Mterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 130 Sonntag, den 8. Juli. 1900 (Nachdruck verboten.) 70) Aufevpkelzung. Roman von Leo T o l st o j. Nach dem Aufenthalt in der Fabrik hatte sie auf dem Lande gelebt, war dann in die Stadt gekommen, verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt worden. Marja Pawlowna erzählte das niemals selbst, sondern Katjuscha hatte von andern erfahren, daß sie zu Zwangsarbeit verurteilt worden war, weil sie eine fremde Schuld auf sich genonimen hatte. Seitdem Katjuscha sie kennen gelernt, hatte sie niemals, unter welchen Umständen es auch immer gewesen sein mochte, gesehen, daß Marja Pawloivna an sich dachte; sie war stets darauf bedacht, wie sie jemand auf irgend eine Weise im großen oder kleinen helfen konnte. Einer ihrer jetzigen Freunde, Nowodworow, sagte im Scherz von ihr, sie betriebe das Wohlthun als Sport. Und das tvar richtig. Ihr ganzes Lebensinteresse bestand, wie für den Jäger im Aufspüren von Wild, darin, daß sie Gelegenheit fand, andren zu helfen. Und dieser Sport wurde zur Gewohn- heit. wurde zum Inhalt ihres Lebens. Und sie that das so natürlich, daß alle, die sie kannten, es schon nicht mehr wert- schätzten, sondern einfach forderten. Als die Maslowa sich zu ihnen gesellte, empfand Marja Pawlowna Abscheu, Ekel vor ihr; Katjuscha bemerkte das. Aber dann bemerkte sie ebenso, daß Marja Pawlowna sich Gewalt anthat und ganz besonders gütig und freundlich mit ihr verkehrte. Und die Güte und Freundlichkeit eines so un- gewöhnlichen Wesens rührte die Maslowa so sehr, daß sie sich ihr mit ganzer Seele hingab, sich unbewußt ihre An- sichten aneignete und sie unwillkürlich in allem nachahmte. Diese hingebende Liebe Katjuschas rührte Marja Pawlowna, und sie liebte Katjuscha ebenfalls. Außerdem führte die Frauen auch noch die Abneigung zusamnie», ivelche sie beide gegen physische Liebe empfanden. Die eine haßte diese Liebe, weil sie ihre Schrecken vollständig erfahren hatte; die andre, weil sie dieselbe nie kennen gelernt, sie als etwas Unverständliches und gleichzeitig Abscheuliches, die Menscheiiivürde Verletzendes betrachtete. Viertes Kapitel. Der Einfluß Marja Pawlownas war der eine Einfluß, dein die Maslowa unterlag. Er rührte daher, daß die Maslowa Marja Pawlowna liebte. Ein andrer Einfluß war derjenige Simonsons. Dieser Einfluß rührte daher, daß Simonson die Maslowa liebte. Alle Menschen leben und handeln teils nach ihren eignen Gedanken, teils nach den Gedanken andrer Leute. Darin, wie tveit die Menschen nach ihren eignen Gedanken leben und wie weit nach den Gedanken andrer, besteht einer der Haupt- unterschiede der Menschen untereinander. Die einen benutzen in den meisten Fällen ihre Gedanken als Verstandsspiel, gehen mit ihrer Vernunft um wie mit einem Schwungrad, von dem der Treibriemen abgenonlnien ist, ordne» sich aber in ihren Thaten fremden Gedanken, der Gewohnheit, der Ueberlieferimg, dem Gesetz unter; andre dagegen halten ihre Gedanken für die Haupttriebfeder ihrer ganzen Thätigkeit, hören fast immer auf die Forderungen ihrer Vernunft und ordnen sich ihr unter; demjenigen aber, was von andern entschieden worden ist, folgen sie nur selten und auch dann nur nach kritischer Ab- schätzung seines Werts. Ein solcher Mensch war Simonson. Er prüfte alles, traf die Entscheidimg mit seiner Vernunft, und was er entschieden hatte, das führte er auch aus. Nachdem er schon als Gymnasiast zu dem Schluß ge- kommen war, daß das von seinem Vater, einem früheren Jntendanturbeamten, erivorbene Vermögen auf unredliche Weise erworben war, hatte er seinem Vater erklärt, man müsse dieses Vermögen an das Volk verteilen. Als der Vater aber nicht nur nicht auf ihn hörte, sondern ihn sogar ausschalt, ging er aus dem Hause fort und hörte auf, vom Gclde seines Vaters zu leben. Nachdem er zu dem Schluß gekommen war, daß alles existierende Böse von der Unbildung des Volks herrühre, schlug er sich nach seinem Austritt aus der Universität zu den Volksfreundcn, ging als Lehrer aufs Land und predigte Schülern und Bauern kühn alles das, was er für richtig hielt, tadelte dagegen, was er für verkehrt hielt. Er wurde verhaftet und vor Gericht gebracht. Während der Gerichtsverhandlung kam er zu dem Schluß, die Richter hätten kein Recht, ihn abzuurteilen, und er sprach das aus. Als aber die Richter ihm nicht beistimmten und fortfuhren, ihn ab- zuurteilen, kam er zu dem Schluß, nicht mehr zu antworten, und schwieg auf alle ihre Fragen. Er wurde in das Gouvernement Archangelsk verbannt. Dort bildete er sich eine Religion, die seine ganze Thätigkeit bestimmte. Diese Religion bestand in dem Glauben, daß alles in der Welt lebendig sei, daß es nichts Totes gäbe, daß alle Gegenstände, die wir für tot und anorganisch halten, nur Teile eines un- geheuren organischen Körpers seien, den wir nicht erfassen können, und daß deshalb die Aufgabe des Menschen, als eines Teilchens des großen Organismus, in der Unterstützung des Lebens dieses großen Organismus und all seiner Teile bestehe. Und deswegen hielt er es für ein Verbrechen, etwas Lebendes zu vernichten: war er gegen den Krieg, gegen die Todesstrafe und gegen jede Tötung nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren. In Bezug auf die Ehe hatte er auch seine Theorie, die be- sagte, daß die Fortpflanzung des Menschengeschlechts nur eine niedere Funktion des Menschen sei, die höhere aber im Dienst der schon existierenden Lebewesen bestände. Er fand eine Be- stätigung dieses Gedankens in der Existenz der Phagocyten im Blut. Die ledigen Leute waren seiner Meinung nach dasselbe wie Phagocyten und dazu bestimmt, den schwachen, kranken Teilen des Organismus zu helfen. In dieser Weise lebte er denn auch, seitdem er zu dieser Entscheidung ge- koinmen war, obgleich er früher, als junger Mann, anders ge- lebt hatte, Er erklärte ebenso sich wie Marja Pawlowna für Weltphagocyten. Seine Liebe zu Katjuscha war seiner Theorie nicht im Wege, da er platonisch liebte und annahm, daß eine derartige Liebe nicht nur der im Dienst der Schwachen bestehenden Phago- cytenthätigkeit nicht im Wege wäre, sondern dieselbe noch mehr anregte. Abgesehen davon, daß er moralische Fragen auf seine Weise entschied, traf er auch in den meisten praktischen Fragen seine eigne Bestimmung. Er hatte für alle Angelegenheiten des täglichen Lebens seine besondere Theorie: hatte seine Regel, wie viel Stunden er arbeiten, wie viel er sich erholen, ivie er sich nähren, wie sich kleiden, wie er den Ofen heizen und wie er Licht anzünden müsse. Dabei war Simonson im Verkehr mit den Leuten über- niäßig schüchtern und bescheiden. Sobald er aber irgend etwas beschlossen hatte, konnte ihn nichts mehr davon zurückhalten. Dieser Mensch nun hatte ebenfalls einen bestimmten Ein- fluß auf die Maslowa, und zwar dadurch, daß er sie liebte. Die Maslowa hatte das mit ihrem weiblichen Instinkt sehr bald erraten, und das Bewußtsein, daß sie in einem so un- gewöhnlichen Menschen Liebe erwecken konnte, hob sie in ihrer Selbstachtung. Nechlstidow hatte ihr die Ehe aus Großmut und wegen dessen, was früher gewesen war. angeboten; Simonson aber liebte sie so, wie sie jetzt war, liebte sie ihrer selbst wegen. Außerdem fühlte sie, daß Simonson sie für ein außergewöhnliches Weib hielt, das sich von allen übrigen unterschied und besonders hohe sittliche Eigenschaften besaß. Sic wußte nicht recht, welche Eigenschaften er ihr eigentlich zuschrieb, bemühte sich aber jedenfalls mit aller Kraft, um ihn nicht zu enttäuschen, die allerbesten Eigenschaften in sich hervorzurufen, die sie sich nur denken konnte. Und dieses Be- streben vcranlaßte sie, sich zu bemühen, so gut zu sein, wie sie nur konnte. Begonnen hatte das schon im Gefängnis, als sie bei der allgemeinen Zusammenkunft der Politischen die unschuldigen, guten dunkelbläuen Augen Simonsons unter der vorstehenden Stirn und den Brauen ganz besonders hartnäckig auf sich gerichtet fühlte. Schon damals hatte sie bemerkt, daß das ein besonderer Mensch sei, der sie ganz besonders an- blickte und hatte ebenso die in ein und demselben Gesicht un- willkürlich überraschende Vereinigung von Strenge(infolge des vortretenden Haars und der gerunzelten Brauen), von kindlicher Gutmütigkeit und Unschuld wahrgenommen. Als sie dann in Tomsk zu den Politischen übergeführt wurde, sah sie iTjit wieder. Und obgleich zwischen ihnen nicht ein Wort gesprochen wurde, lag in dem Blick, den sie urit einander wechselten, dos Geständnis, daß sie für einander wichtig seien. Bedeutsame Gespräche fanden auch später zwischen ihnen nicht statt, aber die Maslowa fühlte, daß, wenn er in ihrer Gegen- wart sprach, seine Worte an sie gerichtet waren und er für sie sprach und bemüht war, sich möglichst deutlich auszudrücken. Besonders aber hatte die Annäherung zwischen ihnen begonnen, seitdem er zu Fuß mit den Sträflingen ging. Fünftes Kapitel. Von Nishm bis Perm war es Nechljudow nur zweimal geglückt, Katjuscha zu sehen: einmal in Nishni vor Einschiffung der Gefangenen in der mit einem Netz bespannten Barke; und das andre mal in Perm im Gefängnisbureau. Und bei beiden Zusammenkünften fand er sie verschlossen und un- freundlich. Auf seine Frage, wie es ihr ginge und ob sie nicht etwas nötig Hütte, erwiderte sie ausweichend, unruhig und, wie ihm schien, in dem feindselig vorwurfsvollen Gefühl, das schon früher bei ihr zum Vorschein gekommen war. Diese finstere Stimmung aber, die bei ihr nur eine Folge jener Verfolgungen von feiten der Männer war, denen sie sich damals ausgesetzt wußte, bereitete Nechljudow Qual. Er fürchtete, sie würde unter dem Druck der schweren, demoralisierenden Verhältnisse, in denen sie sich während des Transports befand, wieder in den früheren Zustand der Zerfahrenheit mit sich selbst und Ver- zweiflung geraten, in dem sie von Zorn gegen ihn ergriffen war, übermäßig geraucht und Branntwein getrunken hatte, um zu vergessen. Er konnte ihr aber auf keine Weise helfen, weil sich ihm während dieser ganzen Zeit unterwegs keine Möglichkeit bot, sie zu sehen. Erst nach ihrer Ueberführung zu den Politischen überzeugte er sich nicht nur von der Grund- losigkeit seiner Befiirchtungcn, sondern nahm im Gegenteil bei jedem Zusammentreffen mit ihr eine immer deutlicher hervor« tretende innere Veränderung an ihr wahr, die er so sehr bei ihr zu sehen wünschte. Beini ersten Zusammentreffen in Tomsk war sie wieder so, wie sie vor dem Abmarsch gewesen war. Sie machte kein verdrießliches Gesicht und war bei seinem Anblick nicht befangen, sondern trat ihm im Gegen- teil fröhlich und ungezwungen entgegen und dankte ihn: für das, was er für sie gethan hatte, namentlich dafür, daß er sie mit den Leuten zusammen geführt, bei denen sie sich jetzt aufhielt. Nach zweimonatigem Etappemnarich kam die Ver- Änderung, die in ihrem Innern vorgegangen lvar, auch äußer- lich bei ihr zum Vorschein. Sie wurde magerer, brannte ein, wurde gleichsam älter; an den Schläfen und um den Mund Heruni machten sich kleine Runzeln be- merkbar, sie ließ das Haar nicht mehr in die Stirn fallen, sondern band ein Tuch um den Kopf, und weder an ihrer Kleidung, noch ihrer Frisur, noch an ihrem Gebaren waren wie früher Anzeichen von Koketterie bemerkbar. Und diese Veränderung, die sich in ihr vollzogen hatte und noch vollzog, rief in Nechljudow ein andauerndes Gefühl besonderer Freude hervor._(Fortsetzung folgt.) SonutÄgsplÄttverei. „Was Dir verhaßt ist, geboten von deinen Obern. daS gebiete nicht deinen Untergebenen; in der Weise aber, die dir mißfällt bei deinen Untergebenen, diene deinen Obern nicht." „Die Art und Weise, die»ns verhaßt ist bei denen, die vor uns find, die solleir wir denen nicht zum Vorbild geben, die nach uns sind, und das Benehmen, das uns verhaßt ist bei denen, die nach uns sind, das sollen»vir nicht zeigen gegen die, die vor uns sind." „Was uns nicht gefällt bei denen zur Rechten, das sollen wir denen zur Linken nicht thun." „DaS nennt man die deutliche irnd untrügliche Regel für korrektes Bcrhalten." Dies Gesetz der Sittlichkeit stellt Kong-fu-lsc ans, der chinesische Staatsphilosoph, der vor 2ö00 Jahren die Lehren der erhabenen Wissenschaft schrieb, Am Ende des 13. Jahrhunderts unsrer Zeitrechuuug hat der größte deutsche Philosoph denselben Gedanken vertieft und gereinigt zur Gnuidlage seines ethischen Systems gemacht, indem er als Grund- gesetz sittlichen Handelns die Formel aiifstellte:„Handele so. daß die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer all- genieinen Gesetzgcbmig gelten könne." Das ist nichts andres als m strengerer Jassnng' die uralte„deutliche und untrügliche Regel für korrektes Verhalten, die im sechsten Jahrhundert vor Christus der chinefische Weise als den Inbegriff aller menschlichen Gebote fand. Die Einheit des menschliche» Bewußtseins, über Rasse» und AtiU» hinweg, offenbart sich überraschend i» dieser gleichen A«f- stelluiig desselben sittlichen Grundgesetzes, wie es der größte deutsche und der einflußreichste chinesische Denker, durch zweieinhalb Jahr» tausend getrennt, unabhängig von einander formulierten. Es giebt eben nur eine menschliche'Vermmst, und die widerspruchsvolle Viel» heit gebiert der menschliche Wahnwitz. Wenn wir überhaupt ein Gesetz der Sittlichkeit aufstellen wollen, wenn wir ein festes Regulativ suchen, an dem wir alle Handlungen ans ihren Wert und ihre Berechtigung messen könnten, so ist keine andre allgemeine Formel erdenklich' als jene deutliche und untrügliche Regel des Kong-fn-tse iknd der kategorische Imperativ Kants. Wie immer Sitten und Gebräuche wechseln. wie immer unter dem ent- scheidenden Einfluß wirtschaftlicher Verhältnisse die Auffassungen von Gut und Böse fließen und schwanken mögen— stets strebt die zitternde, schwebende, kreisende Magnetnadel moralischer An« schaumigen nach dem festen Pol des einen Grundgebotes: Das Gesetz und Richtinaß aller Sittlichkeit ist ihre Allgemein- gi Iii gleit, ihre Ausnahmslofigkeit, ihre Einheit für alle Jndi» vidnen, Völker, Rassen. Ein Prineip meines Handelns kann nur dann ans sittliche Würde und Wahrheit Anspruch erheben. wenn ich bereit bin, diese Handlungsweise als Allgemeinrecht anznerkeunen. Was ich will und darf, muß jeder andre wollen dürfen. Das ist die sittliche Gleichheit aller, die Menschcnantlitz tragen— in diesem schlichten, selbstverständliche» Genreinspruch quillt die be- fruchtende Fülle tiefster menschlicher Erkenntnis. In all den blutige» Klassen- und Rassenkämpfen der Menschheit leitet bcivnßt oder unbewußt der Grundsatz sittlicher Gleichheit, die keine ans den Er» scheimnigen abzuleitende Thatfnche, keine Offenbarimg eines Ueber- sinnlichen ist, sondern eine Anfgabe, die sich die Menschheit selbst setzt, für die sie kämpft und leidet. Die revolutionäre Parole der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit ist nichts weiter als eine konkrete politisch-sociale Auweudung der miertriiglichcn Regel Koug-fu-tscs. Freilich die Weisheit des alten Chinesen hat sich in den Men- scheu ebensowenig bisher durchgesetzt wie die Ethik des moderne» deutscheu Philosophen. Gerade in der Entwickelung der herrschende» Klasse» Europas im IS. Jahrhundert kann man in demselben Maße ein Abweichen von der sittlichen Erkenntnis und ein Zurücksinken i» die Anarchie schrankenlos brutaler Begierden und Instinkte beobachte», als sich die unterdrückte Klasse des Proletariats immer klarer und bewußter zu dem Grundsatz der Humanität bekennt, und sich durch keine Tobsuchtsaufälle der Bourgeoisie von dieser Haltung ab- drängen läßt. Die europäische Civilisation ist nur ein dünner leuchten- der Farbeuauftrag über abgrundtiefer Barbarei. Ja, heute hat die europäische Bourgeoisie nicht einmal das schamhafte Be- dürfnis mehr, durch den glänzenden Firnis über das wüste Wesen hinwegzutäuschen. Die Gewalt als das böchste Mittel der Entioicklung verkünden, heißt nichts als den Kukturgedcmken negieren. Der Egoismus, der sich alles gestattet, dem andern nichts, der sich dünkelbaft die höchsten Tugenden zuschreibt und den andern mit niedrigen Be- schiinpsmigcn verleumdet, die Theorie des Zweierlei-RechtS, der Zweierlei-Sittlichkeit, die selbst zn thnn begehn, was sie an ander» tadelt, das sind Verfallscrscheimingen, die unsrer bürgerlichen Gc- sellschaft, mag sie noch so eitel im Strahkeuglanz äußerlicher Er- rnngenschaften stolzieren, daS kulturelle Todeszeichen aufpräge». DaS humane Weltbürgertum ist eine verhöhnte und verfolgte Anschalinng hirnverbrannter Utopisten— die ekle Grimasse edlen Nationalgefiihls, der Chauvinismus spreizt sich allüberall. Jedes Volk schätzt sich selbst als ausgestattet nnt erlesensten Borzügen— jedes andre gehört zum Menschheilspöbel. Was sich an schimpfliche» Eigenschaften ersinnen läßt, hänft man ans die Fremden: sie sind gransmn, roh. feig, hinterlistig, schmutzig, geizig, habsüchtig, ver- räterisch, rückständig, dumm, sie haben gar keine Existeiizberechtigimg und müssen von den Firmcntrügern der überlegenen Kultur zer- schmettert werden. Die Objekte, die man mit solchen Lastern aus- stattet, ivechscln. Bald sind es die Erbfeinde die Franzosen, bald Polen, Türken, Engländer, Inden. Während die deutschen Chan- vinisten uns de» Engländer als vertierten Barbaren schildern und sür den Boeren als erhabensten Ansdnick der germanischen Rasse schwämien, liest der Londoner Jingo de» FreihcitSiäiiipsern vo» Transvaal die Liste ibrer Niederträchtigkeiten in schänmendeiv Zorn vor: Diese Boeren sind das elendeste Gesindel ans Gottes Welt — sie sind gransam. roh. feig, hinterlistig, schmutzig, geizig. habsüchtig. verräterisch, rückständig, dumm. Waren vorgestern noch die' chinesischen KnIiS namentlich für miste deutsch- nationalen Agrarier Ideale von Fleiß, Geschicklichkeit und nainentlch Bedürfnis- losigkeit— wiederholt hat man ihren„Import" empfohlen— so sind sie heute die wahren Bestien: grausam, roh, feig, hinterlistig, schmutzig, geizig, habsüchtig, verräterisch, rückständig, diinwi. Wie die Völker gegen einander gehetzt werden, so beschimpfen auch die Wort- sichrer der europäische» Civilisation die eigenen Volksgenossen. Deutsche haben von deutschen Socialdemolratcn noch weit schlimmere Dinge behauptet, als jetzt eine feile Presse de» chinesischen„Mord- gesellen" nachschimpft. Und immer ist es die schmähliche Moral mit doppeltem Boden, zu der sich die civilisierte Bourgeoisie bekennt. NichtSimirdig ist die Ratio», die nicht ihr alles setzt in ihre Ehre— citicrt mit wilde» Geberde» der deutsche Zcitmigsschreibcr. Damit will er, denkt der sittlich denkende Mensch, das Recht der Chinesen zum Fremdenkrieg verteidigen. Weit gefehlt k Wenn der Chinese sein Vaterland gege» fremden Einbruch, gegen Unterdrückung und Aufteilung schützen will, wcmi der Chinese nicht eine nichtswürdige Ratio» sein mag, sondern sich zur Wchr sr�t— dann üt er der jäuuncriichsie Wicht, c!» lilnt- gieriger Tieger. ein feiges Raubtier, ein lulturzcrtretciidcr Barbar. Nur der Deutsche darf in seine Ehre sei» alles setzen, bestünde auch selbst diese Ehre in nichts als Raub. Vergewaltigung und Mord. Hight or wrong, my counlry. Recht oder Gewalt, waS thut's. eS gilt mein Vaterland— so" schallt es begeistert aus dem papiernen Zeitungswald. Das soll doch Wohl die Leser belehren, daß es den Chinesen gestattet sein müsse, wenn es die Rettung ihres Landes gälte, Gewalt anzuwenden, sintemalen das Vaterland das höchste sei? Der chauvinistische Schmvck lveist solche Logik empört zurück. Der gelbe Teufel hat nur das Recht, Gewalt zu dulden, wir haben die Pflicht, Gewalt zn üben. So sich aber der Chinese erkühnt» um seines heimatlichen Herdes willen der erobernden Gc- Walt die Gewalt entgegenzusetzen, so wird ihm solche Bethätigung des Spruchs: Bight pr wroug, my country, als verruchteste Abscheulichkeit auf das Schnldconto seiner Verbrechen gebucht. Und diese europäischen Staaten, die in solcher Weise die elciuen- tarstcn Gesetze kultureller Sittlichkeit verachten, mästen sich an, den Barbaren Kultur zu bringen. In Wahrheit ist denn auch alle moderne Koloninipolitik kapitalistische Stnubpolitjk der grausamste» Art. Wir haben den Barbaren die Segnungen des Fusels, des Schiestpuluers und der Syphilis gebracht. Wir haben graste selbständige Kultur- Schöpslmgeil zertrümmert, wir haben von Natur gutherzige Menschen in Bestien verwandelt, um sie dann, Ivciin sich die Folgen Nigrer Thaten wider mis selbst kehrten, niederzuknallen. Wir hnde» nicht das, Ivas wir an Kultur besitzen, hinausgetragen, sondern unser Barbarentum propagiert. Die kapitalistische RusbentlMg der Länder und Völker kennt keine fromme Scheu, lind wenn man die entmenschten Civilisatoren darauf hinweist, dast die Fremden dieselbe Behandlmig heischen, die wir selbst für uns fordern, so erklärt man bertvnndcrt, man dürfe doch unsre„cliropnischen Eiupstndnngen" nicht ans tiesstehendc Rassen übertragen; diese freuiden Barbaren ivüstten ja gar nichts von den suvlimen Forderungen europäischen Sinlrchkeilsgefühls, niit ihnen könne man nicht anders umgehen, als mit gepanzerter Faust. Wir Ivissen eben heute nicht mehr, oder ivollcn eS nicht wissen, dast es nur eine Menschheit giebt, deren kulturelle Verschiedenheiten bei weitem nicht so groß sind, als unser Dünkel wähnt. Was nus nicht gefällt bei denen zur Rechten, daS sollen wir denen zur Linken nicht thun. Das nennt man die deutliche und»mtrügliche Regel für korrektes Verhalten. So sprach Kong-Fu-Tse, der gelbe Teufel, vor 2200 Jahren.— Joe. Meines Isenislekon» dg. Anö guter Familie. Hinter Eberstvalde setzten sick, die meisten Passagiere zum Schlaf zurecht. Das alte Fräulein naschte noch eine Weile an seinem Spritzkuchen, dann ivickelte auch sie den Reisemantel zn einer Stolle zusammen, schob ihn in den Nacken und lehnte den Kopf dagegen. Nur die junge Frau»nd der Herr in der Fensterecke blieben noch Ivach. Eine Zeitlang sahen sie hinaus in die Nacht, wo Bäume und Hänser wie gespenstische Schatten am Conpä feilster voriibcrglittcn, dann»ahm der Herr das Gespräch, das vorhin durch de» Aufenthalt auf der Station»»terbrochen war, von lienem auf:„Nein, ivie gesagt— heiraten? lim Gottes iville» nicht. Das kann.man einfach gar nicht mehr, dazu find die Mädchen viel zn anspruchsvoll." „Ach, das ist ja blas Vorurteil!" Die junge Frau warf de» hübschen Kopf zurück.„Anspruchsvoll— auch solch' ein modernes Schlagwort. Ein Witzbold schreibt es in der Zcitimg, und da es gerade zum guten Ton gehört, die Frau hernnterzureihen, schiviitzm es alle ander» nach. Es giebt noch sehr viel anspruchslose Mädchen!" Der Herr erwiderte nichts, aber er lächelte fein. DaS Lächeln schien sie zn reizen, sie richtete sich lebhast n»f:„Aber natürlich au- spruchsvoll— gar kein Wunder, dast Sie das sagen, wo»lachen denn unsre verehrten Herren der Schöpfung, auch ihre Studien? Wo ver- kehren den» unsre jungen Leute? Immer halten sie es mit solche» Ladenmädcheil und RnhmamsellS, da geht es natürlich nicht ab ohne feine Diners niid kostbare Geschenke. Warum verkehren sie den» nicht mit anständigen Mädchen in der Familie? das will kein Mensch »»ehr!" „Kami kein Mensch nichr, gnädigste Frau"— der Herr lachte— „kann es einfach nicht mehr. Sie wissen ja: War ma» dreimal in cinciil Hanse, wo'nc Tochter ist, ist man auch verpflichtet, sie zu heiraten." „Gott daS ist ja aber gar nicht wahr! Das verlangt niemand — mid lvenn schon, Ivo denn?" Die Dame verzog geringschätzig den Mund.— In gut bürgerlichen Kreisen doch wirklich nicht, die Mädchen nus guter Familie— „Na ja— die ans guter Familie 1" Der Herr lachte»och lantcr, dann machte er eine ablvehreilde Hnndbetvcglmg:„Gehen Sie mir nur»iit denen a»S guter Familie „Aber das ist schändlich— ist—" die Auge» der Dame be« gamieii zn fnnkelii. Der Herr klopfte die Asche von der Cigarre:„Sehn Sie. da bab ich eine junge Dame gekannt, sehr nettes, vonlchmes Mädchen. Als ivir daS fünfte Mal zusammenkommen, ermähne ich so gelegentlich, dast ich zehntausend Mark im Vermögen hätte, wissen Sie, tvas sie mir antwortet? Antwortet sie mir:„Ich habe fünstanfend, macht zusammen fiinfzehntansend". Ja, sie werfen sich einem einfach an den Hals." «Aber Sie werden doch nicht behaupten wollen, dast das eine Dame wnr?" Die junge Frau lehnte sich in die Polster zurück. „Hab' ich ja nnch noch nicht behauptet, meine gnädige Frau, aber ihr Vater war Rechnungsrat, also aus guter Familie—" Die junge Frau lachte nervös:„Na und wenn schon, cS giebt ja auch Ansnahnien gclvist, aber—" Ter Herr liest sie nicht ausreden— ohne eine Miene zu ver- ziehen, sprach er weiter:„Sehen Sie und noch ein Fall— ich war neulich im Zoologischen Garten; es war an einem Dienstag, ein Kouzerlabeud, d. h. ein Elitctag. Sie lverden ja Ivissen, was da für Publikum ist, alles prima. Neben meinem Tisch fast eine Familie: Bater. Mutter, Tochter, alles hochfein, lvnrde sogar von Offizieren begrüstt. Wie ich anssiehc und um den See herum promeniere, ist die Tocbtcr mit einem Mal hinter mir und sieht mich so recht schmachiend an. Na, ich begrüße sie, stelle mich vor, natürlich mit'nein falschen Namen. Wir kommen ins Gespräch und ivie ich gehe, giebt sie mir ihre Visitenkarte. Feine Familie, sag' ich Ihnen. Vater hat Osstziersrang. Na, ich deule, mnstt doch mal sehen, was das für'n kleines Mädchm ist, ich schreibe ihr also'ne Karte und bitte sie um ein Rendezvous. Ra, sie ist auch gekommen, vierzehn Tage Hab' ich mit ihr verkehrt, dann hatr' ich genug— vor Ekel. Was ich in den vierzehn Tagen gelernt habe, wisse» Sie— nicht einmal andeuten lästt sich das nein wirklich— nicht einmal andenten."— Musik. Es dürfte zweckmässig sein, von Zeit zn Zeit daran zn crlnnem. dast nnsre Berichterstattung manche Arten von Konzerten für gc- Ivöhuklch allster Acht lassen innst. Wir meinen die, deren Haupt- bedentung nicht in der künstlichen Pflege der Musik, sondern in anderweitigen Angelegenheiten liegt. So ist es, wenn ein Konzert der simplen Unterhaltung, der Bierwürze, der Geselligkeit, der Parade von Vereinen, Schulen usw., eines wohlthftligen Zwecks, c!»er religiösen oder weltlichen Erbauung und dergleichen halber stattfindet. Dadurch falle» also die eigentlichen„Bier- Konzerte", die Fest-Konzerte, die Vereiiisveranstaltnngen, die Prüfmigskonzerte der Konservatorien, die Feienlilgen öffentlicher Dinge, die Kirchenkonzerte usw. für gewöhnlich außer unsere Ve- trachtung. Ganz fernhalten dürfen Ivir jedoch von ihiicii inisern Blick keineswegs: teils weil es uns interessiert zu sehen, in welche Be- ziehniige» die Musik zn jenen ferneren Zwecken tritt, teils weil die Grenzen nicht scharf sind, und weil manchmal auch dort oder da musikalisches Bedeutsames vorkommt. Darum wird es gut sein, ab und zn durch bemerkenswertere Beispiele an jene regelmässig wiederkehrenden und besonders im Sommer hervor- stechenden Reihen von Ausführungen zn erinnern. Ins Einzelne zu gehen ist hier natürlich erst recht schwer: wer könnte beispielsweise ans den zahlreichen und reichhaltigen Prilsiiiigs-Allfführnngen, die das Stern sche Konservatorinm wiedenim vor kurzem veranstästcte, auch mir von einer Name» und Onalitäten neintei», ohne entweder eine ZeitnngSililmmer zu füllen oder ungerechte Bevorzngnlig zn üben? Wer findet Raum, um die Ein- drücke nuseinanderznsetzeii, die er— sagen lvir beispielsweise: von de» älteren denischen und neueren französischen Komponisten bekommen hat, wie sie Herr Organist B. I r r g a n g u. a. in seinem diesmaligen Schlnstkonzert vorführte? Verbleibt ja ohnedies noch vieles, was sich uns zn hören und in der Mnsiklitteratnr zu lesc» darbietet, teils ganz, teils vorläufig nncrwähnt! Mehrmals hatten ivir Gelegenheit, die tüchtigen Leistungen der „Berliner S i n f o n i e- K a p e II e" und insbesoudere ihres früheren Dirigenten Karl Zimmer hervorzuheben, der jetzt— warum wohl?— durch Herrn Robert Moser ersetzt ist. Ein Konzert am letzten Donnerstag(in der„Brauerei FriedrichShain") zeigte wieder, dast die Herren musikalischen Ausgaben gut gewachsen sind: doch scheint cS nach meiner Erinnerung. Herr Zimmer habe im Vor- trag, besonders tvaS daS Motivische betrifft, plastischer gestaltet als Herr Moser. Den Hauptinhalt des Abends bildete» neuere amerikanische Kompositionen, und zlvar anlästlich des FubiläumS- tagS der Ililabhäilgigkeitscrklärnug der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Für diesen Teil des Konzerts war Dirigent Herr Edmund T i e r s ch vom Nctv Dorkcr Sinfonie- Orchester. Die Stücke nun, die wir aus dem, Ivie üblich überlangen. Programm hören konnten, bieten keineswegs etwas besonders Ez-otischcs dar, wie lvenn wir etwa chinesische oder armenische oder Negcrweisc» oder auch nur norwegische Lieder von Grieg zu hören teioiilnie». Sind ja doch die'Komponisten, um die es sich hier handelt, hauptsächlich in europäischer Musikkultur heran- gevildet! So zum Beispiel G. W. Chadwick in Boston (geb. 1854) nnd besonders E. A. Mac Dowell in Boston tzieb. 1861), der sogar längere Zeit an deutschen Konservatorien wirkte. Demgemnst bekamen ivir recht Vertrautes zn hören, ivie z. B. die Hochromantik, die sich in des letztgenannten„Indianischer Suite" verrät. Jedenfalls ist diese ein des öfteren Hörens wertes Stück; und vielleicht noch mehr gilt dies von der dramatischen Ouvertüre „Melpomene" des erstgenannten— beide schon dem Umfang nach reich- haltig. Wie weit man nun nach etwa vier Stücke» von einem»atioilaleii Gesamtcharakter dieser Musik sprechen darf, ist schwer zn sage». Doch fällt ein gewisier ophoristischer Run ouf, ein Betiorznqe» inier- esscmter Einzelheiten oder qar Brnchstiicke statt großer einheitlicher Züge; sodann ein Ueberwiegen des Melodischen vor dein Polyphonen; lind(namentlich bei Chadwick) ein Begünstigen kürzerer, lvenig weit anstreifender Gänge, verminderter Aeeorde, chromatischer Wendungen. Kleinere und leichtere Ware fand sich in einer„Tändelei(„Badinage'j von B. Herbert und in einer„Amerikanischen Patrouille' von F. W. M e a ch a m! beides geschickt gemachte, melodiöse Stücke, jenes mehr anmutig fein, dieses mehr populär, was ihin denn auch zu einem Daeapo verhalf.— Jedenfalls wäre es lvohlgethan, uns öfter und in mehr künstlerischem Rahmen mit der gewiß weiten Kompositionslvelt Amerikas bekannt zu machen. man sängt auch in diesen Dingen an, zu fühle«, daß man seinem Planeten »lehr schuldet als Schutzzoll in Knust und verschiedentlichei» andren, und daß man nicht ungestraft noch unter dem sogenannte» Chinesen- tum bleiben darf.— sz. Geographisches. ck. Von einer erfolgreichen Expedition nach C e n t r a I- A f r i k a ist I. E. S. Moore, ein junger Forscher voin Royal College of Seienee in South Kensingtou zurückgekehrt. Er hat von der englische« königliche» geographischen Gesellschaft große Unterstützungen erhalten; auf seiner Jahresivanderung von über LOOO englischen Meilen vom Zainbesi»ach Uganda hat et verschiedene wichtige Bereicherungen der Kenntnis Central-AsrikaS ge- Wonnen. Seine Reife brachte große Mühen nnt sich, er hatte mit Kannibalen zu thun und ist auf Vulkane und Gletscher gestoßen. Er hat auch eine eisbedeckte Spitze„Sidschwi* in den Rnwenzori- bergen(Mondbergen), die 16 500 Fuß hoch ist, bestiegen; der Auf- stieg dauerte 10 Tage. Die Spitzen dieser Bergkette sind mit Eis von außerordentlicher Dicke bedeckt, da der Schnee am Tage schmilzt und in der Nacht gefriert. Während des Auf- und Abstieges lebte Moore und die zivanzig ihn begleitenden Udichidschi von Ziegen, die sie mit sich führten und»ach Bedarf schlachteten. Die lldschidschi waren von der Erscheinung des Eises so überrascht, daß sie Stücke davon nach lldschidschi zu tragen versuchten. Hilter der tropischen Sonne kochte das Eis beinahe ans dein Wege. Zwischen dem Tanganjika Und Albert Edlvard-See liegt ein„Kivu' genannter See. Der beste Atlas verzeichnet ihn als etwa'/w so groß, wie der Albert Edward- See. Moore, in dessen Begleitung der Geologe und Geograph Malcolm Fergusson war, fand, daß der Kivu größer ist, als der Albert Edivard« See. Das Nordende des Tanganjika befand sich fünfzig Meilen westlich von der ihm bisher zugeschriebenen Lage. Zwischen diesem See und dem Kivu stieß die Ex- pedition auf die Kannibalen. Es sind große, hellfarbige Menschen, die„lehr wie Araber als wie Neger aussehen; sie sind geborue Diebe. Sie verursachten den Reisenden viel Belästigung und töteten einige Träger, aber zn einem ernstlichen Kampf mit ihnen kam eS nicht. Der Hauptzweck der Expedition war, in de» Seen zu dredgen und die Meerestiere, die Moore vor vier Jahren dort gefunden hatte, zu erforschen. Die Frage ivar, ob die Medusen und Crustaceen in den Tanganjika ursprünglich durch den Nil oder den Kongo ge- kommen sind. Da diese Meerestiere in keinem der Seen nördlich von» Tanganjika zu finden sind, glaubt Moore, daß der Tanganjika mit dem Meere einmal durch ein großes Becken im Kongostaat ver- einigt Ivar. Als die Gegend sich hob und nur der Tangnnjika-See im Jimern Afrikas blieb, blieben auch die Medusen und Crnstaceeu zurück und ihre Nachkommen gedeihen dort heute noch.— Aus dem Tierleben. — Frösche und Wasserjungfern. Eine interessante Beobachtung, wie der grüne Teichfrosch sich der Wasserjungfer» zu bemächtigen weiß, erzählt A. Mansion in der.Revue Scieutifique'. Am 5. Juni gegen 10 Uhr morgens herrschte zwischen. Hasielt und Zonhoven(Belgien) eine unangenehme Hitze, die aber den Grad- fküglern zusagte, denn sie schwirrten zivischen Fliegen und Schmeltec- lingen n, Scharen über den schlaniinigeu Gewässern eines großen Sumpfs; von Zeit zu Zeit näherten sich die Libellenweibcheii der Wasserfläche, um ei» Ei hineinfallen zu lnsieu. In jenen Sümpfe» giebt es auch Frösche in großen Mengen; diese nähme» Ulm bei dem lebhaften Spiel der fliegenden Insekten über ihnen eine ganz hinterlistige Stellung ein. Behäbig, jedoch völlig regungslos lagen sie mit ihren Vorderfüßen auf Blättern und Zweige» der Wasierpflanzen und hielten den Kopf hoch. In dieser Stellung konnte sie Mansion nur schwer von de», Grün der Wassergewächse»»ter- scheiden, ja sie ähnelte» in ihrem ganzen Aeußern so unbestreitbar Bildungen von Wasserpflanzen. Diese aktive Schntzanpassling der Frösche an ihre llmgebnng hatte nun für die beschwingten Sumpf- dewohner einen sehr unangenehmen Nachteil. Sie setzle» sich ohne Mißtrauen, als ob es ein Pflanzenteil wäre, ans so ein emporstehendes Froschmaul und waren im nächsten Augenblick er- hascht.—. Naturwiff ensch aftlich es. � V o m U r s p r» n g d e S P e t r o l e u m s. Bei der weiten und allgemeinen Verbreitung des Petroleums hat die Erklärung seiner Entstehung bisher viel Schwierigkeiten gemacht. Anfangs glaubte man, so' schreibt die Wochenschrift„Mutter Erde", in ver- wesenden Pflanzenstoffen die Quelle dieser Oelinassen suche» zu müssen, dann neigte man sich der Ansicht zu, daß sie ein natürliches DestillationSergebuis tierischer Körper seien, die durch irgend- -„ Beremwortticher SKeoacieur; Hugo Poeysch tu Ber' welche plötzliche Naturkatastrophen in Massen um das Leben gekommen, begrabe» und verwest seien. Engler konnte aus Fischthran durch hohen Druck künstliches Petroleum darstellen und dieses Ergebnis sprach sehr für die soeben erwähnte Erklärung der Eiitstehung des natürlichen Petroleums. Nun haben die Herren G. Krämer und A. Spilker eine neue Erklärung für die Bildung dieses natürlichen Oeles geliefert: denn die so migeheiire Verbreitung desselben über die ganze Erde und in solchen Mengen ist mit dem doch immer iinr lokalen und episodenhaften Eintritte solcher Massen- tötungen von Seetieren nicht recht in llebereinstimmung zu bringen. Auf dem Gute Ludwigshof in der Uckermark findet sich' ei» großes Diatomeenlager' als Untergrund eines Torf- bruches, also ein altes Seebecken, in dem die Kieselpanzer tragenden Pflänzcheil lebten. Die Diatomeenerde enthält 76 Proz. Kieselsäure und giebt beim Ausziehen durch ein Lösungsmittel 3,6 Proz. eines paraffinartige» Stoffs ab, der dem Erdwachs oder Ozokerit sehr ahn- lich ist. Aus diesem künstlichen Diatomeenwachs läßt sich nun ebenso wie aus deni galizischen Ozokerit ein Erdöl darstellen, das dem natürlichen Petroleum sehr nahe verwandt ist. Dieses letztere besitzt allerdings viel lveuiger ungesättigte Kohlenwasserstoff-Verbindungen; die Verfasser des genannten Aufsatzes behaupten indessen, daß die ungesättigten Verbindungen sich bei dein natürlichen Erdöl im Laufe der Zeit durch Selbstverdichtung in gesättigte unigewandelt haben können.— Humoristisches. — Höchstes Mißtranen. A.:„Der Herr Oberförster muß aber ein rechter Aufschneider sein I"— B.;„lind ob I Dem glaub' ich nicht einmal mehr das Gegenteil I"— — Anno dazumal. Duodezfürst(zu seinem Minister des Aenßer»):„Welch' eigentümlicher Geruch durchzieht mein Land? 1" M i n i st e r:„Im Nachbar st aate, Hoheit, wird Kaffee g ebraiintl''— — Ein Vorsichtiger. A.:.... Aber lieber Freund, warum heiratest Du nicht?"— B.:„Ja weißt Du, so lange für die Standesämter nicht N o t ansgänge eingerichtet werden, trau' ich mich nicht hinein!"—"(„Flieg. Bl.') Notizen — In Heft IS des. K u n st w a r t s' wird die Errichtung einer Goethe-Stiftung angeregt. Sie soll der„Unterstützung des wertvollen dichterischen Schaffens im Wettbewerb mit der bloßen U n t e r h a l t li Ii g s l i t t e r a t« r' dienen. I» einer Petition an den Reichstag soll beantragt werden:„Der Goethe-Stiftung wird aus R e i ch s in i t t e l» eine jährliche Beihilfe von 250 000 M. gewährt. Das Urheberrecht an Dichtimge» erlischt fortan nicht mehr zn einen» bestimmten Zeitpunkt, sondern geht dreißig Jahre nach dem Tod des llrhebers in das Eigentum der Goethe- Stiftung über."— — Die Berliner S e e e s s i o« s b ü h u e wird im Juli in Wien Schlaikjers„Hinrich Lornsen" aufführen.— —„Der Leibalte", Komödie von Lothar Schmidt, hatte in Prag mit Albert Heine in der Titelrolle großen Erfolg.— —„Der letzte Knopf", das dreiaktige Volksstück von Julius v. G a n s- L u d a s s y, das für Berlin von der Censur nicht frei- gegeben wurde, ist von der Direktion des O l h m p i a- T h e a t e r S in Stockholm ailgenommen worden.— — I gnaz Brüll hat die Komposition seiner neuesten Oper „Der Herr der Berge"(Text von Gustav Kastropp) beendet. Das Recht der Erstanffühnmg hat sich Dr. Löwe für das „Breslau er Stadt-Theater" gesichert.— — Direktor Wald mann vom Apollo-Theater soll d i r e k t i o» s m ü d e sein und das Seepter niederlegen wollen. Baumeister Z i e g r e, der Besitzer des Theaters, wird, wie man sagt, fortan sein eigner Direktor sei».— — Der italienische Mnsikschriftsteller P. C a m b i a s i hat eS unternommen, biographische Notizen über sämtliche Komponisten i t a l i e n i s ch e r O p e r n zu sammeln. Die Zahl dieser Komponisten beläuft sich auf rund 2250. Diese 2250 Komponisten haben im ganzen 14 000 Opern komponiert, von denen aber nur 30 h e u t e n o ch a ii f g e f ii h r t w e r d e n.— — Die So nsa-Ka pelle, die augenblicklich auf der Pariser Weltansstellnng spielt, wird ihre Berliner Konzerte am 29. Juli wiederum im Garten des Neue n Opernhauses (Kroll) beginnen.— — Im lvissen schaftliche n Theater der Urania findet heute die letzte Sonntags- Aufführung des Vortrags„Von den Alpen z n m Vesuv" statt. Am Sonnabend wird Herr Franz Geerke zum erstenmal einen Vortrag über die Welt- a u s st e l I n ii g i» Paris halten.-- —es. D i e A u s f u h r russischerAItertiimer soll ver- boten werden. Die Moskauer archäologische Gesellschaft hat ein Projekt ausgearbeitet, demzufolge es streng verboten werden soll, russische Altertümer ins Ausland zu-schaffen. Außerdem soll den Ausländem verboten werden, in Rußland Ausgrabungen zu v e r a n st a I t e n, da derartige Ausgrabimgen von Jahr zu Jahr häufiger werden.—__ n. Druä und Ber.az von'Uta? Bading in Berlin.