AnterhaltungsMatl des Horwärts Nr. 115. Sonntag, den 17. Juni 1900 Machdrucl verboten.) 55] Klufevpkelzuug. Roman von Leo T o I st o j. Obgleich Nechljudotv kein gutes Resultat von seinem Ve- such erwartete, begab Nechljudotv sich deunoch auf Bogatyreffs Rat zu Taporotv, von dem das Schicksal der Sektierer abhing. Die Stellung, welche Taporotv inne hatte, enthielt in sich einen Widerspruch und konnte nur von einem abgestumpften, des moralischen Empfindens baren Menschen bekleidet werden. Taporotv besaß diese beiden negativen Eigenschaften. Der innere Widerspruch seiner Stellung war aber dieser: Er hatte die Pflicht, durch äußere Maßregeln. Gewalt nicht ausgeschlossen, eben die Kirche zn unterstützen und zu verteidigen, welche nach ihrer eignen Erklänuig von Gott selbst eingesetzt war und tveder dirrch Pforten der Hölle»och durch irgend welche mensch- lichcn Bemühungen erschüttert werden konnte. Diese göttliche und unabänderlich von Gott gewollte Einrichtung sollte durch Mcnschenwerk, durch die voir Taporow und seinen Beamten geleitete heilige Synode aufrecht erhalten und gegen Angriffe verteidigt werden. Taporotv sah diesen Wider spruch nicht oder»vollte ihn nicht sehen und war des' tvegeu sehr darauf bedacht, daß nicht irgend ein römisch katholischer Priester, oder ein Pastor, oder ein Sektierer die Kirche zerstören möchte, der die Pforten der Hölle nichts an haben konnten. Taporotv»var tvie alle Menschen, die das wahre religiöse Gefühl entbehren, welches in Anerkennung der Gleichheit und Brüderlichkeit aller besteht, fest davon überzeugt, daß das gewöhn- liche Volk aus ganz andren Geschöpfen bestehe, als er selbst war,»ind daß das Volk dasjenige benötige, was er selbst recht gut entbehren konnte; denn im Grunde seines Herzens glaubte er gar nichts und fand einen derartigen Seelen zustand sehr passend und angenehm. Dabei fürchtete er aber, daß das Volk izr ebensolchen Zustand geraten könnte, und hielt es für seine heilige Pflicht— tvie er sich ausdrückte — das Volk davor zu bewahren. Wie in irgend einem Kochbuch steht, daß die und die Krebse gern lebendig gekocht werden, ebenso dachte er und sprach es auch aus, daß das Volk gern im Aberglauben ge halten würde. Der Unterschied war nur der, daß er es buch' stäblich so meinte, während die Worte im Kochbuch nicht buch' ftäblich zu verstehen sind. So dachte Taporow, ohne zu überlegen, daß das Volk nur deswegen Aberglauben gern hat,»vcil inimer Menschen gelebt haben und noch leben, die, wie er, aufgeklärt sind, aber ihr Licht nicht dazu gebrauchen, andren auS der dunkeln Unwissenheit herauszuhelfen, sondern sie noch tiefer hineinzubringen. Als Nechljudotv in das Empfangszimmer trat, war Taporotv in seinem Arbeitszimmer mit einer Acbtisfin im Gespräch begriffen, einer lebhafteu, aristokratischen Danie, die in Wcstrußland unter den Nuierten(Anhängern der römisch- katholischen Kirche) den griechisch- katholischen Glauben ver- breitete, nachdem ihnen die rechtgläubige Kirche aufgezwungen worden war. Ein Beamter im Empfangszimmer fragte nach Nechljudows Begehr, und als er hörte, daß Nechljudotv die Absicht hätte, dem Kaiser eine Bittschrift zu überreichen, bat er um Erlaubnis, die Bittschrift erst lesen zu dürfen. Nechljudotv gab sie ihm, und der Beamte trug sie in das Arbeitszimmer. Die Aebtissin in ihrer Haube mit flattern- dem Schleier und einer lang nachschleifenden Schleppe ver- ließ das Arbeitszimmer und schritt mit einem Rosenkranz aus Topasen in den weißen Händen mit wohlgepflegten Nägeln zum Ausgang. Nechljudotv tvurde nicht sofort gebeten, ein- zutreten. Taporotv las die Bittschrift und schüttelte den Kopf. Er war durch ihre klare und beredte AllSdrncksweise unangenehm überrascht. „Wenn diese Schrift in die Hände des Kaisers gelangt, kann sie Mißverständnisse hervorrufen, und eS können unangenehme Fragen gethau werden," dachte er beim Lesen. Dann legte er die Bittschrift ans den Tisch, schellte und befahl, Nechljudow herein zu bitten, Er erinnerte sich der Angelegenheit der Sektierer; er hatte schon vordem eine Bittschnst von ihnen erhalten. Der Fall lag so, daß man diese von der griechisch-orthodoxen Kirche abgefallenen Christen zuerst venvarnt und dann vor Gericht gebracht hatte, welches sie aber freisprach. Dann hatten der Erzbischof und der Gouverneur unter dem Vorwand, daß ihre Ehen ungültig wären, diese Sektierer in die Verbannung geschickt, wobei Männer, Frauen und Kinder voneinander'getrennt wurden. Diese Väter und Frauen kamen jetzt darum ein, nicht getrennt zu werden. Taporow erinnerte sich daran, wie dieser Fall zum erstenmal vor ihn gelangt war: damals hatte er geschwankt, ob es nicht besser wäre, die Sache ganz einzustellen. Dann aber kam er zu dem Schluß, daß aus seiner Bestätigung der Entscheidung, nach welcher die verschiedenen Mitglieder der Sektierer- familien zu trennen und zu verbannen wären, kein Schaden entstehen, durch Belassung der Baucrnsekte an ihrem früheren Ort dagegen ein schlechter Einfluß auf die übrigen Ortseinwohner hervorgehen könnte, der dann belvirkte, daß sie von der orthodoxen Kirche abfielen. Ferner war die Angelegenheit ein Belveis für den Eifer des Erzbischofs, und so ließ er der Sache ihren Lauf in der Richtung, die sie einmal genommen hatte. Jetzt aber, wo ihr ein Verteidiger wie Nechljudotv erstanden war, der in Petersburg Einfluß besaß, konnte die Geschichte dem Kaiser vor» getragen werden, oder sie konnte in ausländische Blätter geraten. Deslvegen faßte er plötzlich einen unerwarteten Beschluß.—. „Nun, guten Tag?" sagte er mit der Miene eineS sehr beschäftigten Mannes, indem er Nechljudotv stehend empfing und sogleich zur Sache überging.„Ich kenne den Fall. So- bald ich nur die Namen sah, erinnerte ich mich an die Unglück- liche Angelegenheit," sagte er, nahm die Bittschrift auf und zeigte sie Nechljudow.„Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich daran erinnert haben. Uebereifer der Provinzial- behorde ist daran schuld." Nechljudotv stand schweigend da, indem er mit wenig freundlichen Gefühlen auf die unbewegliche, bleiche Maske des Gesichts vor ihm blickte. „Ich werde Order geben, daß diese Maßregeln Wider- rufen und die Leute wieder in die Heimat befördert werden." „Also brauche ich diese Bittschrift nicht weiter zu verfolgen?" „Ich verspreche es Ihnen ganz bestimmt," antwortete Taporow, mit besonderer Betonung des Wortes,„ich", als wäre er fest davon überzeugt, daß seine Ehrlichkeit, sein Wort die beste Bürgschaft böten.„Das beste ist, ich schreibe sofort. Nehmen Sie bitte Platz." Er ging an den Tisch und begann zu schreiben. Als Nechljudow sich setzte, blickte er auf den schmalen, kahlen Schädel, die dicke, blaugeäderte Hand, die schnell die Feder führte, und wunderte sich, warum nur dieser augenscheinlich gleichgültige Mann das that, was er that, und warum er es mit so viel Sorge that. „Also hier haben Sie es," sagte Taporow, den Umschlag verschließend,„Sie können Ihre Schutzbefohlenen davon unterrichten," und er schob seine Lippen lvie zn einem Lächeln vor.« � „Wofür haben denn diese Leute leiden müssen?" fragte Nechljudow, das Couvert in Empfang nehmend. Taporow erhob seinen Kopf und lächelte, als wenn Nech- ljudows Frage ihm Vergnügen bereitete.„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Was ich Ihnen sagen kann, ist nur, daß die von uns behüteten Interessen des Volks so wichtig sind, daß selbst zu großer Eifer in Religionssachcn nicht so viel Gefahren und Schaden anrichtet lvie die jetzt immer weiter um sich greifende Gleichgültigkeit—" „Wie können aber im Name» der Religion die aller- erste» Forderungen der Gerechtigkeit verletzt, Familien getrennt werden?". Taporow behielt sein gönnerhaftes Lächeln noch immer bei, da er augenscheinlich Nechljudows Worte recht nett fand. Was Nechljudow auch hätte sagen mögen, er würde von der ' öhe seines,»vie er glaubte, lveitreichendcn staatsmännischen tandpunktes alles sehr nett und sehr einseitig gefunden haben. „Das mag vom Standpunkt eines Privatmannes sa erscheinen," sagte er—„aber vom staatsiilännischen Stande Punkt aus stellt es sich tu ganz andftm Licht llar. Uebrigens muß ich Sie bitten, mich jetzt zu entschuldigen." sagte Taporow. den Kopf neigend und die Hand hinreichend, welche Nech- ljndolv drückte." I „Interessen des Volks l Deine Jutcresscn sind alles, Was du denkst I" dachte Nechljudow,. als er hinausging. Unh er ging in Gedaicken die Personen durch, an denen die Wirk- samkeit der Einrichtuugen zu Tage trat, welche die Religion unter- stützen und das Volk erziehen. Er begann mit dem wegen ungesetzlichen Branntweinhandels bestraften Weibe,- dem Burschen, der wegen Diebstahls, dein Strolch, der wegen Vagabundicrens, dein Brandstifter, der wegen Brandstiftung, den, Bankier, der wegen Betrugs bestraft worden war, und der unglücklichen Lydia Schustowa, die man nur deswegen eingesperrt hatte, weil mau wünschenswerte Erkundigungen von ihr einzuziehen hoffte. Tann dachte er an die Sektierer. die wegen Verletzung der orthodoxen Kirchenlehre, und an Gurkeivitsch, der wegen Verlangens einer konstitutionellen Rcgieruiig bestraft worden war. und Nechljudoiv sah klar, daß alle diese Leute nicht deswegen verhaftet, eingesperrt und ver- bannt worden waren, weil sie. die Gerechtigkeit verletzt oder ungesetzlich gehandelt hatten, sondern nur deswegen, weil sie den Beamten und Reichen im Wege waren, das Hab und Gut zu genießen, welches sie. dein Volk abgenomnicn hatten. Sowohl das Weib, das ohne Erlaubnis mit Branntwein handelte, wie der Dieb, der in der Stadt umherschlich, und � Lydia Schustowa mit ihren geheimen Proklanrationcu, und die Sektierer, die den Aberglauben über den Haufen warfen, und Gurkrwitsch mit seinem Verlangen nach einer Verfassung— sie alle waren den Beamten ein wirkliches Hindernis. Es' schien Nechljudow also vollkomineu klar, daß alle diese Beamten—. von- dem Gatten seiner Tante, den Senatoren und Taporow an bis zu den sauberen und korrekten Herxen hin, die in den Ministerien an den Tischen saßen—, durchaus nicht bestürzt über die Thatsachc waren, daß bei dieser Orb- nung der Dinge Unschuldige leiden müßten, sondern nur Sorge trugen, von den wirklich Gefährlichen befreit zu werden, so daß nicht nur das Gebot, wonach eher zehn Schuldige ent- rinnen sollen, als daß ein Unschuldiger bestraft wird, nicht gehalten wurde, sondern im Gegenteil, um eine wirklich gefährliche Person los zu werden, zehn scheinbar Gefährliche bestraft Wurden, gerade wie man beim Hcransschnciden einer faulen Stelle auch gesunde Teile entfernt. Diese Erklärung schien Nechljudow sehr einfach und klar; aber gerade ihre Einfachheit und Klarheit ließ ihn mit An- nahnie derselben zögern. War es möglich, daß eine so koniplizierte Erschcinluig eine so einfache und schreckliche Er- tlärnng hatte? War es möglich, daß all diese Worte über Gerechtigkeit, Gesetz, Religion, Gott und dergleichen nur Worte wären, die die gröbsten Begierden, die roheste Grau- janikeit verdeckten? (Fortsetzung folgt.) SottukngsplÄltdevcr. Aus der ersten Woche des JahreS nach Beginn des neuen Deutschland, aus dieser in ahndevollcn Dan»»er gigantischer Welt- wende getauchten Zeit dcS UrantichristcntnnrS stammen die folgenden Motizzeilel! aiff denen ein greiser Staatsmann feine Eindrücke und Gefühle iiicdergeschriehcii hitt. Dem. lünstigcn Historiker werden diese Alifzeichnungen unentbehrlich sein. ** Das große Werk ist vollendet! Welche Seligkeit, daß ich das noch erleben konnte. Ich habe in. der Freride meines alten Herzens den Märzgefallenen ein rednerisches Portal gebaut. Jene wollten die deutsche Einheit zu Lande,' nnr wollen sie zu Wasser werden lassen. Wir brauchen nicht nichr die gepanzerte Faust in der Tasche zu ballen. Wir votieren, wie unsre'Ahnen von 1789, die Freiheit der Welt.- Die deutsche Arbeit erobert die Erde, die deutsche Kultur breitet sich aus, wir haben, wie miste jungen Leute jetzt immer sagens die Seegeltung erreicht. Als ich das Wort zum ersten mal gedruckt sah,, las ich'es Secoek-Tuug und hielt» für etwas Chinesisches. Auch meine Geheimrate.wußten das komische Wort sich nicht zu erklären.' Tirpitz hat uns aber ei» Licht aufgesteckt. Es ist wirtlich eine schöne Wendung und mit ein paar Milliarden nicht zu teuer erkauft. Scegcltung— die tiefste Sehnsucht nnsrer Zlevolutioiiäre von 1848 ist erfüllt. Im Grunde wollten auch die Jalobiner nichts andres als sie Ludwig XVI.— doch still, wozu blutige Et'inncrnngen erwecken! Wir- werden mit unsrer Märine. die miste Kulturkämpfer böslvillig die Tonsnrflotte nennen, der Welt den Frieden diktiereil. und wenn wir den Oican mit Leichen voll- stopfen. nmßteii. Frieden ist noüvendig, Leben nicht. Oder toie mein Freund Müllcr-Fulda daS imvigerrv veeexss est übersetzt: Stenern ist notwendig... Kurz, es ist eine große Zeit. Soeben teilt mir mein Bankier mit. ich hätte wegen deS KnrS« stnrzeS an der Börse einige hunderttausend Mark verloren. Merk- würdig, und wir haben doch eben den Handel bcsördcrt." Muß mal Siemens frage», wie das zusammen hängt. Nachdem die Schivicrigkeitcn überlvmidcn, die sich dem großen Werk ciitgegciistcniintc», sieht man erst, wie gefährlich sie waren. DaS Schliiimistc war doch das mit Schweinbmg. Wenn der Mensch geredet hätte, wenn die Welt erfahren haben würde, ivarmn und tvie das Morgenrot der iiciicn Zeit entstanden ist, es wäre alles noch gescheitert. Ich habe ihn zum Ehrenmann und zum Patriot ernennen müsse», ich habe mit ihm Brüderschaft getrmikc'n und ihm den erblichen Adel mit tausend Jahre rückwirkender.«rast zugesichert— sonst wären wir verloren gcivcsen und die neue Epoche hätte nicht beginnen können. Aber ist das nicht auch ein Erfolg der Weltpolitik, daß wir einen Ehrenmann mehr getvonnen haben! ES giebt so ivenig von der Sorte. Ich habe Ivicdcr 200 000 M. verloren. Siemens hat etwa? von der Börsenstencr gemurmelt und mich anfs Jähr 1920 vertröstet. Tann würde sich erst der Handelsscgen der Flotte offenbare». Wir haben heute beraten, mit welcher That wir min die jung« Aera der Weltpolitik beginnen sollen. Büloiv schlug vor, daß wir uns für Scherl photographieren lassen. Wurde genehmigt, aber nicht für ausreichend befunden. Dann gerieten sich Tirpitz und Goßler in die Haare. Letzterer schlug eine Militärvorlage, jener eine Flottcnborlage vor. Gelviß. cltvas Großes muß geschehen, ivozn hätten wir sonst die neue Epoche angefangen I Wir dürfen nicht iinthätig sein. Wir haben zu zeigen, daß wir den Emst der Zeit begriffen haben imd mit dem anbertranten Pfunde zu wnchcru verstehe». Schließlich wurde eine Berständigimg erzielt: Wir werden eine Militär- n n d eine Flottenvorlage vor- bereiten. Schweinbmg ist unterrichtet, er wird zunächst durch ein paar einleitende Dementis Stiinmnng machen. Ich erstaunte heute selbst über die»»geheure Weite unsrcS Blicks. Andre hätten sich vielleicht auf ihre» parlamentarisch«» Lor- beeren ausgeruht, w i r keimen kein Rasten. In genialer Fernsicht erblicken Ivir schon jetzt die Notlvendigleit Iveitcrer Rüsinngen. während das Volk noch nicht einmal die der früheren eingesehen HM. Jedenfalls haben ivir iinn für daS nächste Jahr wieder vollauf z» thnn und ivir Häven es nicht nötig, eine ProduktioiiSciiischräiikmig im Negieren vorzunchnien. Thiele» geht außerdem mit einer Vorlage um, die den Arbeiter» bei Strafe des Znchthaiiscs das Fordern Höherer Löhne verbietet.' Ich habe heute das Pensum für die. ersten zehn Jahre»ach Geburt der Wellpolitil skizziert.' Hier ist es: Jahr l: Flotten- und Militärvorlage. Entlvnrf best. Be» strasnng höherer Lohnforderungen. Jahr 2: Flotten- und Militärvorlnge. Entlvnrf betr. Ver- Wendung der Mittel der Jnvalidenkasien zur llnlerstützmig für not- leidende Großgriiiidbesitzei'. Anfhcbmig aller Socialgcfetzc. An- kauf zweier Inseln am Südpol. Jahr 3: Flotten- und Militärporlage. Einführnng fünfjähriger Land- imd eben solcher Seedienstp flicht. Verbot der Herstellimg mibcllcidctcr Gegenstände. Polizeiliche Konzcssionspflicht für Zeitmigcn. Rcich's-Kirchcnordnling. Gesetz betr. Einfuhrverbot für sämtliche Prodnkte iHaiidelsverträge). Jahr 4; Flotten- und Militärvorlage.. Ankauf dreier Inseln an» Nordpol. Gesetz betr. Wicdercinführmig der Folter- und Prügel- strafe. Bcseitigmig des Wahlrechts(Erneiniung. der Abgeordneten durch die Polizei). Prämien für Sekt Winker und Baccaratspiclcr. Gesetz betr..den Schutz' der nationalen Faulheit tlox Harmlos). Jahr 5; Flotten- nnd Militärvorlage. Novelle betr. Ans- hebmig der Industrie und die lebenslängliche Feffelimg an die Scholle. Bestrafung gemeingefährlicher Gedanken. Einrichtung einer Polarschütztrnppe. Jahr 0: Flotten- nnd Militärborlage. Obligatorisches Zlvölf- kindsystcnl zur Bekämpfiiiig der Leiitenot. Bestrafimg der Teil- nahnie am Schulimterricht. Vier Quadratnieter in China gepachtet. Jahr- 7: Flotten-,»nd Militärvorlage. Allgemeine Reichs- Wortsteuer.(Bei Taubstuinnie» wird ein Panschaldiirchschniti des Wortverbrauchö zu Grunde gelegt). Bestrafung der Eisenbahn- fahrt. Ersetzmig der Justiz' durch das' Standrccht. Verbot jeder Parteizugehörigkeit. Ankauf von' zwei Ouadratkilomctern im Sudan. Jahr 8: Flotten- und Militärvorlage. Entlvnrf betreffend Fortsetzung der Wellpolitik. Verlängerung der Handelsverträge voni Jähre 3. Vierzehw-Kinder-Systein. .. Jahr 9: Flotten- nnd Militärvorlage. Gesetz betr. Bestrafung der Dienstiliitanglichkcit. Entwurf betr. Abkürzung der Schivanger- schaft(zur Bekänipsung der Lcutenot). Errichtung ciil'er Menschen- brutanstält in Sainoa. Jahr' 10: Flotten- und Militärvorlage, Zlvauzig-.üinder- System. Gesetz betr. Besttafmig von'• Krankheiten. Einführnng L4stündiger Arbeitszeit. Verbot des Denkens. Gesetz betr. An- kauf der Bären sel. Anfang eines neue» Abschnitts per Welt- 'geschichtc. ES iwtb viel Arbeit neben, wenn wir in dieser kurzen Zeit von zehn Jahren all' die grotzcn Dinge ausführen wollen, die ich au- gedeutet. Aber wir sind uns bcivübt, was wir der Geschichte schuldig 'sind. Dank unsrer Flotte nud Armee werden und müssen wir immer höher in der Kultur steigen. Es fällt ein Reif in die Frühlingspracht unsrer Wcltpolitik. Ter Ritualmord-Wahn in Könitz, der Boxer-Aufstand in China— wie tief stecken wir doch»och in der Barbarei. Daran ist aber nur die Kleinheit unsrer Flotte schuld. Und doch und doch, man möchte manchmal kleinmütig verzagen. Man weih ja niemals recht, ob 'man Weltgeschichte macht, Verbrechen begeht oder Narrenpossen treibt. TaS ist alles so ähnlich... ,1 o o. Mttfiltalifchev Sommev. Der heurige Sommer scheint musikalisch dürrer zu werden, als der vorjährige. Zwar geht manches feinen regelmäßigen, nicht erst zu erwähnenden Gang, und manche Erscheinung der .jüngsten Zeit, die wir übergangen, hätte vielleicht noch als Ehrcurclterin zugezogen werden können. Allein fast scheint es, als seien vor den englischen Operettei« die besseren Geister geflohen. Vom .Mikado" am Opernplatz, einem Klein Lord Roberts in Pretoria, ist wohl besser zu schweigen; aber daß die„Dnisy" im Lessingtheater, statt selber eine AuSrcißeriu zu werden, festgehalten ivnrde durch Opferung eines SündcnbockS, der früheren Sängerin der Titelrolle, Adele Kranß, die man als die angeblich Hauptschuldige durch einen klangvolleren Namen ersetzte, muß doch festgenagelt werden. Auel, daß Herr Kapellmeister. Karl Zimmer, der sonst mit seinem Orchester auch Sommers über für bessere Musik sorgte, vorläufig wie verschwunden ist, fällt auf; irre ich nicht,, so ist an seine Stelle bei der.Berliner„Sinfonie- Kapelle" ein andrer gesetzt ivorden. Eine typische Erscheinung unsreS . Musilsommers, die Gartenkonzerte des. B e r l i n e r L e h r e r- Gesangvereins", scheinen diesmal keinen Ehrgeiz nach ctlvas Besonderen, zu entfalten. DaS Konzert vom letzten Freitag, ivic immer lang und wenig �.soeialpädagisch", war— nach den bloß zwei Stunden zn urteilen, die ich ihm widmen konnte— die bekannte Männergesangproduktio», wie sie leibt und lebt und noch immer wieder lebt doch ein '.Jagdmorgen" von dem bei uns stets zu wenig gepflegten Josef Rheinberger leuchtete hervor als mnsikalifche Kunst über VereinSknilst._..... Run aber der alte Helfer in Sonnnertnot, Direktor Heinrich Marwitz, der jetzt abermals die Tendenz des Schiller- Thealers, weiten Äreiseir echte dramatische Kunst zn vermitteln, auf musikalischem Gebiet durch seine Sommeropcr fortsetzt! Wir halten im Vorjahr wiederholt Gelegenheit, z» betonen, wie wenig ei» solches Unternehme» bei feinen beschränkten Mitteln mit einer feste» Hofopcr konkurrieren kann, aber auch, ivie sehr der Ernst dieses Strebens und großenteils sei» thatsächlichcr Erfolg anzuerkennen ist! und auch diesmal wieder fanden wir dies bestätigt und konnte» leicht sehe», daß das Unvollkommene daran eben ein Schicksal ist, über das hinaus Ivohl nur sehr überlegene Mittel führen könnten. Dia Eröffnung der diesjährigen Sommcrsaiso» geschah. gleich mit zwei Reu-Einstudierungc»: am Donnerstag wurde V e r d i S große Oper•„ A m a l i a oder Ei» Maskenball" ans einer längeren Vergessenheit hervorgeholt, und am Freitag kam L o r tz i» g s lömischc Oper„Die beiden Schützen Dort das UebergniigSwerk von der früheren italienischen Leiermusik zur späteren, hohen Dramatik, mit viel Kunst des Enscmblegesang und mit viel Derbem. ist» Charakterisieren hier alle Zartheit deS zugleich fein tünstlcrischon und schlicht volkstümlichen Stils jenes deutschen Meisters, der auf dem besten Weg ivar, uns vollendete komische Opern von heinnscher Eigenart zu gebe»— ein innsflalisches Scitenstück zu dem, was für das Schauspiel F. Raimund war/ und an Mozart nicht weniger heraitreichcnd, als Raimund an Shakespeare.„Die beiden Schützen" sind noch besonders interessant dadurch, daß sie das Ansteigen des Komponisten ans der Sphäre des d'ialog- und coupletreichen Singspiels in die der Oper, im besten Wortsinn, zeigen. Dem Ge'samtcharaktcr beider Opern wurde unsre Truppe inso- Ivcit gerecht, als es nur überhaupt so lai'ige zu verlangen ist, bis einst viel mächiigcrc Kräfte die Darstcllungsiveise älterer Opern ganz neu schaffen werden. Wenn z. B.� Verdi aus hoher Tragik plötzlich in die Trivialität eines cirknsartigen Schlnßgesangs übergeht, so Hilst da nichts, als daß mau diese Eigentümlichkeit in ihrer ganzen Schroffheit erfaßt und den vom Autor gewollten Sprung aus Trauer in rauschende Lust mit allem Glanz darstellt. Doch das sind Znknnstsphaiitasien. Für die gegebenen Verhältnisse darf vor allein der Regie A dol f- Ca r l h o f s alles Lob gespendet ivcrdeiff der freilich selber als Schauspieler nicht eben zu den Belveglichftcn'gehört, doch in der Rolle des Unteroffiziers bei Lortzing ganz Ivohl an seiner Stelle war. Was nun die Gesangskunst betrifft,. so besitzt die Truppe viel gutes Stimmen- Material'mit manchem hochgebildeten Können und manchem, freilich zum Teil falschem, Glanz.: Leider kann über die Tenornot auch diese Bühnenlei tnng nicht hinaus- kommen. Zwar hat ihr bereits bclvährter Tenorbriffo Felix �teinbeck w' der Lortzingschcn Oper als Vetter Peter sich durch eine an allen Künsten reiche Stimme bewährt, und was er durch manche Rauheit, des Siiiacns»»ich durch possenhafte lieber- treibnngen des Spiels verfehlte, wird in solchen Fällen leider meistens mit ertragen werden müssen. Allein die Helden- tenore waren gerade keine Helden. Emil B n ch w a l d als Graf im„Maskenball" zeigte iinmerhi» eine gute Stimme, zumal im Solosang oder wenigstens in einzelne» Töne»; doch i», Zusammen- klang störte', namentlich neben den vornehmen Franenstimnien, daS Derbe feines Gesangs recht sehr. Albert Zimmermann war als Gustav bei Lortzing in mitleidenSwertcr Weise befangen; ihm ist ein festes Studin», sowohl der Gesangs- als auch der Sprechkunst dringend zu empfehle». Mit einem üppigen und wohlgebildeten Varyton machte sich bei Verdi als Renata Otto Göritz bemerkbar; mit einem guten Baß, dem nur manchmal noch etlvas mehr Klarheit zn wünschen wäre, Clemens S ch a a r sch m i d t als Schwarzbart bei Lortzing, Bon neu engagierten Soprane» war namentlich Margarete Koch als Snschc» bei Lortzing bemerkbar, zumal durch ihr»»unteres Spiel; die kleine flötenartige Stimuie von F e l i c i e von Benno— als Page bei Verdi— kann»och recht brauchbar»verde»». Unter den altbeivährtei» Kräften der Morlvitz- Oper ist vor allen», schauspielerisch»vie gesanglich, Frieda H a>v l i e z e k zn nennen; daß H e n»»i B o r ch e r s die große Hauptrolle bei Verdi mit großer Kunst durchsnhrte,»vcimgleich ihre»nächtige Stinnne nianchmol Klänge gicbt,»vie ein' ailf Glas gleiteiides Jnstrnnient, bedarf wohl»icht erst eigner Hervor- Hebung. Auch Marie von Tergoiv— Caroline bei Lortzing— »var, trotz einer gewisse»» Dünne»nid Unruhe ihres Toiis, eine er- frcullche Erscheinung,»»nd die Herren Ernst George und be- sonders TheoRaven frischten iiiisre Erinnerung an gute Lcistungeit Ivicdcr in anerkeimenSwertcr Weise ans.-y' sz, Kleines Fenillekon. g. Die Tanipsc» fahrt. An der Spitze ivarc» noch ein paar Plätze frei. Ohne auf die entrüsteten Blicke der ander» zu achten, drängten sie sich hastig durch ihre Reihen, ivarfen hier einen Schirm mn. stießen dort eine Dame an, traten einen alten Herrn auf de»! Fuß n»d»ahnic» da»»» endlich lachend ihre Sitze ei». „An der Spitze ist es doch an» lnftigfte»," sagte die alte Dame, „ich habe es Euch ja gleich-gesagt,»vir'»»iissen früher gehe», sonst sind die besten Plätze fmi.""_• „Na»vir sind ja noch ganz gut angekommc»», Tante," meinte der Student.„Soll ich sie»icht hier in die Ecke stellen, Hcdchcn?" Er»vandte sich an den Backfisch, der sich umsonst bemühte, die Regen- schirme auf der Bant»interzubringen. Das junge Mädchen reichte sie ihn» mit einen, fröhlichen Auflachen, dam» schüttelte sie die blonden Locken zurück und klatschte in die Hände:„Nein, Ivie ich»»ich freue, zn schön, daß es iiicht geregnet hat." „Na, der Regen kam» g»t noch nachkommen." Der Student»varf ciiicu Blick»ach dem Himmel.„Wen» cS ein Gewitter giebt, sage ich garnichtS l Aber jetzt fahren»vir." Das Schiff setzte sich in Bcivcgnng. Bon der Brücke hcrimter klang ein brausendes Hurra. Man»vehtc mit Tüchern und Schirmen, die Passagiere ertvidertcn de» Gruß,' erst allmählich trat wiedcr Ruhe ein. Die alte Dame musterte die Ufer; senfzeiid fuhr sie mit dem, fciiici» Spitzentuch über die Stirn:„Wenn wir nur erst hinter Treptoiv»väre», diese Fahrt durch die Stadt»st schrecklich!" „Ja. der Dnnst hier ist greulich," bestätigte der junge Mann,— „cS»st ja aber auch Fabrik liebe» Fabrik. Du, Hedchen, sieh mal—" — er stieß den Backfisch an—„da werden Ziegelsteine gelöscht!'' „Wieso denn gelöscht? Sie brcm'ieik doch gar nicht!" Das junge Mädchen starrte mit de» großen Augen nach den» Ufer. Der Vetter lachte ans:„Na sie ivcrdci» doch vom Schiff an Land gebracht— das nennt»im» doch die Ladimg löschen!" „Ach so"— sie nickte— ach und das machen Franen. Sieh mal, auch Frauen 1" Itcbci den schwanke» Steg, der das Schiff mit dem User verband, schoben ein paar Frauen tief gebückt schwere Lasten auf Karren. Der Backfisch folgte ihnci» mit nengierig iiiterejsierte» Blicken:„llh,»vie die sich qnälci»»iüsseU-1 Sieh' mal, die Alte kam» kam»» noch fort... Nein, ist das amüsant, Iva» man hier alles zu sehe» bekommt I"'' „Na, ich»veiß nicht, was an den alten, schmutzigen Weibern amüsant sein soll!"— Die alte Dame schüttelte den Kopf.—„Seht mal, da grüßen sie schon»vieder." Die beiden junge» Leute»vandtci» den Kopf»ach dem andern Ufer. Aus dem Fenster eines hohe» vierstöckigen Fabritgcbnudcs winkten mehrere junge Mädchen in hellen Blusen. Sic hatten die Acrmcl bis zur Schulter in die Höhe gekrempelt und die Taillen niiter den» Halse ausgeknöpft: trotzdem glühten ihre Gesichter vor Hitze,»virr»»nd naß hingen die Haare nm ihre Stirnen. „Tampfwäscherei!" las der Backfisch das große Firincnschild. „Du, ich glaube, das' wären Plätterinnen. Möchtest Du plätten bei der Hitze. Mama?... Brr!".,. Sie schüttelte sich schaudernd. „Dampfer fahren ist jedenfalls airgenehiner," lachte der Student. „Ilh Kinder— aber jetzt— haltet Ench die Nasen zn!" lieber daS ganze Dampfschiff ging ein ironisches'Gelächter. Die Dgmen griffen nach ihren Taschentüchern. „Das koinnit von der Lichtzieherc» herüber," sagte ein Herr, „der Wind treibt es gerade hierher.".'.. — 460— „Einfach enisehlich, der Gestank I' stöhnte die alte Dame,„Pfui nein, so etwas einatmen zu müsse», mir kann direkt schlecht werde» davon l" „Da ist ja die Lichtzicherei I' rief der Student, „Sieh' mal Hcdchcn, da links, wo die viele» Männer am Fenster stehen." Der Backfisch nahm den Sonnenschirm und winkte nach dem Ufer zu. dann schüttelte er den hübschen Kopf:„Die vielen Leute,— und die sind nun alle Tage in dem gräflichen Gestank?" „Na, mein Gott, das sind doch auch die Arbeiter!" Die alte Dame verzog geringschätzig den Mund.„Jetzt müssen wir übrigens bald bei Treptow sein." „Ja, da ist ja schon Stralau und da links die Paternoster- tverke," entgegnete der Stndent. „Patcrnostertverke?" Der Backfisch lachte lant auf:„Nein, klingt das drollig! WaS ist denn das, Paternostertverke?" „Na, Du siehst es ja," erwiderte der Stndent.„Dort die Maschinen, auf denen der Sand innner hinauf und hinuntergeht. Siehst Du, hier unten schippen die Männer ihn rauf und lue»« der Niemen oben iiber die Walze gekommen ist, fällt der Sand auf der andern Seite wieder hcrinilcr; es ist eine Kette ohne Ende." „Die Männer da müssen aber auch braten, wenn sie so den ganzen Tag in der Sonne stehen und schippen!" sagte nachdenklich der Backfisch. „Treptow. Treptow!" riefen ein paar Stimmen über Deck. „Leuchtend und duftend im satten Grün stieg die Abtei aus den Wellen der Spree empor. Aus einem der ferner liegenden Lokale klang Musik, an allen Ilferu geputzte, lachende Menschen, Damen in hellen Sonnnerkleidern und spielende Kinder: sie schwenkten die Tücher und winkten mit den bunten Sonnenschirmen. Dann wurde alles wieder still.s Die alte Dame wies auf da? Panorama, das sich hell und glänzend vor ihnen anfthat:„Seht wie die Sonne auf dem Wasser flimmert, ist das nicht köstlich? lind dieser würzige Kiefernduft vom Wald her? Ach ist das eine Wohlthat nach all dem D»»st und Staub!" Der Backfisch folgte ihrer weisenden Hand mit leuchtenden Augen, eine kleine Weile stand sein Plappermäulchen still: dann schob er plötzlich den linken Arm unter den des Betters und schlang den rechten um die Taille der Mama, und beide innig an sich heran- ziehend, rief er mit jubelnder Stimme:„Nein, Muttche», Mullchen, wie ist die Erde schön!"-- Meteorologisches. — Neber die Entstehung d e s N e b e l S hat Professor Kicsling in Hamburg interessante Versuche angestellt. Er beobachtete zunächst das Entstehen des Nebels, wenn man einen Dampfstrom i» atmosphärische Luft leitet. Der Strom tritt dabei stofiueisc ans, ist zunächst dicht hinter der Ansströmnngsstelle unsichtbar und wird erst in einer Entfernung von einigen Centimetern sichtbar. KieSliug erklärt sich diesen Vorgang so, daf zunächst die Luft und die in ihr schwebenden festen Teilchen fortgestogen werden, daf sich dann aber die spätere Nebelbildnng gerade an diesen in der Luft schwebenden, festen Teilchen vollzieht. Leitet man nämlich in die Stelle, wo sich zunächst keine Nebclbildung zeigt, ettvas Rauch, etwa von einer Sprcngkohle, hinein, indem man die entzündete Masse einfach unter jene Stelle hält, so zeigt sich, daß die Nebel- bildung auch dort sofort auftritt. Leitet man dagegen einen solchen' Dampfstrahl in gut filtrierte Lust, die keine festen Teilchen mehr enthält, so entsteht überhaupt kein Nebel, der Dampf ver- schlvindet vollständig. Ein zweites Experiment ergänzt und bestätigt diese Wahrnehmung. Im allgeineinen entsteht nämlich der Nebel auch bei Driickvermindernng; das kann mau schon au der Luftpumpe nach der ersten Kolbenbewegung wahrnehmen. Sehr einfach läßt es sich folgendermaßen nachweisen: Mau nimmt ein ballonartiges Glas- gesäß mit enger Äusflnßöffnung. bläst zuerst in das Gefäß hinein und läßt dann die in Spannung geratene Luft ausströmen: es bildet sich immer ein geringer Nebel. Diese Erscheinung wird aber bedeutend verstärkt, sobald man nur eine geringe, kaum sichtbare Menge von Rauch in das Gefäß bringt; am besten in- dem man zunächst ansaugt, die Luft dadurch verdünnt und nun die Oeffnung über den Rauch hält; mit der eindringenden Luft dringt auch etwas lltanch ein. Wiederholt man dann den ersten Versuch, so zeigt sich eine ganz erhebliche Vermehrung der Nebclbildung. Läßt man durch einen derartigen mit Nebel gc- füllten Glasballon einen starken Lichtstrahl treten, so zeigt sich auf einem dahinter gehaltenen weißen Schirm das Bild des Glasballons umgeben von einem rötlichen Hof, wie ihn uns an nebligen Tagen häufig der Mond zeigt. Es beruht das auf einer durch die kleinen, an den festen Körpern hängenden Bläschen hervorgerufene Licht- beugung. Sie tritt aber nur dann ein, wenn der Nebel von ganz gleichmäßiger Dichte ist, was bei unsrem Glasballon erst bei längerem Schütteln init etwas Wasser erreicht wird. Diese Versuche erklären hinreichend das auffällige Auftreten starker Nebel an Orten mit dunstgefüllter Luft, wie z. B. in London, soiuie die auffällige rötlich- gelbe Färbung dieser Nebel.— Bergbau. — Japans Schwefelgruben. Japan besitzt ans der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido und der Kette der kleinen Vulkan- Inseln der Kurilen reiche Schtvefellagcr, die dem sizilianischen Schwefel wahrscheinlich später gefährliche Konkurrenz machen werden. Auch sonst finden sich kleinere Schwefellager über das übrige Fusel- reich zerstreut. In„The Engineer" wird als typisch für eine Reihe ähnlicher Vorkommen das Schwefcllager und die Schwefelgetvimmng am Schiranc-san oder Weißen Berg unweit des Thermalbadeorts Kasatsn beschrieben. Kasatsu besitzt die berühmtesten heißen Quellen Japans und wird jährlich mit gutem Erfolg von Tausenden von Gicht- und Rhenmatismuskranken aufgesucht.' Der Schirane-san ist ein rund 2300 Meter hoher Vulkan, der jedoch trotz seiner Höhe keinen imposanten Anblick gewährt, da sein Gipfelkrater sich nur wenig über ein ausgedehntes nnd langsam abfallendes Plateau erhebt. Auf dem Hochland steht weithin zwischen eruptiven Blockfeldern ein wahrer Baumskelett-Wald. Die Eruption von 1882 hat die Vegetation durch Aschenregen und Schwefeldämpfe ver- nichtet, und die Stämme und Aeste deS Waldes erheben sich tot und dürr in die Lust. Dicht an der Außenseite des Kratcrwallcs liegt die Raffinerie, wo der Schwefel raffiniert und in Blöcke gegossen wird, die durch Lastpferde fortgebracht werden. Von der Raffinerie führt eine Pferdebahn fast horizontal durch einen Einschnitt im Walle des Kraters in dessen Inneres, in dem sich ein 250 Meter langer und 100 Meter breiter salziger See ausdehnt. Dieser war ursprünglich 500 Meter lang und 200 Meter breit gewesen nnd hatte die ganze Fläche deS KratcrbeckeuS ausgesiillt. In Tunneln, die man durch den Wallrand trieb, wurde ihm ein Teil seines Inhalts cnt- zogen nnd sein Umfang auf die jetzige Masse zurückgeführt. Die Pferdebahn führt um den See herum zum andren Krater- ende, wo eine kesselartige Vertiefung mit einer dunklen, siedenden Flüssigkeit, von der Wolken aus Schwefeldämpfe» aufsteigen, gefüllt ist. Die Weite dieses Kessels beträgt etwa 20 bis 25 Meter. Die Schlamm- nnd Sandmassen an seinem Rande werden in die Wagen geladen und zur Raffinerie gebracht. um dort von ihrem Schiveselgehalt bestreit zu werden. Die fort- geschaufelten Massen werden schnell durch neuen Auswurf ersetzt. Um den Kessel gruppieren sich etwa zehn starke Solfataren. deren Schwefeldämpfe über der Anstcittsöffuung in kurzer Zeit gelbe Schornsteine ans fast reinem Schwefel aufbauen, die ebenfalls rasch abgebrochen und zur Raffinerie gefahren werden.— („Prometheus".) Humoristisches. — Zwei Kunstverständige.„... Ja, ja, Frau Metzger- nieister, ich habe die Duse in Wiesbaden gesehen nnd habe für meinen Platz 10 Mark bezahlt!" „O. das ist noch gar nichts I J ch habe die Duse in Berlin für zwanzig Mark gesehen!"— — Der Knicker. Rentier Goldmeier ist bei einer Kahnparlie ins Wasser gefallen. Während er mit den Wellen kämpft, ruft er natürlich vcrzweiflungsvoll um Hilfe. „H u n d e r t Mark dem mutigen Rcllcr!" schreit er. Dann sinkt er unter, um aber nach zivei Minuten wieder aufzutauchen. „Zweihundert Mark I" schreit er in Todesangst. In diesem Augenblick wird er ergriffen und in einen herbei- gceilten Nachen gezogen. „Was Hab ich gesagt?" flüsterte er. indem er ermattet huisinlt. „H u n d e r t f ü n f z i g Mark"— Hab ich gesagt!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Bei der Versteigerung der Bücherei Sir Robert Peels in London wurden für 11 Folianten im Atlasformat, die eine vollständige Sammlung zur Hälfte bemalter politischer 5�arikat»reu von Oliver Cromwell bis auf Georg IV. enthalten, 10 000 M. gezahlt.— — V o ß' M ä r ch e n s p i e l„Die blonde 51 a t h r c i n" errang bei der Erstanfführuug im Leipziger Alten Stadttheater einen großen Erfolg.— — StrindbergS Komödie„Rausch" gelangt dieser Tage in Breslau zur ersten Aufführung in deutscher Sprache.— — Das Deutsche Theater erzielte bei seinem Gastspiel in Wien eine Gcsamteiniiahme von 104 000 M. Das Deutsche Volks- Theater hat in der gleichen Zeit in Berlin ungefähr 44 000 M. ver- einnahmt.— — Einen„ V a u d e v i l l e- T r n st" haben die Besitzer der amerikanischen Varietetheatcr gegründet, um die Gagen der Künstler niederzuhalten.— — Ein F r a n s H a l s- D e n k m a I ist am Donnerstag in H a a r l e m enthüllt worden.— — Bei dem Preisausschreiben, betreffend die malerische Ausschmückung des Sitzungssaales im Rathanse zu St. Johann a. d. Saar, erhielt den erste» Preis(3000 M.) W. A. Wroge- Berlin, den zweiten Preis(2000 M.) O. W i ch t e n d a h l- Hannover. den dritten Preis(1000 M.) H a n s K o b e r st e i n- Berlin.— — Hans Richter wird bis zum Frühjahr 1305 alle Halle- Konzerte in Manchester. Liverpool nnd andren engtischcn Städten dirigieren.—_ Peraiitworklicher Recaaeur: Paul John in Berlin. Druck uns ÜKuag von Max Boving m Berlin.