Zlnlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 1 28. Donnerstag, den 5. Juli 1900 (Nachdruck verboten.) csj Auserpkelzung. N Milan von Loo Tolstoj. In diesem Augenblick erschienen hinter einem Winkel des Stationsgebäudes von irgendwoher auf dem Perron ein Haufen Arbeiter in Bastschuhen und mit Halbpelzen und Säcken auf dem Rücken. Die Arbeiter traten init cnt- schiedenen weichen Schritten zum ersten Waggon und wollten in ihn hineingehen, wurden aber durch einen Schaffner sofort von ihm hnnveggctrieben. Ohne sich aufzuhalten, gingen die Arbeiter hastig, einander auf die Füße tretend, weiter zum nächsten Waggon und begannen schon in ihn einzusteigen, wobei sie mit ihren Säcken au die Ecken und die Waggon- thiir anstießen— als ein andrer Schaffner von der Stations- thür aus. ihr Porhaben beinerkte und strenge auf sie einschrie. Die eingestiegenen Arbeiter traten sofort schnell wieder heraus rind gingen wieder mit denselben weichen entschiedenen Schritten noch weiter zum folgenden Waggon, demselben, in welchem Nechlstidolv saß. Ein Schaffner hielt sie wiederum auf. Sie wollten schon stehenbleiben, in der Absicht, noch weiter zu gchn, aber Nechljudow sagte ihnen, im Wagen sei Plah. sie möchten hineinkommen. Sie hörten auf ihn, und Nechljudoiv ging hinter ihnen hinein. Die Arbeiter ivollten schon Platz nehmen, aber der Herr mit der Kokarde und die beiden Damen, die das Vorhaben jener, in diesem Waggon Platz zu nehmen, als eine persönliche Kränkung ausfaßten, widersetzte» sich dem entschieden und begannen sie hinauszutrciben. Die Arbeiter — es waren ungefähr zwanzig Leute, sowohl Greise ivie ganz jnirge, alle mit gequälten, verbrannten, trockenen Ge- sichtern— gingen alsbald, indem sie mit ihren Säcken an die Bänke,' Wände und Thüren stießen, augenscheinlich im bestimmten Gefühl ihrer Schuld weiter durch den Waggon, offenbar bereit, bis anS Ende der Welt zu marschieren und sich hinzusetzen.>vo es immer ihnen befohlen würde, sei es auch auf Nägel. „Wo ivollt ihr hin. Teufel I Nehmt hier Platz!" schrie ein andrer hercintretender Schaffner ihnen entgegen. ..Voilil encore des nouvelles," sagte die jüngere der beiden Damen in der festen Ucberzengung. mit ihrem guten französisch die Aufmerksamkeit Nechljudolvs ans sich zn lenken. Die Dame mit den Armbändern aber schnüffelte nur fort tvähreud, verzog ihr Gesicht und redete ctivaS von der An uchmlichkeit. mit stinkendem Bauernvolk zusammcnzusitzen. Die Arbeiter aber empfanden die Freude und Be ruhigung von Leuten, die einer großen Gefahr entronnen sind! sie standen still und begauueu Platz zu nehmen, indem sie mit einem Rucke der Schulter die schweren Säcke vom Rücken warfen und sie unter die Bänke stießen. Der Gärtner, welcher mit Taraß gesprochen hatte, saß nicht auf seinem Platze, sondern>var schon vor ihm fortgegangen, so daß neben Taraß und ihm gegenüber drei Plätze waren. Drei Arbeiter setzten sich auf diese Plätze, aber als Nechljudow zu ihnen trat, machte der Anblick seiner Herren- kleidung sie so Verlvirrt, daß sie aufstanden, um fortzugehen: doch Nechljudow bat sie, da zn bleiben und setzte sich selbst auf die Banklehue nach dem Durchgang zu. B i e r u u d v i e r z i g st e s Kapitel. Einer von den beiden Arbeitern, ein Meiffch von fünfzig Jahren, sah sich verständnislos und sogar erschreckt nach dem jungen um; daß Nechljudow, anstatt— wie es einem Herrn eigen— sie zu schimpfen und fortzutreiben, ihnen seinen Platz abtrat, verwunderte sie sehr und machte sie stutzig. Sie fürchteten sogar, es.möchte daraus für sie Unheil entstehen. AbZ sie aber sahen, daß hier keine böse Absicht vorlag und daß Nechljudow sich einfach mit Taraß unterhielt, beruhigten sie sich, befahlen dem Kleinen, sich auf den Sack zu setzen, und verlangten, daß Nechljudolv sich auf seinen Platz setzte. Zuerst schrumpfte der bejahrte Arbeiter, der Nechljudow gegen übersaß. ganz zusammen und zog seine Füße in Bastschuhen sorgsam ein, um die Herren nicht zu stoßen: dann aber unterhielt er sich so freundschaftlich mit Nechljudow und Taraß. daß er Nechljudoiv bei den Stellen seiner Erzählung. auf tvclche er seine Aufmerksamkeit besonders lenken tvollte, mit der nach oben gekehrten Handfläche sogar aufs Knie schlug. Er erzählte ihm von all seinen Angelegenheiten und von seinen Arbeiten im Torfmoor, von der sie jetzt nach zwei- einhalbmonatlicher Arbeit, ivofür jeder etwa zehn Rubel mit nach Hause brachte, in die Hemmt reiste, da ein Theil des Verdienstes beim Mictsvertrage im voraus bezahlt war. Ihre Arbeit ging, ivic er erzählte, so vor sich, daß sie bis an die Knie im Wasser standen, und dauerte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit zweistimdiger Erholungspause zum Mittagessen. „Wcr's nicht gewohnt ist. dem wird's natürlich schwer," sagte er.„Wenn einer aber Ausdauer hat, geht's ganz gut. Wenn nur rechtes Futter da wäre. Anfangs ivar daS Futter schlecht. Na, aber dann beklagten sich die Leute, und es ivurdc gut, und die Arbeit wurde einem leicht." Hierauf erzählte er, wie er seit achtundzwanzig Jahren auf Verdienst ausginge und seinen ganzen Verdienst nach Hanse abgäbe— zuerst an den Vater, dann an den ältesten Bruder, jetzt an den Neffen, der mit der Wirtschaft betraut war: er selbst aber verbrauchte von den verdienten fünfzig, sechzig Rubeln im Jahr zwei, drei Rubel für Kleinigkeiten: für Tabak und Streichhölzer. „Ist Sünde, daß man ab und zu mal ein SchuäpSchen trinkt," fügte er hinzu und lächelte schuldig. Er erzählte noch, ivie die Frauen für sie das Haus be- stellten, und wie der Unternehmer sie heute vor der Abreise init einem halben Eimer Branntivein traktiert hätte: wie einer von ihnen gestorben ivärc, ein andrer aber krank mit- genommen würde. Der Kranke, von dem er sprach, saß im selben Waggon in einer Ecke. Es ivar ein junger, graublasser Bursche mit blauen Lippen. Ihn quälte offenbar Fieber, Nechljudow trat zu ihm, aber der Bursche sah ihn mit so strengem, leidendein Blick an, daß Nechljudow ihn nicht erst mit Fragen zu beunruhigen begann, sondern dem Alten riet. Chinarinde zu kaufen, und ihm den Namen der Arznei auf einen Zettel schrieb. Er wollte ihm Geld geben, aber der Vorarbeiter sagte, das sei nicht nötig. Er würde seines nehmen. „Na, ich bin viel gereist: aber solchen Herren habe ich noch nicht gesehen. Nicht, daß er Dir an den Kragen fährt, — nein, er tritt Dir sogar seinen Platz ab. Es giebt doch aller Art Herren." schloß er, an Taraß gewandt. „Ja, eine ganz andre, neue Welt," dachte Nechljudoiv lind sah auf diese trockenen, muskulösen Glieder, auf die grobe HauSmacherkleidung und die verbrannten, freund- lichen, abgehärmten Gesichter und fühlte sich auf allen Seiten von ganz neuen Leuten mit den ernsten Interessen, Freuden und Leiden eines richtigen, arbeitsamen Menschenlebens um- geben. „Das.ist. sie. le vrai grand rnonde," dachte Nechljudoiv und erinnerte sich an die Phrase, welche Fürst Kortschagin gesagt, und an diese ganz müßige, üppige Welt der 5lortschagins mit ihren nichtigen, jämmerlichen Interessen. Und er empfand das freudige Gefühl eines Reisenden, der eine»icue, unbekannte, schöne Welt entdeckt hat. Dritter Teil. C r st e s Kapitel. Die Abteilung, in der die Maslowa reiste, legte ungefähr fünftausend Werst zurück. Bis Perm fuhr die Maslowa auf der Eisenbahn und auf dem Dampfschiff mit gewöhnlichen Verbrechern: erst in dieser Stadt gelang es Nechljudow, ihre Ueberführung zu de» Politischen zu erwirken, wie ihm die Bogoduchowskaja geraten, die in dieser Abteilung reiste. Die Fahrt bis Perm war physisch ivie moralisch sehr schwer für die Maslowa: physisch infolge des beschränkten Raums, der Unsauberkcit und des abscheulichen llngeziefers, daß ihr keine Ruhe ließ: moralisch infolge der ebenso abscheulichen Mannsleute, die gerade ivie das Ungeziefer, obgleich sie auf jeder Station wechselten, überall gleichmäßig zudringlich, klebrig waren und ihr keine Ruhe ließen. Unter den männlichen und weiblichen Gefangenen, den Aufschern und Eskortesoldaten herrschte ein so estnisches Gebaren, daß jedes weibliche Wesen, namentlich die jungen, beständig auf der Hut sein mußte. Dieser immerwährende.Kampf-«nd Angstzustand ivar sehr schiver zu ertragen. Die Maslowa war aber sowohl wegen ihres anziehenden Aeußem, wie wegen ihrer allbekannten Vergangenheit diesen Angriffen ganz besonders ausgesetzt. Ter entschiedene Widerstand, den sie jetzt allen ihr zusetzenden Männern leistete, erschien diesen als eine Beleidigung und rief in ihnen obendrein Erbitterung gegen sie hervor. Eine Erleichterung war für sie in dieser Lage die Nähe Fedosias und Taraß', der sich, nachdern er von den Angriffen gehört, denen sein Weib ausgesetzt war, verhaften lassen wollte, um sie zu beschützen und von Nishni ab wirklich als Sträfling nnt den Gefangenen fuhr. Mit der Uebcrführung in die Abteilung politischer Vcr- Brecher verbesserte sich die Lage der Maslowo in jeder Be- ziehung. Ganz abgesehen davon, daß die Politischen besser untergebracht, besser genährt und weniger roh behandelt wurden, erfuhr die Lage der Maslowa mit der Ueberführung zu den Politischen insofern eine Besserung, als die Ver- folgnngen der Mannsleute aufhörten und sie jetzt leben konnte, ohne jede Minute an ihre Vergangenheit erinnert zu werden, die sie so gern vergessen wollte. Der Hauptvorteil ihrer Ueberführung bestand aber darin, daß sie einige Leute kennen lernte, die entschieden Einfluß auf sie hatten. lFortsctzrmg folgt,) (Nachdruck verboteu,) :!3u»eike DlusfkeMtttg drv Vevlinev SeceNton. u. Das P o r t r ä t ist in einer Anzabl ausgezeichneter Leistungen vertreten. Namentlich sind die englischen Bildnismalcr diesmal stärker herangezogen; in ihren Arbeiten zeigt sich eine deutlich er- leunbare Uebercinstimmung, die zu den deutschen in einem gclvistcii Gegensatz steht. Es ist die starke Betonung der Bildwirkuiig, die den englischen Porträts gemeinsam ist. Die Bilder von Lavcry, Roche, Camcron und an' ihrer Spitze Whistlcr sind.arrangiert"; sie sind in einer gleichmäßigen Tonreihe gehalten, die in den leisen Nuancen mit fein entwickeltem Geschmack durchgeführt ist. Ein merk- würdig schimmerndes Branngrün ist der dominierende Grnndton in ihnen alle». W h i st l e r selbst, der die Kultur der Farbe im modernen Sinn am weitesten getrieben hat, ist in dieser Nusstcllung nicht ganz vollwertig vertreten. Sein Bild einer englischen Dame, die in etwas geziert graziöser Halwng in voller Große dasteht, zeigt das.Arrangement' der Farben in Branngrün, aber das Rot der Wangen und Lippen des im Ausdruck etwas leeren Gesichts wirkt störend, es ist, als hätte die Dame zu stark.aufgewagen".' Das gegenüberhängende Damenporträt von John L a v e r y ist glänzend durchgeführt in der Figur selbst, namentlich in dem Gewände; nur der Grund wirkt ein wenig stumpf und will mit der Gestalt nicht recht zusammengehen. Sehr fein i» seinem schillernden, tiefgrünen Ton ist das Damenbildnis des Schotten Alexander Roche, etlvas süßlich in der ganzen Auffaffung das Bild einer„Braut" von C a m e r o n. George S a n t e r hebt sich von den übrigen Engländern durch die stärkere Variierung der Farbe ab. DaS Doppelporträt eines jungen Mädchens und jungen Mannes ist in seiner helleren und reicheren Farbenskala sehr glücklich ansgesührt, und trotz der flächenhaftcn Behandlung ist eine große Wahrheit des Ausdrucks erreicht. Im Gegensatz zu diesen englischen Bildnisicn ist in den deutschen mehr die psychologische Seite betont. Die deutschen Porträtisten dringen mehr auf die Tiefe und Charakteristik im Ausdruck; ihnen ist die Erscheinung des Menschen die Hauptsache, die Sorge, wie diese in, Bilde zu verwerten ist, steht dahinter zurück. Es ist eine ganze Reihe tüchtiger Leistungen in dieser Richtung in der Ausstellung, die hier im einzelnen zu erwähnen zu weit führe» würde. Besondere Beachtung findet ein erst in den letzten Tagen ausgestelltes Damenbildnis von Louis C o r i n t h, das brillant gemalt ist. Es ist sehr reich i» der Farbe; die Dame steht in einem prächtigen Kleide, hellblau nnt schlvnrzen Sammetstreifen, gegen einen Kamin und eine mattrote Wand, und diese Fülle von Tönen ist zu einer kräftigen Harmonie zusammen- gefaßt. Frappant lebendig ist die Haltung und der Ausdruck des Gesichts, wenn auch in de» Schattcnpartien einige Flecke nur in sehr großer Entfernung nicht mehr als solche sichtbar werden. S l e V o g t hat außer der erwähnten Freilichfftndie ein gutes Bildnis eines Malers ausgestellt. Reinhold Lepsin? steht mit seinen hervorragenden Damenbildnissen in der Mitte zwischen den beiden Arten der Porträtbchandlung; bei ihm vereinen sich psychologische Tiefe und geschmackvolle Anordnung in seltenem Maße. Gleichsam ein zarter Schleier liegt über seinen Bildern gebreitet, der alle grellen Kontraste zu feinen, in ein vor- nchmes Grau gestimmten Harnionicn abdänipft und bei aller Fülle der Nuancen eine starke Einheitlichkeit des Gesamttons herbeiführt; alles Beiwerk des Bildes, der Hintergrund, die Kissen, in denen die Dame fitzt, ihre Haltung ist mit außerordentlichem Raffinement ge- ordnet. Und zwar ist dies nicht nur nach dekorativen Gesichts- punkten behandelt, sondern hebt und vertieft den Eindruck, den man �von dem Gesicht per Dargestellten empfängt. Seine psychologische Analyse ist von einer eindringenden Tiefe, seine Porträts sind wirkliche Scelenschilderungen.' Dabei ist freilich zu erwähnen, daß das Damenbildnis in diesem Jahre nicht ganz so gelungen er- scheint als etlva das des Vorjahrs. Die Secession enthält naturgemäß zahlreiche Bilder, die jedem Versuch, sie in einen engeren Zusammenhang zu bringen, spotten. Ihre Schöpfer suchen nach»enen Wegen, die für die Malerei gangbar zu niachen wären, n»d so liegt ihr Auszeichnendes gerade in dem, Ivas sie andres haben als alle übrigen. Ludwig von H o f m a n n gehörte zu denen, die am frühesten vom allgemeinen Wege abwichen. In seinen Bildern lebt eine starke Farbcnphantasie, er sieht in seinen Farbenträumen die Dinge leuchtender, in stärkeren Tönen als die Natur sie bietet; die Lande, die er schildert, bevölkert ei» glückliches Geschlecht, das keine andren Aufgaben als schön zu sein, zuspielen, sich des Lebens zu freuen, zu kennen scheint. Seine Bilder sind dekorativ sehr wirksam, aber wenn die acht Bilder, die er in der Secession vereinigt hat, wirklich zum Teil zuletzt von ihm gemalt sein sollteil— einige waren in früheren Ausstellungen schon zu sehen—, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß feine Arbeiten ziemlich schnell flüchtiger und leer werden. Martin Brandenburg ist auch nicht zufrieden damit, der tüchtige naturalistische Schilderer zu sein, als der er sich in einigen Bildern bewährt hat. Jetzt scheint ihn das Probleui schwebender Körper an- dauernd zu beschäftigen. Einmal läßt er in einer Symbolisiernng der„Freude" nackte Mädchen wild über eine» Abhang zum Strande niehr hinnnterschivebeil als springen, das andre Mal verlveudrt er dieselben Mädchen bei einer Darstellung des„Wirbelnden Sandes". Es scheint ihn» jedoch nicht gelungen, die Empfindling hervorzurufen, daß die Schivere nberivunden wäre; namentlich in dem letzteren Bilde, in dem der aufwirbelnde Sand in emporschwebenden und im Wirbel sich frei in der Luft überschlagenden nackten Mädchen symbolisiert wird, besteht zlvischen dem leichten Sand und den ganz naturalistisch gemalten schwere» Körpern ein starker Gegensatz; die nackte saudbedcckte Ebene ist dagegen äußerst wirkungsvoll in der Stimmung herausgekommen. Der Genfer Ferdinand Hobler hat zwei Kartons aus dein Eykliis„Der Rückzug der Schiveizer bei Marignano" ausgestellt, einen„Sterbenden Krieger", der über den Leichen der in schweren Eisenrüstinigen steckenden Ritter zusammensinkt, und cineir„Käiupfendcn Krieger", der auf Erschlagenen knicend zu einem wuchtigen Schlage ausholt. Tie Bilder sind m ganz lichten und harten Tönen mehr koloriert als gemalt; fdie scharf gezeichneten Konturen sind in ihnen alles, aber als solche sind sie markig und von einer herben Größe. Wie ans dem einen der alte bärtige Krieger, der schon sitzt und den Oberkörper nur noch mit dein Ann stützt, zusammenzubrechen droht, wie der andre das Schwert schwingt, nnd wie diese Figuren in die oben runden Flächen hinein- gesetzt sind, das zeugt von einer monumentalen Gestaltnngskrast. lind auch in den Alpensccnericu deS unlängst verstorbenen Italieners Giovanni S e g a» t i n i ist etwas von der Größe der Alpcnwelt. die noch so wenig von wirklichen Malern erschloffen ist. Seine Technik beruht auf denselben Voraussetzungen, Ivie die der pointillistischen Schule, nur ist sie komplizierter und mühsamer. In den beiden Bildern, die die Ausstellung von ihm hat. bilden, wie immer. mächtige Ketten schneebedeckter Berge den Hintergrund, während ans der Hochebene im Vorder- grund eine Sccne aus dein einfachen Leben der Aelpler dargestellt ist. Kalt und klar ist die Luft, und das Sonnen- licht hat einen scharfen Glanz. Der bekannte Zeichner des„SiinplicissnnnS" Th. Th. Heine zeigt sich in der Secession auch als Maler. Rur in einem Bilde freilich geht er ganz ernsthaft auf reine Bildwirkuiig ans, in der „Blume des Bösen". Er kontrastiert den braunen Körper eines riesigen Negers mit dem zarten weißen eines jungen Mädchens, das nach' der Blume greift. Das Bild ist in Temporasarben flächig und dekorativ behmrdelt, ohne daß es jedoch einen besonderen Eindruck machte. Von kostbarem Hnmor ist dagegen ein Bildchen„Wolken, die vorüber ziehen", eine Ehescene ans der Biedermeierzeit,—„er" mid„sie" sind auf ein Weilchen niiteinandcr böse—, und den glänzende» Karikaturisten erkennt man in den„Cigaretten" wieder. Lustig sind diesnial auch die bizarren Stilisierungen Carl S tra h t- m a n n s, der in seiner streng stilistischen Art einen„Bacchantcnzng" in wildem Durcheinander mit gräulichen Fratzen darstellt und allein in einem kleine» Bilde so ernst auftritt, ivie nian es von ihm bis- her gesehen hatte. Einen merkwürdige» humorvollen Eindruck mache» auch die beiden Bildchen des als Holzschnittkünstler bekannte» V a l l o t o n. Auf dem einen ficht man von oben nnd ans weiter Entfernung eine Reihe Menschen am Meeresstrande, eigentlich mehr eine Reihe bunter Sonnenschirme, da diese dem Beschauer zugekehrt sind und die Menschen dahinter mir vernintet. Wie das aber dar- gestellt ist, das wirkt köstlich humoristisch. Von den drei älteren Künstlern Arnold Böckli», Hans Thoma und Wilhelm Trübner ist H a n s T h o ni a in diesem Jahre am besten und umfassendsten vertreten. Von ihm ist in der letzten Zeit jedoch an dieser Stelle des öfteren ausführlicher die Rede gewesen, so daß es genügt darauf hinzuweisen, daß neben einigen seiner Landschafte» besonders auch der. Liebesfrühling"— der Bauer, der neben seinem Pferde in Träumereien versunken über die Landstraße geht, während ein kleiner Amor auf dem Pferde reitend ihn begleitet— und der köstliche„Dorfgeigcr" zu sehen sind. Das jBild gehört zu Thoma'S besten. Ergreifend ist die Andacht dargestellt, mit der der junge — 51 SSiti'fd) hmtcr dcm Dorf nm Zolin fitzt lind mif seiner Geige nns dein Notcnbnch. dos ans seinen Knieen liegt, die lvielodien znjauuncn- liest; langsam senken sich die Adcndschattc»»licr die Sccnc. Wilhelm T r ü b n e r hat einige Ansichten von einein Land- schlösse in Amorbach ansgestellt, die in seinem spccifischcn grünen Ton gehalten sind und vorzügliche Baninstndien geben. In einem Bilde„Meditatioil" stellt er einen iveiblichcn Akt im Waldinner», unter den Wirknngcn der von allen Seiten koniineudeil Reflexe dar, es scheint, dost er diesmal die Analyse dieser Reflexivirkungeu auf der Haut zu iveit getrieben hat, selbst in der grötzten Entfernnng, die dem Beschauer in diesen Räiiineu zur Bcrsiigung steht, wollen die grünen„Flecke" nicht verschwinden. Von Arnold Böcklin interessiert, da die kleineren Bilder„Eremit am Wasser",„Römerin", der„Ccntanr" und auch der«Jagdzug der Diana" schon bekannt sind, vor allein das jüngste Bild aus dicsem Jahr, ein Triptychon, dem die Verse,„Horch, der Hain erschallt von Liedern. Und die Quelle rieselt klar, Nnniir ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar" als Motto beigegeben sind. Das Mittclbild versinnbildlicht die beiden ersten Verse, die beiden Seiten- bildcr zeigen die Werbung und das Paar in der gar sehr kleinen Hütte. Von vorn herein mnst man in allen dreien von dein figiir- liehen Beiwerk absehen, eS ist flüchtiger als bei ihm je zuvor und direkt störend. Während aber dann das Mittelbild mehr die bei Böcklin gcivohnte Art zeigt, finden sich in den Seitenbildern Einzel- bcitcn von einer erstaunlichen Frische und Ursprünglichkeit, Ivie sie selbst in seinen besten Bildern nicht allzu häufig sind. Namentlich die Blumenbeete vor dem Häuschen und hinten an einer Mauer ans dem rechten Scitcnbilde und die sich schnäbelnden Tauben mid die Blumen auf dcnt linken sind autzerordentlich zierlich und reizvoll.— —hl. Kleines Fenillekon. kf. Mittelalterliche Studcntrugcbränche schildert Dr. N. Fick in seinem soeben erschienenen Buche„Auf Deutschlands hohen Schulen"vie das oft bei uns durch die Thätig- teit kleiner Raupen gcsihieht. Ost spült dann der nächste Regenguß die schaumgelwriien Wesen in das darnntcr befindlichc Wasser, Ivo sie ihre Entivicklung beendigen.— ttyla faber, ebenfalls ein brasilianischer Laubfrosch, errichtet in flachen Wasscrlöchern schaninunnvallte Scparatbccken, in deren Wasser die Jungen sich entivickeln. Auch bei Fischen, z. B. bei den Seenadeln und' Seepferdchen, bei eine»« in Surinam heiinischc» Wels entivickeln sich oft die Eier an der Rücken- oder Bauchseite des Männchens oder Weibchens. Die Männchen der Seepferdchen und Seenadeln tragen sogar besondere Brusttaschen an der Banchseit«. Auch Schutz durch Schaum(sogenannte Schaum- nester) tonunt vor zu««« Beispiel bei den von Liebhaber» viel gezüchteten Paradiesfischen. Noch häufiger als bei den Amphibien übernimmt bei den Fischen der Vater die Fürsorge für die Nachkoinnicnschaft. Bekannt ist es. daß der Stichling aus Pflanzenteilen ein Nest an« Grunde des WasierS anfertigt. In dieses mit seitlicher Ocffnnng versehene Gebäude lockt er ein Weibchen, daS 2—!l Eier hineinlegt und dann die gegenüberliegende Rcftivand durch- bohrt,»»« zu entwischen. So kann der Wasserstroin genügend das Nest passieren. An« nächsten Tage holt sich daS poll)ga»i lebende Männchen wieder ein Weibchen und setzt dieses Verfahren fort, bis daS Nest reichlich mit Eiern belegt ist. Darauf iverden die Eier bc- fruchtet und»im«vird der Schatz so lange von« Männchen beivachr und energisch verteidigt, bis die Jungen selbständig geworden sind.— Mineralogisches. — Gediegenes Eisen in der Erde. Von Nordenskiöld Ivurden bei Obifak auf einer südlich von Grönland gelegenen Insel in« Jahre l870 kolossale Blöcke gediegenen Eisens entdeckt, ein Fund. der große? Aufsehen erregte nnd zuerst als meteorischen Ursprungs gedeutet ivurde. Da da? Eise» indessen in den Basalt eingelagert war, mußte man sich schließlich doch zu der Ansicht bekehren, daß es mit diesem Eruptivgesteii« aus der Tiefe der Erde gekoimnen, Ivo bekanntlich große Menge«! schwerer Metalle vermutet iverden. Aber es ergab sich, daß das' Eisen erst nach dein Festwerden des Basaltes eingeivandert fein könnte, und man hatte mir««nznreichende Erklärnngen dafür, wie sich diese großenMcngcn metallischen EisenS an derErdobcrfläche gebildet haben könnten. Einen interessanten Erklärnngsversnch hnt ncnlich, ivie die„Technische Rundschau" berichtet, Clemens Winkler in Dresden untenioinnlen. indem er die Verbindung in Betracht zieht,«vclche metallisches Eisen schon in der Kälte mit Kohlcnoxt>d eingeht, ganz ähnlich den« Nickel. Diese Verbindung verdampft leicht nnd zersetzt sich bei stärkeren« Erhitzen«viedcr in Eisen und Kohlenoxyd, eine Eigenschaft, die beim Nickelkohlenoxyd von Mond bereits technisch verwertet«vird. Winkler ist nun der Meinung, daß sich in der Tiefe ans Kohlenoxyd und Eisen Eisenkohlenoxyd gebildet hat. nach oben gedampft ist nnd sich in den noch glühend heißen zerklüfteten Basalt- inasscii ivieder zersetzt hat.— Humoristisches. S ch w e r e S B e r g e h e n. A.:„Aber den Herren Lederzäh hättet Ihr nicht aus Euren Junggcsellenklnb ausschließen sollen." B.:„O. das geschah i»it vollste«» Recht! Denken Sie nur. der hat von seinem Bruder verlangt, er solle ihn auch einmal seine» BcrlobuirgSriiig anprobieren lassen."— — Höchste Ehrung. Sie: Zu Deinen« GelmrlStag lass' ich mich male» in Oel... Ivo wirst Du hinhängen meh« Bild?" E r:„ES soll habe» de» Ehrenplatz, Laura... übern« Geld- schrank."— — G u t e A n t>v o r t. Staatsanwalt(plaidicrend):„Sage inir, mit iven« du umgehst, nnd ich sage dir,«vcr d» bist'." Angeklagter':„Aber, Herr Staatsamvalt, Sie gehen ja auch »«it lauter Gauner» u«««!" — Von der S e k u n d ä r b a h n. Erster Passagier: „WaS ist denn jetzt das. die Schassner radeln ja nebenher?" Z>v e i t e r Passagier:„Ja, sehen Sie, die Trittbretter der Waggons sind morsch und da radeln die Schaffner neben den Coups- feilster» einher, um die Fahrkarten zi« coupieren." („Meggend. Hin». Bl.") Notizen. — Das Lessingtheater wird bei»« Begiim der nächsten Saison Schillers„Turandot" zur Anffnhrnng bringen.— — DaS Luisen-Theater«vird in seiner in« August beginnende» Spielzeit 1900/1 klassische Werke von Goethe. Schiller. Shakespeare und Morcto, ferner Schauspiele und Lustspiele von H. Laube, Eh. Bircki-Pfciffer, R»d. Gottschall nnd den bekannteste» französischen Bühnendichtern bringen. An ersten Au f f ü h r u n g e» in Deutschland sollen gegeben«verde»:„Der Roland v o«« Berlin", Schauspiel von G. Kruse Silesius;„Fnniio", japanisches Original-Schanspiel, in deutscher Sprache verfaßt von Takeshi Kitasato ans Osaka;„Ainaturi", Komödie von Paul Gernsdorf;„Alte Liebe r o st e t nicht", Lebensbild von L. Ottonieyer.— — In Leipzig soll ein Ceutral-Theatcr»««it einem Kostcunnfwand von IVe Millionen gebaut»verde««. ES hat sich zu diesen« Zivcck eine Aktiengesellschaft gebildet. 790 000 M. sollen zur Zeichining aufgelegt iverden.— — Der dreijährige Preis für das beste belgische dramatische Werk in französischer Sprache ivurde de»« Drama „Das Kloster" von Emile Verharr en zuerkannt. — Das erste bayrische M u s i k f e st hat auch finanziell be- friedigt: cS ist bei 23,521 M. Ausgaben ein Ueberschuß noch verblieben. In« Herbst»vird der bayrische GesamtauSschuß des Musikfcsl-Vcrcins zusannnentretcn,«««>« über daS zweite bayrische Musiksest zu beschließen.— ar. Eine akademische Lesehalle für die Tech- n i s ch e H o ch s ch n l e z n Berlin! In der letzten allgemeinen Studciitenversaminlung der Technischen Hockischule zu Benin-Char- lottenburg wnrde durch Zuruf der Beschluß gefaßt, eine akademische Lese- Halle zu errichten, die unter Leitung deS StudenausschnffeS stehen soll. — B l n t b u ch e n färben sich dann besonders schön dunkel,«venu ihre Blätter stark den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. In der Nähe schaltiger und hoher Bäume iverden sie, wie der„Praktische Weg- ivciscr", Würzburg, schreibt, iiie eine so intensive Dunkelfärbnug er- reichen,«vie an freien sonnigen Lagen.— — An« 30. Juni hat die Phosphorziindhölzchen« Fabrikation in der Schweiz aufgehört.— — Der Kongreß dcs W c l t- P o st v e r e i n s»ahm den deutschen Antrag aiif Errichtung eines Denkmals zur Erinncrnng an das füiifundzivnnzigjährigc Bestehen deS W e l t- P o st v e r e i n s an. DaS Denkmal soll in Bern errichtet und der Bundesrat iilit der Ausführung betraut iverden.— Beranrioortlicher Reoacleur: Hugo Poetisch in Berlin. Druck uno Vertag von'Utax Babing in Bertm.