Mnlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 97. Sontttag, den 20 Mal. 1S0V lZiaibdruck«erboten.) »71 Auferfleszung. Roman von Leo T o l st o j. Jetzt ober kam er zu der Entscheidung, dast, wenn ihm auch die Reise nach Sibirien und der schwierige und ver- wickelte Verkehr mit der Gefängniswelt bevorständen, wozu unbedingt eine Stellung in der Gesellschaft und namentlich Geld nötig war. er dennoch die Dinge nicht in ihrem frühereu Zustande lassen könnte, sondern sie zu seinem Nach- teil ändern mustte. Deswegen beschloß er. das Land nicht selbst zn bestellen, sondern es für einen billigen Preis den Bauern zn geben und ihnen die Möglichkeit zn verschaffen, vom Gutsbesitzer unabhängig zu sein. Mehr als eimnal hatte Nechljndow, bei einer Nebeneinanderstellung der Lage eines Gutsbesitzers und der eines Besitzers von Leibeignen, das Hingeben von Land an die Bauern anstatt der Bearbeitung desselben durch Arbeiter, mit der Maßnahme ver- glichen, die Besitzer von Leibeignen trafen, welche ihre Bauern vom Frondienst zur Zahlung eines Zinses überführten. Darin lag nicht die letzte Entscheidung der Frage, aber es war ein Schritt zur Entscheiduilg: nämlich der Uebergang von einer gröberen zu einer milderen Form des Besitzes von Menschen. So war er denn auch gewillt zu handeln. Nechljndotv kam in Ltusnünskoie gegen Mittag an. In allem seine Lebensweise vereülfacheud, hatte er nicht tele� graphiert, sondern an der Station einen Tmantaß nnt zwei Pferden genommen. Der Fuhrmann war ein kleiner, junger Bnrsch in Nankingunterziehcr, der unterhalb der Taille in Falten gegürtet war; er saß nach Fuhrmannsart seitwärts auf dein Bock und unterhielt sich um so lieber mit deur Herrn. als, so lange sie sprachen, das zerschlagene, lahme, weiße Deichselpferd und das bauchciige, hcrzschlächtige Seiteupferd un Schritt gehen komite», was sie immer sehr gern thatcn. Der Fnhnnann erzählte vom Verwalter in Ävsminskoie, da er nicht wußte, daß er den Besitzer führe. Nechljndow hatte es ihm absichtlich nicht gesagt. „Dieser seine Deutsch«;- sagte er. sich mit ciuer halben Wendung zu seinem Fahrgast umdrehend und den Peitschen- stiel bald unten, bald oben cnvischcnd,„hat sich ein Drei- gcspann von Iiabcllc» angeschafft und führt mit seiner Hausfrau ans, als wenn sich's so gehörte. Im Winter, Weih- nachten, war ein Tannenbaum im großen Hanse; ich habe auch Besuch hiugefahrctl; wurde hübsch beschert. Im ganzen Gonverneuicnt sieht man so etwas nicht wieder! Der hat Geld znsaunnengeschant— schrecklich 1 WnS kümmert er sich darum: kann machen, waS er will. Es heißt, er hat sich eine schöne Besitzung gekauft." Nechljudow hatte geglaubt, er sei ganz gleichgültig da- gegen, wie der Deutsche seine Besitzung verwaltete und wie er Nutzen daraus zöge. Aber die Erzählung deS Fuhrmanns mit der langen Taille war ihm unangenehm. Er freute sich über den schönen Tag rnid die dichten, dunkel erscheinenden Wolken, die bisweilen die Sonne verdeckten, und die Felder, über denen Lerchen aufstiegen, und die Wälder, die schon von oben bis unten mit frischem Grün bedeckt waren und die Wiesen, ans die schon das Bich und die Pferde getrieben waren, und die Accker, auf denen man Pflüger er- blickte— und ganz allmählich fiel ihm ein, daß ihni etwas Nnangenehmes passiert war, und als er sich fragte, waS?— dachte er wieder an die Erzählung des Fuhrmanns darüber, wie der Deutsche in Knsnnnskoie»virtschaftete. In Knsnnnskoie angekommen, machte Nechljndow sich an sein Geschäft und vergaß dieses Gefühl. Die Durchsicht der Wirtschaftsbücher und sein Gespräch nnt dem Buchhalter, der ganz naiv die Vorteile eines geringen Landbesitzes der Bauern und der Umschließung des Bauern- landes durch Herrenland hervorhob, bestärkte Nechljudow noch mehr in seiner Absicht, die Wirtschaft aufzugeben und das ganze Land den Bauen: zu überweisen. Aus den Wirtschafts- büchern und der Unterhaltung mit den: Buchhalter erfuhr er. daß zwei Drittel des besten Ackerlandes wie früher von eignen Arbeitern mit vervollkommnetem Gerät bestellt, das übrige Drittel Land aber von Bauern gegen fünf Rubel Pacht per vier Morgen bearbeitet wurde; d. h. für fünf Rubel ver- pflichtete sich der Bauer, dremml zu pflügen, dreimal zu eggen und vier Morgen zu besäen, dann zu mähen, zu binden, in Hocken zu setzen und zur Dreschtenne zu fahren, d. h.: Arbeiten zu verrichten, die bei allerbilligster Bezahlung mindestens zehn Rubel per vier Morgen kosteten. Die Bauern bezahlten aber mit ihrer Arbeit für alles, was sie nötig hatten, im GutScomptoir die allerhöchsten Preise. Sie arbeiteten für Wiesenland, Waldland, Kartoffelkraut, und fast alle waren dem Gutscomptoir verschuldet. So erzielte man für das hinter den Feldern gelegene Land, das den Bauern verpachtet war, per Morgen einen viermal so hohen Preis, als bei einer Berechnung von fünf Prozent Zinsen Nlöglich war. Alles das hatte Nechljudow auch früher gewußt, aber er erkannte es jetzt wie etwas Neues und wunderte sich nur darüber, wie er und andre Leute, die sich in seiner Lage befanden. die Regelwidrigkeit solcher Beziehungen nicht hatten sehen können. Die Darlegungen des Verwalters, wie das ganze Inventar in: Handumdrehen ruiniert würde, so daß man es nicht für ein Viertel dessen, was es ge- kostet, verkaufen könnte, wie die Bauern das Land ver- bürden, überhaupt, wiediel Nechljudow bei der Uebergabe des Landes an fdie Bauern einbüßte, bestärkten diesen nur in der Ueberzeugung, daß er ein gutes Werk thäte, wenn er den Bauern das Land gäbe und sich eines großen Teiles seiner Einnahmen beraubte. Er beschloß, die Ange- legenheit sofort zu erledigen. DaS ausgesäte Getreide ernten und verkaufen, das Inventar und die überflüssigen Gebäude verwerten— alles das mußte der Verwalter später besorgen. Jetzt bat er den Verwalter, für den nächsten Tag eine Ver- sanunlung von Bauern der drei Dörfer anzuberaumen, die von Kusmmskischem Lande eingeschlossen waren, um ihnen seine Absicht zu erklären und sich über den Preis zu einigen. In: angenehmen Bewußtsein seiner Festigkeit gegen die Darlegungen des Verwalters und seiner Bereitwilligkeit, den Bauern Opfer z» bringen, trat Nechljudow aus dem Komptotr. überlegte den bevorstehenden Schritt, ging rings um das Haus Herrin:, zwischen den Blumenbeeten hindurch, die in diesem Jahr vernachlässigt waren(der Blumengarten war gegenüber dem Hanse des Verwalters angelegt), über den cichorienbcwachscnen Laivntennis-Platz und durch die Linden- Allee, wo er gewöhnlich seine Zigarre rauchte, und wo vor drei Jahren das hier zum Besuch be- findliche, hübsche Fräulein Kirimolva mit ihm herum- getändelt hatte. Nechljudow überlegte in aller Kürze die Worte, die er morgen den Bauern sagen wollte, und ging dann zun: Verwalter. Hier erwog er beim Thee nnt ihn: noch einmal die Frage, wie das ganze Anwesen veräußert werden könnte, vollständig ruhig und zufrieden mit dem guten Werk, das er für die Bauern zu thun sich anschickte, und trat dann in das für ihn hergerichtete Zimmer im großen Hause. das immer den Gästen angewiesen wurde. In diesen: kleine::, sauberen Zimmer nnt Ansichten von Venedig und einem Spiegel zwischen den beiden Fenstern stand ein sauberes Spruugfederbett und ein Tischchen mit einer Karaffe Wasser, nnt Streichhölzern und Lichtlöscher. Auf den: große:: Tisch bei::: Spiegel lag sein offener Koffer, aus den: sein Neiseneceffaire und Bücher hervorguckten, die er mitgenommen hatte: ein ruffisches— Versuch einer Untersuchung der Gesetze über Verbrechen, und ein deutsches und ein englisches Buch über denselben Gegenstand. Er wollte die Bücher in seiner freien Zeit während der Reisen aus die Dörfer lesen, aber jetzt fühlte er sich bei ihrem Anblick von diesen Gegenständen sehr scrn. Eiue ganz andre Frage be- schästigte ihn. Im Zinnner stand in einer Ecke ein uralter Lehnstnhl aus Mahagoniholz mit eingelegter Arbeit, und der Anblick dieses Lehnstuhls, der in: Schlafzimmer seiner Mutter ge- standen hatte, erweckte in seiner Seele plötzlich ein::n» erwartetes Gefühl. Ihm that plötzlich das Haus leid, das einfallen würde, und der Garten, der veröden, und die Wälder. die niedergeschlagen würden, und all die Viehhöfe, Pferde- ställe, Gerätschuppcn, Maschinen. Pferde, Kühe, die— wenn auch nicht von ihm— dennoch, das wußte er. mit solch großer Mühe unterhalten waren. Früher hatte es ihm leicht geschienen, auf alles das zu verzichten, aber jetzt that ihm nicht nur alles das, sondern auch das Land und die Hälfte der Einkünfte leid, die er jetzt so nötig haben konnte. Und alsbald erschienen zu seiner Nutcrstützung Gedanken, aus denen hervorging, daß es nicht verständig wäre, und man das Land nicht den Bauern geben und seine Wirtschaft zu Grunde richten müßte. „Land darf ich nicht besitzen. Wenn ich aber kein Land besitze, kann ich nicht diese ganze Wirtschaft aufrecht erhalten. Außer- dem fahre ich jetzt nach Sibirien und habe deswegen weder Haus noch Habe nötig." sagte eine Stimme.„Alles das ist so," sagte eine andere Stimme,„aber erstens bringst du nicht dein ganzes Leben in Sibirien zu. Wenn du heiratest, kannst du Kinder bekommen. Und wie du das Besitztum in ordentlichem Zustande empfangen hast, ebenso mußt du es auch abliefern. Es giebt Verpflichtungen gegen das Land. Alles weggeben und vernichten ist sehr leicht, aber das Einrichten ist sehr schwer. Die Hauptsache ist, du mußt dein Leben überdenken und dir schlüssig werden, was du mit dir beginnen willst, und dann dementsprechend mit deinem! Eigentum verfahren. Ob du dann Wohl aufrichtig vor deinem Gewissen so handelst, wie du eben handelst, oder es der Leute wegen thust, imi von ihnen gelobt zu werden?" fragte sich Nechljudow und konnte nicht unihin, sich einzugestehen, daß das, was die Leute über ihn sagten, auf seinen Entschluß von Einfluß Ivar. Und je mehr er dachte, um so niehr und immer mehr Fragen tauchten auf, und um so unlösbarer waren sie. Um diesen Gedanken zu entrinnen, legte er sich in das frische Bett und wollte einschlafen, um morgen mit klarem Kopf die Fragen zu entscheiden, mit denen er jetzt nicht zurecht kommen konnte. Aber er konnte lange nicht einschlafen; durch das offene Fenster drang mit der frischen Luft und dem Mondlicht Frosch- gequak, untermischt vom Schlagen und Flöten von Nachtigallen, in der Ferne, aus deni Park, und einer Nachtigall in der Nähe unter dem Fenster in einem aufgeblühten Syringenbusch. Beini Anhören der Nachtigallen und Frösche dachte Nechljudow an die Musik der Jnspcktorstochter; dann dachte er an den Inspektor, und an die Maslowa. Dann be- gann der deutsche Verwalter sich zu den Fröschen herabzu- lassen. Man mußte ihn zurückhalten, aber er glitt nicht nur hinab, sondern verwandelte sich in die Maslowa und begann ihn zu schelten:„Ich bin eine Zuchthänslerin und Sie ein Firrst." Nein, ich ivcrde nicht nachgeben, dachte Nechljudow und Wachte auf und fragte sich:„Thue ich etwas Gutes oder Schlechtes? Ich weiß nicht, morgen werde ich es erfahren." Und er selbst begann dorihin hinabzugleiten, wohin der Ber- Walter und die Maslowa geglitten waren— und da hörte alles auf. Zweites Kapitel. An: andern Tage wachte Nechljudow um nenn Uhr ans. Als der junge Gutsschreiber, der sich beim Herrn beliebt zu machen suchte, hörte, daß dieser sich rührte, brachte er ihm die Schuhe, die so blank waren, wie noch niemals, und kaltes reines Quellivasser und meldete, daß die Bauern sich der- samnicltcn. Nechljudow sprang vom Bette auf und besann sich. Von den gestrigen Gefühlen des Bedauerns darüber, daß er das Land fortgäbe und die Bewirtschaftung aufhören ließe, war keine Spur mehr vorhanden. Er erinnerie sich nüt Erstannen an jene Gefühle und begann sich eiligst anzukleiden, voll Freude über das Werk, das ihm bevorstand, und unwillkürlich stolz darauf. Aus seinem Zimmer konnte man den mit Cichorien be- wachsencn Lawntcnnis-Platz sehen, auf dem sich die Bauern nach Anweisung des Verwalters versammelten. Die Frösche hatten gestern nicht umsonst gequakt. Es war trübes Wetter. Seit früh morgens ging ein stiller, warmer Regen ohne Wind hernieder und hing in Tropfen an Blättern, Aesten, Gräsern. Im Fenster stand außer dein Friihlingsduft noch der Geruch von rcgcndurchsickcrtcr Erde. Nechljudow schaute beim Ankleiden'mehrmals ans dem Fenster und sah, wie die Bauern sich auf dem kleinen Platz versammelten. Einer nach dem andern kamen sie heran, be- grüßten einander, stellten sich im Kreise auf und unterhielten sich, auf ihre Stöcke gestützt. Der Verwalter, ein voll- blütigcr, kräftiger Mann in kurzer Jacke niit grünem Steh- kragen und großen Knöpfen, kam, um Nechljudow mitzuteilen, daß alle vcrsannnclt wären; sie würden aber warten— Nechljudow niöchte erst Kaffee trinken oder Thce. beides stände bereit. „Nein, ich gehe lieber zu ihnen," sagte Nechljudow und verspürte ganz uilerlvartet ein Gefühl von Schüchternheit und Scham bei dem Gedanken an die bevorstehende Unterhaltung mit den Bauern. Er ging daran, einen Wunsch der Bauern zu erfüllen, den sie nicht einnial zu denken gewagt hatten— ihnen für billigen Preis Land zu geben, das heißt, er wollte ihnen eine Wohlthat erweisen, und darüber schämte er sich fast ein wenig. Als Nechljudow zu den versammelten Bauern trat und sich die blonden, krausen, kahlen und grauen Köpfe entblößten, wurde er so befangen, daß er lange nichts sagen konnte. Der Regen fiel weiter in feinen Tropfen herab und blieb an den Haaren, Bärten und rauhen Kaftans der Bauern hängen. Die Bauern schauten den Herrn an und warteten, was er ihnen sagen würde, aber er war so verwirrt, daß er nichts sagen konnte. Das verlegene Schweigen unterbrach der ruhige, selbstbewußte deutsche Verwalter, der sich für einen Kenner russischer Bauern hielt und schön und richtig russisch sprach. Dieser starke, übernährte Mann bildete ebenso wie Nechljudow einen erstaunlichen Gegensatz zu den mageren, runzligen Gesichtern und den unter dem Kaftaii hervorstehenden mageren Schultern der Bauern. „Da, der Fürst will Euch Gutes thun, Euch Land geben, nur seid Ihr es nicht wert," sagte der Deutsche. „Wir sind es nicht wert, Wassili Karlytsch? Haben wir nicht für Dich gearbeitet? Wir waren sehr zufrieden mit der verstorbenen Herrin, Gott Hab' sie selig, und der junge Fürst läßt uns auch nicht zu Grunde gehen," begann ein rötlicher Baueru-Schönredner. „Wir sind von dem Herrn nicht gekränkt, nur mit dem bedrückten Leben ist es so eine Sache," sagte ein andrer breit- schulterigcr Mushik mit großem Barte.„Es ist zu eng zum Leben." „Desivegen habe ich Euch gerade gerufen, weil ich Euch, wenn Ihr es wünscht, das ganze Land geben will," sprach Nechljudow. Die Bauern schwiegen, als hätten sie ihn nicht verstanden oder glaubten ihm nicht. „Das heißt, in welchem Sinne das Land geben?" fragte ein Bauer von mittleren Jahren im Unterkleid. „Ich will es Euch verpachten, daß Ihr es gegen geringen Zins benutzt." „Ein sehr gutes Werk," sagte ein Alter. „Wenn rnau nur den Zins bezahlen kann," sagte ein andrer. lFortsetzung folgt.) Sottttfckgsplm»devei. Wenn mir meine Frau eines Slbcnds ankündigte, sie habe mir als desondre Delikatesse das Ei des Kolumbus pflnmncnlvcich gekocht; wen» der Graf Piicller das gute Schwert des Damoklcs zücken und mit seiner Schärfe dem ewigen Inden ins Gesicht fahren winde; wenn der Abgeordnete Rvrcn bei der Frau Wirtin an der Lahn Chambrcgarnist werden würde und in Spiritus den Schwan der Lcda bei sich führic; wenn morgen bei Sonneuauf- gang Aphrodite dem Schaum des Seebads Wilmersdorf entsteigen würde und die rosenfingrige Eos alS Vlumenmädchen im AuSstellnngS- park fungierte! wenn Finst Hohenlohe in der Herberge des Gewcrk- schaftshauses iibcrnachtenund die Große Berliner Stratzeubahugesellsaiaft auf jegliche Dividenden und Tantieme» verzichten würde so fände ich an all' solchen Begebenheiten nichts Erstaunliches niehr. Ich glaube an alles und halte nichts mehr für immöglich, seitdem die Götter auf die Erde gestiegen und leibhaftig unter uns wandeln. seitdem der abstrnlle Begriff Fleisch und Blut angenommen und eine mythologische Vorstellung körperlich in Zeit und Raum zwischen den Häusern' Berlins lebt. Mit schauernder Ehrfurcht wähiite ich bisher, daß er als Schutz- gcist von Handel und Verlehr, als Gott des sensationellen Kapitalismus, als Dünion der Annoncen, Plakate- und Marktschreier, als Hüter der Loknlanzcigcr und Wochen hinter den Sternen all- mächtig waltete. Bricht in Timbukt» einem Negerknaben ein Milch- zahn aus— der Sterneiigeist weht das Geschehnis gewaltig an, nud Kabeltelcgramme von Extra-, Eigens-, Special-, Sonder- Korrespondenten verkünde» in später Nachtstunde»»mittelbar vor Schluß der Ncdaktion. daß die halbe Vevölkermig Afrikas das Opfer eines Massenritualniörders und gewohnheitsmäßigen BlutsänferZ geworden. Eine Operettensängerin wird gegen 20 M. Monatsgehalt an dem berühmten Theater hinter Riga engagiert— der Dämon bläst »nd wir erfahren von der großartigen russische» Tournee der Operetten- diva Mnmpitzelli, die für jede gesuugene Note fünftausend Rubel erhält. Ein Maler schenkt seiner Tanle Raummangels halber ein Oelbild von der Schlacht bei Salanns— ans der gehemmisbolle» Höhe iveht es— und>vir hören, wie der große Kunstfreund Notschild das Meistergemälde frisch vo» der Staffelei für eine so fabelhafte Summe erstände« habe, das; selbst er die Schuld nur in ratenweiser Abzahlung zu tilgen vermochte. Ei» Grohgrnud- besitzer fühlt das dringende Bedürfnis, seine Einuahmeu zu steigern, er fleht gen Himmel, und ans dem unsauberen Getreidezoll wird eine Rettung des Vaterlands vor unergründliche» Gefahre». Zwei fürstliche Vetter» besuchen sich, weil sie just nichts andres zu thun haben— die Wunderposaune dröhnt und>vir stehen erstaunt an einer Wende der Menschheitsgeschichte. Diese nnbefiegliche,»»- erschvpfliche elementare Macht erhebt Vaumwolle zu Seide, gesnszte Schwefelsäure zu edlem Markobrunner, Diebstahl zu Fleiß, Betrug zu Genie, sie verivandelt eiu Bordell in einen Tempel, sie adelt schmutzige Gier zu lautcrem Patriotismus, sie verivandelt schmähliche Niederlagen i» strahlende Siege, sie multipliziert jede Zahl mit Tausend, sie erzeugt die Mütter, die fünfzig lebendige Kinder zu haben pflegen, die Bazarmädchen, die ans reinstem WohlthntiglcitSdrang mit Cigarren- taschen handeln, solvie die Heiligen, die sich über Nuditätcn ernstlich empören. Ein auf dem Kamm blasendes Kind ivächst unter ihrem Wirken zu einem Doppel-Ricsen-Orchcstcr, ein brutaler Staatsbeamter zum Helden aller Zeiten, ein Spekulant zum Befreier der Menschheit, ei» klebriges chemisches Gemisch zu einem Ivunder- wirkenden Nährstoff, eine Nichtcrlaune zur Gerechtigkeit, eiu Schtvindelpapier zu einer KurShöhe von 7(10. Quell und Inbegriff aller Jlluflonetl, Gankelkünste, Uebcr- treibnngen, Heucheleien, schreiender Aufdringlichkeiten und lärmender Aninnßtiiigcn— ältester und modernster aller Götter— Dein Raine sei getrommelt, gepfisfen, millionenfach gedruckt und ewig nützlich im Munde geführt:--- Barn um I »» * So faßte ich bisher das Ei» und Alles des amerikanischen Pantheismus auf. Barnnm Ivar für mich die Wcltscclc der kapitalistischen Erscheinungen. Wenn hui» hinter den spottbilligen Schleier der Maja blickte, so drang»um zu dein Wesen aller Dinge, zu dem kapitalislischcn Dinge an sich, z» Bann»», der gleichsam im Hauptcomptoir dieses verrückten Warenhauses, daS man Eide nennt, hockte. Die von ihm offenbarte Religion kannte n»r zlvci Gebote: Mache Geld— Mache Reklame, auf daß Dil Millionär werdest und Du lange schivindclst auf Erden. Die Barnumisten waren für mich der EinhcitS- und Saminelbegriff sämtlicher Konfessionen. Ob sie an Mohammed glaubten oder Buddha, an Laotsec oder MoscS— die hadernden Gläubigen versöhnten sich im Kultus Barnunis. Welche Erschütterung aller meiner Vorstellungen ninßtc da ent- stchcn, als ich durch die Thatsache belehrt Ivurde, daß dieser Geist ein menschliches Wesen ist, daß er leibhastig existiert, daß er sogar einen Coinpagnon hat, Schanbndenbesitzcr ist»»d Entree nimmt. Er hat niit sünf Pcncc das Licht der Welt erblickt und ist durch die bekannte eigne Kraft Millionär geivorden. Diese» Weg hat er in einer Lebensbeschreibung selbst dargestellt und nußerdem in einem lleiiie» Druckheft die Welt die„Kunst, Geld zn machen gelehrt", „Tiio Art of Money-getting, or Ilints and Helps to Make a Fortune". Ich habe mir das Heft gekauft und weiß mm, wie— andre Geld machen. llud dieses menschlichen Barnnmö LebcnSiverk ist gegenwärtig zn Berlin in der Nähe des Bahnhofs Savigny-Platz zu bestaunen. Noch einen zivcitcn Sturz aus ineiuen Illusionen habe ich erleben müssen. Dieser Barm»» ist nickit»nr kein Geist, sondern seine Thätigkcit entspricht auch nicht dem Geist, der an den Lauten seines Namens nun einmal haftet. Er ist ein ganz reeller Geschäfts- mann, der nicht mehr verspricht, als er hält. Ich hätte mir die Ankündigung der Barnmuscheu Schaustellniig anders vorgestellt. Etwa so: Das Hanptzclt ist so groß, daß die Leimvand genügen tvürde, um sämtliche Soldaten der Welt ein Jahrzehnt lang täglich mit frischen Hemden und Fußlappen zu versehen. Um den nötigen Vorrat an Säge» mchl zu erhalten, sind zehntausend Quadratmeilen eines tlrivaldcs erster Qualität abgeholzt worden. Für die Lieferung deS zur Vergoldung der Menagcriewagen nötige» Metalls arbeiten ausschließlich die Minen von Kalifornien, Alaska und Transvaal. Eigene Fabrik menschlicher Monstrositäten, Tag und Nacht in Betrieb, Maschinen von einer Milluude Pferdekräfien, jährliche Produktion allein an zusannnciigcwachsencn Zivillingen SO OOO. Große Elephanten-Brnt- anstalt, Leistung: täglich ca. 4000 Stück. Nicscn-Accnniulatoren von Witz, Kraft, Schönheit. Das Publikum Ivird einer Spannung von durchschnittlich 100 000 Volt ausgesetzt. ES lvird gebeten, die Menschenfresser weder zu reizen»och zu füttern. Neu, neu I Der Hcinzcmensch oder die vereitelte Pvtiphar— mit seinem von Natur angewachsenen Loden-Havelock— größtes Wunder sittlicher Züchtung— eine Billion Pfund Sterling dem, der den Mautel auszuziehen Barnnm verschmäht solche nnlviirdigru Kniffe. Er sagt mir, was ist. Und es ist schwer genug, ihm das nachznetzählctr. Es ist die alte gemütvolle deutsche Schaubude ins Amerikanische übersetzt; es ist der Jniperialisnms der Speeialitätcupolitik. Das Lcimvandzelt, das grell-bunte Plakat, die menschliche Monstrosität, die wildfremde Völkerschaft, der Athlet, der Seiltänzer, das dressierte Bich— das ist auch bei BarmimS Schaustellniig gebliebeit.' Aber er begnügt sich nicht mit einem sünsfüßigcn Kalb, mit ei nein müh- selig angestrichenen Feneresser, mit einer Diotimö, dem stärksten Weib der Weit— er handelt nur en gros und produziert alles dutzend- und hundertivcise. Das ist die Anbetung der großen Zahl, die Vcrehning des Massenhaften, die in der Hänfling der Reize die alleinige Wirkung sucht. Der anicrikanische Geschmack beginnt erst zn erivache», wen» ein Almeccorps ans ihn einwirkt. ES müssen hundert Elephante» sein und tausend Pferde, und in jedem Augen- blick müssen ein halb Schock Lnftspringer gleichzeitig den Ziischancr mit der prickelnden Erivartnng möglicher Genickbrüche ersüllen. Ein geivöhnlichcr Cirkus begnügt sich mit ein paar Clowns. Baruum hat ein ganzes Parlament von Narren, Komikern, Spaßmachern, Einfaltspinseln, Schlingeln, Augusten, HanSwürsten, Gauklern, Possen- rcißcrn, Griniassenschneidern, Tangeuichtscu. Faxenmachern, Tölpeln, Sonderlingen— der sprachliche Reichtum Shakespeares blüht in Bnrnnnls Programmheften, lind diese— mit mit dem Programm zu reden— feinsten, reichsten, kostbarsten, wahrhaft bezaubernden, einzig dastehenden, graziösen, erstaunlichen, erschütternden, linmdcr- baren, kühnen Prodliltioncn folge» sich nicht nur in atemloser Hast, sondern sie bieten sich nebeneinander an. Gscichzeitig vollführt der Japaner Koman den„erschütternden Rutsch auf eiiieni dünne» Seil von dem höchsten Punkt der Decke bis zu», Boden" und drebt sich Möns. La Roche in der gehcinmisvollen Luftkugel auf- und ab- ivärts. Gleichzeitig jonglieren intelligente Seehunde mit brennenden Fackeln, tanzen Schiveiue, hopsen Assen, ringt ein Bar mit einem Menschen, spaßt ein Hahn mit einem Hund. Man denke sich Cirkus Busch und Schumauu versöhnt in einem Raum, und unter Zuhilfc- uahuie der Bühnen des Apollo-Thenters, Wintergartens, Opern- Hauses, Rcsideuz-Thcaters und des preußischen Herrenhauses drei Stunde» mit den vereinten Künsten anssülle». es bliebe— an Barnnm gcmesscu— immer noch Raum für die Tugend- und Wasser- sprünae der Ceutrnmspartei. »» Die menschliche» Monstrositäten habe ich mir nicht angesehen. Ich habe einen schleckitcu Geschmack und scheine lieber schöne, junge, normale Menschenkinder, als den Jndier Lalloo, dem seine Schwester Lallaa cingcivachsen ist, oder eine bärtige Frau, einen Pndclmeuschen, eine armlose Japanerin. Bei der Hänfnng der Monstrositäten in Barmnns Schaukolonic müßte ich zudem soviel Gläschen Cognaks bei der Besichtigung zn mir nehme», daß ich fürckten würde, für immer dein Cognakismns zu verfallen. Es scheint indessen Leute zn geben, die auch ohne Zuhilfenahme von Cognnk derlei Ausschreitungen der Natur zn ertragen verstehen. Die größte menschliche Monstrosilät hat übrigens Barnum bisher sich entgehen lassen: jenes menschliche Wesen, daß fähig ist, alle Darbietungen der grüßten Schaustellung der Erde lebendig anfzn- nehme»; eS soll eine Art Hydra sein, der nach jeder Programm« nummcr zwei neue Köpfe a vier opcrnglasartig verfeinerten Auge» ivachsen. Nur ein so ausgerüstetes und beivchrlcs Geschöpf kann den Kampf mit Barnnm ausnehmen.— Joe. Kleines Feuillekon. g. Die süße» Auge». Je weiter der Abend vorrückte, desto animierter winde die Slinunung. Die Herren zündeten ihre Cigarren an. Die Damen kamen ans ihrer Reserve heraus. Die Gesichter röteten sich, die Stimmen wurden lauter, ab und zn erklang ein schallendes Lachen. Der Professor kam auf eiiie» Vortrag zn sprechen, den er in einem Francnvercin gehört habe. Seine Stimme nahm einen entrüsteten Klang an:„Und können Sie sich denken, dann sagt diese Person ganz ungeniert, den Frauen müßten alle Getuetc des Wissens»nd des Erwerbs offen stehen; die Frauen überall— solch ein Blödsinn!" Die Herren stimmten ihm lachend bei:„Könnte ja etlvas schönes werden!" „Man hat schon genug daran, daß sie jetzt ihre Nase in alles stecken." „Ach, das sind solche verrückten Weiberideen, war wohl'»e alte Jungfer, die's gesagt hat?— Ja?— dann freilich." „Ich finde aber gar nicht, daß sie so sehr unrecht hat." Die Malerin, die sich bisher schivcigcnd verhalten, richtete sich auf, ihre Augen blitzten: „Nein, icki finde nicht, daß sie unrecht hat. Die Frau ist doch ein Mensch, ivic der Mann. Warum soll sie nicht so wirke» können, ivie es ihre Individualität ihr vorschreibt?" „Der Frau sind Schranken gezogen, mein gnädigstes Fräulein l" „Der einzig richtige Wirkungskreis der Frn» ist das Hans!" „Ja, da hat Herr Doktor Heinrichs Recht, bravo. Herr Doktor Heinrichs!" Die junge Lientnantslvitioe klatschte in die Hände und ivarf einen trunmphiereudcir Blick auf die Malerin. Das Fräulein hielt ihn ruhig aus:„Und wenn die Frau im Hanse keine Befricdi- gung findet?" „Sic bat sie aber nur im Hause zu finden— ja ivohl, nur im Hanse!" Doktor Heinrichs runzelte die Brauen:„Was ist denn überhaupt daran schuld, daß sie sie nicht mehr darin findet? All' diese Verrücktheiten, die man sie jetzt lehrt, in de» Büchern, in den Vereinen— überall. Wissen Sie ivas? Das echte Weib hat gar fvin Ckhnen nackl rinmt WirimigSkrcis ans, er den, Hanse. diese Thäii�keit im össentlickeu Lebe»— das vernichtet das iveibliche Schamgefühl, das cntivnrdigt die Fran!" .Ich kenne sehr viele Franc». die im öfsentlickien Leben stehen und ihre weibliche Würde bewahren.' Die Malerin spielte nervös mit ihrer Fächcrkctte. .Es fragt sich nur, was man imter weiblicher Würde versteht." Der Professor nahm von neuem das Wort.—.Dah es durchaus anständige Franc» sind— natürlich, das mnß ich ja zugeben. Aber scbcit Sie. das können Sic doch nicht bestreiten, dieses ungeniert« Znsammentvirken mit dem Mann, das stnnipft ab. macht«»empfind- lich, das nimmt der Seele jenen Adel, jenen feinen Hauch, den wir gerade beim Weib schätzen." .£>, aber..." „Nein»ein, kein Aber, gnädiges Fräulein, Herr Professor hat recht!" Doktor Heinrichs nickte dem Nachbar zu.„Die Frau, die im vsientlichen Leben steht, lernt mehr— tveifi mehr, sie weih alles. Sie können sich nicht denken, wie peinlich es für den feinfühlenden Mann ist, mit einer solchen Fran zusammen zu sei». Es verletzt, ja es verletzt geradezu, wenn man sieht, ivie ungeniert die Damen heut über all' mid jedes reden und selbst die natürlichste», die ge- heinlsteu Regungen der Seele kritisch erörtern und—' „Ra, ich finde, es verletzt viel niehr, ivcnii sie uichlS lernen und bloh ans den Mäiinersang gehen." Die Augen der Malerin blitzten streitlustig aits. Die'Damen brachen in ein empörtes Lachen anS:„Ans den Männerfang— pfni— aber solch' ein Wort!" „Wenn ein junges Mädchen heirate» will, ist das doch ganz natürlich!" „Entschieden besser, als wenn sie Medizin studiert und mit den Studenten zusammen all' solch' gemeines Zeug anhört." „Ich finde eS besser, sie hört mit den Studenten, wie die Ratnr znsmninenhäirgt, als dah sie sich an den ersten besten Man» weg- lvirft, bloh»mi siir's Leben Nahrung mid Wohnung zu haben." „Aber das ist einfach brutal"— dir Lienteiiniitswitwe schlug die Hände znjcimmen. „Nein, einfach wahr." erwiderte die Malerin. „Und eS werden doch auch die mcijlcu Heirate» ans Liebe gc- schlössen." wars die Prosesjorin ein. „Die allermeisten—»uilürlich l" Der Professor nickte,„Das ist einfach Unsim«, wenn man die Liebe abstreiten tvill." „Ist es auch— sehe» Sie mal meine Fran und mich an"— Doktor Heinrichs wars sich lachend in die Prujt—„wie wir uns lttbe»—" nicht ivahr, Mäuschen?" Die junge Frmi, welche i» all' dein Stimurenwirrw« schweigend gesesien, lächelte schüchtern. Er legte den Arm um ihre Schultern: Ja, wie wir nnS lieben l Das ist gar nicht zn sagen, wem» ich abends nach Haus komme— dann macht sie mir immer Augen— ach l Stige»!... Mach mal deine sühen Augen. ViänSchcn In die Wangen der jungen Fran stieg ein dunklcS Rot. sie fitchtr sich seinen Nrinei» zu eiittvindeii:„Aber Ernst— ach nicht doch, Ernst I" Er zog sie fester an sich heran, in seiner Stimme lag ein rauher, beinah drohender Klang:„Mach Deine sühen Augen!" lind während die junge Frau»hin mit glühendem Gesicht einen schmachtenden Blick zuwarf, jubelte die ganze Gesellschaft:„die sähen Augen I— ach, die sühen Augen!"— lk. Chari». Zwischen der Haltestelle Chorin der Stcltiiier Bahn nud der Gegend von Liepe, Brodowii, und Odcrberg am Stand« der weite» Odeniiedernng erstreckt sich cii» uckerinärkische» Waldgebict von einer klrsprnnglichkcit nud Schönheit, wie es, mit Ans»ahme von Freienwalde, im Umlreis von Berlin nicht zum zloeiteninal'angetrosien wird. Der Strom der AnSslnglcr weiidet sich freilich zum größten Teil aus der am Bahnhof vorbeifnhrcndcn an- genehmen Ehausiee den kann, dreiviertel Stniideii ciilfernte» sehr inter- essantcn Rninen der alten Cistcrcicuser-Abtei zn und kehrt abends»vicder zum Bahnhof zurück, ohne den Weg ins Innere des Waldgcbiets gemacht zn haben. Und doch giebt es nicht leicht etlvnS Lohnenderes! Der Sinine gerade gegenüber ziocigt bon der Chanssee ein Weg ab. der ansteigend nach kurzer Zeit in einen Biichenhain einbiegt»nd aits der Strecke»ach dem Forsthans Liepe die reichste Ablvechselnng bietet. Denn das ganze Waldgcbret ist stark hügelig nnd fchluchtenrcich nnd fast fortwährend wechseln unter den Hallen- artigen Laubgewölbci, der Buchen mit Felsbköcken bestreute Waldrücken mit tiefen Senkmigen ab, von deren Grund ein Waldtcich heransgrnht. Es ist die sogenannte uckerinärkische Endmoräne, der Endwall eines riefigen Gletschers, den die EiSzeit uns als Geschenk ziirückgelasseii hat. Als hoher Wall durchzieht er mit seinen Anszweigunge» das Waldgebict, überall durch zerstreute grnnbcwachfcne Blöcke seinen Lanf bezeichnend. Der kalk- reiche Schutt, der die nordischen Gesteine und Gesteinstrüminer vcr- bindet, bildet die Grmrdlage für das Gedeihen der Buche. Der oben bezeichnete Weg ist fast der einzige, durch Wegtveiser näher bezeichnete. Wer sich weiter hineinwagen>oill, der darf anhcr einer Generalstabskarte auch den ütoinpah ilicht vergesse» nnd er mnh anch sonst ctlvas von einen» Pfadsinder an sich haben, will er sicher sein, nicht bisweilen ftnndcnlaitg im»reise umher zn irren. Denn mäandrisch fast schlängeln sich die Waldwege hier durch- rinmider und spotten der Geradlinigkeit der gewohnten Gestelle, die uns sonst im Walde auf die rechte Spur zu leiten BeranrworNicher Redacreur: Pank John in Berln pflegen. Ab und zu finden wir Gcsieiiisblöcke so zahlreich bei einander, dah mir uns in eine Gebirgslandschaft versetzt fühlen. Reihenweise folgen bisiveilen die kleinen Waldteiche aNseniauder nnd nicht selten entzieht die üppige Stranchvegetation am Liande sie unsren Blicken ganz. Bald flattert eine wilde Ente ans. bald könne» wir von weitem den Schwarz- oder Buntspecht bei seinem eifrigen Hämmern beobachten, bald wieder belustigt uns das Vcrsteckspiel, das ei» Eichhörnchen mit uns treibt. Sonst sehen wir stundenlang keine lebende Seele, kein Laut dringt in den Waldes» frieden und iiiir der Lockruf eines Waldvogels durchbricht bisweilen die Stille.— — Da? brennende Meer von Baku. Dem„Prometheus" wird geschrieben: Wenn man»ach Südosten ans dem Hafen von Baku hin- ausfährt, so kommt man nach einstündigcr Fahrt bei den Naphthabobr- türmen des Tatarendorfs Vibi Eibat vorbei mid wird von den» Boots- führcr auf eine Anzahl von Punkten ansmerksani gemacht, an denen sich das Meerwasser beständig in wallender und wirbelnder Bewegung befindet. Es sind Quellen von Naturgas, ivie nimt sie früher am Ufer zur Speismig der porfischen Altarfeuer, heute in chemischen Fabrilen zur Destillation der Noh-Naphtha und zn»» Kalkbrennen benutzt. Am Abend entzündet der Schiffer mit einem»nphthagetränkten Wergballen die Quell engase; eine hohe gelbe Flamme huscht dann über weite Wafferflächen, sich bald erweiternd nnd bald zujanunenichtviudeiid. Darüber himucggleitende Dampfer löschen die Flninmeii gewöhnlich wieder, so dah diese„ewigen Feuer" heute dort nur»och in de» Fabriken glühen. Im Parscntcmpel wird daö„civige Feuer' daselbst nur noch auf Wunsch»nigieriger Reisenden gegen ein kleines EinlritlSgcld entzündet: er hat, da an der Stätte das Naturgas versiegt ist, mit einer Zukeilniig verschen ivcrdcn innsscn. Diejenigen, tvelche in ihrer Wohnung niit Gas kochen. Pflegen sich diese Steuer nicht mehr auszulegen. Lie transit gloria mucdi! kann man mich hier sagen. denn die Parscntcmpel mit den ewigen Feuer» bildeten noch vor hundert Jahren eine große Sehenswürdigkeit.— Technisches. gr. Niesen- S ch li e I l z n g s- L o k o u» o t i v e. Ans der Pariser Weltansstellnng ist eine Ricsen-SchncllzngS-Lokomotivc zn sehen, die mit einem zweiachsigen Drehgestell nntcr der Stauch- kaunncr, einem einachsigen hinter der Feneri'üchse und zwei steif ge- knppetlen Triebachsc» versehen ist. Die Triebräder mit l.87 Meter Durchmesser werden durch eine innen liegeiidc Zivcicylinder-Verbnnd» inaschine migetriebc», tvährcud zur Erhöhung der Zugkraft beim An« fahren und zur Ilebenvindmig starker Steigmigen im vordere» Drehgestell eine Borspannatbic angebracht ist. Dieses in verlikalenr Sinn bewegliche Radpaar mit 1 Meter Durchinesser wird ans ebene» Streben durch eine Federauordnnng über de» Schienen schwebend erhalten nnd erst bei tlcinercii Geschivindigkcite» als 4ä»iloinctcr pro Stnnde mit Dnnipsdrnck an die Schienen gepreßt und durch eine zweictiUndrigeZmilliiigsmaschiue g«! rieben. Durch diese patentierte Ein- richlnng soll einerseits die znrllebcrwindnng voninchralScinprozcniige» Steigungen bei Schnellzügen mit inebr als 150 Tonnen Belastung benötigte Porjpainnnaschin« gänzlich erspart, andrerseits den dreifach gekuppelten vierchlindrigen Schnellzngmaichinen gegenüber rii» rationellerer Dampf- und ttohlenverbranch erzielt werden, Antzerdeni ist beabsichtigt, bei möglichst ruhigem Gang der Lokomotive, wozu zur Bcrnicidinig des Schljngcrns eigene, bisher nicht angewandte Borkebrnngeu getroffen sind, die Geschwindigkeit bis zn lüO Kilometer pro Stmidc zu steigern. Das Dienstgeivicht der Maschine belrägt 08 Tonne», das Adhästonsgewicht W,2 bcziv. l»ei eingeschalteter Borspannachse 4l.li Tonnen, Eine ähnliche Sckmcll- zug§-Lvkvniotive(mit jedoch nur einer ireicn Triebachse nnd ge- riiigcrer Zngkrastj ist seil drei Jahre» bei der bayrischen Stnatsbahn in Berivendiing. Diese Lokomotive mit dem vierachsigcn Tender hat zwischen den Puffern die beträchtliche Länge von fast L0 Metern. Wenngleich also die Lokomolivtechnik bestrebt ist, ihre Erzengnijse sortgesetzt be- deutsan» zn ucrbcsjcr», so dürste dadurch dennoch der erstrebenswerte Fortschritt, welcher in der Anwendung elektrischer BetriebSkrast bei Schwebebahnen, riiischienigrn Gleitbahnen aus ebener Erde sowie bei Hoch- und Ilntcrgrnndbahncn bcitebt, nicht zurückgedrängt werde». da diese Betriebsart nnficr sonstige» Vorteile» bedeutend höhere Fahrgcichwindigkcit gewährleistet.— Öuiitorifküdici. — Ein guter Mensch. Bauer szn dem, als Freier er- schieneneu Doist'chustcr):„Es thut mir leid. Schuster, dag Di' die Eenzi»et ivi»— aber schau, zwingen kann i' das Madcl halt»et I Damit Du aber den Weg»et ganz umsonst g'macht hast, kannst D' mir a' Paar Stiefel anmessen!"— — Be rdä cht»g R ä t i n sgchciinniSboll):..... Ich muff Ihnen etwas erzähle», Fran Inspektor!... Können Sie schweigen?" Frau Inspektor:„Welche Frage!.,. szn einer andern Dame, die sich eben empfehlen tvill):„Worten Sie doch noch, beste Freundin— ich habe Ihne» nachher noch ctivns mitzntcilcii!"— — Gute Geschäfte. Eh ef:„Nun habe» Sie viele Auf- träge mitgebracht?" Reitender:„Ja. Die einen wünschen. Sie sollen nicht mehr doppelt so viel schicken, als sie bestellen, die andren, Sic sollen nicht so sehr ans Zahlung drängen I"_ . Druck um Beriaz von Utas«aving in Berlin