Anierhaltungsblatt des Nr. 92. Sonntag, den 13. Mai. (Nachdruck verboten.) szz Anferpteszung. Romaii von Leo T o l st o j. ..Aber die BogodnchowSknja. eine Politische, kann ich die sehen?" fragte Ncchljudow nach knrzein Schweigen. „Gctvis;, das können Sie," sagte der Inspektor.„Nun. was willst Du?" tvandte er sich an ein Mädchen von fünf oder sechs Jahren, das ins Zimmer getreten war. Es hielt - den Kopf so, das; es kein Auge von Nechljudow verwandte, und schritt dabei auf den Vater zn.„Siehst Du. Du 'fällst noch." sagte der Inspektor und lächelte darüber, Wiedas Mädchen nicht vor sich sah. sich in den Teppich verwickelte .und auf den Vater zustolperte. „Also, wenn es geht, möchte ich hingehen." „Es geht, es geht." sagte der Inspektor und umarmte das Mädchen, das fortwährend auf Nechljudow schaute. „Bitte..." Der Inspektor stand auf, schob das Mädchen sanft bei- scite und trat in das Vorzimmer. Er hatte noch nicht seinen Paletot, den ihm da? verbundene Dienstmädchen darreichte, anziehen und hinaustreten können, als wiederum die Läufe von Clementi accnrat dahin rauschten. „Sie war im.Konservatorium;' da herrscht keine Ordnung. Aber hat viel Talent," sagte der Inspektor, als sie die Treppe hmuiiterstiegen.„Sie will in Konzerten auf- treten." Der Inspektor und Nechljudow kamen an das Gefängnis. Die Pforte öffnete sich sofort bei Annäherung des Inspektors. Die Aufscher legten die Hand an die Mütze und begleiteten ihn mit Blicken." Vier mit zur Hälfte rasierten Köpfen vcr scheue Mensche», die Fässer mit irgend welchem Inhalt trugen, begegneten ihnen im Vorraum, und alle drängten sich zu famnien, als sie den Inspektor erblickten. Einer beugte sich besonders tief nieder und machte ein finsteres Gesicht, wobei seine schwarzen Augen funkelten. „Natürlich mutz man das Talent anMlden und nicht verkommen lassen: aber in der kleinen Wohnung, sehen Sic, da geht das schlecht," führte der Inspektor die Unkerhaltung fort, ohne jenen Gefangenen irgend welche Anfmerksamkeit zu schenken, und trat mit müden Schritten, die Füße nach- schleppend in Begleitung RechljndowS in das Versamzultmgs zinimer. „Wen wünschen Sic noch zu sehen?" fragte der In spcktor. „Die Vogodnchowskaja." „Die kommt anS dem Turm. Da müssen Sie eiivas Warten," wandte er sich an Nechljudow. „Kann ich nicht unterdessen die Gefangenen Mcnschows sehen? Mutter und Sohn; sind wegen Brandstiftung an geklagt." „Zelle 2t? Gewiß, ich ivill sie rufen lassen." „Kann ich Menschow nicht in seiner Zelle sehen?" „Sie haben es ruhiger im VersammlnngSzimmer." „Nein, cS interessiert mich." „Finden Sic das interessant?" In diesem Augenblick trat aus der Seitenthür der stutzer hafte Offizier und Adjunkt des Inspektors. „Hier, führen Sie den Fürsten in die Zelle zu Menschow, Zelle 21," sagte der Inspektor zu seinem Gehilfen,„und dann ins Bureau. Ich lasse sie rufen. Wie heißt sie noch?" „Wjcra VogoduchowSkaja," sagte Nechljudow. Der Gehilfe war ciu junger blonder Offizier mit gc schwürztem Schnurrbart; er verbreitete den Duft von La» cke Cologne um sich. „Bitte, wandte er sich mit angenehmem Lächeln an Nech lljudoiv. Interessieren Sie sich für unsre Anstalt?" „Ja, ich interessiere nfich auch für jenen Menschen, der, wie man mir sagt, ganz unschuldig hierher geraten ist." Ter Gehilse zückte'die Achseln. „DaS kommt zuweilen vor," sagte, er ruhig und ließ den Gast höflich zuerst in den breiten stinkenden Korridor eintreten. „Zuweilen lügen sie auch. � Bitte schön." Die Zellenthüren waren geöffnet, und einige Gesafigene hielten sich iin Korridor auf.' Den Aufsehern kaum merklich • 9 1900 zunickend und nach den Gefangenen hinschielcnd, die sich ent- tvedcr an die Wand drückten� in ihre Zellen gingen, oder die Hände an die Hosennaht legten und nach Soldatenart den Vorgesetzten mit den Augen verfolgend sich an den Thürcn aufstellten, führte der Gehilfe Nechljudow durch einen Korridor und geleitete ihn zu einem andern Korridor links, der durch eine eiserne Thür verschlossen war. Dieser Korridor war noch enger, dunkler und übelriechender als der erste. Auf beiden Seiten mündeten init Schlössern verriegelte Thüren in ihn. In den Thüren be- fanden sich kleine Löcher, sogenannte Gucklöcher, einen halben Werschok im Durchmesser. Im Korridor war niemand außer einem alten ÄUfseher mit- kummervollem, runzeligen Gesicht. „In welcher Zelle sitzt Menschow?" fragte der Gehilfe den Aufseher. „In der achten, links." „Sind diese besetzt?" fragte Nechljudow. „Alle besetzt, bis auf eine." F ü n f z i g st c s Kapitel. „Kann ich hineinsehen?" fragte Nechljudoiv. „Bitte sehr," sagte der Gehilfe mit verbindlichem Lächeln und begann den Aufseher»ach irgend etwas zu fragen. Nechljudow schaute in eine. Oefinung hinein: drinnen ging ein großer junger Mensch mit kleinem, schwarzen'Bärtchen im bloßen Heinde schnell vorwärts und zurück: als er Geräusch an der Thür hörte, sah er auf, machte ein finsteres Gesicht und setzte seinen Marsch fort. llkcchljndoiv schaute in einc zweite Oeffnung: sein Auge begegnete einem andern erschreckten großen Auge, das durch das Loch blickte; er wich eiligst zurück. In einer dritten Oeffnung sah er ein im Bett schlafendes sehr kleines zusainmcn- gerolltes Menschenkind, dessen Kopf mit dem Gcfangenenrock bedeckt war. In der vierten Zelle saß ein blasser Mensch mit breitem Gesicht, der den 5iopf gesenkt und die Ellbogen auf die Knie gestützt hatte. Als der Me lisch Schritte hörte, hob er den Kopf und schaute auf. In seinem ganzen Gesicht, namentlich in den großen Augen, lacj der Ausdruck verzweifelten Grams. Es interessierte ihn augenscheinlich nicht, zn erfahren, wer zn ihm in die Zelle schaute. Wer auch immer hineinschauen mochte, er erwartete offenbar von nie mandem Gutes. Nechljudow wurde schrecklich zu Mute; er hörte auf zn schauen und trat zn Menscholvs Zelle 21. Der Aufseher schloß das Schloß auf und öffnete die Thür. Ein junger, langhalsigcr. muskulöser Mensch mit gutmütigen. runden Augen und kleinem Bärtchen stand neben der Schlaf- bank. zog schnell seinen Sträflingsrock an und sah mit erschrecktem Gesichtsäusdnick' die Eintretenden an. Besonders iiberrasckficn Ncchljudow die guten, runden Angen, die fragend und erschreckt von ihm zn dem Aufseher, dem Gehilfen und wieder zurück liefen. „Dieser Herr ivill Dich über Deinen Prozeß befragen." „Wir danken ergcbenst." „Ja, man hat mir von Eurer Cache erzählt." sagte Ncchljudoiv, trat in den Hintergrund der Zelle und stellte sich bei dein vergitterten, schmutzige« Fenster ans.„und da möchte ich sie einmal von Euch selbst hören." Menschow trat ebenfalls zum Fenster und begann als- bald, anfangs schüchtern mit einem Blick aus den Inspektor. dann immer dreister und dreister zu erzählen. Als aber der Inspektor aus der Zelle hinaus aus den Korridor trat und dort irgend welche Anordnungen erteilte, wurde er vollends kühn. Seine Erzählung war der Sprache und den Maniereu nach die Erzählung eines cinfachen, guten Vaueruburschen, und für Ncchljudoiv ivar es besonders seltsam, diese Er- zählung aus dem Munde eines Arrestaulen in schimpflicher Kleidung, im Gefängnis zn höre». Ncchljudoiv hörte zu lllid sah gleichzeitig die niedrige �chlafbaut-mit Strohmatratze, und das Feilster mit dickem Eisengittcr,. und. die schmutzigen, feucht gewörSenen, schmierigen Wände, n»d' das jämmerliche Gesicht und die Gestalt des unglückliche!»-entstellten Bauernbnrschen in Lcderschnhen und Gefängniskleidung, und ihm wurde immer trauriger und trauriger zu Mute, er wünschte nicht zu glaube», daß die Erzählung dieses gilt- mutigen Menschen wahr sei: so schrecklich war' der Gedanke. daß jemand einen andern Menschen mir dafür,'daß man ihn- selbst beleidigt. fcst»el)Men, tn Gefcingettenkleidnng stecken und an diesen schrecklichen Ort bringen konnte. Noch schrecklicher aber war der Gedanke, daß diese wahrhafte Erzählung, die mit so gutmütiger Miene vorgetragen wurde. Betrug und Er- ftndung sei. Die Erzählung bestand darin, daß der der- cidigte Branntweinschenk ihm bald nach der Hochzeit sein Weib abspenstig gemacht hatte. Er suchte überall sein gesetz- mäßiges Recht. Aber überall bestach der Schenkwirt die Beamten und wurde überall freigesprochen. Führte er. sein Weib einnial mit Gewalt fort, so lief sie anr nächsten Tage wieder weg. Da ging er hin und verlangte sein Weib zurück. Der Branntweinschenk sagte, die Frau wäre nicht da(er hatte sie aber hineingehen sehen), und befahl ihm fortzugehen. Erging nicht. Der Branntweinschenk und sein Arbeiter schlugen ihn blutig, aber am nächsten Tage brannte der Hof des Schenken ab. Er wurde nebst seiner Mutter angeklagt, hatte aber das Feuer nicht angelegt, sondem war bei einem Freunde gewesen._(Fortsetzung folgt.) SonukÄgsplaudever» Der ultramontane Neichstags-Abgeordiicte Müller-Fulda wird l» der Geschichte nicht nur als der Vater der strotzen Weltschlacht- flotte fortleben, sondern er wird auch anf der Ewistkeitstafcl jener erhabenen Aerzte prangen, die sich um die Menschheit durch die Ent« deckimg, Diagnose und Therapie von Krankheiten verdient gemacht haben. Er ist der Entdecker jener neuesten und vcr- breiteisten Seuche, von der die Völker befallen worden und deren AuSdehnnng von den verblendeten Individuen, von den ge- wissenlosen Organen des Staats, ja sogar von der heiligen katholischen Kirche selbst befördert wird. Die Seuche gehört zweifellos zn der Gattung der Veitstänze— nur datz sie an Verbreitung und Beweg- lichkeit jenes Hebel schrecklich übertrifft. Während der gelvöhnliche Veitstanz sich mit der Ausbeutung der natürlichen Körpcrkräste bc- gnügt, zieht der erweiterte Veitstanz die gesamte Mechanik, alle technischen Erfindungen von Unheil brütenden Menschenhinien in seinen Dienst. Herr Müller-Fnlda war zlvar bescheiden genug, die Ehren der großen Entdeckung mit einein andren ungenannten Mann teilen zn wollen, indessen die Gerechtigkeit erfordert es, ihm das ganze Verdienst gut zu schreibeir. Es war eine befreiende That, als der Müller, der das Wandern nicht liebt, das kühne Wort erbarmungslos aussprach: Verkehrs- dusel. Man weiß, welche Erfahrungen den frommen Volksvertreter zn seiner Entdeckung angeregt haben. Er hatte längst mit Schaudern beobachtet, wie gerade in dem Machtrcich der katholischen Kirche, das so groß ist, datz die Sonne nicht in ihm aufgeht, die Seuche « grassierte. Pilgcrzüge und Wallfahrten gehören zu den ältesten Er- cheinnngen des katholischen Lebens. In diesem Jubiläumsjahr wurden die Massen geradezu durch kirchliche Behörden aufgereizt, gen Nonr zu eilen und die Gattung Mensch begann unter den'Wirkungcn der Be- wegungsseuche zu einer Rasse von Zugsäugeticren zu entarten, eine Rückbildung zu der niederen Form der Vögel und Fische. In dieser Not entbrannte daS Genie Müllers ans Fulda lichterloh, und die gewaltige These wurde moralisch an alle Thürcn von Eisenbahn- wagen, Droschken, Straßenbahnen angeschlagen, in die Sattcltaschen von Pferde» und Fahrrädern eingeprägt: Wirlebe»im Zeit- alter deS VerkehrSdnsels. So weit ist Müllers Verdienst unumschränkt zn würdigen. Nur erging es ihm wie allen Aerzten, die neue Krankheiten nur' erkennen, um zugleich zn erkennen, daß sie nicht heilbar seien. Auch Herrn Müller's Heilmethode scheint dem grenzenlosen Nebel nicht gewachsen. Er will den VcrkehrSdusel ausrotten, indem er ihn besteuert. Vielleicht liegt seinem Irrtum nur ein kleiner sprachlicher Aberglaube zn Gnmde. datz man am bequemsten einer Sache steuert, indem man sie besteuert. DaS ist aber nicht einmal bei Warenhäusern und Börsen der Fall, geschweige bei Volksseuchen, abgesehen davon, datz eS inhuman sein dürfte, ans Krankheiten Stenern zn ziehen. Man mutz sich schon nach andren, wirksameren Mitteln umsehen. Der Gedanke, das in der Beratung befindliche Reichs-Seuchengesctz mit den« Problem des Verkchrsdusels zu bepacken, ist schon deshalb abzuweisen, weil das Reichs-Seuchengcsetz, seiner Absicht nach, nur Schutz gegen Seuchen gewähren soll, die nicht vorkommen. Der Verkehrsdüsel aber kommt vor. Es ist einigerinatzen verwunderlich, datz Herr Müller-Fnlda nicht jene medizinische Methode auch für den vorliegenden Fall anzu- wenden empfahl, der in seiner Gcisteswelt stets die allgemeinste An- Wendung und die größte Wirkung gefunden hat. Gegen den Ver- kehrsdusel kann nur die Aufstellung eines neuen Lwlcndcrheiligen helfen. Man wende nicht ein, datz die 365 oder 366 Tage des Kalenders bereits voll besetzt seien, so daß kein Schutzgcist wider den Verkehrs- busek mehr Platz finden könnte. Ich habe mich überzeugt, datz dem nicht so ist. Das Jahr ist noch nicht ausverkauft. Man blättere nur in Meyers Historisch-Geographischen Kalender, den daS unter der Parole„Wissen macht frei- handelnde Bibliographische Institut zu Leipzig herausgiebt. Da findet sich noch manche Lücke, so viel auch auf diese» Abreitz- blättern wider die Krankheiten geleistet ist. Ani 15. Januar ist z. V. nicht nur Grivparzcr geboren, sondem eS ist auch— Wissen macht frei I— der Tag des AbtcS Maurus, der. wie der Historisch- Geographische Kalender allen Leidenden zum Trost verrät, der Patron gegen den Rheumatismus ist. Manche Rheumatiker gehen nach Wiesbaden, andre setzen sich nackt in Amciseichanfen oder graben sich in heißen Sand ein, noch andre fluchen und trinken lasterlich— der Historisch-Geographische Kalender vertröstet auf den 15. Januar, allivo der Abt Maurus seine Sprechstunde abhält. Minder in Anspruch genommen ist der 20. Januar in uiisren Gegenden; Sebastian, der Pcstpatron, ist für uns entbehrlich ge- worden. Wichtig dagegen ist der 9. März, der der Franziska von Ronr gehört, die Witwe, Ordensstifterin und Patronin gegen Lungen- entzündnng ist. Nicht minder bedeutsam ist der Märtyrer QuiriimS — 39. März— der ohne Bernfsstörnng und Einspritzungen gegen Ohrenleiden hilft, und der Bischof Hugo— 1. April— der jeglichen von Magenleiden erlöst, oder die Jungfrau Rolendis— 13. Mai— die Kolikspccialistin ist. Unentbehrlich ist der Märtyrer und Nothelfer VitnS— 15. Juni—, der sich in Nervenleiden gründlich anskennt, sowie die Jungfrau Philomena, Märtyrerin— 11. August— die bei Halsscknnerzcn Rat weitz. Es giebt daneben auch Patrone für gelvisse Berufe, für Jungfranen beispielsweise. Prediger, Sattler, Weber, Gärtner, Gastwirte,' ebenso solche für Elementarerschcinnngcn, als Rcgcnmangel und Feuers- brunst, Gewitter und Mecresstiirme, Verleumdung, Wassersnot und Erdbeben. Alle Fnndbureaus und Zeitungsinserate ersetzt Antonius von Padua, der Bekenner, der 13. Juni I— zur Wiedererlangung verlorner Sachen vcrhilft. Aber trotz der Fülle dieser männlichen und weiblichen Patrone ist für einen Schutzheiligen gegen den Verkehrsdüsel immer noch reichlich Platz vorhanden. So möge denn Mnller-Fulda das Biblio- graphische Institut in Leipzig ennächligen, datz eS im nächsten Jahrgang des Kalenders ihn als Patron gegen den Verkehrsdüsel anf- nimmt. Alsdann ist die Krankheit gebannt und Werder wird zur Zeit der Baumblüte ein beliebter Zufluchtsort für Menschenscheue und Einsiedler iverden. Es ist nämlich»och zn erwähnen, datz gerade zur Zeit der Baumblüte die Seuche besonders schivcr auftritt. Das Kraukhcits- bild ist dann etwa folgendes: Am Sonntag zu ungewohnt früher Stunde stürzt plötzlich alles ans den Betten. Ein unwiderstehlicher Drang treibt die gesamte Bevölkerung, Männer, Weiber, Kinder und Radier, in eine bestimmte Richtung. Der Schivarm teilt sich; die eine Hälfte wirft sich mit wütender Leidenschaft auf Eisenbahn, Danrpfer und Kremser, die andre rädert sich nach Werder. Den letzteren liegt eS ob, Staub zu produzieren, den erstercn, ihn zn schlucken. In ihrer Raserei nennen sie eS Blütenstaub. Dieser Staub aber löscht unter Zuhilfenahme des Sonnenbrands alle Verschiedenheiten von Alter und Geschlecht aus. Mädchen und Buben sind gleichermaßen im Gesicht grau-rot striemcuartig gestreift, und es blinkt der Tau auf den Wangen der Drehkranken! Prosaiker reden von Schweiß. Im weiteren Stadium der Seuche liegen die Opfer. soweit sie sich der Fahrräder bedienen, in den Chausseegräben und bearbeiten die Gummireifen mit unheimlich geheimnisvollen ivildcn Geberden; ein fauchendes Geräusch wird dabei beobachtet. Endlich findet man sie auf hölzernen Bänken unter den blühenden Bäumen, und in die Gläser voll roten Johannisbeerivcins flattern leis die zart zerknilterten Kirschen- und Pfirsichblättcr. Jetzt beginnt ein Gelärm und Gejohl, untermischt mit dem Klageschrei der von der Seuche befallenen Kinder; aber die Unseligen sind sich ihres Zu- standcs nicht bewußt, und nennen es Vergnügen. Zum Schlutz, wenn die Sonne sinkt, hebt wieder die rasende Abwanderung an. Bäter pflegen bei dieser Gelegenheit die weinenden Kinder Über dem Herzen zu tragen, und wenn man, uebeneinandergcschichtet, dann in dem Eisenbahnwagen keucht, bricht das innere Fieber in wüsten Schimpf« reden auf Hitze, Staub, schlechte Verpflegung, elende Eisenbahn- Verlvaltnng, hohe Kosten und ungezogene Jähren mit elementarer Gewalt hervor. Erst bei der Annäherung an die heimische Wasch- schüssel läßt die Krankheit nach; einige Menschen Iverden dann für den ganzen übrigen Sommer immun, die meisten sind indessen Rückfällen ausgesetzt. Heiliger Müller-Fnlda, Patron gegen den Verkehrsdüsel, befreie uns von' den SonntagsauSflügen z»r Baumblüte und lasse allen Radlern die Gummireifen sogleich beim Austritt aus dem Hause unheilbar platzen l Warum erweckt überhaupt gerade die Baumblüte solche Ver- zückungen? Ist es schon jemand eingefallen, nach Osdorf zn wandern, wenn der Kohlrabi reift? Was hat eine Pfirsichblnte voraus vor einer Kohlrabistande? Das ist ein nichtswürdiger ästhetischer Aberglaube. Ich bekenne: Auch ich habe, als ich noch Liebes- lieber sang, mich ausschlictzlich der Rosen und Reseden, des JasminS nnd des Flieders bedient, wenn ich zur Vervollständigung der Poesie botanische Requisiten heranzog. Wasserrüben und Rotkohl, Kar- tosfcln und Saubohnen verschmähte ich in meiner beschränkten Ver- blcndimg. Wie schäme ich mich dessen, seitdem nieine Augen sehen lernten! Es ist vielleicht das größte Verdienst deS modernen Kunstgewerbes. datz es mit der Aristokratie der bevorzugten Naturgewächse aufgeräumt hat. Man erkannte die demokratiiche Größe der Natur und gewahrte auch in den mißachteten Arten erlesene Schönheiten.� In der Königlichen Porzellaiimanufaktur kann man gegenwärtig einen Triumph dieses neuen Sehens bewundern. � Es sind dort Porzellanvasen ausgestellt, die ganz gemeine Gemüsesorten motivisch � ddHHHHIHHHHHHHHHHi pkrlvericn, oüiic Mzusehr zu flilificvcn imb von den»vspriinglichcn Formen obznweichen. Und niit Erstaunen benierkt inan, ivie viel größere Wirkiin�cn ans den kräfticicn Linien und schlichten Farven dieser ordinären Gewächse heransznholeii sind, als ans dem Gcsänsel der vornehm thnende» Rosen und Pfirsichblnteir?l»i prächtigsten ist eine Vase, die nichts ist alS eine künstlerisch gebändigte— Kohlrabi» stände, zwischen deren„Strünken" ein junges Weib ein Kaninchen bei den Löffeln zurückhält, dast es die Blätter nicht abnage— ein Werk von kraftvollster Forincnschonbeit und kontr-asticrendcm zierlichsten Humor, und doch bloß eine Kohl- rabistande. Wenn wider Erwarten Herr Müllcr-Fnlda das Kalender-Patronat gegen den BerkchrSdnsel nicht iibeniehmcn sollte, so empfiehlt es fich, daff sich die Kranken Ivcnigstens verteile». Es ist ivirklich nicht nötig, daff alle Stanvgebornen in Werder unter dem Farbenznuber der Baumblüte vorzeitig wieder zn Stand werden. Auch ans den Kohl- rabigcfilden des sanft berieselten Osdorf wächst Schönheit.— _ Joe, Von dov TvelkanMellnng. Q. Nationalitätenkirmes. Da 3 Hätschelkind. Paris, 10. Mai 1900. Auf dem linken Seine-Ufer, am vielgenannten Quai d'Orsay, liegt, kokett arrangiert, die Ras des Nations, die Völkcrstraste, die wir bereits kurz erwähnten, als lvir von dem deutschen Ne- präseutationshausc sprachen. In den letzten Tagen sind die meisten ihrer Häuser dem öffentlichen Besuch zugänglich gemacht worden, und es lohnt sich jetzt, einen kleinen Rundgang zu veranstalten. MU schreiendem Pomp eröffnet Italien die Reihe, wenn man fli-st- abwärts seine Schritte lenkt; in freier Rachbildung haben die Architekten Scppi und Snlvadori den ehrwürdigen Markusdom Venedigs hier wiedergegeben; fünf vergoldete' Kuppeln über- höhen die überladene Architektur des Gebäudes, das nur aus der Ferne einen erträglichen Eindruck macht: die brutale Polizei- Wirtschaft, den übcrsticgcnen Militarismus, das grenzenlose Bauern- und Prolctarierelcnd, die schamloseste bürgerliche Korruption und eine Monarchie, die in klammernder Angst aii dem zerbrechlichen Thrönchcn hängt— das sollen wohl diese fünf Kuppeln ver- sinnbildlichen? Denn das sind die furchtbaren Leiden, an denen das schöne Land und sein unglückliches Volk rettungslos dahinsiechen. Ein neckisches Spiel des Zufalls stellte den türkischen Pavillon in die Nähe des italienischen Palastes, gleich rmd gleich gesellt sich gern! Auf der Maifeier, die uusre deutschen Parteigenossen in Paris nrit ihren nngrischcn und italienischen Kollegen einträchtig und würdig begingen, konnte man es höre», mit welchem Schmerz und welcher zehrenden Erbitterung die kernigen italienischen Proletarier von der„westlichen Türkei" ihrer Heimat sprachen, von diesem Lande, das der Garten Europas fein konnte, wenn nicht eine gefräßige Ausbcntcrkliqne es allninhlich in eine Wüste verwandelte, in dem vielbcwundcrte Denkmäler einer hohen Kultur mit gellender Stimme dem sinnigen Betrachter in die Ohre» schreien, was auf diesem Boden geleistet werden könnte. Die atifdringliche Pracht des italienischen Palastes wirkt beleidigend und abstoßend auf jeden, der die Zustände des Landes anders als mir ans dem Bädcker kennt. Aber daS ist noch nichts gegen den Versuch des bankrotten Spanien, den fremden Besuchern der Ausstellung durch falschen Schein zu imponieren I In modernisiertem htspano- manrischcn Stil(spanische Renaissance) erhebt sich da ein mächtiges Gebäude, kalt wie ein Escnrial(der Palast des finsteni Philipps II.) und heiter— wie etwa eine Bastille; trutzige Festungsformen, mit zinnengekrönten Türmen, Fenster ivie Schießscharten und Thore, an denen man ungern nur die Fallgittcr vermißt; alles über- gössen mit jener langweiligen, gelbgrüulichcn Farbe, die die Engländer durch ihre» Äahkiftoff modern zu machen beflissen sind: so repräsentiert sich die allerkatholischestc Macht Europas. llnd das Innere? Es ist zum Lachen! Mächtige Säle„mit obne waS", wie die kleinen spreelvaffergetanftcn Logiker zu sagen pflegen; weitausgelegte Doppeltreppen führen zur ersten Etage empor, Ivo unser dasselbe Schanspiel harrt, das absolute Nichts. Leerer kann überhaupt kein Raum auf der ganzen Welt sein, nicht einmal die spanische Staatskasse! Doch halt— rechts in einer Galerie mit spiegelblankem Parkett, das fackeltanzendcn Miguels eine helle Freude sein muß, blinken die funkelnden Waffen Boabdils, des letzten ManrenkönigS. Damit rühnit sich also heute noch die arm- selige Hochnäsigkeit der Hidalgos, daß ihre Vorfahren in wütendem Ringen pro v'ei xloria et virKinis lZ» Ehren Gottes und der Jnngsran Maria) daS kulturbegabtc Volk der Mauren mit Stumpf und Stiel ausgerottet und so den europäischen Westen der fruchtbaren Vereinigung mit hochstehenden orientalischen Kultur- ekeuienten beraubt haben! Im Süden SpanieuS zerfallen die fegen- schaffenden Wasserleitungen der Mauren, die dem Land eine unerschöpfliche Fruchtbarkeit gewährten, gerade so Ivie die märchenhaften KönigSschlösser,»nd bald wird der Name Alhambra mir noch auf den Schildern von Mädchenkneipen in Hafenstädten und auf Cigarettcnschachtcln weiterleben. Aber die Spanier protzen auf der Weltausstellung mit dem scinciselicrten Degen Boabdils, des letzten MaurenkönigS I... Wie wohlthucnd wirken neben diesen Zeichen einer erlogenen Pracht die schlichten Holzgcbände Schwedens und Norwegens, in denen diese arbcitssamen und frischen nordischen Nationen die Früchte ihres bescheidenen GewerbefleißeS, ihrcZ kärglichen BodenS und ihrer fischreichen Meere, Seen und Flüsse ausgestellt haben. Der ganze weltgeschichtlich bedeutsame Gegensatz zwischen germanischen und romanischen Nassen wird hier finnenfällig deutlich. Kraftvoll, doch ungefügig und des feinen Schönheitssinns noch crnmugclnd die einen, spielerisch, fantastisch und renommistisch die andern; diese haben die Herrschaft der Welt gehabt und sie verloren, jene sind im Aufsteigen begriffen und prägen der Kultur von heute ihren Stenipel ans, bis auch ihnen vielleicht die Stunde der Entartung schlägt und sie von einer andren Rasse abgelöst werden. Bleibt nur zu untersuchen, WaS daran im eigentlichen Wesenskern der Völker ruht, was mehr äußer- lichen, leichter wechselnden Umständen und Zuständen zuzuschreiben ist. Mit zwei Worten löscht nian Nationen und Nassen nicht aus dein Weltgeschehen aus und man darf hoffen, daß das romanische Element bei der Renaissance(Wiedergeburt) der europäischen Kulturvölker, die der Eocialismus anbahnt, seine segensreiche Nolle spielen wird, ihm selbst und uns zn Nutz. Ein andrer Bau zieht uusre Blicke an. Man erkennt sofort an der Anlage deS Vestibüls und an den Loggien, die das Hans um- ziehen, daß das Hans den Bedürfnissen eines südlichen KlimaS an- gepaßt ist. Die Maße sind gewaltig, das Ganze mit einem gewissen Äplomb hingestellt: der Pavillon von— man lache nicht!— Monaco. Vermutlich hatte man in den Grenzen des Fürstentums. gegen daS Renß älterer Linie ein Großstaat ist, keinen Platz für diese Nachbildung des PalaiS des Grimaldi I Monaco, ehemals der sichere Zufluchtsort mordlnstiger See- räuber, heute die Stätte legalisierter Ansranbnng inter- nationaler Nichtsihner oder Thunichtgute, erhebt Anspruch darauf, in den Reihen der Knllurnationcn z» prunken. Was doch das gleißende Gold macht! Doch warum sollte hier dieses Haus fehlen, wird doch der biedere Hauptaktionär der verrufene» Spielhölle, Gemahl der geborenen Heine, verwitweten Herzogin von Richelieu, Albert von Monaco, von den europäischen„Höfen" als Gleichberechtigter anerkannt. So respektabel wie lein Freund und guter Kunde. der Thronerbe von Großbritannien, ist er allemal noch, und wenn er auf die Ausstellung, auf die Völkcrkirmeß zieht, um für sein anstößiges Gewerbe die Rcklamc- trommcl zu rühren und gleichzeitig mit seinen dilettantischen Be- Ziehungen zur Mceresfon'ckmng zn protzen, so zeigt er nur, daß er neben seiner siirstlichcn Würde von seinen seeräubernden Vorfahren auch eine gute Dosis geschäftlicher Gerissenheit ererbt hat. DaS Spiel ist ein gut bürgerlicher Erwerb, und wenn Albert Edward von Großbritannien mit seinen Schwiegersöhnen und dein höchst ehrenwerten Chnmberlain in südafrikanischen GoldsharcS spekuliert, so wird man dem Fürsten von der Roulette seine Dividenden vom Hause Blanc u. Co. nicht vorwerfen wollen. Rouge et. noir(rot und schwarz)— hier wie dort, nur daß die Rcvolverschüsse unter den Palmen Monacos nicht so laut knallen, wie die Maximkanonen und die Creuzotgeschütze in Südafrika. Länder mit primitiver Kultur, wie Serbien, Bulgarien, Bosnien und die Herzegowina haben ihre mehr oder weniger schönen Häuser mit ihren Erzeugnisscn angefüllt; man fühlt sich um Generationen zurückversetzt, wenn man diese Räume durchschreitet, wird aber doch an allen Enden ans die Thatsachc gestoßen, daß derKapitaliSmiis seinen siegreichen Einzug in jene Länder.gehalten hat. Im Untergeschoß des bosnischen HanseS sind die Produkte der großen Wälder ausgestellt, die fast ganz Südenropa mit Holz versorgen z eine kleine Inschrift belehrt uns, daß dieser mächtige»nd volkswirtschaftlich so bedentungsvolle Holzhandel fast ausschließlich durch eine einzige Wiener Firma besorgt wird. Das kaum erschlossene Land muß seine Schätze hergeben, um den Gcldschrmik eines einzigen Kapitalisten mit Wertpapieren zn füllen; und wenn Bosniens Hügel abgeholzt sind, so wie die Berge Südfrankrcichs, Italiens, Griechenlands und Südtirols, wenn die kahlen Felsen gen Himmel starren, ans denen nicht einmal ein GraS- hälmche» mehr grünt, dann hat der Kapitalismus wieder einen Trinmph gefeiert,' das Land dort unten ist„civilificrt" und daS Volk darf HungcrS sterben. Nur kurz erwähnen wir noch die Nepräsentationsgebäude deS andren Staats: Oestrcich hat ein feines, vornehmes Landschloß im Noccocostil geschaffen, das aber neben andren, massigeren Bauten nicht recht zur Geltung kommen kann; die anspruchsvollen Ungarn — die nebenbei gesagt in der internationalen KunstnnSstellung durch eine geradezu barbarische Uebcrladuna der Wände mit den schreiendsten„Schinken" unangenehm auffallen— haben gleich samt- liche Stile, die sie in ihrem Lande auftreiben konnten, zu einem un- ruhigen Ganzen vereinigt, was vielleicht originell, sicher aber nicht schön ist. England hat sich ganz nicrkwürdig zurückgehalten, der feine Witz der Franzose» meint, es habe seinen Nachbarn gestatten wollen, z» zeigen, wie reich sie sind; ein einfaches Wohnhaus ans der Zeit Heinrichs VIII., in dem Shakespeare gewohnt haben könnte; aber das Innere zeigt Ziinmereinrichtnngen von bewundernswerter Eleganz und Bequemlichkeit. Man fängt auch bei uns langsam an einzusehen, daß die Möbel des täglichen Gebrauchs nicht notwendig häßlich zu sein brauchen, ebenso beiß man die Wände eines Zimmers mit wenig Mitteln zieren kann, wenn nur ein guter Geschmack die Hand des Dekorateurs leitet. Aber England hatte auch seinen NnSkin, seinen William Morris und hat noch seinen Walter Grane, unerreichte StimmungSkünsiler und Lebens- verschönerer, die uns so sehr noch fehlen.— Belgien prunkt mit einer Nachbildung des Rathauses von Ondcnarde, ein stolzes Beispiel reicher Profankmist in starken Städten. KflS v*.--.> n.'iVi tiiVi ti8ii>iBi!ti1r«'-ii Vi'rfö rvricktf■ r li . Hn»? ffmunrt a»? dein Aiifavft deS-XVI. Jah�uudcrts. nnd-cZ ift sint, dich inan c-Z hier lüiSliestellt hnt. de»»>vcr kennt heute jOiibcnnibc, lucr diese Perle der Vnukniist— Nuinaiiie», Griechcn- lcnid. Mexiko sind cninchinbnr vertreten: Däncurcirk hat ein liebes. anheimelndes niedcrsächfischcS BanernhanS geschaffen, so behaglich ruit seinen breiten Dachfläche» nnd kleinen Fenstern! und über der Thür der ivackere Eprnch, den. unser Echenkcndorf linS nnmdgcrecht 'gemacht hatr �Muttersprache. Mnttcrlant. Wie so tvonnesam nnd tränt. Erstes Wort, das mir erschallet, SicheS erstes Liebesioort, Erster Ton. den ich gclallet, 5tlii!gcst einig in mir fort." „Min Moddersprak." Ganz verborgen hinter üppigem FrühiingSgrü» liegt ein kleiner Van— Transvaals Pavillon, nnd danebnr eine Boercnfarm. ein- . fach und schlicht, eine tvirksnmc Dctnonstration. Der englische Thron-- folger tvill im englischen Pnvilton Wohnung nehmen, ivcnn er . demnächst die AnSslcklnng besucht i lassen ihm die Tänzerinnen der i Oper Zeit genug, so bcsicktigt er vielleicht niiib diese Farm; es ist gaNz ungefährlich, kein Lcichcngcruch. nicht einmal ein biffchen Pulver- . dampf, U-äre es amh nur ans vlindgeladeiicii Revolvern! Doch, Ivo bleibt Ruffland Die verhätschelte BundeSnation? Anffland steht nicht in der Reihe der Nationen, eS ist Kori- kixne, anffer der Reihe, anderwärts untergebracht, damit cS erst recht ans- falle. Was eS darbietet, werden wir' später sehen.— fc>, Kleines Zenillekon. bl. Schicksal.„Ach entschuldigen Tic gütigst, hält denn hier der Wagen nach der Pappcl-Allce?" Ich drehte mich nnit Es Ivar rine Fra», die nnch fragte. In der Dämmening des?!beuds konnte ich ihr Gesicht Nicht erkennen. Sie schien aber noch jung zn sein, sehr jung sogar. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Iiepliches, Mädchenhaftes. Ich sagte ihr. daß der Wagen gleich kommen würde und das; ich auch ans ihn warte. Wir blieben nebeneinander flehen. DnS„gkeilb" zog sich lange hin, das ersehnte Iveiffc Schild mit dem roten Onerstreifen kam nicht. Tie junge Frgu trat von einem Fus-, ans den andern, sie fror offenbar: ,.?!cin, aber Ivo der Wagen bleibt I lind mm muff " man noch so lange fahren, und zu Hanse lvärtcn die Kinder!" . Ich suchte sie zu trösten:„Der Wagen muff wirklich bald kommen, nnd die Fahrt gebt ja schnell, in fünfnndzwanzig Minuten höchstens sind Sic an der Pappel-Allee." Sic nickte ein paarmal und schaute gedankenvoll vor sich hin. ' Jehl, wo neben mis da? Glühlicht ansflammtc. sab ich. das; sie dir .Zähne zusammenbiff und daff'ihr junges Gesicht müde lind vergrämt ; aussah. Groffc Ränder zogen sich mit ihre Augen, die offenbar viel geweint hatten. Von einer milvihkürlichcn Teilnahme er- griffen trat ich näher zn ihr heran:„Sind Ihre Kinder denn allein?" „Ja, ganz allein, wenn ihnen man nichts passiert. Ich Hab' so 'ue Angst. Der Willh.Zwas der groffe ist,.der soll ja aufpassen, aber wen» im die andern JimgcnS ans' Ha ich rufen, dann geht er wo- inoglich auf die Straffe nnd läfft mir die jtlc'mcu allein." Tiefe Angst zitterte in ihrer Stimme. „DnS wird er schon nicht thnil, sind denn die Kleinen noch sehr klein?" „Na, der Erich ist siink Jahre und Lina. ;„Drei Kinder haben Sie?" ich nnterbracki sie elwa? ersiannt'. dieses junge, zierliche Wesen sah so gar nicht nach einer solchen Schar ans. „Bier sogar, nocki daS allcrklcinsie, das ist jehl ein halbes Jahr... Ja. das sieht mir niemaitd äii, nicht Ivahr?* Sie machte einen .Versuch zu lächeln.„Ich bin aber doch schon' ncnmmdzivnuzig nnd zehn Jahre verheiratet. Ich Hab' ancki»och viel besser ausgesehen. jcht ist da? aber man so so— voii das viele Weinen. Als mein Mann noch lebte.. sie brach ab, Thräncn stürzten ans ihren Augen. Ich nahm nmvillkiirltch ihre Hniid:„Sic haben Ihren Mann verloren?" „Donnerstag vor vier Wochen," sie sah gn mir vorbei in daS Straffentleiben nnd mit demselben verlorene» Blick fuhr sie dann fort:„Ganz gesund iS er weggegangen nnd ans'in Mittag bringen Sc'n mir nach Hans, war von'S Icriist gefallen und gleich tot..." Ich antloockctc ihr nicht, ich Iviiffic nichts zn sagen bei solchem .'Leid,.sie sprach aber selber weiter,'„lind fo'u guter Mann, wie er 'war, und immer man so xnm um mir und die Kinder lind nie nich a steine weggegangen!" Sie stöhnte ans. " In demselben Moment kam der Wagen. Wjr stiegen ei». Es Ivar Plast im Innern, und so sesttc ich mich neben sie. „Da haben Sie cS aber schwer."'Ich sagte es nur, tun wenigstens etwas zu sagen. ,.Ach ja", sie! nickte nieder,„und wenn ich's nur wäre— aber sehen Sie, die Kinder. Elinas krieg' ich ja auf sie von der Stadi. aber die paar Mark. daS langt doch»ich— kg um, daff sie satt werden, iiiiS ich näh' 1111 Vlnscii, aber da hat man doch auch»ich itjtrtmttvcitliajer Reoacieur. Paul John in Berlii viel, und, wo einen noch die sklcincii immer dazwisck-en krabbeln. lind denn hat auch der Doktor gesagt, ich sott nicht, sonst tonn ich man in'nein Jahr ins Krankenhaus..." Ich fragte sie, ob ihr denn der Ehef ihres Mannes nickit eine Iliitcrstüstimg gäbe. Sic zuckle geringschätzig die Achseln.„Ach der —'» rückständigen Lohn hat er mir gegeben und noch.'» Tag ab- gezogen, Ivo mein Mann gefehlt hat. ja. und denn hat er gesagt, er wollte mir helfen, daff ich die slindcr ins Waisenhaus kriege. und ich ivar' doch'ne hübsche junge Fraii.-und würde doch bald Eencn finden� der siir mir sorgt, ich sollt' mir man iimthim. schliefflich bliebe mir ja doch nichts weiter übrig— ach!" Ihre Augen begänne» zornig ZU fnilkeln, ihre Rechte tränipfte sich zn- saminen. Nach einer Weile fing sie von neuem an:„Und sehen Sie. cS iS auch überall dasselbe— egalweg. Ich habe mir schon so viel lvohin gewandt, an so viel Vereine und auch an'ne Stiftmig. aber immer, wenn man denkt, da kann man waS kriegen, denn iS irgend ibaS. loarnm sie einem nicht Helsen können, und da is man zn slliP. lind die geben blvff an Kinderlose lind die andern mir zu Weihnachten oder so Iva? Uli° bloff mit uns werden soll?" Sie brach ab amd starrte ans die Stxaff» hinanSi-ans ihren Augen tropften Thränen, ein Bild de? Jammers sas; sie da. In meinem Herzen regte es sich, eine Art ohnmächtiger Gxiimn. dqff ick ihr selbst nicht helfen konnte. Ich gab ihr die Adresse eines Vereins, der ihr doch noch vielleicht zn nützen vcnnöchtc. Das ivar alles, was in meiner Macht lag. Sie nahm sie dankend an, aber sie schüttelte den Kopf:„ES wird auch nicht viel helfen". Er hat auch nicht viel geholfen. Ich habe mich später erkundigt. sie ist dagewesen, man hat ihr ei» paar Mark gegeben und sich dann nicht weiter um sie gcliiumiert, daS lag ja nicht mehr in den „Intentionen" des Vereins.— Völkevkiiude. k. Italienische Amulette Eine Sammlung von Aiimlctle» hat Professor Giuseppe Vellnni in Perugia in einer Reihe von Jahren zusammengebracht. Vor kurzem hat er einen beschreibenden Katalog derselben veröffentlicht, die für den Forscher- eine reiche Fundgrube bietet. Wie die soeben erschienene„Zeitschrift für Ethnologie" mitteilt, uinfafft der Katalog 027 Nummern; iiiaii konnte sie zum Teil mir mit großer Mühe von den Besitzern, die sich in ihrem Schutze sicher fühlten, erhalten. Die Amulette bestehen ans Mineralien, Metall. Glas. Bernstein, Gagat. Zinn, ans dem ganze Tiere oder cinzcliie Ticrglieder hergestellt winden: ferner an? Knochen, Zähiien, Hörnern, Krallen. Haaren, Eonchtzlie», Korallen, ganzen Pflanzen oder cinzelucn Pflaiizcuteilcii, Wurzeln. Knollen, '■Zwiebeln, Holz. Rindcn, Früchten und Samen. Eine groffe Rolle spielen die Blitzsteinc, die meistens prähistorische durchlochte oder imdnrchlochte Steinäxte und Pfeilspitzen sind. Sic sollen im allgemeinen gegen Blitzschlag schützen. aber die imdiirchlochteu Steinäxte und Picilspitzcn sind überhaupt glückbringende Amulette und ein Schutz bei' Krankhertcu und Be- hcxnngc». Die Steinäxte köimcn.. Ivenu sie am Körper angehängt sind, Nierenleiden heilen. Tie glciche Bcdentnng haben Serpentin- stücke und' der Nephrit, der bereits im Altertum von dieser Wirkung seinen Namen bekomme'.: chat. Serpentin heilt auch die Bisse giftiger Tiere, der Schlange, Salamander und Spinnen, besonders auch die der Tarantel und den Slorproiistich. Es gicbt Blutpeine, die Blntungcu stillen, imd Milchstemc. die die Milchsckretion befördern. Klappcrsteiue schützen bei der Niederkirnst. Zahllose Amulette existieren, die vor dem bösen Blick und dem Hcxcnzaubcr bewahren! andre schützen die Kinder vor Krämpfen imd vor unglücklichem Fallen. Von besonderem Interesse sind ein Paar Stücke von einem Mcnschcnschädcl. die ihre Besitzer und Träger, vor epileptischen Anfällen schützen solle». Iriuc Reihe von Amuletten heilt die Rose oder den Grützbeutcl, bringt Glück auf der Jagd und bewahrt vor Vcrsuchnngeii deS Teufels.— HmuoristncheS. — I in Z or u. Der etwa? zerstreute Herr Aktuar soll den Pcler einvernehmen, der imdentlich spricht und schlecht hört. DaS bringt den Beamten fast biS zur Verzweiflung. Schon zum zehnten- mal hat er den Erschienenen um seinen Namen gefragt, ohne den letzteren zu verstehen.„So schreiben Sie mir Ihren Namen ans!" schreit er endlich und hält ein Blatt Papier hin.— ,,I' kann nct schreiben!" imumclt der andre ängstlich._—„Ha!" brüllt der Aktuar wütend,„dann m n ch e n S i c d r c i K r e n z e!"— Der Bittsteller beeilt sich, dem Auftrag nachzukommen.— Da kraut sich der Beamte bcrlcgcn hinter dem Ohr»nd starrt die drei Kreuze an.„Jetzt weiß ich e r st recht nicht brummt er,„wie er heißt!"— — Seine Ansicht. A l t e r I n 11 g g c s c l l c(beim Anblick eines HochzcitszngSs:..... Wie man sich mir den schönen Sonntag so vcrderb-eii iann!"— — Armer K c r l. Der llciiie Maxl kommt heulend heim. „Ick, Hab' nocki.leinen Geburtsschein gebracht!" jmstmc.rt er.„Wenn ich ihn morgen nicht bring', iverd' icli gestraft!". Die' Mama.erinnert fich,. daff sie vergessen: da? Zeugnis dem Jungen mitzugeben....Kleiner Tollpatsch", sagt sie lächelnd,„wenn Dn dahcrkoimiist. sehe n sie doch, d a ff D n g e b o r e n b i st!" „Ja".. heult Raxl nocki lauter,„aber toeim ich keinen Schein Hab', g l n n b c n sie m i r's j a n i ch t!"—_(„Flieg. Bf") . Druck uit» Betiaa von Max Bading m Berlin.