. Seine Zellengenossen hätten ihn gerir wegen seiner Fröhlichkeit, Freigebigkeit und Festigkeit im Verkehr mit den Vorgesetzten. Er kannte die Gesetze und verlangte ihre Befolgung. Deswegen war er bei der Obrigkeit nicht gut angeschrieben. Vor drei Wochen hatte der Auffeher einen Grubenausrämner geschlagen, weil dieser seine neue Uniform mit Kohlsuppe begossen hatte. Wassiljew war für den Grubenausräumer eingetreten und hatte gesagt, es gäbe kein Gesetz, daß man Gefangene schlagen dürfe.„Ich werde Dir das Gesetz zeigen," sagte der Aufleher und schimpfte Wassiljew. Wassiljew antivortete ebenso. Der Auf- scher wollte ihn schlagen, aber Wassiljew ergriff ihn an der Hand, hielt ihn so drei Minuten lang, drehte ihn dann um und stieß ihn zur Thür hinaus. Der Aufseher beschwerte sich, und der Inspektor ließ Wassiljew in den Karzer werfen. Die Karzer waren eine Reihe dunkler Verschlüge, die von außen mit Riegeln verschlossen wurden. In dem dunkeln, kalten Karzer war weder Bett noch Stuhl, noch Tisch, so daß der Sträfling auf dem schmutzigen Fußboden saß oder lag, wo über ihn hinweg und auf ihn Ratten liefen, die im Gefängnis in sehr großer Anzahl und dabei so frech waren, daß num im Dunkeln auf keine Weise Brot aufbewahren konnte. Sie stoßen den Sträflingen das Brot aus der Haud und fielen sogar über die Sträflinge selbst her, ivenn diese aufhörten, sich zu rühren. Wassiljew sagte, er ginge nicht in den Karzer, weil er unschuldig sei. Da führte man ihn mit Gewalt hin. Er begann sich zu verteidigen, und zwei Gefangene halfen ihm, sich von den Aufschern loszureißen. Da liefe»- die Aufscher zusanunen, und unter andern, auch der durch seine Stärke berühmte Petrow. Die Gefangenen wurden nieder- getreten und in den Karzer. gestoßen. Dem Gouverneur aber wurde sofort Bericht erstattet, als wenn so etwas . wie. eine Revolte vorgekonimen sei. Dann traf ein Schreiben ein, in den, befohlen wurde, den zwei Hauptschuldigen, Wassiljew und dem Landstreicher Njcpomnjaschtschi je dreißig Nutcnhiebc zu erteilen. Die Züchtigung sollte im Frauenbesuchszimmer vor sich gehen. Abends war es schon sämtlichen Insassen des Gefängnisses bekannt, und in den Zellen wurden lebhafte Gespräche über die bevorstehende Züchtigung geführt. Die Korablewa, Tauscndschön, Fedosia und Maslowa saßen in ihrer Ecke, ivaren�rot und lebhaft nach dem Genüsse von Branntwein, der der Maslowa jetzt schon nicht mehr ausging und von ihr den Gefährtinnen freigebig vorgesetzt Wurde, tranken Thee und sprachen über denselben Gegenstand. lFortsetzmig folgt.) Die„Furie Volksbühne". (O st e n d- TH e a t e r.) Als die litterarische Jugend den ersten Sturm aufs Theater unternahm, sproßten die„Freien Bühnen" der verschiedenen Richtungen hervor. Einmal galt es, de» bequemen Einwand zu widerlegen, daß die neuen Stücke nicht«bühnenfähig" seien, und dann mußte man auch die Dichtungen zum Leben erwecken, deren düsterer Stoff dem guten Publikum auf die Nerve» fiel. Diese Zeit der ersten Kämpfe war zugleich die Zeit der überschlvenglichen Sieges� Hoffnungen, und man darf sie darum nicht schelten, weil ohne den Ueberschivang der Siegeshoffnungcn der Kampf gar nicht hätte geführt werden köiincn. Mehr als einer sah damals den Himmel offen und glaubte in jugendlicher Begeisterung an einen neuen Frühling, den die verschiedenen„Freien Bühnen" herauf bringen sollten. Dem Ueberschivang ist inzwischen der Katzenjammer gefolgt— ein Katzen- jammer, der ebenso unberechtigt und viel unsympathischer ist, als einst der Rausch. In der That hat sich die Situation geändert und wir müssen sie nüchtern prüfen. Unter keinen Uniständen aber dürfen wir die Flinte ins Korn werfen nnd mm jäh an den Freien Bühnen und Volksbühnen verzweifeln. Zum Verzweifeln ist immer noch Zeit. Die Jugend hat gesiegt, soweit sie siegen konnte und ist damit rrihiger geworden—„vernünftiger" sagt der Philister. Der litte- rarische Jngrinun, der nach den'allerschrecklichstcn Stoffen griff, nur die scickitc» Amüsenre zu entsetzen, ist verraucht. Die Arbeit ivaudelt in ruhigeren Bahnen und arif der andern Seite ist daS Publikum erzogen worden, so daß eS nun gegen die düstern Stoffe iveniger empfindlich ist. Damit ist ein Thäsigkeitsgebiet der«Freien Volksbühne" eingeengt, wohlgemerlt: ich sage„eingeengt", denn verschivuuden ist es noch keineswegs. Roch immer' kaim Lindau im Berliner Theater den zweiten Teil von. lieber nnsere Kraft" nicht freikriegen, obgleich gerade dieses Werk zu den imposantesten Schöpfungen der licüeren dramatischen Litteratnr gehört. Noch immer sind die „Weber" an viele» Orten verboten nnd auch sonst giebt es Stücke, die um ihres Stoffes willen unanfgesührt bleiben. Eingeengt ist diese Thätigkeit der Freien Volksbühnen aber allerdings und zwar eingeengt durch den Gang der Entwicklung, also eingeengt durch etwas, das nicht zu ändern ist. Es bliebe dann noch die ruhmvolle Aufgabe, junge Talente zu entdecken. In gewisser Weise ist auch diese Thäsigkeit durch den Gang der Entwicklung eingeengt. Junge Talente haben heule weniger Schwierigkeiten zu überwinden als früher und ziehen natürlich die öffentliche Bühne der Vcrcinsbühnc vor. Trotzdem aber eröffnet sich hier doch ein weites Feld für fruchtbare Arbeit. Nur darf man natürlich nicht verlangen, daß jede neue Arbeit von einem dramatischen Genie herrühren muß. Die Genies im allgemeinen und die dramatischen im besonder» treten so selten auf, daß keine Bühne auf ihre„Entdeckung" eine Existenz gründen kann. Talente aber, die unter der Trägheit der berufsmäßigen Direktoren und anderen Umständen leiden, giebt es auch heute nnd wird es vermutlich immer geben. Von der Leitung einer«Freien Volksbühne" muß man verlangen, daß sie die neuen Buchdramen liest, daß sie alle Erscheinungen mit scharfem Späher- ange verfolgt und sie sofort auf ihren inneren Wert und die Möglichkeit einer Anffiihrnng prüft. DaS ist eine littcrarische Auf- gäbe und keine kleine. ES gebärt dazu eine regelmäßige Lektüre der gesamten periodischen Litteratnr und nebenher ästhetische Intelligenz und praktische Bühnenkenntnis. Ist die von den Arbeiter» gewählte Leitung durch sonstige Pflichten verhindert, diese durchaus notwendige Arbeit zu ü vernehmen, muß ein Dramaturg angestellt werden, der sich durch seine Leistungen einen geachteten Namen gc- macht hat. Der Mann muß anständig bezahlt werden und darf nichts weiter zu thnn haben, als lvas eben näher ausgeführt ist. Aus den Kostenpunkt tau» es nicht ansomuten, da eS sich hier nur nichts weniger als n»r daS litterarische Leben der„Volksbühnen" handelt. I-a dours« on la. vie— es ist in solche» Fällen üblich, die Börse zu geben. Müssen d'e„Vo!"- bühnen" auf die hier geschilderte Thätigkeit verzichten, dann lind sie litterarisch tot, dann sinken sie zu ästhetischen Zirkel» der besseren Art, bei ungeschickter Leitung auch zu solchen der schlechtcrcix Art herab. Nun braucht man freilich auch einen ästhetischen Zirkel nicht � zu verachten, wenn Geist nnd guter Geschmack in ihm vertreten sindl- Ich meinerseits bin von dem Wert der„Volksbühnen" so überzeugt, daß ich sie am Leben halten möchte, selbst in der bescheidenen Form, von litternrischeii Zirkeln. Natürlich muß dann verlangt werden, daß die alten Stücke,' die gegeben iverden, Stücke von Wert sind. Ich weiß, daß keine Bühne jahraus nnd jahrein gute und nur gute Kunst bieten kann. Dann und wann muß leichte Unterhaltungswnre, muß geschickte Theater- mache mit unterlausen und ich Halte das für ganz und gar kein Unglück. Nur bin ich allerdings der unmaßgeblichen Meinung, daß die' guten Stücke überwiegen müssen, wenn anders nicht der letzte Nest von Existenzberechtigung- zum Teufel gehe» soll. Die Kritik wird je nachdem tolerant oder rücksichtslos sein müssen. Tolerant, wenn ein guter Nachmittag über zwei mittelmäßige himveghilft. Rücksichtslos, lvenn die mittelmäßigen Arbeiten einen ungebührlichen Raum einehmcn. Wie sie aber immer sein mag: immer wird sie die Sache der.Volksbühnen" vertreten, sei es auch unter Umständen gegen die Männer, in deren Händen diese Sache augenblicklich ruht. Wir haben bisher, nur die litterarische Seite der Dinge be- trachtet. Daß eine Volksbühne in Bezug auf die Darstellung mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wissen wir und haben es immer gebührend in Rechnung gesetzt. Es ist durchaus nicht notwendig, daß eine Borstellung immer glänzend sei, sie braucht nicht einmal gut zu sein, aber möglich niuh sie allerdings sein. Wir gründen keine Volksbühne, um das Publikum an eine Komödie zu gewöhnen, die schlechter ist als gar keine. Die»Freie Volksbühne" hat im Ost- end-Theater mit einen» ziisamniengestellten Ensemble Vorstellungen herausgebracht, die ausgezeichnet waren und selbst, Ivo sie das nicht waren, merkte man— im allgemeinen— Ernst und Eifer. Von» Lessing- Theater läßt sich dasselbe leider nicht immer bc- hauptcn. Hier ist ein eingespieltes Ensemble zu Haus und somit steigern wir unsre Ansprüche. Wir kennen das Lesfing- Theater zur Genüge und werden unS hütcit, große Dinge zu verlangen. Wir verlangen aber mindestens, allermindestens, daß an der Vorstellung gearbeitet worden ist. Sehe ich, daß man die Sache laufen läßt, wie sie eben kann, sehe ich, daß die Schauspieler sich unerlaubte Possen erlauben, dann werde ich rücksichtslos angreifen, und zwar werde ich um so rücksichtsloser und schärfer werden, je länger der unerträgliche Zu- stand dauert. Gcneralversannnlnngs- Diskussionen lassen niich völlig kühl. Sollte mein Appell an die Leitung, an Ncumann-Hofer, an die Schauspieler fruchtlos bleiben— nun, dann werde ich eben an die Arbeiter appellieren, die schließlich nicht dazu da find, sich verhöhnen zu lassen. Wir haben über allgemeine Dinge so ausführlich sprechen müssen, daß für die letzte Vorstellung kein Raum mehr bleibt. Es genügt auch völlig, wenn wir sagen, daß.Fritzchen",„Ab- schied vom Regiment" und„ A b s ch i e d s s o u p c r" auf- geführt wurden..Fritzchen" ist eins von den Stücken, das man imr im äußersten Notfall geben darf, aber es mag ja sein, daß dieser äußerste Rotfall vorlag. I» Hartlcbcns»Abschied vom Regiment" steckt schon bedeutend mehr dichterische Natur und SchmtzlerS. A b s ch i e d s s o u p e r" ist sogar eine kleine, feine unterhaltende Arbeit, über die man sich aufrichtig freuen kann. Die Darstellung war, alles in Betracht gezogen, im allgemeinen gut. Frau S ch n e i d e r- R i s s e n war sogar in glänzender Soubretten- laune und Frau H n ch m a nn-Z i p s er ergriff— tvic immer— durch die schlichte Echtheit ihrcS Spiels. Herrn Pfeils Major ist ja noch, vom Lessing-Theatcr her in guter Erinnerung.— Erich S ch l a i k j e r. Klvinvs Feuilleton» — Vo» der„Miinchcncr Maikur" plaudert Einer in der„M. ?likg. Z." also:...„Als mich am vergangenen Sonntag die herrliche FrühjahrSliift zu einem frühen Morgcnspaziergang ins Freie lockte und ich dabei kurz vor sieben Uhr das Platzt passierte, war ich nicht wenig erstaunt, vor den noch geschlossenen Pforten des Hofbrauhauscs eine dichtgedrängte Menschenmenge zu treffen. Ganz harmlos erkundigte ich mich bei einem der Harrende», was hier denn eigentlich los sei. DaS Ivar nun für eine» geborne» Münchener allerdings eine dumme Frage. Der gute Manu sah mich an— ungefähr so, wie man am jüngsten Tage einen längst Vcr- storbencn, der eben, um Lust zu schöpfen, sein Grab verlassen, an- sehen würde.—„Ja, wissen Sic denn nöt, daß um Siebene der Bock ang'stochcn tvird?" fragte er mich ganz niitlcidig. Wahrhaftig, au den Bock und seine beginnende Saison halte ich nicht gedacht.„lind da können Sie gleich nach dem Kaffee Bock trinken?" forschte ich weiter. Der Ge- fragte hielt sich den etwas umfangrcicken Bauch vvr-Lachen.«Kaffee —' dös war das richtige bei der Maikur! Nüchtern ein Glas Bock oder- zwei und a Büschcrl Monntsradi dazu— döS reinigt'S Bknat." Ich befand mich also unter lauter Kranke», die hier auf die Eröffnung dcS Gesundbrunnens wartete». Aeußerlich war ihnen ihr leidender Zustand keineswegs anzusehen, was ja bei Blut- krankheileu auch nicht immer der Fall zu sein braucht. Inzwischen öffneten sich die Hallen und die„leidende Menschheit" stürzte Hinein. Sofort begann die Knrmnsik ihre Weisen und alsbald brüllte Einer dem Andern„Guten Morgen, Herr Fischer" zu, als ob der Mensch überhaupt gar nicht anders als»Fischer" heißen könnte. Blntrcinignngsbediirftige muß es i» München eine Unzahl geben. denn die mächtigen Räume füllten sich in geradezu unglaublich kurzer Zeit. Ich begann zu zweifeln, ob München tvirklich die gesunde Stadt sei, als die man sie allgemein hinzustellen beliebt. Die Lentc mußten solch unreines Blut haben, daß es mit einem parlamentarischen Ausdruck gar nicht niehr zu bc- zeichnen ist. Immer neue Patienten strömten herein; fortgehen sah ich keinen Einzigen, obwohl doch die Meisten ihre„zwei Becher" schon getrunken haben konnten. Spater allerdings sah ich verschiedene, bei beneir die Kur bereits ihre Wirkung grthau. Sie schivebten nur so dahin, so leicht war ihr Blut geworden, wenn sie auch dabei die gerade Linie nicht mehr einhalten konnten. Am späten Nachmittag aber traf ich Einen, der sich einen Stuhl mitten auf das ehrwürdige„Platzl" gestellt und sich dort in halb Hypnotischem Zustand niedcrgelaffe» hatte. Mehrere mitleidige Weiber, die ihn begafften, meinten, es wäre doch gut, die Sanitätskolomie alannieren zu lassen. Da kam aber schon ein kleiner Herkules in Hemdärmcln, offenbar ei» Mitglied der Kur- Hansverwaltimg, und stellte seine Pcrsonalien fest, was zunächst darin bestand, daß er dem Betreffenden einfach den Stuhl wegzog. den darüber zu Boden Gefallenen alsdann mit einer Hand von der nngefähren Größe eines Heilmainischen Billenbauplatzcs in die Höhe hob, sein Portemonnaie visitierte und dann in einer Droschke weiter verfrachtete."—. Litterarisches. — An der Jahrhundertwende. Sammlung gemein» verständlicher Abhandlungen über die wissenschaftlichen, technisches, politischen und socialen Fortschritte im 19. Jahrhundert. Charlotten- bürg, 1900. Verlag von Otto Görke. Preis pro Heft 30 Pf.— Die Sammlung, von welcher das erste Heft vorliegt, will, tvie der Titel dieses Heftes noch besonders besagt tGeistige Umwälzungen im 19. Jahrhundert), die Wandlnngcn' aller wissenschaftlichen An- schanimgen sotvie des gesamten politischen und socialen Lebens, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts vollzogen haben, in einer Reihe von Monographien(einzelnen kleine» Heften) zur Darstellung bringen. So werden Hcftchcn über den Darwinismus, über die Elektrotechnik Und die chemischen Industrien, über die Entwicklung der Astronomie, ferner über die sociale Gesetzgebung, über die Gewerkschaftsbewegung, über die Geschichte der politischen Parteien, über die Frauenfrage u. a. angekündigt. Die Namen der Mitarbeiter: Wilh. Bölsche(Darwinis- müs) Dr. Borchardt(Astronomie), Dr. Freudenberg(Volksgcsundhcit), Paul Hirsch(sociale Gesetzgebung), Dr. Otto Liebknecht(chemische Industrien), Dr. Lux-(Elektrotechnik) u.a. bürgen wohl dafür, daß die Ausführung des Plans eine gute sein wird und die Sammlung ein klares und anschauliches Bild der Leistungen des vergangenen Jahr- Hunderts auf allen Gebieten der menschlichen Thätigkeit geben wird. Das vorliegende erste Heftchc», welches von Dr. Bruno Borchardt verfaßt ist, soll eine Einleitung zur ganzen Sammlung darstellen; deshalb enthält es keine Monographie(Einzeldarstellung) eines be- stimmten Gegenstands, sondern giebt in kurzen llmriffcu einen Uebcr- blick über einige der wesentlichsten Fortschritte. Auf 61 kleinen Seite»— dies ist der Umfang jedes Heftcheus— können natürlich nicht sämtliche Seiten des Kulturlebens abgehandelt werden; es mußte daher eine Austvahl getroffen werden, die den Fähigkeiten des Dar» stellers entsprechend das naturwissenschaftliche Gebiet hcranshov. In an- regender Weise tvird die Umgestaltung des astronomischen Weltbilds, die Spektralanalyse, die Erforschung der Erde geschildert; es folgt ein Kapitel über die Entwicklungslehre, ferner über die Dampf- Maschine, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, sowie eine Dar- stellnng der wichtigsten Fortschritte auf dem Gebiet der Elektricität. Der Inhalt der 64 Seite» ist, wie man sieht, reichhaltig, wenn auch keinesivegs erschöpfend; eine erschöpfende Darstellung, namentlich auch der Entwicklung des politischen nnd ivirtschaftlichcn Lebens, tvird eben erst die ganze Sammlung geben können. Das erste Heft deutet durch seine' Reichhaltigkeit darauf hin; im letzten Kapitel: Einwirkung der technischen Entwicklung auf die allgemeinen Kultur- Verhältnisse wird auch diescS Gebiet noch in aller Kurze gestreift.— Theater. Berliner Theater. Berlin bei Nacht. Possein 3 Akten von K a l i s ch. Die Bühne in der Charlotteustraße kann glücklichcriveise wieder mitgerechnet werden. Lindau hat sie in ver- hältniSmäßig kurzer Zeit wieder zu Geltung gebracht. WaS hier ausgesprochen wurde, bevor er noch seine Direktion antrat, ist ein- getroffen: er ist in der That ein guter Direktor geworden. Daß er iitterarischc Kennwisse und Bühnenroutine besaß, war von vorn- herein klar. Immer mehr aber zeigt es sich, daß er auch eine bestimmte Absicht und einen bestimmten Willen mitgebracht hat. Die Aufführungen von„Auiphytrion",„Libnssa" und ganz be- sonders von„lieber unsre Kraft" waren in jedem Betracht verdienst» voll. Daß Lindau nun eine alte Posse ans den vierziger Jahren ausgrub, ivar zum mindesten ein interessantes Experiment, daS nebenher einen amüsanten Abend ergab. Wir gehören keineswegs zu denen, die etwas für gut halten, wen» es nur alt ist. Im Publikum schien nian nicht übel Lust zu habe», die.ausgegrabenen Possen" zu einer Art von Mode werden zu lassen. Man schwärmte- sür alte Possen, tvie man sonst ettva für alte Schränke schwärmt. Man fand„interessant", WaS man entschieden weniger schmeichelhaft beurteilt hätte, wenn ein neuerer Schriftsteller der Urheber gewesen wäre. Kalisch war wenigstens für einen Abend Mode geivorden, wie ja so oft alte Moden wieder auferstehen. Damit Ivar Kalisch imn aber ganz und gar kein andrer geworden. Die roniantische Sentimentalität, die plötzlich von diesem„erwachten Toten" zu schwärmen begann, wie von einer untergegangenen schöneren Zeit, war nicht inmier echt, und wo sie echt war, war sie thöricht,„Berlin bei Nacht" ist eine Posse, schlecht und recht eine Posse, weiter nichts. Nur daß� sie cincn witzigen Manu zum Verfasser hat, während heute die witzigen Leute unter den Posseudichtern ausgestorben sind. Durch die vielen politischen Anspielungen erhält zudem die Arbeit einen Hintergrund, der den modernen Possen und modernen Schwänken durchaus fehlt. Erfrischend und versöhnend wirkt auch die Berliner Lokalfarbc. Der Mensch verzeiht gern n bißchen Unsinn, wenn in dem Unsinn nur ein bißchen von seinem eignen Wesen steckt. Dann aber ist auch die Lokal- färbe eine Art von ästhetischer-Bescheidenheit, die sehr wohlthnend wirkt. Der Autor beschränkt sich gewissermaßen, schafft sich ein Special- gebiet, das mit dem allgemeinen Gebiet der Kunst nicht verglichen iverdcn kann und nicht verglichen werden will. Sobald eS geschieht. fällt die ganze Herrlichkeit zusammen, und leider geschah es gegen Schlich des Abends bou der Buhne herunter. Die sieben Herren. die sich Uerciiiitsi hatten, um Kalisch in modernen Coupletstrophen zu huldigen, tvaren samt und sonders von einer geradezu ver- blüffenden Taleutlosigkeit. Einer unter ihnen ivar aber nebenher auch noch taktlos und„huldigte" Kalisch. indem er Ibsen eins auswischte. Natürlich schlug dainit sofort die Sache ins Kindische u»i. Verglichen mit dem grandiosen Humor JHsens, ivie er sich bcispielstveise in der„Wildente" offenbart, ist Kalisch eben doch mir ein gewöhnlicher Possenreiher, der auf dem Jahnnarkt die Gaffer belustigt. Gespielt wurde im allgcnicincn flott und sicher. Am meisten Humor hatten Frau W c n ck und Frau Schneider-Nissen zur Verfügung. B a s s c r m a n n war das Opfer eines ganz netten Dircktionswitzes geworden. Er muhte die„Bassermann'sche Gestalt" spiele», die in dem Stück vorkommt.— E. S. Nene Freie Volksbühne. Bei dem Fortschreite» der Modeniität in der schanspielerischen Kunst wird es imiiier interessauter, zu sehen, Ivie mit der Darstellung zeitgenössischer Produktionen auch die Darstellmig solcher älterer Stücke sich ändert, über die unser Ge- schmack wenigstcils im grohen Ganzen hinausgewachsen ist. Ein der- artiges Stück sind„Die R a n tz a u das elsässische Äraftbaucrn- Drama von Erckmann n. Chatrian. Wie neulich den„Freund Fritz" derselbe» Autoren, so hat am vergangenen Sonntag im Thalia- Theater die„Neue F r e i e' V o l k s b ü h n e" auch dieses Wert aufgeführt, nachdem es bereits vor längerer Zeit— wie ich höre, nicht eben gut— gebracht worden war. Das Esfektartige, Nührsclige und zn», Teil Salbungsvolle des Stücks ist der gegenwärtigen Bühnenstiminuug gänzlich entgegengesetzt, und man kann de» Darstellern nur alle Ächtung zollen, däh sie käst nie der Versuchung erlegen sind, sich in Effekt usw. zu stürzen. Neben jenen künstlichen Bestandteilen besitzt daS Stück gcmig des Natürlichen, dah die Schauspieler darin ihr Bestes geben konnten, wenn auch noch manches„Spielen ins Publikum", manches nicht ganz intime Monologisieren übrig blieb. Die be- häbige Breite des Stücks, zumal in der Expositron, traf mit einer specifisch modernen Gegcnwartstendenz zusammen: mit dem Streben nach einer KuSspinnung dcS Milieus und nach einer dem natürlichen Leben ähnlichen Langsamkeit, nach einem„Sich Zeit lasten" in der Aufführung i es scheint aber doch, dah trotz der nottvendigen Stück- ficht auf die bäuerliche Schwerfälligkeit, die einen Gnindton des Werkes bildet, an manchen Steilen ei» flotteres Tempo ge- nommen werden konnte. Run läht sich, bei dem Gedanken an die Schwierigkeit einer solchen Aufführung mit zusammen- geholten,, gar incht auf einander eingespieltem Personal, und insbesondere an die wahrscheinlich geringe Zahl der bei diesen Gelegenheiten möglichen Proben, die Gesamtleistung als so auher- ordentlich gut bezeichnen, dah sie auch unter günstigeren Umständen Ehre gemacht hätte. Herr Regisseur M o e st, dessen Eifer vermutlich auch'an dem jetzigen Aufschwung dieses Bühnenvcrcins sein gutes Teil hat. scheint bereits durch eine kluge Auswahl der mitwirkenden Kräfte das richtige getrosten zu haben und hat jedenfalls durch das Zusammenstimmen der ver- schiedenen Elemente eine echt künstlerische Leistung geliefert, die durch einige mihverständliche Kleinigkeiten in der Beleuchtungstechnik lanni gestört wurde. ES soll keine Herabsetzung der Einzelverdieiifte aller Mitwirkenden sein, wenn wir uns auf die Hervorhebung von Frl. Marie H o l g e r s in der Rolle der Rmitzau-Tochter Luise beschränke». Sie bot eine ganz eigene Auffassung dar, die keines- weg? als die einzig mögliche gelten dürfte und gewih auch einer Diskussion ausgesetzt ist. jedoch durch ihre Einheitlichkeit und individuelle Eigenheit in sich völlig gerechtfertigt dasteht. Der Typus der znriickgehältcncn Leidenschaft', der tiefinucrlichcn Wännc bei äuherlichcr Kälte und bei einem Anschein von Tcmpcramentlofigkeit. der im ersten Akt durch das Aufbewahren der Steigerung beinahe ermüdend wirkte, ist selten in so vornehmer künstlerischer Weise und mit einen, so sicheren sprachtechnischcn und munischcn Kömien dar- gestellt worden.— d. s. Kunst. — hl. Die Grohe Berliner Kunstausstellung, die am Sonnabend unter den üblichen Formalitäten eröffnet worden ist. zeigt, soweit sich dies nach einem ersten flüchtigen Ucberblick erkennen läht, eine» Fortschritt gegenüber der vorjährigen. Betritt man sie zwar vom Hauptportal aus und geht durch die mittleren Hauptsäle, so empfängt man einen genau so trostlosen Eindruck wie im Vor- jähr. Es sind im allgemeinen dieselben Maler, denen man begegnet, und es sind, fast möchte man sagen, die- selben Bilder von ihnen; die kleinen llnterschiede von den vorjährigen find nicht so leicht zu behalte». Aber schon in. einem der weiter zurückliegenden Mittelsäle hat man eine Anzahl von Franzosen untergebracht, in ihrer Art etwa eine Mischung aus den beiden Kunstansstellnngen, die im Winter gleich- zeitig bei Schulte und in der Akademie zn sehen waren. Und wenn man dann die Ncbensäle aufsucht, so findet nian in den Ecken ver- streut doch manches gute Bild in den kleinen Sammlungen. die von den Ausländern beigesteuert lourden. ES ist sehr erfreulich und von der AusstcllungsleiMng klug gehandelt, dah das Ausland diesmal bedeutend stärker herangezogen wurde als es in dm letzten Jahren der Fall war; so wurde der Ausstellung Verantivorilicoe: Reoacrrur: Paul John in Berlik ein bedeutend gröhereS Jntereste gesichert. Namentlich die Säle der Skandinavier, der Dänen und Schweden, enthalten eine ganze Reihe von Arbeiten, die eine genauere Betrachtung fordern. Von Paulsen. Ancher, Hammershöj, Pedersen und Johansen auS Kopen- Hagen, von Ankarcrona aus Stockholm fallen gute Bilder auf. Die Holländer und Belgier sind in der üblichen Art auch diesmal vertreten. Durch Kollektiv- Ausstellungen wurden Oswald Achenbach, Eugen Bracht, Hugo Vogel. Paul Vorgang, von deu Ausländern Emile W auters und Gari Melchcrs miter den Malern, Gustav Eberlein unter den Bild- Hauern ausgezeichnet. Der aus der Secession ausgeschiedene Ludwig D e t t ui a n n stellt in dem ersten Hauptsaal die vier grohen Wand- bildcr aus, die für das neue Rathaus in Altona bestimmt sind. Sehr schwach ist wieder im allgemeinen die Plastik. Die kmistgc werbliche Ausstellung ist noch nicht fertig; zu der auch in dicsenr Jahre wieder mit der Grohen Berliner Kunst- ausstcllung verbundenen Ausstellung des„Verbands deutscher I l l n st r a t o r e n" hat sich eine interessante.Sonderausstellung der Freie» Vereinigung der Graphiker' gesellt. Die Bau- kunst ist nur in wenige» Entwürfen vertreten. Besondere Er- wähnung verdient die Notiz in, Katalog, dah die Niisstellung vom Juni ab jeden zweiten und letzten Sonntag im Monat statt der im nllgeinciiie» üblichen 50 Pf. nur 25 Pf. Eintrittsgeld er- hebt.— Völkerkunde. — In der letzten Sitzung des Vereins für Völkerkunde sprach Dr. H u t h über die Volksdichtung der Jenissei« T u n g u s e n. Die.Vossische Zeitung" berichtet über den Vortrag: Im Soiiimer 1897 hat Vortragender dieses Volk, das früher«ine grohe Rolle spielte und fast ganz Ostafien cinschlichlich der Mandschurei beherrschte, in seinen Wohnstätten im Fluhgebiet der Angara, einem Nebcnflnh des Jenissei, aufgesucht, um seine Sprache keimen zn lernen und niit Hilfe dieser tungufische Inschriften sowohl, wie timgusische Dichtung z» studieren. Es war das auherordentlich mühsam und schwierig, weil die Leute, unfähig, die Absichten des Forschers zn be- greifen,' auf seine Fragen immer nur ausweichende Antworten gaben. So lange er in den benachbarten Goldwäsche» wohnte und Tungnsen zu sich herüberkonmien lieh, machte er kaum irgend welche Fort- schritte, eist als er sich entschloh. mit de» Leuten selbst in ihren Zelten zusammen zu leben, kani er einigerniaheu vorwärts. Räch einer Schilderung dieser Verhältnisse gab Vortragender einige Proben der tungusischen Volksdichtung,' die zugleich interessante Aufschlüsse über die Anschauungen und Sitten des Volks liefern. Was die Form betrifft, so sind die Vcrszeilen der Gedichte alliterierend und die einzelnen Strophe» zeigen einen gewissen Parallelismus. In der Redeweise tritt oft ein Wechsel der Person ei», als wen» sich etwa Chorgesang und Sologesang ablösten. Ein solches Lied behandelt die Vorwurfe, die ein Bater seiner mihratcucn Tochter macht. Die Entrüstung des Vaters über den Fehltritt des Mädchens scheint indeh wesentlich dadurch hervor- gerufen zu sein, dah den Elten« nun der Brautpreis entgeht, den der Bräutigam bei gehörigen, Verlauf der Bewerbung zahlen mühte. Bei den am Baikalsee wohnenden Tiuiguscn herrschen nach dein Inhalte entsprechender Lieder strengere Ehrbegriffe und weniger materielle Anschaumigen. Sehr hübsch und stimmmigsvöll ist die Klage eines verwaisten Mädchens, eigenartig ei» Gedicht, das Bortragender als Bruchstück eines grvheren Heldenliedes aussaht. Die Jcniffci-Tungnsen gehören äuherlich meist der griechisch-katholischen Kirche an. innerlich aber noch inuncr dem Schamanisnms. Ihre Aerzte, die Schamanen, gleichen ganz den Medizininämieni der Indianer. Sie kurieren mit Zauberformel», und gewöhnlich besteht die Krankcnbehandlung darin, dah man den Dämon, der vermeintlich im Körper des Kranke» seinen Ausenthalt gcnounucu hat, durch Be- schwörungeu und allerlei Hokuspokus zu veranlassen sucht, den Körper zu verlassen und in einen ander» Gegenstand, den man ihm als Lockspeise bietet, zu fahren. Dieser Gegen- stand wird dann vernichtet. Dasselbe Verfahren üben ja auch andre Naturvölker. Auf den niedrigsten Vilduiigsstufcii dient als Lockspeise gewöhnlich ein lebendiges Tier, auf vorgeschritteneren er- setzt mau das Tier durch eine aus Baumriude oder sonstwie her- gestellte Ticrgestalt. Die Vcruichtnng dieses Gegenstandes(die Dakota-Jndianer zcrschiehen die Tiersigurens braucht aber nicht als Versuch betrachtet zu werden, den Dämon selbst zu töten— dazu haben die Leute wohl zu grohe Furcht vor ihm—. soudcm als ein Opfer, das sie ihm darbriugeu, um ihn zn vcrsöhuen.— Humoristisches. — Eine empfindliche Kreatur. Menagerie« b c s i tz e r(zu seinem Knecht):„Haniics. führ' rasch da»„Zebra" in den Stall, es fängt an zu regnen!"— — An der Flnhbrücke. Brücke«wärt er: Sie dal erst Brückengeld zahle»— kost't fünf Pfennige. R e i s e u d e r:.Ach, sein Se nian gemütlich, ick habe keen Geld, lassen Se mir doch so passiren." Brücken warter:.Nee. nee, wenn Sie die fünf Pfennige «ich haben, komme» Sie nich rüber, �»ich für ne Million I"— _(.Luft. Bl.") . Druck unv Berta» von Max Badtug m Berlin.