Anterhaltmlgsblatt des Horwärls Nr. 1 18� Donnerstag, den 21. Juni. 1900 (NachdniS rubelen) es, Aufevpkehung. Roman von Leo T o l st o j. Ja, noch nichr: die frühere Beschäftigung hatte bei Dmitri Iwanowitsch stets Acrger, Gemütsaufregung hervorgerufen-, diese fremden Angclegcüheiten aber erweckten in ihm grötztenteils eine freudige Stimmung. Die Angelegenheiten, welche Nechljudow damas beschäftigten, zerfielen in drei Kategorien; er selbst teilte sie in seiner gewohnten Pedanterie so ein und brachte auf sie be- zügliche Papiere dementsprechend in drei Portefeuilles unter. Die erste Angelegenheit betras die Maslowa und die ihr zu leistende Hilfe. Diese Angelegenheit bestand jetzt in der Sorge für die an allerhöchsler Stelle eingereichte Bittschrift und in der Vorbereitung zur Reise nach Sibirien. Die zweite Angelegenheit betraf die Regulierung seines Besitztums. I» Panowo war der Boden den Bauern unter der Bedingung der Zahlung einer Rente für ihre gemeinsamen Bedürfnisse abgetreten»norden. Um aber diese Abtretung rechtskräftig zu machen, mufiten die Bedingungen und das Vermächtnis schriftlich aufgesetzt werden. In Kusminskoie aber war die Angelegenheit so geblieben, wie er selbst sie arrangiert hatte, das heitzt das Geld für den Boden sollte er erhalten: aber es mußten Zahlungsfristen festgesetzt und be- stimmt werden, wieviel er von diesem Geld zum Leben nehmen lind wieviel er zum Vorteil der Bauern übrig lassen wollte. Da er nicht wußte, welche Ausgaben ihm bei seiner SrVchrt nach Sibirien bevorständen, entschloß er sich noch nicht. diese Einnahmen preiszugeben, wenn er sie auch uin die Hälfte verringert hatte. Die dritte Angelegenheit betraf die Unterstützung der Gefangenen, die sich immer häufiger und häufiger an ihn wandten. Als er zuerst in Beziehung zu den Gefangenen trat, die sich um Unterstützung an ihn wandten, machte er sich sofort daran, für sie zu sorgen, und bemühte sich, ihr Los zu erleichtern i später erschienen aber so viele Bittsteller, daß er die Ilnnröglichkeit empfand, jedem einzelnen von ihnen zu helfen, und so wurde er unwillkürlich zu der vierten An- gelegeuheit hingeführt, die ihn in letzter Zeit mehr als alles andre beschäftigte. Diese vierte Angelegenheit bestand in der Entscheidung der Frage, warum und woher diese wunderbare Einrichtung. genannt Kriminalgericht, stammte, deren Resultat das Gefängnis war, mit dessen Bewohnern er zum Teil bekannt geworden, und all die Einsperrungsorte von der Petcr-Paulsfestung an bis zur Insel Sachalin hin, tvo Hunderte, Tauscndc von Opfern dieses für ihn wunderbaren Kriminalgesctzes gepeinigt wurden. Nach seinen persönlichen Beziehungen zu Sträflingen, nach Erkundigungen beim Advokaten, beim Gefängnisgeistlichen, beim Inspektor und aus den Listen der In- haftiertcn kam Nechljudow zu dem Beschluß, daß der Bestand der Sträflinge, der sogenannten Verbrecher, in fünf Ab- tcilungcn zerfiele. Die erste Abteilung bildeten gänzlich unschuldige Leute, die Opfer von Justizirrtüniern, wie der angebliche Brandstifter Mcnschow, die Masloiva und andre. Leute dieser Gattung gab es nach Beobachtung des Geistlichen nicht sehr viele, etwa sieben Prozent: aber ihre Lage rief besonderes Interesse hervor. Die zweite Abteilung bildeten Leute, die für Vergehen verurteilt waren, die sie in außergewöhnlichen llmständen, wie Jähzorn, Eifersucht, Trunkenheit und so weiter verübt hatten— und zwar waren das Thaten, die mit fast absoluter Sicherheit unter gleichen Umständen auch von allen den- jcnigcn verübt»norden wären, welche sie verurteilten und be- straften. Diese Kategorie bildete nach Nechljndows Wahr- nehmung fast über die Hälfte aller Verbrecher. Die dritte Abteilung bestand aus Leuten, die dafür bestrast»nurden, daß sie nach ihren Begriffen ganz gewöhnliche und sogar gute Thaten verübt hatten, die aber nach den Begriffen der ihnen fremden Leute, die die Gesetze geschrieben hatten, Verbrechen»varen. Zu dieser Abteihmg gehörten Leute, die hennlich mit Branntwein gehandelt, geschmuggelt. Gras ab- gerupft und m den großen Herren- und Kronwaldungen Brennholz gesammelt hatten. Zu diesen Leuten gehörten räuberische Bergbewohner und ungläubiges Volk, das Kirchen plünderte. Die vierte Abteilung bildeten Leute, die nach ihrer Mci- nung nur deshalb den Verbrechern zugerechnet wurden, weil sie sittlich über dem Dnrchschnitts-Niveau der Gesellschaft standen. Dazu gehörten Sektierer, Polen, rebellische Tscher- kcssen. die ihre Unabhängigkeit wiedergewinnen»vollten, politische Verbrecher, Socialistcu und Streikende, die»vegcn Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt»norden»naren. Sie bildeten nach Nechljndows Beobachtung einen sehr großen Prozentsatz dieser Abteilung, und unter ihnen»varen die aller- besten Atenschen. Die süiifte Abteilung endlich bildeten Leute, in deren Augen die Gesellschaft»vrit schuldiger»var. als sie vor der Gesellschaft. Das waren verkommene, durch beständige Ver- folgniig und Verführung verdummte Menschen,»nie jener Knabe mit den Dielenläufern und hundert andre, die Nechljudoin im Gefängnis und außerhalb desselben sah und deren Lebens- bedingungen gleichsain ftifteinatisch mit unumgänglicher Notwendigkeit zu dein Schritt hinführten, der ein Verbrechen ge- nannt wird. Zu diesen Leuten gehörten nach NechljudowL Beobachtungen sehr viele Diebe und Mörder,»nit deren einigen er um diese Zeit in Beziehungen trat. Zu diesen Leuten rechnete er, nachdem er sie näher kennen gelernt, auch die verkommenen, verdorbenen Leute, die die nelie Schule Verbrechcrtypcu nennt. und deren Existenz als Hauptargument für die unbedingte Notwendigkeit der Kriminaigesetze und Bestrafungen dient. Diese sogenannten grundvcrdorbeneir, anormalen Menschen und Verbrechertypen waren nach Nechljudows Meinrmg»»ichtS andres als Menschen, vor denen die Gesellschaft schuldiger war. als sie vor der Gesellschaft, nur mit dein Unterschied, daß diesen gegen- über nicht die Gesellschaft jetzt unmittelbar durch sich selbst, sondern von früher her. durch Eltern und Vorfahren, Schuld trug. Also in der Untersuchung der Frage, war»»»» all diese so verschiedenartigen Leute ins Gefängnis geworfen»naren, andre. genau solche lNenschen aber nach Belieben umhergingen und sogar jene Menschen verurteilten— bestand die vierte Ange- legenheit, die Nechljudow damals beschäftigte. Anfangs hoffte Nechljudow. die Airtwort auf diese Frage in Büchern zu finden, und kaufte sich alles, was diesen Gegen- stand dehandelte. Er kaufte die Bücher von Loinbroso und Garo- falo, Ferri und List und Maudslcy und Tard und las die Bücher auftnerksain durch. Aber in dem Maße,»nie er sie las, wurde er immer mehr und»nehr enttäuscht. Es geschah mit ihin dasjenige,»vas immer»nit Leuten geschieht, die sich einer Wissenschaft nicht deswegen zuwenden, um eine Rolle in ihr zu spielen, zu schreiben, sich zu streiten, sie zu lehren,— sondern die sich der Wissenschaft mit offenen, einfachen Lebensfragen zu- web den: dieWisfenschastantwortctc ihin auf tausend verschiedene, sehr schlaue und»vcise Fragen, die in Zusammenhang mit den Kriminalgesetzen standen, aber nur nicht aus diejenige, auf»velche er eine Antwort suchte. Er that aber eine sehr einfache Frage; er fragte: warum und»nit»nelchen» Recht sperren die einen Menschen andre eil», quälen sie, verbannen sie, peitschen sie mit Ruten und töten sie.>no doch sie selbst genau so sind»nie fdiejeuigen, die sie quälen, peitschen und töten? Man antwortete ihm aber mit Betrachtungen darüber, ob beim Menschen Willensfreiheit existierte oder»ficht lk Ob »nan einen Menschen durch Ausmefsen seiner Hirnschale und so»veiter als Verbrecher erkennen könne oder nicht? Welche Rolle die Vererbung beiin Verbrechen spielt? Ob es au- geborene llnsittlichkeit giebt? Was Sittlichkeit ist? Was Wahnsinn ist? Was Degeneration? Was Temperament? Welchen Einfluß Klima, Speise, Unwissenheit, Nachahmung, Hypnotismus, Leidenschaften auf Verbrechen haben? Was die Gesellschaft ist? Welches ihre Pflichten find? und so weiter und so weiter. Diese Erörterungen erinnerten Nechljudoin an'eine Ant- »vort, die er einst von einem kleinen Knaben erhalten hatte, der aus der Schule kam. Nechljudoin fragte den Knabe»», ob er schon buchstabieren könne?„Das kann ich," erwiderte der Knabe.„Nun, so buchstabiere einmal, die Pfote".„Was für eine Pfote � eine Hundepfote?" eMiperte der Knabe,»»if fdjlmidM Gesicht. Genau solche Antlvorteu fand Ncchljudow in gelehrten Büchern auf seine eine Grundfrage. Da stand sehr viel Verständiges, Gelehrtes, Interessantes, aber es gab keine Anttvort auf die Hauptfrage: mit welchem Recht bestrafen die einen die andern? Es gab nicht nur keine Antwort darauf, sondern alle Erörterungen liefen darauf hinaus, die Bestrafung überhaupt zu erklären und zu rechtfertigen, deren unbedingte Notivendigkeit als Axiom aufgestellt wurde. Nechljudow las viel, aber mit Unterbrechungen, und schrieb das Fehlen einer Autwort diesem oberflächlichen Studium zu. Er hoffte, diese Antwort später zu finden, und erlaubte sich deshalb noch nicht, an die Richtigkeit der Antwort zu glauben, welche sich ihm in letzter Zeit immer häufiger und häufiger aufdrängte. Einunddreifiigstes Kapitel. Die Abfertigung des Transportes, mit dem die Maslowa ging, war für den 5. Juli festgesetzt. An diesen» Tage bereitete Nechljndolv sich auch vor. ihr nachzl»reisen. Am Abend vor seiner Abreise kam Nechljudows Sllffvester mit ihrem Gemahl in die Stadt, um sich von ihrem Bruder zu verabschieden. Nechlji»do>vs Schwester. Natalia Jwanolvna Nagoshii,skaja. war zehn Jahre älter als der Bruder Er war zun» Teil unter ihrem Einfluß aufgewachsen. Sie hatte ihn als Knaben sehr lieb gehabt, dann, kurz vor ihrer Verheiratung, hatten sie fast Ivie Altersgenossen miteinander verkehrt; sie als sünsundzwanzigjährigcs Mädchen, er ein fünfzehnjähriger Knabe. Sie war damals in seineil verstorbenen Freund Nikolenka Jrtenjew verliebt gcivesen. Beide hatten Nikolenka lieb und liebten an ihm und an sich selbst dasjenige, was in ihnen Gutes war und was alle Menschen vereinigt. Seitdem waren sie beide sittlich verdorben: jer— durch de» Militärdienst und durch seinen üble»» Lebenswandel; sie — durch die Heirat eines Manns, den sie sinnlich liebte, der selbst aber alles das, was einst für sie und Dmitrie das aller- heiligste und-teuerste gewesen war, nicht nur nicht liebte, sondern sogar nicht einmal verstand, und der alles Streben nach sittlicher Vervollkommnung und die Bereitwilligkeit, aildern zu dienen, wofür sie damals lebte, einem ihm allein verständlichen starken Zug von Selbstliebe z»lschrieb, und dem Wunsche, sich vor andern hervorzuthuu,- Ragoshinski war ein Mann ohne Namen und Vermögen, aber ein sehr geschickter, diensteifriger Beamter, der, behende zwischen liberalen und konservativen Anschauungen hindurch- lavierend, stets diejenige Richtung benutzte, welche im ge- gebcnen Moment und im gegebenen Fall die besten Resultate für sein Leben lieferte, und der namentlich durch etlvas Apartes, wodurch er Frauenzimmern gefiel, eine relativ glänzende juristische Karriere machte. Als schon nicht mehr ganz junger Mann hatte er im Auslände die Bekanntschaft Nechljudows gemacht, Natalia, das ebenfalls nicht mehr ganz junge Mädchen für sich entflammt und sie fast gegen den Wunsch der Mutter geheiratet, die in dieser Ehe eine Mesalliance er- blickte. Nechljudow aber— wenn er das auch vor sich selbst verheimlichte und gegen dieses Gefühl ankämpfte— haßte feinen Schwager. Er war ihm antipathisch durch seine Ge- fichlsroheit, seine beschränkte Selbstüberzogenheit und hauptsächlich wegen der Schwester, die diese armselige Natur so leidenschaftlich, egoistisch. sinnlich lieben und in ihrem Kultus alles das Gute ersticken konnte,>vas ii» ihr wohnte. Es war für Nechljudow immer'ein quälend schmerzlicher Ge- danke, daß Natalia die Frau dieses behaarten, selbstüber- zogenen Menschen mit blanker Platte sei. Er konnte sogar seine Abneigung gegen die Kinder nicht bezwingen. Und jedesmal,>ven»i er erfuhr, daß sie sich anschickte, Mutter zu werden, empfand er ein Gefühl, ähnlich dem Bedauern darüber, daß sie von diesen» fremden Main» tvieder einmal mit ctivas Schlechten» angesteckt Ivorden sei. Ragoshniskis kamen allein, ohne Kinder— sie hatten zwei Kinder: einen Knaben und ein Mädchen— und stiegen im besten Zimmer des besten Gasthauses ab. Natalia Jwanowna fuhr sofort nach der alten mütterliche» Wohnung. Als sie dort aber ihre»» Bruder nicht fand und von Ag»'afena Petrolvna erfuhr, daß er ein möbliertes Zimmer bezogen habe, fuhr sie dorthin. Ein schmutziger Auftvärter, der ihr in dem dunkeln, von beengendem Dunst erfüllten, an» Tage durch eine Lampe erhellten Korridor begegnete, erklärte ihr, der Fürst sei nicht zu Hanse. tFortsctzimg folgt.) �(Nachdruck BC160U11.) I Ittkagniko. Skizze von Anton T s ch c ch o>»>. Deutsch von I. D. Z i e g e l e r. Der Verhörsrichter Posndin kam per Lohnfuhr a»lf einem Reben- Ivcge, der nach der kleinen Kreisstadt Rikolskoje fühlte, gefahren. Er hatte am vorhergehenden Tage einen anonymen Brief erhalten, der geivisse Unrcgclmähigkeitcn im Geschäftsgang einiger Behörden auf- deckte, und da er die Missethäter abzufassen wünschte, hatte er auf einer kleinen Station den Zug vcrlaffen und stlhr, um sein Inkognito zu wahren, auf gemietetem Fuhrwerk ivcitcr. „Diesmal entlvischen sie inir nicht", sagte er zu sich selbst, U'ährend er den Rockkragen über die Ohren auillapple,„die Schlingel glauben natürlich, das heilige Grab sei wohl verwahrt, aber sie könnten sich doch irren. Und wenn ich nun plötzlich zwischen ihnen auftauche,»Verden sie einen heillosen Schreck bekommen!" , Nachdem er im voraus seinen Triumph genossen, dachte er, daß es ganz spaßig sein könnte, sich ein wenig»nt dem Kutscher zu unterhalten, und da er sich über sciue eigene Popularität zu unter- richten»vünschte, lenkte er das Gespräch auf sich selbst. „Sag mal I kennst Du Posndin?" fragte er in leichtem Tone. „Von Ansehen nicht, aber sonst kenne ich ihn lvvhl!" antwortete der Kutscher und lachte in de» Bart. „Worüber lachst Dn?" „lieber Ihre Frage. Sie können doch wohl denken, daß ich einen Mann kenne, der zum Richter) über uns alle gesetzt ist. Dos ist ja, wem» ich so sagen darf,»»eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit." „Nun ja schon recht, aber... Ivie ist er eigentlich? Ist er tüchtig?" „O ja, tüchtig genug ist er", anüvortcie der Kutscher gähnend, „und er kennt sei» Geschäft. Er ist erst zivei Jahre hier, aber m dieser Zeit hat er gar nicht so Iveiiig ausgerichtet." „Wie meinst Du das: ausgerichtet?" „Ja, fürs erste hat er uns eine Eisenbahn verschafft, und darüber sind»vir froh. Sehen Sie, sein Vorgänger im Amt Ivar ein»vahrer Sckilingel und ein Betrüger, aber als Posudin kam, da pfiff ein andrer Wind. Rein, Posndin läßt sich nicht bestechen, von der Sorte ist er nicht. Sie können ihm hundert, ja tausend Rubel bieten, er nimmt sie nicht,»ein, das thut er nicht." „Gott sei Dank, daß man mich doch in dieser Beziehung richtig taxiert," dachte Posndin triinnphiercnd,„so etlvas hört man gern." „Ilud er ist auch ein feiner und angenehmer Mann," fuhr der Kutscher fort,„er ist nicht im geringstei! hochnäsig. Kommt einer von uns und beklagt sich über etwas, gicbt er uns die Hand und sagt:„Setzt Euch, lieber Frenud," und dann geht er rasch ans Werk. Sobald ihm eine Sache gemeldet ist, setzt er sich in den Wagen und jagt darauf los, was das Zeug hallen null. Ja, er ist wirklich besser als sein Vorgänger. Nun, der andre hat ja auch seine guten Seiten. Er tvar ein sehr ansehnlicher Herr, und er hatte eine Stimme, die man eine Meile im Umkreis hören konnte. Der, den »vir jetzt haben, ist ihm dagegen an Verstand weit über, ja, Posndin ist wirklich tüchtig, aber er hat den Fehler, daß er trinkt." „Gott sei Dank, das thut er," dachte Posndin.„Aber Ivoher weißt Dn,— daß er trinkt?" „In. selbst habe ich es nicht bemerkt, und ztvar deshalb nicht,»veil ich ihn nie gesehen habe; aber alle»vissen, daß er trinkt. Sehen Sic,»venu er ii» Gesellschaft oder ans einem Ball ist, dann trinkt er nie Spiritus, aber zu Hanse, da rächt er sich. Des Morgens, ehe er sich den Schlaf ans den Angcir gerieben hat, vcr- langt er BrannNvein, und iveun sein Diener ihm das erste Glas bringt, jagt er ihn schon nach dem zlveiten. Und so geht es den ganzen Tag... Aber ivie gesagt, außer dcm Hause thut er es nie. Er weiß sein Ansehen zu wahre». Wenn der vorige trank, ließ er es alle sehen, aber»venn dieser trinkt, schließt er sich ein. Und daniit die Leute nicht merken, daß er seinen Ganinen netzt, hat er sich eine Art Behälter mit einem Schlauch daran in seinem Schreibtisch machen lassen. Den füllt er mit Branntlvcin, und dann saugt er am Schlauch, bis er betrunken ist.— Und in seinem Wage» hat er eine ähnliche Einrichtung." „Großer Gott, woher mag er dies doch alles»vissen?" dachte Posudin entsetzt,„sogar die Geschichte mit dem Behälter ist schon bekannt. Das ist ja schrecklich." „Na, und den Frauenzimmern kann er auch nicht Ividerstehen," meinte der Kutscher und Ivandte sich schmunzelnd halb zu seinem Fahrgast zurück.„Er hat zlvei bei sich in» Hause. Die eine— sie heißt Anastasia Slvanoivna— gilt für seine Haushälterin und die andre—»vir heißt sie doch noch— ja richtig, Ludmilla,— die arbeitet auf seinem Bureau. Aber Anastasia führt das Kommando, sie hat ihn gehörig in der Tasche, und er muß unbedingt gehorchen. Und deshalb fürchtet man sie mehr als ihn, ja, die Frauenzimmer verstehen zn regiere». Und dann hat er noch eine dritte, die»vohnt in der Karrclstraße— in dem roten Eckhans." „Meiil Gott, er kennt sogar ihre Namen und Ivciß. Ivo sie Ivohnen", dachte Posndin beschämt.„Aber ivoher mag er das»vissen? Es ist ja abscheulich, geradezu niederträchtig.— Sag mal,»voher Ivcißt Du das eigentlich alles?" fragte er in gereiztem Toi». „Ach, das ist so allgemein bekannt. Seine eignen Leute gehen herum und sprechen darüber, und selbst Anastasia läifft umher in allen Straßen und Gaffen und rühmt sich ihres Glücks.— Na, und dann hqt er hie Manier, die Leute überxuinpell» zu ivoLcn, wenn tt feine Verhöre abhnlten soll. Wenn der andre irgend wohin wollte, lief; er es einen Monat vorher ansposannen, und ivenn er endlich ausrückte, inachte er so viel Alarm wie möglich. Che er ein Verhör begann, ah und trank er tnchlig, und während des Verhörs trank er weiter, schimpste nnd stampfte mit den Füben....Aber der, den wir jetzt haben, der benimmt sich ganz anders... Sobald er etwas Verkehrtes wittert, schleicht er leise vom Hanse fort— fährt mit der Bahn— steigt aber ans einer Nebenstation ans nnd reist dann mit Fuhrwerk weiter. Er schlägt den Nock- kragen bis über die Ohren hinauf nnd spricht mit verstellter Stimme, und dann glaubt der Schafskopf, dag niemand weih, wer er ist." .Fa. aber woran wird er erkannt?" .Ach, er ist leicht zu kennen. Wenn er an eine Poststatio» kommt, ist immer irgend etwas nicht richtig, entweder ist es zu kalt oder zu warm, nnd die Luft in der Stube gefällt ihm auch nicht. Und dann verlangt er immer gebratene Küken mit Gurkensalat und eingemachten Früchten. Wenn also jemand bei einer Station angefahren kommt nnd Kükenbraten und Zubehör fordert, wissen sie gleich, das; es Posudin ist. Na, nnd dann kennen wir ihn auch am Geruch nnd daran, dag er im Vett liest. Ebe er sich zur Slinhe legt, bespritzt er nämlich sich selbst nnd seine Wäsche mit etwas Wohlriechendem, nnd dann geht er zn Bett nnd liest in seinen Papieren bis in die Nacht hinein.... Ja, er ist leicht zu erkennen, das ist--* .Kehr nm, Du Esel," brüllte Posndin,„willst Dn augenblicklich umkehren und zur Station zurückfahren. Du Dnuunkops!" „Gelvih doch. Euer Gnaden," sagte der Kutscher erschrocken und lenkte sein Pferd nach, der Nichtimg zurück, au» der sie gelonnnen waren.— Kleines Isenillekon. k. GIrardi nnd Millöckcr. Von Alexander Girardi erzählt Jlka Horovitz-Barnny in der Zeitschrift«Bühne und Welt" eine An- zahl Anekdoten. Girardi selbst hat ihr von seinem Verhältnis zu Millöeker erzählt. Er hatte mit ihm ewig im Streit gelegen, ohne dast es jedock« jemals ernsthaft oder von langer Daner gewesen wäre.„Millöcker war nervös", erzählt der Künstler selbst in seiner hnnwrvollen Art,„leicht aufgeregt, sehr jähzornig, gleich in der Höh' nnd gleich grob, nnd ich Hab' mir halt gern einen Spag mit ihm gemacht— Hab' ihn„steigen lassen". I» der Probe zu„Gasparonc" hat er einmal die Rosa Streitmann wegen einer Stummer schreck- lich gequält. Wie sehr sie sich auch Mühe gab, nichts war ibm recht. Da Hab' ich eine Wut bekommen, und wie er wieder anfängt zu korrigieren und hennnschreit, sage ick ganz ruhig:„Schau, Nosa I DaS Liedl solltest aber wirklich schon können, es ist doch auf ein Haar der Ziehrerschen Polka ähnlich, die Du schon so oft gehört hast l" Dem Millöcker ist darauf vor stiller Wut die Hand beim Dirigieren heruntergefallen. Ein andres Mal Ivustte Girardi bei einer Probe von dem musikalischen Teil»och gar nichts und sprach daher nur die ganze Partie. Millöcker, dem die Musik immer das wichtigste war nnd der sogar im Couplet daS„parlando" nicht vertragen konnte, sprang wütend vom Sessel auf und schrie: .Na, Sakrament! Da brauch' i ja kaue Noten z' schreiben!" worauf Girardi mit größter Ruhe erlviderte:„Recht hast', Karl I Mich geniereus ja eh' 1" Millöcker halte, da ihm an jeder einzelnen Vor- stellung außerordentlich viel lag, die»nansstehliche Gewohnheit, noch bei her fünfzigsten Vorstellung einer Operelte jedes Wort tonlos mitzusprechen mid mimisch zn begleiten. Eines Abends machte sich Girardi de»«paß, in einem Couplet Text nnd Melodie plötzlich zn unterbrechen. Mitten drin schlug er mit der Stimme einen langgezogenen, hohen Ton an— ah!— ah!— ah!— ol)!—, den er mit hochgehobenem Zeigefinger mimisch begleitete. Dabei starrte er Millöcker ernsthaft ins Gesicht. Dieser war sprachlos vor Wnt. Aber nach der Vorstellung fiel er lvntend über ihn her:„Was soll den» der Unsinn bedeuten?" Girardi erlviderte ganz ruhig: „Ich tvollt' mir nmal sehen, ob Du als Kapellmeister ans alle Falle Deine Fassung behältst!" Girardi bewahrte in solchen Streitfällen stets unerschütterlich seine Ruhe; weil» er auch so wild geworden wäre, meint er, hätten sie sich geprügelt. Bei einer Generalprobe zum„Bettelstudent" hatte Girardi sich um eine halbe Stunde verspätet, er hatte sie verschlafen. Als er geschminkt und kostümiert auf die Bühne kommt, sind die Mitglieder alle schon da. Millöcker sitzt am Dirigenteupnlt— weiß vor Wut. Alles totenstill— niemand rührt sich. Girardi geht vor bis an die Rampe nnd ruft hinunter:„Na!? warum geht's denn nit an?" Da bricht Millöcker los:„Das ist eine Frechheit! DaS ist unerhört I" lind mit ver- bissener Wnt sagte er ironisch:„J an Deiner Stell' kunnnet gar uit t" Girardi sucht durch einen Scherz die schwüle Slinnnung zu bannen und sagt:„Ja freilich! Dn kommest nit, das glaubet schon I Denn Du— Du hast kein Ehrgefühl— aber i— i kunun I" Jetzt war Millöcker außer sich. Heftig warf er den Taktstock iii§ Orchester, nahm Mantel nnd Hut nnd stünnte davon. Der Direktor war fassungslos, die bevorstehende Premiere der Operette war in Frage gestellt. Ereilte in Millöckers Wohnung, bat, flehte, niachte die dringendsten Vorslelluiigen— alles umsonst! Millöcker erklärte, mitGirardizusammen das Theater nicht mehr zu betreten. Endlich gab er nach, unter der Bedingung, daß Girardi, der ihn vor allen Mitgliedern öffentlich beleidigt habe, ihn auf der Bühne in Anwesenheit des ganzen Theaterpersonals öffentlich um Verzeihung bitten müsse. Wie aber der Tircllor Girardi kannte, würde sich dieser niemals zn einer solchen Sühne herbeilassen. Trotzdem machte er sich schtveren Herzens' auf den Weg zn jenem. Mit vielen zögernden nnd versöhnlichen Eiiileitringen begann er seine Rede, bis er in langen Windungen zu Millöckers schwerer Bedingung kam. Girardi erlviderte jedoch:„Jn l Der Man» hat ganz recht! Er glaubte sich von mir beleidigt, und ich »mß ihn also»»»Verzeihung bitten!"„Wirtlich? Sie ivollten?..." „Gelviß! So wie er wünscht, in> Theater vor alle» Mitgliedern. Gleich morgen." Das ganzeTheaterpersonal war am andren Tage versammelt. Millöcker stand da mit finsterer Miene,>vie ein beleidigter Cäsar und erwartete Girardi. Dieser kam von der andren Seile, schrilt eilig ans Millöcker zu, aber»litten auf der Bühne sank er Plötzlich ans die Knie, nnd ohne eine Silbe zn sprechen, streckte er mit zer- knirschter Miene flehend beide Anne zn Millöcker empor. DaS ivirlie so überwältigend komisch, daß sämtliche Anwesende in ein schallendes Gelächter ausbräche», dem auch der erzürnte Millöeker nicht wider- flehen konnte. Laut lachend hob er Girardi aus seiner kmendeil Slellnng auf lind die beiden waren versöhnt.— — Tcr Söhwcfcläthcr als Gennßinittel. In letzter Zeit, so berichtet die„Wiener Allg. Zeitniig", wurden von den Landärzten in Galizien Beobachtungen gemacht, die von einein»enen. ganz merkwürdigen Exeeß im Trinken Knude geben. Es wurde nämlich festgestellt, daß in der gaiizischen Laudbevölkernng. insbesondre unter den armen Leuten seit verhältnisinäßig kurzer Zeit der Schwefeläther als Geimßimttel Eingang gefunden hat. Genaue Beobachtungen haben ergeben, daß die Leute den Schwefeläther mit einem kleinen Quantum Alkohol vermischen nnd diese Flüssigkeit dann in ganz unglaublichen Mengen genießen. Die Wirkung ist eine imgleich nachteiligere, als die des Alkohols. Der Aelherznsotz erzengt alsbald einen Zustand von Benommenheit, und seine zerstörende Wirkung auf das Nerven- shslen» wird durch den Alkoholzusatz noch wesentlich verstärkt. Mit der Zeit cnllvickelt sich bei Menschen, die diesem Genüsse fröhnen, in erschreckender Weise ei» krankhafter Stiiinpfsrnn, der den Aethertrinkern in krassen Fällen jede Fähigkeit zn denken nimmt. Außerdem erleidet der Gesamtorganismus schwere Schädigungen. Es wurden auch Fälle von Herz- nnd Ge- Hirnschlag beobachtet, die nach Genuß größerer Qnaniitäten von Aclherspiritus eintraten. Merkwürdig ist, daß zahlreiche Leute diesem Getränk, das beim ersten Genuß einen Brechreiz erzengt, so rasch Geschmack abgewonnen haben nnd es mit Behagen trinken. Die Ursache der raschen Ausbreitung de§ Aethergennsses liegt hauptsächlich, ja vielleicht ausschließlich i» der Teuerung des Alkohols, auf dem in manchen Orte» Galiziens Zuschläge von 50—70 Krone» pro tektoliter sgegen 15 Kronen in Wie») lasten. Infolge dieser enernna ist den Leuten jenes Onantmn Alkohol, das sie berauschen Würde, oft unerschwinglich und so hat sich der billige Aether als Er- satz rasch Eingang verschafft."— — en. Das Exemplar eines ausgestorbene» VogclS hat sich, allerdings nur in Gestalt eines vollständige» Skeletts, in dem Zoologischen Mnsemn zu Florenz gefunden. Im Jahre 1803 besuchte eine französische wissenschaftliche Expedition die Kiffte von Südaustralien und kam a»ch nach der sogenannten Kängnruh-Jnsel, von der berichtet wird, daß sie nicht von Menschen, aber von einer klnzahl von Känguruhs und Enms betvohut sei, die bei Sonnen- Untergang in ganzen Herden nach der Käste kämen. Der Em», der damals fälschlich mit dem Namen Kasuar bezeichnet wurde, ist ein Laufvogel, nicht unähnlich de»r Strauß, und hat sich in einer Art noch bis heute erhalten. Dies ist der Droraaeris novae-hollandiae, er war früher auch ans dem australischen Fest- lande Überalis häufig, kommt aber gegenivärtig nur noch in« Innern von Tasmanien und in den entlegensten Teilen des Festlandes vor. Der von jenen französischen Gelehrten zn Anfang des Jahrhunderts beschriebene Emu. der Käuguruh-Jnsel ist sestdenr jedoch völlig aus- gestorben. Drei Exemplare dieser Bögel Ivnrden damals lebend nach Paris gebracht, eins kam in den Jardiu des Ptantes, die beiden andren nach Malniaiion, der Residenz der Kaiserin Josephine. Die letzteren beiden Vögel sollen bis 1822 gelebt haben, ihre Skelette wurden sellistverständlich als große Kostbarkeiten behandelt nnd in die Pariser Sammlungen eingereiht. Nun Ivar eS aber anffallend, daß mir 2 Skelette dieses Vogels vor- Händen waren, während doch 3 Eremplare nach Paris ge- koimiie» waren. Dieses dritte Skelett ist jetzt von Professor Giglioli ili Florenz in der alten Lehrsammlniig des Zoologischen Museums zufällig entdeckt worden. Ivo es unter der Bezeichnung Kasuar wohl schon geraume Zeit unbeachtet gestanden hatte. Der Fund ist für die Wissenschaft darum so bedenlnngsvoll, weil dieser Emu der Känguruh- Insel eine ganz besondere nnd von dem neu- bolländischen Vogel verschiedene Art darstellt und weil er seit jener Zeit, als die französischen Gelehrten ihn zun» erstenmal nach Europa brachten, nie wieder gesehe» worden ist. Wahrscheinlich ist diese übrigens durch einen zwerghasten Körperwuchs ausgezeichnete Vogel- ort zugleich niit den Kängnrnhs von den ersten Ansiedlern auf jener Insel vollständig ausgerottet worden.— Geographisches. — Das Verschwinden eines Sees. Im Auftrage der wiirttenidergischen Regierung Hot, noch der„Vossischen Zeitono", Professor Dr. Haffert ans Tübingen den im Donankreis belegr.wii Feder see einer eingehenden geographischen Untersnchnng unter- zogen. Der See ist den Norddeutschen vielleicht nur dadurch be- lannt, daß Schiller, der geborene Schwabe, ihn in„Wallensteiiis Lager" erwähnt— der erste Arkebusier erzählt, er sei„ans Buchau am Aedersee". Ju Siiddeutschland ist sein Name im Sprichwort bekannt, insofern mau eine langsame aber fortdauernde Verringerung einer ursprünglich großen Masse andeuten will. Vor langen Zeilen be- deckte der Federsee einen bedeutende» Teil der oberschwäbischen Ebene! die Stadt Buchau lag, nach den Mitteilungen und Kartenzeichnungen aus dem Jahre 17S7, auf einer im See befindlichen Insel. Zu Ansang des neunzehnten Jahrhunderts hatte der See einen Gesamtumfäng von 1094 Hektar; im Jahre 7827 betrug seine größte Tiefe nach den Memmingerschen Beschreibungen noch 18 Fuß, gleich 5 Meter.!Nach den in diesen Tagen beendeten Messungen durch Prof, Dr. Hassert wurde nun festgestellt, daß der Umfang des Sees im Laufe der 100 Jahre sich bis auf ein Viertel seines früheren Areals vermindert hat. Der ganze See wurde in parallelen Linien durchkreuzt, und in mehr als tausend Messungen wurden seine Tiefen- und Uferverhältnisse festgestellt i dabei ergab sich, daß die größte Tiefe jetzt nur»och 2,60 Meter beträgt. Auch die Durchsichtigkeit des Wassers sowie die Temperatur des Wassers und der Lust wurden an vielen Stellen geprüft, und zum Schlüsse wurden als Ergänzung der an das StaatSministcrium abgegebenen Schilderung des Be- fundes eine große Zahl photographischer Aufnahma> des UfcrS ge- macht. Leider ist das durch das fortdauernde Zurücktreten deS Wassers gewonnene Land nicht kulturfähig, da es bis jetzt wenigstens seinen sumpfigen Charakter»och nicht verloren hat. Der Fedcrsee nimmt kein fließendes Gewässer in sich auf; er erhält seinen Zufluß nur durch einige unterirdische Quellen, die offenbar allmählich ver- siegen. Nach Prof. HassertS Darlegungen wird sich in nicht allzu- ferner Zeit die vollständige Umwandlung des Sees in einen sumpfigen Teich vollzogen haben.— Aus dem Tierleben. — Brutpflege bei eine m Bockkäfer. Einen neuen Fall von jener eigenartigen Fürsorge für die Nachkommenschaft, die sich in merktvürdi'gster Weise gerade bei niederen Tieren äußert'und die die Naturforscher Brutpflege benannt haben, hat Dr. I. E. V. Boas in Kopenhagen bei einem Bockkäfer entdeckt. Eines TagS erhielt er von einem Botanilcr einen Ast der Korbweide zu- gesandt, deren Rinde in eigentümlicher Weise angenagt ivar. Jede Nagefigur bestand aus einer regelmäßig Huf- eisenfvrmig in die Rinde eingcschiiittcnen Furche: die Oeffnuug' des Hufeisens war überall nach oben gerichtet. Wer war der Urheber dieser eigenartigen Beschädigung? Bei weiterem Nachsehen fand Dr. Boas am unteren Ende der hufeisenförmigen Furche eine rundliche Vertiefung, aus der einige Holzspähncheu her- vorguckten und bei tieferem Einschneiden erwies sich der ganze von der Hnfeisenfurche umgebene Rindenteil unterhöhlt. Von dort setzte sich ein Gang in das Holzwerk fort, in dem eine eingetrocknete Larve lag. Die Zerstörungen in dem Holz hatte unzweifelhaft die Larve gemacht; aber ivozu war die hufeisenförmige Furche da, und swer hatte sie genagt? ES gelaug Dr. Boas auch den Urheber der Furche und ihren Zweck zrl entdecken. Der zu der Larve gehörige Bockkäfer, der Espenbock nagt diese meist Millimeterbreite Furche iu die Rinde hinein; der dazwischen liegende halbinselförmige Rindenteil ivird weiter ganz oberflächlich in' unregelmäßigen Querstrcifen angenagt, Die Flirche selbst gebt am rmteru Ende des Hufeisens durch die Rinde bis ans das Holz. Dort, also genau in der Mitte der Furche legt der Espeubock, sein Ei ab. Wozu aber dann der hufeisenfönnige Ein- schnitt? Die meisteir Käfer, die sonst iu Rinde brüten, legen ihre Eier an Bäumen, die kränklich oder bereits abgestorben sind— alte abgestorbene Bäume sind ja ein ivahrer Brutherd für allerlei Kerfe. Dieser Bockkäfer benutzt zwar eine gesunde Weide zu seiner Eiablage. aber er macht den Rindenteil, in de» er seine Eier legen will, erst künstlich krank, indem er ihn umnagt und dadurch jedenfalls den Saftzufluß zu der Rindenhalbinsel hemmt. Dieses innringelte kränk- liche Rindenstückchen dient dann später der Larve anfänglich als Nahnuig, Dieser Teil der Rinde ist also als Futter für die Larve von der Mutter im Voraus hergerichtet. Diese eigentümliche Forin der Brutpflege hat, wie die„Tägl. Rundschau" bemerkt, eine gewisse Aehnlichkcit mit der Fürsorge, die ein Rüsselkäfer s�ntbauomus rubi), ein Feind uusrer Erdbeeren, übt. Er legt seine Eier in die Blütenknospe» von Hinibeeren und Erd- beeren, nagt aber dabei in den Blütenstiel, in einigem Abstand von der Knospe, ein Loch; dieses Loch hindert den Saftzufluß zu der Knospe und verhindert dadurch, daß sie sich öffnet. Aus der tropischen Jnsektenwelt thu» ja die holzschncidenden Bock- käfer ähnliches. Sie legen ihre Eier in lebende Aeste, umringeln diese dann, aber unterhalb der Ei- Ablege- stelle, bis tief in das Holz hinein; die Folge ist, daß der Ast abstirbt und oft durch den Wind abgebrochen wich, so daß manchmal der Boden unter de» Bäumen mit abgebrochenen Aesteu bedeckt ist. Eine Holzivespenart macht an jungen Sproffen unsres Birnbaums eine spiralige Reihe von Einstichen; in einen Einstich ivird ein Ei abgelegt, und die Larve lebt hernach in den Spitzcnteilen des Schößlings.' Offenbar stehen wir auch da einer Zubereitung des Zweiges als' Larvenfutter gegenüber. Doch kann inan sich denken, daß es sich nicht immer um Abschwächung zu handeln braucht, son- der» auch auf Verstärkung des zum Futter bestimmten Pflanzeuteils abgesehen sein kann.— Alts dem Gebiete der Chemie.. —- Nene Untersuchungen über Hefe. Nachdem Buchner die Gährkräft des Hefesaftes nachgewiesen hat, ist eS naturgemäß von Interesse, den wirksamen Stoff, die„Zymase", ans ihm in trockener Form zu gewinnen. Man kann dies, indem man den Saft mit der zehnfachen Menge Alkohol versetzt. Es entsteht damr ein gallertartiger Niederschlag, der sich zu einer hornartigeu Masse eintrocknen läßt, welche sich aber nur zum Teil wieder in Wasser löst. Bester nimmt man ein Gemisch von Alkohol«nd Aether, dagegen zerstören Aceton und Methylalkohol auffallcnderweise die Gährkrast. Eine interessante Entdeckung machte C, Dormeyer, indem er fand, daß Hefe mit etwa 70 Pro'z. Wassergehalt bei 48 Grad Celsius flüssig wird und ihren Zellsaft abgiebt, bei weiterer Temperatur- steige'nmg aber einen deutlich bratenartigcn Geruch und einen fleisch- brühartigen Geschmack annimmt. Dieser„Pflanzen- Fleischextrakt", wie ihn der Erfinder in der„Wochenschrift für Brauerei" nennt, soll dem echten in keiner Weise nachstehen und dabei den Vorzug haben, sich in ein trockenes Pulver verwandeln zu laste». Derselbe macht darauf aufmerksam, daß man bei Einwirkung von Wasserdampf unter vier Atmosphären Druck auf Hefe ein lösliches Eiweißprodult erhält.—(„Tech». Rundschau".) Humoristisches. — Ein kleines Mißverständnis, Der Direktor einer kleinen Wanderbühne befand sich eines TagS in nicht geringer Ver- lcgcuhcit, als ihm der Kapellmeister kurz vor der Vorstellung mitteilen ließ, daß die Musiker— vier an der Zahl— infolge Engagements bei einem Hochzeitsschmaus absagten, weshalb die Vorstellung ohne dieselben stattfinden muß. Der Direktor hatte jedoch für den Abend die große Oper«Faust und Margarete" augesetzt und ein volles Haus erzielt. Durch Einschiebung eines andren Stückes hätte er unbedingt einen Theaterslandal heraufbeschworen, denn das Publikum war schön einigemal genarrt worden. In seiner Verzweiflung wandte sich der Direktor an den Wirt, iu dessen Saal die Vorftcllniig statt- fand und dieser sagte»ach kurzem Befiuneu:„Musik— Margarete— Faust— Margarete— ach 1 was brauchen Sie denn da Musiker— mein Freund, der Kaufmann nebenan hat einen Leierkasten, da ist das ganze Stück drauf I" Hochentzückt schloß der Direktor den Wirt in die Arme und zehn Minuten später brachte der Souffleur den Leier- kästen in den Saal. Faustmusik war denn doch da und die Bor- gänge auf der Bühne konnten ja ganz gut statt mit gesungenem, mit gesprochenem Wort erläutert werden. Die„Ouvertüre" begann und der Direktor lauschte atemlos hinter dem Vorhang, um im nächsten Moment halb ohnmächtig in einen Lehnstuhl zu sinken, denn der Leierkasten kreischte das schöne Lied in den Saal:„Margarete, Mädchen ohnegleichen".—. — Mitleid,„Ja. meine Gnädige, eine Nacht am Nordpol dauert ein halbes Jahr." „Was Sie sagen I Die armen Nachtwächter!"— — E i n'e Schlaue. A.:„Nun, hatte sich den» Fräulein Mcta zu dem verabredeten Rendezvous eingefunden?" Herr:„Ja, gleich mit ihrer Mutter!"— („Meggend. hnm. Bl.") ..it- Notizen. —„In Freien Stunden" beginnen im Juli mit dem Abdruck des kulturhistorischen Roniaus:„Der Sohn des Rebellen" nach Victor Hugos Roma»„Der lachende Mann".— — Dr. Hugo L a ch in a» s k y wurde, nach dem„B. T.". als Dramaturg au die hiesige Sccessiousbühne engagiert.— — Claretin, der Direktor der„Com«die Fran- yaise" ist amtsmüde: als sein Nachfolger kommt Albert Carröe, Direktor der„Opera Comique" in Betracht.— — Eine O p c r n- C h o r s ch u l e ist in Berlin vom Kapell- meister Ferdinand Schießl gegründet worden.— o. Ein M u s i k i u st i t u t für Arbeite r. Der amerika- nische Orchcsterdirigcnt Frauck Damrosch hatte vor kurzem ein Institut für den Musikunterricht der arbeitenden Klasse begründet und schlug jetzt einigen Bürgern der Stadt Albany vor, ein Gebäude zu er- richten, das Studiensäle, eine Bibliothek, ein Muscmn und einen im« geheuren Saal enthalten soll, der für 7000 oder 8000 Personen Platz bietet. Der Vorschlag ist angenommen worden.— — D e r P i a n i st P a d c r e w S k y hat auf seinem amerikanischen Tournö in sechs Monaten 800000 M, eingenommen; in Chicago beliefcn sich seine Einnahmen für ei» Konzert allein auf 7380 Dollars.— — Ein großes M o s a i k b i l d ist bei Dashla in Messauien gefunden worden; das Bild ist sechs Meter laug und fünf Meter breit, seine Mitte wird von einer noch nicht näher beschriebenen Hauptdarstellung eingenommen, um welche sich Tierkampfszene» ziehen. Der äußere Rahmen wird durch Ornamentbändcr in acht besondere Felder eingeteilt, die wiederum mit Bildern verziert sind; von ihnen stellen vier Frauen dar, die übrigen vier Wagen, die von je zwei Panthern gezogen werden; auf den Wagen steht jedesmal ein bewaffneter Jüngling. Das Mosaik ist ans römischer Zeit.— «-p>, v Kiraniwortlicher Redacieur: Paul John in Berlin. Druck uno Partag von Max Badtag m Berlin.