Mnlerhaltimgsblatt des Jorwäris Nr. 126. Dienstag, den 3. Juli. 1360 lNachdruck vertoicn.) Nufevflelzung. Roman von Leo T o l st o j. „Ja, es ist mir bequemer; ich bin so mit Tarast zu- sammen," sagte Ncchljudow.„Ja, und noch ettvas," fügte er hinzu; „bis jetzt habe ich in Kusminskoie das Land den Bauern nicht abgetreten, so daß im Fall meines Todes Deine Kinder es erben." „Dmitri, hör' auf," sagte Natalie Jwanowna. „Wenn ich es aber abtrete, so kann ich doch eins sagen— das ist, daß das übrige ihnen zufallen»vird, da ich kaum heiraten werde. Und wenn ich heirate, so werden keine Kinder kommen... so daß..." „Dmitri, bitte, sprich doch nicht so," sagte Natalie Jwanowna; aber dabei sah Nechljndow, daß sie froh war, das zu hören, ivas er sagte. Vorne vor der ersten Klasse stand nur ein kleiner Haufen Leuten die immer noch auf den Waggon blickte», in den man die Fürstin Kortschagina hineingetragen hatte. Das übrige Publikum war schon sämtlich auf seinen Plätzen. Verspätete Fahrgäste liefen niit Geklapper geschwind auf den Brettern des Herrons entlang, die Schaffner schlugen die Thüren zu und forderten die Paffagiere auf, Platz zu nehmen, und die Begleiter, hinauszugehen. Nechljndow trat in den von der Sonne gewärmten, heißen und stinkenden Wagen und trat sofort auf die Plattform. Natalie Jwanowna stand in ihrem modernen Hut und Umhang mit Agrafena Petrowna vor dem Waggon, suchte augenscheinlich einen Gesprächsstoff und fand ihn nicht. Sie koinite sogar nicht einmal sagen:„Schreib auch mal", weil sie schon lange mit ihrem Bruder über diese gewöhnliche Phrase der Abreisenden sich lustig gemacht hatte. Das Gespräch über Geldangelegenheiten und die Erbschaft hatte mit einem Male die zärtlichen geschwisterlichen Beziehungen, die sich wieder zwischen ihnen einstellen wollten, zerstört. Sic fühlten sich jetzt einander entfremdet. So war denn Natalie Jwanowna froh, als der Zug sich in Bewegung setzte, und sie nur kopfnickend mit traurigem und freundlichem Gesicht sagen konnte:„Leb wohl, leb wohl, Dmitri I" Aber sobald der Wagen abgefahren war, dachte sie daran, wie sie ihrem Manne das Gespräch mit dem Bruder mitteilen würde, und ihr Gesicht wurde ernst und bekümmert. Und Nechljudow hatte jetzt, trotzdem er nur die allerbesten Gcfiihle für seine Schwester hegte, eine schwere, unbehagliche Empfindung von ihr, und hatte den Wunsch, bald von ihr loszukonunen. Er fühlte, daß es die Natalie nicht mehr gab, die ibin einst so nahe gestanden hatte, sondern daß nur noch die Sklavin des ihm fteniden und unangenehmen, schwarzen, haarigen Manns vorhanden war. Er sah das klar, weil ihr Gesicht mit besonderer Lebhaftigkeit sich nur dann erhellt hatte, wenn er von Dingen sprach, mit denen sich ihr Mann beschäftigte— von der Abtretung des Lands an die Bauern und von der Erbschaft. Und das war ihm schmerzlich. Vierzig st es Kapitel. Die Hitze in dem großen Waggon dritter Klasse, der den ganzen Tag laug von der Sonne durchglicht und voller Menschen war, erwies sich als so bedruckend, daß Nechljudow nicht in den Waggon ging, sondern aus der Plattform blieb. Aber auch hier konnte man nicht attnen; Nechljudow atmete aus voller Bnist erst dann auf, als die Waggons zwischen den Häuser« hindurchgerollt waren und ein fnschcr Zugwind wehte.„Ja, sie haben ihn unigebracht," wiederholte er bei sich die Worte, die er seiner Schwester gesagt. Und vor seine Einbildungskraft trat von allen Eindrücken des heuttgen Tags mit ungewöhnlicher Klarheit das schöne Gesicht des zweiten Sträflings mit lächelnden Lippen, dem strengen Ausdruck der Stirn und dem kleinen festen Ohr am rasierten bläu- lichen Kopf.„Was aber am allcrschrecklichsten ist, ist, daß sie ihn getötet haben, und daß niemand weiß, wer ihn ge- tötet hat. Getötet haben sie ihn. Hinausgeführt hat man ihn wie alle Gefangenen auf Geheiß Maslennikows. Maslcnnikow hat seine gewöhnlichen Anordnungen getroffen, ein Papier mit gedrucktem Titelkopf mit seinem albernen Namenszug unterzeichnet und zu guter Letzt hält sich nun niemand für schuldig. Noch weniger kann sich der Gefängnis- arzt, der die Gefangenen untersucht hat, für schuldig halten. Er hat genau seine Schuldigkeit gethan, hat die Schlvachen abgesondert und konnte unmöglich diese fürchterliche Hitze noch den Umstand voraussehen, daß man sie so spät und in einem solchen Haufen fortführen würde. Der Inspektor?... der Inspektor hat nur die Vorschrift erfi'illt, daß an einem solchen Tage so und so viele Zwangsarbeiter, Verbannte, Männer und Frauen, abgefertigt tverden sollen. Eben- falls kann nicht schuldig sein der Eskorte-Offizier, dessen Aufgabe darin bestand, daß er hier so und so viele Leute auf- nahm und dort eben so viele ablieferte. Er hatte den Zug so geführt, wie es üblich ist und wie es bestimmt war, und niemand konnte voraussehen, daß so starke Leute wie die beiden, welche Nechljudow gesehen, es nicht aushalten und sterben würden. Niemand ist schuldig— aber die Menschen sind trotz alledem von eben diesen an ihrem Tode unschuldigen Leuten getötet worden." „Alles das ist dahergekommen," dachte Nechljudow,„daß all' diese Leute, Gouverneure, Inspektoren, Polizeibeamte und Schutzleute, glauben, es gäbe Umstände im Leben, unter denen ein unmittelbares Verhältnis des Menschen zum Mit- menschen nicht notwendig sei. Alle diese Menschen von Maslcnnikow an bis zum Eskorte-Offizier würden, wenn sie nicht Beanite gewesen wären, zwanzigmal gedacht haben, es fei ganz unmöglich, den Zug bei solcher Hitze marschieren zu lassen; würden zwanzigmal unterwegs Halt gemacht haben, und wenn sie gesehen, daß ein Gefangener schwach wurde oder den Atem verlor, ihn haben austreten laffen, ihn in den Schatten geführt, ihm Wasser zu trinken gegeben und, wenn ihm ein Unglück zugestoßen wäre, ihm Mitleid bezeugt haben. Sie haben aber nichts von alledem gethan, sondern haben sogar andre gehindert, es zu thun: und das ist geschehen, weil ssie nicht Menschen vor sich sahen und ihre Pflichten gegen sie, sondern nur den Dienst mit seinen Anforderungen, die sie höher als die Gebote der Menschlichkeit stellen. Darin liegt alles," dachte Nechljudow.„Wenn es möglich wäre zu glauben, daß irgend etwas, was es auch sei, wichttger wäre als das Gefühl der Menschenliebe, wenn auch nur für eine Stunde, wenn auch nur in einem einzigen Fall— so gäbe es kein Verbrechen, das man nicht an Menschen verüben könnte, ohne sich für schuldig zu halten." Nechljudow dachte so allgestrengt nach, daß er gar nicht bemerkte, wie das Wetter sich änderte. Die Sonne ver- schwand hinter einer tief hängenden, zerrissenen Wolke, und vom westlichen Horizonte bewegte sich ein kompakter hell- grauer Wolkcnknäuel heran, der dort irgendwo in der Ferne über Feldern und Wäldern schon in einem schrägen, aus- giebigen Regen ausfloß. Von der Wolke ging feuchte Regen- luft aus. Bisweilen zerteilten Blitze die Wolken, und mit dem Donner der Eisenbahnwagen vermengte sich immer häufiger und hänsiger das Rollen wirklichen Donners. Die Wolken rückten näher und näher; schräge, vom Winde ge- tricbene Regentropfen begannen die Plattform und Nech- ljudows Ueberzieher mit Flecken zu bedecken. Er ging auf die andre Seite hinüber, atmete die frische Feuchtigkeit und den nahrhaften Dust der schon lange aus Regen wartenden Erde ein und schaute aus die vorübereilenden Gärten, Wälder, gelblichen Getreidefelder, noch grünen Haferstreifen und schwarzen Furchen zwischen dunkelgrünen blühenden Kar- toffeln. Alles war gleichsam mit einem Firnis überzogen: das Grün wurde grüner, das Gelb gelber, das Schwarz schwärzer. „Mehr, immer mehr," sagte Ncchljudow und steute sich über die Felder, Gärten und Gemüsegärten, die unter dem wohkthätigen Regen auflebten. Der starke Regen hielt nicht lange an. Die Wolke war teils ausgeflossen, teils vorübergetrieben und auf den feuchten Boden fielen schon die letzten, geraden, dichten seinen Tropfen. Die Sonne schaute wieder hervor, alles erglänzte und im Osten überspannte den Horizont ein nicht hoher, aber heller Regenbogen mit hervortretend violetter Farbe, die nur an einem Ende unterbrochen wurde. „Ja, woran dachte ich doch noch?" ftagte sich Ncchljudow. als alle diese Veränderungen in der Natur z« Ende waren «nd der Zug in eine Thnlmnlde mit steilen Böschungen hinoibrollte:„Ja, ich dachte daran, daß alle diese Leute: der Inspektor, die Eskortesoldatcn, alle die Angestellten— größten- teils sanfte, gute Menschen—, böse geworden sind, nur weil sie dienen.* Er dachte an die Gleichgültigkeit Maslenntkows, als er ihm davon erzählte, was im Gefängnis geschähe, an die Strenge des Inspektors, die Grausamkeit des Eskorte-Offiziers, der den einen Sträfling nicht auf den Wagen hinaufsteigen ließ und nicht acht darauf gab, daß sich im Zuge ein Weih mit Geburtswehen quälte. Alle diese Leute waren augenschein- lich für Gefühle der Menschlichkeit ebensowenig zugänglich „wie diese aufgeweichte Erde für den Regen," dachte Nechljndow mit einem Blick auf die mit verschiedenfarbigen Steinen be- legte Böschung der Mulde, auf der das Regeuwasser nicht in die Erde eindrang, sondern in kleinen Bächen herabfloß. »Vielleicht ist es nötig, die Böschungen mit Steinen zu pflastern, aber es bleibt ein trauriger Anblick, diesen allen Wachstums baren Boden anzusehen, der Getreide, Gras, Sträuche, Bäume wie die oberhalb der Böschung hervorbringen könnte. Das- selbe ist auch nnt dem Menschen der Fall," dachte Nechljudow; vielleicht sind auch Gouverneur, Inspektoren nnd Polizisteir erforderlich, aber es ist doch ein schrecklicher Anblick, Menschen zu sehen, die die ersten menschlichen Eigenschaften, Liebe und Mitleid für andre, enthehren. „Das alles kommt daher," dachte Nechljudow,„daß diese Menschen etwas als Gesetz anerkennen, was kein Gesetz ist; das aber, was als ewiges, unveränderliches Gesetz von Gott selbst in das Menschenherz eingeschrieben ist,— das erkennen sie nicht als Gesetz an. Gerade deswegen ist mir geivöhnlich so schwer vor diesen Leuten," dachte Nechljudow.„Ich fürchte mich vor ihnen. Und wirklich sind die Leute schrecklich. Sie sind schrecklicher als Räuber. Der Räuber kann immer noch Mitleid empfinden— diese Leute aber nicht—: sie sind dem Mitleid unzugänglich, wie Steine dem Wachstum. Und eben deswegen sind sie schrecklich. Man sagt, die Pugatschew, Stenjka Rjasin usw. sind schrecklich. Aber jene sind tausend- mal schrecklicher," dachte er weiter; wenn das psychologische Problem gestellt würde: wie ist es einzurichten, daß Menschen unsrer Zeit, Christen, Humaue, schlichte, gute Menschen die schrecklichsten Verbrechen verüben, ohne sich dabei für schuldig zu hatten, so giebt es nur eine Lösung: es soll eben so sein, wie es ist; die Menschen sollen Gouverneure, Inspektoren, Offiziere, Polizisten sein, das heißt sie sollen erstens die Ueberzeugmig haben, daß es eine Thätigkeit geben niuß, die Staatsdienst heißt, bei welcher mau seine, Mitmenschen wie Sachen, ohne menschliches, brüderliches Gefühl gegen sie, be- handeln darf. Zweitens sollen die Menschen durch diesen Staatsdienst so in Anspruch genommen sein, daß die Ver- antwortung für die Folgen ihrer Thatcn den Menschen gegen- über auf keinen einzelnen von ihnen fällt. Außer diesen Be- dingungen giebt es keine Möglichkeit, m unsrer Zeit so schreckliche Dinge auszuüben wie die, welche ich heute gesehen. Die ganze Sache ist die, daß die Menschen glauben, es gäbe Verhältnisse, in denen man nnt einem Menschen ohne Liebe verkehren könne; aber solche Verhältnisse giebt es nicht. Mit Sachen kann man ohne Liebe verkehren; man kann Bäume fällen, Ziegel brennen und Eisen schmieden ohne Liebe; aber mit Menschen kann man ebensowenig ohne Liebe umgehen, wie man mit Bienen ohne Vorsicht umgehen kann. Die Eigenschaft der Bienen ist einmal so. Wenn nmn mit ihnen ohne Vorsicht umgeht, so schadet man sich. Dasselbe ist auch bei den Menschen der Fall. Und das kann nicht anders sein, weil gegenseitige Liebe unter den Menschen das Grund- gesetz des menschlichen Lebens ist. Es ist richtig, daß ein Mensch sich nicht zur Liebe zwingen kann; aber daraus folgt nicht, daß man nnt Menschen ohne Liebe umgehen kann, be- sonders wenn man etwas von ihnen verlangt. Empfindest du keine Liebe zu den Menschen, so sitz' still da, dachte Nechljudow, und wandte sich an sich selbst: beschäftige dich mit Dingen,.mit denen du willst, aber nur nicht mit Menschen! Wie man ohne Nachteil und mit Nutzen nur dann essen kann, wenn man essen mag, so kann man auch mit Menschen ohne Nachteil und. mit Nutzen nur dann verkehren, wenn man sie liebt. Erlaub dir nur einmal, mit Menschen ohne Liebe umzugehen, wie du gestern mit deinem Schivager um- gegangen bist,— so giebt es keine Grenzen für die Grau- sanikeit-und das tierische Verhalten gegen andre, wie ich das Heute gesehen habe, und keine Grenzen für das eigne Leid, wie ich aus meinem ganzen Leben erfahren habe. Ja, ja. das ist so, dachte Nechljudow-»Das ist gut, gut i" wiederholte er sich und empfand den doppelten Genuß einer Ab- kühlung nach der quälenden Hitze und des Bewußtseins, den höchsten Grad von Klarheit in einer Frage erreicht zu haben, die ihn schon lange beschäftigte. Einundvierzig st es Kapitel. Der Waggon, in dem sich Nechljudows Platz befand, war halb doller Volk. Da waren Bediente, Meister, Fabrik- arbeiter, Fleischer, Juden, Commis, Weiber, Arbeiterfrauen, es war ein Soldat da und zwei Damen, eine junge, die andre bejahrt, mit Armbändern am entblößten Arm, und ein streng aussehender Herr mit einer Kokarde an der schwarzen Mütze. Alle diese Leute hatten sich nach der An- strengung der Platzvcrteilung beruhigt und saßen friedlich da: der eine knabberte Sounenblumenkerne, der andre rauchte Cigaretten, der dritte führte eine lebhafte Unterhaltung mit seinem Nachbar. Taraß saß mit glücklichem Gesicht rechts vom Durchgang, bewahrte einen Platz für Nechljudow auf und unterhielt sich lebhaft mit einem ihm gegenübersitzenden, muskulösen Mann in aufgeknöpftem Tuchuuterkleid— wie Nechljudow dann er- fuhr, einem Gärtner, der auf seine Stelle fuhr. Nechljudow ging nicht bis zu Taraß hin, sondern blieb im Durchgang neben einem Greis von achtunggebietendem Aussehen mit weißem Bart im Naukingunterzieher stehen, der mit einer jungen Frau in bäuerischer Kleidung sprach. Neben der Frau saß ein siebenjähriges Mädchen, das mit den Füßen nicht auf den Fnßboden reichte; es hatte einen neuen Sarafan an, trug ein Zöpfchen von fast weißer Farbe und knabberte un- unterbrochen Sounenblumenkerne. Nach einem Blick auf Nechljudow nahm der Greis den Schoß seines Unterziehers von der glänzenden Bank, auf der er allein saß, und sagte freundlich: „Bitte, nehmen Sie Platz." Nechljudow dankte und setzte sich auf den angewiesenen Platz. Sobald Nechljudow sich hingesetzt hatte, fuhr die Frau mit ihrer unterbrochenen Erzählung fort. Sie erzählte, wie ihr Mann, von dem sie jetzt zurückkehrte, sie in der Stadt auf- genommen hätte. „Ich war um Fastnacht da, und jetzt hat Gott mich wieder hingeführt," sagte sie.„So Gott will, sehen wir uns um Weih- nachten wieder." „Das ist schön," sagte der Greis mit einem Blick auf Nechljudow,„man muß ab und zu einmal nachsehen, sonst verbummelt so ein junger Mensch, der in der Stadt lebt." „Nein, Großvater, der meinige ist nicht so einer. Er niacht keine Dummheiten wie ein hübsches Mädchen. Alles Geld bis auf den letzten Kopeken schickt er nach Hause. War über das Mädchen froh, so froh, daß ich's nicht sagen kann," meinte die Frau lächelnd. Das kleine Mädchen spuckte Sonneublumenkerue aus, hörte der Mutter zu und blickte, gleichsam zur Bestätigung der Worte ihrer Mutter, mit ruhigen, verständigen Augen in das Gesicht des Greises und Nechljudows. „Ist er verständig, so ist es um so besser," sagte der Alte.„Damit giebt er sich doch nicht ab?" fügte ex hinzu und deutete mit den Augen auf ein Pärchen: einen Mann und eine Frau, augenscheinlich Fabrikarbeiter, die auf der andern Seite des Durchgangs saßen. lFortsetznng folgt.) Nuntevlumgett zttv tnovcvnrn Kegte. Die Arbeit des Schauspielers wird in der Oeffentlichkeit incist nur dürftig gewürdigt. Wir kennen die Gründe dieser Erscheinung nnd haben sie an dieser Stelle auch ausgesprochen. Trotzdem aber ist der Schauspieler ein reicher Mann, wenn er mit dem Regisseur verglichen wird. Der Regisseur leitet die Proben, ist wochenlang, von den ersten Anfängen der Komödie bis zum Abend der Auf- führnng in angestrengtester Thätigkeit und führt trotzdem in der Presse ein mehr als bescheidenes Dasein. Es ist schon etwas, wenn seine Arbeit überhaupt erwähnt wird, sei es auch nur in der allgemeinsten Form Nur wenn sich irgend ein Möbel, das nicht stilgerecht ist, auf die Buhne verirrt hat, findet sich immer jemabd, der mahnend den Finger erhebt. Wir wollen damit niemand einen Vorwurf machen, um so weniger, als wir selbst oft genug in der Lage waren, uns mit allgenreinen Redewendungen zu begnügen. Die TageSkritik kaNn über ihre Existenzbedingungen nicht hinaus. Wer selbst vom Handwerk ist, Ivcitz das und verlernt das billige Schelten. Eine andre Frage ist es, ob man in den litterarischen Zeit- — ß( schrifkn der Regle nicht etwaS mehr Aufnierlsamkeit zuwenden' milfete. Man braucht freilich nur die Forderung zu erhebein um sofort auf eine ganze Reihe von Schwierigkeiten zu stoßen. Zunächst kann die Arbeit des Regisseurs nicht nach der fertigen Vorstellung gewürdigt werden. Nur wenn sie ganz ungewöhnlich schlecht ausgefallen ist, werden am Abend ihre Mängel offenbar. In allen andren Fällen kann man sich ivährend der Vor- stellnng gar nicht darüber klar werden, was aus dem Stücke hätte werden können, wenn es in andrer Weise inseeniert worden wäre. Man muß den Proben beiwohnen, um zu einem Urteil zu kommen und zwar besonders den ersten Proben. Daß man auch die Dichtung kennen mutz, versteht sich von selbst. Leicht wird es also nicht sein, zu greifbaren Resultaten zu kommen. Der Streit um die Regie beginnt gewöhnlich schon, wenn man ihre Aufgaben präcisieren will. Während die einen den Regisseur zu einem allmächtigen Wesen machen möchten, wollen die andren ihm nicht viel mehr gestatten. als datz er über die Aeutzerlichkeiten der Aufführung wacht. Vielleicht kommt man dem richtigen Ver- hältuis am nächsten, wenn man dem Regisseur das übertragt, was der Schauspieler schlechterdings nicht beachten kann. Der Schauspieler kann seine Rolle gestalten und darstellen. Er kann aber nicht die Situation überschauen, in der er selbst steht, und kann es um so weniger, je mehr sein Spiel ihn fortreitzt. Lassen wir also den Regisseur für die Situationen sorgen, während wir dem Darsteller jede Freiheit lasse», die sich mit der Totalität des Stücks verträgt. Es mag viele geben, die das für eine bescheidene Forderung halten und doch ist damit mehr gefordert, als heute in den meisten Fällen ge- leistet wird. Die Sorge um das Bühnenbild, soweit es durch die Gruppierung der Schauspieler ausgedrückt wird, erfordert , Geist, Empfindung, Verständnis. Sofern das Bühnenbild von Dekorationen und Aeutzerlichkeiten abhängig ist, kann es auch durch Klotze Routine geschaffen werden und kann es um so eher, als wenigstens die moderne» Dichter mit scenarischen Anmerkungen nicht sparsam find. Der Milienregissenr kommt über die Anfänge seiner Arbeit nicht hinaus, und ich fürchte sehr, datz wir heute mehr Milieuregisseure haben als andre. Gerade weil es so verhältnismätzig' billig ist, ein„stiuuinliigsvolles" Milien herzustellen, wird es von de» modernen Bühnen mit so großem Eifer gethan. Die Dinge liege» hier ähnlich wie in Bezug auf die.Natürlichkeit" des Schauspielers. Wir leiden an einem zuviel. Im modernen Stück, Ivo man der Wirklichkeit sehr nahe kommen kann, fällt es nicht so peinlich ans. Eine Destille, eine Berbrechcrkiicipe, ein Salon, ein kleinbürgerliches Wohnzimmer: das alles lätzt sich schlietzlich bis in die kleinsten Details hinein Herrichten und mag also auch bis in die kleinsten Details her- gerichtet werden. Einen Triumph der Kunst sehen wir freilich nicht darin, wenn beispielsweise eine Verbrechcrkueipe auf der Bühne so„echt" wirkt, daß man sich unwillkürlich nach einem Schutzmann umsieht. Es ist ein Mittel, die dichterische Wirkung zu steigern, aber ein kleines Mittel, ein stimmmiggebendes Moment, eine Nebensache, die sich niemals prahlrerisch' als Hauptsache gebärden darf. Das Drama hat nicht die Aufgabe und wird nie die Aufgabe haben, ein Milieu zu schildern. Man kann den hohen Stand der Technik beinahe bedauern, der unsre Bühnen in den Stand setzt, selbst die verwegensten Forderungen der Dichter zu erfüllen. Ich denke hierbei nicht an die unendliche schädliche Wirkung auf das Publikum, das schlietzlich kein Stück mehr sehen will, in dem es nicht in des Worts verwegenster Bedeutung auch wirklich etwas zu„sehen" giebs. Ich denke in erster Linie an die Rückwirkung auf das Drama, das auf Seitenwege gelockt wird, obwohl es den Weg der Höhe zu wandern gilt. Datz auch die Regie, die sich in solchen Dingen erschöpft, schließlich in Formalismus und„intimen" Aeutzerlichkeiten verkommen mutz, versteht sich am Rande. Ja, es braucht mit den Aeutzerlichkeiten nicht einmal sein Bewenden' zu haben— die Regie kann verrohen und '»st zum' Teil schon verroht. Wer mir's nicht glauben will, mag sich einmal im Schauspiel- haus das„Winterniärcheu" ansehen, das wie ein Ausstattungsstück des Central-Thenters gegeben wird. An Shakespeare haben die Milieuregisseure und Dekorationsmaler überhaupt am blutigsten gc- sündigt. Was im modernen Stück erträglich ist, wird hier zur lächerlichen Farce. Man braucht nur an Shakespeare zu denken, um sofort die Grenzen dieser äußerlichen Regie mit Händen zu greifen. In Shakespeares Dramen ist viel. Glanz und Pracht und so mag man auch unser Auge erfreuen, wo es angebracht ist. Wenn Macbeth Tafel hält, mag der Saal immerhin von Kraft und einer gewissen barbarischen Pracht zeugen. Man versuche aber nicht, uns die grandiosen landschaftlichen Stimmungen der ersten Scenen durch bemalten Plunder zu geben." Die triste Unendlichkeit der Heide . kann nur durch das Wort des Dichters, nicht aber durch die groben Liünste des Theatermalers auf die Bühne gebracht . werde. Man verschone uns endlich nnt den grotesken Theater- schlachten, Theaterbelagerungen usw., die uns so entsetzlich peinlich znni Bewutztsein bringen, � das; wir im Theater sind. Man revidiere die Meininger Regiebüchcr. die man so fleißig braucht. Ein Theater« dircktor, der in der klassischen Komödie den Mut zur Einfachheit besätze, könnte sich ein Verdienst erwerben, das ihm so bald nicht vergessen werden dürsie. Er könnte auch Geld sparen, was für Direktoren doch ein zureichender ästhetischer Grund zu sein pflegt. Wir lechzen nach Einfachheit, wie man sich nach dem Meer sehnt, wenn man sich an de» geschminkten Lügen der Großstadt übernommen hat. Li. u- Jene äußerliche Regie also müßte fallen, um einer Regie zn weichen, die sich mit den Situationen befaßt. Es ist ei» Irrtum, daß man Stimmung hervorruft, wenn man die Lampen herab- schraubt Es wird nur dunkel und kein Hauch' von Stimmung kommt auf die Bühne, wenn Worte, die im verschwiegenen Hintergrund gesprochen werden floJlte», nicht auch thaisächlich dort gesprochen werden. Man verl:angt von einem Stellungswechsel auf der Bühne zu wenig, wenn.man nur verlangt, datz er möglich sei. Er mutz darüberhinaus etwas.lagen; er ist ein Moment der Darstellung, das die dichterische Wirkung ve,>'« tiefen mutz und in diesem Sinne fordert man sehr viel, wenn man von der Regie künstlerisch empfundene und künstlerisch durchdachte Situationen fordert. Was uns not thut, sind Arbeiten, die eine bestimmte moderne Dichtung sozusagen in Regie umsetzen. Die wechselnden Stellungen müssen in psycho« logischen Sinn, in ihre psychologische Notwendigkeit aufgelöst werden. Es ist das keine leichte Arbeit und insofern auch keine dankbare, als das Publikum lieber sieht, daß ein Aestbetiker andächtig schwärmt. als datz er gut handelt. Es giebt aber keine» andern Weg, der in fruchtbares Land führt. Wir müssen uns also wohl entschließen, ihn zu wanden».— ErichSchlaikjer. Kleines Feuillekon» — Tie deutschen Vornamen. Die„Wiener Abendpost" schreibt: Alle eivilisierten Nationen benennen das einzelne Individuum zu seiner bürgerlichen Jdentifiziening heute mit einem oder mehreren Vornamen und einem oder mehreren Zunamen; nur auf Island hat fich dieser Brauch noch nicht eingelebt. Der Zuname verknüpft uns mit der Vergangenheit und auch äußerlich mit der Familie der Gegenwart, aber der Vorname ist eminent persönlich. Ein Büchlein von Dr. Robert Franz Arnold belehrt»ms über deutsche Vornamen. Es gab einen riesenhaften Vorrat von altdeutschen Personennamen im frühen Mittelalter, etwa 7000. Wenige sind davon bis auf»ms gelangt. Von den altdeutschen Franennamen ist derzeit kaum mehr als ein Dutzend in» Gebrauche: Adelheid, Amalie, Bertha, Clotilde. Emma, Gertrud, Gisela, Hedwig, Hildesgarde), Ida, Mathilde, Ottilie. Der„eiserne Bestand" der Männernamen ist: Friedrich, Heinrich, Hermann, Karl u. a. Erst die Rcuaissanee brachte die Namen Julius und August. Im protestantischen Deutschland wären bis ins IS. Jahrhundert alt« testamentarische Namen beliebt: Nathan, Adam, Jakob, Ephraim, Abraham, David, Salonron; dem katholischen Deutschlmid gehören aii: Jguaz.Taver, Urban, Sylvester, Benedikt, Dominik, Alois, Gregor. Heute sind etwa 300 Namen den gebildeten Ständen der Deutschen geläufig. Rudolph und Albrecht stammen aus der schlveizerischen Hciniat des Habsburgischen Geschlechts, Maximilian und Ferdinand kamen in» Ib., Joseph im 17., Therese im 18.. Elisabeth, Gisela, Valerie, Stephanie im 19. Jahrhundert hinzu. Arthur geht auf Wellington, Alexander auf den mssischen Mitkämpfer in den Befreiungskriegen zurück. Vorher standen diese Vornamen kaum in Uebnug. Die litterarische Hilfe spendete Oskar und Malviue in den Tagen der Osfian« Schwärmer; Selma ist klopstockisch; Scott brachte Flora und Richard in Schwang; Schiller dankt mm» neben ander» Thekla und Roderich. Goethe Gretchcn. Erwin(Erwin nnd Elmire) und Ottilie; Richard Wagner; Elsa I Aufschlutzreich sind die Ergebnisse der in den westlichen Bezirken Wiens an mehreren Volks« schulen vorgenommenen Namenszählungen. Unter 850 Knaben: 70 Karl, 46 Franz, Joseph, 44 Johann, 26 Rudolph, 24 Leopold, 19 Otto, 16 Friedrich, 13 Ferdinand, 12 Alfred, Anton, Lridwig, Gustav, Heinrich, Robert Wilhelm, 11 Oskar. Unter SS0 Mädchen: 91 Marie, 52 Anna, 23 Leopoldine, 21 Hermine, 19 Katharina, Rosa, 18 Helene, 17 Therese. 16 Josephine, 15 Johanna, 14 Margarethe. 13 Karoliue, 12 Emma, Franziska, 11 Paula, 10 Stephanie.— — P'u-hie»-p'« sa, der heilige Elefant des chinesischen Buddhistenklosters Omei, 70 Kilometer südwestlich von Tschengtnfu in Szetschuau, ist eine der ältesten Bronzestatucn Chinas.' Der Elefant ist 33 Fuß hoch nnd entsprechend lang. Die Bronze ist fast so wcitz wie Silber, wofür sie vom Volk auch gehalten wird, und fast 8 Ceutimeter dick. Das Werk ist in drei Teilen gegossen worden, Kopf und Vorderbeine, der Bauch, der Rücken und die Hinterbeine gesondert. eder Fuß des gewaltigen Rüssellrägers steht auf einen, bronzenen otosblatte. Anstatt seiner Haudah— des Palankins— trägt der Elefant eine riesige Lotosblume auf dem Rücken, und ans dieser thront die Gottheit Samautabadhra, aus Bronze gegossen und schwer ver» goldet. Samautabadhra ist ein Gott zweiten Ranges. In Omei geuietzt er freilich ersten Rang, dem» er ist der Schirmherr des Gcbirgs und des Klosters. Chinesisch heißt er P'n- hien- p'n« sa. Wann diese kolossale Bronze gegossen wurde, weiß man nicht; man vermutet, um das Jahr 200 n. Chr. Gegossene Kupfermünzen kannten die Chinesen schon 800 v. Chr., aber Götterbilder usw., aus Bronze wurden erst geschaffen, nachdem der Buddhismns von Indien her seineu Einzug in die Nordrciche gehalten hatte. Die Ausführung des Elefanten ist naturalistisch, etwas archaistisch.— Theater oo. Das Bel/ealliance-Theater beherbergt zur Ver» änteruug jetzt eine französische Schauspiel-Gesell« s ch a f t. die sich, an Zahl gerade nicht stark, aus der Mademoiselle (Tannen Darlot'aem Gmnnase-Theatcr in Paris und zwei Herren znsamineinctzt, der-ui Namen nichts zur Sache thun. Die Künstlerin stellt sick> dem Pitblilnm vor als Fregolina, womit sie andeuten will, daß sie eO dem italienischen Verlvanblniigskuustler Fregoli nachthnn kann. Sie macht den Versuch hierzu' in einem Stück, worin iste einen Interviewer von der Presse in zehn ver- schiedenem Rollen unterhält und dem erstaunten Mann am Schluß erklärt, daß alle diese zehn Personen männlichen und Weib- l'ckyen Geschlechts ihr ureignes Werk seien. Der Journalist, der bei aller Gerissenheit von so etwas natürlich keine Ahnung hatte, ist baff und über sein Erstaunen fällt der Borhang. Rille. Darlot besitzt ein recht niedliches Kopiertalent, giebt in ihren Rollen als Unschuld vom Laude, als Soldat, als englische Miß usw. ein paar entsprechende Couplets zum besten und zeigt am Schluß den guten Willen, die Tänzerin Otero zu kopieren. Solche Leistungen kann man aber von deutschen Künstlerinnen mittleren Rangs ähnlich gut sehen. Zu einem Vergleich mit der erstaunlichen Geschicklichkeit des Herrn Fregoli hätte die Dame das Publikum lieber nicht herausfordern sollen. Aus der Vorzeit. vir. D i e E n t d e ck il ii g eines prähistorischen Kirchs- Hofs. In Bleasdale in Nord-Laueashire ist, wie das„Atheuaeimi" berichtet, kürzlich eine wichtige Entdeckung gemacht worden. In der Fairsuape-Farm in Bleasdale bemerkte man schon vor längerer Zeit im Gras der Weideplätze einen merkwürdigen Kreis. Es wurden Ausgrabungen veranstaltet, die zu dem Ergebnis führten, daß in einer Tiefe von ungefähr 4 Fuß Holzklötze gefunden wurden, die sich, abgesehen von einem kleinen Zwischenranm an der Ostseite, rings um de» Kreis zogen. Weitere Ansgrabmigen im vorigen Jahr brachten gerade im Eentpum des Kreises zwei kleine Toten- Urnen ans Licht, die sich fast 2 Fuß unter der Oberfläche befauden. Sie waren beide 8 Zoll hoch und mit verbrannten Knoche» und Holzkohle gefüllt. In diesem Jahr mm wurde der ganze Kreis, der 7ö Fuß im Durchmesser hat, untersucht, da sich bereits Gerüchte über die Wichtigkeit dieser Ausgrabungen verbreitet hatte». Man fand mm einen kleineren Kreis mit 11 Baimiklötzen, der das Centrinn umgab, in dem die Urne» entdeckt worden waren. Die Ver- »uitimg, daß noch ein größerer Kreis existierte, bestätigte sich im Lauf der Ausgrabungen. Ein Ilmkreis von 150 Fuß Durch- Messer wurde gefunden, der den ursprünglich ansgegrabeneu einschloß. Stümpfe von großen Eichen standen ringsum, in einem Abstand von 12 Fuß, und die Zwischenräume wurden durch viel kleinere Stümpfe ausgefüllt. Das Holz ist gut erhalte», und der Bode» besteht ans steifem Thon. Dieser interessante Fund wurde in diesen Tagen von der antiquarischen Gesellschaft von Laneashire und Cheshire unter der Führung des bekannten englischen Archäologen Professor Bopd Dawkins in Augenschein genommen. Proselsor Dawkins erklärte, daß er schon oft die Ausgrabungen von Pfahl- baute» und mit Einpfählungen umschlossenen Wohnungen mit angesehen hätte, aber er hätte noch nie die Verwendung von so großen Balken, oder einen andern prähistorischen Begräbnisplatz kennen gelernt, der sich mit diesem vergleichen ließe. Die Urnen gehören zweifellos in die Bronze-Zeit, als die Toten fast ohne Ausnahme verbrannt wurden. Dieser Begräbnisplatz scheint nach dem Muster der Einpfählmigen. die zum Schutz der Lebenden benutzt wurden, gebaut worden zu sein. Sicher hat man es hier mit einer Entdeckung zu thu». die für die Kenntnis der Urgeschichte vo» großer Bedcutting ist. Wahrscheinlich ist die Asche, die in den Urnen aufbewahrt wird, die einiger großer Häuptlinge jener frühen Zeit, da sie so sorgfältig aufbewahrt worden ist.— Physikalisches. en. Die Erforschung magnetischer Stürme be- fürlvortet die bekannte deutsche Autorität auf dem Gebiete des Erdmagnetismus Dr. A..Schmidt in der Zeitschrift„Terrestrial MagnetiSm". Aehnlich den Lnftwirbeln in misrer Atmosphäre, die als Cyklonen oder Tornados über die Erdoberfläche hmsegen, giebt es auch magnetische Stürme, deren Kenntnis nicht weniger wichtig ist. Sie äußern sich in starken Störungen der Magnetnadel, die sich zwar über die ganze Erde verbreiten, aber auf einer begrenzten Fläche doch besonders stark be- merkbar werben. Veranlaßt werden sie wahrscheinlich durch elektrische Strömungen in den höheren Schichten des Lustmeers oder in der Erdkruste selbst. Man weiß von ihnen bisher weder ob sie wie die Cyklone als Wirbel in fortgesetzter Bahn über die Erde hsiischreitett, noch ob sie Wirkungen der magnetischen Induktion sind, die sich von der Erde ans die Atmosphäre oder umgekehrt über- trägt. Entichieden können diese Fragen, die für die Wissenschaft wichtiger sind, als der Laie glauben mag, nur durch gleichzeitige Beobachtungen an vielen Plätzen der Erde werden. Der einzige Erdteil, wo eine solche Beobachtung gegenwärtig eingerichtet werden könnte, ist Europa, und auch hier ist vorläufig die Zahl der niaguetischen Observatorien zu gering, namentlich in den nördlichen Gebiete», auf die es besonders ankommt. Dr. Schmidt stellt daher einen Zukunftöplan auf, durch dessen Ausfühnmg Karten der magnetischen Stürme erhalten und eine Aufklärung über die magnetischen Verhältnisse und über das Wesen der magnetischen Stürme herbeigeführt werden löuuten. Dazu wäre es nötig, daß die magnetischen Apparate an den verschiedenen Beobachtnngswarten wenig- stens annähernd von derselben Empfindlichkeit sind, die nicht be- sonders hoch zu sein braucht, da es sich meist um den Vergleich be- deutender Schwankungen der erdinagnetischen Kraft handelt. Selbstverständlich müßten die Beobachtimgen der einzelnen Stationen von einer Stelle aus zu einem Gesamtergebnis verarbeitet werden.— Aus dem Gebiete der Chemie. — Experimente mit dem E l e m e n t F l u o r. Einen neuen chemischen Körper hat, wie die„Ratioiial-Zeitung" mitteilt, der Pariser Chemiker M o i s sau im Verein mit seinem Assistenten L e b e a u kürzlich entdeckt. Moissan hatte sich in den letzten Monaten hauptsächlich mit dem Element Fluor abgegeben und dabei zunächst die ivichtige Beobachtung gemacht, daß dieses Gas seine bekannte Wirkung, Glas zu ätzc'n,' nur dann ausübt, wenn es nicht ganz rein ist. Daraufhin vermochte Moissan mit vollkommen reinem Fluor auch in gläsernen Apparaten zu experimentieren, was bisher nicht möglich war und den Ver- suchen einen ganz neuen Spielraum gewährte. Er brachte unn eine mit reinem Fluor gefüllte und mir an einem Ende offne Glasröhre mit diesem offcneii Ende in eine Schale mit Quecksilber, so daß der Inhalt der Röhre von der Lust abgesperrt war. Dann führte er ein Stück Schwefel von unten her durch das Quecksilber hindurch mittels emesPlattendrahtes in die Röhre ein. Bei der Berührung mit dem FlnorgaS fing der Schwefel sofort Feuer und verbrannte mit einer fahlen Flamme. Es entstand in der Röhre ein Gas, das zuvor sicherlich noch niemals ein Chemiker unter der Hand gehabt hatte. Es besteht aber eigentlich nicht mir ans einem, sondern ans zwei neuen chemischen Körpern, Verbindungen von Fluor mit Schwefel, die für die Wissen- schaft gänzlich neu sind. Moissan hat bisher den eine» Körper genau nntersucht und bezeichnet den Stoff als Schwefel- perflnorid, seine chemische Formel ist L? o. Der Körper stellt ein färb-, gernch- und geschmackloses GaS dar, da? nnverbreimbar ist und bei einer Temperatur von— 55 Grad C. zu einer weißen krhstaMnen Masse erstarrt. Trotz seines großen Reichtums an Fluor, einem sehr unbeständigen Körper, ist das neue Gas merkwürdiger- weise von ähnlicher Trägheit wie der Stickstoff, indem es mir sehr schlver dazu zu bewegen ist. sich mit andern Stoffen zu verbinden. Nur bei der Temperatur des elektrischen FnnkenS konnte es teilweise zersetzt werden, wobei sich auch sofort eine Aetznng der Glasröhre zeigte. Die wiffenschaftliche Beschreibung dieser Experimente ist in den Sitzungsberichten der Pariser Akademie der Wifleiischaften nieder- gelegt worden.— Humoristisches. -»Der zaghafte Verehrer. Sie: Arthur, wenn Sie mir jetzt keinen Kuß geben, schrei' ich!— — Aussaat. Fräulein(zum kahlköpfige» Künstler): Ich bringe Ihnen hier eine Flasche Haarivnch-selixir, Verehrtester Meister —— nicht wahr, wenn es hilft, kriege ich auch später eine Locke von Ihnen I— — Höfliche Rücksicht. Serenissimus: Erfahre da soeben, daß mein alter, lieber Stallmeister gestorben ist. Ist doch traurig. Kindermann: Ja Hoheit, alle Menschen müssen sterben. S e r e n i s s i m n s(wirft ihm einen strafenden Blick zu). Kind ermann(sich verbessernd): Fast alle.— (�Lnst. Bl.') Notizen. — Gerhart Hanptmann's Possenspiel„Schluck n n d I a u" fand bei der Erslanffiihriing im Münchener Hoftheater eine Ab- lehnnng.— — D i e A n f f n h r n n g des Björnsonschen Schauspiels„ ll e b e r u n s r e Kraft" im Josephstädter Theater in Wien ist von der Ceusnr verboten worden.— — Ein„Theater derGegenwart" will Otto P l ö ck e r- Eckard t im Herbst in Berlin eröffnen.— — Im Opern hause werden in der nächsten Saison folgende Werke zur Erstanstiihrnng gelangen:„Simson und Delila" von St. Saöns,„Matteo Falcone" von Gerlach und„Die Sybille" von Gorniann.— Im Schau spielhause ist die Erstaufführung folgender Stücke geplant:„ltovs joix" von Herzl. Thilo v. Throthas und Gustav v. Mosers Lustspiel„Der wilde Reutlingen", feiner Calderous Lustspiel„Zwei Eisen im Feuer". Otto Ernst, der Ver- faffer der„Fugend von heute", arbeitet gegenwärtig an einem neuen Stück, das ebenfalls erworben ist und im Schauspielhause seine Erst- aufführimg erleben soll.— — Di e Gründung eines ständigen, deutschen Theaters in Petersburg wird in der nächsten Zukunft er- folgen.— — Bei der Aufführung des Stücks„Familie W a tv r o ch" im deutschen Sonnnertheater in Prag kam es zu turbulenten Seenen; das Stück spielt in Arbeiterkreisen.— —„Come le foglie", Giacosas iiciics Schauspiel ist für das Lesiing-Theater zur Aufführung erworben worden.—_ Verantuiortliaier Reosaeur; Heinrich Webker in Groh-Lichterselde. Drucl unv S'cnag oon tvtax Baoing m Berlin.