Zlnterhaltungsblatt des «Ter. 102. DiellStag. den 29. Mal (Nachdruck verböte».) Ä2j Attferstelzung. Nomaii von Leo T o l st o j. Nechljudotv sprach vor allen Dingen seine Ansicht über Grundbesitz aus. „Land dnrs man," sagte er.„meiner Meinung nach tveder verkaufen noch kaufen. Denn»venu man es verkaufen darf. so kaufen die,»velche Geld haben, das ganze Land auf und nehmen dann von denen, die keinS besitzen, für das Recht, es zil benutzen, so viel sie»vollen. Sie nehmen schließlich noch Geld dasiir, daß man auf der Erde steht," schloß er»nit Be- Nutzung eines Arguments Von Spencer. „Das einzige Mittel ist, sich Fliigel anbinden und fliegen," sagte der Alte mit lachenden Äugen und»veißcm Barte. „Das stimmt," sprach der Langnnsige in tiefe»»» Baß. „Genau," sagte der gelvcsene Soldat. „Ein Weibsen hat Gras für die Kuh gerupft: die ist abgefaßt— kommt ins Loch," sagte der lahme, gutmütige Alte. „Unser eignes Land reicht fünf Werft weit, und cttvas binzupachtcu— damit ist gar nicht anzrikmnmen: haben den Preis so in die Höhe geschraubt, daß»nan nie auf einen grünen Zweig koinmt," fügte der zahnlose, böse Alte hinzu. „Sie drehen Bindfadei» ans uns; schlimmer als im Frohn- dienst." „Fch denke ebenso»vie Ihr," sagte Necbljudolv,„und halte es für Sünde, Land zu besitzen: da will ich Euch min das Land abtreten." „Nun, das ist ein gutes Werk." sagte der Alte»nit den Haarzotteln, augenscheinlich in der Aimahnie, daß Nechljudotv es verpachten wolle. „In der Absicht bin ich eben hergekommen: ich selbst»vill kein Land mehr besitzen: da muß man nun überlegen,»vie man cS los wird." „Schenk' es doch einfach den Bauer»»," sagte der zahnlose, böse Alte. Nechljudotv wurde im ersten Augenblick Vertvirrt; er fühlte a»ls diesen Worten Zlvcisel an der Aufrichtigkeit seines Vor- Habens Heralls. Aber er hatte sich sch,»ell wieder gefaßt und benutzte diese Bemerkung,«in das auszilsprechcn, was er eben sagen wollte. „Ich wäre bereit, es zu verschenken," sagte er. aber wem und»vie? Welchen Bauern? Wann» Eurer Gemeinde und nicht der Djeiuinskoier?(Das war ein Nachbardorf mit bettel haften Landparzellen.> Alle schnüegcn. Nur der ehemalige Soldat sagte:„Das stimmt." „Nun also," meinte Nechljudotv.„sagt mir: wenn Ihr nun das Land au Bauern verteilen solltet..»vie»viirdet Ihr das machen?" „Wir»vir das machen würden? Wir würden das ganze Land gleich»näßig nach der Seelenzahl verteilen," sagte der Töpfer schnell, die Brauen hebend und senkend. „Ja, gewiß, nach den Seelen verteilen," bestätigte der gutnliitige, lahme Alte in»veißen Fußlappen. Alle bekräftigten die Entscheidung und hielten sie für be- friedigeud. „Wie nach den Seelen verteilen?" fragte Nechljndow. „Soll das Hofgesinde auch Land bekommen?" „Hin keinen Preis," sagte der ehemalige Soldat und be- »nühte sich, fröhliche Zuversicht in seinem Gesicht ausztldrückeü. Aber der bedachtsame, hochgetvachsene Bauer war damit nicht einverstanden. „Wenn man cinnlal teilt, muß man allen zu gleiche»» Teilen geben," autivortete er nach kurzem Nachdenke»» in feinem tiefen Baß. „Das geht nicht," sagte Nechljudotv, der seine Er widerung schon vorbereitet hatte.„Wenn man das Land allen gleichmüßig ztitcilt, so»verde»» alle, die selbst nicht ar beiteu, auch nicht pflügen, sondern ihren Anteil nehmen nud an die Reichen verkaufen. Da>»n kommt das Land»viedernm bei den Neichen z»lsain»nen. Und bei denen, die auf ihrem Anteil fitzen, werden,»vieder Meiikchen geboren, und ts 1900 dann ist das Land schon vergriffen, lind wieder»Verden die Reiche»» diejenige»» in die Hand bekommen,»velche Land nötig haben." „Das stiinmt," bestätigte der Soldat gcschlviild. „Man nmß verbieten. Land zu verkaufen, und jeder muß es selbst bebaneii," sagte der Töpfer, den Soldaten ärger- lich initerbrcchcnd. Hierauf erwiderte Nechljudotv, daß man unmöglich aus- passe»» könnte, ob jemand für sich oder für einen andren pflügte. Da schlug der hochgeivachsene, bedächtige Mushik vor, es so einzurichten, daß alle als eine Genossenschaft den Acker be- stellten, lind»ver dieses thäte, der bekäme seinen Anteil. Wer aber nicht pflügte, der bekäme nichts, sagte er in seinem entschiedenen Baß. Gegen dieses kommunistische Projekt hatte Nechljndow ebenfalls Argumente bereit. Er envähnte, hierzu sei nötig. daß alle Pflüge hätten, daß die Pferde gleich»varen, und daß die einen nicht hinter den aiidern zurückblieben: oder daß säintliche Pferde, Pflüge, Dreschmaschinen und die ganze Wirt- schaft Gemeingut»vären. lim das aber einzuführen, müßten alle Lmte damit einverstanden sein. „Unser Volk bringst Du in» Leben nicht zur Einigkeit," sagte der böse Alte. „Das giebt fortivährend Zänkereien," sagte der Alte mit »veißem Bart und lachenden Augen.„Die Weiber kratzen sich gegenseitig die Augen aus." „Die Hauptsache ist dann, daß man den Boden nach seiner Beschaffenheit verteilt," sagte Nechljudotv.„Wozu soll der eine Marschboden erhalten, der andre aber Thon und Sand." „Man muß cS in kleine Abschnitte zerlege»», da»i»it alle gleichmäßig bekoinmen." sagte der Töpfer. Hierauf erividerte Nechljndow,„daß es sich nickt um eine Teilung in einer Gemeinde, sondern»»»»» Landteilungen in verschiedenen Gouvernements handle. Wenn man den Bannm das Land umsonst gäbe, so»vürden die einen g»lten, die andern schlechten Boden bekomnien. Es trügen aber alle Ver- lai»gen nach gnten» Voden". „Das stimmt." sagte der Soldat. Die übrigen schwiegen. „Also die Sache ist nicht so emfach, wie es scheint." sagte Nechljndow.„Ucber diesen Gegenstand denken wir»»icht allein nach, sondern viele Leute. Da ist ein Anierikaner George, der hat etlvas ailsgedacht. den» ich beistimme." „Aber Dn bist doch Herr: also gieb Du das Land nur ab. Was brauchst Dn Dich»»»»» aiidre z»» kümmern. Dein Wille geschieht"— sagte der ärgerliche Alte. Diese Unterbrech»mg machte Rechljudow verwirrt: aber er bemerkte mit Genugthuung. daß»licht er aNein mit dem Dazivischenredenden nnznfrieden tvar. „Wart doch, Onkel Ssemen, laß ihn erzählen," sagte der bedächtige Mushik»nit seine»»» eindringlichen Baß. Das crnmtigte Nechljndolv. Er begann, ihnen das Projekt der„single tax" Henry Georges zu erklären. „Das- Land gehört nienumde»»», cS ist Gottes Eigeutun»," begann er. „Das ist richtig; daS stimmt." ertönten einzelne Stimmen. „Alles Land ist Gemeingnt. Alle haben gleichen An- sprnch ans de» Boden. Aber es giebt besseres und schlechtes Land, lind jeder»vünscht dnS gute in Besitz zu nehmen. Wie soll man da Verfahren,»im alles auszugleichen? Etiva so, daß derje>»ige. der gutes Land besitzt, dem, der nichts hat, so viel bezahlt,»vie sein Land»»»ert ist," gab sich Nechljudo»» selbst die Antwort.„Da aber schwer zu bestimmen ist,»ver einen» etlvas bezahlen muß. und da für Bedürfnisse der Gc- »neinde Geld gesammelt werden muß, so verfährt man so. daß derjenige/ der Land besitzt, an üia Gemeinde für alle Be- dürfnisse dasjenige bezahlt,»vas sein Land wert ist. So»vird die Verteilung für alle gleich. Willst Du gutes Landbesitzen. so bezahlst Dn für das gute mehr, für das. schlechte weniger. Willst Du nichts besitzen, so bezahlst Dn gar nichts. Die Gcmeindelasten»verde» für Dich vo»» denjenigen getragen, die Land besitzen." „Das ist gerecht," sagte der Töpfer und l'cwegte die Aiigcilbranen.„Wer besseres Land hat. der muß mehr bezahlen." „War ein schlauer Kopf, dieser George," sagte der wohl- gestaltete Alte mit den Zotteln. „Nur müßte die Bezahlung in jedermanns Kräften stehen," sagte ini Baß der Hochgewachsene, der offenbar schon voraus- sah, worauf die Sache hinauslief. „Und die Bezahlung darf nicht zu hoch und nicht zn niedrig sein... Ist sie zn hoch, so wird sie nicht entrichtet, und es giebt Verluste: ist sie aber zu niedrig, so werden alle Land kaufen und damit Handel treiben. Dieses selbe wollte ich nun bei Euch vornehmen." „Das ist gerecht und billig. Da ist nichts dabei," sagten die Mnshiks, die jetzt völlig verstanden, um was es sich handelte, und Ncchljudow beistimmten. „Ist doch ein Schlaukopf!" wiederholte der breit- schultrigc Alte mit den Zotteln.„George l Was der sich aus- gedacht hat!" „Wie wird's aber, wenn ich Land zu nehnren wünsche?" sagte der Verwalter lächelnd. „Wenn ein freier Anteil da ist, nehmen Sie ihn und be- arbeiten ihn," sagte Nechljudow. „Was willst Du damit? Du wirst auch so satt," sagte der Greis mit den lachenden Augen. Damit endete die Beratung. Ncchljudow wiederholte noch einmal seinen Vorschlag, aber verlangte jetzt keine Antwort, sondern gab den Rat, mit der Gemeinde Rücksprache zu nehmen und dann zn kommen und ihm die Antwort zu überbringen. Die Mushiks sagten, sie würden mit der Gemeinde sprechen und die Antwort bringen. Dann verabschiedeten sie sich und gingen in erregtem Zustand fort. Untenvegs hörte man noch lange ihr bereits sich entfernendes Gespräch. Und noch spät abends summten ihre Stimmen und drangen von: Dorf her auf dem Fluß entlang. #« * Andren Tags arbeiteten die Mushiks nicht, sondern er- örterten den Vorschlag des Herrn. Die Gemeinde spaltete sich in zwei Parteien: die eine bezeichnete das Anerbieten des Herrn als vorteilhaft und ungefährlich, die andre sah in ihm einen listigen Betrug, dessen Wesen sie nicht begreifen konnte und den sie deshalb ganz besonders fürchtete. Allein zwei Tage darauf willigten alle in die angebotenen Bedingungen ein und kamen zu Nechljudow, um ihm den Beschluß der ganzen Gemeinde mitzuteilen. A"f diese zustimmende Antwort war eine Erklärung von Einfluß gewesen, die von einer Alten abgegeben, dann von den Männern angenommen worden war und die jede Befürchtung eines Betrugs von feiten des Herrn ausschloß. Sie bestand darin, daß der Herr an sein Seelenheil dächte und deswegen so handelte. Bestätigt wurde die Erklärung durch die großen Geld- spenden, welche Nechljudow während seines Aufenthalts in Panowo verteilt hatte. Diese Spenden, die er in Panowo verteilte, waren dadurch veranlaßt, daß er hier znin erstennial den Grad von Armut und Not des Lebens kennen lernte, bis zu welchem die Bauern gelangt waren. Er erschrak derartig über diese Armut, daß er— wenn auch im Bewußtsein, eine unvernünftige Handlung zu begehen— gar nicht anders konnte, als das Geld hingeben, das er jetzt in besonders großer Menge besaß, da er für den schon im vorigen Jahre in llusniinskoie verkauften Wald Bezahlung und außerdem noch Handgeld beim Verkauf des Inventars erhalten hatte. Sobald die Leute erfuhren, daß der Herr de» Bittstellern Geld gäbe, begannen wahre Volksmengen, namentlich Frauen, aus der ganzen Umgegend zu ihm zu strömen und um Unterstützung zu bitten. Er wußte einfach nicht, was er nnt ihnen anfangen und wie er die Frage entscheiden sollte, wie viel und wem nian etwas geben müßte. Er fühlte, daß es unmöglich sei, den bittenden und augenscheinlich armen Leuten nichts von dem Geld zu geben, das man selbst in Menge besaß. Aufs Geratewohl aber denen geben, die ihn baten, hatte keinen Sinn. Das einzige Mittel, aus dieser Lage herauszu- kommen, bestand darin, daß er abreiste. Und das zu thun, beeilte er sich jetzt. Am letzten Tage seines Aufenthalts in Panoloo ging Nechljudow ins Haus und niachte sich an die Durchsicht der hier zurückgebliebenen Sachen. Hierbei fand er in der untersten Schieblade eines den Tanten gehörigen Mahagoniputzschrankes mit Ausbuchtungen und Messingringen an Löwenköpfen viele Driese und zwischen ihnen ein Gruppenbild: Sosja Jwanowna, Jekaterina Jwanowna. sich selbst als Student und Katjuscha, rein, frisch. hübsch und lebensfreudig. Bon allen Sachen. die im Hause waren, nahm Nechljudow nur die Briefe und dieses Bild an sich. Alles andre überließ er dem Müller, der auf Fürsprache des lächelnden Verwalters das ganze Haus in Panowo mit sämtlichem Mobiliar für ein Zehntel des richtigen Preises auf Abbruch kaufte. Wenn Nechljudow jetzt an das Gefühl des Bedauerns über den Verlust seines Eigentums dachte, welches er in Kusminskoie erfahren, so wunderte er sich darüber, wie dieses Gefühl ihn hatte überkommen können. Jetzt empfand er unaufhörlich Freude über seine Befrening und ein Gefühl der Erneuerung, ähnlich demjenigen eines Reisenden, der ein neues Land entdeckt. Zehntes Kapitel. Die Stadt kam Nechljudow bei seiner diesmaligeu Heim- reise besonders seltsam vor und berührte ihn wie etwas ganz Neues. Er traf abends, als die Laternen angezündet waren, vom Bahnhof in seiner Wohnung ein. In allen Zimmern roch es nach Naphthalin, und Agrafcna Petrowna nebst Kornei empfanden beide Acrger und Verdruß, ja zankten sich sogar wegen des Aufräumens der Sachen, deren einzige Verwendung ihrer Meinung nach darin bestand, daß man sie auf die Leine hängte, trocknete und wegpackte. Nechljudows Zimmer war nicht besetzt, aber auch nicht in Ordnung ge- bracht, und der Zugang zu ihm lvar durch Koffer versperrt: Nechljudows Ankunft hatte offenbar eine Störung in der Beschäf- tigung verursacht, die infolge eines sonderbaren Beharrnngs- Vermögens in dieser Wohnung vollführt wurde. Alles das erschien Ncchljudow nach den Eindrücken ländlicher Not wegen seiner offenbaren Unsinnigkeit, an der er selbst einst teil- genommen, so unangenehm, daß er beschloß» schon andern Tags in ein Gasthans überzusiedeln; Agrafcna Petrowna sollte es überlassen bleiben, mit den Sachen aufzuräumen, wie sie es für nötig hielt, bis wann seine Schwester einträfe, die endgültig über alle im Hause befindlichen Gegenstände verfügen würde. (Fortsetzung folgt.) Mttjiknlifche Volke. Seit nnsren letzten Ueberblicken über den Stand des Berliner Miisiklebens ist manches vorübergezogen, was in andren Verhältnissen wohl eine Ansmerlsninkeit verdient hätte, hier aber kaum etwas Neues zur Kenntnis der Mnsikdinge beiträgt. So sind wir denn obne Kummer vorbeigegangen a» den altgewohnten amüsante» Er-- innernngen, die der eine Vertreter derFamiliengenossenschnft Strauß, Eduard, wiedernin durch seine Wandcrkonzcrte gegeben bat, und denen demnächst ähnliche Konzerte seines Sohnes Johann III., eines der „kommenden Männer", folgen werden; vorbei an den Paraden der Konservatorien, so gutes wir auch an einem Konzertabcnd des„Eichelbe rgschen" und an einem Opcrnabend des „Stern scheu", besonders gesangStcchnisch, zu hören bekamen; vorbei mich an der Gelegenheit, anläßlich des Todes von Hermann L e v i an den„Generalmnsikdirektor" und Wagnerveteranen in München zu erinnern, der die dortige» Mozart-Anfführungen so süß und seinen Unterkapellnicistern das Leben so sauer mache» konnte. Was uns an den musikalischen Vorführungen in Berlin während dieser Zeit näher angeht, ist der Umstand, daß sie zu den nn- vergleichlich höher geachtete» winterlichen Konzerten keineswegs in so weitem Gegensatz stehe», wie es zunächst scheint. Satirische Äugen mochten in ihnen vielleicht nur eine Travestiernng jener erblicken. Das Programm noch bunter, die Nummeni noch zahlreicher, das Publikum»och mehr durch gesellschaftliche Rücksichten zusammen- gebracht als dortl Den Haupttypns dieser somnierlichen Konzerte bilden die Abende oder Nachmittage von einzelnen und von vereinigten Gesangvereinen. Sie versammeln meist ein großes Vettern- und Bummler- Publikum uni sich, das durch sein lautes Interesse daran, daß heute etlvas los ist. den, sachlich Interessierten das Zuhören nn, so schwerer macht, als ja diese Konzerte mit ihre», Zuviel des Nicht-Gnten sowie mit ihren Verzögerungen und Pausen für den Berichterstatter eine Geduld- probe zn sein pflegen. So möge z. B. die„Sänger- Vereinigung des Westens", die in der Philharnwnie mit angesehenen Solisten ein reichliches Programm gab, uns nicht ob Ue'berhebnng schelten, daß uns das Ablvarten ihrer Hauptnnmmer» nicht mehr möglich war. Etwas anders sind die Gastkonzerte fremder Vereimgungen, die irgend eine nationale oder sonst specielle Musik in die Welt herum- trägen. So wenig darin meist das Künstlerische vor der Specialität aufkommt, so müssen wir von unsrer Gleichgültigkeit gegen die stets üppige Flut solcher Unterhaltungskonzerte doch eine Ausnahme machen zu Gunsten der amerikanischen Militärkapelle von S o n s a, die jetzt bei Kroll spielt. Herr Sousa, in ähnlichen Kon- zerte» als Koniponist nicht ganz»»bekannt, führt uns ei» Orchester von KS Mann vor. dessen Vedcntnng in seine» unS zun» Teil etwas fremdartigen Jnstrnmenten liegt. Der Hauptsache»ach finden wir hier allerdings die bekannten Familien von Blnsinstrnnicnten nnd die typische Zusmnmensetzung des Militärorchesters wieder. Den Grundstock der höheren Stimmen bilde» auch hier die(etwa zwölf) Klarinetten, nach oben ergänzt durch Flöten und Oboen, nach unten durch Alt« und Babklarinette» sowie durch Fagotte. Etwas anders konstruiert find die meisten Blechinstrumente, auch abgesehen davon, das; sie zum Teil aus andenn(weißem) Blech als dem sonst ge- Wöhnlichen Messingblech bestehen. Die trompetenähnlichen In- strumente treten hinter den Kornette» und Bügelhörnern zurück. Nach diesen acht hohen Bläsern kommen die ge- wohnten mittleren Bläser, die die eigentlichen Hörner und die sechs Zugposannen, daneben auch Seitenstücke zn den Baßklnrinctte», die ähnlich wie diese knieförmig oder tabalspfrifenartig gebogen sind. Am eigentümlichsten und reichsten erscheinen die Tuben vertreten. Ztvei Exemplare der Baßtuba oder des EuphonimuS zeichnen sich durch je fünf oder sechs Ventile nnd je zwei Stürzen(Schaübecher) aus, eine größere und eme Neinere. Dahinter dann drei Bombardons oder Wohl Kontrabaßtnben und � ein noch riesigeres Instrument. etwa als Monstre» Kontrabaßtuba oder(weil um de» Hals gehalten) als Moustrc-Helikon zn bezeichnen, das in drolligen Klangwirkungen tvohl am anffälligsteii zur Geltung kommt. Die Siblaginstnuncule sind die bekannten, doch nicht von so wesentlicher Bedeutung tvic in der türkischen Musik. In manchen Nmnmern treten Solisten auf, darunter ein Posamienbläser, der seinem Instrument nngeivohnte Koloraturen l!) entlockt. Daß ancki sonst zahlreiche Klangiuipe gemacht werden, ist natürlich. Hinter all' dcni stehen»im die vorgeführten Kompositionen selber tveit zurück; sie kommen über eine ziemlich grobe Mache nicht hinaus. Sie nach dem Programm z» erkennen, war durch die jeder Nummer rasch folgende» Zugaben und durch Verschiebungen fast»»- möglich. Unter den Zugaben kehrte«in schnelipoltaartiges Stück, ich glaube, dreimal tvieder; vernnillich war es die.Washington-Post- Sonsas, der hier und sonst manchmal mit prügelähnlicheu Bewegungen dirigierte. Doch mitten in diese Zwischenspiele des Frühjahrs hinein melden sich bereits Ankündigungen des Kommenden. Unter ihnen find am erfreulichsten die Versuche, endlich einmal zn einer stetigen und ständigen Pflege der Operette zn gelangen; nnd sie sind um so merkwürdiger, als gerade im alten Opercltenparadieö Wien das jetzige Abbrechen der berühmten Tradition zweier dortiger Thealer. des Karl-Tbcaters und des an der Wien, zn abermaligen Nekrologen ans die Wiener Operette reizt. Zwar rührt uns nach der neulichen Kenntnis einer echt englischen Operette die An- kündignng eines neue» derartige» Exemplars im hiesigen Metrvpol- Theater wenig. Allein, daß das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater im Herbst als große Operettenbiihnc iviedererstehe» soll, ist doch ein Zeichen des nenanslebcudcn Vertrauens auf diese Gattung, die schon so viel künstlerisches und mikünstlerischeS Leid gebracht. Und nun kündigt auch das Theater des Westens für seine am 1. September bevorstehende Wiedereröffnung sotvohl Opern(meist komische und überhaupt Spielopcrn) als auch Operetten an, tvenn- gleich fast leine neuen: Strauß, Offenbach, Suppv und Zcller sind die allen Notheiser, Lccvcq wird nicht gewagt. Vorher kommt noch unser alter Eommerfreund Direktor Morwitz mit seinem so achtenswert ernsten Opernunternchmen, mit neuen und alten Kräften einschließlich seines Bötelstolzes, mit Werken von Lortzing und mit einer oder der andern Novität. Unter de» Vor- bercitnugcn auf die ivinterliche Konzertinufik mag uns besonders interessieren der Entschluß deS Musikdirektors E. Mcugewcin, das an- scheinend andcrölvo häufiger als in Berlin geHörle.Lied von der Glocke" M. Bruchs wiederzuerlvecken.— ßz. Nleines>Aenillekon. ie. Die Launen deS menschliche» PnlscS. Die Beobachfinig der PnlSschläge ist seit langem ein ivichtigcs Mittel zur Prüfung des Gesmidheitsznstands eines Menschen getvese», ehe feinere und zuverlässigere Methoden sich an die Stelle setzten. Auch jetzt ist die Untersuchung de« Pulses immerhin keineswegs ausgestorben, nnd mancher Hypochonder sitzt tvohl noch heute, die Uhr vor sich auf dcni Tische, und zählt mit einiger Besorgnis die tickenden Schläge, die der Blntstronr in der großen Schlagader des Handgelenks hervorbringt. Der Puls ist aber ein ziemlich unzuverlässiges Ding. Man kann es leicht an sich selbst beobachten, daß seine Schläge durchaus nicht vollkommen regelmäßig sind und besonders je nach der Tiefe der Atmung in Stärke und Nythmus tvechseln. Die Acrzte kenncii jedoch noch ganz andre Launen des Pulses, die sie geradezu als„paradoxen Puls" bezeichnen. Allerdings ist ein solcher in den meisten Fällen das Merkmal einer Erkrankung, doch braucht dies nicht immer der Fall zn sein. Das Vorhandensei» von paradoxem Puls wurde zuerst im Jahre 1850 von dem Engländer Williams entdeckt, aber unabhängig davon drei Jahre später von dem deutschen Gelehrten Hoppe gefunden. Kuhmaul, der berühmte deutsche Kliniker, veröffentlichte dann 20 Jahre später seine Wahrnehmungen ifber den Zusammenhang von paradoxem Pulsschlag niit der Entzündung des Mittelfells und des Herzbeutels. Ferner ist dieselbe Erscheinung gefunden bei großer Herzschioäche in der Re- konvalescenz nach langdauerndem Fieber, bei Atcnmot infolge einer Verengnng der Lnflivege z. B. durch Diphtheritis und ähnlichen Fälle». Auch durch das Experiment bat man den paradoxe» Puls bei Tieren Hervornifen können. Schließlich kommt er auch an schein- bar gesunden Menschen vor, indem während einer tiefen Einalmnng der Luft eine Abschivächung des Pulses eintritt. Beionderss merk- würdig sind die Fälle, in denen der Puls auf der rechten Körperseite anders schlägt als auf der linken. Derartige Vorkounnnisse haben sich gezeigt' bei Parienten nifolge einer Verengung oder Er- Weiterung der großen Adern auf einer der beiden Körperseite». auch bei einseitiger Lähmung. Gerhardt hat z. B. in einem Fall am rechten Handgelenk tt2 und an, linken ll>2 Puls- schläge in der Minute gesunde». Neuerdings scheint man jedoch mehr und mehr zn der lleberzeugnng zn gelangen, daß die Bedeutung des paradoxen Pulses stark überschätzt worden ist. Jeder, der ein' ge- snndes und kräftiges Atinungsorga» besitzt, kann die Beschaffenheit seines Pulses willkürlich ziemlich bedeutenden Aenderungen unter- werfen mid nach seiner eignen Laune den paradoxe» Piils bei sich hervorrufen. Es ist sogar möglich, den Puls am Handgelenk ab- sichtlich für einige Schläge ganz zu unterdrücken. Diese Möglichkeit ist sogar ein günstiges Zeichen für den Gesundheitszustand des bc« treffenden Menschen, da sie tvie gesagt eine kräftige Beschaffenheit deS AtmungSapparatS verlangt.— — Die Roscukiiltur und daS Noscnöl der Türkei haben einen alibeivährten Ruf. Jhr Haupiprodnktiousgcbiet liegt aus dem Balkan, insbesondere in Bulgarien, dessen Oel indeß durch Fälschungen ver- schiede»« Art an scincni früheren guten Ruf starke Einbuße erlitten hat. Durch bulgarische SnSivandrer wurde die Rosen- kultur nach A» a t o l i e» gebracht, wo sie mit jedem Jahr an Umfang zunimmt. Kultur der Rose und Gewinnung des Ocls, wie sie in Auntolicn gehandhabt werden, schildert Richard H e r r m a n n in seinem Buch„Anatolische Land» ivirlschaft"(F. W. Grunoiv, Leipzig) folgendermaßen: Die kultivierte Rose ist die bekannte Centifolia, und zwar ivird die halbgefüllte Art der ganz gefüllten vorgezogen, weil die Blütenblätter jener reicher an ätherischem Oel sind als dieser. Man wählt zn ihrer Kultur am liebsten ein Feld, das nach Südlvestcu gerichtet und gegen die Südwinde geschützt ist. Der Boden, der eine nnttelschtvcre Beschaffenheit habe» soll, ivird bis zu einer Tiefe von 30—40 Centimeter gerottet und im Monat Februar mit bewurzelten Rosenstöcke» bepflanzt. Zu diesem Zivccke wirft man Läugsfnrchcn in Entfernungen von 2 Metern aus und setzt in diese die Stöcke in Abständen von S0 Centimetern. Zum Pflanzen benutzt man die Erde des Ackers, die zur Hälfte mit erdigem Dünger vermischt ist. Die Roscnsctzlinge werden tief hcrnutergeschnitten und dann ganz mit Erde zugedeckt; man veranlaßt sie hierdurch zur Bildung von Wurzellrieben. Wenn die Rosen hinreichend starke Triebe entwickelt haben, machen die Bauern Einleger, und ztvar i» der Richtung der Pflanzfurche. Dadurch bekommen schließlich die Rosen einen so dichten Stand, daß sie sich berühren und gleichsam eine Hecke bilden. Da die Rosenzweige oben schinnartig überhängen, schließen sich die Rosenreihen ganz und beschatten den Boden in wohlthucuder Weise. Die Einleger werden immer im Februar gemacht, sie haben sich dann bis zum Oktober desselben Jahres be> wurzelt. Die Kulturarbeiten bestehen in einem zweimaligen tiefen Hacken einmal im Herbst und das zweite Mal im Frühjahr. Außer- dem wird alle zwei Jahre im Herbst gedüngt. Geschnitten wird an den Rosen nichts; man entfernt nur während des Winters daS lote Holz, um den immer nachwachsenden Wnrzeltricbcn Platz zu machen. Wenn notwendig, wird bewässert. Erst im dritten Jahre beginnt die Ernte der Rosen, da die geringe Zahl der Blüten ein Sammeln im zweiten Jahre nicht ver- lohnt. Man schneidet die Blüten jeden Morgen in zeitiger Frühe noch vor Beginn der Tageshitze und sammelt sie in Körbe, die mit angefeuchteten Tüchern überdeckt sind. Nach 14 Tagen etwa ist die Ernte beendet. Das Rosenöl wird auf ganz einfachen. kupfernen Brennblafen destilliert. Man niengt zn diesem Zweck die Blütenblätter und die grünen Kelche, da aucü diese ziemlich viel Oel enthalten, mit Wasser und füllt die Blase bis zur Hälfte oder zwei Dritteln damit an. Zerquetschen darf man die Blütenblätter nicht, weil sie in dieser Form einen Brei bilden, der sich in der Brenn» blase nach unten setzt nnd leicht anbrennt. Im Gegensatz zm Alkoholbrenucrei, Ivo die Kondensierung in der Kühlschlange mit kaltem Wasier geschieht, muß das Wasser bei der Rosenöl- Destilliermig eine Wärme von wenigstens 2S— 30 Grad CelsinS haben, weil das Oel bei einer niedrigeren Tcniperatur gefriert. Von einem Hektar Rosenpflanzung erntet man durchschnittlich 3000 Kilogramm Blüten; 10 Kilogrannn geben 4—5 Gramm Rosenöl; so daß man also vom Heltar'1200—1S00 Gramm gewinnt.— — DaS NIesen-Et l>o» Madagaskar. Der.Franks. Ztg." wird aus HildeShcim geschrieben: Das hiesige Römer-Mnseum hat ein Ei des ausgestorbenen Riesenvogels.Aex�oniis maximus von Madagaskar erworben. Die leere Schale des Eis, das 850 M. ge- kostet hat, wiegt 3 Pfiind und 130 Gramm und hat eine Dicke von 4 Millimeter. Der Längsdiirchnicsser des Eis beträgt etwa 300Milli- meter. der Brcitendurchniesser 230 Millimeter: die entsprechenden Zahlen für den Umfang sind 300 und 730 �Millimeter. Der Inhalt Itrhöflt ilii�ef>raiio de Bergerac", der jetzt in Paris den Weltansstellmigsbesiicheni vorgeführt wird, bringt etwa 10 000 Fr. täglich, also etwa 1200 Fr. Tantiemen: beide zusammen ergeben so dein glücklichen Autor Tag für Tag 2300 Fr. allein für Paris.— B l n»i e n i h a l u n o ziadelburg haben ihr neue? drei- altigeS Lnfispiel„Die strengen Herren" beendet. Der Stoff ist a»S der jüngsten parlamentarischen Zeitgeschichte geschöpft.— — ,. M ä d ch e ii p o l i t i l", ein drciaktigeS Lustspiel von Albert Herrmaim. gelangt am 3. Juni im Neuen Theater zur Erst- anfführimg.— — Das Volksstück deS östrcichischen Abgeordneten Bendel „Der Werkmeister", dessen Aussührimg die Grazer Eensurbehörde ver- boten hatte, wurde freigegeben. Das Verbot bildete den Gegenstand einer Interpellation im Abgeordnetenhause. — DaS verbotene Schauspiel„Der letzte Knopf" von I. Gans v. Ludassh wird vom Eiisemble des Wiener Volks- theatcrS vor einer geladene« Gesellschaft bei geschlossene» Thüren am 6. oder S. Fimi aufgeführt werden.— — Ei» Denkmal für Johann Strauß wird Professor Benk in Wien für das Ehrengrab dcS verstorbene».womponisten ausführen. DaS Momimont zeigt die Nixe der schönen blauen Donau an einen Felsen gelehnt, an dessen Spitze da? Porträt- gcweue Medaillon des Wal.zerkönigS eingegraben ist. Träumend streift die Nixe über die Saiten einer Harfe.— — Das K l i ii g e r s ch'e Bild:-„Die Kreuzigung Christi", tvelchcS von einem Hannoverschen Konsortium zum Preise von LS 000 M. angekauft war in der Erwartung. daß die Stadt Hannover dasselbe für das Kestner-Mitsenm erwerben werde, kann jetzt zn 12 500 M. erworben werden, aoer auch auf dieses Angebot will die Stadtverwaltung nicht eingehen.— t. Eine der größten I u s e k t e» s a m m l u n g e n d e r Welt ist durch das Vermächtnis von A. B. Bolton in den Besitz der Univrrsität des Staates Illinois übergegangen. Ihr Wert wurde auf etwa 200000 M. geschätzt.— — Im Jahre 1896 hat ein Herr R. Korb im böhmischen Mittel- gebirge zwischen Leitmeritz und Lcipa ans dem Eichberg ein nicht unbeträchtliches Gelände angekauft, den öde liegenden Teil desselben mit Bäumen bepflanzt und dafür Sorge getragen, daß jetzt imd fürderhin ans diesem Gebiete Tier- und Pflanzenwelt vor jeder Ein- Wirkung von Menschenhand geschützt bleiben. Bereits im vergangene» Jahr tvar das Gelände zu einer lraflstrotzendcn Wildnis von eigen- artiger Schönheit geworden, das ganz den Charakter eineS Urwalds trägt.— — Ein Vorfahr uusreS bahrischen Parteigenossen, deS neuen Landtags- Abgeordneten für Nürnberg, Dr. med. von Haller, Bartholomäus H a I l e r v. Haller st ein z ti m Ziegel- stein, bekleidete vom 27. Mai 1549 bis zu seinem am 4. März 1551 erfolgten Tode in Franks u r t a. M. die Stelle eines Stadtschultheißen.— V-rliimvorttiaier Revacieur: Paul Jahn m Berlin. Dntck und Verlag von Pia: Bavmg in Berlin.