bkatt des Freitag, den 1. Juni 1300 cSiachdruck verboten.) Aufovflelzunn. Nmttan von Leo T o l st o j. Im Krqnkcusaal ertönte Geräusch. Man hörte Kinder tvcinris."' „Ich glaube, man ruft mich." sagte sie und schaute sich unruhig um. „Nun. also leben Sie tvohl," sagte er. Sie that' so, als bemerkte sie die ausgestreckte Hczud nicht wandte sich, ohne sie zn drücke», um und ging mit schnelleil Schritten auf dem ftomdorlänfer fort, indem sie sich bemühte� ihr Frohlocken zu verbergen. Was geht in ihr vor? Wie denkt sie? Wie fühlt sie? Will sie mich prüfen oder kann sie mir wirklich nicht vcr- zeihen? Kann sie nicht alles sagen, loa? sie denkt und fühlt, oder will sie nicht? Ist sie� milder gestimmt oder böser ge Ivorden?" fragte sich Nechljndow und kouute sich keine Antivort geben. Eins imisitc er— das war, daß sie sich verändert hatte und in ihr eine für ihre Seele wichtige Umwälzung vor sich ging, und diese Itmwälznug vereinigte ihn nicht nur mit ihr, sondern auch mit dein, in dessen Namen diese Um wälzuncp sich vollzog. Uich eben diese Vereinigung versetzte ihn in cnien freudig erregten und gerührten Znstand. Nach ihrer Rückkehr in den likrankensaal, in dem acht Kinderbetten standen, begann die MaSlawa nach Anweisung einer Schwester Betten umzulegen, Dabei beugte sie sich zn weit über da? Bettlake», glitt ans und wäre beinahe gefalle» Ein am Halse verbundener, in der Genesung begriffener Knabe sah sie an und begann zu lachen, und die Maslowa konnte sich nicht inehr halten, setzte sich auf daS Bett und schüttelte sich vor Lachen, und dieses Lachen Ivar so ansteckend, daß einige Kinder ebenfalls zn lachen anfingen, während die Schwester böse auf sie einschrie. „Was hast Du da zu schnattern? Glaubst Wohl, Du lbist noch da. wo Du gelvesc» bist. Geh', hol' das Essen l" Die MaSlotva verstummte, nahm das Geschirr und ging,'wöhin Man sie schickte'! aber als sie sich nach dem verbundeneu Knaben umsah, dem das Lachen verboten war, prustete sie- wieder los. Mehrmals im Laufe des Tages, so bald sie allein blieb, zog die Maslowa die Photographie ein loeuig a»S dem Eouvert und liebäugelte mit ihr; aber erst abcndS nach dem Dienst, als sie in dem Zimmer allein war, wo sie mit der andern Wärterin schlief, zog die Maslowa die Photographie ganz an? dem Eouvert und schaute lange unbeweglich jede Einzelheit der Gesichter und Kleider und Balkonsrnfen und Strmicher, von deren Grunde seine und ihr und der Tanten Gesichter sich abhoben, mit strahlenden Blicken an»nd betrachtete daS verblichene, gelb gewordene Bild»nd tonnte sich, besonders an sich und ihrem jungen hübschen Gesicht mit dem ringS um die Stirn gelockten Haar gar incht satt sehen. Sie war so in Anschauen vcrsnnkcn, daß sie nicht bemerkte, lvie ihre Kollegin ins Zimmer trat. „WaS ist daS? Hat er Dir das gegeben?" fragte die dicke, gntmntige Wärterin und beugte sich über die Photo- graphie. „Bist D» das lvirklich?" „Aber wer denn sonst?" meinte die Mnslolva lächelnd und sah ihrer Kollegin ins Gesicht. „Und wer ist das? Er selbst? Und da?, ist das seine Mulher?" „Die Tante. Hättest Du mich denn nicht erkannt?" fragte die Maslowa. „Wie sollte ich wohl? Hätte Dich im Leben nicht erkannt. Ein ganz andres Gesicht. Sind doch lvohl an die zehn Jahre seitdem vergangen?" „Nicht Jahre, ein ganzes Leben." sagte die. Maslowa, und ihre ganze Lebhaftigkeit war plötzlich verschwunden. Ihr Gesicht wurde verzagt, und zwischen den Augenbrauen grub sich eine Falte ein. „Was denn, das Leben dort soll ja leicht sein?" „Ja, leicht." wiederholte die MaSlowa, bedeckte die Auge» und schüttelte den Kopf.„Schlimmer als Zlvangs- arbeit." „Warum giebt man es dann aber nicht auf?" „Man möchte lvohl, aber man kann nicht. WaS ist dar- über zu reden!" rief die MaSlowa!- sprang' auf, schleuderte die Photographic in dje Tischschicblade.»nd lief, mit. der Thür schlagend, in den. Korridor, indem sie mit Gewalt böse Thränen zurückdrängte.-- Beim Hinblicken alif die Photographie hatte sie sich als diejenige gefühlt, welche auf ihr dargestellt loar, und davon geträumt., lvie sie damals glücklich gewesen war und noch mit ihm hätte glücklich sein können. Die Worte ihrer Gefährtin hatten sie an daS erinnert, lvas sie jetzt war— hatten ihr alle Schrecke» jeneS Lebens inS Gedächtnis zurückgerufen, welche sie damals dumpf gefühlt, aber sich nicht eingestanden hatte. Wie sollte man sich da nicht VCriirtdern! Und die Ursache von allein war er. Und cS erhob sich plötzlich in ihr wieder die frühere Bosheit gegen ihn, und sie wollte ihn schelten und ihm Vorwürfe machen. Es that ihr Leid, daß sie heute die Gelegenheit verpaßt hatte, ihm zu sagen, daß sie ihn kennte, und sich ihm nicht unterwürfe, und ihm nicht erlaubte, sie geistig zu benutzen, lvie er sie körperlich benutzt. Und. um dieses quälende Gefühl des Mitleids mit sich und der nnnützcn Vorwürfe gegen ihn loszuwerden, wünschte sie sich Braimtwein. Sic hätte ihr Wort nicht ge- halten und Branntwein getrunken, wenn solcher im Ge- fängniS- vsrhmrden' gewesen wäre. Hier konnte man aber Branntivein»tcht anders als voin Feldscher erhalten, und vor dem Feldscher fürchtete- sie sich, weil er ihr nachstellte! Beziehungen zn Männern gber waren ihr widerwärtig. Sie saß eine' Weile ans der kleinen Bank, im Korridor, kehrte dann in die Kammer zurück, gab ihrer Gefährtin keine Antwort»üb weinte lange über ihr vernichtetes Leben. Vierzehntes Kapitel. In Petersburg hatte Nechljndow vier Aufgaben: erstens das Kaffationsgefnch der MaSlowa an den Senat: zweitens das Anliegen der Fedosia Biriukowa an die Kommission für Bittgesuche im Auftrage Wjcra BogoducholvSkajas; drittens die Klage bei der Gendarmericvenvaltung wegen Befreiung der Schiistowa und die Angelegenheit der Mutter mit dem Sohn, die in der Festung gefangen gehalten wurden. worüber ihm dieselbe Wjcra Bogoduchowskaja einen Brief geschickt hatte. Die beiden letzten Angelegenheiten rechnete er nr eine. Die vierte?l»gclcgcnhcit. die er zn besorgen hatte, war der Prozeß der Sektierer, die von ihren Fawilien getrennt und nach dem Kaukasus verbannt Ivaren. weil sie das Evangelium gelesen und erläutert hatten. Er hatte weniger ihnen als vielmehr sich selbst versprochen, alles zu thn», WaS zur Anfklärnng in dieser Sache dienen könnte. Seit seinem letzten Besuch bei MaSleimikoiv, besonders nach seiner Fahrt anfs Land fühlte Nechljndow mit seinein ganzen Wesen Slbneignng gegen diesen Kreis, in dem er bis dahin gelebt hatte, gegen den � Kreis, in dem seiner Meinung nach so sorgsam die Leiden verborgen wurden, die pon�Millionen Leuten zur Sichcrstcllnng der Beqnemlich- kcit und der Zufriedenheit einer kleinen Anzahl ertragen wurden, und zwar so, daß die Angehörigen dieses Kreises jene Leiden und die Grausamkeit und das Verbrecherische ihres eignen Lebens nicht sahen und nicht sehen konnten. Nechljndow konnte jetzt schon nicht mehr ohne'Unbehagen und Sclbstvorwiirfe mit Leuten dieses Kreises Verkehren. Aber dabei zogen ihn die Gepflogenheiten seines verflossenen Lebens, »nd Vcnvandtschaftlichc und freundschaftliche Beziehnngen, und namentlich der Umstand in diesen Kreis hinein, daß er, imi daS zu thun, was ihn jetzt allein beschäftigte, nämlich! der MaSlowa und all den Leidenden, die er nnterstntzcn wollte. zu helfen— Hilfe und Förderung von Leuten dieses Kreises' erbitten mußte, lücht»nr von deucn, die er nicht verelmte.- ondern hüilfi'g von solchen, die Unzufriedenheit und Verachtung in ihm hervorriefen.' In Petersburg angekommen, stieg Ncch.ljudolv bei seiner Tante mütterlicherseits, der Gräfin, Tscharskaja, der Gemahlin- eines Ministers a. D., ab und geriet sofort mitten in die ihm 'o fremd gewordene aristokratische Gesellschaft hinein. DaS war ihm unangenehm; aber er konnte nicht anders, handeln. Nicht bei der Tante, sondern im Gasthanfe absteigen, bedeutete für sie eine Bc'leitzigung. Außerdem aber hatte di� ffnnte gute Koimexionen und konnte ihm ini höchsten Grude bei ull den Angelegenheiten, um die er sich bemühen woüte, Nü�lich sein. „Nun, weis höre ich da von Dir! Die reinen Wnnder- dinge." sagte die Gräfin Jekaterina Iwanowna zu ihm. als sie ihm gleich nach seiner Ankunft Kaffee vorsetzte.„Unter- stützt Verbrecher, fährst ins. Gesängnis. Willst die Leute bessern." „Nein, ich denke gar nicht daran." „Nun, das ist gut. Doch soll da eine romantische Ge- schichte im Gange sein. Also erzähle." Nechljudow erzählte seine Beziehungen zur Maslowa— alles, wie es war. „Ich weiß, ich weiß, die arme Helene hat mir damals etwas erzählt, als Du bei den Tanten wohntest; sie wollten Dich, scheint's, mit ihrer Ziehtochter verheiraten.(Die Gräfin Jekaterina Jwanowna hatte NechljudowS Tanten väterlicher- seits immer verachtet.)... Also das ist sie? Ist sie noch hübsch?" Die Tante Jekaterina Jwanowna war eine sechzigjährige. gesunde, fröhliche, energische, redselige Dame. Sie war hoch gewachsen und sehr stark; auf ihrer Lippe war ein schwarzer Schnurrbart bemerkbar. Nechljudow hatte sie gern und war voil klein allf gewohnt, sich von ihrer Energie und Fröhlich- keit anstecken zu lassen. „Nein, liebe Tante, das ist alles zu Ende. Ich möchte ihr nur Helsen, weil sie unschuldig verurteilt ist, und ich schuld daran und an ihrem ganzen Schicksal bin. Ich fühle mich ver- psiichtet, für sie zu thun. was ich kann..." „Aber wie hat man mir denn gesagt, daß Du sie heiraten willst?" „Das wollte ich auch, aber sie will nicht." Jekaterina Jwanowna schob die Stirn vor, senkte die Pupillen und schaute dann ihren Neffen erstaunt und fragend an. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht, und Zufriedenheit kam in ihm zum Vorschein. „Nun, sie ist verständiger als Du. Ach, was bist Du für ein Narr! Hättest Du sie wirklich geheiratet?" „Sicherlich." „Nach dem, was sie war?" „Um so mehr. Ich bin ja doch an allem schuld." „Nein, Du schwärzst Dich einfach an," sagte die Tante, ein Lächeln verbeißend.„Schwärzst Dich schrecklich an, aber ich habe Dich grade deswegen lieb, weil Du Dich so schreck- lich anschwärzt." wiederholte sie augenscheinlich mit besondrer Vorliebe dieses Wort, das in ihren Augen den intellek- tuellen und moralischen Zustand ihres Neffen besonders treffend wiedergab.„Du weißt, wie gelegen das kommt." fuhr sie fort.„Aline hat ein wunderbares Magdalenenheim. Ich war einmal dort. Sie sind mir äußerst widerwärtig. Habe mich nachher vollständig gewaschen. Aber Aline ist mit Leib und Seele dabei. Also geben wir die Deinige hin. Wenn jemand sie bessert, so thut es Aline." „Sie ist aber zu Zwangsarbeit verurteilt. Ich bin des- wegen hergekommen, um für Aufhebung des Urteils zu sorgen. Das ist mein erstes Anliegen an Dich." „Sieh mal an; wo ruht denn die Entscheidung über ihren Prozeß?" „Beim Senat." „Beim Senat? Mein lieber Kousin Lcwnschka ist ja beim Senat. Ucbrigens ist er im Heroldsdepartement. Von den gegenwärtigen Mitgliedern kenne ich keins. Sind alles Gott weiß für Leute— entweder Deutsche: Ge, Fe, De— das ganze Alphabet, oder verschiedene Iwanows, Semjonows, Nikitins, oder zur Abwechslung einmal Jwanenko, Simanenko, Nikitenko— Leute aus einer andern Welt. Nun, ich will es trotzdem meinem Manne sagen. Er kennt sie. Er kennt alle Leute. Ich will es ihm sagen. Aber Du mußt ihm die Geschichte explizieren, sonst versteht er mich nicht. Was ich ihm auch sagen mag, er sagt stets. er versteht nichts. Das ist nun einmal so. Alle Welt versteht mich, nur er nicht." In diesem Augenblick brachte ein Lakai in Kniehosen einen Brief auf einem silbernen Theebrctt. „Der kommt grade von Aline. Da wirst Dn auch von Kiesewetter hören." „Wer ist Kiesewetter?" „Kiesewetter? Er kommt heute. Da wirst Du er- fahren, wer er ist. Er spricht derart, daß die ein- gesleischtesten Verbrecher in die Knie sinken und weinen und Buße thun." Die Gräfin Jekaterina Jwanowna war. wie sonderbar das auch klingen mag, und wie wenig es ihrem Charakter entsprechen mochte, eine glühende Anhängenn der Lehre, nach welcher das Wesen des Christentmns im Glauben an die Er- lösung besteht. Sie fuhr zu den Versammlungen, in denen diese damals moderne Lehre verkündet wurde, und ver- sammelte gläubige Herzen bei sich. Trotzdem diese Lehre nicht nur alle Ceremonien und Heiligenbilder, sondem auch die Sakramente verwarf, hatte die Gräfin Jekaterina Jwanowna in allen Zimmern und selbst über ihrem Bette Heiligenbilder hängen und führte alles aus, was die Kirche von ihr verlangte, ohne irgend einen Widerspruch darin zu erblicken. „Den müßte Deine Magdalena hören; sie würde sofort bekehrt werden," sagte die Gräfin,„Sei bestimmt heute abend zu Hause, dann hörst Dn ihn. Er ist ein wunderbarer Mensch." „Er interessiert mich nicht, liebe Tante." „Ich sage Dir aber, er interessiert Dich. Komm ans jeden Fall. Nun, sprich weiter, was hast Du noch von mir nötig? Schütt Dein Herz aus." «Da ist noch die Angelegenheit in der Festung..." „In der Festung? Da kann ich Dir ein Schreiben an Baron Kriegsmut mitgeben. Ein sehr guter Mann. Aber Du kennst ihn ja selbst. Er war ein Kollege Deines Vaters. Macht in Spirifismus. Nun, das thut nichts. Er ist gut. Was willst Du denn da?" „Ich will darum bitten, daß man einer Miltter erlaubt, ihren Sohn zu besuchen, der dort sitzt. Aber man sagte mir. das hinge nicht von Kriegsmut, sondern von Tschemajeff ab." „Tschernajeff nlag ich nicht, aber er ist Mariettas Mann. Ich kann sie bitten. Sie thut es nur zu Gefallen. Sie ist sehr liebenswürdig." „Ich muß noch wegen eines Mädchens bitten. Sie sitzt schon einige Monate, und niemand weiß, weshalb." „Nun, sie selbst wird es schon wissen. Die wissen Bescheid. Diesen Kurzgeschorcncn geschieht ganz recht." „Ich weiß nicht, ob ihnen recht geschieht oder nicht. Aber sie leiden. Du bist eine Christin imd glaubst an das Evauge- lium, aber solche Unbarmhcrzigkcit..." „Einerlei, das macht nichts. Evangelium bleibt Evauge- lium. und was einem widerwärtig ist, bleibt widerwärtig. Schlimmer wäre, wenn ich mich stellte, als liebte ich Nihilisten und namentlich kurzgeschorene Nihilistinnen, die ich nicht aus- stehen kann." „Weshalb kannst Du sie nicht ausstehen?" „Nach deni ersten März fragst Du noch, weshalb?" „Sie haben doch nicht alle an den Vorsüllen am ersten März teilgenonunen." sFortsetzung folgt.) Vom goldenett Horn. (Schluß.) In Pera steht mau außer den Vertretern der verschiedenen Invasionen, unter denen die Deutschen an Zahl und Einfluß oben a» stehen, vor allen Dingen auch die schlvarzen Kämpfer des Vatikan. Man kann buchstäblich hier keine zehn Schritt gehen, ohne auf eine» Träger der Kutte oder Soutane zu stoßen. Wie die modernen Konguistadoren nach Gold und Beute gierig sind, so gehen die Patres auf den Seelenfang ans. Der Aber- glauben und die Bigotterie der Levantiiier kommt ihnen dabei zu statten. Wie mit Zivingburgeu ist dieses von Unsittlichkeit bis zum Rande gefüllte Pera von Klöstern und Kirchen nnigebc» und durch- setzt. Die levantiuische Bourgeoisie ist in unglaublicher Weise dumm und beschränkt. Ungebildet, nur mit deni leichten Firniß miß- verstandener und entstellter französischer Kultur überzogen, ist sie von einem wahiisiimigen Geldstolz erfüllt, der sie die besitzlose Klasse mit empörender Verachnmg behandeln läßt. Kein Hauch modernen Leben« kommt in diese verrottete Gesellschaft. Sie haftet nicht im Boden, sie hat keine Muttersprache, kein Volkstum: sie ist so farblos, daß sie eine rechte Beute für das Pfaffentum bildet, das seiiien Vorteil nach Kräften wahrnimmt und seinen Grundbesitz stetig erweitert. Neben der von der Geistlichkeit beherrschten Bourgeoisie existiert ein großes Lumpenproletariat. Ei» ganzes Heer von Bettlern zieht alltäglich durch die Gassen, oder steht an den Kirchenthüren. Ueberall wird man um Almosen an- gesprochen, Krüppel stellen ihre Gebrechen zu Schau, alte Bettlerinnen sitze» mit geliehene» Säuglingen am Wege, junge Bettlerinnen bieten ihre Reize an— auf der Gasse klingt das griechische Lied des Blinden, der den Verlust seiner Augen in oft erschütternden Tönen beklagt. Das Herz krampst sich zusammen über die Menge des zur Schau gestellien Elends, das de» ärgsten Optimisten aus seinem Traum von der besten der Wel'.en aufrütteln muß. Und da? avT'eileude Proletariat? CS ist so gut wie nicht vorhanden, da eine Industrie sich noch nicht hat entwickeln können. Die in der Hauptstadt benötigten Arbeiter kommen znmcist anS der Provinz, wo die Landwirtschaft bei ihrem änstcrst primitive» Betrieb viele Kräfte entbehre» kann. Diese Arbeiter bilden eine fluktuierende Bevölkerung in der Hauptstadt, da sie nach einer gewisse» Zeit mit ihren Ersparnissen in ihre Heimat zurückkehren und höchst selten in Stanibul zur Familiengründung schreiten. DaS eingeborene Proletariat Konstantinopels ist in der Haupt- fache nichtarbeitendes Lumpenproletariat und zwar ein sehr verkommenes, ein rechtes Produkt der mit der Autokratie ver- bundenen Plntokratie PeraS und des Fanars, die schon in dem alten türkischen Feudalstant einen Staat im Staate bildete. Die türkische Autokratie ist auf ein Bündnis mit der un- gläubigen Geldmacht angewiesen, sie würde ohne dieselbe troh Prophet, Koran und Khalifat dem Bankrott entgegengehen. Die Zeit der großen Raubkriege ist ja längst vorüber, welche den Schatz mit Dukaten und Zccchin'en ivicder füllten, wenn er erschöpft war. Und diese Autokratie ist so unklug, ihrer Helfcnn den HalS zuzil- schnüren, mit allen erdenklichen Mitteln dem Anfschwnng des Handels entgegenzuarbeiten. Hat man je i» der Welt ein unverschämteres staatliches Naubinstitut gesehen als das türkische Zollaiut? Die nicht besoldete» Beamten halten sich für das Gehalt, daS sie nicht erhalten, durch Erpressungen in der Fonn von Bakschischfordermige» an die Empfänger und Absender von Waren schadlos. Der widerliche Eindruck, de» diese offiziellen Raubvögel auf den Beschauer machen, ivird noch erhöht durch die Beobachtung, daß sich an de» Erpressungen eine Anzahl junger Burschen beteiligen, die sicher keine andre Vcaniteuqualifikatiou besitzen, als ihnen die Gunst hoher Gönner verliehen hat. Eine andre Chikane, der der fremde Handel ausgesetzt ist, sind die für gewisse Waren vorgeschriebenen Analysen. Während man im Jnlande Lebensmittel im großen Stile fälscht und keine Kontrolle dafür existiert, unterivirft man von draußen kommende Artikel dem Zwang der chemischen llntersuchnng, um nicht etwa die Bevölkerung gegen Betrug zu schützen, sondern nur um eine neue Quelle für Er- prcfsnnge» zu haben. Der Binnenhandel, durch Mauten schon längst gefesselt, ist ganz unterbunden worden durch Verfügungen, die den in der Pro- vinz lebenden Kauflenten die Reise»ach Stanibul zur Unmöglichkeit machen. Furcht vor Revolution ist die Ursache zu dieser tief in das eigne Fleisch einschneidenden Maßregel geivcsen. So ist Gefahr vorhanden, daß der Konstaiitinopeler Handel, der jetzt auch durch die traurigen Kreditverhältnisse verkümmert, fast gänzlich einschläft. Bon der Zeit der armenischen Unruhen im Jahre 1896 an ist er im steten Sinken gewesen. Die chronische Geldnot der Privalschatulle des Herrschers und der Regicrungskassen sind eine Folge davon: und doch scheint man das nicht einzusehen und bemüht sich, die Reste der einstigen Handels- Herrlichkeit noch gänzlich zu vernichten. Dafür aber begünstigt man die Bahnbautcn I Da man sich um den Handel nicht kümmert, so legt man, anscheinend durch die im letzten Kriege gcniachten Erfahrungen belehrt, nur vom militärischen Standpunkt aus Wert auf die Erweiterung des Bahiinetzes.*) Man hat mit saurer Miene auch die Russen und Franzosen zu der Kon- lnrrenz zugelassen. Namentlich die den crsteren zugestandenen Kon- zessioncn für Linien an der Ostgrenze sind von ungeheuerer Tagweite. — Die Jttiigtürken haben recht, wenn sie behaupten, daß der Sultan eine' zu große Schwäche gegenüber den ausgesprochenen Feinden seines Reichs zeigt. Eine allgemeine Schwäche ergreift die jetzige Regierung. Sic ist tyrannisch im Innern und nach Außen unverzeihlich ichlvach. Eines der reichsten Länder der Welt, was die latenten Schätze des Bodens betrifft, da? aber an ihrer Hebung die Hilfe des europäische» Kapitals unbedingt nötig hat, um nicht z» verschmachten wie Tautalus, verkennt so sehr' sein wahres Interesse, daß er dem Eindringen modcnicr Ideen, die im Gefolg deS Kapitals über die Grenzen dringen, durch eine Schreckensherrschaft zu steuern sucht. Die Zahl hrer Opfer ist schon groß. Diese waren keine ernstzunehmcndcn Nevolntioiiäre. Ihre Ideen keine fortschrittlichen, eher reaktionäre. Dieser ganze Kampf mit den jnngtürkischen Ideen ist ein Kampf mit Windninhlenflügeln, der aber mehr tragisch ivirkt als komisch. Das Los der Verbannten ist hart genug, oblvchl Sibirien noch viel härter sein mag. Eins ist sicher, Mißhandlungen sind sie nicht ausgesetzt. Die türkische Polizei ist selbst gegen politische Verbrecher humaner, als man annehmen könnte. Ein europäischer Orientbnmmlcr kam neulich in ein Konsulat. um eine Unterstützung zu erbetteln. Als man dieselbe ihm nicht gewährte, spielte er den wilden Mann und erschien nach kurzer Frist im Bureau im Adaniskostüm. Der Konsul ließ die türkische Polizei kommen und empfahl dem Konimissar, dem Adamiten eine gehörige Tracht Prügel zu verabreichen.„Konsul Effendi" erwiderte dieser, das mag Sitte bei Euch Europäern sein, wir pflegen das nicht zu thun 1" •) Es paßt ganz in das fromme System des Palastes, daß man jetzt eine schmalspurige Bahn von Damaskus nach Mekka allein für die Beförderung der Pilger bauen will, eine Linie, die sich gar nicht rentieren würde! Man hat jedoch Ursache an ihr Znftandelomnien zu zweifeln l Man setzt die Gefangenen in unsaubere, stinkende Zellen. man giebt ihnen das Essen, daS der türkische Soldat bekommt, falls sie sich nicht selbst beköstigen können— aber man vergreift sich nicht an ihnen, man würdigt sie nicht durch Schläge zum Tier herab. Man liebt nicht die rohe Geivalt; eher sind elegante Stiletstichc oder zier- liche fingerhiltartige Täßchcn Kaffee, nach dcrem Genüsse dem Trinker schlecht wird, als Mittel gegen politische und private Gegner beliebt. Man würde an die italienische Renaisiance erinnert werden, wenn nicht die Künste und Wissenschaften hier durch gänzliche Ab- ivesenhcit glänzten. Diese Welt muß erst durch das Fegefeuer der Kapitalherrschaft gehen und durch ehrliche Arbeit geläutert werden, ehe sie für die Civilisation gewonnen werde» kann.— I. S chiraki. Mleinos Feuilleton. — Gift im wilde» Mohn. Ter wilde Mohn enthält während seiner Blütezeit in größerer Menge ein Gift von scharf betäubender Wirkung, und zwar ist die Wirkung dieses Giftstoffes an» stärksten in den halbreifen, noch grünen Samenkapseln, also in de» Monaten Juli und August. Mit znnehmeiidcr Samenrcise vermindert sich das Ouaiitmii dieses Giftes wieder und zieht sich dasselbe allmählich wieder mehr i» die Samen und Wurzel» zurück. Da sich der ivilde oder Klatschinohn in Kleefelder» oder lückenhafte» Ackcrwiescn oft in großer Menge vorfindet, so können durch anhaltende Verfütterung solche» mit Klatschmohn verunreinigten Grnnfntters leicht Bergiftmige» vorkommen, welche bei Aufnahme größerer Mengen dieses Unkrauts und iveim nicht rechtzeitig Hilfe geleistet wird, sogar den Tod der betreffenden Tiere zur Folge habe». Allerdings sind diese Fälle ziemlich selten. Wurde dem Tier nur einmal ein größeres Quantum Klatschmohn mit anderm Grünfutter vermischt gereicht, resp. ans der Weide von ihm aufgenommen. so äußert sich dies mir i» leichten, bald wieder vorübergehenden Symptomen sBauchlvch mit Blähung und eine gewisse Zeit dauernde Unruhe). Wird aber längere Zeit hindurch solches zieurlich viel Klatschmohn enthaltendes Grüufutter gereicht, so entsteht eine Art chronischer Vergiftung mit zeitweisen Zuckungen bald dieses bald jenes Körperteils. Sobald mau dies ge- lvahr wird, schütte man den hiervon betroffenen Tieren ein bis mehrere Mal starken schwarzen Kaffee(Ve Liter) oder einige Tropfen Salmiakgeist i» 1 Liter Pfefferminzthee ein, ivorauf die Tiere in kurzer Zeit wieder völlig hergestellt sein werden. Wie schon bemerkt, nehmen solche Vergiftmige» selten einen tödlichen Ausgang und immer mir dann, wen» der Klatschmohn so stark auftritt, daß er den größten Teil des GrünfntterS bildet und also in großen Menge» fast äiiSschließlich zur Fütterung gelangt. Wo also diese Pflanze auf Klee- äckeni und schlecht gepflegten Ackerwiesen zahlreich anftritt, thut man gut, dieselben auszureißen und überhaupt durch frühes und öfteres Abmähen an deren Sanieiibildung zu verhindern. Dieses Unkraut ist ja leicht auszurotten, da eS sich nicht durch Wnrzelaiisläufer und Wnrzelschosse, sondern lediglich durch seinen Samen fortpflanzt. Wird also die Pflanze schon vor oder während der Blütezeit aus- gezogen oder abgemäht, so ist auch zugleich ihre weitere Existenz unmöglich gemacht worden. Auch sollte, wo sich der wilde Mohn in größeren Mengen vorfindet, das Futter womöglich nicht grün, sondern als Heu verfüttert werde», indem nachgewicsenemiaßen durch da? Dörren der Giftstoff größtenteils verdmisiet oder heraus» geschwitzt wird. f.HanS, Hof und Garten.') Physiologisches. — DerEinflnß des Fastens u n d der Nahrung ans die Körpertemperatur. Daß genügende Nahruiigs- zufuhr und gute Verdauung den Körper warmhalten, ist eine alte Ersahrnng, die bis zum Vergleiche der Speisenzusührung mit der Feuerung miter dem Dampfkessel geführt hat. Die Behanptniig, daß Menschen, die nicht genügend ernährt werden, doppelt unter dem Frost leiden, kann als Gemeinplatz bezeichnet werden, aber eine eigentliche experimentelle Demonstration des thatsächlichen' Zu- sammenhangeS scheint bisher nicht versucht zu sein. Sie ist auch nicht unmittelbar zu führen. Läßt man ein Tier, z. B.«inen Hund, auf seine Mahlzeit warten, so sinkt barm» die Körpertemperatur nicht alsbald, das Tier besitzt hinreichende Reserven in seinem Körper, namentlich in den Fettstoffen, welche zu- nächst als Brennmaterial verbraucht werden. Um die Wärme- Erzengnng einer eingenommenen Mahlzeit unmittelbar nachweisen z» können, muß man das Tier zunächst fasten, d. h. feine Reserven aufzehren lassen. Eine solche Versuchsreihe stellte, wie der„PromethenS" mit- teilt. Professor Mosso in Genna mit Hmide» an, die er gewöhnte, stundenlang auf einem Fleck zu liegen, damit das Ergebnis nicht durch die Mnskclbewegnng, welche die Körperwärme erhöht. gestört wurde. Nach drei- bis viertägigem Fasten reichte eine geringe Menge in Wasser aufgelösten Zuckers hin, die Temperatur des Körpers binnen kurzer Zeit meßbar zu erhöhen. Reichte er ihnen auf jedes Kilogramm ihres Körper- gewichts 1 Gramm Zucker, so stietz die Temperatur in einer halben Stunde um 0,2 bis 0,3 Grad, bei einer Verdoppelung der Nation erhöhte sich die Temperatur in anderthalb Stmiden um 0,3 bis 1 Grad. Ein Hund, welcher eine Temperatur von 37,2 Grad besaß, erhielt nach Darreichung von 8 Gramm ans das Kilogramm Körper- gewicht eine Wämieznsuhr von 1.4 Grad in etivas über zivei Stunde». Giebt man zu wenig Zucker, um den Hund — 420 ucTfnuf z» nnhro», so ist die Tempemiur oiu andern Morgen»och niedriger al-Z vorher, bei reichlicher �uckcrinengc hoher. Das; bei diesen Versuchen das znr Auflvsun.q und schnelleren Vcrdannng verwendete Wasser nicht nntwirkt, ivnrde durch ktonlrollvcrsnche»lit reinein Wasser erivicsen; auch die MnSkelivärme der Vcrdannngsarbcit kann hierbei keine Nolle spielen i es handelt sich demnach n»i eine reine, der eingeführten Znckerincnge proporlio- tiale Wärinc-Erzcngnng. Cinsiihrnng von Brot hat dieselbe End- ivirknng, aber sie tritt langsamer ein. weil die Verdmnmg das Stärkemehl erst in Glukose ninlvandeln mich und die assimilierbaren Teile nur allmählich geliefert und auf- geuonuncn Ivcrdcn.?l»ch culhält die gleiche Menge Brot nur halb soviel Kohlenhydrate als ein gleiches' Gelvicht Zucker. Vor allein liefert aber der zur Verdauung fertige Zjicker einen schnelleren Ersatz.der Körperwärme. Um diese Vcr- hältnisse durch den Versuch festzustellen, gab Mosso einem Hunde, der gefastet hatte, nach einander Zucker nud Brot t de? Morgens L Granu» Zucker auf jedes Kilogramm seines Körpergewichts und am?lbcnd, nachdem der Zucker verdaut ivar, 4 Gramm Brot pro .Kilogramm. Im ersten Fall dauerte eS nur VU Stunden, um die Körpertemperatur des Tieres nur 1,1» Grad zu steigern, im zweiten Fall nach Verabreichung des doppelten Brotgelvichts vergingen Stunden, bevor die Maxiinalerhöhung, die hier nur 1,05 Grad erreichte, eingetreten war. Alls dem Ticrlel'en. Schutzfärbung beim Dorsch. In, dänischen, biologischen'Institut bat nran, schreibt die„Tägliche Nundschau", die interessante Beobachtung gemacht, das; der Dorsch, und zivar der gröbere aus der Gattung der Schellfische, der auch Kabljan(Llaäus morrbus) genannt wird, sein verschieden gefärbtes Aeilbere einer Echutzsärbnug verdankt, die ebenso wie bei' all den andern Tieren mit Schutzfärbung durch Aupassuug an die llmgebnug entsteht. Dieses nnbeivutztc Erzeugnis der natürlichen Zuchttvahl im Kampf ums Dasein(nach Häckclj ist ja gerade bei der Tienvelt deS Wassers sehr häufig zu finden. Beim uorivegische» Dorsch oder 5tabliau — es ist' dies also nicht der kleine Dorsch der Ostsee sVaäuZ Calliaras), der ebenfalls zu den Schellfischen gehört— unterschieden die Gelehrten zwei Varietäten, de» grauen und den röten Kabljan. Dr. Hjorth, dein Leiter der norwegischen Ticssce-Expedition, fiel es nun auf, daß der rote Dorsch sich immer an Gründen aufhielt, die mit roten und braunen Algen bedeckt tvaren, während der graue den sandigen taugbedecktcn Meeresboden vor- zog. Diese Betrachtung brachte diesen Gelehrten auf den Gedanken, dajj es sich gar nicht um zwei verschiedene Spiel- arten deS Dorsches haiidle, sondern das; die Unterschiede in der Färbimg nur durch Schutzanpassnng zu stände gekonuneu seien, und das; diese Schutzfärbung sich je nach der Farbe des Bodens ändert. Die Hjorthsche Annähme ist nun durch einen Versuch in der biologischen Anstalt Dänemarks bestätigt worden. Der Leiter der- selben setzte einen roten Dorsch ans dem Großen Belt in ein Aquariumbcckcu mit dunklem Grund und dunkle» Wandungen, und schon nach 24 Stunden hatte der rote Dorsch die Farbe gewechselt imd war grau geworden. ES ist nicht zu zivcifel», daß auch der Kabljau wie die meisten Plattfische über besondere Farbenträger tChromotophorcn) in seiner Haut verfügt, die die Farbeuivirkung ermöglichen: ja man darf überhaupt ivohl annehmen, daß ein solches AupässnngSvcrmögen an die Farbe der llmgebimg jedem Fisch mehr oder tvcniger zu'kounnt. Unterschiede in der Färbung. kaiin niair ? läufig bei Hechten beobachte»,— es gicbt dunkler und heller ge- ärbtc Hechle—»iid es wäre interessant, festzustellen, ob auch sie nicht die verschiede» abgetönte Färbung ihrer Haut der mehr dunklereu oder helleren Farbe der Getvässer verdanken, in denen sie gefangen »vordcn sind.— Meteorologisches. — n e b e r die internationalen Ballonfahrten, welche am 12. Mai von Berlin, Paris, Wien, Straßburg, Peters- bürg, München und Friedrichshofen an-Z stattfanden, berichtete aui Montag im deutschen Verein zur Förderung der Luftschifffahrt Prof. Aß»na nn vom Berliner Meteorologischen Institut. Von Berlin aus lvurden nicht weniger als drei verschiedene Auffahrten gemacht: es wurden nämlich ein Draiheiiballoii, ein Ballon„Solches" u»d ein btinanuter Ballon anfgelnsse«. Dank der seit einiger Zeit gc- förderten aeronautischen Organisation sind die Vorarbeiten an der inelcörolögischcn Station bereits so iveit gediehen, um einige Expcriincute vornehme» zn können. So bestand denn der Plan, früher, als die llebrigen sich in der Lnft befanden, einige Rachtcxvcrimente in ziemlich hohen Schichten vorzunehmen, um so eine untersuchte Schicht zu schaffen, ans deren Grundlage die andern Luftschiffer ihre Messungen ausfuhren folltcn. Bei Verwendung des Dracheuballous, der an sechs Stunden lang sich in der Höhe be- fiiudcn, fand niich der Scheinwerfer gute Verlvcndung. Die Nesultate aus der sechsstündigen Negistrieruiig siiid recht intcrcssaute. Um 2 Uhr nachts war ein mit Wasserstoff gefüllter kleiner„Solides" fertig gemacht, der eine Höhe von COOO Meter erreichte. trotzdem er mit schweren Apparaten belastet Ivar. Unter andern kam ei» ncicer Apparat zur Vcriveudung, bei dein auf die Uhr verzichtet wird. Der Versuch hat sich als' gut erwiesen, indem er mit einer nicht mehr täuschenden Identifizierung die Höhe und die dazu gc- hörige Temperatur anzeigt. Interessant sind die Wiiidrichtungei», ivclche die verschiedenen beinaiuiteu Ballons hatten, desgleichen die gemessenen Teinperature». Der Berliner Ballon hatte schon bei 4300 Meter—28 Grad bei einer KuSgangSteniperatur von 5 Grad. Der in Paris anfgelassene Ballon hatte bei"800 Meter—8,3 Grad bei einer gleichen Aiisgangstenipcratur ivie Berlin. Der Straß- burger'Ballon Zeigte bei 0000 Meter Höhe— 22 Grad, während unten 0 Grad war«». Ein Negistrierballon, der ebenfalls in Straß- bürg aufgelaffe» ivurde, erreichte 8000 Meter und zeigte— 9,0 Grad, Sehr interessantes Material dürfte die Fahrt des Prof. Hergcscll. der von Friedrichshafen auS aufgestiegen ist, liefern. Dieser Ballon über- flog die Alpen und landete in ObercOeftreich. Von Wien aus wurden zwei Ballons aufgelassen, von denci» der eine in der Höhe vöit 4750 Meter— 27 Grad als niedrigste Temperatur auswies: eine gleiche Temperatur tvurde in dein Petersburger Ballon gemessen, »iid zwar in der Höhe von 3700 Meier. Als Resultat gilt, daß an dem gcuaiintcii Tage über ganz West- und Central-Enropa bis in große HLhen eine Lnftströinnng von West»nid Nordost vorhanden ivar. Bei der internationalen Fahrt am 13. Mai 1898 war ein Nordstrom vorhanden geivefcn, der ganz Centräl-Enropa abgekühlt hatte, während über Ost-E»ropa ein ziemlich tvarmer Strom vorhanden war, was ja natürlich erscheint. MeSmal war es aber»nn- gekehrt, der Nordstrom ivar ivarn», so daß die Theorie, Ivonach der Nordstrom für die erheblichen Temperaliirdiffercnzcn Verantivortlich zn machen fei, nicht so ganz cinsprlichsfrei ist. Jntereffant ist. daß zur gleichen Zeit nud in gleicher Höhe an einein Orts—29 Grad, nn einem andren mir—9 Grad Temperatur vorhanden ivar.— <>»>noristisn p e r d i»» ck 5„Häusel u n d Grete l" halte bei der Erstaiifführuug in der Komische» Oper zn Paris einen große»» Erfolg.— — Die juristische Fakultät der Universität Jena hat beschlossen, den Doltortilel nicht mehr ohne die gedruckte Abhandlnilg zn verleihen.— — E r ö r t e r i» n g c i» über d i e R e f o r in des höhere» ll n t e r r i ch t ö iv e sc n S sollen in der Woche nach Pfingsten stall- finden.— — Eine Universität soll in Konsiaiitiiiopcl demnächst er- richtet werden: die Hochschule soll eine ivissenschaftliche Sektion und eine Akademie der Künste erhalten.— — Die Errichtung eine? p h o n o g r a p b i s ch c n Archivs ist von der Akademie der Wissenschaften in Wien angeregt worden. Das Archiv soll aus drei Abteilnugeii bestehen: Dir erste soll die europäischen Sprachen und Dialclic fixieren: später sollen auch die Sprachen der Völler der übrigen Erdteile ansgenoinmen werden. Die zivcitc Abteilung soll der Musik geividmet sein und die dritte soll Steden und Aussprüche hervorragender Persönlichkeiten festhalten.— b. Nene Experimente über da? Wachst» in n n d die Keimung von Pflanzen n n t e r vermindertem Luftdruck Ivcrdcn in den Beiträgen zur ivissenschaftlichen Botguik beschrieben. Frühere Versuche halten keine übcreiusliminenden Er- gebnisse gelicsert. Die iienen Versuche zeigen, daß die Keiimmg niiter geringerem Lnsldrnck langsamer vor sich geht, während. das Wachstum nicht unerheblich beschleunigt wird. Der Grund hierfür liege wohl darin, daß infolge des geringeren LttstdruckS die Anfange- kraft für Wasser stärker und die Wasserbcivcgimg in der Pflanze schneller ist: der Wasserznfinß ist so stark, daß die Pflanze mehr Wässer bekommt, als sie braucht, so daß sie einen Teil ans ihren. Blättern in Form von Tropfen wieder ausscheidet,— tc. St r a ß e n l o k o in o t i v c ii f ü r S i b i r i c n. In San Francisko sind soeben zwei Straßdiilökouioliven fertiggestellt. ivclche von der riissischen Negiernng versuchsweise auf den sibirischen Straßen mit Auhängnug bou 3 bis 0 Giiterivageiß benutzt worden sollen. Wenn der Versuch sich bewährt, sollen cliic große Anzahl solcher Lokomotiven in Betrieb gcuouimen werden, um der sibirischen Bahn an Stelle von Zwcigbalmcn Güter znzuführcn.— Die nächste Rummer des Uiiterhaltuugsblatts erscheint am Sonntag, den 3. Jmii. Veraiicivlttllicke: Steoncieirr; Pant John in Berlin. Trucl unv Beriaz von iviax Baoin«»v Berlin.