Nnkerhaliungsblalt des Horwäris Nr. 123. Donnerstag, den 23. Jiml 1900 (Nachdruck oetSoien.) 03] Nufevflehnng. Roinau von Leo T o l st o j. Nechljudow stieg aus der Droschke und trat zu dem Menschenhaufen. Auf den unebenen Steinen des am Trottoir schrägen Pflasters lag mit dem Kopf tiefer als mit den Füszen ein breiter, nicht mehr junger Sträfling mit rötlichem Bart, rotem Gesicht und plattgedrückter Nase, in grauem Gefängnis- rock und ebensolchen Hosen. Er lag auf dem Rücken, hatte die soinmersprossenbedeckten Hände mit den Handflächen nach unten geöffnet und schluchzte, indem er die hohe und mächtige Brust in langen Zwischenräumen einzog, und sah den Himmel nüt stehen gebliebenen, blutunterlaufenen Augen an. Um ihn herum standen ein finsterer Polizist, ein Briefträger, ein Ladendieuer, ein altes Weib mit einem Sonnenschirm und ein kurzgeschorcncr Knabe mit einem leeren Korbe. „Sind schwach geworden im Gefängnis, haben die Kraft verloren, und da führt mail sie nun in diese Höllenhitze," erhob der Ladendiener gegen jemand Vorwürfe, indem er sich an den hinzutretenden Nechljudow wandte. „Der muff gewiß sterben sagte das Weib mit dem Sonnenschinn mit weinerlicher Stimme.- „Man muff ihm das Hemd aufbinden," sagte der Brief- träger. Der Polizist begann mit zitternden, dicken Fingern un- geschickt die Zwirnbändcr an dem muskulösen roten Halse loszulösen. Er war sichtlich erregt und bestürzt, hielt es aber dennoch für nötig, sich an die Menge zn wenden. „Was steht Ihr da herum. Ist auch so heiff genug. Das steht uns nur im Wege." „Muff ein Doktor bescheinigen. Die Schwachen läßt man doch zurück. Sonst kommt kaum einer lebend an," sagte der Ladendieuer, der augenscheinlich mit seiner Kenntnis dessen prahlte, was in der Ordnung war. Der Polizist richtete sich, nachdem er die Hemdenschnüre aufgelöst, in die Höhe und schaute um sich. '„Geht auseinander, sage ich. Ist doch nicht Eure Sache! Was steht Ihr da zusammen? sagte er und wandte sich, Beifall suchend, an Nechljudow. und da er in seinen Augen keinem Beifall begegnete, schaute er den Eskortesoldaten an. Aber der Eskortesoldat stand auf der Seite, betrachtete seinen abgelaufenen Absatz und war ganz gleichgültig gegen die Verlegenheit des Polizisten. „Die es angeht, die kümmern sich nicht darum. Ist denn das in der Ordnung. die Menschen zu Tode zu quälen?" „Sträfling ist Sträfling, aber doch immer ein Mensch!" hieß es in der Menge. „Legt ihm den Kopf höher und gebt ihm Wasser," sagte Nechljudow. „Sind schon nach Wasser gegangen," antwortete der Po- lizist, faffte den Sträfling unter der Achsel und. zog den Rumpf mit Mühe etwas höher. „Was ist das für ein Auflauf?" ertönte plötzlich eine bc- stimmte Befehlshaberstimme, und zn dem Menschenhaufen um den Arrestanten trat nüt schnellen Schritten ein Rcvieraufseher in ungewöhnlich sauberem und glänzendem Kittel und noch glänzenderen hohen Stiefeln.„Auseinander gehen! Hier ist nichts zu stehen!" schrie er den Haufen an,'da er noch nicht sah, warum die Menge zusammengelaufen war. Als er aber dicht herantrat und den sterbenden Arrestanten erblickte, machte er mit dem Kopf ein Zeichen der Bestätigung, als ob er eben dasselbe erwartet hätte und wandte sich an den Polizisten. „Wie ist das gekommen?" Der Polizist erzählte, daß der Zug marschiert fei und der Sträflmg hingefallen wäre: der Eskorte- Ofsizier hätte dann besohlen, ihn zurückzulassen. „Also was? Muff aufs Rcvierbureau. Droschke!" „Ein Hausknecht ist hingelaufen," sagte der Polizist und legte die Hand an den Miltzenschirin. Der Ladendieuer begann ctivaS von der Hitze zu reden... „Ist das Deine Sache? Ah? Geh Deiner Wege," sagte der Revieraufsehcr und sah ihn so strenge an, daß der Laden« diener verstummte. „Man muff ihm Wasser zu trinken geben," sagte Nechljudow. Der Revieranfseher sah auch Nechljudow strenge an, sagte aber nichts. Als aber der Hausknecht in einem Kruge Wasser brachte, befahl er dem Polizffte», es dem Sträfling anzubieten. Der Polizist hob den herabgesunkenen Kopf in die Höhe und versuchte, das Wasser in den Mund zu gießen, aber der Sträf- ling nahm es nicht: das Wasser floß heraus über den Bart, benäffte die Jacke ans der Brust und das staubige Hemd aus Hanfleinwand. „Gieß es über den Klopf l" kommandierte der Revier- aufschcr, und der Polizist nahm die Pfannkuchenmütze ab und goß das Wässer über die rötlichen krausen Haare und den bloßen Schädel. Die Augen des Sträflings öffneten sich weiter, gleichsam im Schreck, aber seine Lage änderte sich nicht, lieber sein Gesicht flössen Schmutzbäche von Staub, aber der Mund schluchzte ebenso gleichmäßig und der ganze Körper zitterte. „Wer ist denn das? Nimm den!" wandte sich der Revieranfseher an denPolizisten und deutete ans Nechljudolvs Droschken- kutscher.„Komm her! He. Du I" „Besetzt," sagte der Kutscher finster, ohne die Augen auf- zuHeben. „Es ist mein Kutscher," sagte Nechljudow,„aber nehmen Sie ihn. Ich bezahle," sagte er, sich an den Kutscher wendend. „Nun, was wartet Ihr noch?" schrie der Revieranfseher. „Angefaßt!" Der Polizist, der Hansknecht und der Soldat hoben den Sterbenden ans, trugen ihn zur Droschke und setzten ihn auf den Sitzplatz. Aber er konnte sich nicht selbst halten; sein Kopf sank zurück und der ganze Körper rutschte vom Sitz. „Leg ihn hin!" kommandierte der Nevierbcamte. „Nicht nötig. Euer Wohlgeboren, ich bringe ihn so hin." sagte der Polizist, setzte sich fest neben dem Sterbenden auf den Sitz und umfing ihn mit seinem starken rechten Arm unter der Achsel. Der Soldat hob die Füße in groben Schuhen ohne Fuß- läppen hoch und stellte und zog sie unter den Kutschcrbock. Der Rcvierbeamte sah sich um. und als er auf dem Pflaster die pfannknchcnförmige Mütze des Sträflings sah, hob er sie auf und setzte sie auf den zurückhäugendcn nassen Kopf. „Vorwärts!" kommandierte er. Der Kutscher schaute sich wütend um. schüttelte den Kopf und fuhr, von Soldaten geleitet, im Schritt zum Bezirks- bnreau. Der neben dem Sträfling sitzende Polizist umfaßte fortwährend den hrrnbgleitendcn Körper mit dem Kopf, der nach allen Seiten schänkeltc. Der nebenher marschierende Soldat legte die Füße zurecht. Nechljudow ging hinterher. S i e b e u« n d d r e i ff i g st e s K a P i t e l. Als man an einem Fcuerwchr-Depot vorbeigekommen war, fuhr die Droschke mit dem Sträfling in den Hof der Polizeiwache und hielt an einer der Treppen. Aus dem Hof unterhielten sich Fenerwehrlente laut und lachend und wuschen mit anfgekrcmpten Acrmeln eine Art Wagenbaum. Sobald die Droschke hielt, umringten mehrere Polizisten den Wagen, faßten den leblosen Körper des Sträflings unter den Achseln und an den Füßen und nahmen ihn von der Droschke, die unter ihnen kreischte. Der Polizist, der den Sträfling gebracht hatte, schwenkte den erstarrten Arm, als er von der Droschke stieg, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Der Tote würde in die Thür und eine Treppe hinaufgetragen. Nechljudow ging hinterher. In dein kleinen, schmutzigen Zimmer, in das man den Toten brachte, standen vier Schlafbänke. Auf zweien saßen zwei Kranke in Sträflingskleidung: ein Schiefmänliger mit ver- bundenem Halse, und ein Schwindsüchtiger. Zwei Schlafbänke waren leer. Auf eine von ihnen wurde der Sträfling gelegt. Ein kleiner Mensch mit glänzenden Augen und unaufhörlich sich bewegenden Brauen, nur in Leibwäsche und Striimpfen, trat mit schnellen, kleinen Schritten zu dem hineingetragenen Sträfling, sah ihn an, blickte dann auf Nechljndow und lachte laut. Das iuar ein Irrsinniger, der im Enlpfangsziinmer untergebracht war.„Sie wollen mich bange machen," sagte er.„Aber das soll ihnen nicht gelingen." Hinter den Polizisten, die den Toten gebracht, traten der Neviervorstand und ein Feldscher ein. Der Feldscher trat zum Toten, berührte die gelbliche, mit Sommersprossen bedeckte, noch bewegliche, aber schon toten- blasse Hand des Sträflings, hielt sie hoch und ließ sie dann los. Sie fiel leblos auf den Leib der Leiche. „Fertig." sagte der Feldscher, den Kopf schüttelnd. Offen- bar der Ordnung halber öffnete er aber noch das feuchte, grobe Hemd des Toten, strich sein eignes krauses Haar vom Ohr zurrick und legte das Ohr an die gelbliche, unbewegliche, hohe Brust des Sträflings. Alles schwieg. Der Feldscher richtete sich auf, schüttelte noch einmal den Kopf und berührte mit dem Fulger erst das eine, dann das andre Lid über den offenen, stehengebliebenen blauen Augen. „Bange machen gilt nicht, bange machen gilt nicht!" sagte der Verrückte, der die ganze Zeit über nach dem Feldscher gespuckt hatte. „Nun, wie ist's?" fragte der Neviervorstand. „Ja, wie ist's?" wiederholte der Feldscher.„Er muß in die Totenkammer." „Sehen Sie zu, ob es so stimnit", sagte der Vorstand. „Weiß Bescheid", sagte der Feldscher und bedeckte aus irgend einem Grunde die offene Brust des Toten.„Aber ich will nach Matwej Jwanytsch schicken, der mag nachsehen! Petrow, geh hinunter l" sagte der Feldscher und trat von der Leiche fort. „Bringt ihn in die Totcnkanmier," sagte der Revier- vorstand.„Tu aber komnr ins Bureau und laß es Dir bescheinigen," fügte er für den Eskortcsoldaten hinzu, der die ganze Zeit über nicht von dem Sträfling gewichen war. „Zu Befehl I" antwortete der Eskortesoldat. Die Polizisten hoben den Toten auf und trugen ihn wieder die Treppe hinunter. Nechljudow wollte ihnen nachgehen, aber der Verrückte hielt ihn fest. „Sie sind nicht mit in dem Koniplott? Da geben Sie mir eine Cigarette l" sagte er. Nechljudow holte seine Cigarettentasche heraus und gab ihm eine Cigarette. Ter Verrückte bewegte die Brauen und begann, sehr schnell sprechend, zu erzählen, wie man ihn durch Einflüsterungen quäle.„Sie sind alle gegen mich und peinigen und martern mich durch ihre Medien..." „Entschuldigen Sie mich," sagte Nechljudow und ging, ohne ihn zu Ende zu hören, auf den Hof, da er erfahren wollte, wohin der Tote gebracht würde. Die Polizisten hatten mit ihrer Bürde schon den ganzen Hof überschritten und stiegen eine Kellertreppe hinab. Ncch- ljudow wollte ihnen folgen, aber der Neviervorstand hielt ihn zurück. „Was wünschen Sie?" „Nichts." erwiderte Stechljudow. „Nichts? dann gehen Sie fort." Nechljudow gehorchte und ging zu seinem Kutscher. Der Kutscher schlief. Nechljudow weckte ihn auf und fuhr wieder zum Bahnhof. lFortsetznng folgt.) (Nachdruck verkolen.) Oio chinrNfilxo Volksvrligion. Die drei herrschenden Religionsbekeiiiitnisse sind diejenigen des Konfntse tConfucins), des Laotse und des Buddha. Als Anhänger des Konfutse mit seinem ausgebildeten Moralshstcm bekennen sich die Dhnaslie, die Bcamtenscbaft, die Littcratenklasse und überhaupt die höheren Gesellschaftsscknditen. Die Sittenlehre des Konfutse und seines gröberen Schülers Mentse enthalten zugleich den Bildungs- stoff, dessen Aneignung zur Erlangung der vier akademischen Grade, des Syntschi, etlva linsreS Kandidaten, des Kutsch,»nsres Doktors, des Tsiurse, unsrcs Professors, und des Hanliii, der Bezeichnung für die Mitglieder der kaiserliche» Akademie, unerläblich ist. Der Hauptsip der Anhänger des Laolse befindet sich in der Provinz Kiangfi. Sie gehören überivieacud dem KaufmannSstanve an. Laotse. ein Zeitgenosse des Konfusie. hatte ursprünglich die Vernunft, das Tao, als höchstes Wesen hingestellt, allein im Lauf der Zeit ist dieser Grundgedanke fast verivischt worden und hat einem groben Mystizismus Platz machen müssen. Eine ähnliche Unuvandlnng entstellender Art haben in China auch die Lehren Buddhas erfahren. Die„vier Wahrheiten" Buddhas sind zu Worten ohne Inhalt geivordcn, und ein vielgestaltiger, dumpfer und äußerlicher Bilderdienst hat sich entwickelt. Zahlreiche Bnddhistenklöster bedecken daS Land, deren Mönche sich aber sogar bei den Buddhaverchrern wegen des Cölibats, des Bettelunwesens und der Unwissenheit einer nur äußerst geringen Achtung erfreuen.„Familien- lose" oder derber„kahlköpfige Esel" nennt sie der chinesische VolkSmnnd. Zu dem Buddhismus gehören dem Kamen nach ansehnliche Teile der niederen Bevölkcnmgsklassen. Aus diese» drei Ncligiousshstcmen hat nun die eigentliche Volks- rcligion, wie sie sich in dem Fühlen und Denke» der' großen Masse verkörpert, diese und jene Lehren und Vorstellungen entlehnt und sie mit den uralten, selbstäudigcn Ueberliefenmgen verbunden, die in dem Glaubeil an eine zahllose Geisterivelt im Himmel und auf Erden und einein peinlich gewissenhaften Ahnenknltns ihren Aus- druck finden. In diesen beiden Elementen des Volksglaubens liegen die Wurzeln der fremdenfeindlichen Erbitteruug versteckt. Der Mann aus dein Volk ist an sich durchaus nicht intolerant. Im Gegenteil, er kennt im Grunde keine scharfen Gegensätze zwischen den drei erivahiite» Religionssysteme», auch wein» er einem von ihnen äußerlich angehört, und es ist nichts Seltenes, daß ein Sänften- träger, ein BootSfiihrcr oder ein Bauer auf die Frage nach seiner Religion antwortet, er sei„Tschn To Hut", mit anderen Worten, er sei Ronfutfianer, Taoist und Buddhist in einer Person l Die Fein- heiten und Spitzfindigkeiten der drei von einander ablveilbenden Religionssysteme niache» dem gemeinen Mann nicht den geringsten Kummer, er uiuimt sie als staatlich anerkannte Einrichtungen hin und bekennt sich, um sicher zu gehen, zu allen dreien. Ebenso sind ihm die Grnudlehrcn des Christciilhnnis nicht anstößig. Wie oft hört man einen Chinesen sagen:„Wir haben nichts gegen Euren Jesus Christus. Er ist der erste abendländische Weise. JedcS Land hat seine weisen Männer. Macht ein Bild von ihm und stellt es neben unsre Götter, dann wollen wir uns auch vor ihm venieigeit. Er war gewiß sehr gut." Die große Masse der chinesischen Bevölkennig ist friedliebend, ruhig und höflich, aber sie ist auch selbstgefällig'»»d durchdrungen von ihrer inneren Vortrefflichkeit. Unwahrheit, Diebstahl. Betrug sind nach ihrer religiösen Auffassung»nr Schivächcn und Fehler, keine verwerflichen Vergehen. Das Herz ist, diesen Lehrsatz hat man dem Konsiilsiauismus entnommen, trotz alledem gut.„Alle Menschen", urteilt Meritse, der Ausgestalter des Koufutsianisuins, „haben von Natur mitleidige Hcrzeii; alle haben Herzen, die sich des Lasters schämen, Herzen, die geneigt sind, andren Ehrerbietung zu ertvcisen, Herzen, die zivischcn Recht und Unrecht unter- scheiden können. In einem mitleidigen Herzen wohnt Wohlwollen; in einem, das sich des Lasters schämt. Rechtschaffenheit; ein ehr« crbietiges und pietätvolles Herz iveiß, was sich ziemt: eins, das Recht und Unrecht unterscheidet, hat Weisheit. Die Grundsätze des Wohlivollens, der Rcchtschaffenheit, des Anstands und der Weisheit werden uns aber nicht von außen eingeflößt, sondern Ivir haben sie gewiß von uns selbst." Diesen philosophisch gefärbten Anschauungen steht der dnntle Aberglaube gegenüber, der allseitig in der Furcht vor dem Einfluß der Geisterivelt, dem Fung-Sch»>i, hervortritt. Nach der chinesischen VolkSreligio» erfolgt zivar beim Tode die Auflösung des Menschen in einen geistigen und einen körperlichen Teil, aber die Geister der Abgeschiedenen bleiben in enger Verbindung init den Stätten ihres irdischen Aufenthalts. Nichts ist ihnen daher verhaßter als eine Stönmg ihrer Grabesruhe. Die Wahl eines guten Bcgräbnisplatzcs ist daher eine der Hauptsorgcn der Hinterbliebenen eines Verstorbenen, und inan läßt deshalb oft nichrere Jahre den Sara mit der Leiche»»beerdigt stehen, bis man endlich nach den reiflichen Ueberlegungen einen Platz ausfindig gemacht hat, der allen An- fordernngen entspricht. Denn ein körperloser Geist, der. von Licht und Lust abgesperrt, an einen Ort gebannt ist, wo er sich»nbchag- lich fühlt, wird kein Bedenken tragen, sich an seinen Nachkommen durch Zerstörung ihres Glückes und Wohlstandes zu rächen. Ebenso leicht verletzbar sind die Ratnrkräfte und die sie verkörpernden Geister. deren schädigender Einwirkung sich zu entziehen weiterhin die größte Klugheit und Umsicht nötig macht. Diese gesamte Geisterwelt greift der Chinese unter der Be- zeichnung Fung-Schui zusammen. Fung und Schni bedeuten Wind und Wasser, das Unsichtbare und das.Unfaßbare. Lachende Ebene», leise dahinranschende Flüsse. spiegelglatte Teiche, Ivellcn- förmige Hügel sind dem Fnng-Schiii lvillkvimnen. zerriffene GcbirgS- kämme, schroffe Felsen, zackige und lauge gerade Linien beunruhigen und reizen die Geister der Verstorbenen und der Natur und lenken ihren verderblichen Unwillen ans die Häupter der Unbesonnenen. Wenn daher die unwissenden Europäer Hänser erbauen, ivo cS ihnen gefällt, wenn sie gradlinige Straßen und Eisenbahnen anlegen, die die Gräber der Toten durchschneiden, ivenn sie zu ihren Bauten? Gestein absprengen, ivenn sie rücksichtslos das Innere der Erde nach Kohlen durchiviihlen, so handeln sie nach der Ansicht de» Chinesen ivie wahnsinnige und unnennbar gefährliche Menschen. Die Errichtung von Telegraphenstangen und Fabriftchornsteine» ist ein unverzeihliches Verbrechen, das die Strö- mungen der Naturkräfte beeinträchtigt, und alle diese Frevclthatcn müssen unfehlbar Verderben und Unglück auf die eingcborne Bc- völkernug herabrufen, die derartige ungeheure Verfehlungen wider- spruchslos duldet und zuläßt. Von diesem Standpunkt aus wendet sich die große Masse der chinesischen Bevölkerung gegen die Aus- länder und, soiveit sie als Bekenner der christlichen Lchreir erscheinen, auch gegen das Ehristcntunr. Und diese Anschauungen teilen auch im wesentlich«!» trotz ihrer Zugehörigkeit zu dein einen oder andren Religionssystem die herrschenden Klassen, die aicherdcni in den znin Christenluin übergetretenen Chinesen«ine Art geheimer Gesellschaft, eine» Staat im Staate sehen. Der Glaube an die Macht der Gcisterwclt durchzieht da» ganze chinesische Leben, und er äuszert seinen Einfluß bei allen Unter- nchmungen und Vorkonmmissen von irgend welcher Bedeutung. Schon der Zeitpunkt ist für ein jedes Geschehnis von Bedeutung. Seit mehr als 4000 Jahren teilen die Chiucscn die Zeit in zwölf- und zehnteilige Kreise. Zwölf Tiere: Ratte, Ochs. Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund, Schwein, stellen die Zeichen des zlvölfteiligen Kreises dar. während der zehnteilige Kreis von den Zeichen der fünf Elemente: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, vertreten wird. Jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag und jede Stunde hat so ein zweifaches Kennzeichen, und ein Zeitpunkt ist günstig oder ungünstig, je nachdem die Tiere und Ele- niente des betreffenden Zeitabschnittes freundlich oder feindlich zu einander stehen. Die Göttertvelt der chinesischen Bolksreligion ist zahllos und wächst beständig. Neben den große» Gottheiten in den Tempeln walten die Ortsgötter, deren jedes Dorf, jedes Feld, jeder Berg seine eignen hat. Ferner heischen die Beherrscher des Douuers, des Regens und der Elemente anfmcrksamc Berücksichtigung. Endlich wird auch jedem merkwürdigen Gegenstand, jedem Ort, Ivo sich ein unerklärlicher Vorgang zuträgt, göttliche Verehrung«wiesen. Die Hauptgottheiten haben ihre Geburtstage, die man durch besondere Opfer und Gebete feiert. Dasselbe geschieht an den Festtagen, so- wie am Neumond und Vollmond. Gegen Ende des chinesischen Jahrs nimmt man den Schntzgolt des Orts ans seinem Tempel und trägt ihn auf einein vergoldeten Tragsessel durch die Haiiptsträßen. Die Spitze des Zugs bilden Spicllente. und die festlich gekleidete Volksmenge laßt im Gefolge seltsam gc- formte Fähnchen flattern. Zum Schluß darf der Gott als Ehrengast einem Schauspiel zusehen, das im Freien abgehalten wird. Ein Gott fehlt in keinem chinesischen Hause, nämlich der Küchen- gott Su-Meng-Koug. Nicniand würde es lvngen, ohne ihn einen Haushalt zu gründen. Gclvöhnlich steht sein Bild in dem Haupt- räum des Hauses. Der Geburtstag dieses Gotts, der auf den 14. Tag des 7. Monats fällt, wird in einem jeden Hause gefeiert. Am 24. des 12. Monats tritt der Kücheugott mit den andren niederen Göttern nach dem Glauben des Volks alljährlich eine Reise zu de» großen Gottheiten an, um ihnen einen Jahresbericht abzustatten. Daher verbrennt man für ihn ein Papicrpferd und andre Räch- ahmnngen in Papier von Gegenständen, die für eine Reise erforder- lich find. Aber hiermit allein gicbt man sich noch nicht zufrieden. Während seiner zehntägigen Abwesenheit brennt stets eine Lampe, die bekunden soll, daß mau seiner Wiederkehr und Begrüßung harrt. Wilhelm F r e e g e. Kleines �euillekon» — Ein uiysteriöscö HauS. Der.Renen Freien Presse" wird auS Paris geschrieben: Seit einigen Tagen herrscht große Auf- regring in dem vornehmen alten Quartier der Nile de Bourgogne und der Rue de Varenne. Hier befinden sich die Paläste der fran- zösischcn Aristokratie, die Nuntiatur, mehrere offizielle Gebäude, so eine Botschaft»nd das Ministerium des Ackerbau». In der Umgebung dieses Ministeriums in verschiedenen Hausen» hat man seit Tagen und Wochen des Nachts das Winnncni, Flehen und Hilfcgcschrci eines Kindes gehört. Verschiedene Personen in de» benachbarten Häusern konnten die Schmerzcnslaute des arme» Kindes ganz deutlich hören:.Schlage mich nicht!",»Papa, Mama!" oder:.Ich habe Hunger, ihr bringt mich um!" Die Polizei wurde verständigt, sie hat nichts gefunden. Man deutet geheimnisvoll an, daß die Polizei nicht gut geforscht hat, daß ihre Untersuchung sich auch ans das Ackcrbau-Ministerinm erstrecken müßte. Nun ist dieses Ministcrinm bloß von zwei Pförtnern bewohnt, welche ihre Kinder gut behandeln. Eine alte Dame, Fräulein Marie Baron, welche in dem Quartier„I-a Bretagne" genannt wird, bat oft die Schmerzcnsrufe des Kindes gehört. Sie beschäftigte sich in ihrem guten Herzen mit der Angelegenheit, setzte die Polizei und die Presse in Betvcguug und verfehlte nicht, im Bäckerladen von ihren Wahrnehmungen und von ihrem Eingreifen zu Gunsten des gc- marterten Kinds zu sprechen. Die letzte Nacht— am Freitag— hörte Fräulein Marie Baron wieder ganz deritlich die Kinderstimme verzwciflungsvoll rufen:«Ich habe Hunger! Rettet mich, ich bin in dem Malcrkabinett eingesperrt! Marie la Bretagne, kommen Sie,»nick befreien I" Das alte Fräulein war starr. Das Kind kennt ihren Namen, es ruft sie um Hilfe an. Fräulein Baron la Bretagne äußerte sich sofort über diese neue Wahrnehmung. Woher kennt das gefangene, gemarterte Kind de» Namen seiner Wohlthäterin? La Bretagne ist um die Antwort nicht ver- legen:„Man weiß, daß ich mich mit dem Schicksal des Kinds beschästige. Alle Handwerker und Lieferanten wissen es. Ich habe beinr Bäcker daneben gesprochen. Die Eltern des Kindes müssen von meinen Versuchen gehört haben, den Schlüssel dieses Geheim- nisses zu finden. Sie haben gewiß vor dem Kinde meinen Namen ausgesprochen... und nun ruft mich daö arme Kind!" Ein Polizei- Kommissar vernahm Fräulein Baron und hörte zahlreiche andre Zeugen, welche das Kind nachts schreien hören. Eine Madame Allais sagt... daß die Hilferufe von einem sehr jungen Kinde her- rühren mnsfrn. Man steht vor einem Geheimnis. Es kann sich kaum um Wahnvorstellungen handeln, noch um eine Massen-Euggestion, welche man vielleicht anzunehmen geneigt ist und durch welche die gute» Menschen in der Rue ide Bourgogne mehr leiden würden, als das gemarterte Kind, welches nicht existiert. Gestern nachmittag eröffnete sich eine neue Spur zur Aufhellung des Geheinmisses: Ein Gastwirt ans der nahe» Rue de Grenelle machte die Anzeige, daß ein Telegraphenbeamter, in der Rue de Bourgogne wohnhaft, große Geschicklichkeit im Nachahmen von Tier- n»d Menscheustimmen be- sitze, daß er oft die Gäste des Wirtshauses mit seiner Banchredekuust unterhalten habe und daß er besonders gut das Wimmern und Schreien eines geschlagenen Kinds nachzuahmen verflehe. Dieser Bauch- redner könne wohl seine schlaflose» Nachtstunden dazu verwenden, den Bewohnern der Rue de Bourgogne und der Rue de Varenne eben- falls schlaflose Nächte zu bereiten. Da man das gemarterte Kind nicht finden kann, sucht man nun den Bauchredner.— Eine ähnliche Geschichte soll vor Jahren auch in Berlin passiert sein. Bewohner des KvnigSthor-Vicrtels werden sich gewiß an die«Herr—Hörst— Du— mich?"-Geschichte erinnern.— — Nicchfloffe und Verdünrinngeu. Der.Prometheus" schreibt: Während bei den andern Sinnen mit der Größe des Reizes sich auch die Stärke der Wahrnehmung ändert, also eine größere Last auch einen größeren Druck erzeugt, ist dies bei den chcimsch£» Sinnen, Geruch und Geschmack, anders. Hier ändert sich nicht die Stärke der Wahrnchmnng, sondern ihr Charakter. So ist es der Chemie gelungen, den' Riechstoff des Veilchens, das Jonon, künstlich herzustellen. Hat man nun etiva 1 Gramm dieses Stoffs— mehr, als in Centnern von Veilchen enthalten ist—. so kann man ihn offen stehen lassen, man kann ihn erhitze» und verdampfen, und trotzdem riecht man Veilchengernch bloß ganz am Anfang. Wird der Duststoff in der Luft konzentrierter, so wird der charakteristische Duft schwächer und schlägt schließlich in einen starken Himbeergcnlch um. Viele der künstlichen Veilchenparfüme riechen thatsächlich nicht nach Veilchen, sondern nach Himbeeren, weil die Fabrikanten sich nicht entschließen können, den Käufern wenig genug für ihr Geld zu geben. Riecht man an einem Fläichchen, welches reines Jonon enthält, so riecht es weder»ach Veilchen, noch nach Himbeeren, sondern»ach Cedcruholz. Merkwürdig ist bei diesen Wahrnchiirurigen, daß weder das Parfüm der Himbeere, welches auch bereits chemisch isoliert ist, noch das Cedcruöl in großer Verdünnung veilchenartig riechen. Wie manche Stinkstoffe sich in großer Verdün- innig in Wohlgerüche umsetze», zeigt Verfaffer an dem Beispiel der Blattwanzen. Wenn man solch ein übelriechendes Tier mit Zucker verreibt und die Verdünnung gehörig fortsetzt, so soll ein angenehmer Hhazintengcruch auftrete». Der Jasmiublütcuduft ist, wie die Chemie nachgewiesen hat, ein zusammengesetzter Geruch. Unter den hier znsa'mmcngemischtc» Substanzen findet sich auch Jndol, ein Stoff, welcher laiige bekannt und ein Produkt der Fäulnis ist. Eine Reihe von Dnftstöffen riecht bei stärftrer Konzentration schwächer oder gar nicht. So der künstliche Moschus, das Vanillin, das Piperonal(der Riechstoff des Heliotrops), das Knmarin(Riechstoff des Waldmeisters) und der Duft des frisch gemähten Heus. Die Thatsache, daß ver- dünnte und konzentrierte Stoffe auf unser Geruchsorgan ganz entgegengesetzt einwirken, ist seit langem bekannt.— — Gegen den Stich der Skorpione pflegen die Bewohner der Insel Zakhnthos außer Besprechungen auch eine Art hoinöo- pathischen Heilmittels anzuwenden, worüber Bernhard Schmidt in seinem Buche„Die Insel Zakhnthos"(F. E. Fehsenfeld. Frei- bürg i. B.) folgende Schilderung giebt: Man hält i» einem mit Wasser gefüllten Gefäß einige dariii ertränkte Skorpione in Bereit- schaft, von denen vorkonimciidenfalls einer heransgcnommcn und, zu Brei zerstampft, auf die Wunde gelegt wird, ein Verfahren, das die Schmerzen angeblich sofort beseitigt. Auch soll»ran kleine Kinder gegen die Wirkung eines Skorpionstichs dadurch zu sichern suchen, daß man ihnen etwas von solchem Wasser zu trinken giebt. also in Befolgung eines ähnlichen Princips wie jenes ist, worauf die Impfung mit Blatterugift beruht. Sckion im Altertum hat sich die Vollsmedizin im Grunde der nämlichen Mittel gegen den Stich dieser Tiere bedient.— Musik. Seit fast einem Jahrhundert existiert eine vorwiegend der deutschen Kultur eigne Erscheinung: das Vercinsleben dcs Männergesangs, getragen teils von Bernfsmusikcrn, teils von Dilettanten, ausgehend teils auf mehr künstlerische, teils ans mehr gesellige Absichten, bekannt unter dem Namen„Liedertafel" und reich an all dem Guten und Schlimmcu, an das uns jetzt dieser Name denke» läßt. In Berlin hat(1S09) das Liedertafelwesen begönne», und allüberall hat es den politische» und künstlerischen Wandel der Zeilen ohne grundsätzliche Acuderungen überdauert. Der Sommer ist ihm und fpcciell seiner geselligen Seite besonders günstig. Unter den etwa 40 Liedertafel», die Berlin— ungerechnet die zu einigen .Sängerbünden" vereinigte» kleineren Vereine— besitzt, ist die (18lk' gegründete)«Berliner Liedertafel" mit ihrem Chor- meistcr A. Zander jedenfalls eine der mit Recht angesehenste»; ihr guter Klang und ihr deutlicher Vortrag interessieren auch dann, wenn man es nachgerade unerträglich findet, die einander so ähn- liche» Trivialitäten wie die»»gezählten Wiederholimge»«Im Mai, im liebt» Mai" uud dergleichen anhöre» zu müssen, riud wenn man sehnsüchtig eines neuen Geistes i» diesem Reiche harrt. Die geiiaimte Liedertafel saug am Montag im Zoologische» Gartem Die Tüchtig- Jfeit ihrer Leistimge» aber verstärkt»»scr Recht, auch cininal ei» Wörtchen iiver die Einnchtlmg solcher Konzerte z» sprechen. Will ein Chor in sommerlicher Atmosphäre singen, so sorge er für Ersatz des freien Raums durch einen halb oder' ganz geschlossenen bei»n- günstigem Wetter, und zivar so, das; sich die Sache glatt macht— das; nicht das Publikum beinahe zu einem Existenzkampf gezwungen Ivird. Die von neulich mit- gebrachten Erinuernngen könnten fast zum Warnen vor solchen Feste» nötigen'. Noch mehr. Für nächsten Mittlvoch haben zwei hygienische Vereine ein Fest am selbe» Ort. unter„gcfl." Mitivirkung eben jener Liedertafel, angesagt. So sehr die ertvähnte Tüchtigkeit der Sänger und der diesmal erträglichere Wohlthätig- keitszlveck sLungenheilstättcns den Besuch eines solchen KonzcrtS empfehlen lassen, so sehr mns; doch die Eiuladnngsforn» bedauert tverden: Billctanweisnngen, die in Mehrzahl ins Hans gesandt tverden und rasch vollzählig bezahlt iverdc» sollen, widrigenfalls durch die Post die Erlegung des Betrag? erleichtert Ivird.— Wieder wenden wir uns mit Freude» zu einer abermaligen neuen Darbietung der M o r w i tz- O p e r. Sie hat am Dienstag ein wohl allgemein beliebtes Werk, eine der bedeutendsten komischen Opern: L or tz i n g s„Wildschütz", mit teilweise neuen Kräften herausgebracht. Der vorjährigen Aufführung bei Morlvitz und der ketztwiuterlichen im alten Opernhaus gedenkend, können wir auch diese Vorführung mit Ivenig Einschränkungen als sehr verdienstvoll anerkenne». Die Regie in dcr„Kömglichen" ist nicht die beste und die bei Marwitz nicht die schlechteste: aber hinter Feinheiten der„Wildschütz"-Aufführung im Opernhaus, wie dem Tanz zu Beginn und der lebhafte» Dunkel- scene am Billard sollte Morwitzeus Regisseur A. Earlhof sein Werk nicht zurückstehen lasse». Den Schülmcistcr Bacillus sah ich im Vorjahr mehr komisch und im Winter mehr elegant ansgesaszt; diesmal ist ihm— von C. S ch a a r s ch m i d t— mehr die lappisch- tragische Seite abgewonnen, die seine Darstellung undankbarer, aber wohl erst recht verdienstvoll macht. I o s e f i n e T n s che r(Baronin) gleitete zwar bei hohen Tönen manchmal ans, zeigte aber sonst eine» guten Sopran und Margarete Koch(Gretchen) erivies sich als prächtige Opernsonbrette. Im übrigen wäre nur manches von uns schon Gesagte zu widerhole».— sz, Astronomisches. t. W i e l a» g e i in H ö ch st f a l l e eine dollständige S o n n e ii f i» st e r n i S dauern kann, hat der Astronom Whilmell, Vorsitzender der Astronomischen Gesellschaft von LcedS. be- rechnet. Die zur Beantwortnug dieser Frage notwendige Arbeit war eine ungemein mühsame und langwierige, denn eS mußten erst mit Genauigkeit die Bedingungen festgestellt werden, durch deren Vereinigung die längste Dauer einer vollständigen Bcrsiiislenmg der Sonne erreicht wird. Nach genauer Prüfung der Ein- flüsse, die auf den verschiedenen Cntfernnngen der Sonne und des Monds von der Erde und auf der Gröste und der Schnelligkeit des Moud.schattcns beruhen, fand Whilmell, daß zur Erzielung der Höchstdauer folgende Bedingimgen erfüllt sein mnstten: Der Renmond nnist in oder nahe einem Knoten seiner Bahn und gleichzeitig in möglichst grober Erdnähe stehen, die Sonne nuljj möglichst weit von der Erde entfernt sein, die vollständige Vor- finsterung mnb um die Mittagszeit eintreten, und der Mondschattcn mub sich in der Richtung eines Parallelkreises bewegen, damit der Beobachter während der Erddrehung in dessen Bereich bleibt, Sonne und Mond müssen im Zenith stehe», damit der Mondschatten so grob als möglich wird, endlich mus; sich der Beobachter etwa ans dem Aequator befinden, damit seine Bewegung durch die Erddrehung so schnell als möglich erfolgt. Von diesen fünf Bediiigungc» können die beiden letzten nicht gleichzeitig eintreten, da sich Sonne und Mond nicht in der Ebene des Himmelsäquators bewegen, eS kommt aber mehr darauf an. dab die Mittellinie des Mondschattens mit dem Erdäquator zusammenfällt, als dab Sonne und Mond genau im Zenith stehen. Wenn alle diese Ilmstände be- rücksichtigt werden, so würde eine vollständige Sonnenfinsternis von längster Dauer etwa um die Mitte des Monats Juli in der Mittagszeit eintreten und würde in einer nördlichen Breite von 4 Grad S2 Minuten eine Daner von 7 Minuten und 4v Sekunden besitzen. Zu dieser Jahreszeit befindet sich die Sonne etwa in der größten Erdferne und bat einen scheinbaren Durchmesser von 8.7 Bogen- sekundcu. Der englische Astronom stellt nun eine Anzahl von vollständigen Sonnenfinsternisse» zusammen, die sich im 20. Jahr- hundert ereignen und eine sehr lange Dauer besitzen werden Am 18. Mai 1901, also im nächsten Jahre, findet ein solches Natur- fchauspicl statt, das für eine Stelle im Indischen Ocean ivesilich von Sumatra eine Dauer von li Minuten und 41,6 Sekunden haben würde; der beste VeobachtuugSplatz dafür würden vielleicht die Keeling- oder Kokos-Juseln sein. Dann folgt am 29. Mai 1919 eine ziveitc vollständige SvunenfiufteriiiS, deren Dauer für einen Punkt im Allantischen Ocean, westlich von Liberia in 4 Grad nördlicher Breite 7 Minuten und 6,9 Sekunden betragen würde. Weitcrc Verfinsterungen von ähnlich langer Dauer sind zu erwarten: am 8. Juni 1937 für den vacifischen Ocean in 10 Grad nördlicher Breite und 131 Grad lvest- licher Länge, für den 20. Juni 1956 für einen Punkt im Chinesische» Meer etivas westlich der Philippinen, am 30. Jnni 1973 für Juner- afrila etwas östlich vom Rigerkuie, und am 11. Juli 1991 für ciuen Ort an der Westküste von Mexico. Die längste von diesen Somicu- Berannvortlicher Redacreur: Paul John in Berlu finsternissen wird die bei den Philippinen sein mit einer Daner von 7 Minuten Ls'/e Sekunden, für die Manila voraussichtlich einen ans- gezeichneten Beobnchtnngsplatz abgeben wird. Da der Wert der wissenschaftlichen Beobachtungen während einer vollständigen Sonnen- finsternis sehr ivesentlich von deren Dauer abhängt, werden diese Finsternisse in der Geschichte der Astronomie des 20. Jahrhunderts bedrntsame Ereignisse darstellen.— Humoristisches. — B a n e r n l o g i k. Der Hubinger Wastl wird gelegentlich seiner ersten Eisenbahnfahrt, als er trotz des Protestes der Mit- reisenden im Nichtrancher-Coupö aus seiner Pfeife wie ein Schlot dampste, voni Schaffner aufgefordert, das Rauchen einzustellen oder sich in ein Ranchconpö zu begeben. Als er mm das nächste Mal mit der Bahn fuhr, diesmal aber dank seiner Kenntnis der Eiseubahnvorschriften ins Rauchcoupe einstieg, bemerkte er neben sich eine» Bauern, welcher nicht rauchte. Er glaubte nun nach seiner letzten Erfahrung, dab, wenn im Coupe für Nichtraucher nur Leute fahren dürften, welche nicht rauchen, im Ranchconps alle Personen rauchen in übte ii und rannte daher wohlmeineud seinem Nachbar zu:„Du! zünd' Dir g'schiviud aue an, ch da Schaffner kimmt, snnst wirst d' aiißi g'schmiffen."— — Boshaft. Hausherr(zur Tante, die schimpft. Iveil die Kinder sie beim Musizieren stören):„Rege Dich doch nicht auf... bist doch auch einmal jung gclvcscn!" Tante(pikiert):„Jung... gewesen... bitte I" Hausherr(trocken):„Na ja, gezweifelt habe ich allerdings auch immer daran l"— Notizen. — Richard Tauber, der Charakterdarsteller des Neuen deutsche» Landcsthcatcrs in Prag, tritt mit dem Beginn der neuen Saison an die Stelle BassermannS vom Berliner Theater.— — Der holländische Landschaftsmaler und Radierer C. N. St o r m V a n' s G r n V e s a n d e hat dem Kupferstichkabinctt der Berliner Museen 1084 Blatt seiner Radierungen und Litho- graphien, die er in den Jahren 1870 bis 1899 hergestellt hat, geschenkt: eS befinden sich unter den einzelnen Blättern alle Platten- zustände, so dab sich das Entstehen jeder Arbeit verfolgen läht.— — D i e Berliner S e c e s s i o n hat etwa 80 deutsche und ausländische Künstler zu ihren korrespondierenden Mitgliedern gc- Ivählt, um so eine Menge hervorragender Künstler, deren Mitwirkung an den Jahresausstellunge» iviinschenswert erschien, dauernd an die Seecssion zu fesseln.— — Der Direktor der Düsseldorfer K n n st a k a d e m i e. Professor Peter Janssen, hat den Auftrag erhalten, ein grobes Gemälde für den Saal dcS Rathauses in Elberfeld zu malen. Der darzustellende Gegenstand soll der Geschichte der Stadt Elberfeld cnt- »ommcn werden. In Vorschlag gebracht ist der große Brand von Elberfeld im Jahre 1687, der die Stadt einäscherte.— c. Der eiste i n t c r n a t i o n a l e M u s i k k o» g r e b. der vom 14. bis zum 18. Juni in dem Kougrebpalast der Pariser Welt« aussteNung tagte, hat das Resultat seiner Arbeite» in Anregungen zusammengefaßt, von denen wir die wichtigsten wiedergeben wollen: In alle» Konscrvatoricn soll eine Klasse für Orchestcrdirigenten und Leiter von Mnsikqesellschaften geschaffen werden. Die Organe der ranzöftschc» und aiiSländischen Presse sowie die Jomnalistenschnle iolleii eine Verständigung unter einander anstreben, um die Aufgaben der Musikkritik durch Berorduungen zu bestimmen. Die Knnstbehördc» werden ersucht, über die Achtung vor dem ursprünglichen Text der Werke verstorbenerKomponisten zu wachen: zu diescmZweck sollen freie Bercini- gungcn gebildet werden. Die Beschlüsse über die Normal-Stimmgabel sollen in Anwendung gebracht und bei Wettbewerben nur Vereine Preise erhalte», die sich dieser anpassen. Die Fabrikanten werden darauf hingewiesen, die Metronome sorgfältiger zu bauen, besonders für bestimmte, häufig gebrauchte Taktartcn wie 60, 80, 104 und 120. Die Töne der chromatischen Tonleiter sollen vom tiefen C an nummcriert werden.— — Professor Dr. S ch w c n i n g e r in Berlin i)t zum leitenden Arzt des neuen K r e i S- K r a n k e n h a n s e S in G r o b- L i ch t e r f e l d c gewählt worden.— — Die Stadt T i d a h o l m in Schweden besitzt die größte Zündhölzersabrik der Welt: täglich werden dort 200 Millionen Streichhölzer Hergestellt: das sind im Jahre 73 Milliarden! Per- braucht werden dazu 600 000 Kubikfiib Fichtenholz, 124 000 Kilogramm Etiketten und 18 000 Kilogramm Leim.— — Von der furchtbaren Gewalt� der To r n a d o s, die jeden Sommer die iveiten Prärien dcö Staates Kansas heim- suchen, zeugt das Schicksal eines Passagierzugcs der St. Louis- und San Francisco-Bahn, der kürzlich bei Oswcgo in Kansas von eiueni solchen Wirbelstnrm erfaßt wurde. Der Zug raste in voller Fahrt dahin, um dem Sturm zu entgehen. Aber die Wind- Hose war schneller. Sie erfaßte den Zug, hob die Wagen vom Geleise und warf zwei Gepäckwagen über den Graben hinweg in ein Weizenfeld, während die Personenwagen nur auf die Seite ge� legt wurde».—_ . Druck unv Si«.rias von Dia: Baving in Berlin.