Hlnterhaltungsblatl des Vorwärts Nr. 91. Freitag, den 11. Mai. 1990 (Nachdruck verböte».) 3lZ Aufovstckzung. Roman von Leo T o l st o j. Nechljndow kannte Maslennikow schon lange, vom Militär her. Maslennikow war damals Zahlmeister beim Regiment gewesen. Er war der gutmütigste, pünktlichste Offizier, der nichts von der Welt kannte und nichts von ihr kennen wollte, außer dem Regiment. Jetzt traf Nechljudow ihn als Administrator, der das Regiment verlassen hatte, und als Mitglied der Gouvernemcntsverwaltung. Er war nnt einer reichen imd unternehmenden Frau verheiratet, die ihn auch genötigt hatte, aus dein Militärdienst in den Staatsdienst zu treten. Sie lachte über ihn und streichelte ihn wie ein gezähmtes Tier. Nechljudow war vergangenen Winter einmal bei ihnen gewesen, aber das Paar war ihm so wenig interessant er- schienen, daß er nachher nie wieder zu ihnen ging. Maslennikow strahlte vor Freude, als er Nechljudow er- blickte. Er hatte noch eben dasselbe fette, rote Gesicht, dieselbe Korpulenz und dieselbe schöne Kleidung tvie zur Militärzeit. Damals hatte der stets saubere Waffen- oder Gehrock seine Schultern und seine Brust alleinal nach der neuesten Mode umschlossen; jetzt war es eine nach der neuesten Mode zu- geschnittene Beanitcnunifonn. die ebenso seinen satteuKörper um- schloß und seine breite Brust hervortreten ließ. Er trug eine Jnterimsunisorm. Trotz des Unterschiedes im Alter(Mas- lcumkow war gegen vierzig) standen sie auf den: Duzfuße. „Na sieh, besten Dank, daß Du gckonimen bist. Laß uns zu meiner Frau gehen. Ich habe gerade wie abgepaßt zehn Minuten freie Zeit vor einer Sitzung. Der Chef ist aus- gefahmr. Ich verwalte das Gouvernement," sagte er mit Genugthuung, die er nicht verbergen konnte. „Ich komme in Berufsangelegenheiten zu Dir." »Was denn?" sagte Maslennikow behutsam, in zugleich erschrecktem und etwas strengem Ton. „Im Gefängnis ist eine Person, für die ich mich sehr interessiere(beim Wort„Gefängnis" wurde MaSlennikows Miene noch strenger), und ich möchte mit ihr nicht in Gesell- schaft, sondern im Bureau, und nicht nur an den festgesetzten Tagen, sondern häufiger zusammentreffen. Man hat mir ge- sagt, daß das von Dir abhängt." „Versteht sich, mein Lieber ich bin bereit, alles für Dich zu thun," sagte Masleirnikow und berührte mit beiden Händen seine Knie, als wünsche er feine Große zu mildern— „das ginge wohl, aber stehst Du, ich bin nur Kalif' für eine Stunde." „Also kannst Du mir einen Schein geben, daß ich sie sehen kann?" „Ist es ein Weib?" '.'.Weshalb sitzt sie?" „Wegen einer Vergiftung. Aber sie ist unschuldig ver- urteilt." „Ein schönes Urteil; sie machen sie alle nicht besser," sagte er aus irgend einem Grunde auf französisch.„Ich weiß, Du stimmst mit mir nicht überein. aber was soll ich machen, es ist nieine innerste Ueberzeugung." fügte er hinzu und sprach eine Ausicht aus, die er in verschiedener Form im Laufe dieses Jahres in einer rückschrittlichen, konservativen Zeitung gelesen hatte.„Ich weiß. Du bist liberal." „Ich weiß nicht, ob ich liberal oder etwas andres bin," sagte Nechljudow lächelnd und wunderte sich wieder darüber, daß alle Welt ihn zu einer Partei rechnete und ihn deshalb liberal nannte, weil er beim Urteil über einen Menschen sagte, man müsse ihn vorher anhören: vor dem Gericht seien alle Leute gleich, man dürfe überhaupt keine Menschen quälen und schlagen, besonders nicht solche, die nicht verurteilt toären.„Ich weiß nicht, ob ich liberal bin oder nicht, ich weiß nur. daß die jetzigen Gerichte bei all' ihrer Unvoll- kommeuheit doch besser als die früheren sind." „Welchen Advokaten hast Du denn gcnonnneu?" „Ich habe mich an Fanarin gewandt." „Ach, Fanarin!" sagte Maslennikow stirnrunzelnd ihm fiel ein, wie dieser Fanarin ihn im vergangenen Jahre vor Gericht als Zeugen vernomnien und mit ausgesuchter Höflich- keit eine halbe Stunde lang zum besten gehabt hatte. „Ich möchte Dir raten. Dich nicht mit ihm einzulassen. Fanarin ist ein anrüchiger Mensch," sagte Maslennikow auf französisch. „Und außerdem habe ich noch eine Bitte an Dich," meinte Nechljudow. ohne hieraus zu antworten.„Ich kenne schon lange ein Mädchen, eine Lehrerin, ein sehr bedauernswertes Wesen; sie ist jetzt ebenfalls im Gefängnis und wünscht mich zu sehen. Kannst Du mir Zugang zu ihr verschaffen?" Maslennikow neigte den Kopf etwas auf die Seite und dachte nach. „Es ist eine politische Gefangene?" „Ja, so hat man mir gesagt." „Siehst Du, eine Zusammenkunft mit Politischen wird nur den Verwandten gewährt; aber ich will Dir einen überall gültigen Einlaßschein ausstellen. Ich weiß, Du wirst keinen Mißbrauch damit treiben.. „Wie heißt sie denn. Deine Schutzbefohlene?.,. Bogo- duchowskaja? Ist sie hübsch?" „Abschreckend häßlich." Maslennikow schüttelte mißbilligend den Kopf, trat an den Tisch und schrieb mit fester Hand auf einen Bogen mit gedruckter Ueberschrift:„Ueberbringer dieses, Fürst Dimitri Jwanowitsch Nechljudow, hat Erlaubnis, im Gefängnis- bureau die inhaftierte Kleinbürgerin Maslowa und des» gleichen die Heilgehilfin Bogoduchowska zu besuchen"; das schrieb er zu Ende und niachte einen weitläufigen Schwung. „Du wirst sehen, tvie es da zugeht. Ordnung zu halten ist sehr schwer, weil alles überfüllt ist, namentlich mit Trans- portgefangenen; aber ich gebe trotzdem wohl acht und liebe diese Thätigkeit. Du wirst sehen, sie fühlen sich dort sehr wohl und sind zufrieden. Man muß nur mit ihnen umzu- gehen wissen. Da»var neulich ein unangenehmer Vorfall, eine Insubordination. Ein andrer hätte es als eine Revolte betrachtet und viele unglücklich gemacht. Bei uns ist alles sehr glatt verlaufen. Nötig ist auf der einen Seite Fürsorge, cmf der andern— starke Macht," sagte er und ballte die auS der weißen gestärkten Manschette mit goldnem Knopf hervor- ragende weiße, seifte Faust mit einein Türkisring zusammen; „Fürsorge und starke Macht." „Nun, das kenne ich nicht," sagte Nechljudow,„ich war zweinial dort, und da war mir schrecklich schwer zu Mute." „Weißt Du was? Du mußt Dich mit der Gräfin Paszck zusammenthun," fuhr der redselige Maslennikow fort:„die geht in dieser Thätigkeit ganz auf. Sie thut viel Gutes. Dank ihr und vielleicht mir— sage ich ohne falsche Bescheidenheit— ist es gelungen, alles zu ändern, und zwar so zu ändern, daß nicht mehr solch schreckliche Zustände Herr- schen, wie früher, und man sich dort geradezu sehr wohl fühlt. Das wirst Du sehen. Ja, und Fanarin. Ich kenne ihn persönlich nicht, aber infolge meiner gesellschaftlichen Stellung gehen uns» Wege nicht zusammen; er ist bestimmt ein schlechter Mensch und erlaubt sich dabei, vor Gericht Dinge zu sagen, Dinge!..." „Nun. sei bedankt." sagte Nechljudow, nachdem er den Schein in Empfang genommen, und verabschiedete sich von seinem stüheren Kameraden, ohne ihn zu Ende gehört zu haben. „Aber willst Du nicht zu meiner Frau?" „Nein, entschuldige mich, ich habe jetzt keine Zeit." „Wieso? sie verzeiht es mir nicht," sagte Maslennikow und begleitete den einstigen Kameraden bis zum ersten Treppenabsatz, soweit wie er Leute nicht von prima, sondern sekunda Wichtigkeit, zu denen er Nechljudow rechnete, zu be- gleite» pflegte.„Nein bitte, komm doch aus eine Minute hinein." Aber Nechljudow blieb fest, und während ein Diener und der Portier an Nechlsiidow herantraten und ihm Paletot und Stock reichten und die Thür öffneten, an deren Außenseite eine Schildwache stand, sagte er, er könne jetzt nicht. „Nlln, dann bitte Donnerstag; das ist ihr Empsangstaz. Ich werde ihr Bescheid sagen l"' ics Maslennikow ihm von der Treppe nach. Neunundvierzigstes Kapitel. An demselben Tage fuhr Nechljudow direkt von Mas- lennikow ins Gefängnis und begab sich in die ihm bereits bekannte Wohnung des Inspektors. Wieder ertönten wie damals' dieselben Klänge eines mätzigen Klaviers, aber jetzt wurde nicht die Rhapsodie, sondern Etüden von Clementi, ebenfalls mit ungewöhnlicher Kraft, Genauigkeit und Schnelligkeit, ge- spielt. Das öffnende Dienstmädchen mit dem verbundenen Auge sagte, der Herr Hauptmann sei zu Hause, und führte Nechljudow in ein kleines Besuchszimmer mit eineni Diwan, Tisch und einer Lampe, die auf einem wollenen gehäkelten Bricken stand und durch einen rosenroten, auf einer Seite angebrannten Papierschirm geschützt war. Es erschien der Hanptinspektor mit dem abgehärmten, kummervollen Gesicht. „Bitte gehorsamst, was ist Ihnen gefällig?" sagte er und knöpfte den mitleren Knopf seiner Uniforni zu. Ich war beim Vizegouverneur und hier ist der Erlaubnis- schein." sagte Nechljudow und reichte das Papier hin.„Ich möchte die Maslowa sehen." „Die Markowa?" fragte der Inspektor nach, da er in- folge der Musik nicht recht verstanden hatte. „Die Maslowa." „Gewitz, gewitzt" Der Inspektors stand auf und trat zur Thür, aus der die Läufe von Clementi ertönten. „Marusja, halte doch ein wenig auf," sagte er in einem Ton, aus dem man erkennen konnte, datz diese Musik das 5kreuz und Leiden seines Lebens bildete, man kann gar nichts hören." Das Klavier verstumnite, man vernahm unwillige Schritte. und jemand guckte in die Thür. Der Inspektor fühlte gleichsam eine Erleichterung von diesem Aussetzen der Musik, zündete sich eine dicke Cigarette von leichtem Tabak an, und bot auch Nechljudow eine an. Nechljudow lehnte ab. „Die Maslowa..." „Die Maslowa können Sie heute schlecht sehen," sagte der Inspektor. „Weshalb?" „Ja, sehen Sie. Sie sind selbst schuld daran," sagte der Inspektor mit leichtem Lächeln.„Fürst, geben Sie ihr nicht direkt Geld. Wenn Sie wollen, geben Sie es mir. Es soll alles ihr Eigentum sein. Aber so haben Sie ihr gestern sicher Geld gegeben, sie hat sich Branntwein verschafft— das Uebel lätzt sich auf kciue Weise ausrotten— und sich heute betrunken— vollständig, so datz sie einfach wild ist." „Wahrhaftig?" „Ja ja, ich mußte sogar strenge Maßregeln anwenden, sie in eine andre Zelle überführen. Sie ist ein folgsames Weib, aber geben Sie ihr, bitte, kein Geld. Die Leute sind nun einmal so." Nechljudow erinnerte sich lebhaft an das gestrige Gespräch, und ihm wurde wieder schrecklich zu Mute. lFortsetzung folgt.) Vers ÄAienev Volksthenkev. („Die Krcuzclfchreibcr.") Zunächst: Willlominen in Berlin! Nachdem wir uns an italienischen Virtuosen übernommen haben, ist es eine ivahre Er- tfliicknng. endlich einmal Gäste bei uns z» sehen, die die Sprache unsrer Seele reden. Wir freuen uns über die Wiener, wie die Wiener sich jedenfalls umgekehrt auch über Brahms Ensemble freuen werden. Ein regelmäßiger künstlerischer Verkehr zwischen den beiden ent- scheidenden' Theaterstädten kann nur gute Früchte tragen und kann— vom Aesthetischcn ganz abgesehen— auch sonst manches biete», das der Erwähnung wert ist. Dem kühlen norddeutschen Tempera- mcnt kann es nur' dienlich sein, wenn es sich dann und wann mit der leichteren Art des Südens berührt und auch dem Süden schadet es an» Ende nicht,»venu er einmal den strengeren Wind des Nordens kennen lernt. Daß die Wiener als Regisseur M a r t i n e l I i— den Freund Anzcngrubcrs— mitbringen, ist ein Nebenumstand, für den»vir ganz besonders dankbar sind. Der erste Abend brachte Airzcngrubers„Kreuzelschrcibcr"»md er hätte gar nichts Besseres bringen können: Es soll schiver halten, «ine Dichtung zu finden, in der mehr Heiterkeit und zugleich mehr Tiefe des Lebens bei einander ruhen, als in dieser sonnigen, strahlenden Baucrnkomödie. Mit Gesang und lustigen Spottversen fängt es an. Junge Burschen und alte Bauern sitzen am Sonntag in der' Schenke beisammen und freuen sich des Weins und der lustigen Welt. Eine gewisse Sensation verursacht es, als der Großbauer unter sie tritt;' denn ein Main» von seiner Bedeutung kommt um nichts Geringes. In der That handelt es sich auch um etlvas, das einen stockkonscrvativcu Bartern wohl in Harnisch bringen kann—«lU dkfi Glqube»., Das»ene. Unfehlbarkeitsdogma, ist es, gegen das der Bauer»md sein Dorf rebellieren. Eine Petition ist auf- gesetzt, die denUuwillen zum Ausdnick bringen soll, und diese Petitton »vird nun zur Unterschrift ausgelegt. Wer seinen Namen nicht schreiben ka,»»(und das können die>vei»igsten), macht drei Kreuze»md gehört dadurch ii»it zur Berschlvörung,' zur Verschlvönmg der„K r e u z e l- schreibe»". Die»»eisten A»wesei»den unterschreiben. Nur der „Stcinklopferhans" will nicht und zivar hat er für seine Weigerung ganz ketzerische Gründe. Ob der Herrgott oder der Satan die Welt regiert, ist für ihn insofen» gleichgültig, als er in beiden Fällen Steine klopfen müßte. Wenn der Großbauer— meint er— bisher„das ganze Pfund" Dogmen geglaubt hat, kann er die paar Lot, die nuil'hinznlommen sollen, auch glauben. Er»nöchte eine ganz andre Petition unterschreibe»». Wenn der Großbauer belvirken könnte, daß ans der Landstraße alle Gesilhter frei und heiter seien— dann würde auch er seine drei Kreuzel unter das Schriftstück setzen. Oder»oeim dafür gesorgt»verde»» könnte, daß die Neichen die Stenerznschläge»licht immer auf die Anneil abschöbe»». Oder Ivcnn sonst etlvas geschehen könnte, das die Menschen»nenschlich deglückt. Um den Glauben streitet sich der Steinklopferhans nicht, ans den» emfachen Grunde, weil er selbst gar leinen Glauben besitzt. Wciligstens ist sein Glauben von ganz airdrcr Art, als der Glaube der Priester. Sein Glaube ist aus Soirnenschein und blauer Luft und irdischer Schönheit gc- Ivoben. Als„Gemeindekind" hat er cme harte Jugend hinter sich. Man hat ihn getreten und gestoßen, verachtet und versäumt. Er »var unzufrieden, vergrämt und er hatte auch Grund dazu. Dann aber»st es eine's Tages wie eine„Offenbarnng" über ihn gekommen. Als er Steiuklopfcr wurde und tagelang inmitten der berauschenden Natur saß, gcivann er die Heiterkeit seiner Seele Iviedcr. Die Heiterkeit seiner Seele, die eine große Seele ist, lveni» sie auch nur in einem bescheidenen Stcinklopfer steckt. Er fühlte an einen» schönen Tage, daß er mit der ganzen Natur eins sei. Er ge- hörte zu ihr und sie gehörte zu ihn». Er lebte unterm» blauen Himmel und der blaue Himmel lebt; in ihm. Er konnte nicht verloren gehen, so»vcnig wie in» Kreislauf der Dinge auch nur ein Stanblon» verloren geht. Alles»vürde einmal Iviederkonnncn. Alles»vürde er so schauen,»vie er es heute schaute. Juchhei! Er »var ein nuverlierbares Teilchen der schönen Natur! Wie Schuppen fiel es ihm von den Auge» und er sah, daß die Welt eine lustige Welt»var. Mit dem Gran» und der Unzufriedenheit»var es aus seit jenem Tag. Dcr Hinnor brach durch und erleuchtete sein Gemüt »vie eine Sonne. Ans dem verachteten„Gcmcindckind" lvnrde ein Philosoph der Landstraße, der gern einen Schoppen trank und immer ei» Schclmstück in Bereitschaft hatte. Das also ist der Steinklopferhans, der seine drei Kreuzel nicht unter das Schriftstück des Großbauern setzen»volltc. ES zeigt sich bald, daß er i» jeden» Betracht der Klügere»vor. Die Priester stecken sich näinliÄ hinter die Weiber und hetzen sie gegen die rebellischen Männer auf. Sie erteilen ihnen keine Absolution,»venu nickit die Männer ihre Unterschrift znnickiichincii und überdies— als Buße— eine Wallfahrt nach Ron» antrete»». Die Dörfer Halle»» bald von den Klage» der unglücklichen Männer»vicdcr. Die Weiber habe» nämlich ein Rtittel in Händen, das auf die Dauer sehr uuangcnchn»»virkt. Sie geben die fatale Losung ans„Auf den Heuboden oder iiäch Rom" Mit den ehelichen Freuden ist es aus für die„Kreuzel- schreiber". Die ländliche»» Schönen sind unerbittlich und selbst die älteren Jahrgänge, die der Heuboden aus bcstiinintcn Gründen nicht mehr geniert,»verde»» einpfiudlich getroffen. Der alte Brenninger beispielsiveise— eine der tiefsten Gestalte»» des Stücks—' kann sich in die»icne Ordnung der Dinge nicht mehr hineinfinden. Fünfzig Jahre hat er mit seiner Alten in einen» Zimmer geschlafen. Seit vielen, vielen Jahren ist er gcivöhnt, ihr in der Nacht einige Male Brustthee zu reichen. Er ist das gcivöhnt und kaNnS nicht mehr entbehren. Er»vill und muß„seine Ordnuiig" haben und»vie er sie nicht mehr bekonrmt, geht er hin und macht der Sache ein Ende, indem er seinem Leben ein Ende»nacht. Hier klingt ein er- greifender tragischer Toi» in die Dichtung. Hier schivindet auf ciucn Augenblick der Hlnnor und die Priestertymniiei— die den großen Hintergrund der Komödie bildet— fordert grausam ein Menschen- opfer. Den übrigen Kreuzelschreibern geht es' nicht ganz so schlimm, nachdcn» sie den Steinklopferhans zu ihren» heimlichen Befehls- haber crilaunt habe»». Der gescheite Stcinklopfcr»veiß, daß man gegen ein Weib immer am besten ein anderes ins Feld führte. Er iiiacht den grollenden Frauen zunächst klar, daß ihre respektive»» Männer in» Welschland höchst»vahrschcinlich nicht»vie die Mönche leben»verde»». Weiter stiftet er das junge Weibervolk au, die büßenden Männer zu begleiten,»vodurch natürlich sofort die Stimmung umschlägt. Zun» Kuckuck mit dem Priester und der Hölle,»vciiii dabei der Manu zi» einer andern geht. Die Wallfahick nach Roi» liiiterbleibt, und die Ehemänner brauchen trotzden» nicht nachts auf de» Heuboden zu steigen. Gespielt»vnrde die prachtvolle Koinvdie vorzüglich. Allen voran ist Martinclli zu nennen, der als Sieinklopferhans von ivunderbarcr Einfachheit und ergreifender Wirkung»var. Auch als Regisseur Ivurde er seinem Ruf gerecht. Die' famose Raufscene haben»vir in Berlin noch nie so drastisch und echt gesehen. Fräulein Glöckner kannten»vir bereits als vorzügliche Schauspielerin. Aber auch andre, die uns bisher nicht bekannt waren, haben uns Freude guuacht. So Herr Russell c>Is nltcr Brcuniilger� Herr M e t h als Anton Huber, Herr G r e i tz e e g i, e r als Altle'chner und andre mehr. Alles in allem können svir iviedcrholrn, was wir bereits an den Anfang stellten: Willkommen in Berlin I lind vor allen Dingen:— Waidmannsheil I— Erich S ch I a i k j e r. Mrvv Schuüdt nls Vühuvulvikev. Gesten« hat Dr. Conrad Schmidt an dieser Stelle einen Artikel vcröstcntlicht, der seine Fähigkeiten als Bühnenleiter in ein ganz eigentümliches Licht rückt. Was von meiner„llcbcrlegenhcit", meinem„Ton" und ähnlichen Dingen gesagt ist, schenke ich ihm mit Freuden. Ich rede ime mir der Schnabel gewachsen ist nnd pfeife auf die altjüngferlichen Bedenken, die von ihm oder andern geltend gemacht werden können. Etivas genauer verdient die Art nnd Weise betrachtet zu werden, mit der Herr Schmidt cincn Lorschlag ab- thnt, den ich in nreiner letzten Kritik gemacht hatte. Ich riet der„Freien Volksbühne", cincir Dramaturgen anzustellen, der im stände sei, die laufende dramatische Produktion mit Sach- Verständnis nnd Aufmerksamkeit zu verfolgen, und vor diesem Vor- schlag entsetzt sich Herr Schmidt, als wenn ein Dramaturg ein gemeingefährliches Individuum sei. Er spricht von einer„großen nagelneuen" Radikalkur, die ich höchsteigenhändig erfunden haben soll nnd scheint mithin anzunehmen, daß die Dramaturgen eine Mcnschengattnng sind, die ich ans purer Bosheit erst geschaffen habe. Nun hat aber jede Bühne cincn Dramaturgen und muh cincn haben. Ich rate. der„Freien Volksbühne" also nur, daß sie sich fach- männisch einrichtet, wie es andere Bühnen auch thnn. Wen» das wirklich einer„nagelneuen Radikalkur" gleichkommt— nun, dann ist damit eine Kritik an der«Freien Volksbühne" geübt, die herber und bitterer ist, als alles ivas ich je geschrieben habe. Freilich: Herr Schmidt hat schwere Bedenk"» I Vor allem muß der Verein„denselben Charakter, den er seit je getragen und mit dem er groß geworden", beibehalten. Ach, Ivas Sie sage», Herr Schmidt I Ich las vor kurzem diese Sätze: „Wie oft mußte in diesen Besprechungen darauf hingewiesen werden, daß die Entwicklung der dramatischen Littcratnr eine» Teil der Hoffnungen, die bei der Gründung der„Freien Volks- bühne" so lebendig waren, getäuscht hat. Die Kunst, auf die wir gehofft,..... ist nicht gekommen. So ist der Verein in der Auswahl der Stücke auf das Repertoire der öffentlichen Bühnen angewiesen geblieben." Diese Sätze stammen von einem Mann, der wenigstens für Herrn Schmidt eine gewisse Autorität besitzen muß— von ihm selber nämlich. Am 22. April greift er klagend in die Leier nnd singt das Lied von den getäuschten Hoffnungen, die den Verein leider genötigt haben, feinen Charakter zu ändern. Wenn ich dann am 8. Mai einen Vorschlag inache. der dein Verein ermöglichen soll, auch in der vcr- änderten Situation mit. littcrarischen Ehren zu bestehen, erscheint Herr Schmidt am 10. Mai im„Vorwärts", spricht entrüstet von„Radikalkuren" nnd erklärt feierlich. der Vcrcm könne unter keinen Ilmständen de» Charakter ändern, de» er„seit je ge- tragen und niit dem er groß geworden sei". Ach nein, Herr Doktor, der Charakter hat sich geändert und das gründlich. Es fragt sich nur, wie eS anzustellen sei, daß der Buhne auch bei ihrem vcr- änderten Charakter eine gewisse litterarischc Bedeutung gewahrt bleibt. Doch ch' ich es vergesse: der Vorsitzende der„Freien Volks- bühne" schaudert— von allem andern abgesehen— auch vor dem Gedanken, daß ein Dramaturg von„Arbeitergroschen" bezahlt werden sollte. AnS welchen Fonds, wenn ich fragen darf, werden Schauspieler. Schauspielerinnen. Regissenr, Kassierer und Lokalinhabcr bezahlt? Kommen diese„Groschen" etwa aus der vierten Dimension? lind wenn sie das nicht thnn— warum ist dann die- Honoricrnng eines Dramaturgen eine Zumntnng. vor der Herr Schmidt sein Haupt mit Schaudern verhüllt? Ich sehe mit Vergnügen, daß er auch cincn kleinen demagogische» Kniff nicht verschmäht. Schließlich wird mir das Repertoire des vcrsloffcnen Winters vorgehalten— ein Repertoire, das manches zweifelhafte, immer aber viclgcspielte Stücke enthält. Wenn Herr Schmidt glaubt, daß dieses Repertoire der„Volksbühne" irgend eine litte- rnrische Bedeutung geben kann— nun, dann verfügt er über eine geistige Anspruchslosigkeit, die ihn besähigt— sobald er sich niit der Notwendigkeit eines Dranlatnrgcil abgefunden hat— jedes beliebige kapitalistische Theater zu leiten. Die„Journalisten",„Ros- Mersholm", den„Faust" nnd„Hamlet" kann er dort auch spielen. Auf neue Stücke kommt es an oder ivenigstcns ans solche alte, die nicht bereits hundert und aber hundertmal gegeben sind. Zum Schluß noch eins! Herr Schmidt gefällt sich darin, ans ein Stück zu sticheln, das ich geschrieben habe.' DaS sei ihm gestattet. Er darf die freie Zeit, die ihm die Leitung der Volksbühne' läßt, gcm ganz und gar an dieses harmlose Äcr- gnügcn wenden. Nur um eins möcht ich ihn in aller Freundlichkeit gebeten haben: er läßt durchblicken, daß die Stellung eines Theaters zu meinem Stück meine Kritik beeinflußt. Einen solchen Vorwurf erhebt man deutlich oder man erhebt ihn gar nicht, Herr Schmidt. Also heraus mit der Plempe, wcnn's gefällig ist. Sagen Sie Lanz, was Sie doch schon halb gesagt haben nnd ich werde Sie dann so zu stellen wissen, daß der Handel Ihnen wenigstens als kein Kinderspiel erscheinen soll.— Erich Schlaikjer. Kleines Feuilleton. ll. Die Nervofität der franzöfischen Schriftsteller. Ans dem demnächst erscheinenden Buch„Iw Crime et le Suicide passiennels" von L. Proal veröffentlicht die„Revue bleue" in ihrem letzten Heft schon jetzt interessante Auszüge. Der Verfasser glaubt bei den berühmtesten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts eine krank- hafte Phantasie und eine übergroße Sensibilität nachweise» zu können, die sie zum Selbstmord prädestinierte». Chatcanbriand machte in seiner Jugend cincn Selbstmordversuch. George Sand spricht in ihrer Selbstbiographie selbst von ihren Hallncinationcn. Als junges Mädchen hatte sie sich das Bild eines fiktiven Gottes gc- schaffen, den sie Corambo nannte, sie betete ihn wie'ein wirkliches Wesen an und widmete ihm einen wahrhaften Kultus auf einem ländlichen Altar. Lange Jahre trug sie sich mit Selbstmordgedanken. Dr. Briffand, Professor anderPariscrmedizinischen Fakultät, bestätigt ebenfalls das Vorhandensein einer nervösen Krank- hcit bei George Sand. Alfred de Müsset war auch nicht frei von nervösen Änfällen und war während mehrerer Perioden seines Lebens nahe daran, sich das Leben zu nehmen. In der„Cenkessieu d'un Enfant du Siecke" erzählt er, daß er Lust hatte, seine Geliebte nnd sich selbst zu töten, und daß er ein Tischmesser unter das Kopfkissen gelegt hätte. George Sand schreibt an den Dr. Pagello, daß sie für den Verstand des Dichters fürchte:„Einmal vor drei Monaten war er die ganze Nacht wie wahnsinnig, er sah Phantome um sich, nnd jetzt klagt er über ein Leiden ohne Namen und ohne Grund." Auch Lamartine, der eine robustere Konstitution hatte, als Alfred de Muffet, dachte in seiner Jugend mehrmals daran, seinem Leben ein Ende zn machen.„Tage und Nächte brachte ich damit zu, nach einem Mittel zn suchen, das mich einem Leben cntreißen könnte, das ich nicht niehr zu ertragen im stände war." Nicht anders steht es niit den französischen Romanciers. Guy de Man- pasiant sagt von Flaubcrt:„Immer in Erregung und eindrucksfähig, läßt er sich mit einem, dem die Hant abgezogen ist, vergleichen, den die geringste Bcrühnmg vor Schmerz zittern macht... Er kam oft zn einem solchen Grad von.Erbitterung, daß er daS menschliche Geschlecht hätte zerstören wollen." Die Nervosität Edmond de Gon- courts und Alphonse Daudcts ist bekannt,„llnscr Werk," so schreibt einer der Brüder Gonconrt,„und es ist dies vielleicht seine hart verkaufte Originalität, beruht ans der krankhaften Nervosität." Proal ivendet sich nunmehr zur modernsten französischen Littcratnr: „Im 17. und 18. Jahrhundert schrieb PaScal feine„Lensees"(Ge- danken), La Rochefoncanld feine„Caracterev", heute schreibt man Saunnlnngcn von Sensationen. Die Dichtungeic sind Analysen von Empfindungen. Mit Ausnahme von Sully Pnidhomme, der philosophische Gedichte schreibt, sind die Denker selten geworden unter den Dichtern. Die Bücher littcrarischer Kritik, die Rcisebcschrcibnngcn nnd selbst die Geschichtsbücher bestehen ans einer Reihe von Ein- drücken und Empfindungen. Es gicbt die„kdees et Sensations" von den Brüdern Gonconrt,„Sensations dUisteire" von Barby d'Aurcvilly,„Sensations d'Oxford",„Sensations d'Italie" von Paul Bourgct usw. Die„Sensatioil" tritt an die Stelle des Gefühls, das Bild an die Stelle der„Idee". Ilm ihre Sensibilität zu er- höhe», sieht man die Schriftsteller zn künstlichen Mitteln greifen und sich an alkoholischen Genüssen berauschen. Dieses Mittel war übrigens schon im Altertum bekannt.„Der Dichter Aeschylus", sagt Plntarch,„schrieb seine Tragödien beim Trinken, wen» er schon voll dcS WciueS war." Die modernen französischen Roiuauschriftstellcr greifen nicht nur zum Wein, sondern zum Absinth, zum Opium und Haschisch. Baudelaire, der sich an Edgar Allan Poe anlehnt, suchte die Inspiration im Opium und Haschisch und starb an Paralyse. Im Jahre 1845 bildete sich in Paris ein Haschisch-Klub, der von Litteratc», die Halluzinationen suchten, frequentiert wurde. Guy de Maupassant hat, wie kürzlich bekannt geworden ist, lauge Zeit sich dem Genuß solcher künstlichen An- regnngSmittcl der Phantasie überlassen, in einer Zeit, da sie ihm schädlicher waren als jedem ander». Als ein Bekannter ihm einmal Glück wünschte zn der virtuosen Schilderung der Eifersucht in seinem Roman„Liems et Jean", antwortete Maupassant, daß er„nicht eine Zeile davon hätte schreiben können,'ohne sich Mut Aether zn berausche»". Diese Gewohnheit künstlicher Anregung ist weniger ffelten, als man gewöhnlich annimmt. Die Schriftsteller kultivieren ihre Leideiischaften, um sie zu nualysieren, und befördern ihre nervösen Krankheiten, um daran Beobachtungen zu machen. Maurice Barräs schlägt vor,' den Mitteln der Hygiene„neue Mittel zu entlehnen, um die Sensibilität zu entwickeln nnd zn schärfen, um zur Anbetung des„Ich" zu gelangen". Proal will auf den Einfluß dieser littcrarischen Produltc die ständig wachsende Zahl der Selbstmörder zurückführen.„Früher schrieben die Romanschriftsteller für eine kleine Zahl von Lesern. Heute dringen die Romane überall hin, in das Atelier, wie in den Salon, in die Mansarde nnd das Boudoir. Kürzlich wurde bekannt, daß eine alte Frau, che sie sich durch Kohlen- dunst erstickt hattes ihrer Nachbarin ein Andenken hinterlassen ivollte; so schenkte sie ihr als das Beste aus ihrem Besitz ein großes Paket mit Feuilletons für ihre. Tochter.-Jedes Jahr, jeden Monat schießen Hunderte, Tausendc von neuen Roluanen aus der Erde und die alten erleben neue Auflagen. Das Feuilleton macht den Erfolg der Zeitung, der Roman die Verbreitung der Revue. Es giebt selbst Zeitungen und Zeilschriftc», die mehrere Romane zugleich vcröffeiitlichen." Physiologisches. — Wie Z>«r Geruch ftonbe iontmt, ist ein Problem, bezüglich deffei« die wissenschaftliche Forschung bis heute nur geringe Ergebnisse erzielt hat, ja. ruau taim»nit Recht behaupten, das; die heute herrschende Meiuung noch ziemlich dieselbe ist. welche schon bei den alten Griechen vngetroffen ivird. Dieser Vorstellung zu- folge find cS rnmiestbar imb unwägbar kleine Teilchen, welche fich von dem riechenden Körper ablösen,»räch allen Richtmige» hin durch die Luft schweben und dort, wo fie das Geruchs- orgmi treffen, denjenigen Eindruck hervorrufen, den der Geruchs- smn empfindet. Zur Bestätigung dieser Hypothese sind von früheren Forschern allerdings Versuche angestellt worden, die im wesentlichen darauf hinauSfiefen, dafi riechende Substanzen, die hermetisch in ciuem Gesäße verschlossen werden, das Geruchsorgan nicht be- cinflnssen, und ferner, daß das genichverbreitende Agens dem Riech« orgau durch die Luft zugetragen wird. Diese Thatsachen brauchen nicht in Abrede gestellt zu werden; dennoch sind sie uicht zwingend für die obige Hypothese. Denn der Schall einer tönenden Glocke Ivird auch von der Lust getragen und durch dieselbe verbreitet, ohne daß fich vou der Glocke materielle Teilchen ablösen, und eine Licht- quelle, z. B. eine elektrische Glühlanrpe, die in ein undurchsichtiges Gefäfi eingeschlossen wurde, ist für das Auge unsichtbar. Die beiden französischen Naturforscher Vaschide und Van Melle haben nun kürz- lich. wie die„Köln. Ztg." berichtet, der Pariser Akademie eine Ab- Handlung vorgelegt, in der sie über das Wesen des Geruchs folgende Hypothese ausstellen und zu begründen suchen: Der Geruch, den eine riechende Snbstauz verbreitet, entsteht nicht durch Aussendung kleinster Teilchen dieser Substanz, sondern wird übertragen durch Strahlen von gewisser kurzer Wellenlänge, ähnlich wie Licht und Wanne. Zur Be- gründrmg dieser Hypothese weisen die geuamiten Forscher u. a. darauf hm. daß die GeruchSnerveu deuselbcu Ausgangspunkt im Gehirn habe» wie die optischen Nerven und sich durch diesen besonder» Um- stand von den andern Siuncsncrven unterscheiden; daher ist cS wahrscheinlich, daß auch ihn: Funktionen einander ähnlich sind. Gerüche zeigen die Eigentümlichkeit, die strahlende Wärme stark zu absorbieren, woraus Tyndall schon auf ein» gewisse Aeziehmig derselben zu den Wärmestrahlcn schloß. Chemische Substanzen, die ähnliche Gerüche verbreiten, zeigen im Spektrum Absorption sväuder, die in ihrer Läge gewisse Uedercinstimmnugen erlemren lassen. Die riechenderr Substonzrr» verlieren durch den Unistand, daß sie Geruch ausstrahlen, in keiner Weise an Volumen oder Getvicht, ivcuigsteiiS hat bis jetzt»och niemand einen solchen nur auf der Geruch- auSsrudung beruhenden Verlust derstlben seststellen können. Anderseits aber giebt eS nicht wenige Körper, die kleine Teilchen aiiSjeudcn, d. h. zu Dämpfen werden, ohne daß fie riechbar sind. Endlich weisen die oben genmmten Forscher darauf hin. daß cS Stoffe giebt, die jeder für fich stark riechen, aber zusammengebracht ihren Geruch vernichten, ohne eine neue chemische Substanz zu bilden. Solche Stoffe sind z. B. Kaffee und Jodoserm. Diese und eine Sicrhe midier Thatsachen führen Vaschide und Man Melle zu Gunsten ihrer Geruchs- theorie auf. und in der That hat dieselbe schon der Analogie nach vieles für sich. Wenn Licht. Wanne. Schall sich durch Schwingungen eures geeignete» Mediums sortpflanze», so ist eS nicht»»wahrscheinlich, daß dieses mit dem Duft ebenfalls der Fall ist, ruib die Existenz von gerncherzengenderr Wellen durch den geruchstrahleuden Körper ist a priori viel wahrscheinlicher als die Anssendung unendlich vieler, uurudlich kleiner duftender Partrkelcheir.— Aus dem Pflanzenleben. — Bittere Gurken. Fast in jedem Hanshalt ist die Gurke eine sehr geschätzte Speise und erscheint sowohl in frischem wie auch eingejänertcm oder sonst kouservieriem Znstande sehr häufig auf dem Tisch. So wohlschmeckend nun auch eine Ivirllich feine Grirle ist, ebenso unangenehm wird der Genuß bitterer Gurke», und cS begreift sich deshalb auch sehr gut, daß der Gurkcuzüchter gern alles thu» möchte, dem Bitterwerdcir seiner Gurken vorzubeugen: aber wie? lieber die eiaeutlichcn Ursachen des Bitterwerdens der Gurken nämlich herrsche» noch die verschiedensten Ansichten, auch rn glutucrischeu Kreisen; mau schreibt dasselbe bald dem Boden. bald dem Snnieii, bald zu großer Wärme, aber auch zu reichlicher Nässe zu. Nach eincr Darstellung in „HauS, Hof. Garten" liegt die Sache so: Selbst unter den aller- giuisligslen Knlturverhältnisscu kommen einzelne bittere Gurken vor; an dein häufigen Vorkommen aber tragen nicht die Sorte oder der Samen, vielmehr Düngung, Boden und Witterung die Schuld. Die Gurle fordert Bodenwanne und Lockerheit des LodeuS sowie eine warn e Loge. Kälte und feuchte Witterung wie auch zu grvße Bind'g.'-t de» Bodens liefern stets einen viel höhere» Prozentsatz bitter. Gurken. Ebenfalls wird durch die bielfach empfohlene Dün- gnug.nit st:ischenr Pferdemist der Prozentsatz an bitteren Gurke» ganz' heblich verstärkt. Allein iu der Vermeidung der angeführten fehlerhaften VcrlMuisse liegt daS Mittel, dem Hebel vorzubeugen.— Technisches. — Z Ive i neue Methoden zur Kautschuk-Gewinnung haben, wie wir einem Bericht des„Prometheus" entnehmen. die französischen Chemiker Aruauld tinb Beruucil einerseits und Deiß«ndrersertS ausprobiert und höchst ergiebig gefunden. Es handelt fich bei der Methode der crstgenamiten rn« eine m e ch a n i s ch e Tremimig der elastischen, Kautschuk führenden Leramwortlicher Nevacreur: Paul John ür Bcrlir Rindenteile von den spröden Holz- und Faserstoffen, die in Pulver verwandest werden. Das zunächst auf die Landolphia-Arten Afrikas, Schlingpflanzen aus der Familie der Aporyacen, angewandte Ber- fahren dürfte fich auch für die rationelle Ausbeutung andrer Kautschukpflanzen vorteilhaft erweisen. Sie beschreiben ihr Verfahren wie folgt: Die trockenen Rinden werden im Mörser oder in einer Mühle zerquetscht und von ihnen dann 40— Sv Proz. trockenes Pulver, welches keine Spur Kauff'chuk cuthäit, abgesiebt. Der Rückstand, welcher sich zum Teil zu Platten vereint, wird dann, mit heißem Wasier getränkt, einer längeren Iveiteren Zerre ivinig unterworfen, wodurch man einen dicken, weichen Brei erhält, der innerhalb eines Gefäßes mit heißem Wasser ans ein Sieb gebracht wird. Das auf dem Siebe gebliebene Magma läßt nach westerenr Reiben wurm- artige weißliche Äantschrckfäden erkennen, die sich durch längeres Schlagen der Flüssigkeit zu einer schivannnigen Masse vereinen, ivelche sämtliche» Kautschuk«inschließt. In heißem Wasser trennt sich diese Maffe vollständig von den Rtndenteilen und schwinimt oben, sie stellt dann einen Nohkautschnk dar, welcher durch werteres Schlagen verdichtet und nachher ebenso gereinigt wird, wie die andren Handels- sorten von Rohkautschuk. Man erhielt nach diesem Verfahren ans der Stengelrinde der I-andolpstia 8—9 Proz., und ans der Wurzel- rinde 14—15 Proz. und mehr, d. h. ebenso viel, tvie man früher durch Ausziehen mit Lösungsmitteln, wie Scknvesrlkohlenstoff rmd Benzin, erzielte, wobei die Güte des Rohprodukts noch ebenso wie bei der alten Gewirmuncismethode durch Srynmeln des freiwillig ausfließenden Milchsafts infolge Beimengnug von Fett und Harzstoffen beeinträchtigt wurde. Allen, Änsckiein nach Ivird dieses nrechanffche Ber- fahren auch bei andren Kantschnkgrwächsen gute Ergebnisse lieferu, wovon man sich bereits durch die Gewiniirmg ans der Rinde der amerikanischen Hanrvrnin überzeugt hat, welche mehr als 5 Prozent ansgezeichneten Kautschuks lieferte. Eine andre neue Methode der Ausnutzung der abgeschmtteucir Rinden n»d Beste von Kautschnkpflanzcn hat der französische Chemiker G. Deiß erprobt: sie besteht in einer Be- Handlung dieser Teile mit verdünnter Schwefelsäure von 50 Proz., welche die holzigen Teile zersetzt, ohne den Kautschuk zu zerstören. Nach mehrtägiger Einweichung in die verdüimte Schwefelsäure wird die schlarmnige Maff'e getrennt und durch cincir Wasjcrstrahl aus- gewaschen, wobei reines Kautschni zurückbleibt. Konzentriert man die im Maccrations- rmd Waschwasser verbleibende Sänre zu neuem Gebrauch durch Eindmnpfen, so belausen fich die Ge- Ivinnmrgskoste» für das Kilogramm Kautschuk ans etwa 25 Pf., tvährcnd die Anlagekosten für den Betrieb nur unerheblich find.— Huinorrrtiscfies. — Nachtdienst.„Wceßte, ick Hab' jetzt ooch Nachtdienst bei mciii'm Loitnaut." „Js er denn krank?" ,«tce. Ick muß aber von Zeit zu Zeit nachsehe», od sich seine Schrinrrbartbinde»ich verschoben hat."— — Beweis. Alter Cyniker:„Das Mädchen dort ficht nicht hübsch aus, wenn sie lächelt." Unschuldiger Schüler:„Aber fie hat nicht eiu einziges Mal geiächcst. seit ivir sie beobachten.". Alter Ehurker:»Das beweist, was ich gesagt habe."— — Scherzfrage. Wa» ist für ein Unterschied zwischen einein Laudauer und einem Ameisenhaufen? Antwort: Man setze sich nacheinander rn beide, dann wird man den Unterschied schon spüren.—(„Jugend".) Notizen. — Von A u g ri st S t r i u d b e r g gclangcu im Residenz» Theater in einer Matinee am Sonntag drei Einakter:„Pari«", „Mutterliebe" und„Debet und Credit" zur ersten Aussiihnmg.— — Die Gesellschaft des Berliner Deutsche» Theaters er- öffnete ihr Gastspiel im Wiener„Deuts che« Bolkö- Theater" am Mittwoch mit einer Aufführung der„G e s p e n sie r". Das Hau» rvar nur schwach besetzt, die Darstellung fand lebhaften Beifall.— — Conrad Ferdinand M c h e r S Gedicht„Aus Huttens letzten Tagen", das in der Zeitschrift„Der Kyffhänser" zum Abdruck gelangte, ist in Wie u lvcgen„Beleidigung einer gesetzlich anerlcumteu Kirche oder Ncligions-Gesellschaft" koufiSciert worden.— — Vom Nationnlnrusennr in Neapel ivird die Untersuchung und V e r ö f f e n t l i ch n n g der im Museum befindUchen Papyrus- rollen aus Hcrcnlaimm wieder aufgeuourure» werden, nachdem die Arbeit daran lange Zeit geruht hatte. Es handelt fich um eine Sanimlnng von 800 PapyruSrolleir, die 1752 aufgefunde» wurden rmd vou denen erst gegen 2lX) untersucht und veröffentlicht sind.— — Die in ObcrhalSki, Kanton Bern, entdeckten Erzlager werden, wie die„Chcmiler-Zeistmg" berichtet, als so mächtig taxiert. daß ein großer Teil deS Eiscnbcdarf» der Schweiz dmiirt gedeckt werden kömite. Die neue Lahnverbindring, die dadurch nötig wird. soll auch dir Ansbente der gewaltigen Steinbrüche von G« t t a« n e n wesentlich erleichtern.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsdlatts erscheint am Sonntag, den 13. Mai. Tmck emo�Serras»an ÄKax«adrng ra B-rlia.