Pr.»31. Kbmnttmt«»• Stbhtpng«: vbonntmenl»>Pr«t» ptinumctanb«: Bterrtltant«L0 Mr.. monatl i.lvM»., wöchiutttch SB PIg. fni tn* Hau«. Einzeln« Nummer» Psg. Sonnlag». Nummer mU illufirtenec Sonnlag»- «-Uage.»ie Neue Welt» 10 Psg. Post- Abonnement: SL0 Mark pr« Quartal. Eingetragen tn»er Post- Zeitung»- Pretilist» für isss unter»r. 1BK* Unter«reuzband für Teutschland und Oesterreich-Ungar» 3 Marl, für da« übrige«uiland S Marl pro Monat. Erscheint täglich außer»»»tag«. Devlinev VolKsblstt. 1«. Jahrg. Vir Insertion--Gebühr betrügt für die sechügespaliene Kolonel« »eile oder deren Raum 10 Pfg.. für poltNsch« und gewertschaftliche Vereins- und Versammlung«- Anzeigen L0 Pfg. ,,»leine Anseigeu" jede« Wort 5 Pfg. (nur da» erste Wort fett). Inserate für die nächst« Nummer müssen bi» t Uhr nachmittag« in derSxpedilion abgegeben «erden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und gesttagen bt« s Uhr vormittag» geöffnet. Fernsprecher!»ml I, Dr. lvOg. Telegramm-Adresse: «SorialdemoKrat Verlin" Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veuth-StraAe 2. Expedition: SW. 19, Beuth-Strafze 3. An die GenoAnen«nd Genossen wenden wir uns abermals zum Vierteljahrs> Wechsel mit der Bitte nnd Mahnung, mit aller Kraft für die Erweiterung unseres Leser- kreiscs im neuen, am 1. Oktober beginnenden Bierteljahr thätig zu sein. lieber die Bedeutung der Parteipresse, über die Not- wendigkeit, insbesondere dem„Vorwärts", dem Centralorgau dersocialdemokratischen Partei Deutschlands einen immer größeren Leser- kreis und damit eine immer größere Macht- und Einfluß-Sphäre zu erobern, brauchen wir den Genossen und Genossinnen gegenüber uns nicht des näheren auszulassen. Wir brauchen den Genossen auch nicht zu sagen, daß es ihre Pflicht ist, für die Verbreitung der Parteipresse zu wirken, und daß die Erfüllung dieser Pflicht im Interesse eines jeden ein- zclnen Parteimitgliedes ist, dessen Einfluß mit dem Einfluß der Partei wächst., Außer an die Genossinnen und Genossen wenden wir uns aber auch an das„Publikum" im allgemeinen und an diejenigen unserer Leser und Leserinnen, die noch nicht unserer Partei angehören. Wie eine Opposition im Parlament, so ist auch eine Oppositions presse eine politische Notwendigkeit. Wer die socialistische Presse nicht kennt, kennt nicht unser politisches Leben, ist unfähig, ein um- fassendes und treffendes Urteil zu fällen. Unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die außerordentlichen Erfolge der Socialdemokratie zum guten Teil dem Umstände zuzuschreiben sind, daß unsere Gegner die socialdemokratische Presse nicht kennen, während wir Social- demokraten uns sehr angelegentlich mit dem Studium unsrer Gegner beschäftigen. Wann aber wäre für unser Vaterland und für die Kulturwelt im allgemeinen eine ereignisreichere, entscheidungsschtverere Zeit gewesen, als gegenwärtig? Die Reibungen zwischen England und Rußland in Ostasien, stets die internationale Situation beunruhigend, ein Krieg zwischen Eng- land und den südafrikanischen Boeren-Freistaaten in Sicht, in Spanien und Italien Vetivirrung und Zerrüttung, in Oestrcich die lchtsn Bande sich lösend, die dieses buntscheckige Nationalitätcw bündel bisher zusammengehalten haben— und in Deutschland selbst eine politische Krise, die unser ganzes politisches Leben erschüttert. Einesteils der Kampf zwischen dem Kapitalismus und dein SocialismuS, andcrnteilS der Machtstreit zwischen Junker tum und Monarchie— das sind Fragen, von deren Lösung die Zu kunft unseres Vaterlandes abhängt. Die R e i ch s t a g s- S e s s i o n, die in der Mitte des nächsten Vierteljahre? beginnen wird. findet daS Zuchthaus-Geseh vor, daS noch nicht tot ist, und dessen Annahme in irgend ein erForm die E ii t r e ch t u» g der beut schon Arbeiterklasse wäre. Dazu kommen die V e r f a s s u n g s f r a g e n. Will der Reichstag sich nicht zu einer bloßen Jasage- und Steuer bewilliguugsmaschine herabwürdigen, so muß er seine Rechte und die Rechte der Regierung scharf begrenzen, und für die Volks Vertretung eine würdige Stellung im Staat crkänipfen. Das ist eine Lebensfrage. Den Parteigenossen bringt der Anfang des nächsten Viertel- jahrcS die Tagung des P a r t e i p a r l a m e u t S. Am S. Oktober tritt in Hannover der diesjährige Parteitag zusammen, der über die beiden wichtigsten Parteifragcn: die Taktik und das Programm zu verhandeln haben wird, lieber diese Verhandlungen, die für die Partei als Ganzes und für jeden ein zclnen Genossen von höchster Bedeutung sind, liefert der„VorivärtS' ausführliche Berichte, so daß jeder, der sie liest, im Geiste an den Verhandlunge» so gut teilnehmen kann, als ob er ihnen persönlich beiwohnte. In erster Linie für die Parteigenossen ist aber der„Vorwärts" K a m p f o r g a n. Heiße Kämpfe stehen uus bevor, und in diesen Kämpfen wird der„Vorwärts" seine Schuldigkeit thun. Er wird für jeden Parteigenossen eine gute Waffe sein— eine Waffe des Angriffs, eine Waffe der Abwehr. Und jeder Parteigenosse hat die heilige Pflicht, durch Verbreitung des„Vorwärts" die Wirksamkeit dieser Waffe zu erhöhen.— Im Untcrhaltmigsblatt beginnen wir am 1. Oktober mit dem Abdruck eine» ergreifenden, psychologischen RomanS Hanntt Von Peter Egge. Für Berlin nehmen sämtliche Z e i t u n g S sp e d i t e u r e, sowie unsere Expedition, Bcuthstr. 3, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von l Mark RO Pfennig frei ins Hans für den„Vorwärts" mit Unterhaltungsbeilage und der illustrierten Sonntagsbeilage .»Die Meue Melk**. Für außerhalb nehmen sämtliche P o st a n st a l t e n Be- stellungcn zum Preise von S Mark»O Pfennig fiir die Monate Oktober, November, Dezember entgegen.(Eingetragen ist der„Vorwärts" in der Post-Zcitungsliste unter Nr. 7820.) Die Redaktion des„Vorwärts". Das Komplott. Paris, 19. September. Zum zweitenmal binnen zehn Jahren fungiert der Senat als Staatsgerichtshof gegen Staatsstreichlcr: 1889 gegen die Boulangisten, 1899 gegen dieselben Elemente, die unter dem Sammelnamen„Nationalisten" ihr Handwerk treiben Uebrigcns ist auch der Name nicht ganz neu, denn die Bau langisten betitelten sich offiziell die„Nationale Partei". Die Feinde der Republik müssen sich hinter der nationalen oder nationalistischen MaSke verstecken, um ihren Plänen einen Anstrich von Popularität zu verleihen. Die früheren französischen Staatsstreichler, Napoleon I. und Napoleon Hl. „retteten die Gesellschaft", ihre stümperhaften Nachäffcr wollten das Vaterland, die Nation retten; jene erdrosselten die Republik im Namen des bedrohten Eigentums, diese suchen dasselbe im Namen des bedrohten Vaterlandes zu erreichen In dieseni Verhältnis spiegelt sich wieder der ganze Unter schied zwischen den Staatsstreichs-Situationen von ehemals und heute. Die Staatsstreichler der dritten Republik sind nicht in der Lage, die Niederlage einer revo lutionärcn Bewegung und die Klassenangst der Be sitzenden auszubeuten. Sie sind gezwungen, innner wieder von der nationalen Niederlage von 1870/71 zu zehren und die chauvinistische Stimmung einer social sehr gemischten Masse in ihren Dienst zu stellen. Daher die Aussichtslosigkeit, wenn auch nicht die Harmlosigkeit ihrer Umtriebe. Mit dem Chauvinismus einer social gemischten Masse läßt sich wohl unter Umständen ein kriegerisches Abenteuer bewerkstelligen oder erleichtern, aber kein staatsstreichlcrisches Abenteuer, kein Bürgerkrieg. Wie sehr die chauvinistische Nachwirkung von 1870/71 bei den Boulangisten und den Nationalisten ausschlaggebend war, zeigt der Umstand, daß die b o n a p a r t i st i- scheu Prätendenten, das heißt die Nachfolger der Dynastie, die die nationale Niederlage v e r schuldet hat, abseits von den Staatsstreichs- Umtrieben blieben. Die monarchistischen Drahtzieher nnd eventuellen Nutznießer des Staatsstreichs scharten sich Ende der 80cr wie Ende der 90er Jahre um den orlcanistischen Prätew denten. Vergleicht man im einzelnen den Nationalismus mit den» Boulangismus, so findet nmn in diesen generell gleichen Bewegungen einige Unterschiede, die als Unterschiede der Art zu bezeichnen wären. Die Vorteile, die der Nationalismus im Vergleich mit dem Boulangismus aufzuweisen hat, werden durch mindestens ebenso schwerwiegende Nach teile aufgewogen. Der Nationalismus konnte ans die Mitwirkung einiger prätorianischer Generale und die prätorianische Stimmung der großen Mehrheit des Offizier corpS rechnen, während der rebellische General und als solcher von der ganzen Staatsmacht behandelte Bonlanger in der Armee isoliert stand. Dafür aber genoß der„drav' general" eine Popularität innerhalb der breiten Volksmasse, wie sie den verbrecherischen Vorkämpfern des Militärklüngels nie auch nur in einer tausendfach geringeren Dosis zu teil Ivurde. Die Mercier, Rogct, Boisdeffre, Gonsc nnd Kon sorten sind und bleiben alle zusammen»vcniger populär als der prächtige Rappen des Generals Boulanger. Die Ratio nalistcn zählen in ihrer Armee einen gut organisierten a n t i- fem i tis ch c n Flügel, der einerseits die Vorhut des Klerikalismus und andererseits die kämpfenden Elemente des verfallenden Kleinbürgertums darstellt. Aber diese im Antisemitismus krystallisierte Unzufriedenheit eines Teiles des Kleinbürger tumS kann sich als Angriffskraft nicht im entferntesten messen mit der vagen, aber stürmisch die Bourgcoisrepublik um tosenden Unzufriedenheit der großen Masse des Kleinbürger tums und der socialistisch noch nngeschulten Arbeiter, die der demagogischen Fahne des Generals Boulanger folgten. Die Nationalisten besaßen den Vorteil, jahrelang von den ver räterischen Ministerien Mcline nnd Dupuy direkt unter- tützt oder vom schwächlichen Ministerium Brisson indirekt gestärkt und geschont zu iverden, während die Boulangisten ziemlich von Anfang an auf den entschlossenen Widerstand der republikanischen Regierung und der geeinigten Republikaner stießen. Aber die direkte und indirekte gou- vcrnementale Hilfe konnte nicht die fehlende Unterstützung ieitens der Masse ersetzen, die in ihrem aktiveren Teil mit der Zeit unter dem Einfluß der socialistischcn Partei direkt gegen die Staatsstreichlcr auftrat. Der trocken-sachliche Bericht des Oberstaatsanwalts vor dem Staatsgerichtshof, der zu de« obigen Betrachtungen anregt. läßt keinen Zweifel darüber, daß eS nicht der Mangel an Energie und Skrupellosigkeit ist, was die nationalistischen Umtriebe zum Scheitern gebracht hat. Der Bericht zeigt auf Grund notorischer Thatsachen und antenthischer Dokumente, daß die royalistisch-patriotisch-antiscmitischen Verschwörer keine Gelegenheit zum Losschlagen unbenutzt ließen. Nach jeder mißlungenen Aktion sammelten sie ihre Kräfte wieder, um eine neue Aktion ins Werk zu setzen. Es seien hier nur die ernsteren Versuche aufgezählt. Am 2ö. Oktober 1898, am Tage des Wiederzusammen- tritts des Parlaments, sollte die verräterische Demission des Kriegsministers Chanoine auf der Kammer- t r i b ü n e das Signal zum Staatsstreich geben. Der Bericht sagt hierüber: „Die unvorhergesehene Demission des Generals Chanoine im Gefolge eines vorbedachten Angriffs (seitens Deroulödes, der mir nichts, dir nichts in den be- leidigendsten Ausdrücken über den Kriegsministcr herfiel, um diesem die Gelegenheit zur Demission zu liefern), gegeben auf der Tribüne,— eine beispiellose T h a t s a ch e— entfesselte einen wahren Tumult".... In verblümten Worten deutet also der Staatsanwalt die Verabredung zwischen Chanoine und Doroulöde an. Wenn der Bericht nicht über die verblümte Andeutung hinausgeht, so wohl nur wegen Mangels an j u r i st i s ch e n Beivcisen. Die verabredete und vorbedachte Pronunciamento- Absicht geht nichtsdestoweniger aus dem Sachverhalt mit voller Evidenz hervor. Zugleich niit dem Pronunciamento auf der Kammertribüne und in Voraussicht desselben waren die streitbaren Banden der Patrioten, Nationalisten, Royalistcn und Antisemiten auf der Place de la Concorde, vor dem Kannnergebäude, zusammen- gezogen... Aber der Erfolg der großen Aktion? Der Sturz des Kabinetts Brisson infolge der perfiden Partei- manöver des Mclineschen Klüngels und die Niederknüppelunq eines Polizeikommissars durch den antisemitisch-royalistischen Banditen Jules Guörin. Der Bericht verschweigt natürlich die beiläufige, aber sehr bezeichnende Thatsache, daß Guerin vom Zuchtpolizcigericht freigesprochen wurde! Der Bandit war, wie alle Anführer der patriotischen Staatsstreichlcr, un- antastbar.... Dann folgte der militärische Putsch D ö r o u- l ö d e- R o g e t am 23. Februar 1899, am Tage des Begrab- nisscs F. Faures, und das Attentat auf den Prä- s i d e n t e n L o u b e t am 4. Juni 1899. In allen Aktionen ist das Zusammenwirken der ver- schicdencn Elemente der Staatsstreichs- Organisation ebenso klar erwiesen,>vie ihr Mißerfolg infolge der Gleichgültigkeit der Masse feststeht. Schließlich sei erwähnt, daß die kürzlich von der„Petite Republique" gemachte Enthüllung über die Versuche des Herzogs von Orleans, die Gewerkschaften in den Dienst des Staats- strcichs zu stellen, im Bericht des Obcr-StaatSanwalts bestätigt wird. Der Bericht weist nur eine Lücke ans. Er spricht in allgemeinen Ausdrücken davon, daß Doroulöde, was übrigens aus dessen öffentlichen Aeußerungen bekannt ist, stets auf folgendes Mittel rechnete:„Einen Volksaufruhr unter gleich- zeitiger Mitwirkung einiger A r m e e ch e f s und der diesen zur Verfügung stehenden Truppen." Man erfährt aber nichts über die Persönlichkeit der prätorianischen „Armeechefs". Da wäre es eine dankbare Aufgabe für die UntersuchungSkommission des Senats, die Ergebnisse der vor- läufigen und obe rflächlichen Untersuchung des Richters Fabre nach dieser Richtung zu ergänzen. Wird sie es aber wagen?.. Sonst hat bereits die vorläufige Untersuchung eine Ueber- fülle von Belastungsmaterial gegen die Verschwörer geliefert. Und der erste Beschluß des Staatsgerichtshofes, der m i t allen gegen bloß 32 Stimmen gefaßt wurde, zeigt, daß der Senat durchaus von der Notwendigkeit der Regierungsaktion überzeugt wurde. Es hat also nichts zu bedeuten, daß die Gencralstabs- presse den Bericht des Oberstaatsanwalts für bcweislos, für einen„Roman"» für eine„Sammlung von Klatschgeschichten" erklärt. Die Jnstizinordpresse, die in Sachen Dreyfus die Klatschgeschichte», Falschzeugnisse, Meineide und Fälschungen als„niederschmetternde Schuldbeweise" betrachtete, ist durch das gleiche Partei Interesse genötigt, die zwingenden Schuld- beweise gegen die Staatsstrcichler in Klatschgeschichten umzu- alschen._ politische Uebevsstcht. Berlin, den 20. September. Zur Nachwahl im Wahlkreise Pirna-Scbuih. Ans Dresden wird uns vom Dienstagabend geschrieben: DaS vollständigste Resultat, das bis jetzt genau zu ermitteln lvar, ist das schon gester» nachts telegraphierte. Demnach hat Fraß- dorf(Soc.) 11804. Lotze(Antis.) 10 447 und«st roh dach(frs.) 1787 Stimmen(siehe unten). Es hat bestimmt eine Stich- ivahl zwischen Lotze und Fräßdorf stattzufinden, da die ' c ch S noch anSstchenden Orte an dem Gcsamtresultat nichts ändern. ES sind in diesen Orte» an der vorigen Wahl insgesamt 474 Stimmen abgegeben tvaxden. Davon entfielen 285 auf die Gegner, 180 auf Fräßdorf. Das Resultat dürfte sich also ivahrschcinllch noch um etiva 100 Stimmen zu Ungunsten der Socialdcmolratie verschieben. Nach dem Stand des eben mit- geteilten Resultates sind uns die Gegner zusammen um 870 Stimmen voraus. Diese Differenz wird sich, wie bemerkt, auf etwa 1000 Stimmen erhöhen, die dann bei der Stichwahl herausgeholt iverden müssen. Der Grund, daß ivir nicht im ersten Wahlgange siegten, ist in der außerordentlich starlen Wahlbeteiligung zu suchen. Die Gegner haben, getrieben von der Angst um den voraussichtlichen Verlust des KreiseS, alles aufgeboten und heran- geschleppt, während, wie schon jetzt ans den einzelne» örtlichen Resultaten«rsichtlich ist, viele Arbeiter nicht gewählt haben. Das geht auch ans den Wählerlisten. soweit sie unS zur Verfügung standen, hervor. Hier wird von uns ganz besonders bei der Stichwahl eingesetzt werden miiffcn, um die Reserven heranzu» holen, während die Gegner gar keine Aussicht, noch mehr herauSzu» chlagcn, haben. Eine»och größere Agitation zu entfalten, als wie geschehe», ist auch unsererseits unmöglich. Unter Einrechnung deS voraussichtlichen Resnltates der noch fehlenden Orte werden etwa rund 24 000 Stimmen abgegeben «vorden fein, gegen 121778 im Jahre 1808. Von dem Mehr entfallen dann rund 1500 auf Fräßdorf, 800 auf die Gegner zu- saniincn, Bei der Wahl 1898 betrug die Differenz zlvischen unS und den Gegnern 1701 Stimmen. Bekanntlich wurde damals der Anti- semit im ersten Wahlgange gewählt. Schon im Jahre 1898 hatten «vir Stichwahl mit den Antisemiten zu bestehen, Ivo uns die aus« schlaggcben den Freisinnigen durchfallen ließen. Man wird ja sehen, ob sie diesmal ihr Eintreten fiir Volksfreiheiten in der gleichen Weise bethätigen werden. In Bezug auf Einzclresultate sei nur kurz einiges bemerkt. Der größte Ort Pirna hat verhältnismäßig am schlechtesten für uns geivählt. Hier wurden zur vorigen Wahl für uns 1234, für die Gegner 1280 Stimmen abgegeben. Diesmal erhielten letztere 1413, wir 1263 Stimmen. Hier scheint uns der Freisinn etwas ge- schadet zu haben. Ganz schlecht hat das GcbirgSstädtchcn Glashütte gewählt. Unsere Stimmen sanken hier nnr 33. während die Gegner 44 mehr erzielte». Der Jndustriebezirk Mügeln- Heidenau hat sich gut gemacht. In Mügeln stiegen unsere Stimmen um III, in dem kleinere» Heidenau sogar von 212! auf 427, also um 215, während die Gegner in beiden Orten zusammen nur 25 Stimmen mehr er« zielten. In Sebnitz stiegen unsere Stimmen um 77, die der Gegner um 07. Es ist begreiflich,«venu hier am Wohnort des freisinnigen Kandidaten, dessen Stinmicnzahl von 114 auf 286 stieg, die der Anti» semiten entsprechend zurückging. Die Situation ist diesmal bedeutend g ün stt g er für die Stichwahl, als im Jahre 1893. Die Genossen werden mit aller Energie und Feuer von neuem an die Agitation gehe». Sie setzen ihre Ehre dann, den Kreis zu erringen. Von anderer Seite wird das Wahlergebnis in anderen Ziffern mitgeteilt. Danach habe F r ä ß d o r f 12 027, L o tz c 11 650, S t r o h b a ch 1097 Stimmen erhalten. Das Verhältnis der Partei-Entwicklung ist,«veim diese Zahlen die richtigen sind, kein anderes als bei Gültigkeit der von uns gestern gegebenen und in obiger Korrespondenz wiederholten Zahlen. Zwar hätte alödann Lotze 530 Ttünnien m e h r als im Vorjahre erhalten, aber die Zu- nähme der socialdemokratischen Stimmen Iviirde nicht 1443, sondern 2620 Stimmen betragen. •• * Einen sehr lustigen Artikel schreibt die„Staatsbürgcr-Zeitung über den Wahlausgaug. Sie sagt u. a.: „So hat denn der 18. September erneut bewiesen, daß die dcutsch-sociale Rcformpartei ein festes Bollwerk gegeu die Sturmfluten der vaterlandslosen, mittel- standsfeindlichen Socialdemokratie bildet. Das ist doppelt erfreulich in einer Zeit, in der manche der alten Parteien immer mehr an Widerstandsfähigkeit gegen den Umsturz verlieren." Die Herren Antisemiten, die vor kurzen Jahren noch das halbe Deutschland zu erobern gedachten, sind bescheiden geworden. Sie waren 1808 der Socialdemokratie nm 1000 Stimme» voraus, jetzt stehen sie um 1000 Stimmen hinter ihr znrück. Wir freuen uns solch'„fester Bollwerke" unserer Gegner I Die„Staatsbürger- Zeitung" vcrschiveigt auch«vohlweislich, daß die Stimmen, die auf ihren Lotze fielen, keineswegs sämt l i ch der deutsch- socialen Sicformpartei zuzurechnen sind. Herr Lotze ist bekanntlich„Ordnungskandidat". Die Herren„Reformer welche einst mit so großen Worten gegen die„überlebten alten Parteien"«vetterten, nehmen gern die Wahlhilfe der Konservativen nicht nur, sondern selbst der„ v e r- j u d e t e n" N a t i o n a l l i b e r a l e n an. Diese beiden Parteien stellten keine Kandidaten auf, sondern traten sogleich für Herrn Lotze ein. Die Wahl ist darum für die„Reformpartei" nicht nur ziffernmäßig ein Reinfall, sondern vor allem— von ihrem eigenen Parteistandpuukt betrachtet— moralisch—«venu sich bei den Antisemiten von Moral überhaupt sprechen läßt!— ein Zusammenbruch, eine feige Selbstaufgabe, eine Kapitulation vor der angeblich zu bekämpfenden konservativen Reaktion. »« * Roch lieblicher ist das Liebeswerbeu, das jetzt die Antisemiten gegenüber de» Freisinnigen für die Stichwahl beginnen. Der „Pirnaer Anzeiger" bettelt um die frcisimügen Stimmen und die „Staatsbürger- Zeitung" rühmt der freisinnigen Partei im Pirnacr Wahlkreise„tüchtige, aber maßvolle Wahlarbeit" nach. Kurz vor der Hauptwahl verbreiteten die Antisemiten Flug- blätter, in denen der Freisinn aufs heftigste beschimpft und niit Liebenswürdigkeiten traktiert wurde wre die, daß die Politik der Freisinnigen läppisch und blödsinnig sei. Jetzt aber sagt die Staatsbürgerin: „Dieses Mehr an bürgerlichen freisinnigen) Stimmen fällt bei der Stichwahl zweifellos wieder dem Kandidaten der Ord- uungsparteien zu, auch«venu die socialdemokratischen Soldschreiber im �Lager des Berliner Talmifreisinns sich bereits im voraus darüber entrüsten, auch wenn die verkappten Socialdemokratcn in der Cohnschcn„Volks-Zeitnng" und in der llllsteinschen „Berliner Zeitung" es heute schon als eine„Schmach" empfinden, daß ein Antisemit mit freisinniger Hilfe siegen sollte. Die freisinnige Partei Sachsens läßt sich von den socialdemokratischen Soldschreibern Berlins nichts vor- machen, sie hat klarere Begriffe über politische Ehre und würde eine Schmach nur darin finden, wenn infolge der Lauheit des Bürgertums die vaterlandslose Social- demokratie siegen und in demjenigen Bundesstaate, der in «virtschaftlichen' und nationalen Fragen als Pfadfinder gilt, die Mehrheit der Reichstags- Mandate erringen sollte." Dagegen stellt die„Freisinnige Zeitung" fest, daß die Pintaer freisinnigen gerade dem engen Zusammenwirken init der Berliner entralleitung das Anwachsen ihrer Stimmenzahl zu verdanken hätten.— Vveizstts in Freiheit. Aus Paris wird gemeldet: Dreyfus hat heute früh 3 Uhr, von der Bevölkerung fast nnbeinerkt» Rennes verlassen und ist mit dem Zuge nach Nantes abgereist. Präsident L o u b e t und sämtlich« Minister werden vom „Figaro"«vegen der Begnadigung des Kapitäns Dreyfus be- glückwünscht. Der„Figaro" schreibt:„Dieser lobenswerte Akt «vird zum Gleichgewichte zwischen Frankreich und der übrigen Welt beitragen und auch Frieden unter den verschiedenen Parteien des Landes herbeiführen!" Die„Lanterne" sagt, das Leide» eines Menschen sei verringert«vorden, doch habe die Äerech- tigkeit keinen Schritt vorwärts gemacht. DaS Blatt will erfahren haben, daß Dreyfus sich nach dem Süden Frankreichs begeben und dort seine Rehabilitierung abwarten«vird. Die Zeitungen„Journal",„Echo de Paris" und „Gaulois" tadeln die Begnadigung Dreyfus' in der heftigsten Weise. Die Begnadigung, sagen sie, komme«veder zur rechten Zeit, noch unter den gewünschten Bedingungen. Dreyfus dürfe nicht allein begünstigt, sondern eine Amnestie müsse für alle mit der Dreyfussache in Verbindung stehenden Angelegenheiten, auch für die Komplottaffaire, erlassen werden. In Reimes und Paris herrscht völlige Ruhe. Die Be- gnadigung DreyfuS' sowie die Aufhebung der Belagerung der Festung in der Rue Chabrol«vird überall lebhaft besprochen. wurde gegen 2Vz Uhr durch eiire Abteilung berittener republikanischer Garde, zahlreiche Polizeibeamten und Truppen unter dem Befehl des Generals Daistein verstärkt. Alle in die Rue Chabrol ein- mündenden Straßen wurden durch eine dreifache Kette von Polizei- beamten und Soldaten abgesperrt. Außerdem hpurdm 20 Wagen und 200 Geniesoldaten als Reserve in der benachbarten Kaserne I-a nouvvllv b'rano" bereit gestellt. Hin 3 Uhr kamen zwei Wagen der Löschmannschaft mit Löschiverkzeugcn an. iuerins, Millevoye Inzwischen hatten der B r u d e r und mehrere andere Fremide Guörins nachts mit diesem eine Unter rednug und suchten ihn zu bewegen, sich ohne«veitere Aufforderung zu ergeben. Um 4 Uhr«vurde dann die Thür dcS HaufeS in der Rue Chabrol geöffnet. Gusrin trat heraus in Begleitung von Millevoye, Lastes und seiner sämtlichen Genossen. Gusrin wurde dann sofort am Eingang des Hauses von einem Kapitän der Sicherheitspolizei verhaftet nnd zu Wagen nach de«« Poltzeidepot gebracht. Die Genossen Guärins wurden unbehelligt gelaffen und begaben sich nach ihren Wohnungen. Damit ist die Posse der„Belagerung des Forts Chabrol" endlich beendet. ES ist nur nicht zu verstehen,«varum die Regierung dieses Ende nicht schon längst herbeigeführt hat.— GueriuS Uebergabe. Mittlvochnacht wurden energische Maßregeln getroffen, um da« Haus in der»tue Chabrol um 4 Uhr früh z» erstürm«»«. Die bisherige militärische und polizeiliche Wach« in der Rue Chabrol Beleidigmtg deS Sultans. Zu der von uns bereits kurz gemeldeten Anklage gegen unseren Parteigenoffen Van Kol wegen Beleidigung der türkifchen Majestät «vird uns noch mis Amsterdam geschrieben: Während die Friedenskonferenz im Haag tagte, beabsichtigten einige Vertreter der Jnng-Türken und Armenier, in öffentlichen Wer- faminlungen ihre Einwände gegen das Sultait-Regiment anzn bringen. Nachdem ihnen dies durch politische Kniffe unmöglich gemacht war, gelang es ihnen, den Beistand des fortschrittlichen Abgeordneten Kcrdyk zu gewinnen und die geplante Versammlung abzuhalten. Im letzten Augenblick aber zog Herr Kerdhk sich zurück und daran «vnndten die türkischen Verbaimten sich an den socialistischen Ab> geordneten Van Kol. Dieser führte dann den Vorsitz in der Versammlung, er er- öffnete sie mit einer kurzen Rede, worin er die Regierung des Sultans als usurpatorisch brandmarkte und Abdul Hamid, nach GladstoiieS Wort,„den gekrönten Mörder" nannte. Nach ihm nahmen der Jimg-Türke Ahmed Riza und der Armenier Peter Aiimcghlau das Wort. Die Versammlung führte zu einer Herausforderung zum Duell seitens des türkischen Delegierten zur Friedenskonferenz an Ahmed Riza. Der Jung-Türke antwortete mit einer Verweigerung, um nicht die LmideSgesetze zu übertreten und gegen die Gastfreiheit Hollands zu verstoßen. Wichsiger als diese in Holland ungelvöhiiliche Balkan Posse,«velche nur allgemeine Heiterkeit zur Folge hatte, war es, daß die holländische Regierung, augenscheinlich unterm Antrieb dcS türkischen Gcfandten, eine gerichtliche Berfolgung gegen die beiden Fremden in Scene setzte und auch den, allerdings erfolglosen, da ungesetzlichen Versuch machte, sie über die Grenze zu expedieren. Jetzt ist ein weiterer Schritt auf dem Wege der Gefälligkeiten für den Sultan gemacht. Gegen Genossen Van Kol ist eine Klage angestrengt«vegen Beleidigung des SultanS, und er«vurde bereits durch den Untersuchungsrichter vernommen. Man darf gespannt sein,«vie weit die Bedientenhaftigkeit von Justiz und Regierung gehen«vird.— «• Deutsches Fleich. Mtlitiirkonflikt in Sicht? Für die„Freisinnige Zeitung" unter- liegt es auch nicht dem mindesten Zlveifel, daß eine Wieder- aufnähme der Forderung der HcereSverstärkung um«veitere 7000 Mau» in dieser Session gleichbedeutend sein«vürde mit einem M i l i t ä r k o n f l i k t: denn die gesamte Centrmnspartci würde sich aufs ärgste bloßstellen,«veiin sie sich schon jetzt auf irgend welche weiteren Bewilligungen einlassen ivollte. Der Militärkonflikt' kommt natürlich nicht. Denn das Centrum «vird eben die„Vorbcdingimg" jener Tänschungs- Resosiition vom Frühjahr erfüllt sehen und den von den Sachverständigen angebotenen Beweis der Unmöglichkeit, mit der bewilligten Präsenzstärke von 495 000 Mann die zweijährige Dienstzeit aufrecht zu erhalten, für gelungen erklären. Dnnklc Drohungen. Die„Kreuz-Zeisimg" winkt in einer Briefkasteu-Notiz mit drohender Gespensterhand: Herrn H. in M. bei I. Die Besorgnis, der Sie Aus- druck geben, hat sich vielen konservativen Männern aufgedrängt. Allerdings«vird man. so lange nicht unzweifelhafte Beweise vorliegen, den Gegenstand öffentlich mit großer Vorsicht behandeln müssen. Wohin das zielt, wissen natürlich nicht mir die Absender deS Pfeils, sondern auch die Adressaten. Wir glauben, daß dieser aller- dingS ziemlich stark nach dem Revolver riechende Einschnchterungs- versuch des Junkeriums weit Ivirksamer sein wird, als die leeren Drohungen der Regierung, die mit hohlen Zähnen die agrarische Nuß zu' knacke» sucht; es«vird vermutlich auch etivas knacken, aber nicht die Nuß.— Unheilbar. Die antisemitischen Blätter haben Jahre lang an dem Feuer des Drcyfnssche» Laudesverrats ihre bösen Träntlein gebraut. Nun ist das Feuer verlöscht. Der Verräter ist von der Regierung seines Landes, weil unschuldig, begnadigt worden. Welche Not für das Jndeiifresicrtui» I Soll es der Wahrheit die Ehre geben? Unmöglich I Also von Lüge zu Lüge, bis das Lügen die Spatzenhirne völlig zerrüttet hat und die bewußte Unwahrhaftigkeit in das Pathologische gerät. Die„Staatsbürger-Zeitnng" ivill sich durchaus ftir Dalldorf reif erweisen: „Nu» ist der Dreysus-Nuinniel beendet, Dreyfus ist vouLonbet begnadigt und hat als Entgelt dafür seine Revision zurückgezogen. So wird der Handel zwischen der Re- gierung und dem Syndikat abgeschlossen; die Regierung ist aus der Angst heraus, die ihr ein neuer Prozeß mit den schließlich doch nnabwcudbareii Eiithlllluiigeii über die Spionage DreyfuS' mit Rußland verursachte, und die Jude» habe» ihren geliebten Stammesbruder wieder. Daß die Zni'ückzichnng der Revision von feiten DrcysnS' das offene Eingeständnis seiner Schuld bedeutet, brauchen wir nicht erst zu erörtern. Wen» Dreyfus sich unschuldig fühlte, hätte er diese Aus- flucht nie benutzt, hätte auch die Judeuivelt diese Blamage nicht zugelassen." Und die„Deutsche Tageszeitung" sucht der wahnsinnsverwandten Staatsbürgerin" die Tobsuchtszelle streitig zu machen: „Damit ist denn die Angelegenheit, welche Frankreich in un« endliche Wirren gestürzt hat, als erledigt zu betrachten, da Dreyfns seine Revisionsanträgejizurückgezogeil hat und nunmehr kein Gericht mehr mit der Sache befaßt werden kann. Es ist vorauszusehen, daß die jüdische Presie sich so stellen wird, als ob sie mit dieser Lösung der Drcyfussrage nicht zufrieden ist und die Benifung für notivendig erachtete. Aber damit würde sie sich dreyfüslicher als Dreyfus selbst und seine Verteidiger gebärden und deshalb keinen Eindruck mehr machen können. Die Agitation ist ihreS Zugmittels auf die urteilslosen Massen durch die Begnadigung entkleidet worden. DaS Hauptgewicht ist darauf zu legen, daß Dreyfus selbst die Revision zurückgezogen hat. Darin liegt ein Eingeständnis, ein Zeugnis seines Schuld« bewußtsein«, wie schon der Verzicht LaboriS auf eine Verteidigungsrede für jeden denkenden Menschen die Lage der Dinge genügend klarlegte." Eine Irre» heil anstatt thut eS für diese Leute nicht; sie find unheilbar. wenn schon die daß man den Landesverrats Der„Hamburg. Korrespondent", ein regierungS- freundliches und oft offiziös bedientes Blatt, sagt zu der Begnadigung Drcysuöj— übrigens übereinstimmend mit allen Leuten, die noch vernünftig denken'können: „Doch ivic dem nun�auch sein mag, in Deutschland kann man sich jedenfalls bei diesem Ausgang der Sache beruhigen. Denn „mildernden Umstände" von Renues erkennen ließen, Angeklagten des in dcuischem Solde begangenen nicht für schuldig hielt, so proklamiert der Be- gnadigungsbeschluß der Regierung diese llcberzeuguug laut und vor aller Welt. Einen Generalstabsosfizier, der um schnöden Judaslohn, den er nicht einmal brauchte, also aus purer, ab- grundtiefer Gemeinheit dem deutschen Militärbevollmächsigten die int Bordereau aufgezählten Schriftstücke ausgeliefert, hätte die Regierung nicht begnadigen dürfe» und sicherlich auch nicht begnadigt, so wenig, wie eS dem Kriegsgericht in den Sinn gekommen wäre, ihm mildernde Umstände zuzubilligen. Darin, daß Dreyfus nunmehr begnadigt wird, liegt somit das EiiigeständiiiS der französischen Regierung, daß die jüngst durch den„Rcichs-Auzeiger" wieder aufgefrischten früheren Erklärungen des Grafen Münster und des Hern» v. Bülow der Wahrheit entsprochen haben. Und damit ist die Sache als poli- tische Angelegenheit für uns erledigt; die Stimme der Menschlich- keit aber braucht sich jetzt wenigsteus nicht mehr zum Protest zu erheben, wenn der Belroffene selbst mit diesem Abschlüsse seiner Leideuszeit sich zufrieden giebt. Ein leises Mitgefühl freilich wird in iveicheren Herzen noch lange uachzitlern, und nicht ohne Grund; denn ein tingerecht Verurteilter ist Alfred Dreyfus trotz alledem gewesen und hat als solcher unerhörte, namenlose Qualen erduldet."_ Gewerbsmäßige Verrnfserklärungen. Gelegentlich der Verhandlungen, die im Jahre 1897 vor dem Einiguugsamt des Berliner Gewerbegerichts zur Beilegung des FornterstreikS gepflogen wurden, kam die Rede auch auf die „Schwarzen Listen" des Verbandes der Metall- Industriellen. Einer der Arbeitervertreter machte mit vollem Recht die Unternehmer verantwortlich für den Ausbruch des Streiks, der nur eine Folge sei der ungeheuren Erbitterung, welche das System der Schwarzen Listen bei den Arbeitern hervorgerufen habe. Da standen die Vertreter bcr Uliternchmcrauf, einer nach dem anderen und erklärten feierlich, daß ihnen von einem System der Schwarzen Listen„nichts bekannt" fei. Am nächsteit Tage aber fand eine öffentliche Modelltischlcr-Versamniluiig statt, in der das Gegenteil der Behauptungen jener Herren bewiesen wurde, indem dort eine Liste gematzregelter Former veröffentlicht ward. Seitdem sind zwei Jahre vergangen und— die Schwarzen Listen bestehen noch immer. UnS liegt folgendes Schriftstück vor: „Mitteilung. Der ArbeitSnachweiSstelle teile ich hierdurch mit, daß der I. C., Klempner, heute von mir«vegen Streik ent- lassen worden ist, und stelle das weitere Verfahren gegen Oben- genannten anheim. B., 13. September 1899. Leo Biskupski, Bauklempner, Gr.«Lichterfelde. Diese„Mitteilung" ist ein von der Arbeitsnach>vei»stelle an die Betriebsinhaber verabfolgtes Formular. Der in den Tücken de? Systems nicht belvanderte Klemmeister gab naiver Weise diesen Schein dem Gehilfen selbst, anstatt ihn der Arbeitsnachwei«- st e l l e einzusenden; vielleicht hielt er den Schein für ein ZeugntI nach Art des Gesindedienstbuchs. Ein andere« Formular, das un» dieser Tag» zugestellt würbe, trägt folgende bezeichnende Ueberschrift: „Mitteilung". Lediglich zur Anmeldung von Aufwieglern, Renitenten, Trinkern«c. zu benutzen. Dem Verband Berliner Metall- Industrieller teile..." ES folgen nun die gleichen Rubriken, wie bei dem vorbezeichneten Schema. Am S»dr befinden sich noch folgende Rubriken:»Be- Merklingen der ArbeitsitachweiSstelle."„Eingegangen... Nr...." Sicherlich würden jene Herren, von denen wir oben sprachen, auch heute»och versichern, daß ihnen davon„nichts bekannt" sei. Und vielleicht mit Recht, für dergleichen uitsaubere Arbeiten hat man „seine Leute". Diese sorgen gegen gute Bezahlung dafür, daß die Herren Unternehmer ruhig schlafen mögen, daS Arbeiterpack wird schon für sie in Zucht gehalten.— DaS Recht auf Boykott. Man schreibt uiiS aus Hamburg: Der Redacteur des„Weckruf der Eisenbahner", Heinr. Bürger in amburg, hatte in einer Versammlung der Verkehrsarbeiter im ezcmbcr v. I. bei einer Besprechung des Boykotts als Waffe im ivirtschastlicheit Kampfe u. a. gesagt: Auch die Hamburger Polizei- behörde habe sich gelegentlich des Bäckerstreils im Sommer 1893 des Boykotts bedient, indem sie einem Bäckermeister, der lange re das Brot für die Polizeigefaitgcnen geliefert hätte, plötzlich diese Brotlicfcruiig entzogen habe, Iveil er die Forderungen der Bäckergesellen bewilligt hätte. Wegen dieser Aeußerung wurde gegen Bürger Aukläge wegen Beleidigung der Hamburger Polizeibehörde erhöben. Das Schöffengericht erkannte auf kostenlose Freisprechung, da» Landgericht hob dies Urteil jedoch auf und ver- urteilte B. zu 14 Tagen Gefängnis. Dagegen legte der Verteidiger Freiherr v. Oldershausen Revision em. infolge deren daS Hanseatische Oder-LandeSgericht daS la»d- gerichtliche Urteil aufhob und den Angeklagten kostenlos frei« p r a ch. In den sehr interessanten und sehr umfangreichen Urteils- gründen nimmt das Ober-Landesgericht eutschieden Stellung gegen den Standpunkt deö Landgerichts, daß der Vorwurf des Boykottiercns an sich ehrenrührig sei. weil in dem Begriff deS Boykotticrens, der der Verrufscrklörung im Sinne des 8 153 der Gewerbe-Ordnung gleichzurechneu sei, ein gehässiges„Verfehmen",„in die Acht erklären" liege. Das Ober-LandcSgcricht sagt: „Eine solche Definition des Begriffes„Boykott" stehe im Widerspruch mit dem in der NeichS-Geiverbe-Ordniiiig rnthaltencit Grundsatz der Koalitionsfreiheit. Allen Gewerbetreibende» usw. seien nach Z 152 der Gewerbe- Ordnung Verabredungen oder Vereinigungen behnfS Erlangung günstiger Lohn- und Arbeits- bcdingungcn gestattet, jedem Gewerbetreibenden stehe die Be- teilignng an solchen Verabredungen zu, nnd nur würden nach§ 153 der Gewerbe-Ordnung einzelne speciell angesühtte zur Erziclimg solcher Beteiligung mit Strafe bedroht. Unter keinen Umstäiideit sei der Boykott der Vernifserklärung im Siniie des 8 lö3 der Geivcrbe-Ordnung gleichzustellen, sonst müsse ja jeder Boykott be- straft werden. Das sei bisher aber noch niemals in der Judikatur oder der juristischen Litteratur und Theorie zu rechtfertigen' versucht worden. An sich enthalte darum der Vorivurf des Bohkottierens nichts ehrenrühriges, souderu es konmte auf die Gründe, iveshalb die.Verfehmuiig' ausgesprochen, und die Zweck«, die damit verfolgt wurden, an. Man könne sehr wohl de» gesellschaftlichen»utd wirtschaftlichen Verkehr mit einer Person abbrechen oder andere abzubrechen veranlassen aus sittlichen und vollkommen ehrenhasten Mosiven. Die Polizei könne also unmöglich durch die Aeußerung de» Angeklagten in der Meinung der Oeffenttichkeit herabgewürdigt sein. «gitaiorislye Finten. Die„Deutsche Tageszeitung" erklärt jetzt, daß die Aufforderung der Polizei an den Bund der "andwirte. die Mitgliederlisten einzureichen, bereits vor etwa j14 Tagen ergangen, und„zwar gerade an dem Tage, als die erste Nachricht von dem geplanten Borgehen gegen den„Bund der Landwirte" durch die Presse ging. Wir wiederholen aber, daß wir davon überzeugt sind, daß hier nur ein Zufall vorliege". Damit wird bewiesen, daß in der That das Rundschreiben an die Beamten vom Bunde nur deshalb verfaßt ist, um eS dann zu veröffentlichen und agitatorisch zu verwerten— ein Rundschreiben, das ja völlig sinnlos war, wenn der Bund nur an einen Zufall glaubte. . Die.D c u t s ch e Ta g c S ze i tun g" ist plötzlich wieder sehr sanft. Nächstens wird zivischen Junker und Regierung unter Herrn Miguel als VergnügungSmeister— ein solennes Bersöhnungs- fest gefeiert werde». Die armen Liberalen!— Ein nicrkwiirdigcS Blatt sind die„Berliner Neuesten Nachrichten". Sic rühmen sich in ihrer Abonnementseinladung in zwei auf einander folgenden Sätze» ihrer„Unabhängig- k e i t" und ihrer—„intimenBeziehungen zur deutschen I n d u st r i e". Unabhängige� aber intime Beziehungen— das ist ein neuer Begriff journalistischer Keuschheit, die sich'im Koulubinat bewährt. Ten„Berliner Neuesten Nachrichten" wird ihre Unabhängigkeit von Krupp bezahlt I— LLo sollte das hinführen! Diesen Ausspruch that ein Staats- anWall in einer Gerichtsverhandlung, die für deutsche Verhältnisse außerordentlich charakteristisch ist! die besonders charakteristisch wird durch eben diesen Ausspruch und Iva? sonst noch der Staatsanwalt sagte. Eine Vercinsbäckerei in Lüneburg veranstaltete ein Tanz- vergnügen; weil dies durch Zulassung von NichtMitgliedern etilen öffentlichen Charakter angenommen haben sollte, wurde ein Genosse als mntntaßlicher Veranstalter in eine Polizei« lichc Geldstrafe genommen, vom Schöffengericht jedoch frei« gesprochen. Der Staatsanwalt legte Berufung ein und führte tu der Verhandlung aus: „Es liegt eine Frage von principieller Bedeutung vor. ES ist doch recht zivcifelhast, ob ein Vergnügen, das ein Verein oder eine Gesellschaft von 600 Personen abhält, noch als geschlossene Gesell- Ichast betrachtet werden kann. Wo sollte dies hinführen? Da könnte jemand kommen und die ganze Stadt Lüneburg zu einem Tanz» vergnügen einladen und die Polizei wäre demgegenüber niacht« loS. Hier muß eine Grenze gezogen sein. Die zweite Frage ist die: Ist denn daö Vergnügen der Vereinsbäckerei eine geichlosscne Gesellschaft? Es würde zu ganz sonderbaren Kon- lequcnzen führen, wenn dies zutreffen würde. Die Aktiengesell« ichafteu, Genossenschaften, die sich über ganze Ländcrstreckcn aus- dehnen, würden dann alle überall ohne weiteres Vergnügen ab- halten können. Da gäbe es schließlich gar keinen Menschen mehr, der keinen Zutritt hätte." In der That! Wohin sollte das führen, wenn die ganze Stadt Lüneburg tanzen könnte und die Polizei wäre machtlos dagegen I Oder noch schrecklicher, wenn schließlich ganze Ländcrstrecken ohne weiteres tanzen könnten und es gäbe keinen Menschen mehr, der nicht Zutritt hätte! � Welche Perspektiven eröffnen sich da l Man tanzte schließlich nicht bloß Pyramiden, sondern das ganze Deutsche Reich um und der schönste Umsturz wäre fertig I Vielleicht dient es aber zur Beruhigung, wenn wir daran er- tnucm, daß einst ein kluger Mynher vom Sklavenhalter seine Nigger zum Tanzen zwang, damit sie ihr Elend vergäßen.— Schlimm aber unverbesserlich! In einer Quartalsbetrachtung "bcr die„gute" und„schlechte" Presse beseufzt die katholische „Marknche Volkszeitung" den verdorbenen Geschmack auch der katholischen Leser: „Diejenigen, welche sich von der katholischen Presse fern halten, find um Gründe nie verlegen und so hört man oft den Einwurf, religiöse Sachen gehören überhaupt nicht in die Zeitung. Ja, man liest lieber sensationelle Affairen,.süße" Liomane, Stadtklatsch, die sonderbarsten Begebenheiten aus den cntferntcsten Weltteilen, für welche uns jede Käntrolle fehlt. Aber Abhandlungen über die katholische Weltanschauung, päpstliche Rund- schreiben, Hirtenbriefe, Verteidigungen unicreS heiligen Glaubens, Berichte über Katholikenversaminlungen usiv. sind„zu fromme" Sache», und doch ruft ihr geiviß auch mit dem ganzen Chor der Gottesleugner der liberalen' Presse das stolze Wort Bis- marcks:„Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt", aber an Gott und die Kirche wollt ihr doch nicht erinnert sein." Wir fürchten, die Leser iverden sich nicht bessern, sondern auch furderhin„sensationelle Affairen" schmackhafter finden, als päpstliche Rundschreiben, Hirtenbriefe oder gar Berichte über Katholiken- Versammlungen. Ein Adler, der groben Unfug übt. Wegen groben Unfugs hatte sich der Buchhändler F. Sörensen vor dem Schöffcnaericht zu Apenrade zu verantworten. Er hatte im Juli und August tn seinem Schaufenster ein von dem dänischen Pastor Barthelsen in Rö(Insel Bornholm) verfaßtes Buch ausgestellt. Auf dem Umschlag ist das schleSwigschc Wappen abgebildet, und zwar so, daß' die beiden Löwen des Wappens von den Krallen eines Adlers ergriffen und festgehalten werden. Der AmtSanwalt Bürger- nicister RickmerS, erblickte sowohl in dem Titel„Sön'der- jyllnnd" als auch in dem leicht deutbaren Wappenbild(mit der Adlerkralle, welche die Löwen niederhält, soll dargelegt werden, wie die Bewohner in Nordschleswig geknechtet werden) die Merkmale des „groben Unfugs" und beautragte die Bestrafung des Buchhändlers. Der Angeklagte gab den Thatbestand zu, will aber den Inhalt des Buches nicht gekannt haben; auch vertrat er den Standpunkt,„grober Unfug" könne nur durch Lärm auf der Straße verursacht werden. DaS Gericht verurteilte den Angeklagten zu 3 M. Geldstrafe. Auch Wappeuvögel sind des groben Unfugs fähig.— Bon» Tapetenring. Der Firma Heiden u. Sohn in Köln war boii dem Ringe der Tapetenfabrikanten eine Konventional- strafe von 100 Mark auferlegt worden, weil sie unter den um»»ehr als das Doppelte hinaufgeschraubten B e r b a n d sp r e i s e» verkauft hatte, obgleich sie dem Ringe nicht angehörte. Der Ring hatte ihr zugleich angedroht, daß sie, falls sie die Strafe nicht zahlen sollte, von deni Verbände keine Ware mehr erhalten werde. In ihrer Bedrängnis hatte sich die Firma an das Ober-Landesgericht der Rheinlande geivandt, und dieses hat jetzt auch, wie uns ein eigener Drahtbericht aus Köln mitteilt, gegen de» Fabrikanten Langhammer in Chemnitz als den Vorsitzenden dcS TapetenringeS die Anklage Ivegen Er- Pressung eingeleitet. Derartigen wahrhaften und maßlosen Tcrrorismns nicht nur gegen- über Fachgenossen, sondern gegenüber dem gesamten taufenden Publikum treiben die Uiiternchincr-Vercinigungeu vielfach und seit langem, ohne daß je ein Gericht ihrem frechen Gebahren zu nahe getreten wäre. Wir ziveifeln noch, ob jetzt ein Exempel statuiert werden ivird.— Halle a. S., IS. September.(Eig. Bcr.) Zu einer Em- pfangsfeierlichkeit für das ziirn 1. Oktober hier einziehende Fcldarliverie- Regiment Nr. 76 verlangte in der gestrigen geheimen Stadtverordneten- Sitzung der Magistrat 4000 Mark aus dem Stcucrsäckel. Die Sache ging auch einigen liberalen Stadtvertretern gegen den Strich, obgleich sie gegen das Errichten von Ehren- Pforten zc. nicktS einzuwenden hatten. Der Konimerzienrat Bethcke versuchte, die Forderung niit patriotischen Worten zu degründen und meinte schließlich, als seitens unserer Genossen Krüger und Albrccht ganz entschieden gegen die Bewilligung protestiert und darauf hin- gewiesen wurde, daß, wenn die Herren ein Festessen haben wolle», sie dasselbe selbst bezahlen mögen, daß dann der Charakter der Feier verloren ginge I Unsere Genossen verwiesen auf die Streichungen im Armenetat und auf das hiesige schlechte Straßenpflaster, da« in dem Spccialitäten-Theater häusig verspottet werde. Der bevorstehende Winter werde für manche arme Fomilie Arbeitslosigkeit und trocken Brot bringen. Hier könnte nian mit dem Gelde viel besser ein- greifen. Durch Schlußantrag wurde der Opposition das Wort ab- geschnitten und dann wurden die 4000 M. gegen einige Stinnnen bewilligt. Obgleich in der geheimen Sitzung noch extra G e- h e i mch a 1 t u n g über die Angelegenheit beschlossen wurde, unter- hielten sich die Spießbürger schon am andern Morgen darüber beim Frühschoppen. Die sächsische„Arbeitswilligen"-Justiz hat schon wieder drei Opfer, abermals infolge des Dresdener Maurerstreiks, gefordert. Man hatte eine fürchterliche Anklage gegen die Maurer Don», Kara und Walter wegen angeblichen Streikvergehens— Nötigung, Ehr- vcrletzung, Bedrohung, gemeinschaftlichen Hausfriedensbruch, Be« lcidigung— konstruiert. Von dieser Blumenlese von Delikten blieb freilich trotz Aufgebotes von sechs Belasttingszeugen wenig übrig, und zwar gegen zwei der Angeklagten nur ein« fache Beleidigung, gegen den dritten Nötigung. Dorn hat einen Maurerpolier in der Hitze eines Wortstreites— D. holte sein Hand- werkszeug von dein betreffenden Bau— mit einigen Schimpfworten belegt. Er wurde desivegen zu vier Monaten Gefängnis ver- urteilt. In dem zweiten Falle liegt eS ganz ähnlich. Walter kam in einer Restauration, wo die Maurer des betreffenden Baues,„Arbeits- willige", frühstückten, in Worttvechsel mit einem Ziegelträger. Er beleidigte ihn in der Erregung. Die Beleidigung wurde mit zwei Monaten Gefängnis gesühnt. Es sei noch ausdrücklich bemerkt, daß es sich in diesen beiden Fällen nicht um Streikvergehen, sondern um Vorgänge handelt, die man an sich verwerflich finden muß, die aber alltäglich passieren, und wenn sie vor Gericht zum Austrag koinmen, mit einigen Mark Geldstrafe gesühnt werden. Und zwar kann das immer nur auf dem Wege der Privatklage geschehen. Hier infolge des scheinbaren Zusaimnenhangs mit der Streikbewegung diese überaus harten Urteilel Dem dritten Angeklagten hielt das Gericht das Delikt der Nötigung für nachgeioiesen. Er soll gegen Arbeitswillige ge- sagt haben, er schlüge denen die Knochen entzwei, die in Zukunft noch auf den betreffenden Bau arbeiten gingen. Dafür gab es drei Monate Gefängnis. Bemerkt sei, daß alle drei An- geklagten Familienväter und außer einer geringen Vorstrafe un- bcscholten sind. Uebcr zwei Monate haben die Verurteilten schon k» Unter- suchung gesessen, wovon man jedem gnädigst sechs Wochen als ver- büßt anrechnete. Der Prozeß»vurde Wieden»» vor der bekannten Frommhold-Strafkammer verhandelt. Ei» Wahlsieg unserer Badenser Ge»»ossey. Aus Mannheim meldet uns eine Privatdepesche: Bei der Stadtverordneten-Wahl am Mittivoch erhielten: Socialdemokrat 4026, Nationalliberale 1184, Freisiuuige 356 Stimmen. Wir betrachten diesen glänzenden Sieg unserer badischen Genossen als eine gute Vorbedeutung für die Landtagswahlen.— RcchtSzustände in Elsasi-Lothringcu. Zu diese,» Kapitel wird uns weiter geichrieben: Die rcichsländischen Polizeibehörden haben sich beim ordentlichen Richter abermals eine schwere Schlappe geholt. Gelegentlich der Verbreitung von Flugschriften gegen die Zuchthausvorlage»varcn im Juni dieses JahreS in Straß- bürg und Mülhausen eine Anzahl von Arbeitern sisttert und die in ihrem Besitz vorgefundenen Schriften mit Beschlag belegt ivorden. Einen der Festgenommenen, de» italienischen Maurer Car'anini, be- hielt nian sogar im Polizeigcwahrsam, um ihn dann ivegen„an- archistischer Ilintriebe" durch die Schweiz nach der italienischen Grenze abzuschieben, wo er von seiner Heimatsbehörde allerdings. mangels jeglicher Schuldbcweise, sofort wieder auf freien Fuß ge- setzt werden-mußte. Während in Mülhausen die Staatsanwalt- ichaft die konfiScicrten Flugschriften nach einige» Wochen wieder frei gab und damit die Ungesetzlichkeit der Beschlagnahme selbst zu- gestand, erhob ihre 5bollegiii in Straßburg gegen zivei an der Ver- brcitung beteiligt gewesene Arbeiter Anklage ivegen Vergehens gegen die aus französischer und deutscher Zeit stammenden preßgesetzlichen Vorschriften unseres Landes. Durch Beschluß vom 10. Juli, den Angeklagten zugestellt am 11. September, also zwei Monate zu spät, hat nun daß Landgericht Straßburg den Antrag der Staatsauivaltschaft auf Eröffnung des Hauptverfahrcns ab- gelehnt unter einer Begründung, die auch für die übrigen Teile des Reiches uickit ohne Interesse ist. Gegenüber der Auf« stell»»!» der Anklagebchörde, daß die Thätigke'it der Flugblatt- Verbreiter den Charakter einer öffentlichen Verteilung ge- habt habe, weil der Kreis der Personen, denen die Blätter ein- gehäudigt wurden, ein unbeschränkter war und die Verbreitung auch in öffentlicheii Lokalen, Wirtschaften zc., vorgenonnuen worden sei, stellte sich das Gericht auf den folgenden Standpunkt: „Gerade die Verteilung bei öffentlichen Ver« samnilungen, auch in Wirtshäusern, ferner in Kirchen und a u ähnlichen Versammlungsorten, war bei E r l a s s u n g der Gesetzesvorschrift be- sonders ins Aug«gefaßt, im Gegensatz zu der Verteilung auf Straßen und Plätzen. Die An- geschuldigtcn haben zwar in jedem einzelnen Hause nur wenige Exemplare abgegeben, und daS Durchschreiten der Straßen bildete einen wesentlichen Teil ihrer Verbreitungsthätigkeit. Immerhin haben sie Druckschriften nur im Innern der Häuser ein- gehändigt, die Verteilung erfolgte sonach in geschlosseueu Räumen Hiernach liegt eine strafbare Handlung nicht vor."— Konfiskation. Am verflossenen Sonntag hat die Straßburger Polizei im Kampfe gegen den Umsturz eine neue Heldenthat zu den früheren gereiht. Bei dem in einer der städttschen Markthallen abgehaltenen Herbstfest unserer Straßburger Purteigen offen wurden etwa 160 Stück der im Berlage der Buchhandlung Vorwärts erschienenen AnsichtS-Postkarten(„Die Marseillaise von Doree,„Die Freiheit" von Delacroix, „Barrikadeu-Scene" von Raffet) seitens dcS überwachenden Polizeikommissars mit Beschlag belegt, nachdem dieselben seit nun bald einem Jahre in unserer Partei-Buchhandluug und anderen Geschäften in Straßburg unbeanstandet hatten verkauft iverden dürfen. Der konfiscierende Beamte, nach dem Grunde der Beschlagnahme gefragt, erklärte,„aus eigener Machtvollkommenheit" zu handeln. Wir sind neugierig, zu erfahren, welche Gesetzesverfehlung die Straßburger Polizei in den Bildern erspürt, die von bedeutendsten Künstlern geschaffen, in allen deutschen Städten in Kunsthandlungen und Zeitschriften zahlreich verbreitet worden sind und noch täglich verbreitet werden. Die Koalitionsfreiheit tn Mecklenburg. Auf dem social- demokratischen Parteitage für beide Mecklenburg wurden erbauliche Dinge berichtet über die Art, wie den mecklenburgischen Arbeitern die Ausübung des KoalittonsrechteS erschwert wird. In Mecklenburg bedürfe» politische Versammlungen einer ausdrückliche» Genehmigung dcS Miiiisterinms und diese wird für socialdemokrattsche Versamm- luiigeu grundsätzlich nicht erteilt, wie denn auch dieser Parteitag in Lübeck abgehalten iverden mußte. Die Veranstaltung gewerkschaftlicher Versammlungen kann aber natürlich formell nicht verhindert werden, da hierfür die Reichs- Gewerbe-Ordnung zuständig ist. Trotzdem werden auch ihnen die größten Schwierigkeiten bereitet, indem man jeden Anlaß benutzt, um diese Versammlungen für politisch zu erklären. So wurde eine gewerkschaftliche Versammlung selbst von einem Schöffengericht deshalb für politisch erklärt, weil der Redner auf die ■(§ 152 und 153 der Gewerbe-Ordnung hingewiesen hatte. Von dem Polizeisenator Dr. König in Wismar wurde eine Ver- sammlnng mit dem Thema:„Der Nutzen der gewerkschaftlichen Or- ganisatton" deshalb für politisch erklärt und verboten, weil sie in einem„voltttscheu Lokal«" abgehalten werden sollte. Dieser Herr Dr. König ist erst bor etwa l1/* Jahren ans Goldberg in Schlesien, wo er Bürgermeister war, nach Wismar ge- kommen. Als er zur Wahl stand, besuchte er, um sich zu empfehlen, die Mitglieder de? Bürgerausfchuffes in Wismar, darunter auch den Parteigenossen Lassen. Diesem sagte er, er sei durchaus kein Socialistenfresfer und werde den Arbeitern bei der Ver- tretung ihrer Interessen durchaus nichts in den Weg legen! Jetzt erfindet er das politische Lokal, um eine Versammlung verbieten zu können. Wegen der wiederholt verbotenen und aufgelösten Versamm« lungen hatten Genossen in Wismar eine Selbstanzeige an die Staats- anwaltschaft gerichtet mit dem Antrage, ein Verfahren gegen sie ein- zuleiten, da sie nach Ansicht des Herrn König fortgesetzt das mecklen- burgische Versammlungsgesetz verletzten. Staatsanwalt und Ober-Staatsanwalt erklärten, es läge kein Grund zum Einschreiten vor; die Polizei beharrt aber bei ihrer alten Praxis. Glücklicherweise hat dieses Verfahren genau wie in Sachsen die entgegengesetzte Wirkung, denn unsere Stimmenzahlen bei den ReichstagSIvahlen steigen auch in Mecklenburg immer höher. Der Verkehr muß umkehren: Die vormärzliche Gesinnung des Junkertums offenbart sich bis in die kleiiisten Züge des täglichen Lebens. Wie dem„Hamb. Korrefp." aus Swinemünde»istgeteilt wird, hat der Landrat v. Puttkamer herausgefunden, daß Kömg Friedrich Wilhelm III. am 14. März 1806 eine Verordnung über die Spurweite der Wagen erlassen»nd dieselbe durch eine weitere Verordnung am 30. Oktober 1831 auch auf diejenigen Teile des pommerschen Provinzialverbandes, die bis da- hin noch nicht betroffen waren, ausgedehnt hat. Nach dieser Ver- ordnung sollen die Achsen aller Kutschen-, Post-, Fracht-, Bauer und anderer Arten von Wagen dergestalt angefertigt werden, daß die Breite des WagengeleiseS 4 Fuß 4 Zoll preußisch beträgt. Strenge Strafe war demjenigen angeordnet, der dieser Verorduuug zuwider- handelt. Obgleich nun seit dem Erlaß nicht weniger als 94 Jahre und seit dessen Einführung in Swinemünde mcht weniger als 68 Jahre vergangen sind, hat Herr Landrat v. Puttkamer die ihm unterstellten Polizeibehörden an- gewiesen, alle Wagenbesitzer und Führer von Wagen zur Anzeige zu bringen, die jener Verordnung zuwiderhandeln. D; heutzutage nirgends mehr auf die Jnuehaltung einer gleichmäßigen Spur- weite geachtet, dieselbe vielmehr von der Art des Wagens und seiner Belastung abhängig gemacht ivird, ja die meisten städtischen Wagen überhaupt nicht mehr spuren, indem die Hinter« räder weiter von einander entfernt sind als die Vorder- räder, so kann man sich denken, welche gute Gelegenheit der Herr Landrat den dortigen Polizeibehörden zu Straferlaffen ae- geben hat. Es regnet denn auch Strafbefehle, obgleich die Aende- rungen, die die Neuzeit gegenüber der Altzeit in Bezug auf die Wagenspuren eingeführt hat, lediglich dem Verkehrsbedürfnis ent- sprungeu sind. Wir glauben, daß diese Neubelebung des alten Erlasses nur ein Vorgericht für das Eigeutliche, Größere ist: die Wiedereinführung irgend einer mittelalterlicheil Verordiiuiig über die Spurweite der— Köpfe. Zuchthausvorlagen und Umsturzgcsetze führen ja bereits zu diesem Ziele hin.—_ In dem Artikel Bebels über den französischen Parteistreit ist, wie un§ Genosse Bebel mitteilt, durch die Uebersetzuug ins Französische und die Rückübersetzung ins Deutsche der ursprüngliche Inhalt in einer Anzahl Stellen ungenau und unklar geworden. Ausland. Die Transvaal- Krisis schleppt sich Iveiter. Die britische Re- gieruiig soll»och weitere Verhaudluugeii führen wollen, doch glaubt mau allgeniein, daß sie nur Zeit zur Fertigstellung der Rüstungen gewiuucii wolle, Auch in Australien wird für Südafrika gerüstet. Aus Melbourne ivird vom 19, September gemeldet: Der Landes- verteidiguugs- Minister der 5tolouie Victoria hat augeordiiet, daß eine Liste zur Ein reihung von Freiwilligen für Südafrika eröffnet werde. Wie der„Voss. Ztg." ans London gemeldet wird, telegraphierte der Vertreter des Dalzielbureans in Pretoria: Das Gerücht, die iieuc» Vorschläge der brittschen Regierung würden die Schleifung der Forts und die Entwaffnung der Buren umfassen, habe die größte Entrüftung hervorgerufen. Die Bürger erklären, sie würden lieber sterben, als solche demiitigcndc Bedingnugen anuehuicu, die sie auf den Standpunkt von„weißen Kaffern" herabwürdigen würden. Im Laufe einer Unterredung sagte Staats- sekretär R e i tz, wenn dieses Gerücht sich bestätigte, wäre der Krieg unvermeidlich. Die Stellung auch nur ähnlicher Bedingungen iväre gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung, die ergehen zu lassen England noch zögert; das Londoner Kabinett wünscht offenbar, das Odium des Kriegsbegiuns von sich fernzuhalten.— Die Macht der Finsternis. Zur Charakteristik des gestern gewürdigten Prozesses über den „R i t u a l m o r d" von P o l n a lassen ivir einige Sätze aus der Rede des Advokaten und czechischen Abgeordneten Baxa folgen, der als Nebenkläger auftrat: Baxa schilderte zunächst die Ermordete als das Muster eines wohlerzogenen Mädchens, unberührt vom Hauch der Liebe, fleißig, sparsam. Sie hatte keinen Feind, konnte daher auch nicht aus Rache ermordet werden; sie hatte keinen Geliebten, sie tonr'• nicht aus Eifersucht ermordet iverdeu, ES ergiebt sich somit saieinbar kein Motiv. Auch Hilsner hat ihre Liebe nicht augestrebt, Was also war der Grund, aus welchem Motiv mußte dieses Mädchen hingeschlachtet werden? Wir ver- laugen zu wissen, warum Anna Hruza ermordet wurde I Der Körper der Ermordeten spricht, warum sie ermordet wurde. Der Körper spricht zur ganzen Welt, er schreit es hinaus, ivarum ein armeS, unschuldiges christliches Mädchen sterben mußte.(Beifallssturm im Auditorium). Ich werde mich aber in die Frage des Motivs nicht weiter einlassen. Ich überlasse die Beurteilung vollständig dem Sarfwersiändigenbeflliid. Der Umstand, daß die Anna Hruza erst mtt einer SWIinge gefangen wurde, zeigt deutlich das Motiv der That, zeigt deutlich, warum sie abgeschlachtet wurde. Den Mördern handelte es sich nicht um den Tod des Opfers, sondern um ganz etwas anderes; deswegen haben sie mit Außerachtlassung aller Vorsichtsmaßregeln den Mord verübt, haben vor dem Morde der Ermordeten die Kleider vom Leibe gerisse». Dieses junge Mädchen, das arglos seines Weges ging und plötzlich von solchen Kerlen überfallen wurde, diese keusche christliche Jungfrau, wie muß es sie berührt haben, als Leute einer fremden Rasse auf sie stürzte», als sie sie entkleideten, als sie ihren keuschen Leib berührten, als sie wußte, zu welchem Zweck das geschah? Was mußte in dieser annen christlichen Jungfrau da vorgegangen sein? Was muß in ihr vorgegangen sein, als das Messer auf sie geschliffen wurde, als sie die Hände des Mörders, die schmutzigen Hände der Thäter auf sich fühlte I Wer das alles erwägt, muß zugeben, daß Anna Hruza eine christliche Märtyrerin ist. Bis jetzt kannten wir die verschiedensten Motive des Mordes, selbst den politischen Mord, aber dieses Motiv, wie es hier vorliegt, ist bis jetzt noch nicht von jederniann geglaubt worden. Die Anna Hruza wurde nur aus dem Grunde ennordet, weil eine Christen- jungfrau gemordet werden mußte, Unter dem Gewicht dieses bewiesenen Faktums wissen wir, daß die Anna Hruza am 29. März nur deshalb ermordet wurde, damit sich die Thäter ihr Blut verschaffen können. Wohin das Blut kam, wissen wir nicht. DaS wird erst aufgeklärt werden müssen. Das Leugnen deS HilSner, daß er zur kritischen Zeit mit Juden gegangen ist, zeigt schon deutlich daS Motiv der That. ®r wntz ganz gut, warum er leugnet, beharrlich leugnet mit Juden gegangen zu sein. Es liegt nichts daran, daß er mit �uden ging; warum leugnet er es also? Aber wenn er sagen würde, mit wem er gegangen ist, ob das nun ein jüdischer Schächter war oder ein anderer Jude, dann würde das furchtbare Ge- heimnis an das Tageslicht kommen, dann würde die entsetzliche Sache aufgedeckt werden. Darum leugnet er, darum will er das nicht sagen.(Bravo im Auditorium.) Ich habe viele Mordprozesse mitgemacht, aber noch nie war ich von der Schuld eines Angeklagten so überzeugt wie diesmal. Das ist kein juridischer Kniff, sondern meine wahre und ehrliche christliche Uebeo zeugung.(Bewegung.) � Lassen Sie sich, meine Herren Geschworenen, nicht davon bo emflussen, daß man nicht weiß, wer den Halsschnitt geführt hat, wer die Hauptwunde, die Todeswunde, der Anna Hruza beigebracht hat. Das werden wir nie erfahren, es wäre denn, daß Hilsner die ganze Sache eingestehen und erzählen würde, wer den Schnitt ge fuhrt hat. Aber das ist auch ganz gleichgültig. Er hat mit zwei anderen Personen so viel Blut als nur' möglich diesem Mädchen, dieser christlichen Jungfrau, abzapfen Iv ollen. (Große Bewegung.) In diesem Fanatismus haben die Thäter alle drei nicht daran gedacht, daß sie entdeckt werden könnten. wurde kein Blut gefunden: Das sagt allesl Kein Mörder will, daß das Blut aufgespart werde, kein anderer will, daß das Blut für ihn aufbewahrt bleibe. Dieser Mörder brauchte aber das Blut. Deshalb wurde— nach dem Urteil der Sachverständigen— das Blut nicht gefunden.(Anhaltende Bewegung.) Auf daS Messer lege ich gar kein Gewicht. Es Ivird eingewendet werden, daß der Mörder, der morden will, Wohl nicht vorher schon den Leuten die Waffe zeigen wird, mit der er morden will. Das ist wahr, aber dieser Mord war eben nicht vorher- bestimmt. Es kamen erst Fremde in die Stadt, die von Hilsner erfuhren, daß hier eine Christin existiere, die man abschlachten könnte. Da erst wurde der Mord beschlossen. lBcwegiiiig.) Sehen Sie auf nichts anderes als auf die Aus sagen der christlichen Zeugen, die hier vernomnien wurden, und wenn Sie alles dies gewissenhaft erwogen haben, dann ist es nicht möglich, daß Sie nicht der Ansicht sind, Hilsner habe den Mord begangen. «» » Und der Geist des Herrn Baxa geht nicht nur in Oestreich um Auch im Deutschen Reich finden sich Anhänger des Ritualmord- Wahnsinns. Die„Staatsbürger-Zeitimg" entrollt eine Liste zweifelloser Ritualmorde, vergißt dabei merkwürdigerweise den letzten von ihr selbst erst kürzlich ciitdccktcn, wo eine Jüdin vorm Osterfest ein Kind tötete, das überdies— ihr eigenes war. Die„Deutsche Tageszeit ung" erklärt zwar, daß sie an den Ritualniord nicht glaubt, fügt aber perfid hinzu: die jüdische und judenfrcundliche Presse heute noch Zlveifel äußert, so niacht sie sich verdächtig und ist schuld daran, daß das Märchen vom Ritualmorde immer wieder auftaucht. Ist es doch auffüllig genug, daß die Leiche blutleer gefunden, daß kein Beiveggruiid� zuni Morde entdeckt worden ist, daß der Mord vor dem Passahfeste, höchst wahrscheinlich mit einem Schächtmesser, verübt wurde, daß nicht nur der Verurteilte, sondern seine mutmaß lichcn Begleiter Juden waren! Kommt doch hinzu, daß bei einer ganzen Anzahl ähnlicber Blutthaten entlveder der Thäter oder der Beweggrund un entdeckt blieb 1", •* Der Verteidiger des zum Tode Verurteilten hat die NichtigkcitS- bcschtverde gegen das Urteil des Kreisgerichts angemeldet. «» Die„Breslauer Morgcnzeitung" erinnert an einen ähnlichen Fall, an den„Mord in Lutcza": Vor einer Reihe von Jahren hatten sich vor dem Schlvur gericht zu Rczesczow in Galizicn drei Personen wegen Mordes zil verantworten. Der Gutsbesitzer Moses Ritter, dessen Frau Gittel Ritter und_ der Knecht Marccll StochlmSky. Vereint sollten diese drei eine Magd ermordet haben, die bei Ritter in Diensten gestanden hatte. In der Beweisfühnnig der Anklage fehlte auch das jüdisch-rituelle Motiv nicht. Die drei Angeklagten leugneten, wurden aber e i n st i in m i g des ihnen zur Last gelegten Bcr- brechenS schuldig erklärt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Gegen das Urteil wurde die Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt, indem namentlich darauf hingewiesen wurde, daß die Gutachten der ärzt« lichen Sachverständigen, auf die sich auch der vorhin er- wähnte, den Angeklagten Moses und Gittel Ritter— der An- eklagte Stochliiisky war Christ— untergeschobene Beweggrund tützte, überaus lückenhaft und unzuverlässig seien. Das angefochtene Urteil wurde aufgehoben und die Sache zur nochmaligen. Verhandlung an das Schwurgericht in Rczesczow zurück- verlvicseu. Die zweite Verhandlung fand statt und abermals und zivar wiederum einstimmig wurden lvtoscs Ritter, Gittel Ritter und Marcell StochlinSky des Mordes schuldig erklärt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Auch dieses Erkenntnis wurde mittels der Nichtigkeitsbeschwerde angefochten und zum zlveite» Male hob der Kassationshof das dreifache Todesurteil auf. Diesmal aber wurde die Sache zur nochmaligen Verhandlung nicht an das Schwurgericht von Rczesczow zurückverwiesen, sondern der Kassationshof betraute das Schwurgericht zu Krakau mit der neuen Verhandlung. Gleichzeitig erklärte der Kassationshof, daß die Anklage so, wie sie bisher begründet ivorden sei. nicht mehr begründet werden dürfe, iveil die'Begründung sich im Widerspruch mit gewichtigen Thatsache» befinde. Könne die Anklage nicht anders begründet werden, müsse die Einstelluiig des Verfahrens erfolgen. Die Staatsanwaltschaft zu Krakau machte zu der alten Anklage eine neue Begründung, und zum drittcnmale hatten sich Moses Ritter, Gittel Ritter und Marcell Stochliiisky wegen Mordes zu verantworten. Die Geschworene» von Krakau bewegten sich in demselben Anschanungskreise wie die Gcschivorenen von Rczesczow. Zum dritten male wurden die drei Angeklagten e i n st i m»i i g f ch u I d i g erklärt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Auch dieses Urteil wurde mit der Nichtigkeitsbesckwerde an- gefochten und abermals mit Erfolg. Auch das dreifache Todesurteil, dem das ebenfalls einstinimige Verdikt der Krakauer Geschivorenen zu Grunde lag, wurde aufgehoben. Diesmal that der Äassationshof noch ein Weiteres. Die mit Einstimmigkeit gefällte Entscheidung des Kassationshofes besagte, daß Moses Ritter, Gittel Ritter und Marcel Stochliiisky f r e i z u- sprechen seien, weil die gegen sie erhobene Anklage sich nicht hin- länglich begründen lasse._ Oestreich-Ungar». Kinder als Majcstätöbclcidiger. Auch in der Habsbnrgischen Monarchie geht der Majestätsbeleidigungs-Paragraph um und schont iveder Mann noch Weib, weder Greis noch Kind. Aus Prag wird berichtet: In der Wohnung des Maurers Cingrosch in Wrschowitz sprachen am 31. Augnst einige Knaben über„Politik". Der elfjährige Knabe Wladimir Kodet soll dabei auch eine Aeußerung über die Ermordung der Kaiserin gemacht haben. Der ebenfalls elf Jahre alte Sohn des Cingrosch soll ihm zugestimint haben. Diese Worte wurden von den anderen Kindern iveitererzählt, bis sie schließlich zu den Ohren eines Polizisten kamen. Der hatte nichts Eiligeres zu thun, als rasch die Anzeige zu machen I Da beide Knaben noch nicht vierzehn Jahre alt sind, konnten sie wegen des Verbrechens nicht be- langt werde». Sie wurden bloß wegen der llebertretung vor das Bezirksgericht gestellt und in geheimer Verhandlung vom Adjunkten Dr. Kopriva auch thatsnchlich' V e ru r te i l t, und zwar Kodet zu vierzehn Tagen, Cingrosch zu zehn Tagen Arrest, verschärft mit zwei Fasttagen. Der staatsanwaltschaftliche Funktionär, Polizei- kommissär Ladislaus Pokorny, meldete Ivegen zy geringen Strafausmaßes die Berufung an.—_ Frankreich. Jaurss in Carmaux. Genosse Jaurös wurde in Camiaux der Gegenstand begeisterter Huldigungen. Die Versammlung, in der er sprach, nahm folgende Resolution an: „Die socialistischen Republikaner in Carmaux sind überzeugt, daß die militariftisch-klerikale Reaktion die Zukunft Frankreichs gefährdet, indem sie die Republik und den socialen Fortschritt bedroht, Recht und Gerechtigkeit unterdrückt. Indem die Versammlung die Verbrechen brandmarkt, die be- gangen sind, um einen Unschuldigen zu vernichten, erklärt sie ihren energischen Willen, die Republik zu verteidigen und schwört, bis zum Ziele zu kämpfen, um den Sturz der kapitalistischen Gesell- schaft zu beschleunigen und sie durch die socialistische Ordnung zu ersetzen."— Belgien. Briifsel, 20. September.(„B. T.") Die Verhandlungen zwischen Liberalen, Progressisten und Socialisten. über eine Alliance für die Kommunalwahle» in ganz Belgien sind gescheitert. Nur in Antwerpen ist ein liberal-socialistisches Bündnis abgeschlossen, dagegen stellen die Oppositionsparteien in Brüssel, Lüttich und Gent getrennte Listen auf, wodurch die klerikalen Minderheiten in den großstädtischen Gemeinderäten voraussichtlich erhalten bleiben. D i e Klerikalen jubeln über das Scheitern der antiklerikalen Alliance.— Spanien. Oporto, 20. September. Ein Volkshaufe bewarf gestern abend die Wagen der Aerzte, welche sich zur Autopsie eines Leichnams be- gaben, mit Steinen. Zwei portugiesische Aerzte wurden leicht ver- letzt. Drei Personen wurden verhastet. Schweden. „Probewahl" in Stockholm. In Schweden besteht die eigen- artige Einrichtung, daß vor der eigentlichen Wahl in wichtigen Bezirken eine Probewahl vorgenommen wird, an der freiwillige Beteiligung stattfindet und die gewissermaßen die Stärkeverhältnisse der Parteien, abgesehen von Zuläufern und Gleichgültigen, die eigentliche„Anhängerschaft" zeigt. Es hat nun in Stockholm auch wieder eine solche Probewahl stattgefunden, an der die Socialdemokratic in fünf Kreisen von den 22, die es in Stockholm giebt, teilgenommen hat. Im ersten Kreis hat sie 185 Stinunen gegen' 670 Majorität erlangt, im zlveiten 125 gegen 459, ini dritten 296 gegen 748, im vierten 162 gegen 442, im fünften 643 Stiinnien gegen 681. Im ganzen sind also 1411 iocialdemokratische Stimmen abgegeben, während noch 1896 die Ziffern unserer Partei betrugen: iin' ersten 182, im zlveiten 143, im dritten 286, im vierten 115, im fünften 416, also im ganzen 1172. Dabei ist zu beachten, daß damals in allen Be- zirken der in Stockholm allgemein beliebte und hochangesehene H j a l m a r B r a n t i n g aufgestellt war, dem auch viele Links- liberale bei der Probcivahl ihre Stimnic gegeben hatten. Diesmal aber war er nur im fünften Bezirk anfgcstellt und in den anderen Leute, die nur in den Arbeiterkrcisen bekannt sind. Diese Bezirke weisen also rein socialdemokratische Stinimen auf und ihre Zahl ist erheblich gewachsen. Serbien. Belgrad, 19. September. Hochverratsprozeß. Der Verteidiger der Angeklagten Zivkowitsch und Nowäkowitsch schloß sei» Plädoyer mit dem Antrage auf Freisprechung, nachdem er noch geltend ge niacht hatte, daß Nowäkowitsch dem Trünke ergeben und unzurechnungs fähig sei. Der Verteidiger des Erzpriesters G j u r i t s ch. Anwalt Ruitsch, ivies auf den zwischen Gjuritsch und dem Fürsten von Montenegro bestehenden AntagonismnS hin und betonte, daß kein kompromittierender Schriftwechsel gefunden Ivorden sei. Gjuritsch habe lediglich einen Wechsel in der Regiening gewünscht Selbst wenn er antidynastische Aeußerimgcn ge- macht hätte, so seien diese doch ohne Folgen geblieben und daher nicht strafbar. Der Belastungszeuge Kresowitsch spruchten 48 M. an den Kläger zu zahlen: Eine beharrliche Ver« Weigerung der dem Kläger obliegenden Verpflichtungen, die zur plötzlichen Entlassung berechtigt hätte, könne nicht angenonmicn werden. Eine solche würde vorliegen, wenn der Kläger beim ersten Mal gehörig verwarnt' worden wäre. Etwa derart, daß man ihm gesagt hätte, er würde sofort entlassen, wenn er»ochmal die Arbeit versäume. Die Aeußerung, entweder er komme zur Arbeit, oder er könne ganz zu Hause bleiben, sei keine gehörige Verwarnung, auf die der Richter Gewicht legen könnte. Auch könnten die beiden Male, wo der Kläger fehlte, nicht zilsnmniengenommen und so aus ihnen auf eine Be- harrlichkeit geschlossen werden, da sie sich auf verschiedene Wochen verteilten._ Vehk» Mschvirlxken und Depefchen« Hochwasser. Budapest, 20. September.(W. T. B.) der Damm der unteren Schüttinsel von den wodurch 60 000 Joch Feld mit zahlreichen Ortschaften in größter lleberschwemmungsgefahr schweben. Der Ackerbauminister traf die erforderlichen Schutzmaßregeln. Bei KomorN wurde Fluten durchbrochen, sei ei« Betrüger, der sich einen falschen Namen bei- zelcgt habe. Die Verteidiger der übrigen Angeklagten verlangten leren Freisprechung; für Kresowitsch uud Pawitschewitsch führten sie deren Geständnisse in« Feld.— Belgrad, 20. Septbr. Die UrteilSfällnng des Standgerichts erfolgt morgen. Wie man versichert, wird Kresowitsch zum Tode, niehrcre der' am meisten Kompromittierten zu mehrjährigen FreiheitS- strafen und der größte Teil der Angeklagten freigesprochen werden.— Amerika. Montevideo, 19. September. Die von hier nach A s u n c i 6 n ! Paraguay) entsandte Sanitätskoinmissio» bestätigt das Gerücht, daß dort die Pest ausgebrochen sei. Sociale Mriltzkspflege. Die„Graphische Gesellschaft" in Berlin sucht ihre Arbeiter und Arbeiterinnen dadurch an sich zu fesseln, daß sie für sie„spart". werden den Angestellten wöchentlich bestimmte Beträge gut« geschrieben, die sie indessen nur unter gewissen Bedingunge» aus- gezahlt erhalten sollen. Diese Bedingungen erstrecken sich auf die Arbeit, die Führung und aus die Losung des Arbeitsverhältnisses. Die Arbeiterin H. batte die Arbeit bei der Gesellschaft selbst auf- gegeben und sollte deshalb die Sparbeträge nicht erhalten. Sie klagte darauf beim G e w e r b e g e r i ch t aus Auszahlung des Geldes. Sie war der Meinung, daß es sich um einen Lohnzuschlag handele. der ihr überhaupt nicht verweigerst werden könne. Die Kammer VI II des Geiverbcgcrichts wies sie jedoch mit der Begründung ab, daß die Klägerin nach den Bedingungen der Gesellschaft das Spar- gcld nicht beanspruchen könne, weil sie die Arbeit selbst ver- lassen habe. Als ei» Teil des Lohnes sei das Spar- gcld. das wöchentlich 1 Mark betragen habe, nicht a»zu- sehen. Der Vorsitzende Dr. Meier äußerte dann noch zu dem Vertreter der beklagten Gesellschaft: Im Schöße des Gerichts seien über diese bedingungsweise Belohnung Bedenken laut geworden. Die Arbeiterinnen kamen leicht zu der irrigen Meinlnig, es handele ich um einen Teil des Lohnes. Der Gerichtshof rate dazu, )ies System abzuschaffen. Man möge entweder be- dingungslos jede Woche mehr zahlen o d e r es' ganz lassen. Eine sehr verständige Ansicht. Koutraktbrnch. Die Firma Zelder u. Plothen verlangte von dem Tischler P. eine Kontraktsbruchsbnße von 16,20 M., weil P. vor der Becndigmig seines Accordes die Arbeit niedergelegt hatte. Nach dem Arbeitsverträge sollte das Arbeitsverhältnis stets nach Fertigstellung eines AccordcS gelöst werden können. Der beklagte Arbeiter rechifertigte sein Verhalten damit, daß er mit dem von Zelder n. Plothen festgesetzten Accordpreise unmöglich habe iircchtkommen können. Bitter beklagte er. daß er nach stincm Fortgänge auf Veranlassung der Firma zwei neue Stellungen wieder habe aufgeben müssen. Einige Beisitzer mißbilligten öffentlich diese Verfolgung. Das Gewerbe- gericht verurteilte den Beklagten zur Zahlung von 10 M., auf welche Summe die Klageforderung infolge des vermittelnden Eingreifens des Vorsitzendeii' ermäßigt worden war. Zur Begrün- dlmg wurde ausgeführt, P. hätte, obwohl er nicht mit dem Ver- dienst zurccht kam, nicht die Arbeit liegen lassen dürfen, nachdem er den Accord voll ausgezahlt erhalten habe. Er möge sich ja ver« rechnet haben, das entbinde aber nicht von dem Vertrage. Keine beharrliche Verweigerung der Arbeit. Gegen eine Lohnentschädigungsklage des Schmiedes G. wandte der Fahrrad- Händler H. vor dein Gewerbegericht ein. daß der Kläger zweimal, einen Freitag und einen Montag, nicht zur Arbeit ge« i ommen wäre. Der Kläger bemerkte darauf, er wäre an dem frag- lichen Montag krank gewesen-, das zweite Mal aber sei er fort- geblieben, weil ihm gesagt worden sei, er könnte ein paar Räder verkaufen. Ein Zeuge bekundete, daß G. nach der ersten Arbeitsversäumni« erklärt worden sei, entlveder er komme arbeiten, oder er bleibe ganz zu Hause. Der Beklagte wurde von der Kammer V mit folgender Begründung verurteilt, die bean- Z»ir Begnadigung DrcyfuS. PartS, 20. September.(W.T.B.) Der„Temps" schreibt: Die Begnadigung Dreyfus ist eine Beruhigung. Sie schließt nicht das Suchen nach der Wahrheit ab, auf welche die Angeklagten, die An- kläger und die Geschichte ein Anrecht haben; aber es muß ans diesem Suchen das Gift der Rachsucht und der Geist der Wicdervergeltnng entfernt werden. Die Begnadigung wird es ermöglichen, alle die- jenigen deutlich zu erkennen, die in der„Affaire" Anlaß suchten, Unruhen z» stiften. Alle Phasen der Angelegenheit, die wir nur durchlaufen haben, zeigten uns. welche Institutionen z» verbessern und welche Mißbränche abzustellen sind. Aber nichts von alledem kann ausgeführt werden ohne vorherige Beruhigung. NauteS, 20. September.(W. T. B.) Dreyfus traf hier 3 Uhr vormittags ein. Er war begleitet von seinem Brnder Matthicu DrcyfiiS, dem Direktor der Sicherheitspolizei, Viguie, und einem Polizei-Agentcn. In Nantes wußte niemand etwas von der Ankmift. Dreyfus und seine Begleiter bestiegen den 8 Uhr 53 Minuten nach Bordeaux abgehenden Zug und nahmen, um jedes Aufsehen zu ver- meiden, in einem Abteil 1. Klasse Platz, in welchem schon mehrere Reisende saßen. Auf der ersten Station stiegen Viguis und der Polizei-Agent auS und ließen Drchfus und seinen Brnder die Reise allein fortsetzen. Wie man glaubt, werden dieselben auf irgend einer Zwischenstation den Zug verlassen. Wohin sie sich begeben. weiß nian nicht.__ Komplott gegen die Republik. Paris, 20. September. In der Presse findet man fast täglich Arbeiter- vcnirteilnngen. Womit werden denn diese bestrast, wenn nicht schon Gesetze da sind?(Sehr richtig I> Durch die Zuchthausvorlage wird kein Schutz des Handwerks, sondern das gerade Gegenteil bewirkt. Wir haben Gesetzgebung genug. Wenn wir aber jetzt die Hand zu einem solche» unerhörten Gesetze bieten, dann werden die Ar- beiter, welche jetzt noch zu uns stehen, mit Gewalt inS Lager der Socialdemokrate» getrieben. Wir brauchen diesen Schutz nicht. wir haben ihn. Wenn die Organisation der Arbeiter ins Feld geführt wird, dann macht's ihnen halt nach und schafft Innungen. (Bravo I) Ich bitte den Gesetzentwurf mit Unwillen zurückzuweisen. (Bravo I) Reichs- und Landtagsabgeordneter Baumanu hatte gehofft, daß auf einem Handwerkcrtag die Politik ans dem Spiele bleibe. (Bravo I) Nicht die katholischen Arbeitervereine haben das Centrum zu seiner Stellungnahme getrieben, sondern unsere eigene, vollste Ueberzcngung. Ich wie meine ganze Partei werden, wie ich hoffe. auch bei der zweisen Lesung ebenso einstimmig dagegen stimmen. Die Frechheit bei Ausständen ist allerdings oft sehr groß, aber mit Ausnahmegesetzen ist hier nichts zu erreichen. Wenn in zweiter Lesung etivaS Besseres geliefert wird, was kein Ausnahme� gesetz ist, dann läßt sich eher darüber reden; aber für eine Zuchtz Hausvorlage sind wir nicht zu haben. Wenn eine Partei etwas für das Handwerk gethan hat, so ist es das Centrnm; es wird dafür auch in Zukunft alles thun, was in seinen Kräften steht, aber für eine Zuchthausvorlage stimmen wir nicht.(Lebhaftes Bravo.) Schild-Aibling erklärt, das Gesetz sei so zweideutig, daß cö morgen gegen die, welche es heute gerufen hätten, verwandt werden könne. ES wäre besser gewesen, wenn dieses Gesetz nicht auf der Tagesordnung gestanden hätte. Er stelle daher den Antrag, den Punkt noch freiwillig zurückzuziehei«.(Bravo.) Vorsitzeuder Nagler: Es ist Pflicht deS Bundesvorstandes, alle brennenden Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. Dasselbe Gesetz hat uns schon vor zehn Jahren beschäftigt. Wir können der Regie rung dankbar sein, wenn sie unS schützen will. Es ist ja nur der Grundgedanke, den wir verlange». Außer einigen Herren aus München und Nürnberg sprachen sich alle Redner gegen die„Zuchthausvorlage" aus. In seinem Schlußworte ging der Berichterstatter sehr von seinen ersten Ausführungen zurück. Man ivolle nicht die Znchthansvorlage als solche, sondern ettvas Besseres, das kein Ausnahmegesetz sei. zum Schutze des Handwerkes. In diesem Sinne stimmten die meisten Kongreßmitglieder zu doch«nachte sich auch jetzt�noch eine große Opposition bemerkbar. AuS diesem Bericht geht hervor, daß die„Berliner Neuesten Nachrichten", denen wir unsere gestrige Notiz entnahmen, die That- fachen gefälscht haben. Der bayrische Handwerkertag hat sich keines- Wegs für die Zuchthausvorlage ausgesprochen, wenn er auch leider, nach der traurigen Taktik eines Teiles der CentrumSpresse. die Möglichkeit offen ließ, für„etwas Besseres, das kein Ausnahmegesetz sei", sich zu befreunden. In Wahrheit ist daS ZuchthauSgcsetz nur dadurch zu verbessern, daß man es nebst dem§ ISS der Gewerbe- Ordnung beseitigt. Jede Einschränkung der Koalitionsfreiheit der Arbeiter wirkt als ein Ausnahmegesetz— mag auch noch so sorgsam eine scheinheilige Form der Gleich- berechtigung ersonnen sein. VaLker-Nachvichketts Zum Parteitage. Die KreiSkonferenz des 4. hannoverschen Wahlkreises, abgehalten in Osnabrück, erklärt, daß trotz der vcr- schiedencn Anregungen keine Gründe vorhanden sind, den grnud- legenden Teil des socinldemokratischen Programms einer Aendcrung zu unterziehen. Wenngleich die Konferenz anerkennt, daß die von cinzelueu Genossen herbeigeführten theoretischen Erörterungen die Partei nicht zu Grunde richten, und die freie Meinungsäußerung nach wie vor in der Partei ein unumstößlicher Grundsatz bleiben muß, so ist es doch eine ernste Pflicht deS Parteitages, allen Vcr- suchen, die darauf hinauslaufen, den proletarischen Klassenkampf- Charakter zu verwischen. cuergisch entgegenzutreten. Von einem Ketzergericht kann dabei keine Rede sein.— Die Parteigenossen in Frankfurt a. M. beschäftigten sich Dienstagabend mit dem Parteitage. Knoop beantragte vor Eintritt in die Debatte über die vorliegende» Anträge, die Diskussion über die Bcrnsteinschen Theorien von der Tagesordnung abzusetzen. Es habe doch keinen Wert, man bekomme allmählich einen Ekel daran. Vtan solle dem Parteitag in Hannover die Debatte über- lassen. Die Versamnilung nahm den Antrag einstimmig an. In der Frage„Stellungnahme gegen den Jmpfzlvang" >var Diener dagegen, daß' der Parteitag Stellung in dieser wissenschaftlichen Frage nehmen solle, er sei nicht das Forum, das darüber entscheiden könne. Brühne stellte den Antrag, auf dem Parteitag die Absetzung der Jmpffrage von der Tagesordnung zu beantragen und den Punkt der Fraktion zu überweise». In der Frage des Alkoholgenusses stellte man sich auf den nämlichen Stand- Punkt. Zur Stellungnahme gegen die Schippclschen Ausführungen in der Frage des Militarismus wollte Diener kein Vorgehen gegen Schippcl. In der Partei solle die freie Forschung.hochgehalten werden, die Militärfrage sei ebenfalls heute noch nicht spruchreif. Die iveitere Debatte erstreckte sich auf die Anträge betreffend Ueber- »ahme des„Vorwärts" durch die Berliner Parteigenossen, gegen die nian sich erklärte, ferner auf die Heraus- gäbe eines allgemeinen Flugblatts über die Zuchthaus- Vorlage und die Errichtung von Gewerbegerichten. Die Taktik der Parteigenossen in den verschiedenen Gegenden Deutschlands gab ebenfalls Veranlassung zu längerer Besprechung. Die zerfahrene Taktik habe ihren Grund darin, so wurde u. a. behauptet, daß man die Frage der Landtagswahlen nicht geregelt habe, das miiffe einmal gründlich geschehen. Andere Redner wollen jedoch keine Einmischung in die Taktik der Parteigenossen in den verschiedenen Ländern. In Detmold beschloß die Kreiskonferenz für Lippe-Detmold, daß auf die Tagesordnung des nächstjährigen Parteitages der Punkt gesetzt werde: Das Erfurter Programm und die Entivickelung der bürgerlichen Gesellschaft. Eine Parteiversammlung für den 7. sächsischen Wahlkreis (Meißen-Großenhain) befaßte sich mit dem Parteitage. Es wurde eine Resolution angenommen, nach der„die bisherige Taktik bei wirtschaftlichen, sowie in- und ausländischen Fragen" beibehalten werden foll. Ferner fand folgender Antrag einstimmige Annahme: „Die... Genossen beantragen, der Parteitag wolle zu dem geradezu discipliulvidrigcn Verhalten verschiedener Wahlkreise gegenüber den Beschlüssen der Landeskonferenz, Beteiligung an den sächsischen Landtagswahlen betreffend, Stellung nehmen." Ans dem Parteitage für beide Mecklenburg und Lübeck wurde unter anderem über die Frage des täglichen Erscheinens der „Mecklenburgische» Volkszeitung" verhandelt. Man erklärte schließlich das Tageblatt für sehr wünfchenswert, hält jedoch einen Mindest- preis von 1,80 M. pro Quartal und eine durch Anteilscheine auf- zubringende Garantiesumme von 10 000 M. für notwendig. Bisher sind zu dem Zlvccke nur 1100 Vi. gesammelt worden. Der bisherige Stand des Geschäfts ist nicht ungünstig. Es wurde im letzte» Jahre eine Eiuuahme von 34020 M. erzielt, der eine Ausgabe von 31 940 M. gegenübersteht. Der Abonncntenstaud lvar im Frühjahr dieses Jah'rcS auch über 0000 hinausgegangen, durch das Gesetz über die Sonntagshcilignng ist jedoch der Abonnentenstand um einige Hundert zurückgegangen, da die Vcr- breitnug des Blattes auf dem Laude dadurch sehr erschlvert worden ist. Der Landesvertrauensmann verrechnete eine Einnahme von 2783 M., Ivovon jedoch 2000 M. vom Hauptvorstande stammen. Es wurde im allgemeinen über geringe Leistungen für Parteizweckc geklagt. Es wurde beschlossen, die socialdemokratische ReichstagS-Fraktion zu ersuchen: a) den Reichskanzler zu interpellieren über die Art, wie mecklenburgische Behörden das gewerkschaftliche Versammlungsrecht auszulegen belieben; b) den Reichskanzler zu ersuchen, seinen Einfluß(armer Reichskanzler. Red. d.„Vorlv.") auf eine freiheitlichere Gestaltung deS mecklenburgischen Vereins- und Versammlungsgesetzes geltend zu machen. Ferner wurde die Herausgabe einer Denkschrift über mecklenburgisches Vereins- und Versammlungswesen beschlossen. Totenliste der Partei. In F r a n k e n t h a l(Rheinfalz) starb am Montagabend nach jahrelanger Krankheit, 01 Jahre alt, der Wirt Konrad K eist! er. Der Verstorbene, einer der lvcnigcn alten Partcikänipfcr, hat namentlich während des Socialistengesetzes eine eifrige Thätigkeit unter den damals gegebenen Verhältnissen cnt- faltet. In den ersten Jahren nach Aufhebung des Ausnahmegesetzes lvar er Vertrauensmann der hiesigen Parteigenossen. Der fünfte Kongreß der spanischen Socialiste». Man schreibt uns ans Madrid unter dem Datum des 15. Scp- tcmber: Morgen wird hier in dem VcrsanimlungSlokal der Arbeiter- vereine der fünfte Kongreß der s o c i a l i st i s ch e n Arbeitervereine Spaniens eröffnet. Unter den verschiedenen Punkte» der Tagesordnung figurieren Berichte über die Thätigkeit des Nationalkomitecs, der Vertrauensmänner der Partei, die in den Provinzen Propaganda gemacht haben, der Abordunng, die dem internationale» Kongreß zu London beilvohnte usiv. Die Ortsgruppe» haben bereits ihre Anträge formuliert, darunter einige von großer Wichtigkeit. Die Ortsgruppe Barcelona bringt, unter anderen Fragen rein politischer Natarp die Frage auf das Tapet, ob die Partei i» ihren Beziehungen zu den radikalen Elementen des Bürgertums die Taktik ändern soll. Die Ortsgruppe Alicaute' beantragt ein Zusammengehen mit den übrigen demokratische» Parteien, um die Reaktion erfolgreicher bekämpfen zu können. Mehrere Orts- gruppen, darunter die von Madrid. Bilbao und Valladolid, stellen den Antrag, daß das Partei-Organ„ E l S o c i a l i st a" täglich erscheinen soll; daß 2000 Aktien von je 25 Pesetas<20 Mark), zinslos und rückzahlbar, emittiert werden sollen; daß die Ausschüsse der Ortsgruppen diese Aktien, deren Wert voll eingezahlt ivcrden muß, nnterbringeic sollen. Ein anderer Autrag will, daß die socialistischen Stadtverordneten— socialistische Abgeordnete giebt es in Spanien, wo die gerade ani Ruder befindliche Regierung die Wahlen nach eigenem Gutdünken macht, noch nicht— in» Falle einer Notlage ans den Kassen der Partei unterstützt werden sollen. Die Ortsgruppe Alicaute hat folgende» Antrag eingebracht:„Aus der Partei ausgeschlossen lvcrdcn sollen diejenigen Individuen, welche irgend eine Religion unterstützen, die nicht in den Principie» der Freiheit und der Moral ,ihre Stütze sucht." In Bezug auf die Or- ganisatio» der Partei und die Vorbereitung für die Wahl- kämpfe beantragt die Ortsgruppe Bilbao.' daß die Ernennung von Kandidaten ausschließlich Sache der einzelnen Wahlbezirksgrnppen sei» soll; die Wahlkosten sollen von allen Provinzausschüssen nach dem Grundsätze der Proportionalität(die Höhe der Anteile richtet sich nach der Mitgliederzahl der Gruppen) aufgebracht ivcrden, und die Wahlvorbereitungen sollen mindestens sieben Wochen vor dem Tage beginnen, an welchem der Kandidat aufgestellt wird. Der Kongreß wird ferner die Ausschußmitglieder ernennen, Ivelche die Partei auf dem nächsten internationalen Kongresse ver- treten sollen, einen neue» Vorsitzenden des spanischen Central- komitecs wählen und den Ort bestimmen, an welchem er seinen Wohnsitz nehmen soll. Bald nach der Eröffnung des Kongresses wird Genosse Qucjido in dem statutenmäßigen Geschäftsbericht ausführlich über die politische Propaganda, die Organisation der Partei und die wirtschaftliche Lage sprechen. GetvevKfllsMftliiszes. Berlin und Umgegend. Achtung, Schuhmacher l Der Schnhfabrikant Wetzet hat den Z>v i ck e r n bei der letzten Lohnzahlung ohne jede vorauf- gegangene Ankündigung einen Abzug auf Herrenspiegelroß von 24 Pf. pro Dutzend gemacht. Begründet wurde dieser Abzug damit, daß es sich um einen billigen Reklame-Artikel handle. Herr Wetzel hat jede Verständigung mit seinen Arbeitern in der schroffsten Form abgelehnt und sind im Laufe eines Tages fünf Kollegen, meist Organisierte, entlassen worden.' k Auf Veranlassung der beteiligten Kollegen ist diese Angelegenheit dem Verbände der Fabrikanten unterbreitet worden, und ist zunächst abzuwarten, wie sich derselbe zu den Lohndrückereien des Herrn Wetzel stellen tvird. Zuzug i st bis auf weiteres fernzuhalten. Achtung, Ciscleure! Bei den Firmen Engel u. Hegewald (Frister), Lindenftr, 23, Speck. DreSdenerftr. 30, Gcrike(in Firma Meyen u. Co.). Sebastianstr. 20, haben die Kollege» wegen Nicht- bewilligung des Neunstundentages die Arbeit niedergelegt. Die Firma Engel u. Hegewald bemüht sich nun. ihre Arbeiten bei Klcinmeistern unterzubringen und ist es ihr auch gelungen, einigen derselben Arbeit zuzmveisen. Es sind dies folgende Firmen: Fischer, Wienerstr. 29, Greulich, Adalbertstr.75, Rothcr, Kottbuscrdamm 21. Trotzdem bei allen diesen Kleinmeistern eine Arbeitszeit von neun Stunden und darunter besteht, scheuen sich dieselben nicht, die Arbeiten für solche Werkstätten anzufertigen, wo unsere Kollegen im Kampfe um Verkürzung der zehnstündigen Arbeitszeit auf täglich neun Stunden stehen. Von allen diesen Werkstätten ist deshalb der Zuzug strengstens fern- zuhalten. In der Dienstagnummer wurde unter den Kleiumeistern. tvelck.e für die Firma Engel u. Hegewald Arbeiten anfertigen, auch die Firma F. Hankel genannt, wie uns aber nachträglich bestimmt vcr- sichert wurde, wird dort keine Streikarbeit angefertigt. D c e Kommission. Achtung, Holzbildhauer! Wegen Nichtbewilligung der ge- stellten Forderungen sind Kollegen folgender Werkstätten in den Ausstand getreten: Vogel, Nixdorf, 5lnesebeckstr. 15; Dittinann, Büschingstr. 7; Barts,' FriedrichSbergerstr. 10; Krüger, Grüner Weg 48; Beyer, Britzerstr. 7; Bocho, Langestr. 35; Hildebrandt. Blumenstr. 38; Friedrich, Fruchtstr. 30; Bensing. Andreasstr. 39; Peth, Mcmelcrstr. 31; Göhre, Wasserthorstr. 22; Seifert u. Wols (Vourgctt), Fruchtstr. 30; Kümmel, Franksurtcr Allee 117 a; Brunzlow, Neue Äönigstr. 15; Schulz, Zieaclstr. 30; Jaquemin, Alte Jakobstr. 83; Kirschner, Adalberlstr. 42; Grix. Pallisadenstr. 57; Kramer, Koppenstr. 00; Solontz. Nixdorf, Kuesebeckstr. 115; Fiedler, Lonisen-llfer 12; Schoy, Mariannenstraße; Brandenburg, Wilhelm- straße 124. Es tvird ersucht, diese Werkstätten streng zu meiden. Meldungen. auch der Firmen, ivelche bewilligt haben, sind umgehend an die Lohnkonunission, Köpnickerstr. 02(Restaurant Spiclberg, Telephon Amt Vll 3932), iil der Zeit von 9—1 und 3—7 Uhr zu richten. Die L o h n k o in m i s s i o n. Zur Lohnbewegmig der Posamcnticre. Nicht bewilligt haben: Bänger Wlve.; Wendel u. Comp.; H. Plischkc; E. Gustedt; Küstermann it. ZarinzaSky; W. it. G. Keßler; Sinscl, Hoffmaun n. Weiland; Wagler; Reiß u. Burmcister; E. Hoppe P. Hoppe; Eißncr u. Haußig; Przygodc; Vollmer; Bremer; H. Schmidt; Ebel Nachflg. Die L o h» k o in m i ss i o n. Achtung, Buchbinder i Kontobuch- Arbeiter! Der Streik in der Buchbinderei von M o r i z». K u in m e r, Landsbergcrstr. 72. dauert unverändert fort. Zuzug ist streng fernzuhalten! Der V e r t r a u e il S in a n it. Der Streik der Fcibischschcu Teppichweber, hier, Kaisersir. 41, dauert bereits die vierte Wocbe unverändert fort. Die Haltung der Streikenden ist eine musterhafte und ist bis zur Zeit nur ein Streik- brecher aus den Reihen der Känipfcndcn zu verzeichnen. Herr Feibisch versucht natürlich alle Mittel, um eine Spaltung der Streikenden zu erzielen, ohne daß ihm das bisher gelungen wäre. Natürlich setzt Herr Feibisch auch alle Hebel in Bewegung, um Streikbrecher heranzuziehen, aber mit ebenso wenig Erfolg. Halten dieKollegen weiter so aus wie bisher, so ist der Sieg den Ausständigen gewiß. Denn daß Feibisch mächtig in der Klemme ist, kann man schon daraus ersehen, daß er seine Angestellten, welche jetzt auch nichts zu thun haben, den ganzen Tag die Straße in der Nähe der Fabrik be- setzen läßt, welche jeden, den sie von den Streikenden sehen, zu überreden suchen, doch die Arbeit wieder aufzunchnien. Aber ver- gebcns ist all' die Mühe; niemand will sich zum Streikbrecher her- geben. Wir ersuchen die Kollegen, die Feibischsche Teppichfabrik zu meiden und uns nicht in den Rücken zu fallen. Arbcitcrfrcundlichc Blätter werden um Abdruck gebeten. Die Kommission. A» die Kupferschmiede Berlins! Die Beiträge zum Dis« positionSfonds betragen von dieser Woche ab wieder 15 Pfg. und wollen die VertrauenSniänner mit den 50 Psg.-Marken schleunigst mit ihren Bczirkskassicrern abrechnen, damit die Uebcrgabe an den nengewählten Hauptkassierer erfolgen kann. Der Vertrauens- m a n n. Deutsches Sieich. Au die Gewerkschaftökartellc und Centralporstände der Gcwerkschafte» Deutschlands. Werte Genossen! Wie Euch durch die Arbeiterpresse wohl bereits hinreichend be- kaimt geworden, befinden sich in W i l st e r in Holstein seit nunmehr 15 Wochen 000 Lederarbeiter im Ausstände, worunter mehr als 2000 Personen direkt zu leiden haben. Der Kanipf ist ein überaus erbitterter geworden und fühlen wir uns verflichtct, nachdem wir nicht allein diesen Kampf, sondern auch eine Reihe anderer Kämpfe fast lediglich aus eigenen Mitteln geführt haben, noch einmal an Euer Solidaritätsgefühl zu appellieren. Die Arbeiter befinden sich hier in der Abwehr. Das Unter- iichmcrtuni will nicht allein eine Verlängerung der Arbeitszeit von 10 auf 11 Stunden und eine 30prozcntige Lohnverniinderung ge- waltsam durchsetzen, sondern es verlangt sogar die schriftliche Verpflichtung, daß fernerhin keiner ihrer Ar- beiter der Organisation angehört. Angespornt durch daS Unternehmertuni Dänemarks, glaubten auch die Lederfabrikanten in Wilstcr, ihre Zeit sei gekommen, den Arbeitern das Ko a litious- recht zu z e r st ö r c n und Zustände in ihren Betrieben herbei- zuführen, die der Würde eines organisierten Arbeiters Hohn sprechen. Die Löhne sind bisher bereits in der brutalsten Weise durch will« kürliche Strafen gekürzt worden und da die Arbeiter, die zu 95 pCt. organisiert, das sich nicht mehr so ohne weiteres gefallen lasse» wollten, soll nun einmal den Arbeitern gezeigt werden, auf welcher Seite die Macht sich befindet. Es wurden daher 500 Arbeiter auf die Straße gesetzt, angeblich wegen Mangel an Arbeit, und zwar wurden dazu fast nur organi- sicrte Arbeiter herausgesucht. Daraufhin legten selbst diejenigen, denen nicht gekündigt worden war, freiwillig die Arbeit nieder. Daß die Entlassung nicht wegen Mangel an Arbeit, sondern zu oben angeführtem Zlvccke erfolgt ist, ist nun auch selbst von den Unternehmern anerkannt worden. Aus deren Ver- halten ging das auch ganz zweifellos hervor. Nicht allein inserieren die Herren, daß 500 Arbeiter sofort bei ihnen in Beschäftigung treten können, sondern man hat auch Agenten angestellt, die die erdenklichsten Anstrengungen machen, Arbeitskräfte anzuwerben. Bis jetzt haben die Herren damit kein Glück gehabt. Nur wenige Arbeiter ließen sich nach Wilstcr verleiten und dazu niemals gelernte Gerber. Diejenigen aber, welche wirklich die Arbeit auf- nahmen, gingen sehr bald wieder davon, nachdem sie ihre Papiere oder ihren Magen ein wenig aufgebessert hatten. Selbst eine Waggonladung galizischer Arbeiter, die man unter falschen Angabe» dorthin brachte, nahmen die Arbeit nicht auf, nachdem sie unterrichtet.. wurden, zu welchem Zwecke sie engagiert waren. Und so liegen die Dinge für die Arbeiter in Wilstcr noch überaus günstig. Hinzu kommt, daß die Saison der Roßledcr-Judustrie vor der Thür und die Unternehmer, wollen sie die Konjunktur aus- nutzen, Leute, und zwar gelernte Arbeiter in aller Kürze haben müssen. Jede Verhandlung, den Kampf beizulegen, scheiterte an der Halsstarrigkeit der Unternehmer, die von Woche zu Woche darauf rechnen, daß die Arbeiter mangels an Mitteln zu Kreuze krieche» und die Arbeit unter den unwürdigsten Verhältuissen aufnehmen müssen. Die Arbeiter stehen noch wie in der ersten Woche deS Kampfes Mann für Mann für ihre gerechte Sache und sind nicht geneigt, weder sich den ohnehin geringen Lohn kürzen oder die Ar- bcitszeit verlängern zu lassen, auch fällt es ihnen nicht ein, das noch immer gesetzlich gewährleistete Koalitionsrccht vernichten zu lassen. Angesichts dieser Verhältnisse sind wir gezwungen, den Kampf weiter zu führen, und wir hoffen, wenn uns die Unterstützung der deutschen Arbeiterschaft zu teil wird, auf den sicheren Sieg. Die Organisation der Lederarbeiter, ist sie auch eine alte und bewährte Organisation, die gern diesen Kampf aus eigener Kraft zu Ende führen möchte, sie kann in Anbetracht des UmfanaeS und der Dauer dieses Kämpfes, sowie der sonstigen vielen Kämpfe, welche sie in letzter Zeit zu führen gezwungen war, die Untcrstützuiig auf dir Dauer nicht allein bestreiten, sondern sie muß cm die Solidarität aller Arbeiter in dieser kritischen Lage appellieren. Arbeiter, Genosse»! Laßt uns in diesem fiir uns schweren Kampfe nicht im Stich, unterstützt uns, so gut eS geht. Geldsendungen sind zu richten an: A. Winkel, Gerber in W i l st e r in Holstein(Ahrcns' Herberge). Der Centralvorftand der Lederarbeiter. I. A.: H. B e i ß>v e n g e r. Um Abdruck in allen Arbeiterblättern wird ersucht. Au die Arbeiterschaft Deutschlands! Zu den ausgesperrten Steinarbeitern in B u n z l a u, Berlin, Dresden und Pirna sollen jetzt noch weitere 500 Mann treten; die Unternehmer drohen mit der Aussperre in Leipzig. Damit würde die Zahl der Aus- gesperrten sich auf 2500 belaufen. Das ist eine Zahl, welche die Organisation der Stcinarbeiter, welche in diesem Jahre bis jetzt schon 04 000 M. für Streikunterstützung vorausgabt hat, allein nicht mehr über Wasser halten kann. Sie ruft deshalb die Unterstützung der � gesamten deutschen Arbeiterorganisationen an. In dem zur Versendung gebrachte» Aufruf heißt cS: „Hart ist der Kampf, aber um so schneller wird er sein Ende erreichen, je eher die Unternehmer zur Einsicht kommen, daß sie mit ihrem brutalen Schlage das ivcrkthätige Solidaritntsgcfiihl der gesamten deutschen Arbeiterschaft erweckt haben. Es gilt auch hier den alten Wahlspruch zu bcthätigen:»Einer für alle' und alle für einen!" Unterliegen wir, so ist dies das Signal für die Unternehmer- verbände anderer Gewerkschaften, um auch dort mit denselben Mitteln die Organisation zu vernichten. Wir aber werden bis aufs äußerste für unsere Organisation kämpfen I Die Geschäftsleitung der Stei narbeiter Deutschlands. I. A.: C. Hirtinann.' Geldsendungen sind baldigst an die Geschäftsleitung der Stein- arbeiter Deutschlands, Rixdorf-Berltn, Bergstr. 30/31 pt., zu richten. Die Forster Textilarbeiter hatten dem dortigen Unternehmer- verbände folgende Forderungen unterbreitet: Arbeitszeit von 6 Uhr früh bis 0 Uhr abends, bei Vsstündiger Frühstücks- und stündiger Mittagspause. Lohnregulierung: Die in Lohn beschäftigten Arbeiter erhalten soviel Zuschlag, daß bei der lOstündigen Arbeitszeit die Lohnsumme gleich bleibt der bis jetzt verdienten. Accordarbeiter erhalten für alle Nebenarbeiten und für unverschuldetes Warten aus Arbeit innerbalb der Fabrik pro Stunde 25 Pf. Anschaffung von Stuhluhren(Schußzählern); Anschaffung von Lohnbüchern für jeden Arbeiter; Aushäugung der Lohnlisten in jedem Arbeitssaal. Be- schaffung guten Trinkwassers. Beschaffung von Wasch- und Ankleide- räumen. Wöchentliche Reinigung der Aborte. Humane Behandlung durch die Vorgesetzten. Die Fabrikanten haben eine Antwort ergchen lassen und sich bereit erklärt, die elfstüudige Arbeitszeit, an den Tagen vor den Sonn- und Festtagen die zehnstündige einzuführe». Stuhluhren sollen innerhalb eines Jahres allgemein eingeführt werden. Dagegen lehne» sie die Einführung von Lohnbüchern und Lohnlisten ab. Die Beschaffung von guten, Trinkwasser sei selbstverständlich. Wasch- und Aukleideräume sollen, so weit angängig, eingerichtet werden. Humane Behandlung der Arbeitnehmer durch die Vorgesetzten sei selbstverständlich.— Mit diesen Beschlüssen hätten sie, die Fabrikanten, rhr Iveitgehcudstcs Entgegciikominen bewiesen. Am Dienstag haben sich nun drei Arbeitcrvcrsaminlungcn mit der Angelegenheit beschäftigt. Es soll in eingehender Weise über die Zugeständinsse der Unternehmer nnt den einzelnen Werkstätten ver- bandelt werden. Sodann soll die Kommission in einer Versammlung Bericht erstatten und endgültiger Beschluß gefaßt werden über die weiteren Schritte. In Bremen ist ein Streik der Fäkalienarbeitcr ausgebrochen, der für die Stadt naturgemäß eine große Kalamität im Gefolge haben kann. Anstatt nun im Interesse der öffentliche» Wohlfahrt auf den Unternehmer einzutvirken, damit er die bescheidenen Forderungen der Arbeiter bewillige, wendet sich die Behörde au die Einwohner mit der Aufforderung. Nachsicht zu üben, die Be» Nutzung der T o n n e u möglichst einzuschränken. Die„Bremer Bürgerzeituug" bemerkt dazu, daß die Ein- wohner ganz und gar keine Ursache haben, sich selbst Unbequemlich- leiten zu bereiten oder gar ihrer Gesundheit Schaden anzuthuu, um den Unternehmer der Tonnenabfuhr in dem unbegründeten Wider- stand, zur Verbesserung der Lage seiner Arbeiter mit diese» in Unterhandlungen einzutreten, zu bestärken. Die Berg- und Fabrikarbeiter des Magdeburg- Harzer Veckeus trete» am 24. d. M. zu einer Konferenz in Egeln zu- sainnlen: eingeladen sind auch die Unorganisierten. Es ist die dritte derartige Konferenz; in Betracht kommen namentlich in Salz- Bergwerken, den Kalifabriken und Braunkohlengrubcn beschäftigte Arbeiter. Die Burger Streikprozesse haben soeben in neun Fällen in einer für die dennnziationslustigei, Meister recht blamablen Weise ihr Ende gefunden. Neun Tischlergesellcn aus Burg wurden, wie wir der„Magdcb. Volksstimme' entnehmen, vom dortigen Schöffengericht am 20. Juni d. I. wegen Verübnng groben Unfugs nüt Geldstrafen belegt, iveil sie für überführt erachtet wurden, in, April und Mai in der Nähe des Bahnhofs Streikposten gestanden und die a»ko», Menden Fremden gemustert zu haben. Das Berufungsgericht hob dies Urteil auf und sprach die Angeklagten frei, weil die Verhandlung nicht ergab, daß sie sich ungebührlich benommen und das Publikum b e l ä st i g t hatten. Die Berufung der Staatsanwaltschaft, die höhere Strafen bezweckte, wurde verworfen. Die Streikbeivegung der Bergleute des Planenschcn Grundes dauert ungeschwächt fort. Ausständig— oder jetzt richtiger a u sgesperrt— sind»och ca. 1000 Bergleute, davon 000 Familienväter mit über 1200 Kindern. Auf das Burgker Werk entfallen 650 Mann, wovon 300 Familienväter mit 090 Kindern, sowie 21 Arbeiterinnen, auf das Königliche Werk 450 Mann, darunter 300 Familienväter mit 091 Kinder»,. Das Gewerkschaftskartell für den Planenschcn Grund hat in einer äußerst stark besuchten Bcr« sammlung beschlossen, den Streikenden pekuniäre Beihilfe zu leisten. Die Leipziger Eiscngieffcrei-Bcsitzer verbreiten die Nachricht, der Formerstreik sei beendet, und suchen in hiesigen sowie aus- wärtigcn Zeitungen tüchtige Former. Wir erklären hierdurch, daß der Streik noch unverändert fortdauert, und ersuchen alle arbeiter- freundlichen Blätter um Abdruck. Streikkomitee d e r F o r m e r L eip zi gS, Dresdnerstr. 20. Die Direktion der Lachmannschcn Musikwerke in L e i p z i g- Gohlis hat es abgelehnt, das Gewerbegericht als Einigungsaint anzurufen, so daß der Streik unverändert fortbesteht. Vielleicht ist die Firma in einiger Zeit etwas friedfertiger. Socittles. Eine Denkschrift über die Stellung der Acrzte zu den Kranken- lassen hat der Ausschuß der preußischen Aerztekanuncru an den Kultusminister gerichtet. Die Denkschrift fordert die gesetzliche Ein- führung der freie» Arztwahl und die Bezahlung der ärztlichen Leistniigen nach den Mindestsätzen der Gebührcntaxe. Für die Notlage des Acrztestandes wird darin die Kranken- Versicherung mit verantwortlich gemacht. Sehr mit Unrecht, wie wir glauben, denn durch die Verstchemng ist der Kreis derer, die in Krankheitsfällen ärztliche Hilfe in Ansprüchen nehmen, zweifellos sehr erweitert worden: ohne die Versicherung würden sehr viele Arbeiter in de» meisten nicht besonders schweren Fällen aus Not auch heute noch ohne ärztliche Hilfe bleibe,» Die Denkschrift wendet sich auch gegen die Einrichtung, daß sich Personen uiit mehr als 2000 M. Einkommen freiwillig versichern können. Das kennzeichnet das Vorgehen der Aerztc als gleichwertig den zopfigen Bestrebungen auf Beschränkung der Konsumvereine und sonstigen Gcuosieuschaftcn. Die Notlage des Aerztestaudes zugestanden; wenn durch Eingreifen der Gesetzgebung dagegen etwas gethan werden sollte und könnte, dann jedenfalls nicht in der Richtung, daß man andern Bevölkcrungsklassen verwehrt, sich durch wirtschaftliche Vereinigungen irgend welcher Art Vorteile zu verschaffen. Zu der Forderung auf Honorierung nach den Mindestsätzen der Taxe wird dann darauf hingewiesen,' daß es allerdings Kranken- kassen gäbe, die das nicht leisten könnten, die in so schlechten Ver- hältnisfen wären, daß sie nicht extstenzberechtigt wären. Das ist ganz richtig: demgegenüber möchten wir aber darauf hinweisen, daß den von den Kassen ausgehenden Bestrebungen, ihre Leistungsfähigkeit durch Vereinigung kleinerer zu größeren Kassen zu erhöhen, aus denselben Kreise»,' denen die Aerzte gesellschaftlich und politisch n,eist angehören, lebhafter Widerstand entgegengesetzt wird aus— politischen Gründen. Das alles ist nicht geeignet, den Bestrebungen der Aerzte die Sympathien zu gewinnen, die sie an sich verdienen. Ocstrcichische Soeialpolitik. Die östreichische Staatsbahn- Verwaltung hat an die Bahndirektion Linz einen Erlaß gerichtet, darin es heißt: „Die Erhebungen über eine von einem Industriellen beim Eiscnbahmninisteriuin eingebrachte Beschwerde gegen die von einer Staatsbahn-Werkstätte geübte Anwerbung von Arbeitern der Orts- indnstric haben die Wahrnehnning zu Tage gefördert, daß dir Mehrzahl der Arbeiter mit höheren Löhnen in der Staatsbahn- Werkstätte anfgenommcn worden sind, als sie in der Privatindustrie vordem erhalten oder bei Accordarbeit im Tagesdurchschnitt zu verdienen vermochten. Aus diese», Anlaß bestimmt das Eisenbahnmisterium. daß in den Staatsbahii-Wcrstättcn den Arbeitern bei der Aufnahme keine höheren Taglöhne zugestanden werden dürfen, als diese in der Privatindustrie des betreffenden Zweiges(an Zeit- oder Stück- lohn) ortsüblich sind. Den östreichischen Bahnproletariern dient es vielleicht zum Tröste, wein, sie hören, daß man in Deutschland solcher Anorduungen nicht erst bedarf. Hier bekommen die Staatsbahnarbeiter meist»och weniger Lohn wie in der Privatindustrie. Boraxgescllschaft. Nach dem„Echo' hat sich neuerdings eine sehr große Boraxgesellsthaft gebildet, der fast alle Gruben und Hütten beigetreten sind: so die Pacific Borax and Redwood. Thcniical Works mit 4 Lagerstätten, 4 in Kalifornien und je 1 in Nevada n»d Oregon, die Raffinerie von Almada ii, der San Francisco-Bai, die Lager von Bajonne in New-Jersey, die englische Raffinerie von Belvedcre in Kcnt, die San Bernardino Borax Company in Kali- sonnen, die Raffinerien von Mear»nd Green in Kidsgrovc in Staffordshire, die bekannte chemische Fabrik„Wesne Chemical Works zu Connnh, die Lyoner Borax- Gesellschaft, die Borax Com, pany ltd. mit den Gruben des Vilajets Khadavendghar in Klein- Asien, nahe dem Hafen Pandenna am Marmarameer init einer Kon- zcssioi, auf 99 Jahre, die Ablagerungen von Karassi ebenda mit 50jähriger Konzessionsdaucr. endlich die sechs chilenischen Gruben bei Ascotan, Careotc, Coxapilla, Jquiqne und Chilicolpa bei Tacna nebst zugehörigen Hütten, die peruanischen Gruben i» Arcquipa. Auch hat die Gesellschaft das Kaufangebot der übrigen südanienka- nischcii Boraxgrnbci, und Hütten erhalten. Die t o s k a» i s ch e„ Gruben scheinen die einzigen zu sein, die sich nicht beteiligen. Uolrnles. Freie Volksbühne. Zur Feier von GodheS 150jährige,„ Geburtstag veranstaltet der Verein sechs Aufführungen von„Faust' (I.Teil) im Osteud-Theater. Die Vorstellung der ersten Ab- t eilung beginnt am kommenden Sonntag bereits ,»„ 2'/« Uhr, sowie auch die der folgenden Abteilungen. I», Lessing-Thcater findet gleichzeitig um 2�/» Uhr die Vorstelinng der vierten Abteilung statt, und zwar„Die Journalisten".(Siehe weiteres im heutigen Inserat.) Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Was fliegende Klasse» sind, darüber scheinen noch recht unklare Vorstellungen verbreitet zu sein. Die„Berliner Zeitung" teilt ihren Lesern aus dem„Gcmeindeblatt" mit. daß von der städtische» Schuldeputation zwischen Brunnen-, Hussiten-, Stralsunderstrabe und Humboldthain Räume fiir 12 bis 10 Klassen zu mieten gesucht werden. Sie versieht diese Mitteilung mit der Spitzmarke„Immer mehr fliegende Klassen' und mit der zusätzlichen Bemerkung, daß die Zahl der„fliegenden" Klassen durch die 12—10 licucn Klassen von jetzt 128 auf künftig 140—144 steige. Hier müssen wir die Schuldeputation dem, doch einmal in Schutz nehme». Für„fliegende" Klassen»nietet man keine Räume: die bckoimncu überhaupt keine eigenen Räume, sondern benutzen nur fremde Klassenziiimicr, wo diese gerade leer werden. Es ist also durchaus falsch. aus der im„Gemeiudeblatt" veröffentlichte» Anzeige eine weitere Vcrmchrmig der„fliegen- den Klassen" herauszulesen. Was die Schuldeputation in der Gegend der Bruimenftraßc und des Hlimboldhains sucht, das ist eine M i e t s s ch u l e. Daß die Deputation in dieser Gegend aus de», Suchen„ach Mietshäusern für Schulen nicht heraiiskomnit. darauf haben wir oft genug und unler andern, erst zu Anfang dieses Jahres yin- gewiesen. Wörtlich dieselbe Anzeige, die jetzt im„Gemeiudeblatt" steht, stand schon damals darin, nur daß damals die Räume zun, 1. Oktober gesucht wurden. während sie heute sofort oder zum 1. April nächsten Jahres gesucht werden. Dieses«sofort" keim- zeichnet so recht die ganze Hilf-»nd Ratlosigkeit, in der sich die städtische Schulverwaltung gegenwärtig bestndet. Sie behilst sich sortgeictzt mit gemieteten Räumen und muß»och wenige Wochen, bevor sie gebraucht werde», danach suchen. Neben dieser Ver- mehrnng der Mictsschulen wird natürlich auch die Vermehrung der „fliegenden" Klasse» i» der nächste» Zeit so, Idanern, aber die Schuldeputation Pflegt das nicht durch Anzeige» i»,„Gemeiudeblatt" zu verraten._ Keine Gcrüstei,«stürze mehr? Von fachmännischer Seite wird uns geschrieben � In letzter Zeit konnte»im, mehr als sonst von Einstürzen verschiedener Gerüste auch in»msercr Stadt lesen, wobei auch jedesmal die ans diesen Gerüsten beschäftigten Personen ver- »»glückten. Wir wollen deswegen nicht versätunen, aus eine Renerimg ans dem Gebiete der Gerüstkonstrnktion hiiizmvcisen, welche einen Einsturz oder ein Nachgeben ausschließt. Dieses Gerüst ruht auf starke» hölzerne» Schwellen, welche bei Mnlergerüstci, weniger, bei Baugerüsten weiter von einander entfernt, ein festes Fundament für das ganze Gerüst bilden. Auf diese Schwellen werden„im aus schmiedebaren, Gnßeisc» hergestellte SÄwellenschuhe aufgeschraubt, welche die vertikalen Gcrüsthölzer aufnehmen, d. h. in jedem Sckmh werden zwei direkt aneinander- stehende quadratische Hölzer aufgerichtet, die stumpf in diesen Schuhen stehen. Diese Schwellenschnhe sind längs der Schwellen 3E» Meter von einander entfernt. Die vertikalen Hölzer sind nun bis zum ersten Hauptrüstbodcn d. h. bis zur ersten Etage von verschiedener Länge, und zwar ist das eine 7, daS eine OEs Meter hoch. Auf diesen» kurzen der vertikalen Gerüftbölzer sitzt mm horizontal ei» eiserner Ver- bindungSschuh auf, der aber gleichzeitig das längere Gcrüstholz in sich einschließt, so daß dieses um die Hälfte seiner Länge über den ge- naimteu Verbindungsschuh heransragt. Dieser Verbindungsschuh nimnit gleichzeitig auch die horizontalen LäiigS- und Qumiegel auf, welche von einen, Verbindungsschuh zu», anderen, das heißt von einem vertikalen Gcriistständer zum anderen reichen. Eine Diagonalverspannung, bestehend aus schwachen eisernen Ver- biliduilgsstangcn. preßt dann die Verbindungsschuhe gegen- einander, dadurch wird daS ganze Gerüst, da ja die Längs- und Querriegel als Gegenkraft einer gegenseitigen Näherung der Schuhe widerstehen, ein einziges starre» System. In dieser ge- schilderten Weise erhöht sich nun daS Gerüst von Etage zu Etage in jede denkbare Höhe. In verschiedenen Stärken ausgeführt wird das Gerüst als Maler-, Abputz- oder Baugerüst ausgeführt. Die Vor- teile dieses Gerüstes bestehen in der überaus einfachen Handhabung, sowie in der unbedingten Standfestigkeit, welche durch die Diagonal- verspannung erreicht wird, und welche selbst der ungleich- mäßigsten Belastung und den, stärksten Sturmangriff widersteht. Die bisher üblichen Verbindungsmittel, wie Eisenbindedraht und Hanfseil, die bisher zum festhalten der einzelnen Gerüste dienen, werden bei dieser Konstruktion gänzlich verworfen. Da es von größter Wichtigkeit ist, daß jeder auf einem Gerüst beschäftigte Handwerker ein unbedingtes Vertrauen zu der Staudfestigkeit seines Gerüstes besitzt, die letzthin erfolgten Einstürze aber zu größerer Vorsicht mahnen, glauben wir dem Interesse aller unserer Leser entgegen zu kommen, indem wir an dieser Stelle auf die vorgenannte Neuerung verweisen. Die von der Wirtschafts-Genossenschast Berliner Grund- Besitzer angestellten Wächter sind mit ihrer Direktion auS verschiedenen Ursachen unzufrieden. Die Wirtschafts. Genoffenschaft hat sich als recht profitabel erwiesen, so daß trotz des hohen Gehalts. den die Direktoren bezichen, sich im vorigen Jahre ei» Ueberschuß von 32 000 M. ergeben hat und den Leitern eine erlleckliche Tantieme gewährt wurde. Nicht ganz so gut sind die Nachtwächter der Gesellschaft gestellt. Dies mochte die Direktion auch früher eingesehen haben, denn sie stellte ihren Untergebenen schon vor fünf Jahren eine Erhöhung des Monatsgehalts auf 90 M. in Aussicht. Bei dem Versprechen blieb es jedoch und das Gehalt be- trägt nach wie vor 80 M., wovon noch 5 M. für Kleidung, 2 M. für' Krankenkasse und 75 Pf. für Jnvaliditätsversicherimg abgehe»? Der Nebenverdienst für Thürschließen spielt nur eine sehr unbedentende Rolle, da viele Wächter hierfür durchschnittlich nicht 10 Pf. in der Nacht einiiehincn. Die Angestellten sehen ebenfalls in der K I e i d e r o r d n u n g, die von der Direktion beliebt»vird, eine nicht»„iwesentliche Benachteiligung. Für die 00 M.. die für Kleidungsstück« jährlich von, Gehalt abgezogen werden, erhalte» die Beamten alle Jahr eine ans Rock, Hose, Mütze und Halsbinde bestehende Unifonn und alle drei Jahre einen Mantel geliefert, wobei die Direktion den Wert des Mantels auf 45 Dt.„nd den der übrigen Kleidiuigsstücke ebenso hoch berechnet. Die Wächter behaupten»un erstens, daß die Uni- form in derselben Qualität wesentlich billiger herzustellen sei, als die Direktion sie berechne. So sagen sie— ob mit Recht oder Unrecht, könuen wir nicht untersnchen— daß z. B. die Schutzmanns- inäntcl, die bedeutend besser seien als ihre Wächtermäittol. nur 29 Mark kosteten und daß die übrigen Uniformstücke sich sehr gut schon für 30 Mark herstellen ließen. Zweitens aber geht die Ansicht der Beamten dahin, daß die Direktion ihnen den Kleider- scgcn viel reichlicher spende, als nötig sei. Die Uniform werde nicht besonders strapaziert, sodaß sie recht gut zwei Jahre aushalte; die meisten Beamten wüßten nicht, was sie am Schluß des Jahres mit den noch gut erhaltenen Uniformstücken, die sie doch am Tage nicht gut tragen könntc». eigentlich beginnen sollte». Nunmehr beabsichtigen die Beamten, die Direktion sowohl an die versprochene Gehaltszulage zu erinnern, als auch in der Uniforn,« rage eine weniger kostspielige neue Ordnung anziiftreben. Die städtische Feuer-Societät hatte in ihrem letzten Geschäfts- jähr(1. Ottober 1897 bis 30. September 1893) an Brand« cntschädigimgen insgesamt 1 207 957,83 M. zu zahlen(gegen 1 511 900,80 M. im' Borjahre). Die Gesamtzahl der Feuer, von ivclchen die Feuer-Societät Kenntnis erlangt hat, betrug 8837 (gegen 8131 im Vorjahre). In 2091 Fällen wurden Gebändeichäden vergütet. Größere Braiidentschädiguiigcn von mehr als 10000 M. wurden in 10 Fällen gezahlt. Den größten Brandschaden hatte die Societät für den am 7. Januar 1898 aus dem Grundstücke Alt-Moabit84(Vorsig»illhIc) ausgcbrochcnen Brand zu zahlen, derselbe betrug 533 300 M. Die Gasexplosion ans dein Grundstück Jagowstr. 30 am 5. Mai 1898 verursachte mit den durch st: an tveitcrn, 24 Gebäuden verursachten Nebenschäden einen Gesamtschaden von 87740,50 M. und die zwei Brände auf den, Gnmdstiick Vlumcnstr. 32(24. und 31. Oktober 1897) erforderten, einschließlich zweier Nebenschäden, eine Ent- schädig, mg in Hähe von 54 201,15 M. Durchschnittlich betrug die von der Societät gezahlte Vergütigimg pro Brandschaden 000 M. (gegen 729 M. in, Vorjahre).— An, 1. Oktober 1893 waren bei der Societät 23848 Grundstücke mit 3831790300 M. versichert(gegen 23010 Grundstücke mit einer Versicherungssumme von 3 723 883 500 M. am 1. Oktober 1897.— Die Stadtgen, ei, ide Berlin hatte am 1. Oktober 1898 bei der städtischen Fencr-Socictat 383 Grundstücke mit einen, Werte von 139 275 200 M. versichert, für welche zlisammen ein Versichcriiiigsbcitrag von 97 210,74 M. zu zahlen war.— Die Gesamteimiahme der Societät betrug im Berichtsjahre 3 108 050,18 M. I die Gesamtausgabc 2 258 079,03 M.> so daß ei» Ueberschuß von 849 370,55 M. verblieb. Für die Berleguug deS Vorortverkehrs der Anhalter Bahn«ach de», Potsdamer Bahnhof, die am 1. Oktober 1900 erfolgen soll, sind die Arbeiten in der letzte» Zeit so gefördert worden, daß dieser Termin jedenfalls auch wird eingehalten werden küiinen. Zur Erweiterung des Ringbahnhofes der Potsdamer Bahn sind ans der Ostseite die Viadukte bereits sämtlich aufgemauert. so daß hier»mimehr mit der Herstellung deS Bahnsteiges bcgonuen iverden kann. Nach Beendigung dieser Arbeiten wird dann auch auf der Westseite sofort der Biaduktbau in Angriff genominen werden. Ferner find die breiten Pfeiler, welche am Schöncbcrger Ufer und der Königin Augusta- straße der über den Landwehrianal führe,, den neuen Eisenbahn- Brücke als Stützpunkte dienen sollen, jetzt fertig, und auch auf den, Potsdamer Güterbahnhof sind die Arbeite» für die Herstellung der neuen Gcleisanlagen in vollem Gange. Dasselbe fft bei der Er« richtniig der wichtigen Doppelstatioii ans Schöncbcrger Gebiet jenseits des Tempelhofcr Feldes am Schuittpuntte der Ring- und Anhalter Bah» der Fall, ,vo die neue Strecke wieder ans den Bahn- körpcr der Anhalter Bah» übergeht„nd die Fahrgäste von den Zügen der Ästig- i» die Anhalter Vorortbahn und um- gekehrt umsteigen können. Ferner sind zwischen Südende und Lichterfelde die imien Borortgeleise und die neuen Vorortbahnhöfc schon seit einiger Zeit fertig»nid de», Verkehr übergeben, während für die Verlegung der neuen Ferngeleise auf dieser Strecke die Erd- arbeiten eifrig betrieben werden. DaS Provinzial-Ichulkollcgi»»» hat die städtische Schul- dcpntation im Austrage des NnlerrichtsministerS veranlaßt, die Schulentlassungs«Zeugiiisse für die hiesigen Gemeinde- schülcr und-Schülerinnen in Zukunft stets vom Rektor und von dem betreffenden Klasjcnlchrer unterzeichnen zu lassen. Der Minister habe hierzu bemertt. daß bei so großen Schiilsystenicii. tvie sie in Berlin vorhanden seien, der Rettor mnnöglich alle Schüler so genau keinie, daß er über ihr Verhalten usw. ohne Zuziehung des Klassenlehrers ein Zeugnis anSzustellcn vermag. Wen» letzteres aber wesentlich aus den Anaabc» des Ordinarius beruhe, so sei es angemessen, daß dieser durch seine Rameiisliutcrschrift die Verniitivortung mit übernehme. Durch diese Verfügung wird, wie die„Voss. Ztg." bemerkt, eine alte Streitfrage im Sinne der Lehrerschaft entschieden: es gab übrigens bisher mir eine beschränkte Zahl von Reltoren, welche dem Ordinarius grundsätzlich die Mitunterschrift der Zeugnisse ver- weigerten. Unterricht für Kauflcute. An der hiesigen höheren Webe- schule. MarkuSstr. 49, beginnt am Sonntag, den 8. Oktober, mn 9 Uhr vorjnittagS ein neuer Kursus für Kauflcute. Der Kursus dauert ein Jahr»m 40 Unterrichtswochen a 0 Stunden, von denen zwei der Warenkunde(Souutags von 9—11 Uhr), zivci dem MusterauSnehme», (Sonntags von 11—1 Uhr) und zwei praltischeu Ueblmgen(Montag oder Donnerstag, abends von 3—10 Uhr) geividinet sind. Das Honorar beträgt für den ganzen Kurstls 30 M. und ist halbjährlich mit 15 M. präimmerando zu zahlen. Di« Schüler, die sich einer AbgmigSprüsung unterziehen, erhalten ein Zeugnis. Anuicldnngeii nimmt schriftlich oder mundlich entgegen»md nähere Anökunft erteilt der Direktor der Anstalt, Herr Professor Gürtler, im Schul- hause. Muscu»lS-Besuchsst»»i»cn. Dns Alte und Neue Museum, die Nationalgalerie, das Museum für Völkerkunde und das Kunstgewerbe- Museum sind während der Monate Oktober bis März an den Wochentagen mit Ausnahme der Montage von 10—3 Uhr, Sonn- tags und an den zweiten Feiertagen der hohen Feste während der Monate Oktober und März von 12—5 Uhr, November und Februar von 12—4 Uhr, Dezember und Januar von 12—3 Uhr für das Publikum geöffnet. Kursus für Heilgehilfen. Das Polizeipräsidium teilt mit: Anfang Oktober beginnen im Gebäude des Polizeipräsidiums zwei neue Vorbereitungskurse für die Heilgehilfen- und Masseur-Prüfung. 1. Der Kursus für Barbiergchilfcn wird am Dienstag jeder Woche von 3—5 Uhr nachmittags abgehalten und dauert bis Ende März nächsten Jahres. 2. Der Kursus für andere(männliche und weibliche) Personen wird abends von 7—9 Uhr stattfinden. Seine Häufigkeit und Dauer wird noch bestimmt werden. Die Meldungen zu diesen Kursen sind persönlich zu richten an Herrn Bezirksphysikus Sanitätsrat Dr. Gramer, Mohrenstr. 29/30, in den Stunden früh von 8—9 Uhr oder nachmittags von 5—6 Uhr. Bei der Meldung ist ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen und das Honorar von 20 M. und 2 M. für die Person, an der die Uebungen gemacht werden, ein- zuzahlen. KoufiSciert. Wie der„Arme Konrad" mitteilt, ist eine an- nrchistischc Flugschrift betitelt„An die jungen Leute" beschlagnahmt worden. Das Kuratorium der städtische» Sparkasse hat am Dienstag beschlossen, im Norden, Süden, Osten und Westen Berlins je eine Filiale zu errichten, in denen zum Unterschiede von den Annahme- stellen auch Nückzahlungen geleistet ivcrdcn. Die seit Ende Juni dicics Jahres versuchsweise bestehende Neuerung, die Centrale am Mühlcndamm an den beiden lchtcn Geschäftslagen jedes Monats für das Publikum offen zu halten, wird endgültig beibehalten. Der wegen Untreue in Haft genommene und dann wieder entlassene Oskar Föllmcr ist durch den Tausch-Prozeß und dann als Verleger der verffossenen„Berliner Gerichtszcitung" bekannt qe- worden. Vorher gab er eine Gerichtskorrespondenz heraus. Im Jahre 1895 wurde Föllmer dabei gestellt, als er einem Schlächter- meister 30 M. ablockte, damit eine für diesen unangenehme Lokal- notiz„widerrufen" iverde. Die Staatsanwaltschaft hat Erhebungen gepflogen, die noch nicht zum Abschluß gekommen sei» sollen. Föllmcr titulierte sich bald Direktor, bald Journalist und hat bei vielen Personen kein gntcS Andenken hinterlassen. Ter gleichzeitig verhaftete Dr. Schmidt ist in Wirklichkeit weder Doktor noch Stabs- urzt. sondern Noffarzt; er ist durch den Prozeß Burki, des Roß- schlächtcrs, der wegen Schwindeleien mit Diplomen verurteilt wurde, bekannt geworden. Nrbcitcrrisiko. Ein schreckliches Unglück ereignete sich gestern nachmittag 8/45 Uhr in der Eisengießerei der Borsigschen Fabrik in Tegel. Der 20 jährige Former Gebhardt wurde dortsclbst mit flüssigem Eisen in schauerlicher Weise lebensgefährlich verbrannt. Er ivollte eine Form eines Maschinenteils mit Eisen ausgießen. Zu diesem Zwecke schaffte er eine Gabelpfanne nnt ca. 2 Centn er glühendem Eisen zu der Form. Da ihm das Eisen noch zu flüssig und nicht geeignet erschien, wollte er es mit einer Kramstange umrühren. In dem Moment als er sich umdrehte, um die Kranistniigc zu hole», warf ein Lehrling ein nasses Stück Gußeisen in die flüssige Eisenmasse. Durch das' Wasser, welches sich m dem Gußeisen befand, entwickelten sich Dämpfe in dem flüssigen Eise». Dieses explodierte und schoß aus der Pfanne, wobei es den Former Gebhardt so unglücklich traf, daß er am ganzen Hinterkörper damit Übergossen wurde. Der Bedaueruslverte, dem Rücken, Gesäß, die Füße und Ellbogen schrecklich oerbrannt wurden, ist nach dem Paul Gcrhard-Stift in Berlin gebracht worden und dürfte schwer auf Genesung hoffen. Schon wieder ist beim Rangieren von Anhängcwagen ein Straßenbahnschaffner schiver verletzt worden. Bei dem Vorwärtsschicbcn eines Sonnnerivagens der Linie Ripdorf— Schönhauser Allee geriet auf der letzteren Endstelle der Schaffner Neiße zwischen Anhänge- und Motorwagen. Da diese Arbeit nur von dem Belricbspersoual ausgeführt werden muß und Hilfsmnnnschnftcn zum Rangieren nicht gestellt werden, so reichten in diesem Falle die Kräfte der Beamten nicht aus, um die Fahrgeschwindigkeit des angeschobenen Wagens herabzusetzen. Neiße wurde infolgedessen zwischen den Platt- sonnen der beiden Waggons festgeklemmt und erlitt so erhebliche Quetschungen des Brustkastens, daß er nach einem Krankenhausc ge- bracht werden mußte. Ob unter dem Zuchthauskurs Aussicht ist, daß sich endlich die Behörde im öffentlichen Interesse veranlaßt sieht, d,e gcineingefährlichstcn Rücksichtslosigkeiten der Straßenbahn- Direktion einzudäminen? Schwer verunglückt ist in der Nacht zu gestern der Straßenbahn- Schaffner Karg beim Rangieren eines Accumulatorenwagcns. Bei einem Motorwagen der Straßenbahnlinie Hallesches Thor— Oranicn- burger Thor, der nachte gegen 1 Uhr die Prenzlauer Allee passierte, war ein Defekt eingetreten, infolgedessen er liegen blieb. Ein nach- folgender Ringbahnwagcn sollte an dem verunglückten Waggon an- gekoppelt werden, um diesen nach dem Depot in der Ackcrstraße zu schieben. Der Schaffner Karg nahm zwischen den beiden Wagen Aufstellung, um die Vcrbiudungsstange in die Puffer hineinzulegen, und geriet hierbei zwischen dieselben. Er erlitt so erhebliche Quetschungen des Unterleibes, daß er sofort nach dem Ärankenhause ain Friedrichshain gebracht werden mußte, wo Karg in hoffnungs- losem Zustande daniederliegt. Eiuc Spur von den Mörder» ValcntiniS will mau in Spandau entdeckt haben. Die„Spand. Korr." berichtet darüber: Montagabend gegen 9 Uhr betraten das„Central-Restaurant" in der Fischerstraße zivci Gäste, die sich Bier verabfolgen ließen. Der Wirt Petrauschke nahm den Gästen gegenüber Platz und unterhielt sich mit ibnen. Der eine war fast gänzlich schweigsam, der andere dagegen ctwaS aufgeregt und sehr gesprächig; er fragte, ob sich in den Nebenräumen noch andere Gäste befänden und ob das Lokal noch einen ziveiten Ausgang habe. Er erzählte, sie wäre» schon früh morgens aus Berlin weggegangen und durch einen Wald marschiert; dann wären sie an vielen Schiffen vorübergekommen. Beide Gäste sahen sehr bestaubt und beschmutzt ans. Aus der Erzählung entirabrn der Wirt, daß sie durch die Jungfernhaide an der Spree oder am Spandauer Schiffahrtökanal über Haselhorst gekommen waren; die Gäste waren mit den Oertlichkcitcn der Gegend, die sie durchwandert hatte», indes offenbar nicht vertraut. Der gesprächige Gast beinerktc weiter, sie wollten sich in Spandau etwas zerstreuen, um später nach Berlin zurückzukehren, und fragte nach Lokalen mit Damen- bcdicnung. Im Laufe der Unterhaltung fiel der Blick deS Wirtes auf eine Berliner Zeitung, die eben gebracht worden war und die Kunde von dem neuesten Morde enthielt. Er begann den Bericht vorzulesen, da unterbrach ihn der eine Gast und sagte:„Ach, lassen Sie das doch; das wissen wir schon, so etiva« kommt in Berlin alle Tage vor." Wenige Minuten später verließen beide das Lokal. Der Wirt las nun den Mordbericht weiter, und als er zu der Schilderung der mutmaßlichen Mörder kam, erschrak er? die Beschreibung paßte genau auf die Gäste! dies ivaren zwei 80jährige Männer mit hübschem Gesicht, mittelgroß, schlank, ohne Ueberzieher, mit dunklen Hüten, von denen einer ein Schlapphut. der andere ein runder, steifer Hut tvar; einer trug einen dunklen Rock-, der andere dunklen Jackettanzug. Der Wirt ist der Ansicht, daß die Gäste möglicherweise die auf der Flucht befindlichen Mörder waren. Er forschte auch un- verzüglich in der Nachbarschaft nach ihnen und erfuhr, daß dieselben Gälte eben erst in dem Lokal von Reetz in der Wasscrthorstraße ge- Wesen, sich aber nur ganz kurze Zeit dort aufgehalten hätten. Der Wirt hat der Polizei von seinen Wahrnehmungen Mitteilung zcmacht. Als auffällig wird uns ein bisher unbeachtet gebliebener Umstand mitgeteilt. Die Meldung, daß die Kommoden und Schränke erbrochen worden seien, ist angeblich unzutreffend. Thatsächlich waren sämtliche Behälter aufgeschlossen und die zur Ver- Wendung gekommenen Schlüssel von den Thätern stecken ge- lassen worden. Diese Schlüssel, sowie der zur Verwendung ge- kommeue Thllrdrücker waren mit einer Rostschicht stark überzogen, während die Schlüffcl Balentinis, die dieser ja täglich gebrauchte, wenigstens am Tage vor dem Morde noch vollständig sauber Ivaren. Es fehlen übrigens auch die Schlüffel zu den Eingängen an der zweiten Treppe. In der Betrug- und Wucheraffaire, über die wir gestern berichteten, ist außer dem früheren Bankier Max Arendt auch der Inhaber des Neitinftituts am Brandenburger Thor Albert Levh verhaftet worden. Auch noch ein Dritter, Namens Bernstein, ist in die Angelegenheit verwickelt. Die drei Genannten plünderten den Cirkusdirektor Ernst Renz vollständig aus. Die Geschäfte begannen mit dem Georgen-Tattersall. Dessen verstorbener Besitzer, Hunorieser, lernte Renz keimen und trat mit ihm in Unterhandlungen ein, um gemeinsam nnt ihm ein großes Reitinstitut zu betreiben. Die Ver- Hältnisse des Georgen- Tattersalls aber waren Renz zu klein. Da wußte sein Freund und Sachverständiger Bernstein Rat. In Wer- biiidimg mit Arendt und Levh knüpfte er Verhandlungen mit dem Pferdehändler Keller an, dem Besitzer eineS großen Reitiustitutes in der Luiseustrahe 20. Das Trio kaufte von Keller dieses Institut und verkaufte es an Renz und Hundrieser, die aber beide kein bares Geld hatten, für 198 000 M. weiter. Die neuen Besitzer stockten dann in Umbauten noch 70000 M. hinein. Alles, was man brauchte, streckte Arendt vor, lediglich auf die große Erbschaft hin, die Renz zu erwarten hatte. Dieser zahlte auch Hundrieser seinen Geschäftsanteil aus und behielt das Institut allein. Außer den Provisionen bei dem Grundstückskauf, dem Gewinn beim Wiederverkauf, den Ge- bühren und Zinsen bei der Geldvernnttlung wußten die drei verbündeten„Freunde" des jungen Renz diesem durch den Pferdchandcl noch erkleckliche Sümmchen abzunehmen. Auch svll der offenbar außerordentlich unerfahrene Ernst Renz mit einem Gut im Mecklenburgischen gräulich übers Ohr gehauen worden sein. Nachdem Ernst Renz entmündigt und von ihm nichts mehr zu haben war, entzog ihm Arendt auch seine Reitpferde, und schließlich brachte ihm das Trio auch seinen Zirkus in Brüssel unter den Hammer. Ernst Renz sind gerade noch neun Pferde übrig geblieben. Mit diesen will er im nächste» Sommer nach England wandern, um ein Engagement zu suchen. Die Verletzung, die Arendt sich bei seiner Verhaftung beigebracht hat, soll bedeutungslos sein. Arendt spielt den„wilden Mann". Man hat ihn deshalb auf die Dclirantcnstation der Charitö bringen müssen. Seine Verletzung ist so wenig gefährlich, daß man glaubt, ihn in vier Tagen wieder herstelle» zu können. Arendt tvar, bevor er in Berlin seine Thätig- keit begann, in Kairo als Kellner beschäftigt; mittellos kam er hierher. Bei de» Geschäften, die er hier betrieb, handelt eS sich um viele Millionen, in der Renzschen Sache allein um mehr als zwei Millionen. A»S Anlast deö Umbaues der Station Stralan-Rnunnels- bürg wird am Soiiiiabcud, 23. September, von nachmittags 3 Uhr 28 Minnten ab bis Sonntag, 24. September, früh 11 Uhr, das Süd- ring-Anschliißgleis auf dieser Station außer Betrieb gesetzt werde». Es müssen daher in dieser Zeit sämtliche von und nach dem Süd- ring, soivie auch sämtliche von und nach Grünau bezw. Nieder- Schöncweide- Johannisthal verkehrenden Züge über das Nordring- Anschlußgleis in Stralau-Runimclsburg von und nach dem Südring umgeleitet und am Nordring- Bahnsteig abgefertigt werden. Durch die erforderlichen Nangierbeivcgnngcn und durch daS Wechseln der Maschinen ans dem Vcrbindnngsglcis oberhalb der Station Stralau- Rummelsburg erleiden diese Züge eine Verspätung von acht bis 10 Minuten. Ans der Stadtbahn wird durch Einlegnng von Sonder- zügcn der Fünftninuten-Betrieb aufrecht erhalten bleiben, lieber den Nordring werden die Züge in der angegebenen Zeit nur halbstündlich verkehren. Beim Skatspiel vom Herzschlag betroffen tvnrde am Dienstagabend in einem Restaurant in der Turnistraße der Ver- sichcrungsbeamte Dr. I. Der Mann befand sich grade inmitten eines„Nullspiclcs" und hatte Gelegenheit, eine gefährliche Blank- karte abzuwerfen. Mit dem Ausruf„Gewonnen!" warf er die Karten auf de» Tisch, er selbst aber sank in sich zusammen. Ei» schlimmer„Kinderfrennd" ist in der Person eines Krüppels, des Buchhalters W., festgenommen worden. Der Ver- haftete, der mir einen Ann besitzt, ivird beschuldigt, Mädchen im Alter von 6 bis 10 Jahre» in seine Wohnung gelockt zu haben. Gleichzeitig ist eine Untersuchung gegen eine Frau eingeleitet worden, welche dem Wüstling ihre eigenen Kinder geschickt haben soll. Ein trauriger Unfall ereignete sich gestern nnttag in Moabit. Um 12 Uhr kamen die Kinder aus der Schule. An der Ecke der Levetzowstraße jagten einige Kinder nach Kinderart hinter einander her. Da stürzte ein achtjähriger Knabe ans dem Damm nieder, in demselben Moment fuhr ein schwer beladener Steinwagcn vorüber. Ein Rad desselben ging dem Knaben über die rechte Hand und gleich darauf hing diese zu Brei zerquetscht am Anne. Ein Taxa- mcter-Kutscher wollte den Knaben nach der Unfallstation bringen, der Knabe, der sein Bewußtsein nicht verloren hatte, schrie aber nur: „Meine Matterl Zu meiner Mutter I" und so brachte man denselben nach der elterlichen Wohnung. Die Motorwettfahrt, welche gestern von Berlin nach Leipzig veranstaltet wurde, hatte folgende Ergebnisse. Erster: Fritz Held mit Richarz Benz ans zweisitzigem Benzwagen traf nach 5 St. 18 M. 15 Sek. ein. Zweiter: Piltelkow auf Rebus-Dreirad nach 5 St. 24 M. 30 Sek. Dritter: Bigeard auf zweisitzigem Dietrichwagen nach 5 St. 36 M. 35 Sek. Vierter: Baron Dietrich auf zweisitzigem Dietrichwageu nach 5 St. 42 M. 35 Sek. Freiherr von Liebig mit Katzenstein auf einem Viersitzer nach 6 St. 46 M. 58 Set.; Kirchheim auf einem Eiscnach- Einsitzer nach 6 St. 51 M. 55 Sek.; Brauda auf einem Rebusrad nach 7 St. 21 Min. 50 Sek. Ein Kongrest der iAmpfgegner wird am 24. und 25. Sep- tcmber im Architektcnhause abgehalten. Die Leitung liegt in der Hand des Herrn Reinhold Gerling in Oranienburg. Die Urania bringt jetzt ein neues Ausstattungsstück„Der Sieg des Menschen über d i e Natur". Eine Kultur- geschichte der Menschheit wird uns da in dem Rahmen eines ändert- halbstündigen Vortrages vorzuführen gesucht. In Wort und Bild er- fahren wir von den Pyramidenbauten des in starren Gesetzen ein- gezwängten Pharaonendespotismus, der Blüte Athens und Roms und ihren durch unheilbare Krankheiten am socialen Körper bedingten Unter- gang. Weiter folgt eine beionders liebevolle Darstellung der Welt- anschaimng des siegenden Gerinnncutums und eine Schilderung der sich entwickelnden Macht der Kirche in ihren knltnrfördernden und ihren iulturhcmmcndcn Elementen. So bahnt sich der Verfasser des Vortrages, der Professor Dr. C. K o p p e in Braunschweig, mit schnellen Schritten den Weg zu jenen Geistestbatcn der großen Denker und Entdecker, deren wachsender Erfolg den endlichen Sieg der wissenschaftlichen Erkenntnis über die Macht der kirch- liche» Finsternis bedeutet. In einem fast allzu schnellen Fluge Ivird die Erfindung der Dampfmaschine gestreift, sowie die sociale Umwälzung, die durch' die Eisenbahnen, den Aufschwung der Eisen- industrie und die großen Thaten auf dem Gebiete der Natnrwissen- fchafte» hervorgerufen wurde und die gegenwärtig, im beginnenden Zeitalter der Elektricität rastlos Wetter schreitet. Die letzten Bilder stellen den Elcktricitätspalast der kommenden Pariser Weltausstellung und die Durchbohrung des Simplontunnels dar. In einem solchen Vortrage ist auch die eigentliche sociale Frage, die Wirkung der industriellen Umwälzung auf den VokksorgamSmuS schwer zu umgehen. Auch der Herr Verfasser behandelt die hervor- ragendste Erscheinung des Jahrhunderts, den Befreiungskampf deS Proletariats u. a. in folgenden Worten: „Unheilverkündend reckte der„vierte" Stand seine nervigen Arme, und wie dunkle Gewitterwolken am Horizonte erschienen die ge- ivaltigen Massen der Arbeiterbataillone, welche die sociale Ordnung der modernen Zeit zu zertrümmern drohten, wie einst die vandalm die morsche Kultur de« Römerreiches. Aber ein gewaltsamer Au«- bruch der Leidenschaften, der verhängnisvoller werden zu sollen schien, als einst die Blut- und Schreckensherrschaft der fran- zösischen Revolution, erfolgte seither nicht und wird aller inensch- lichen Voraussicht nach nicht erfolgen. Warum? Humanität und Volksrechte sind die Ventile, welche die französische Revolution erst öffnen mußte, aber bei ihrem Ausbruch noch nicht besaß." Es ist ja begreiflich, daß ein deutscher Professor den geschicht- lichen Beruf und vas Streben der„Arbeiterbataillone", eine höhere sociale Ordnung zu schaffen, nicht zu erkennen scheint. Freilich, des Gedankens, daß für die Kulturwelt nun einmal nichts übrig bleibe, als sich aus den Fesseln des Kapitalismus zu befreien, verschließt sich auch Herr Koppe nicht; nur sieht er, voll sanften Mutes, nationalsocial den Ausweg im Christentum: „Mit unerbittlich logischer Konsequenz fragt der zur freien Selbstbcthätignng gelangte, seiner Kraft und seiner Fähigkeiten sich bewußt gewordene Volksgeist: Wenn nach der christlichen Offen- barung alle Menschen vor' Gott gleich sind, ohne Ansehe» der Geburt und jeder Einzelne nur gilt nach seinem wahren Werte und den eigenen Leistungen, warum nicht auch hier in dieser Welt, da doch die Menschheit berufen ist zu einem Reiche Gottes auf Erden sich zu entwickeln?" Wird auch der Herr Verfasser mit seiner Berufung auf das Christentum vor allem in Berlin nicht allzuviel Begeisterung erwecken, so muß doch gesagt werden, daß die Abschweifung auf das Gebiet des Tageskampfes den Wert seiner Arbeit an sich kaum beeinträchtigt. Mancher Arbeiter wird auch aus diesem mit Bildern reich versehenen Urania-Vortrage sein gutes Teil Belehrimg schöpfen. Ans de» Nachbarorten. Eine Benziuexplosio», die einen Gebäude-Ein stürz und die teils lebensgefährliche Verletzung mehrerer Per- s o n e n zur Folge hatte, ereignete sich gestern früh 9 Uhr zu R i x d o r f auf dem Grundstück Richardplatz 7. Hier befand sich in einem 25 Meter langen und IVe Stockwerk hohen Seitenflügel die chemische Waschanstalt von Oswald Näfe und die Klempnerei von Sohn. Im Parterre- und Kellerranm befanden sich große Benzinbehältcr, die auf noch nicht aufgeklärte Weise unter einer Detonation explodierten, die die Häuser der tveitercn Umgebung erzittern machte. Der größte Teil des Gebäudes in einer Ausdehnung von fast 20 Meter stürzte in sich zusammen, während der noch stehen gebliebene Teil, wie auch die benachbarten Gebäude durch den entstandenen Luftdruck teils dem Einsturz nahegebracht, teils sonst stark beschädigt wnrden. Die Explosion tvar so stark, daß die Unterkellerung unter dem Hofe noch in einer Entfernung von 20 Schritt vom Explosionsherde demoliert und große Granitplattcn vollständig umgedreht wnrden. Zur Zeit des Unglücks waren zehn Personen in der Waschanstalt beschäftigt, jedoch glücklicherweise in einer Abteilung des ersten Stockes, die abseits vom Explosionsherde lag und wenn auch stark beschädigt wurde, doch nicht sogleich einstürzte. Hierdurch war es möglich, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen sich durch die Fenster retten konnten. Gleichwohl haben viele von ihnen erhebliche Verletzungen davon ge- tragen. Am schlimmsten kam der Färber Müller weg, der unter den Trümmern begraben wurde und erst nach l�ftündiger Arbeit der Ortsfeuerwehr, die erst den Schutt wegräumen und einen starken Balken zweimal durchsägen mußte, befreit werden konnte. Er hat schwere Verletzungen des Brustkorbes davongetragen und mußte mittels Kranken- Wagens nach demKraukenhause befördert werden. Die übrigenVerletzten Ivnrden zunächst auf der Unfallstation verbunden. Der Bügler R. Schmidt hatte aber eine Brustquetschung und eine Verstauchung der Füße davon getragen und wurde nach dem Krankenhause ge- bracht. Weiter wurden verletzt: Willy Unger. Alfred Schulze, der Klempner Sohn, dessen Lehrling Adinus sowie verschiedene Mädchen. Der durch die Explosion angerichtete materielle Schaden ist ganz bedeutend; Herr Näfe büßt durch die Explosion mehr als 12 000 M. ein, die nicht durch Versicherung gedeckt sind. Herr Unger hatte im Hof einen Stall mit acht Schweinen und viel Geflügel, der eben- falls zusammenstürzte und die Tiere unter sich begrub. lieber die Ursachen der Bcnzinexplosion verlautet noch nichts Bestimmtes. Herr Näfe selbst glaubt, daß die Explosion absichtlich durch ein gestern morgen von ihm entlassenes Dienstmädchen herbei- geführt worden. Sie' habe bei ihrem Weggang geäußert:„Euch werde ich es schon noch besorgen." Umfassende Erhebungen sind im Gange. �, Die Unglücksstätte war den Tag über von emer neugierigen Menschcninenqe umlagert. Das demolierte Gebäude bildet einen Trünnnerhausen. Auch der etwa 15 Schritt davon entfernte Seiten- flügel, der von der Essig- und Mostrichfabrik von Unger teils zu Wohnräumen, teils zu Ställen benutzt ivird, ist arg mitgenommen. Vom Glück begünstigt waren immer noch die acht Personen, die in der Bttgelei beschäftigt ivaren. Letztere stürzte zwar nicht mit ein. trug aber so starke Beschädigungen davon, daß ihr Einsturz noch befürchtet wird. Der am schiversten verletzte Färber Müller be- fand sich gegen Abend noch am Leben, doch ist sein Zustand� sehr kritisch. Das Befinden der übrigen Berunglückten ist den Umständen nach befriedigend. Das mit der Explosion in Verbindung gebrachte Mädchen soll in Berlin verhaftet sein, doch konnte hierüber Gewiß- heit nicht erlangt werden. Ei» Dachstnhlbrand suchte in der gestrigen Nacht daS Haus Thüriugerftr. 18 in N i x d o r f heim. Die Nixdorfer freiwillige Feuerwehr brachte den Brand mit drei Rohren zum Stehen, so daß nur der halbe Dachstuhl deS Hause« dein Feuer zun, Opfer fiel. Die freiivilligen Feuenvehren der Nachbarorte waren am Platze anwesend. traten jedoch nicht in Thätigkeit. FriedrichShagen. Im benachbarten Ravenstein wurde am Montagmittag an der ueulijährigeii Tochter eines Arbeiters auf freiem Felde ein SittlichkeitLverbrechen verübt. Der Verbrecher, ein junger Mann von etwa 20 Jahren, ist leider ent- kommen. Das Mädchen liegt schwerkrank danieder.— Ein frecher Raub ist in der Nacht zun, Dienstag im Restaurant Rübezahl ausgeführt worden. Nach Mitternacht erschienen dort fünf bewaffnete Männer und begehrten Einlaß, welcher ihnen jedoch, da der Büffettier sich bereits zur Ruhe begebe» hotte, verweigert wurde. Hierauf schössen die Einbrecher mit ihren Revolvern durch die Thür, bis ihnen geöffnet wurde. Nachdem sie den Büffettier seiner Wertsache» und des Geldes beraubt, zwangen sie ihn noch, sein Boot aufzuschließen, womit sie auf dem Müggeliee das Weite suchten. Bei dein Theilen der Beute ist vermutlich zwischen den Patronen ein blutiger Streit ausgebrochen. Denn gegen 3 Uhr morgens wurde von dem Restaurateur Tabbert in der Kolonie Hirschgarten einer der Teilnehmer ohne Kopfbedeckung und an verschiedenen Körperteilen heftig blutend aufgefunden. Er gab an, nach dem Einbruch von seinen Komplizen gemißhandelt zu sein und vor ihnen die Flucht er- griffen zu haben. Der Patron wurde verhaftet und dem Köpenicker Amtsgericht zugeführt. Die Räumung deS Netnickendorfer Sees wirb nunmehr nach Beendigung der Badezeit erfolgen. Den Umfang des aus- zuhebenden Bodensatzes schätzt man auf rund 40 000 Kubikmeter. Der ausgehobene Bodensatz wird nach dein städtische» Ackergriliidstück befördert, das am Treffpunkt der Christiania- und Hennigsdorfer Straße liegt. Auf diesem Grundstücke soll eine Umarbeitung des dem See entnommenen Bodensatzes in der Weise stattfinden, daß ihm Teile des Ackerboden« zugesetzt werden, um ein» Berbefferung be« Acker» zu erzielen. Zur Frage der Einverleibung Friedenaus in Schöneberg ist zu berichten, daß die Akten an den Schöneberger Magistrat wieder zurückgereicht sind. Keine der maßgebenden Behörden hat sich gegen eine Einverleibung ausgesprochen. In eingeweihten Kreisen hegt man die Hoffnung, daß das Gesetz. daS beide Orte vereinigt, dem Land- tage nach seinem Wiederzusammentritt vorgelegt werden wird, so daß die Vereinigung am 1. April 1900 perfekt werden dürfte. Friedenau. Die Arinenverwalwng nimmt in unseren. Ort einen immer größeren Umfang an. So waren allein in der letzten Sitzung der Armenkommission 27 Sachen zu erledigen. Der im Etat für die Armenverwaltung ausgesetzt» Betrag wird im laufenden Jahre Wohl bedeutend überschritten werden. Wegen dcrsnchtcr Tötung ihres neugeborenen Kindes ist gestern morgen in Köpenick eine Person festgenommen worden. Ilm 6Ve Uhr gesteni morgen hörten Leute, die an der Bedürfnis anftalt auf dein Schlostplatze vorbeikamen, das Wimmern eines Kindes aus der Tiefe herausdringen. Sie trauten ihren Ohren nicht, mußten aber feststellen, daß das Kind in der That unten im Abort lag. Die Versuche, es ohne Hilfsmittel zu erreichen, blieben er« folglos. Erst nachdem man eine Leiter geholt hatte und hinafr gestiegen war, gelang es, das Kind aus seiner Lage zu befreien und ans Tageslicht zu befördern. Zum Glück lebte es noch. Es ist ein kräftig entwickelter Knabe, der erst kurz vorher geboren worden war. Polizei-Jnspektor Jaeckel gab den geretteten Kleinen einer Frau in Pflege und begann dann sofort mit den Nach- forschnngen nach der Mutter. Als verdächtig kam eine Frauensperson in Betracht, die man morgens in der Grünstraße und deren Nachbar schaft gesehen hatte. Die Polizeibeamtcn durchsuchten die ganze Altstadt, aber ohne Erfolg. Erst um 83/4 Uhr fand man die Gesuchte in der Kietzvorstadt, einige hundert Meter von einer Scheune entfenst an der Chaussee von Köpenick nach Müggelheim, löv Meter abseits vom Wege, in der städtischen Forst liegen. Sie wurde verhaftet, zunächst»ach der Försterei gebracht, wo die Försterfrau ihr eine Stärkung verabreichte, und dann einem Krankenhause zugeführt. Es ist eine 22jährige aus Klein-Bricscn gebürtige Martha Kaschcl, die sich vor anderthalb Jahren schon einmal eine Zeitlang in Köpenick aufhielt. Die flesctzes, soll jetzt, Gevlchks-Ieikung. „Rechtsbeständigkeit" deS preußischen Lotterie- welches das Spielen in auswärtigen Lotterien verbietet, .. � wenn irgend möglich, nochmals der Entscheidung des Reichsgerichts unterbreitet Ivcrden. Die Handhabe dazu soll ein Anklagefall bieten, der gestern die III. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte. Wegen Verletzung des preußischen Lottcricgcsc'tzes vom 20. Juli 1885 wurde der Lotteriekollekteur Mühe in Leipzig zur Verantwortung gezogen, weil er einem hiesigen Eintvohncr auf dessen Ersuchen ein Los der kgl. sächsischen Lotterie zugesandt hatte und somit— dem Lottcriegesetz zuwider— den Verkauf von anßerpreußischen Losen als Mittelsperson befördert hatte. Justizrat Alexander Katz, der den Angeklagten vertrat, hatte die Rechts bcständigkeit des preußischen Lotteriegcsetzes in umfangreichen schrift lichcn Rechtsausführnngen und unter Bezugnahme auf ein vor- liegendes Rcichsgcrichts-Erkcnntnis, welches auf dennelben Stand- Punkt zu stehen scheine, bestritten. Er machte in mündlicher Ergänzung im weientlichen wiederum geltend, daß die gesamte Materie des Glückspicls im Strafrcchte rcichsgesetzlich geregelt sei und die Lotteriegesetze der Einzelstaaten danach keine Gültigkeit haben können. Außerdem würde auch eine Verletzung der Souveränctät vorliegen, denn in Wirklichkeit sei bei solchen Straffällen der Thäter der sächsische Staat, der durch seine Kollektcure die Lose verkaufen lasse. Jedenfalls erklärte es der Verteidiger für notwendig, diese Rechtsfrage noch einmal zur Entscheidung des Reichsgerichts z» bringen.— Staatsanwalt Dr. Kleine verwies dagegen darauf, daß die Rechtsfrage schon zu wiederholten Malen durch das Reichsgericht entschieden worden sei und auch das Kammergericht in einem diesem unterbreiteten Falle die RcchtSbeständigkeit des preußische» Lotteriegcsetzes anerkannt habe und eine konstante Praxis in dieser Beziehung vorliege. Er beantragte 50 M. Geldstrafe. Der Gerichtshof erachtete es für not- Ivendig, daß vor der Entscheidung jedes seiner Mitglieder gründlichst die Rechtsfrage prüfe und der Vorsitzende setzte deshalb die Vcr- kündigung des Urteils auf Mittwoch, 27. d. M., mittags 12 Uhr, an. Ei» Fall unbefugter und unnötiger Sistierung durch eine» S ch n tz m a n n beschäftigte gestern die achte Strafkammer des Land- gerichts I. Der Schlächteniicistcr Heinrich Schütz aus Ncu-Weißensee stand im Februar d. I. vor derselben Strafkammer unter der An- klage deS Widerstandes gegen die Staatsgewalt und der wissentlich falschen Anschuldigung. Er wurde nur des erstercn Vergehens für schuldig befunden und diescrhalb zu 30 M. Geldstrafe verurteilt. Das Reichsgericht hob auf die eingelegte Revision das Erkenntnis auf mit der Begründung, daß in der zwangsweisen Sistierung des Angeklagten ein Angriff gegen dessen persönliche Freiheit gefunden werden könne, es sei denn, daß die Sistierung zum eigenen Schutze deS Angeklagten erfolgt sei. Nach dieser Richtung hin sei eine nochmalige Prüfung vorzunehmen. Im gestrigen Termine wurde folgender Sachverhalt festgestellt: Am Abend des 23. August gegen 1t) Uhr fuhr Schütz mit seinem Schlächterwagen durch die Linienstraße. Hinter ihm folgte ein radelndes Ehepaar, der Kaufmann Schröder und seine Ehefrau. Die letztere versuchte an deni Wagen vorbeizukommen, streifte aber dabei mit ihrem Rade das Hinterrad des Schlächterwagens. Sie kam weder zu Falle noch erlitt ihr Rad Schaden. Dennoch er- hob sie sowohl wie der ihr folgende Ehemann lautes Geschrei und beide riefen nach einem Schutzmann. Der Angeklagte, der von dem Vorfalle nichts bemerkt hatte, wußte nicht, daß die Rufe ihm galten. sondern fuhr ruhig weiter. Plötzlich sah er, daß der' Arm eines Schubmanns' über seine Schulter hinweg nach den Zügeln griff. Der Beamte, der von hinten aus den Wagen geklettert war, forderte ihn auf, zu halten. Schütz erwiderte, daß er nichts verbrochen habe, verlangte aber, daß der Beamte die Zügel freigeben sollte. Der Schutzmann Gcrnllis sprang wieder voni Wagen, stellte sich aber mit gezogenem Säbel vor den Kopf des Pferdes und verlangte, daß Schütz absteigen und ihm zur Wache folgen sollte. Der Angeklagte erhob Einwendungen. Wenn er einen Verstoß begangen haben sollte, was er nicht wisse, so genüge es wohl, seine Persönlichkeit festzustellen; seine Firma befinde sich am Wage», und er habe Ausweispapiere, Ivie Militärpatz usw. bei sich. Der Schutzmann wollte sich auf nichts einlassen. Schütz wurde vom Wagen gezogen und von dem Schutzmanne vorwärts g e s ch o b e n. Es kamen noch drei Schutzleute hinzu, worauf Schütz jeden Widerstand fallen ließ. Auf der Wache wurde er nach Feststellung seiner Persönlichkeit sofort entlassen. Der Vorfall hatte eine große Menschenmenge angelockt, es verbreitete sich das Gerücht, daß»der dicke Schlächter" eine Dame überfahren habe und cS wurden allerlei Drohungen gegen ihn ausgestoßen. Am folgenden Tage beschwerte Schütz sich über den Schutzmann Gerullis, von dem er behauptete, daß derselbe ihm bei der Sistierung Fußtritte in die Kniekehlen versetzt habe. Wegen der hierauf gegründeten Anklage wegen wisss entlich falscher An- schuldigung erfolgte wie erwähnt— in der früheren Ver- Handlung Freisprechung. Im gestrigen Termine bekundete der Zeuge Gernllis. daß er den Angeklagten zu dessen eigener Sicherheit der sich gestern wegen einer ganzen Anzahl von Urkundenfälschungen vor der 2. Straf- kammer des Landgerichts I zu verantworten hatte. Neben ihm war der Arbeiter Albert K l a m a n n der Beihilfe beschuldigt. Baltz, ein Mann mit verschiedenen Vorstrafen, hatte, nachdem er im März aus dem Zuchthause entlassen worden war, im Juli bei der Allgemeinen Elektricitätsgesellschaft Beschäftigung als Arbeiter ge- funoen. Er arbeitete auf dem Bau Mauerstr. 80, wo die Gesellschaft Accumulatorenräume herrichtete. Für diesen Bau wurden größere Posten Drähte und sonstige Materialien gebraucht, die teils von dem Geschäftshause der Gesellschaft am Schiffbauerdamm, teils von den Kabelwerken an der Oberspree auf Grund von Bestellzetteln des zuständigen Ingenieurs beschafft werden mutzten. Mit der Herbeischaffung der Materialien wurde häufig der Angeklagte Baltz betraut, er hat aber das in ihn gesetzte Vertrauen aufs ärgste gemißbraucht. Obgleich die Bestellzettel vor der Ausführung der Bestellung mehrere Prüfungsstationen zu durchlaufen hatte», gelang es ihm doch, im letzten Augenblicke die Bestellzettel zu fälschen, indem er der dort vermerkte» Zahl eine 0 anhängte oder eine 1 vorsetzte. Er erhielt auf diese Weise bedeutend größere Posten Draht, als er abzuliefern hatte, und verkaufte den Ueberschuß in eigenem Nutzen. In welchem Umfange er diese Veruntreuungen betrieben, wird durch die Thatsache illustriert, daß er sich bereis einen Keller gemietet hatte, um dort einen Schleich Handel mit solchen gestohlenen Materialien einzurichten. Durch die viele Stunden währende Beweisaufnahme hielt der Gerichtshof beide Angeklagte im Sinne der Anklage für überführt und �verurteilte den Angekl. Baltz zu 6 Jahren Zuchthaus und den Neben- strafen, den Arbeiter K I a m a n n zu zwei Jahren Gefängnis. Für Drognisten ist folgender Fall von Interesse, der gestern das hiesige Schöffengericht beschäftigte. Ein Droguist, in dessen Verkaufslager das bekannte Romershausensche Augen- Wasser vorgefunden wurde, war vor längerer Zeit angeklagt ge Wesen, weil er ein H e i l m i t e l feilgeboten habe. Er wurde da- mals freigesprochen, denn das Schöffengericht schloß sich seinen Aii& führungen dahin an, daß das Augeuwässer nicht als Heilmittel gegen Augenkrankheiten, sondern als Vorbcugungs- und Stärkungsmittel verkauft worden fei. Gegen das Utteil wurde vom Staatsanwalt Berufung nicht eingelegt. Vor kurzem fand bei dem Drognisten wieder einmal eine Revision statt und dabei wurde wieder das Augeuwässer vorgefunden. Da der Revisor bei der ersten schöffengcrichtlichen Verhandlung zugegen gewesen war und den Ausgang kannte, so machte der Droguist darauf aufmerksam. Der Sicherheit wegen wies er seinen Gehilfen ausdrücklich an, das Augeuwässer nur dann zu verkaufen, wenn es nicht besonders als Arznei verlangt wird. Bald nach der Revision erschien in der Ab- wcienhcit des Drognisten eine im Dienste der Polizei stehende Frau und kaufte von dem Gehilfen eine Flasche Augenwasser, wobei sie ausdrücklich gesagt haben will, daß sie es zur Heilung für entzimdete Augen haben wolle. Die Folge war eine abermalige Anklage gegen den Droguisten. Rcchtanwalt Sonnenfeld beantragte trotz der Be- kundiiug der Belastungszengin wiedcnim die Freisprechung des Angeklagten, die denn auch erfolgte. Der Gerichtshof war mit dem Verteidiger der Ansicht, daß die Droguisten im allgemeinen für die geschäftlichen Handlungen ihrer Gehilfen verantwortlich seien, daß diese Verantworlichkeit aber aufhöre, wenn, wie in diesem Falle, der Prinzipal dem Gehilfen eine ganz bestimmte Anlveisimg gegeben habe und ohne sein Verschulden gegen dieselbe gehandelt worden sei. Tie Lohnbewegung der Töpfer, die Mitte bezw. Ende September geplant war, ist auf einige Zeit vertagt worden. Wn der Bertraucnsmann der Töpfer in der öffentlichen Versammlung die am Mittwochabend in den Andrcassälen tagte, ausführte, hat äch durch den Streik der Putzer die Situatton ganz wesentlich ver- ändert. Eine ganze Anzahl Bauten, die vordem in Betracht gezogen wurden, ruhen gegenwärtig, andere werden in den nächsten Tagen fertig gestellt sein, so daß zur Zeit eigentlich nur mit 56 Bauten, auf welchen ca. 750 Töpfer beschäftigt sind zu rechnen ist. Sobald von einem größeren Teil der Putzer die Arbeit wieder aufgenommen wird, ist auch für die Töpfer eine günstige Konjunktur geschaffen, die voraussichtlich in den ersten Wochen im Oktober ihren Höhepunkt erreicht und längere Zeit an- dauern wird. Diese Periode soll dann ausgenützt werden, um der Lohnbewegung den Erfolg zu sichern. In der nächsten Zeit Ivird die Lohnkonnnission eine Versammlung einberufen, die über die weiteren Maßnahmen zu beschließen hat. Erkner. Am Sonnabend fand hier eine Versammlung des Arbciterbildungsvereins statt, in der zunächst des ver- storbencn Genossen Jacoben gedacht wurde. Alsdann sprach Genosse M o r a w s k i in deutscher Sprache über die Geschichte der polnischen Socialdcmokratie und in polnischer über den Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation. Die Versammlung tvar noch stärker als sonst besucht, ein Beweis, daß unsere Bewegung in Erkner glänzende Fortschritte macht. Der Verein zählt gegen 120 Mitglieder. Berliner Zlrbcitcrvertreier- Berei» tagt jeden Dienstag nach dein ersten im Monat bei Buske, Grenadierstr. 33, Abends S'/z Uhr. Unent geltlicher Rath wird erthcilt: Im Norden Berlins: Für Unfall-, Jnvaliditäts- und Alters- Versicherung Abends von 7—8 Uhr: A. D a e h n e, Deumiinerstr. 36, v. 3 Tr. St. Gutheit, Wiescnstr. 29a, von 8—9 Uhr Abend». F. Pieschel, Gartenstr. 55, v. 2 Tr. E. Simanowskt, Gartenstr. 78, Portal 2, 2 Tr. M. S t u h l m ann, Oderbergerstr. 37, 4 Tr., von 6— 9 Uhr Abend?. A. Voigt, Wiescnstraste 4l/42. E. Warnst, Kolbcrgerstr. 7, von 6—7 Uhr Abends. P. Reim an», Bellen» annstr. 83. J.Krause, Gartenftraste 13, 2. Ging. pari.— Nur für Jnvaliditäts- und Altersversicherung: F. Blume' Strelitzerstrabe 58. F. Trapp, Schwcdenstr. 14, von 7 bis 8 Uhr Abends W. Mol)?, Swincmünderstr. 64, vorn linker Aufgang. Im Osten: Nur für Invalidität?- und NllerSversicheriing: E. Bader, Gr. Frantfurterstr. 34, v. 4 Tr.— Für Unfall-, JnvaliditätS- und Altersversicherung: A. Schütz, Holzmarktstr. 60 1. Im S ü d- O st c n: Für Unfall-, JnvaliditätS- und AlterSversichening: S ch a l t h o f f, Michaelkirchstr. 18.— vtur für JnvaliditätS- und Alters- Versicherung: W. Kühne, Psnelstr. 1. Im Süden: Für Unfall-, JnvaliditätS- und AlterSversichening: F. Stügclmater, Grimmstr. 39. Im Süd- Westen: Nur für Unfallversicherung: G. Hänel, Solmsstr.44. Im Nord-Westen: Für Unfall-, Jnvaliditäts- und Alters- versichenmg: M. S t e p h a n, Eiixhafenerstr. 2.— Nur für Jnvaliditäts- und Altersversicherung: R. Nehbetn, Rostockcrstr. 43.f flinkt jatm-cifthfintiÄ �Weizen D.-Etr. ONoflOcit Fntlcr-Gerste Hnfer gilt .„ mittel „ gerin» Nichlstroh. Heu. ZErbscil. -f)SpeisebohliiN zLinseu ..'.irtoneln, nene Nindsieijch, Keule 1kg do. Bimch„ ') Ermittelt pro 1 60i 1,60 1,60 2,60 4,50) 2,20 2,80 2,60 2,20) 1,80 2,50 1,40 12,- 1,10 1- 1,- 2,- 2,80 1,20 1,20 0,90 1,-» 0,80 1,20 0,80 2,- 1,........... pro Tonne von ort tacm.u schästskammern— Notieningöftclle— und umgerechnet vom Polizeipräsidium für den Doppel-Centner. f) Kleinhandelspreise. Produkte»markt vom 20. Sept. 1809. Weizen gab um L5 Pf. nach. Das Weizenangebot blieb reichlich, doch stand demselben nur schwache Kauslust gegenüber. Roggen fand zwar in den Elbe- und Saalcgegenden noch Käufer, im allgemeinen machte sich aber weniger Nachfrage bemerkbar und da auch hier am Platze sich geringerer Begehr zeigte, so büstte Roggen schliesslich Va— Vi M. ein.— Hafer, reichlich zugeführt, notierte um Va M niedriger. Mais abgeschwächt. Nübül in vorderen Schichten ruhig, für spätere Termine in Deckung gesucht und 10 bis 20 Pf. höher. Rege Kauf- tust herrschte am S p i r i t u s m a r I t und fanden die angeboteiicn 20000 Liter 70 er Locoware mit 44,50 M.(+ 0,40 M.) leicht Käufer. Tcrmtne im Anschluß an Locoware um ca. 10 Pf. höher. September notierte 47,10 M. Städtischer Schlachtvieh markt. Amtlicher Bericht der Direktton Berlin, 20. September 1899. Zum Verkauf standen: 407 Otinder, 1829 Kälber, 1370 Schafe, 11009 Schweine. Bezahlt für lOOPüind Schlachtgewicht Rinder: a) vollfleisckige, ausgemästete, höchsten Schlachtwerte?. höchstens 7 Jahre alt 00—00 d) junge fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 00—00; v) mäßig genährte junge, gut ge- nährte ältere 00—00; ck) gering genähtte jeden Alters 00—00.— Bullen: a) vollfleischiAe höchsten Schlachtwertes 00—00; b) mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 00—00; c) gering genährte 48—50.— Färsen und Kühe: a) voll fleischige, ausgemästete Färsen höchsten SchlachlwertS 00—00; d) vollfieischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwerles bis zu 7 Jahren 00—00; c) allere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jünger« Kühe und Färsen 00—00; ck) mäßig genähtte Kühe und Färsen 51—53; '"" und Färsen 00—00.— Kälber: a) feinste Mast- .. gettng genährte Kühe u.......—.......■ kälber(Vollmilchmast) und beste Saugkälber 71-73, b) mittlere Ma, Itaiber o) und gute Sauglälber 67—70, c) geringe Saugkälber 04—66, d) ältere, gering genähtte Kälber(Fresser) 43—46.— Schafe: a) Maftlämmer und jnngcr« Mastbaiiimel 00—00, d) ältere Masthammel 55—59, c) mäßig genährte Hammel und Schafe(Merzschafe) 47—53, d) Holsiciner Riederungs- fchafe(Lebendgewicht) 25—31.— Schweine: a) vollslcischigc, der feineren Rassen und deren Kreuzungen im Alter bis zu l'/i Jahren 48, b) Käser "�—48, c) voll fleischige 48—47, d) gettng entwickelte 44—45, e) Sauen 43—41. Verlaus und Tendenz: Der Rinderanftrieb wurde bis auf ungefähr oo Stück ausverkauft. Der Kälberhandcl gestaltete sichfrnhig. Von den Schafe» fand ungefähr die Hälfte des Auftriebes Absatz. Der Schweinemarlt verlies ruhig und wird kaum ganz geräumt. BsltteriingSllberslcht vom L0. September 18»», morgen? 8 Nhr. Stationen winemde.) Hamburg Berti» Wiesbaden München Wien L S se 02 Oc II s S j- 747 S 745 WSW 750)SW 753 SW 760 SW 760, W Wetter 6 Regen 6)hlb.bcd. 4bedeckt O.Regen 5ivottig 2hlb.b-d »e c ä s»| « Stationen Haparanda Petersburg !Eort ftlberdee» Pari« a- 8 S 742 3 7533 759 NW 743 W 756 3W W-lter 2 Regen Lwolkig 4heiter 4 616. beb 4 Regen ö s =?. ä. 1 iti 9 8 13 11 13 Wetter. Prognose für Dounerstag. den ZI. September 18»». Zunächst etwas wärmer, veränderlich, vorwiegend trübe mit Regen- fallen und starten westlichen Winden; nachher austlarend und etwas tühler. Berliner Wetterb urean. Verantwortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin, ftüx den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin- >..m n. Z WW des Joimärts" Kerl« WltsM-'-'d'»-->»»» I« Bericht des Parteivorstandes an den Pttttikg der SockldtUlokratislhea Partei DeutsWdS. 189V zu Hannover. . �'»zehn Tage nach Schluß des Parteitags in Stuttgart fanden in Preußen die Landtagswahlen statt. Entsprechend der m Stuttgart einstimmig gefaßten Resolution zu dieser Frage und der m der Partei vorhandenen verschiedenen Beurteilung derselben konnte von einer allgemeinen Teilnahme der Partei an den Land- tagswahlen keine Rede sein. In einzelnen Provinzen, wie in der Mark Brandenburg mit Berlin, hielten sich die Genossen von der Wahl grundsätzlich fern, in anderen Provinzen wurde der Kampf von einzelnen Städten und Wahlkreise» aufgenommen. Eine all- gemeinere Beteiligung unserer Genossen fand dagegen in Breslau und einige» niederschlesischen Wahlkreisen statt. Dort wurden auch ,"l?|ern Erfolge erzielt, als bei den Urwahlen in der dritten Wählerklasse vielfach die Wahlmänner unserer Partei gewählt wurden. Auch in Hannover- Linden, Altona, Halle, Bielefeld und einigen anderen Kreisen wurden von unseren Genossen erhebliche Erfolge in der dritten Wählerklasse erzielt. Die freisinnig-demokrattschcn Wahlen m Breslau- Görlitz und Frankfurt a. M. wurden durch das ent- schiedene Eingreifen unserer Genossen herbeigeführt und damit die Hoffnung auf eine konservative Mehrheit im Landtage zu nichte gemacht. Die im vorjährigen Bericht der Parteileitung ausgesprochene Hoffnung, daß die„praktischen Erfahrungen, welche die Genossen bei den bevorstehenden Landtagswahlen sammeln werden, zu einer ge- meinsamen Richtschnur für die preußischen Genossen führen werden", hat sich bis jetzt noch nicht erfüllt. Die Meinungen über den Wert der Beteiligung gehen heute noch ebenso weit auseinander als zur Zeit, als diese Frage vor zwei Jahren wiederum aufgeworfen wurde. »» Kurzchor Zusammentritt des Stuttgarter Parteitags wurde be- rannt: die sächsische Regierung die beiden Parteigenossen und socialistischen Schriftsteller Dr. Helphant und Dr. Marchlesky als Ausländer des Landes verwiesen hatte. Einen Monat später ereilte dasselbe Schicksal den Genossen Dr. Adolph Braun, der seit Jahren am „Vorwärts" als Redactcur thätig gewesen war. Gegen die drei Ausweisungen konnte die preußisch-sächsifche Reaktion für ihre Maß regel nichts weiter anführen, als daß die Bettoffencn sich„lästig' gemacht haben. Eine Begründung, die um so hinfälliger ist, als die lästige Thättgkeit der Ausgewiesenen in Schriftstellerei für socialistische Preßorgane bestand, die zu verhindern die Reaktion doch keiK Mittel hat, gleichgültig, ob unsere Genossen dies- oder jenseits der schwarzweißen oder grünweißen Grenzpfähle wohnen. Die Ausweisungen haben also nur die Bedeutung einer materiellen Schädigung der Betroffenen, die ja mit einer solchen plötzlichen und erzivungenen Dislokation immer verknüpft ist, wodurch aber die Maßregel selbst in den Augen aller objcttiv Denkenden nur um so verurteilenswerter erscheinen muß. UebrigenS haben eine ganze Reihe ausländischer Genossen, deren ganzes Verbrechen meist darin bestand, Mitglied ihrer Gewerkschaft zu sein, oder bei Wahlen ein Flugblatt oder einen Stimmzettel weitergegeben zu haben, diese Frevelthaten mit ihrer Busweisung büßen müffen. Es haben sich an solchen Heldenthaten— die gewiß nicht dazu beitragen, daS Ansehen Deutschlands im Auslande zu heben— nicht nur Preußen und Sachsen, sondern auch verschiedene andere deutsche Staaten beteiligt. •• DaS vom Reichskanzler, dem Fürsten v. Hohenlohe, dem Reichs tage feierlich verpfändete Wort, wonach das in verschiedenen deutschen Staaten bestehende Koalitionsverbot der politischen Vereine aufgehoben werden sollte, ist für Preußen noch immer nicht eingelöst. Da die preußischen Landtagswahlen die erhoffte kon- servattve Mehrheit nicht gebracht haben, die lex Recke also nach den Wahlen ebenso wenig Aussicht hat, eine Mehrheit im Landtage zu finden, wie früher, so hat die preußische Regierung— unbekümmert um das verpfändete Wort des Kanzlers— während der letzten Session des Landtages einen Entwurf auf Abänderung deS VereinsgesetzcS gar nicht erst eingebracht. ES wird also der I.Januar 1900 klimmen und damit daS Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich in Kraft treten, ohne daß das Koalitionsverbot für Prcnßen aufgehoben ist, obwohl seiner Zeit der Reichskanzler und ihm folgend der Staats- sekretär des RcichsamtS des Innern, Herr von Bvtticher— also die beiden höchsten Beamten des Reiches— die feierliche Zusage ge- macht haben, daß noch vor dem Inkrafttreten deS Bürgerlichen Ge- setzbucheS durch die Pattikular-Gesetzgebung das Koalitionsverbot aufgehoben werden soll. In den meisten— wenn auch nicht in allen— Mittel- und Kleinstaaten ist dies Versprechen auck eingelöst. So im laufenden Jahre im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt. Nur Preußen hat bisher das verpfändete Wort seines Präsidenten des StaatsministcriumS nicht eingelöst. An und für sich eine Bagatelle, denn daS Koalitionsverbot für politische Vereine ist von allen Parteien als längst überlebt vcr- urteilt, und von den Regierungsvcrtretern selbst im Reichstag und in den verschiedenen Landtagen, als für unser heutiges öffentliches Leben unhaltbar, preisgegeben worden, bleibt die bisher nicht er« folgte Einlösung des Versprechens ein Beiveis für die Uebermacht, tvclche in Preußen die Rcaktton— repräsentiert durch das agrarische Junkertum und die Schlotbarone— ausübt. Der andauernd günstige Geschäftsgang in den meisten größeren Industrien und Gewerben hat zur Folge gehabt, daß die g e w e r k- schaftliche Bewegung unter der deutschen Arbeiterschaft einen früher nie gekannten Aufschwung genommen hat. Der allgemeine Gewerkschaftskongreß zu Pfingsten m Frankfurt a. M. und der allgemeine Bauarbeiterkongrctz, der wenige Wochen später in Berlin tagte, legten dafür ein glänzendes Zeugnis ab. Hand in Hand mit der Stärkung der Berufsorganisationen ging das Bestreben, die günstige wirffchafiliche Konjunktur zur Erlangung besserer Arbeitsbedingungen zu benutzen. Dies gelang meist ohne größere Arbeitseinstellungen, obwohl es auch an solchen nicht fehlte. Die Wut deS llnternehmertums darüber, daß die gesteigerte Nach- frage nach Arbeitern sie zwang, den letzteren etwas günstigere Be- dingungcn zugestehen zu müssen, reizte sie zu dem stürmische» Be- gchrcn, den Arbeitern auf dem Wege der Gesetzgebung die Ausübung des Koalitionsrcchts zu erschweren, ja. soweit es angeht, ganz un- möglich zu machen. Im Vorderireffen dieser Agitation stehen der Centralverband der rheinisch-westfälischen Industrie und die meisten JniiungSverbände, allen voran der Bund der Baugewerksmeisler. Daß diese reaktionäre und arbeiterfeindliche Strömung auf weitestes Entgegenkommen in den maßgebenden Kreisen rechnen kann, dafür zum Beweis konnten wir im vorjährigen Bericht bereits auf den famosen Erlaß des Grafen von Posadowsky vom 1l. Dezember 1897 hinweisen, und auch die viel erörterte Oehnhausener Rede gab ein deutliches Stimmungsbild. Der vorjährige Parteitag hat in einem besonder» Punkt der Tagesordnung Stellung zu jener Rede genommen, nach der jeder mit Zuchthaus bestraft werden sollte, der zu einem„Streik anreut". Aber mit dieser Stellungnahme des Partei- tag? war erst der Anfang einer umfangreichen und ungemein wirk- samcn Agitation gegen den Versuch, das Koalitionsrecht noch mehr einzuschränken, gemacht. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir behaupten, seit der Oehnhausener Rede wird die agita- torische und öffentliche Thätigkeit der gesamten deutschen Arbeiter- klaffe— ohne Rücksicht auf deren Parteizugehörigkeit— beherrscht von der Sorge für das Koalitionsrecht und von dem Bestreben, dasselbe mit allen zulässigen Mitteln zu verteidigen. Wo inimer Arbeitervereinigungen sich zu ihren Generalversammlungen zusammenfanden— auch solche, die ausgesprocheuermatzen zu dem Zwecke der Bekämpfung der Socialdemokratie ins Leben gerufen wurden—: überall wurde Widerspruch gegen die angekündigte Zuchthausvorlage erhoben und in entschiedenster Weise gegen jede Beschränkung des KoalitionsrcchtcS protestiert und dessen Erweiterung verlangt. Diese Einstimmigkeit der gesamten Arbeiterklasse, der' sich auch ein großer Teil derjenigen bürgerlichen Presse anschloß, die nicht im Solde der Scharfmacher steht oder, wie die konservativ-liberalen und antisemitischen Organe, ihre Spalten nur den Unter nehmer-Jnteressen zur Verfügung stellen, hat zweifellos feine Wirkung nicht verfehlt. Obwohl es in der Oehnhausener Rede heißt, daß daS„Gesetz sich seiner Vollendung naht und dasselbe den Volksvertretern noch in diesem Jahre zugehen lvird", fand der am 6. Dezember 1898 zusammentretende Reichstag die Vorlage nicht vor. Das Jahr 1898 ging zu Ende und von dem neuen Jahre verstrich Monat um Monat, ohne daß die Vorlage auf der Tages- Ordnung erschien. Erst kurz vor Schluß der Session, am 6. Juni wurde dieselbe eingebracht, nachdem tags zuvor bereits der„Vorwärts unser Ccntralorgan, in der Lage war, die Thatsache der Einbringung anzukündigen. Die Vorlage findet im parlamentarischen Bericht der Reichstags fraktion die ihr gebührende Würdigung. Ihr Inhalt zeigt, daß die schlimmsten Befürchtungen der Arbeiter nicht zu schwarz sahen. Es wird mit dem Entwurf nicht mehr und nicht tveniger bezweckt, als die Ausübung des KoalitionSrcchtes— bei formalem Fortbestehen« lasse» desselben— zur Unmöglichkeit zu machen. Der Entivurf be- zweckt ein Ausnahmegesetz gegen die industriellen und gcwerb- lichcn Arbeiter. Er ist in den Strafbcstimmungen noch viel rigoroser als das ftühcre Socialistengcsetz und unterscheidet sich von diesem auch dadurch, daß er offen auf das falsche Mäntelchen, nur den„die Staats- und Gesellschaftsordnung gefährdenden Umsturz" bekämpfen zu tvollen, verzichtet, und sich als das giebt, tvas er ist: ein Aus- nähme- und Knebelgesctz gegen die gesamte arbeitende Klasse. Durch die deutsche Ärticitcrschaft ging ein Sturm der Entrüstung, als die Vorlage bekannt wurde. In Tausenden von Versammlungen wurde gegen den in der Vorlage angestrebten Arbeitertrutz und Unternehmerschutz protestiert und in Millionen von Flugblättern die Arbeiter aufgeklärt darüber, tvelchcs Attentat gegen ihr ivichtigsteS Recht und ihre schärfste Waffe im Kampfe um ihre Existenz gr plant wird. Diese Massenagitation ist nicht ohne Rückwirkung auf die Volkse Vertreter geblieben, wie der Verlauf der ersten Lesung der Vorlage im Reichstage zeigte. Eine vernichtendere Niederlage hat wohl noch keine Vorlage einer deutschen Negierung im Parlamente erlebt, als sie die viertägige Verhandlung des Reichstags über die Arbeitertrutz- vorläge brachte. Der stenographische Bericht über diese Verhandlungen ist vom Parteivorstande in Massenauflage hergestellt und zum Selbstkosten- preise zur Agitation zur Verfügung gestellt worden. Der riesige Ab- say der umfangreichen Broschüre bcivcist, welches große Interesse den Verhandlungen in Arbeitcrkrcise» entgegengebracht wurde. Freilich, das grotzindustrielle Unternehmertum hat trotz dieser Niederlage den Mut noch nicht verloren. Ist es auch ausgeschlossen, daß die Vorlage in ihrer gegenwärtigen Gestalt Gesetz wird und dürften sich auch besonders für den Zuchthansparagraphen kaum ein halbes Dutzend Stimmen unter den 397 Abgeordneten finden, so hoffen die«charfmachcr doch schließlich etwas von der Vorlage zu retten. Es sind ihre Tintenkulis und Agitatoren deshalb an« gewiesen, die Agitation für die Vorlage mit»»geschwächten Kräften fortzusetzen. Bei dem übernrächtigen Einfluß, den das Unternehmertum an maßgebenden Stellen ausübt, ist es ihm ein leichtes, auch die Regienmgsmaschinerie für seine Interessen wieder in Bewegung zu setzen, und so kaim mit Sicherheit daraus gerechnet werden, daß nach dem Wiederzusammrntrttt des Reichstages der Kampf um den Arbeitertrntz in schärftter Form Ivciter geführt wird. Die social- demolratischen Vertreter werden in diesem neuen Kamps ihren Mann stellen wie bisher. Sache der Parteigenossen im Lande ist es, der Agitation der Scharfmachcrpressc gegenüber die Volksinassen aufzuklären und in Bewegung zu bringen. Den schivankenden Abgeordneten der bürgerlichen Parteien darf kein Zweifel dar- überbleiben, daß die'Stinimabgabe für die Arbeitertrutzvorlagc gleichbedeutend mit dein Verlust des Mandates bei den nächsten Neulvahlen ist. Der Geist, der die Zuchthausvorlage geboren und der von der Polizei und vielen Verivaltungsbehörden den Arbeitern gegen- über bei ihren Lohnkämpfcn vielfach in der Praxis bethättgt wird, er dringt leider auch mehr und mehr in die G e r i ch t ö s ä l c ein. Nicht nur. daß bestehende Strasbestiminungcn au Handlungen angewandt werden, die früher unbestritten als straffrei galten, wobei besonders der Grobe-Unfugparagraph zu den unglaublichsten Urteilen herhalten muß, es wird auch das Strafmaß in einer früher ungekannten Weise ausgedehnt. Aeußerungen. wie sie im gewöhnlichen Leben alle Tage fallen, ohne daß die Beteiligten etwas Anstößiges daran finden, werden, wenn von streikenden Arbeiter» sogenannten Streikbrechern gegenüber gethan, als Beleidi gnngen oder Drohungen im Sinne des 8 153 der Gewerbe-Ordnung verfolgtnndmit wochen-ja monatelangen Gefängnisstrafen belegt. Diese rigorose Handhabung dergesetzlichenBestimmungen soll dazu dienen, den Tcrrorismus zurückzudrängen, der von streikenden Arbeitern und deren Führern gegen ihre arbeitslnstigen Kollegen geübt wird. In Wirklich- ieit ist dieser angebliche Terrorismus, der. wo er geübt, von nie- mandcm verteidigt wird, meist nur Bortvand, erfunden zu dem Zwecke, durch desten Verfolgung den Arbeitern die Benutzung des gesetzlich gewährleisteten Koalitionsrechtcs zu verleiden. Werden an Arbeitern bei Lohnkämpfen schon die unbedeutendsten Handlungen, die oft erst durch geschraubteste Auslegungen zu Ver gehen gestempelt werden können, mit den höchsten Strafen verfolgt, lo wächst das Strafmaß bei ernstere» Ausschreitungen ins ungeheuer- lichc. Das zeigte sich besonders bei dem viel erörterten L ö b t a u e r Aufruhrprozeß. Bauarbeiter, die gelegentlich eines»licht- schmauscS etwas stark gezecht hatten, erfuhren, daß auf einem Nachbarbau über die festgesetzte Zeit gearbeitet wurde. Die Leute begaben sich nach diesem Bau, wobei es infolge Streites mit dem Bauherrn zu Ausschreitungen und Gewaltthätigkeiten kam. Die ordnungsparteiliche fächsische Presse machte über de» Vorfall ein ungeheures Geschrei und versuchte die socialdemokratische Partei für denselben verantwortlich zu niachen. Obwohl auch nicht der Schein eines Beweises dafür erbracht iverden konnte, daß der Krawall mit der Socialdemokratie in irgend einem Zusammenhang stand— mehrere der Angeklagte» gehörten weder einer politischen noch gewerkschaftlichen Organisation an— so übte die Hetzerei doch ihre Wirkung. Die Dresdener Geschworenen erkannten auf schivercn Landfricdensbruch und die Richter erkannten gegen sieben Angeklagte auf Zuchthausstrafen von 6—19 Jahren, insgesamt auf 63 Jahre, und gegen zwei weitere Angeklagte auf je 4 Jahre Gefängnis. Ein- undsechzig Jahre Zuchthaus und Gefängnis verhängt über neun Arbeiter für Handlungen, die. mag man sie auch noch so sehr vcr- urteilen, in ihren Folgen sich kaum schlimmer zeigten, wie so mancher Studentenkrawall der letzten Jahre, bei dem die beteiligten Herren BourgeoiSsöhnchen meist mit Geld oder geringen Haftsttafen davon kamen. Zehn Jahre Zuchthaus wurden oem Hauptangeklagten zu- erkannt dafür, daß er als Teilnehmer an einen, Komplott dem Bau- Herrn, der mit einem allerdings blind geladenen Revolver nach den Arbeitern geschossen hatte. Verletzungen beibrachte, die diesen nur wenige Tage aus Bett fesselten, ohne dauernden Schaden zu ver- ursacken. Dieses furchtbar harte Urteil hat ungeheure Aufregung inner- halb der Arbeiterschaft und darüber hinaus auch in den bürgerlichen Kreisen hervorgerufen, wo humaner Sinn und Gefühl für Ge- rechtigkeit auch der arbeitenden Klasse gegenüber noch nicht vollständig verloren gegangen ist. Der Parte'ivorstand erließ, angesichts des furchtbaren Elends, in das die Angehörigen der Verurteilten versetzt wurde«, einen Aufruf zur Sammlung für die Frauen und Kinder derselben. In unserer Presse wurde darauf hingewiesen, daß der Vorgang, wegen dessen daS harte Urteil ergangen ist, gar nichts mit der Socialdemokratie wie überhaupt mtt der Arbetterbewegung zu thun habe. Im Gegenteil, gerade dadurch unterscheiden sich die organisierten Ar- beiter von jenen, die den Organisationen fern stehen, daß sie wissen, daß mit Kratvallen, Putschen und ähnlichen Geivaltnntteln für die Arbeiter nichts zu erzielen ist, und daß solche Vorgänge den Gegnern der Arbeiterbewegung in der Regel nur den will« komnienen Vorwand geben, ihrem verhaltenen Groll die Zügel schießen zu lassen. Wenn trotz deS Mangels irgendwelchen Zusammenhanges deS Krawalls mit der Arbeiterbewegung der Parteivorstand sich zu seinem Ausruf entschloß, so geschah es um der offenkundigen Thatsache willen, daß der Wahrspruch der Geschworenen und das Urteil der Richter sich nicht aus der Schwere des abgeurteilten Thatbestandes erklären lassen. Die in unseren Bourgeoiskreiscn— und zwar in Sachsen noch mehr als anderwärts— verbreitete Abneigung und Vor- urteile gegen die moderne Arbeiterbewegung vermögen die auS diesen Kreisen stammenden Richter und Geschworenen auch nicht ab- zustreifen, wenn sie sich auf den Richterstuhl setzen. So erscheinen ihnen Handlungen, von denen sie annehmen, daß sie mit der Arbeiter- bewegung und Socialdemokratie zusammenhängen, besonders ver- werflich und strafbar. So wird auch das Löbtauer Urteil nur erklärlich im Znsammenhang mit dem gewaltigen Klassenkampf, der zwischen Bourgeoisie und Proletariat in den modernen Kulturstaatcn aus- gekämpft wird. In diesem Sinne erscheinen auch die Löbtauer Ver- urteilten als Opfer des Klassenkampfes und deshalb glaubte der Parteivorstand nur seine Pflicht zu erfüllen, wenn er durch den Auf- ruf von den Angehörigen der Verurteilten die schlimmsten materiellen Sorgen abzuivenden suchte. Dieses Ziel ist erreicht worden. In verhälttiismäßig kurzer Zeit wurde durch die Sammlung, zu der aus allen Kreisen des In- und Auslandes, sogar auch von aktiven Richtern, Beiträge geliefert wurden, eine Summe aufgebracht, mit der der angestrebte Zweck ausreichend befriedigt werde» kann. Am 6. Februar 1399 erfolgte die erste Veröffentlichung deS Aufrufs, und schon am 13. März konnte der Parteivorstand die Sammlung für geschlossen erklären. Achtundachtzigtausendnndsieb enundvierzig Mark waren in den fünf Wochen nach der Veröffentlichung des Aufrufs bei den, Parteikassierer eingegangen. Zu dieser Summe kommen noch 16 000 M., welche für denselben Ztvcck gesammelt, aber später eingesand wurden. Wenn man bedenkt, daß diese Summe zum iveitaus größte» Teil von armen Arbeitern aufgebracht ist, so stellt die Sammlung dem Opfersinn und Solidaritütsgefühl der Arbeiterschaft ein glänzen- des Zeugnis aus. Ob man in den maßgebenden Kreisen Sachsen? die durch die Sammlung für die Opfer des bürgerlichen Geschworenen- gerichts von dem deutschen Proletariat gegebene Antwort verstanden hat, wissen ivir nicht. Offiziell hat man der Sammlung nur insofern Aufinerksamkeit geschenkt, als man die sammelnden Arbeiter oder die Blätter, die den Aufruf abgedruckt hatten, mit Strafbefchlcn wegen unerlaubten Kollektirrenö verfolgte. Daß das Löbtauer Urteil von unseren Abgeordneten im Reichs- tag zur Sprache gebracht wurde, war selbstverständlich. Außer dem unvcrmeindlichen Freiherr» von Stumm fand sich unter dm Ab- geordneten kein Verteidiger für dasselbe. Dagegen gab der Ver- trctcr der sächsischen Regierung im Bundesrat— natürlich ein Staatsanwalt— die charakteristische Erklärung ab, daß die Hetzer die armen Verführten zwar auf Jahre ins Zuchthaus bringen konnte», daß aber ihr Einfluß nicht so weit reicht, den Verurteilten die Thüren deS Zuchthauses auch mir um eine Viertelstunde eher zu öffnen, als es von Rechts wegen zu geschehen hat. Hier ivird also vom Regierungsvertrcter offen zugegeben, daß bei dem furchtbar harten Urteil die verhaßte socialdemokratische Be- wcgung von maßgebendem Einfluß war. Daß die Rechtsprechung, wie sie in Sachsen vielfach wegen Vorgänge auf dem Gebiete der Arbeiterbewegung geübt wird. auch in anderen als Arbciterkreisen die Aufmerksamkeit auf sich zieht. das beweist ein Urteil der vierten Strafkamme» des Berliner L a n d g e ri ch ts I, das dieser Gerichtshof unterm 7. Juni d. I. gegen den verantwortlichen Redactenr unseres Centralorgans„Vor- lvarts" gefällt hat. Unser Genosse war angeklagt, in einem Artikel, in dem' das Urteil aus Anlaß des Löbtaner Kraivalls besprochen Ivurde, das sächsische Oberlandesgericht beleidigt zu haben. Der Angeklagte wurde freigesproch e'n. In dem eingehend motivierten Urteil wird u. a. ausgeführt: „Der Verfasser des Artikels hat die Thatsache behauptet: da? königliche Obcr-Landcsgericht zu Dresden habe wiederholt Urteile erlassen, durch welche es offen die Angehörigen der socialdemo- kratischen Partei für minderen Rechtes erklärt hätte als andere Staatsbürger, und diese Urteile stellten auf Unterdrückung der Socialdemokratie gerichtete Bestrebungen vor. Daß solche Urteile seitens der Richter des Ober-Landcsgerichts zu Dresden etwa wider besseres Wissen gefällt ivorden seien, daß sonach die genannten Richter sich einer bewußten Rechtsbeugung schuldig ge- , nacht hätten, dieser Vorwurf ist nach Auffassung der erkennenden Strafkammer in jener Behauptung objektiv kcinesivegs enthalten. Es liegt auch kein Grund zu der Annahme vor. daß der Verfasser oder Verbreiter des Artikels einen solchen Vorwurf gegen die Richter des Dresdener Ober-Landesgerichts hätte erheben wollen. Die nächstliegende und durch den Wortlaut an die Hand gegebene Auslegung ist vielmehr die, daß der Passus besagt, die genannten Richter härten zlvar nach bester Ueberzeugung, aber doch unWillkür- lich von ihren politischen Anschauungen beeinflußt, Urteile des behaupteten Inhalts erlassen." DaS Urteil führt weiter aus, daß der Angeklagte sich bereit erklärt habe, den Wahrheitsbeweis durch Berufung auf eine Reihe von Urteilen des sächsischen Ober-Landesgerichts zu Dresden zu führen. DaS Gericht trat diesem Antrage bei und in dem Urteile werden nun eine ganze Reihe von Erkenntnissen aufgeführt, die der genannte sächsische Gerichtshof bei verschiedenen Anlässen gefällt hat. lieber diese Entscheidungen des Ober-LandcsgerichtS heißt es in dem Berliner Urteil: „Durch diese Entscheidung wird also eine an sich erlaubte Aufforderung zur Teilnahme an einer Verrufserklärung schlechthin dann für strafbar erklärt, ivcnn sie den Versuch enthält, Anders- gesinnte zu Guusteu socialdemolratischer Bestrebungen zu beein« flussen, das heißt nnt anderen Worten, wenn die Verrufs». erklärung von socialdemolratischer Seite ausgeht. Das königliche Ober-Landesgericht zu Dresden hat in einer Reihe von Entscheidungen den Grundsatz ausgesprochen, daß gegen Handlungen, toelche von Socialdemo« kraten ini Partei-Jnteresse vorgenommen werden, auch ivenn die Handlungen an sich nichts Unerlaubtes enthalten, doch im Wege polizeilichen Verbots oder direkter strafrecht- licher Ahndung vorgeganclen tv erden könne, weil solche Handlungen immer dazu dtenten, die Ziele einer staats- gefährlichen politischen Partei zu fördern, welche die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung mit verbrecherischen Mitteln um- stürzen und welche insbesondere die monarchische Regierungsform mit solchen verbrecherischen Mitteln beseitigen wolle." Der Berliner Gerichtshof giebt seiner Ueberzeugung Ausdruck» daß selbstverständlich nicht im' entferntesten daran zu denken sei. daß das Ober- Landesgericht diesen Grundsatz wider bessere» Wissen aufgestellt und sonnt bewußt das Recht gebeugt habe. Ein solcher Vorwurf sei in dem inkriminierten Artikel auch nicht erhoben. „Allein nach der Aufhebung des Gesetzes gegen die gemein- gefährlichen Bestrebungen gegen die Socialdciuokratie vom LI. Oktober 1873 smag damit auch keine ausdrückliche staatliche Anerkennung der Socialdcmokratie ausgesprochen worden sein, so wenig wie eine solche auch bezüglich der'übrigen politischen Parteien besteht) sind doch ausdrückliche Gesetzesbesliinmniigen, welche d i e Lebensäuszernngen der socialde in ok ratischen Partei im Gegensatz zu anderen politischen P a r t e i e n zu etwas Unerlaubtem st e m p e l t e n. t m e h r vorhanden, und die gegenwärtig herrschende vstentliche Meinung erhebt deshalb den Anspruch, daß der allgemeine Grundsatz der Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz nunmehr un- eingeschränkt auch den Anhängern der social« demokratischen Partei zu gute kommen müsse. Der Vorwurf, von diesem Grundsatz zum Nachteile der socialdemolratischen Partei abgewichen zu sein, enthält somit die Behauptung, daß die Richter bei ihren Rechts- sprüchen nicht vermocht hätten, sich über ihren politischen Standpunkt zu erheben, und das; sie unbewuht. auf Kosten höchster richterlicher Ob- jektivltät und Unbefangenheit, von ihren poli- tischen Ueberzeugungen sich bei ihren Rechts- sprüchen hätten b e i n f l u s s e n lassen. Dies aber ist die Behauptung einer Thatsache, welche geeignet ist, die genannten Richter— wen» auch gcwis; nicht verächtlich zu machen, so doch immerhin in der üsscutlichen Meinung bis zu einem gewissen Grade herabzuivürdigcn. .Nim besagen aber, ivie oben ausgeführt, die wiedergegebencii Entscheidungen in der That, daß die Angehörigen der social- demokratischen Partei bei Gefahr strafrechtlicher Ahndung einer Reihe von Handlungen nicht begehen dürfen, die den Angehörigen anderer Parteien erlaubt seien. Der Erfolg dieser Entscheidungen ist. daß allerdings für die Social- demotraten eine rechtlich ivcniger günstige Lage geschaffen worden ist, als für andcre Staats- b u r g e r. Zu untersuchen, ob jene Auffassung des Ober-Landcsgcrichts ZU Dresden von dem Wesen und de» Zielen der Socialdernokralie ßutrifft und demgemäß zu prüfen, ob die darauf gestützte Recht- sprechung thatsächlich und juristisch haltbar ist, kann selbstverständlich nicht Aufgabe des jetzt erkennenden Gerichtshofes sein. Hier interesiierte einzig und allein die Frage: was hat thatsächlich das Ober-LandeSgericht zu Dresden ans dem fraglichen Gebiet in seinen Entscheidungen ausgesprochen, und welche Wirkungen üben diese Eiitscheidungen auf dieRechtslage dersocialoemokratis'chcnPnrtcians? Sind aber die Anhänger dieser Partei durch die erörterte Spruch- Praxis, in der Bedeutung, welche die erkenuend« Kammer ihr bei- mißt, in der That rechtlich ungünstiger gestellt worden als die Anhängcr anderer Parteien, und kann es nach den obigen Dar- stcllungen keinem Zweifel begegnen, daß das Ober-Landcsgericht zu Dresden in bester Ueberzeugung seines guten Rechts, den Ein- trrtt dieses Erfolges anch beabsichtigt hat, so ist damit der B e- weis erbracht: daß das Ober-Landesgericht zu Dresden wie d e r i n k r i m i n i e r t e A r t i k e l e s a u s- drückt: die Anhänger der Arbeiterpartei für minderen Rechtes erklärt hat denn andere Staatsbürger und daß das Ober-Landes- gericht zu Dresden an den auf Unterdrückung dieser Partei gc- richteten� Bestrebungen teilgenommen hat." � Daß dieses Urteil, obwohl es nichts ausspricht als eine Praxis feststellt, zu der sich der oberste sächsische Gerichtshof wieder- holt bekannt hat, ein wahres Judiancrgeheul in der arbeiterfcind- li.chen Presse hervorgerufen hat. versteht sich am Rande. Die Früchte einer solchen Rechtsprechung lassen sich die Herren Scharfmacher gern gefallen, aber ihre zutreffende Beleuchtung von autoritativer Stelle trifft sie wie Peitschenhiebe. *• Die Agitation für die Ausbreitung der Partei und ihrer Grundsätze wurde amü im letzten Jahre mit unermüdlichem Eifer von den Genossen allerwärtS fortgesetzt. Zwar wurden die allen Mittel der Gegner, uns in der Agitation zu behindern, seit den letzten Reichstagswahlen in verschärfter Weise in Anwendung gebracht. Ungesetzliche BersammlungSverbote, Auflösungen von Versammlungen ohne jeden hinreichenden Grund, Abtreibung von VcrsammlungS- lokalen, Militärbohkott und Verweigerung der Tanzcrlaubnis gegen solche Lokalbesitz, r, die ihre Säle zu Arbeitcrvcrsammlungcn her- geben, und im westlichen Kohlenrevier auch die Schankspcrre wäh- rcnd der Zeit der Versammlungen, das ist eine kleine Mustcrsamm« lung der Hilfsmittel, deren sich Behörden und Bourgeois bedienen, um das gesetzlich gelvührleistete Vereins« und Versammlungsrecht für die klassenbewußten Arbeiter zu einem leeren Stück Papier zu machen. Wo aber die Arbeiter den gegen sie geübten Druck damit beantworten, daß sie nun ihrerseits die Lokale, in denen inyii sie als Versammlungsbcsnchcr nicht haben will, meiden, diese Lokale boykottieren, da ivird diese Notwehr der Arbeiter von Polizei und Staatsanwaltschaft als grober Unfug verfolgt und von den Gerichten mit empfindlichen Haftslrafen geahndet. Der Boykott aus politischer UnterdrückungSsuchl gegen die Arbeiter angewendet, ist in den Augen aller Staatsstlltzen ein wohlgefälliges Werk. Aber der Boykott von den Arbeitern aus Notwehr zur Verteidigung ihrer politischen Rechte angeweiidet, ist— grober Unfug. Diese offenbare Ungerechtigkeit und dieses Meffen mit zweierlei Maß hat freilich die genau entgegengesetzte Wirkung, die unsere Gegner damit bezwecken. Das Verbot mancher Versammlung hat agitatorisch mehr gewirkt, als eS die beste Rede hätte thun können, und wenn eS nach langen und erbitterten Kämpfen wieder gelingt, ein Versammlungslokal zu erzwingen, so zeigt in der Regel der Besuch, daß der Kampf für unsere Sache wahrlich nicht umsonst gc- führt worden ist. Riesengroße Aiisirengmigen werden von unseren Gegnern, be- sonders in den ö st l i ch e n P r o v i n z e n gemacht, un» dort die Arbeiter, welche bei der letzten RcichStagswahl in so überraschender Weise für die socialdemolratischen Kandidaten votierte», wieder in die konservativen und ultraniontanen Schasftälle zurückzubringen. Ein Versuch, der freilich ebenso aussichtslos ist als er emsig' bc- trieben lvird.� Zunächst setzen unsere Genossen in de» Ostprovinzcn der konservativen Socialistenbatz eine Agitation entgegen, die an Energie nichts zu wünschen übrig läßt und demcntjprechcnd auch Erfolge aufweist. Wo aber tin|crc Genossen angesichts der un- geheuren Schivierigkeiten, die es in diesen zurückgebliebenen Provinzen zu überwinden giebt, noch nicht hingelangen konnten, da arbeiten uns die' konservativen Socialisten- Ver- tilger tüchtig vor, indem sie die Massen durch amisocialistischc Flugblätter und Broschüren ans unsere Partei aufmerksam machen. So weit sind eben doch auch die Arbeiter der östlichen Provinzen schon, daß sie sich sagen: wenn die Junker und ibre Sippe auf die Socialdemokraten gar so sehr schimpfen, dann müssen es letztere gewiß ganz g»lt mit den Arbeitern meinen. Zwei bedeutungsvolle Vorgänge, die in der Zukunft noch wert- volle Früchte zeitigen werden, haben sich in den rheinisch-westfälischeu Industrie- und Montanbezirken abgespielt. Wir meinen den großen Weberausstand in Krefeld und den Ausstand der polnischen Bergarbeiter in Herne. Beide Be- wegungen sind ausgegangen von Arbeitern, die der Social- demokratie fern stehen. Die streikenden Krefelder Weber ge- hörten ihrer Mehrzahl nach den dortigen katholischen Arbeiter- Vereinigungen an»md dürfen politisch'wohl als Anhängcr des Cmtrmns bezeichnet werden. In Herne aber handelte es sich um Arbeiter, die von einer politischen oder gewerkschaftlichen Organisation überhaupt keine Ahnung haben. Wenn nun auch die Herner Vor« gänge für eine Anzahl der Beteiligten infolge ihrer Unkenntnis über den'Wert der Organisation und Disciplin für Arbeiter, die in einen Lohnkampf eintreten, ungemein bedauerliche Folgen hatten, so können wir doch im Anschluß an beide Vorgänge eine Thatsache konstatieren, welche für die zukünftigen Lohnkänipfe der Arbeiter jener Bezirke von»mschätzbarer Bedeutung ist. In Krefeld sowohl wie in den Kohlenbezirlen haben sich nämlich die b-istehcuden Organisationen der Arbeiter— unbekümmert um ihr» religiöse oder politische Richtung— zusammengefunden»md in Krefeld den Komps ge- eint siegreich zu Ende geführt, im Kohlenrevier aber ver- hindert,' daß der kopflose Horner Ausstand weiter um sich griff. Zugleich wurde eine Basis geschaffen, von der aus die Interessen der Bergarbeitcrschaft in Zukunft Plan- und zielbewußt wahrgenommen werden können. Der in die Augen springende Vorteil. der den beteiligten Arbeitern ans diesem Zusammenwirken erwachsen muß, wird die einmal getroffene Verständigung immer mehr festigen »md jeden Versuch, die Arbeiter bei der Wahrnehmung ihrer Jnter- essen wieder in zwei Lager zu trennen, hinfällig machen. Die Ar- beiter müssen endlich begreifen lernen, daß so wenig die Unter- nchiner sich in katholische oder protestantische, in liberale oder kon- servative Unternehmer- Organisationen vereinigen, sondern ohne Rücksicht auf ihre politische oder religiöse Ueberzeugung zilsamnicn- stehen, auch sie diesem Beispiel folgen müssen. Die Einigung er- öffnet die Aussicht, daß in Zukunft die Arbeiter der beiden industriellsten Provinzen Preußens in der Arbeiterbewegung endlich jene Rolle spielen werden, die ihnen nach ihrer Zahl und Intelligenz zukommt. »* Auf dem Gebiete der Wohleir hat das letzte Jahr wieder recht erfreuliche Erfolge gebracht. Zunächst>var den Berliner Genossen Gelegenheit gegeben, eine Scharte von der letzten Reichstagsivahl her auszuwetzen. Der Reichstag erklärte die Wahl des freisinnigen Vertreters für de» II. Berliner Wahlkreis, der mit IS Stimmen Mehrheit bei der Stichwahl gewählt worden war, für ungültig. Es mußte deshalb Neuwahl stattfinden. Der Umstand, daß diese innerhalb des ersten Jahres nach der Hauptlvahl, also auf Grund der alten Wählerlisten stattfand, und der lvcitere Umstand, daß der liberale Berliner Magistrat die Wahl über den Oster-Umzugstermin hinausschob, bei welcher Gelegenheit viele Arbeiterwähler aus dem Kreise verzogen, ließ voraus- sehen, daß bei der Neuwahl die Stimmenzahl für unseren Kaudi- daten geringer sein werde als bei d»r letzten Haupt- und besonders bei der Stichwahl. Um so größer war der Jubel der Genossen und der gesamten Partei, als am 11, April 1839, dem Wahltag, abends sich die Nachricht verbreitete, daß uns« Kandidat Richard Fischer mit 2-1320 Stimmen die sämUichen Gegner im ersten Wahlgange ge- schlagen hatte. Bei den in einigen anderen Reichstags-Wahlkreiscii notwendig gewordenen Ersatzwahlen, so in Schamnburg-Lippe und dem Kreise Pyritz-Snatzig, stellte die Partei zwar anch 5inndidaten aus. doch wurde die Agitation— in Rücksicht ans die absolute Aussichtslosigkeit— nur lässig betrieben, was einen leinen Rückgang der Stimmenzahl gegen früher im Gefolge hatte. Mit immer steigendem Erfolge beteiligten sich unsere Genossen an den G e m e i» d e w a h l e n. In Hunderten von städtischen und ländlichen Gemeinden der verschiedenen deutschen Länder sind»mserc Genossen i» den Gemcindcräten bereits vertreten und jede Neuwahl bringt neu« Erfolge. So sind im abgelaufenen Jahre unter anderem auch in den Städten Breslau»md Magdeburg socialdemokratische Kandidaten in der dritten Klasse in die Stadtverordneten-Versamm- luiigeii gewählt worden. Bei den Gcwerbegerichtswahlen ist es nach und»ach dahin gekommen, daß den Kandidatenlisten für die Arbeitnehmer der socialdemolratischen Arbeiterschaft gegnerische Listen— weil absolut aussichtslos— vielfach gar nicht mehr entgegengestellt werde». Als Beweis für das Wachs- tum unserer Partei sei auch die Thatsache erwähnt, daß Innungen, in denen die Socialdemokraten die Mehrheit haben und den Vorstand besetzen, nicht niehr zu den Seltenheiten gehören. Natürlich ist diese Erscheinung den Znnftbrüden» unter de» Hand- werkern und jenen politischen Drahtziehern aus der konservativen und Ccntrnmspartei, die die Innungen als ihre Parteikonventikel und die Jnnungsmitglieder als ihr Stimmvieh betrachten, sehr imangeiichm. Wird aber mit der Durchführung der Zwangs- innuiigcn in der bisher beliebten Weise fortgefahren, dann können sich die Förderer des Zunftrmnmels noch auf weitere Ueberraschungen gefaßt machen. Eine große Ueberraschung, innerhalb wie außerhalb der Partei- kreise, brachten die ausgangs Juli stattgestmdenen bayrischen Landtagswahlen. Das Wahlgesetz für den bayrischen Land- tag ist' eine Mustersammlung reaktionärer Bestimniungen. Das Wahlrecht ist an die Bezahlung einer direlten Steuer gebunden, die Wahl selbst ist eine indirekte,»ndein der Wähler nicht den Ab- geordneten, sondern Wahlmänner zu wählen hat. Die Wahlkreise und die Wahlbezirke, in welche erstere eingeteilt werden, sind zu bilden nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1375, so daß also der gesamte Bevölkerungszuwachs in den letzten 24 Jahren, der besonders den Städten»md industriellen Ortschaften zu statten kam, bei den Lmidtagswahlen unberücksichtigt bleibt. So kommt es, daß, während in einer Reihe ländlicher Kreise bereits auf 25—28 000 Einwohner ein Abgeordneter kommt, in Nürnberg erst ans 50 000 und in München gar erst auf 70000 Einwohner ein solcher fällr. Roch schlimmer wirkt die Bindung an die Ergebnisse der Volkszählung von 1875 bei der Einteilung der Wahlbezirke. Es kommt vor, daß in manchen iimer-städ tische» Bezirken, wo infolge der Neu- und Umbauten die Einwohnerzahl sogar abgenommen hat, 300— 400 Wähler 6— 7 Wahl- mänuer zu wählen haben, während in den riesig aiigewachsenen Vororten ans 3000 und mehr Wähler nur 3—4 Wahlmänner kommen. Daß unter dieser Einteilung besonders der Wert der Arbeiterstimmen— trotz theoretisch gleichen Wahlrechts— besonders herabgedrückt wird, bedarf keiner näheren Darlegung. Eine besondere Eigentümlichkeit des bayrischen Wahlrechts bildet die Listenwahl. Nur vereinzelte Wahlkreise wählen einen Ab- geordneten, in den Übrigen Kreisen sind zwei bis fmif Abgeordnete zu wählen. Die Abgeordnetenwahlen erfolgen mit absoluter Mehrheit. Hat eine Partei im Wahlkreise unter den Wahlmänner» eine Stimme mehr als die Hälfte, so kann diese eine Stimme unter Um- ständen den Gewinn von fünf Mandaten bedeuten. Dabei kam» es sich bei diesem wunderbaren Wahlsystem ergeben, daß aus die Wahl- mämicr-Kandidaten der unterlegenen Partei die große Majorität der Urtvählerstnmnen gefallen ist. Diese Abnormität ergiebt sich ans der Bezirksciiiteilmig auf Glimd der 1375 er Volkszählung, wodurch der Wert der Stimme steigt oder fällt, je nachdem der Urwähler in einem vom modernen Verkehr unberührt gebliebenen Winkel lvohnt oder in einem aufblühenden Gemeinwesen. Ungeachtet aller dieser Schlvicrigkeiten, unter welchen besonders unsere Partei zu leiden hat, brachten die am 10. Juli stattgehabten Urwahlcn cineu kolossalen Erfolg für unsere Partei. Die Zahl der socialdemokratische!» Wähler hat sich in einer ganzen Reihe von Wahl- kreisen verdoppelt, ja verdreifacht, nnser bisheriger Besitzstand von vier Mandaten in Nürnberg und einem Mandat in München II blieb glänzend gesichert und außerdem waren wir in einer Anzahl weiterer Kreise so gewachsen, daß die Entscheidung über die endgültige Wahl in den Händen unserer Genossen lag. Von 376 socialdemolratischen Wahlmänner» bei der Wahl 1833 hat es unsere Parle» dieses Mal auf 642 Wahlmänner gebracht, die Zahl derselben also fast ver- doppelt. Besonders erfolgreich war unsere Partei bei der Wahl in Miiilchen I»md in der Rheinpfalz. In München I. wo 344 Wahl- mämicr fünf Abgeordnete zu wählen haben, brachte unsere Partei 166 Wahlmänner bei den Urwahlen durch. Es fehlten nur 7 Summen an der absoluten Mehrheit. In der Rheinpfalz, wo unsere Partei 1833 nur drei Wahlmämier durchzudringen ver- mochte, wurden dieses Mal 143 Socialdeinokraten gewählt, davon»n dem Wahlkreise Spcyer-Lndwigshafeii-Frankenthal, der vier Ab- geordnete zu wühlen hat, allein 88. gegen 28 nationalliberale, 75 bnuenibündlerische und 48 dem Cenirum angehörende Wahl- männer. Im Wahlkreise Pirmasens, mit 8 Abgeordneten, waren 10 socialdemokratische Wahlmänner gewählt, die zwischen 103 dauern- bündlerisch-nationalliberalen und 102 dem Centrum angehörenden Wahlmännern standen. Nachdem unsere bayrischen Parteigenossen bei den Urwahlen überall selbständig in den Wahlkamps eingetreten und ihre Partei- kandidaten als Wahlmämier ausgestellt haben, also ihre Selbständigkeit bewahrt und die Stärke der Partei zum klaren Ausdruck acbracht hatten, vereinbarten die Genossen in München I und der Rhcinpfalz eine gemeinsame Liste mit dem Centrum, wodurch in den Wahlkreisen München l, Speyer-Ludivigs- hafey und Pinnasens die Abgeordneten nach dem bei den Wahl- mäimer-Wahlcn festgestellten Stärkeverhältnis verteilt wurden.� Es wurden danach von' den fünf Abgeordneten in München I drei,»n Ludwigshafen bei vier Mandaten zwei und in Pirmasens bei drei Abgeordneten ein Socialdemokrat gewählt. Die socialdemokratische Fraktion wird also, statt wie bisher mit fünf, mit elf Mann in den Landtag einziehen. �_ So allgemein in der gesamten Partei die Freude und Genug- thuimg über den gewältigen Stimmenzuwachs unserer bayrischen Genossen geteilt wurde, so wurde gegen diese mit dem Centrum getroffene Wahlvcreiiibarung nach der Wahl von verschiedenen Seiten in der Partei Bedenken geäußert. Da die Landtagswahlen, nach wiederholten Beschlüssen früherer Parteitage, zu den Befugnissen der Landcsorganisationen gehören, so hat der Parteivorstand weder eine Gelegenheit gehabt, noch eine gesucht, sich in den bayrischen Landtags- Wahlkampf, den wir bei den dortigen Genossen in guten und be- währten Händen wußten, einzumischen. Von dem Abkommen mit der Zentrumspartei erfuhr der Partcivorstaud erst, als dasselbe be- reits perfekt war und die Wahlresultate.vorlagen. Erwähnt sei übrigens noch, daß es nach dem bayrischen Wahl« recht Stichivahlen nicht giebt und zwei Drittel der Wahlmämier be» Begiim der Wahl anwesend sein müssen. Ist letzteres nicht der Fall. so können die abwesenden Wahlmänner— wie das bei einer früheren Wahl gegen unsere Nürnberger Genossen praktisch durch- geführt wurde— in die Kosten des vereitelten Wahltermins verurteilt werden. Da in diesem Falle die unnütz anwesenden Wahlmänner Tagegelder in Ausatz bringen können, so kann es sich in einem solchen Falle unter Umständen»im tausende von Mark Kosten handeln. Der von Gegnern der Wahlvereinbarung gemachte Vorschlag, unsere Genossen hätten von der Wahl fernbleiben sollen, wäre also für München und LudwigShafen-Speyer schon auS den vorstehend ent- wickelten Gründen undurchführbar gcivesen. ** Die 1. Mai-Demonstration! an der sich auch im letzten Jahre die gesamte klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft beteiligte, ist fast überall glänzend verlaufen. In zahllosen Versammlungen am Vonnittag des 1. Mai oder, wo solches nicht möglich ivar, am Abend dieses Tages, wurde die Bedeutung l desselben für das kämpfende Proletariat dargelegt und entsprechende Resolutionen an- genommen. Einige Unternehmer in der Möbel- und Holzbranche — besonders in Berlin»md Leipzig— sperrten ihre Arbeiter,_ die am 1. Mai die Arbeit ruhen ließen, aus. Der Mangel an Ersatz- arbeiten» und der drängende Geschästsaang belehrte die Herren aber bald eines besseren und sie waren froh, als die Ausgesperrten wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten. Daneben fehlte eS aber auch nicht an verständigen Unternehmern, die den Arbeitern den ganzen oder doch einen halben Tag aus eigenem Entschlüsse frei- gaben. Auf alle Fälle hat der Verlauf der Maidemonstration auch dieses Jahr wieder bewiesen, daß der Gedanke der Maifeier»»n- ausrottbar in den Herzen der klassenbewußten Arbeiter eingegraben ist.## Die Parteiprefse hat im Laufe des letzten Jahres den Verlust eines ihrer ältesten und begabtesten Mitarbeiter zu beklagen. Samuel Kokosky, der langjährige Redactcur des Braunschwelger Partei- Organs vor, während und nach dem Socialistengesetz und spätere Niedacteur unseres illustrierten Unterhaltungsblattes„Reue Welt", ist am 21. Mai d. I. am Herzschlag in Berlin verstorben. Dasselbe Schicksal ereilte am 23. August den verantwortlichen Redactcur des „Vorwärts", August Jacobey, der in den ersten drei Jahren nach der Neuorganisation der Partei in Halle 1830 der Parteileitung und vom'Jahre 1834 ab bis zu seinem plötzlichen Tode nach- einander den Redaktionen des»Socialdemokrat" und»Vorwärts" angehörte. Die Zahl der Parteiblätter»st im Laufe des letzten Jahres um fünf gewachsen, so daß jetzt die Partei über 73 politische Zeitungen in Deutschland verfügt. Von größerer Bedeuwng als diese V«r- Mehrung der Zahl, die sich zum Teil durch die Herausgabe von Kopfblättern erklärt, ist die»m Laufe des Jahres erfolgte Um- Wandlung von bisher dreimal erscheinenden Blättern in täglich er- scheinende Blätter. Es haben solche Umwandlungen unter finanzieller Beihilfe der Gcsamtparte» speciell auch in Chemnitz und Karlsruhe stattgcfiindeu. Am ersteren Orte sind die beiden Organe, der»n Chemnitz täglich erscheinende„Beobachter" und die»n Burgstadt wöchentlich dreimal erscheinende„Bolksstimme" verschmolzen und erscheint jetzt in. Chemnitz, hergestellt in eigener Druckere», für acht sächsische Reichstags- Wahlkreise»Die Volksstrmme' täglich in großer und stetig steigender Auflage.... Nach Karlsruhe wurde der bis dahin in Offenburg dreimal wöchentlich erscheinende„Volksfreund" verlegt, wo er jetzt sechsmal erscheint und ebenfalls an Auflage bedeutend zugenommen hat. Mit großem Erfolge haben auch die Auhaltiner Genoffen ihr bisher drei- mal in Dessau erscheinendes Partciblatt in ein täglich erschemendes Blatt umgewandelt. In Altenburg, Bochum und Essen sind die früher zwei- und dreimal erscheinenden Kopfblätter in täglich erscheinende umgewandelt worden. Neu gegründet als Tageblatt wurde un letzten Jahre mit Hilfe der Gesamtpartei die in Straßburg für die gesamten Steichslande erscheinende„Freie Presse". �.... lieber den materiellen Stand der einzelnen Organe sind dem Partcivorstande im Laufe deS letzten Jahres im allgemeinen be- friedigeude Berichte zugegangen. Zwar haben finanzielle Beihilfen aus der Parteikasse auck im laufenden Jahre mehrfach geleistet werden »nüssin. doch Ivurden die Hauptsunimen weniger zur Deckung von Dcsicits. als zur Beschaffung von durch Vergrößerungen notwendig gewordenen Anschaffungen von Druckereimaterialien, Maschinen tc. gebraucht. Die bereits im vorigen Jahresbericht erwähnte Herausgabe von in unregelmäßigen Zivischenräumen durch Provinzial- und Kreis- komitees erscheiueiiden Agitationsblättern hat sich ganz gut bewahrt und ist die Zahl derselben erheblich gewachsen. � Die wiffcnsckaftliche Revue„Reue Zeit", sowie die»llustrierten Unterhalwiiqsblälter„Neue Welt" und„In freien Stimden"»md die beiden Witzblätter„Wahrer Jakobs und„Süddeutscher Postillon erscheinen in bisheriger Weise. Dasselbe ist von de» beiden Partei- kalendern„Neue Welt-Kalendcr" und„Arbeiter-Notizkalender" z»i sagen. Diese Kalender sind Volksbücher im vollen Sinne des Wortes geworden»md»verde» in Hundertrauseudcn von Exemplaren ab- gesetzt. Auch die Ricsenaiiflagen der Maifest- und März-Gedenl- iiunimer sind bis zum letzten Exemplar abgesetzt worden. Die im vorigen Jahresbericht angekündigten Maßnahmen, um die Herstellung der„Neuen Welt" zu verbilligen— Anschaffung von Rotatioiismaschmen für den Jllustrationsdruck— sind in die Wege geleitet»md deren endgültigeAusführung nur dadurch verzögert ivorden, daß die Aufstellung der»»enen Maschinell einen umfänglichen Neubau notwendig»nacht. In der Redaktion des CcittralorganS traten einige Aendc- rungen ein. Genosse Dr. Branu wurde als Ausländer ausgewiesen, Genosse Endcrs übernahm die Redaktion der„Volksstunme*»n Chemnitz; an ihrer Stelle traten in die Ltedaktion ein die Genoffen Kiirt Eisner und Heinrich Wetzker. Für den Verlust August Jacobcys ist bis zum Abschluß dieses Berichts noch kein Ersatz geschaffen worden... Die Redaktion hat sich bemüht, den von außen an sie gebrachten Wünschen und Anregimaen zu entsprechen._ In regelmäßigen Beratungen mit der Preßkommission ivnrde die nötige Fühlung mit den Berliner Partcigenoffcn genommen. Obwohl der„Vorwärts" dem Umfange nach bedeutend vermehrt wurde und obwohl die Kosten für Berichterstattung, besonders über Vorgänge in Berlin sowie in den Vororten Berlins, erheblich ge» wachsen sind,»st der finanzielle Stand des Blattes doch cm besserer als je. Der Ucberschutz mit 64 677 übertrifft den vorjährigen um 11330. Die Auflage des„Vorwärts" beträgt jetzt 53000 Exemplare. Durch die»veitere Aufstellung einer neuen Zwillings-Rotations- Maschine soll demnächst die Möglichkeit geschaffen werden, daß die am späten Abend einlaufenden Berichte und Telegramme noch Auf- na�me und Bearbeitung finden, wodurch das Centraiorgan auch in dieser Hinsicht den großen bürgerlichen Blättern gleichzukommen in die Lage versetzt werden wird. Die genaue Specifikation der Einnahmen und Ausgaben folgt nachstehend: 189899. Juli- Septemb 1638 A. Eingänge: Abonnementsgelder durch die Expedition. Abonnementsgelder durch die Post.... Jnscraten-Einnahme.. Gewinn aus dem Bro- schürenverkauf durch die Expedition.. Gesamt-Einnahme M. B. Ausgänge! DiverseUnlosten: (Porto f. Äteujbäubet, Gebühren für Ueber- wettungen, Porto und Depelchen b. R-daktton. Telephon, Steuern, Beleuchtung, Laufburschen der Rcdattion. Schreib- Utensilien, Geschästsbüch., Formulare. Agttaiion«.) Zeiwngs-Abonnement. Berichierstatter-Honorar. Fenilleion.... Redaktion und angestellte Mitarbeiter.... Depeschen u. Parlaments- berichte...... Neue Welt..... Gehälter der Expedition. Miete Gerichts'kosten Redaktionsbibliothek.• Druckrechnung.,.. Gesamt- Ausgabe Gewinn.... M. 110295 9193 30627 55 150056,25 527105 334 55 9028 80 1292 05 13400 492 7721 2915 1247 201 40 87998 129943 20113 25 Oktober- Dezemb. 1898 107352 9181 41916 1079 20 159529 70 7412 15 388 75 12648 30 2081 10 15942 35 945 40 7664!- 2920'- 124750 1224140 414165 944S7|50 147374jl0 12155100 Januar- März 1899 111677 9337 36864 167878 90 4456 15 429135 7608'20 2605 95 14920 1862 7904 2622 1247 370 6 98631 142725 30 15153160 April- Juni 1899 114104 SO 8592 50 41108 95 163806 8030 359 9334 2851 14613 1225 8000 3077 1247 897 204 96643 25 i46551|70 17254 56 Summe 443430 36244 150517 1079 20 631271 10 25229 60 1512 40 38677115 8830 85 58877 20 4525160 31296 20 11534;- 4990- 2694 20 665 10 377761 80 500594 10 64677- wie oben unter A. M.|l50056i23|159529|70|l57878 90|163806|25|631271|iÖ Der Gesamtüberschuß beträgt 64077,— M. Berlin, den 14. September 1899. Revidiert und für richtig befunden: H. Meister. C. Oertel. Theo d. Metzner. H. Koenen. Fr. Brühne. Aug. Kaden. Der Geschäftsbericht der Buchhandluna Vorwärts für das �ahr 1898/99 giebt wie in den Vorjahren cm befriedigendes Bild. Ist auch der Wareimmfatz gegenüber dem des letzten'Jahres um 10 000 M. niedriger, so findet das seine Erklärung wohl in der Thatsache, daß in das letztverflossene Geschäftsjahr die Periode der Reichstagswahlen mit dem erhöhten Bedürfnis nach Agitations» und Flugschnften gefallen ist, andererseits darf aber hervorgehoben iverdcn, dafi der diesjährige Warenumsatz gleichwohl die höchste Ziffer der früheren Jahre noch um 40 000 M. überholt hat und bannt die er» freuliche Thatsache ständiger Entwickelung der Buchhandlung neu be> stätigt. Die vor L�/z Jahren ins Leben gerufene„Illustrierte Roman- blbliothek:„In Freien Stunden" hat einen festen Stamm von Lesern sich erworben; die Erwartungen aber, mit diesem Unter- nehmen, das seiner Natur nach keinen eigentlichen Parteicharaktcr tragen kann, in größerem Maßstäbe in die der Parteibeiveglnig»och fernstehenden Arbeiterkreise einzudringen, sind nur zun» Teile erfüllt worden. Auch der Versuch, mit einem ausgesprochen den Charakter eines Kolportageromans tragenden Werke die Kolportage-Buchhand- lungen mehr zu interessieren, Verbrachte von neuein dcii Beweis, ivie schwer und langsam nur unsere Partei geschäfte den gegen sie geschlossenen Wall von Vorurteilen und Parteigegensätzen durchbrechen können. Zum Teil ist das wohl auch dein Umstände zuzuschreiben, daß unsere Parteikolportcure bei ihrem Vertriebe sich auf Versammlungen oder doch auf unsere Parteikreise beschränken, die anderen Kolporteure aber gewissermaßen mit feindseligem Auge den sogenannten Parteivcrtrieb, der ihre Privatinteressen schädigt, betrachten. Unter Würdigung aller dieser Schwierigkeiten kann der Stand der„Freien Stunden" nicht als ungünstig an- gesehen werden, wenngleich er bei weitem noch nicht die Höhe erreicht hat, welche der ziffernmäßigen Stärke unsere Partei ent- spräche. Ihrer Aufgabe, die P a r t e i l i t t e r a t n r zu vermehren und die politischen Situationen durch Verbreitung entsprechender Broschüren und Flugblätter propagandistisch auszunutzen, suchte auch im ab- gelaufenen Jahre die Buchhandlung nach Kräften gerecht zu iverdcn Wir zählen an Neuerscheinungen hier auf: Arbeiter« Notizkalender, der in 20 000 Exemplaren Verbreitung fand A r 0 n s: Die preußischen Landtags wählen(4000 Exemplare); Bebel,„Volkswehr und st ehe it des Heer (5000 Exemplare); Bebel: Attentate und Social d e m 0 k r a t i e(10 000 Exemplare); C a lw e r: Die Kirche im Dienste de» Unternehmertums(20 000 Exemplare); Dresdener Zuchthaus urteil bor dem Reichstag (32 000 Exemplare); Hirsch: Die Knebelung der Ar- beiterklasse durch das Junkerparlament<5000 Exemplare); März-Zeitung(145 000 Exemplare); Mai- Zeitung(286 000 Exemplare); Protokoll des Stutt« gartet Parteitages(85 000 Exemplare); Schippel: KoaIitionsrcchtundGewerkschaftcn(65 000 Exemplare); Z epler: Welchen Wert hat die Bildung für die Arbeiterin?(2000 Exemplare) und endlich: Die Zuchthaus- Vorlage vor dem Reichstage, die bis jetzt in einer Auf- läge von 37 500 in die Massen ging. Daneben sind Neu-Au fingen früher erschienener Publikw tiouen veranstaltet worden, z. B. von Bracke: Nieder mit den Socialdemokrateu, D i e tz a e n: Zukunft der Sozialdemokratie, K a u t s k y- S ch 0 e n l a n k: Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie, Keßler: Ziele der Sozialdemokratie, Lafargue: KonnnnnismnS und Kapitalismus, Marx: Kommunistisches Mani- fest Usw. Ein bereits in früheren Jahren mit Erfolg gemachter Versuch, dem Bedürfnis nach einem unseren Ideen entipr'echenden Kunst« b l a t t entgegenzukommen, hat die Buchhandlung Vorwärts(die ja in den beiden letzten Jahren auch zur Herausgabe von illustrierten Postkarten zu März-, Mai- ic. Feiern geschritten ist) ver- anlaßt, auf diesem Gebiet einen Schritt weiter zu gehen; sie veranstaltet d' Herausgabe von Original-Kupfer- Radierungen und beginnt mit Porträts von Marx und Engels, denen sich alsbald das von Lassalle anschließen wird, ausgeführt von einem der ersten Radierkünstler Berlins, und zu solch niedrigen Preisen, wie sie bisher im Kunst- Handel unbekannt waren für Kimstblätter von solchem Werte. Er- schienen sind bereits die sogenannten Remarkdrucke(die ersten 100 Ab« drücke von der Radierplatte) und im Laufe des Herbstes werden die übrigen Blätter erscheinen. Im allgemeinen dürfen wir also Gang und Stand de? Ge- schäftcs, das auch im abgelaufenen Rechnungsjahre der Parteikasse zu Agitationszwecken auS seinen Ergebnissen 25 000 M. zur Verfügung stellen konnte, als zufriedenstellend bezeichnen. Kassenbericht. Der Kassenabschluß de» letzten Rechnungsjahres kann als ein durchaus guter bezeichnet werden. Die Einnahmen sind gegen das Vorzahr gestiegen, während die Ausgaben, die im Vorjähr infolge der Reichstagswahl besonders hohe waren, um 100 000 M. in runder Summe niedriger sind. ES konnte daher auch dem Reservefonds ein Betrag zugeführt werden, der über die im vorigen Jahre entnommene Summe beträchtlich hinausgeht. Gestiegen sind gegen das Vorjahr die Ausgaben für Unter- stützungen,' Prozeß- und Gefängniskosten, Allgemeine Agitation, Reichstagskosten, Preßunterstützungen und Darlehen.' Niedriger gegen das Vorjahr sind die Ausgaben für Wqhlqgitation. Gehälter und Verwalwng und diverse Zwecke....... Von der für Preßunterstutzung ausgegebenen Summe muß der für die„Neue Welt" aufgeführte Betrag von?0 Y64.34 3$. insofern in Abzug gebracht werden, als er noch unter dje Ausgaben hes Vor- jahreS gehört. Im vorigen Kassenbericht ist. auf. dxesen Umstand aufmerksam gemacht und der noch ausstehenden Rechnung für den Zuschuß zur„Neuen Welt" besonders gedacht worden.. Nach Abzug der Ausgaben für die„Neue Welt" find die Ausgaben für die Presse gegen das Vorjahr nur um etwas über 2000 M. gestiegen. Aber auch diese Zunahme ist ganz unbedenklich, weil die ge- machten Ausgaben vorwiegend der Weiterentwicklung unserer Presse dienten. So benötigten die badischen Genossen 2000 M., weil sie den»volttfreund" von Offenburg nach Karlsruh« verlegten und gleichzeitig da? Blatt statt wie bisher dreimal wöchentlich, täglich erscheinen ließen. Den Genossen des großen Wahlkreises Boclmm wurden zur Einführung des schon lange begehrten eigenen Blattes (eines Kopfblattes der„Rheinisch-Westfälischen Arbeiterzeitung") 3200 M. bewilligt. Der„Märkischen Volksstimme" wurde ein Zu- schuß gewährt, damit sie durch Anstellung eines zweiten Redacteurs ihren Inhalt reichhaltiger gestalten konnte zc. Auch die erhebliche Steigerung des Darlehnsconto ist auf den erfreulichen Aufschwung unserer Parteipresse zurückzuführen. Einige unserer Parteigcschäfte vermochten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Einrichtungen den wachsenden Anforderungen nicht inehr zu genügen und waren deshalb gezwungen, Erweiterungen und Neuanschaffungen vorzunehmen, deren Kosten sie aus eigenen Mitteln nicht bestreiten konnten. Nun hat zwar die Parteileitung sich aus sehr gewichtigen Gründen von jeher meist ablehnend gegen der- artige Anforderungen verhalten, es verblieben jedoch nach gründ- lichster Prüfung noch genug Fälle, in denen daS Partei-Jntereffe es dringend gebot, daß die gewünschten Darlehen gewährt wurden. Wenn nicht unvorhergesehene Ereignisse eintreten, ist mit Sicher- heit anzunehmen, daß die gegebenen Beträge früher oder später wieder in die Parteikofse zurückfließen. Im einzelnen verteilen sich die Einnahmen und Ausgaben wie folgt: Bericht über die Einnahmen und Ausgaben der Parteibasse vom 1. September 1898 bis 31. August 1899. A» Einnahmen. Im Monat: 1898 September.,.. Oktober.,.,» November.... Dezember..,,. 1899 Januar..... Februar..... JJicir,}•«•••• April...... Ällai..* f.. Juni...... Juli...... August...... Jnsgesammt MI. 17010 40331 60460 8909 68043 6943 24072 30379 23339 30104 17093 18708 340956 Ps. 49 29 81 66 89 15 13 13 83 65 82 36 90 Von den gesammten Einnahmen entfielen auf: Allzemetne Einnahmen MI. 14009 19549 59860 8759 46905 6133 23872 15427 23149 12447 10859 13708 254743 Ps. 62 33 öl 66 14 15 13 83 33 30 57 35 42 Darlehni- ftonto MI. 702 600 600 150 2600 600 200 150 150 250 6002 Pf. 48 48 Zinse» MI. 150 6382 150 147 150 6209 13189 Pf. 66 70 26 601; Ueberschuß des „PorwärtS" MI. 20113 12155 15153 17254 64677 Pf. 25 60 60 55 Vermischte Einnahmen MI. 2148 68 100 3 25 2344 Pf. 19 21 40 340 956,90 Mk. Hierzu Bestand vom 31. August 1898 5 755,42„ 346 712.32 Mk. IS. Ausgaben. von den gesammten Ausgaben entfielen auf: 243 207,72 Mk. 95 069,90 Mk. 8 434,70 Mk. Ausgabe für Kapitalanlage Kassenbestand am 31. August 1899__ 846 712,32 Mk. Berlin, den 13. September 1399. Revidirt und für richtig befunden: H. Meister. C. Oertel. Theodor Metzner. H. Koenen. Fr. Brühne. Aug. Kaden. Bemerkungen zu A. Einnahmen. i) Die Zinserträgnisse find gegen das Vorjahr geringer. ES ist die? auf den in den Anmerkungeii zum vorjährigen Kassenbericht bereits erwähnten Umstand zurückzuführen, daß unter den vorjährigen Eingängen sich ein Posten von über 4000 M. befand, der noch in das vorvorjährige Rechnungsjahr gehörte. Bemerkungen zu B. Susgaben. i) Für Unterstützungszwecke wurden im abgeschlossenen Jahre über 14 000 M. mehr verausgabt als im Vorjahre. In der Haupt- fache ist dieses Mehr auf die bekannte Thatsache zurückzuführen, daß nach den ReichstagSwahlen Unter, lehmer und Behörden darin weit- eifern, unsere in der Sgitatton besonders thätig gewesenen Partei- genossen zu maßregeln und zu verfolgen. Diesen braven Genossen, die oft unter den widrigsten Verhälttnssen für unsere Sache kämpfen, den erlittenen Schaden nach Möglichkeit zu ersetzen, wird die Partei stets als eine Ehrenpflicht betrachten. *) Die Reichstagskosten belaufen sich infolge der langen Dauer der Sesfion und der stärker gewordenen Fraktion auf fast 12000 M. höher als im Vorjahre und um 1000 M. höher als im vorvorjährigen Rechnungsjahr«. V. Ausgaben für die Parteipresse, im einzelnen nachgewiesen. „Bochumer LolkSblatt".. „Fränkische VolkStribüne'. „Königsberg« Volkstribüne „Mainzer VolkSzeitung" „Märkische Volksstimme". „Reue Welt"...,, „Saalfelder Blätter".. „Straßburger Freie Preffe" „Thüringer Tribüne".. „Vogtländische Volkszeitung' „Bolksfreund"(Karlsruhe). Bemerkungen zu L. Ausgaben für die Partei- presse. i) Im vorjährigen Kassenbericht war bemerkt, daß die Frage der Erscheinungsweise.der Königsberger„Volkstribüne", die unterstützt werden mußte, weil sie sich bei dreimal wöchentlichem Erscheinen nicht deckte, für die Zukunft eine offene sei. Es haben nun später Verhandlungen über diese Frage zwischen dem Parteivorstand und den KönigSbcrger Genossen siattgefnnden, bei welchen von den letz- teren der dringende Wunsch geäußert wurde, die„Volkstribüne" dauernd dreinial wöchentlich erscheinen zu lassen. Da bon Königsberg aus die Agitation in den ostpreußischcn Gebieten geschickt und erfolg- reich betrieben wird und bei dem herrschenden Saalinangel die Presse vielfach das einzige Aiifkläruiigsmittel bildet, glaubte der Vorstand diesen Wünschen entsprechen zu sollen. e) Bezüglich der„Mainzer VolkSzeitung" haben schon wiederholt Verhandlungen darüber stattgefunden, ob der Zuschuß, den die Zeitung bisher benötigte, nicht dadurch in Wegfall zu bringen ist, daß die Mainzer Parteigenossen auf die Herausgabe einer eigenen Zeitung verzichten und an ihrer Stelle ein Kopfblatt von Frankfurt am Main beziehen. Verschiedene Umstände haben bisher die AuS- führung dieses Planes unmöglich gemacht, und nachdem einige Mainzer Parteigenossen grüße Opfer gebracht hatten, um die„Volks- zeitung" zu erhalten, wollte der Parteivorstand die Existenz der Zeitung durch Einstellung der Subvention nicht in Frage stellen. 8) Unter diesem Betrage befinden sich noch 9915,30 M. aus dem Jahre 1897. Das Deficit für das Jahr 1898 beträgt 20 149,04 M.. hält sich somit innerhalb der vom Parteitag in Gotha festgesetzten Grenze. Nach Inbetriebsetzung der zur Herstellung des Blattes bc- stimmten neuen Maschine wird das Deficit voraussichtlich ganz ver- schwinden. Der Zuschuß für die in Saalfeld hergestellten Parteiblätter ist in den letzten Monaten wesentlich verringert worden und ist begründete Aussicht vorhanden, daß er bald gänzlich eingestellt werden kann. B) Die reichsländischen Parteigenossen haben, entgegen dem Rate der Parteileitung, nach dem Stuttgarter Parteitage die Heraus- gäbe einer täglich in Straßburg erscheinenden Zeitung beschlossen. Bei den eigenartigen Verhältnissen in Elsab-Lothringen hat dieser Versuch, für die Reichslande wieder ein eigenes Partei-Organ zu schaffen, der Centralkasse ziemliche Opfer auferlegt. Unser Strafregister weist im letzten Jahre wiederum eine Steigerung an Gefängnis- und Geldstrafen auf. Diese Steigerung ist hauptsachlich eine Folge der aus Anlast der Oeynhauscner Rede erfolgten viel strengeren Verfolgung und Bestrafung aller Handlungen aus den Lohnkänipfen der Arbeiter, die sich irgendwie strafrechtlich fassen liesten. Manche Polizeibehörden und Gerichtshöfe scheinen es förmlich darauf abgesehen zu haben, zu beweisen, dah es auch ohne Zuchthausgesetz möglich ist, den mit diesem Gesetz verfolgten Zweck zu erreichen. Es sind nach unfern Aufstellungen im letzten Jahre Strafen erkannt: Monat September.!!!. Oktober...... November..,.. Dezember..... Januar...... Februar...... März April Mai....... �uni....... �uli....... August...... Znsammen Gefängnisstrafen Jahre Monate Wochen Tage v 6 9 9 8 5 3 6 1 3 4 6 74 1 2 10 2 2 10 1 1 3 3 8 10 2 2 1 1 3 2 1 1 4 2 4 —— 23 251 Geldbuße Marl 2983 2918 1926 2720 1154 1331 1571 2144 1044 1985 2926 549 Außer diesen infolge politischer oder gewerkschaftlicher Thätigkeit in der Arbeiterbewegung erkannten Strafen sei hier noch an die 53 Jahre Zuchthaus und 8 Jahre Gefängnis gegen die Löbtauer Ver- urteilten, sowie die 25 Jahre und 9 Monate 2 Wochen und 3 Tage Gefängnis erinnert, welche bis zum Zeitpunkt des Abschlusses dieses Berichts aus Anlaß der Streikunruhen in Herne gegen eine Anzahl Teilnehmer erkannt wurden. Hatten die Vorgänge in Löbtau und Herne auch direkt nichts mit der klassenbewußten Arbeiterbewegung zu thun, so finden die ungemein harten Urteile doch nur ihre Er- llärung in der Stellung und Beurteilung der bürgerlichen Gerichte gegenüber der modernen Arbeiterbewegung. Für den Instalt der Inserate iibmiimint die Nedaktio» dem Publikum gegenüber keinerlei _ Bcrautwortnng. Tlzvnkev. Donnerstag, 21. September Opernhaus. Der Troubadour. Vergißmeinnicht. Auf. 7»/, Uhr, Schauspielhaus. Epigenie auf Tmiris, Anfang 7>/z Uhr, Neues Opern- Theater(Kroll), Die Fledermaus. Anfang 71/2 Uhr, Deutsches. Rosiuersholm. Anfang . 71/2 Uhr, Lessing. Casa paterna. Anfang VV, Uhr, Berliner. Aaza, Anfang 7-/z Uhr, Schiller. Viel Lärnien um nichts, Aufana 8 Uhr, Neues. Kiwito, Anfang 7-/2 Uhr, Weste». Die Reise nach Ehina, Anfang 71/2 Uhr. Thalia. Der Platzmajor. Anfang 7V- Uhr. Residenz. Die Logenbrüder. Anfang 7V2 Uhr, Luisen. Die Stütze der Hausfrau, Anfang 8 Uhr, Central. Die Geisha. Anfang „ 7V- Uhr, Ofieud. Um tausend Mark. Anfang 8 Uhr, Bictoria. Die weihe Henne. An- fang 7l/z Uhr, Friedrich- WilhelmstndtischeS. Die Reise nach der Teufelsinsel. Anfang 8 Uhr, Metropol. Berlin lacht. Anfang 7V2 Uhr, Apollo. Frau Luna, Specialitiiten- Vorstellung, Anfang 8 Uhr. Reichshalle». Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage> Panoptikum. Specialt» täteii-Borstellnng. Urania. Fiivalidcnstr. 37/62. Täglich abends von b— 19 Uhr: Stermvarte, Taubenstr. 48/49. Im Theater: Der Sieg des Mens hen über die Natur. Anfang 8 Uhr._ SWer-TlMr (Wallucr- Theater). Donnerstag, abends 8Uhr: Viel LiUrnien 11111 nichts. Lustspiel in 5 Alten v, W. Shakespeare, Freitag, abends 8 Uhr: Die Ehre. Sonnabend, abends 8Uhr! Viel Ettrnien nni nichts. Tbalia-Theater. Tel. ArntlVa 6440. Dresdenerstr. 73/73. Heute und folgende Tage: Der Platzmajor. Prachtvolle neue Ausstattung! TKoma», Thielscher, Helmerding, Junkermann. Im 2. Akt: Gr. Mntoskop- Terzett. Anfang 71/2 Uhr, Ende 10'/: Uhr, Vor der Vorstellung Konzert im Tunnel, LsiM-lwl Weiß- Theater. Gr. Frankfurterstrahe 13». Vorletzte Woche! Vorletzte Woche! Um tausend Mark. Volksstück mit Gesang von Buchholz und Felsch, Anfang 8 Uhr, Vorzugsbillets haben Gültigkeit, Im Tunnel v, 7 Uhr an: Prelkvnzert. Junge Damen können sich alS Statistinnen im Bureau melden, Sonntag 2r/z Uhr: Freie Volks- bühne: Faust. Abends: Letzte Sonn- tagsaufsührung: Um 1909 Mark. Friedrich-Wilhelmst. Theater Chausseestr. 35/26. Abends 8 Uhr: Zum U.Mate: DieReiseilachderTellfetsillsel Burleske Abenteuer-Posse mit Gesang und Tanz in 5 Akte» von ,% Musik von Albert Wicher, In Scene gesetzt vom Dir, Mar Samst, 1. Bild: Auf zu Drehfus. 2, Bild: Verbündete Mächte. 3, Bild: Attentat und Verrat. 4, Bild: Das belagerte Haus. 5. Bild: Die Gerichroverhandlung. 6, Bild: Apotheose. Morgen: Dieselbe Vorstellung, Cenkvnl T tzenkev Direktion: Josb Ferenczy. Die Geisha oder: Ciue japanische Theehaus- gcschichte. Operette in 3 Akten von Oven Hall, Musik von Sidnen Jones. Ansang 7l/z Uhr: Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung, Sonntag, nachm. 3 Uhr, zu halben Preisen: Die Fledermaus v.Johann Straub, ünsnis Tanbcn Strasse 48/49. Im Theater abends 8 Uhr: Oer Sieg des Menschen Ober die Natur. Um 6 Uhr im Hörsaal: „Eeiseskizzon aus dem Orient" (Jerusalem), InTalldcnstr. ST/SS: Tägl. Sternwarte. _ Nachmittag« 5—10 Uhr. Passage-Panopticum t Geöffnet von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. kippels ' Stettiiiei' Yuartett- u. Humoristen- Ensemble. CÄSTANS IPANOPTICÜMI Mpul Sensationelle "OU. lebende Photographien: Dreyfus vor dem Kriegsgericht inRennes in 4 G-ruppen-Tableaus. Metropol- Theater. Behrenstr. 55/57. Direktion: Klchard Schals. Nur noch kurze Zeit: Vvrlin lachk! Slilnic. Jane Plerny, Alice Bonhcnr, Brothers Paxton, The IdainefTs, sowie das sensationelle Scptemher» Specialitiiten- Programm. Anfang 71/2 Uhr. Ende 11 Uhr. üPlf Daö Rauchen ist in sämt- chen Räumen gestattet. Psisst-I'hester mr früher-«CS Feen-Palast, Burgstraste 88. In den wunderbar renovierten Biesen- Pracht- Biiumen allabendlich um 81/2 Uhr die mit grohem Erfolg aufgenommene Berliner Ausstnttungs- Gesangspofle Spvvv�Uoktrtzon! Erdmann..... Rich, Winkler, Herzchen..... Wilh. Fröbel, Spree-Lottchen... Helene Voh, WM- Stürmischer Beifall! Nolona Voss und Wilhelm FrSbel als Tanz-Duettisten(Pankow kille sc.) Dazu das phänomenale grobe 8pecialitiiten- Programm. Anfang 7>/z Uhr, Sonntags 6 Uhr, Kassenöffnung 1 Stunde vor Anfang, Billet-Vorverkguf vorm, v, 11—1 Uhr, Neichshallen. Stettiner Säuger (Mehsel, Sictro, Brittou, teidl, Krone, K i r ch in a y e r. Schneider und Schräder). Zum Schluß, neu: Stuckes Pfingstfahrt. Ensemble von Meysel. gy Tenor BUckmann (Wachtel redivivus). Anfang 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Tageskasse 11-1 Uhr. Die Plätze zu den numerierten Sitzen find stets 8 Tage vorher zu haben! preis Volksbükne. Sonntaxuaelimittss 2'i«IIdr, 1. Abteilnng, im Ostend-Tbeater, 6r. Frankfarterstr. 123: Goethes Faust I. Teil. EfT" Kitwirkende Gäste; Faust: Herr Heinz Monard vom Berliner Theater. Mephisto: Herr Adolf Klein vom Lessing-Theater. Gretchen: Fräulein Elise Pank vom Deutschen Theater. Valentin: Herr Blensfeld vom Deutschen Theater. Die nächsten Faust-Vorstellungen folgen am 1., 8., 15., 22., 29. Oktober. Lieaalng-Theater, IV. Abteilung(braune Karten), nachmittags 2% Uhr: Die Journalisten. Achtung;! Billets zum Herbstfest am 14. Oktober in der Brauerei Friedriohshain gelangen a 50 Pf. bis zum 10. Oktober nur für Mitglieder in allen Zahlstellen zur Aus- ?abe: vom Donnerstag, den 88. September an; nach dem 0. Oktober werden, soweit Baum vorhanden, aueh an Nioht- mitglieder Billets vergeben.— Kinder haben.keinen Zutritt. Das Berliner Sinfonie-Orchester unter Leitung des Herrn Zimmer sowie die Typographla(Gesangverein Berliner Buchdrucker) haben ihre Mitwirkung freundlichst zugesagt. Um zahlreichen Besuch bittet Der Vorstand. I.A.: C. Winkler. Arbeiter-Bildungsscbnle. Sonntag, den 84. September, abends 7 Uhr, in Cohns Festsdien, Bcnthstrasse 19: Vortrag des Reichstags-Abgeordneten V. Liebknecht über: Materialistische Geschichtsauffassung. Nach dem Vortrag: Oemütllches Beisammensein n. Tanz. Eintritt 10 Pf. Garderobe 10 P.. Beiträge werden entgegengenommen, ebenso werden neue Mitglieder aufgenommen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Msbühne iiüminiiiiiiiiuiiiui.iiiiiiiimiiii..jiiii.ii:!iy!i..... i Sonntag, den 15. Oktober 1890. nachmittags 8V, Uhr, im Thalia-Theater, DreSdenerftr. 78: Erste ordentliche Vereins- Vorstellung (nur für Mitglieder): »« Stella»# Trauerspiel in 5 Akten von Wolfgang v, Goethe.- Regie: Herr Moest. Die Verlosung der Plätze beginnt U/z Uhr. Die alten Mitglieder wollen ihre Karten vom 1. Oktober ab in den unten bekannt gegebene» Zahlstellen umtauschen und«tsrig neue Mitglieder werben, die ihre Adressen in den Zahlstellen niederlegen wollen. Die A»< Meldung zur Mitgliedschaft must sPiiteftenS 3 Tage vor jeder Vor- stell»»» erfolgen. Einschreibegeld 50 Pf.; Monatsbeitrag 25 Pf,; Vorstellungsbettrag 50 Pf, Der Vorstand. Zahlstelleu: N.: E, Diele, Rest,, Ackerstr, 123; I. Krech, Rest., Chaliffeestr, 64; E, Knapp, Rest,, Grünthalerstr, 5: E, Schmidt, Rest,, Tresckowstr, 22; Mohr mann, Ackerstr, 93. HO,:' W, Sch rolle, riieur, Landwehrstr, 3; Karl Spät, Rest,, Georgenkirchstrab««5, NW.: V- Becker, Gotzkowskystr, 9; H. Gebauer, Rest,, Birkenste, 25, 8W.: R, Werling, Cigarrengesch, Zossencrstr, 32; H.Landgraf, Neuen- burgerstrabe 15; I, Pech, Schuhgeschäft, Möckernstr. 120, 8,: T h, Pähl, Rest,, DreSdenerftr, 71; H e r m, B o b s i e n, Cigarrengeschäft, Kommau- dantenstraße 62; Arbeiter-Konsumgenoffenschast Befreiung, Skalitzer- strabe 6. 80,: T h, Stamp eh l, Mariannenstr. 26; H. Köhn, Naunyustr. 83; M, Heerde, Mariannen-Ufer 2; C, Qu arder, Wallncrtheaterstr, 17, IV,; W, T a b e r t, Markusstr, 14, Eingang Grüner Weg; Aug, B ölk«, Rüdersdorserstr. 18. O,: H, Luhm, Poststraße 13, Steglitz: A. D u r e ck, Schildhornstr, 91, Johannisthal: A u g, K r a u s e, Parkstr, 3; außerdem Adolf L ö h r, Ackerstr, 38, II,_ 160/15 Maehrs Theater Oranlenstr. 84. Der Herzverführer. Operette'in 1 Akt v, Leopold Ely. Srctder» Runge. Fröre« Alexandra. Franziska Held. Elte Messer. Trude BUrgel. Gustav Eulenburg. Paul Frey etc. Anfang 8 Uhr, Sonntags 8 Uhr. Vorzugskarten an Wochentagen gültig R. Ballschmieders „Kastanienwäldchen" Konzertgarten«. PraWle Badttr.16. Gesundbrunnen. Badstr. 16. Täglich: Gr. Promenaden- Konzert. Jeden Donnerstag: Elite-Streich-Konzert. Sonntags: Grofter Ball im neuerbauten Saal. Empfehle meine Säle zu allen Fest- ichkeiten. R. Ballschmleder. W. Hoacks Theater, Brunnenstraße 16. Heute, Donnerstag, 21. September: Der Stabstrompeter. Posse mit Besang u. Tanz in 4 Akten von Mannstädt. Musik von Stessens. Nach der Vorstellung: Taiazkränzcheu. Cirkus Bosch. Donnerstag, den 81. September: Wiederholung der Drosson tiala• Premiere! Unsere Marine. großes Ballett, getanzt v, 120 Damen, Auftreten der Schulreit, Iltis« lala lee, Frl. Martha Mohnke. Ziethen ans dem Busch. Quadrille aus 12 Schulpferden, Kapitän Wehh mit seiner Wunderdressur an Seelöwen. Dir. Busch mit s. neuesten Original- Meister-Dressuren. Sämtl, Clowns zc. Freitag: Grosse Vorstellung. Micioria-Theater C. Alexanderstr. 40. Fernfp, VII 1711. Dirett,: V. Bausenwein u.G.Emmerlch. Anfang V»8 Uhr, Zum 12. Mal mit vollständig neuer Ausstattung: Novität! Die weisse Henne. Novität! (La poule blanche). Vaudevtve in 3 Akten von Hennequin und Mars, Deutsch v, Balten- Bäckers, Musik v, V. Roger, In Paris mit sensat. Erfolge über 500 mal gegeben, �Ucam-Tdeater Vari6t6 I. Ranges Dresdenerstr. 53-53. Annenstr. 42-43. Avstreten cott abfolut erKklsssigen Sittialitiiten Anfang: Wochentags 8 Uhr, Sonntag? 6 Uhr, Entree: Wochentags 20 Pf. SonntagS 30 Pf. 2368L'j Die Direktion: Klchard Vlnkler. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute, Donnerstag, abends 8V- Uhr, bei Cohn, Beuthstr. 89 81: Sitzmtg der Ortsverwaltnatg und der Werkstatt- Koutrotlkommissiou. Deutsch. Metallarbeiter-Verband Verwaltnngisstelle Berlin. Donnerstag, den 21. September, abends SVa Uhr, in den „Arminhalleu", Kommaudantenstr. 20: Utltwllknsmiimltr- Versammlung der Formers Jede Gießerei muß durch einen Delegierten vertreten fem. MF- Achtung S"MS Klempner, Schlosser imd Drucker! Nachstehende Firmen sind gesperrt, da sich die Kollegen im Ausstand be> finden: F. F. A, Schulze, Fehrbellinerstraße I David Grave, Gerecke, luck- hardt, Bauer, Mohrenstraße; Scheidler, Camphausenstraße; Clemens, Gleimstrabe; Wendt, Pfahl, Turmstraße; insgesamt sind noch ausständig 345 Kollegen. 114/5 Die Ortsverwaltung. Marmorarbeiter Berlins uaad Umgeg. Am Donnerstag, den 21. September, abends 8 Uhr,! Alte Jakobstrahe 8»: Oeffenkl. Verl'stttittlung. TageS-Ordnung: Der Stand unserer Lohnbewegung, 274/13 Die Tarithommission._ Achtung! Maurer. Mlung! -■71__ 44.__.4»4 4 sä«IwAnglei A 1T1**S• Freitag;, den 88. September, abends 8 Uhr: Mitglieder-Berfa mmlunaen der Zahlstelle Berlin II. de» Ceutralverbaude» deutfcherMaurer in folgenden Lokalen: Für 8. und 8W. in Biitels grossem»aal, Hasenheide S8. TageS- Ordnung: Die Schädlichkett der Aeeordarbeit in unserem Gewerbe, Referent Kollege V/. Schulz.__ Für Westen im„Königshof", vülowstraste 37. TageS-Ordnung t Der sociale Kampf in der Gegenwart, Referent Kall, Karl Nleko. Für lloablt bei Fischer,«eusselstr. 9. Tages-Ordnung: Der bau. gewerbliche Arbeiterschutz, Referent Kollege V. Schulz, Für Charlottenbnrf; in der„Gambrinus> Brauerei", Wall- strafte 94. Tages-Ordnung: DaS Recht auf Arbeit. Referent Kollege P. Winzler, I37/10 Um guten Besuch dieser Versammlungen ersucht Die VerbandSleitung. Schöneberg. Heute, Donnerstag, den 21. September, abends 8 Uhr, im Saale des„Klnbhauses", Hanptstr. S/S: Große Uerjammwng für Frauen und Männer. Tages-Ordnung: 1, Vortrag der Frau Dr. Lily Braun über: Die Stellung der Frau in der Arbeiterbewegung. 2, Diskussion, 3, Verschiedenes, Frauen-Vortraa morgen, Freitag, abends Sl/2 Ahr, Kottbuserstr. 4a über: J5vnueitleiöcu, erklärt vom prakt, Naturheilkundigen GlruiKimann an großen Lichtbildern. gp Eintritt 20 Pf,, dafür eine Broschüre."VL Um zahlreiches Ericheinen bittet Berliner Vatnrhciiverein C. Sprechstunde Magazinstraße 17. 11—2.(i— 3. Apollo-Theater. — Stürmischer Erfolg;!— Abends O Uhr: FrauLuua Femer: Otto Reutter, Tumata Tiero, Paulette Darty etc. etc. etc. Kasseneröffnung 7 Uhr. Anfang der Vorstellung 8 Uhr. Vorverkauf täglich im Theater und beim„KQnstlerdank", Unter den Binden 69. Sanis sionci Kottbnserstr. 4a Täglich außer Sonnabends Hotfmaims Norddeutsche Sänger. Anfang wochentags 8 Uhr. Entree(Vorverkauf) 30 u, 50 Pf, Sonntags 7 Uhr. Entree 50 u, 75 Pf. Donnerstag und Sonntag nach der Soiree: Tans-Kirllnsieben. Victoria-Brauerei Lühowstrahe 111/118. Jeden Montag. und Freitag: /? Nordd. Säitger (Fuhrmann, Horst, Walde). Anfang 8 Uhr. Enttee 50 Pf, Jeden Donnerstag: 4» r. B n 1 1. Anfang 8 Uhr,— Entree 30 Pf, H. Grupes Tanz-Institut, Annenstr. 16(früher KlubhauS), SonntagS-Kurfus per Monat 3 M,, Dienstagabend-Kursus p, Monat 4M. Säle und Vereiiiözimuier für Ver- sammlungen u. Festlichkeiten.[23276 Hirtes Festsäle. Empfehle den Vereinen meinen renovierten Saal und Rebeuräume für Sonnabend und Sonntag zu Festlichkeiten, Auch sind Vereins- zimmer sowie 2 Kegelbahnen zu ver- geben. 24706� Ellsabcthkirclistr. 14. auf Teilzahlung. J. Kellermann, Prinzenstr.97, parterre, Eingang vom Flur,[• Verantwortlicher R-daeteur: Robert Schmidt in Berlin, Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Max Badina in Berlin. «r. 221. i6. mm. 3. Deilllze des„öomiitls" Anlm WldsdiM. 21.�1«� isss. aus und Augebot bat. Es er sich über H. gesandt. er habe GevilZzks-Ieikung« Der geleimte Metallindustriellen- Verband. Tin lustiges Stückchen teilt die„Leipz. Volksztg." mit: Der Leipziger Former- st r e i k veranlasite die aussperrungslustigen Metallindustriellen, mit allen Mitteln„Arbeitswillige" von auswärts nach Leipzig zu ziehen. Reise- und thatenlustige Agenten machten sich auf den Weg. Der mehrfach bestrafte 26 jährige Handlungsreisende Adolf Julius Heinrich H e s b e r g aus Hamburg bor dem Vorsitzenden des Metallindustriellen- Verbandes in Leipzig, Herrn Müller, seine Dienste an und erklärte, m Kiel. Rostock, Flensburg und Neumünster Verbindungen zu haben und mindestens 300 Leute besorgen zu können. So einen Haufen Streik- brecher konnten die Leipziger Metallindustriellen geraoe gebrauchen. Sie traten mit H. in Verbindung, der sich am 7. Juli persönlich in Leipzig vorstellte. Er verlangte für sich 50 M. Tagesspesen, weil er noch Unteragenten besolden müsse, und für jeden ver- mittelteu Arbeitswilligen 5 M. H. bezog sich auf seine unter- nehmerfreundliche frühere Thätigkeit, in der er bereits während des Hamburger Schneider st reiks Streikbrecher vermittelt habe und gab als Referenzen das Baugewerlsamt in Lüneburg und die Schneiderinnung in Hamburg an. Man erkundigte sich tclcgraphisch über H., hieß ihn in Leipzig warten, bis Antwort eintraf, gab ihm aber dennoch 65 M. als Reise-Entschädigung. H. reiste vor Eintreffen der Antworten ab und telegraphierte von Haniburg aus, daß er bereits 30 Leute engagiert habe, sie könnten sofort nach Leipzig kommen, wenn ihnen das Reisegeld in Höhe von 400 M. tclegraphisch angewiesen würde. Das Geld blieb so sandte H. einen Eilbrief an M., worin er sein wiederholte und nochmals um Abseudung des Geldes bemerkte noch, daß, wenn er das Geld nicht bekäme, großer Unannehmlichkeiten aussetze. Die Auskunft war nicht schlecht und so wurden die 400 M. Nach Empfang des Geldes telegraphierte H. sofort wieder, weitere 10 Mann engagiert: er brauche weitere 151 M. Reisevorschuß. Auch hier folgte dem Telegramm ein Eilbrief, worin er seine unifassende Thätigkeit für den Unternehmerverband dar- legte; er bat dringend uni Abseudung des Geldes, da am nächsten Tage eine Versammlung stattfände, in der zum Leipziger Former- streik Stellung genommen werden sollte. H. erhielt weitere 200 Mark, die Leipziger Metallindustriellen aber keine Streik- brecher, � dafür aber aus Düsseldorf eine Nachricht H.s. daß die Former sich geweigert hätten, nach Leipzig zu gehen. H. erklärte indes zur Beruhigung, daß er von Brüsiel und Lüttich Ersatz herbeiholen werde. Von Köln aus schrieb H. denn auch am 24. Juli, daß am folgenden Tage von Lüttich aus 60 Former für Leipzig in Köln einträfen. Ihm fehlten aber Gelder zum Weitertransport und bat er um 700 M. Die Metall- industriellen hielten die Angaben H.s nicht für sehr glaubhaft und sandten deshalb den Obermeister Hesse nach Köln, um die Nichtig- keit der Angaben zu prüfen. Hesse konnte mit Leichtigkeit fest- stellen, daß dieArbeitSwilligen wieder ausgeblieben waren, H. auch schon seine Wohnung gekündigt, aber Anweisung gegeben hatte, eine von Leipzig eintreffende Geldsendung anzunehmen. H. wurde auf Veranlassung Hesse» verhaftet, als er das Geld abholen wollte. Hesberg hatte sich nun wegen Betrugs zu verantworten. Er behauptete �in der Verhandlung, daß er thatsächlich Arbeitswillige an- geworbeAchabe, konnte aber nicht den Namen auch mir eines einzigen Angeworbenen nennen. Ebenso ist die Angabe über seine Reise nach Lüttich und Brüssel unglaubhaft, da er weder französisch noch vlämisch sprechen kann. Den Namen des Agenten, der angeblich für ihn thätig gewesen, vermochte er auch nicht anzugeben. Zum Beweise seiner Behauptung bezog sich H. auf Herrn Thikow, den Sekretär des Metallindustriellen- Verbandes in Hamburg. Dieser gab eine die Arbeiterschaft in hohem Grade ehrende Erklärung des Inhalts ab, daß bei der vorzüglichen Organisation der Former in Deutschland kein Former in Hamburg oder in ganz Deutschland sich bereit finden würde, nach einer Stadt zu gehen, in der die Former streiken. Es habe ihm Mühe gekostet, 5 bis 6 Mann für Hamburg zu bekommen, als ein Streik in Hamburg nicht bestand. Eine so große Zahl, wieH. besorgen wollte, sei nicht möglich gewesen zu erlangen. Er habe H. ab- und nach Belgien gewiesen. Diesen Rat habe H. nicht beachtet, weil er nicht französisch könne. Das Gericht verurteilte H. zu einem Jahr vier Monaten Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust. Ein Monat der Untersuchungshast wurde auf die Strafe angerechnet. Ehrliche Leute, die dem Unternehmertum im Kampfe mit der Arbeiterschaft Handlangerdienste leisten, scheinen bald so selten zu werden, daß sie sich als Rarität im Panoptikum ausstellen lassen könnten. Daß auch ein Dienstmädchen vom Sohn des Hauses nicht minier ungestraft beleidigt werden darf, beweist ein Rechtsfall, der in dritter Instanz dem Strafsenat des Kammergerichts zur Beurteilung vorlag. Der Eigentümer- Sohn Karl G. aus Friedrichshagen hatte in einem Wirtshause auf die Frage, weshalb er nicht bei seiner Mutter zu Mittag esse, geantwortet: Es gefalle ihm nicht bei feiner Mutter, � weil sie ein ekelhaftes Dienstmädchen halte; er könne die von dem Mädchen zubereiteten Speisen nicht hinnnterbekommen. weil er sich vor ihr ekle-, auch das Frühstück könne er nicht essen, weil er sich vor der Berührung des von dem Mädchen geschmierten Brotes ekle. Diese Aeußerung wurde dem Dienstmädchen Emilie Sch. hinterbracht und dicies sah sich veranlaßt, gegen den junge» Mann wegen öffentlicher Be« leidigung Strafantrag zu stellen. Das Schöffengericht zu Köpenick sprach den Angeklagten frei, weil ihm jede Absicht der Be- leidigung fern gelegen habe. Die Strafkammer des Landgerichts II jedoch, bei welchem die Sch. Berufung eingelegt hatte, verurteilte den G. wegen öffentlicher Beleidigung zu 20 M. Geldstrafe cv. 4Tagen Gefängnis. Nachdem die Sch. durch ärztliches Attest den Nachweis geliefert hatte, daß sie an keiner ekelhaften Krankheit leide, war das Landgericht der Meinung, daß G. keinen Anlaß gehabt habe, sich in der bezeichneten Weise über das Mädchen auszulassen: das absprechende Urteil. welches in einem öffentlichen Lokal ausgesprochen worden sei, müsse dem Mädchen die Auffindung einer neuen Stellung wesentlich er- schweren und zudem beruhe die Aeußerung auf Unwahrheit, da das vorgelegte Attest nichts Verdächtiges enthalte. Das Kammergericht schloß sich dem Berufungsgericht an und verwarf die eingelegte Revision._ Vevpammlungon. Der Wahlverei» für den ersten Berliner Reichstags- Wahlkreis hielt am Dienstag eine Versammlung in den Armin- hallen ab. Auf der Tagesordnung stand ein Vortrag des Genossen Dr. Karl Liebknecht über:„Kommunismus und Frauenrecht in der Entwickelnngsgeschichte der Menschheit." Unter den zahlreichen LersainmlungSbesuchern befanden sich auch einige Frauen, die aber auf Anordnung des überwachenden Beamten das Lokal verlassen mußten. Der Schutzmann überzeugte sich noch durch Augenschein davon, daß nicht etwa in irgend einem Winkel des Saales oder des Vorraumes ein weibliches Wesen fitzen geblieben war. Nachdem auf diese Weise den Frauen ihre Rechtlosigkeit unter der Herrschaft des preußischen Vereinsgcsetzes recht deutlich vor Augen geführt worden war, nahm Karl Liebknecht zu seinem Vortrage das Wort. Er führte aus: Neuere wissenschaftliche Forschungen hätten ergeben. daß nicht— wie Karl Marx angenommen— der Kommunismus am Anfang der Entwickelungsgeschichte der Menschheit ge- standen habe, sondeni daß dem Kommunismus eine Zeit vorausgegangen sei, wo jeder für sich seine Nahrung suchte und seine primitiven Geräte herstellte. Erst auf einer etwas höhereu Kulturstufe sei der Kommunismus eine wirtschaftliche Notlvendigkeit geworden, und später habe sich aus demselben, wieder infolge ökonomischer Verhältnisse, die Einzelwirtschaft entwickelt. In betreff des Frauenrechts führte der Redner aus: Am Anfang der Mensch- heitsgeschichte sei die Frau dem Manne unbedingt unterworfen ge- Wesen. Dann habe sich daS Frauen- oder Mutterrecht, jene Zeit, wo die Frau die Herrschaft führte, heraus- gebildet, und zwar auch infolge ökonomischer Ursachen, aber nicht weil die Frau dem Manne überlegen war, sondern weil sie eine ihr günstige wirtschaftliche Konjunktur auszunutzen verstand. Es sei dies die Zeit gewesen, wo ausschließlich die Frauen Ackerbau trieben und dadurch seßhaft geworden waren, während die Männer als Jäger und Krieger herumschweiften. Als dann der Mann auf dem Gebiet des Ackerbaues mit der Frau in Wettbewerb trat, habe er sich als der erfolgreiche Konkurrent des Weibes erwiesen. Die Folge davon sei gewesen, daß der Mann wieder die Herrfchaft an sich riß und die Frau minderen Rechtes wurde.— Aus feinen eingehenden, fast zweistündigen Darlegungen zog der Referent folgende Schlußfolgerungen: Der Kommunismus läuft nicht der menschlichen Natur zuwider. Er war und mußte sein zu einer Zeit, wo das Interesse der Allgemeinheit ihn notwendig machte. Der Kommunismus wird wieder kommen, wenn es das Interesse der Allgemeinheit verlangt, und diese Zeit, das hoffen wir, wird nicht mehr allzu fern sein.— Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt, daß die Frau dem Mann ökonomisch nicht ebenbürtig ist. Wo der Mann auf diesem Gebiet mit der Frau in Wettbewerb trat, da war er ihr überlegen. Das Argument unserer Frauenrechtlerinnen— auch unserer Partei- genossinnen— daß die Frauen den Männern von Natur gleich seien, findet keine Stütze in den geschichtlichen Vorgängen. Wenn aber die Frau in einer längst vergangenen Zeitepoche dem Manne nicht gewachsen war, so beweist das nicht, daß es noch heute so ist und in alle Zukunft so bleiben wird. Die Verhältnisse haben sich geändert und wir sehen, daß heut schon auf manchen Arbeitsgebieten die Frau dem Manne gleichgestellt ist.— Bestätigt wird durch die Geschichte die Richtig- keit des ökonomischen Materialismus und damit eine der sichersten Thesen, auf die unsere Weltanschauung und unsere Hoffnung für die Zukunft aufgebaut ist. Ter Wahlvcreln des vierte» Wahlkreises(Südosten) hielt Dienstagabend eine Versammlung bei Graumann, Naunyustraße, ab, die gut' besucht war. Genosse T h. Metzner sprach über„Die Sittlichkeit der heutigen Gesellschaft." Er verglich die zu einer Zeit des Sittenverfalls entstandene christliche Bewegung mit den heute geltenden Anschauungen. Man verlangt, die Religion soll dem Volke erhalten bleiben. Aber welche; etwa das Christentum eines Tetzcl. der für Geld die Seelen in den Himmel befördert, oder das seines Gegenapostels Martin Luther, der gegen die Bauern die Macht der Fürsten anrief und sagte:„Schlagt sie wie Hunde totl" So betrachtet auch die moderne Gesellschaft wiederum den Arbeiter als Minderwertigen und appelliert an die Gewalt. Die Frauen werden in die Prostitution gedrängt, der Arbeitslose zum Vagabunden gestempelt. Auf dem Sumpfboden dieser Gesellschaft gedeiht die widerwärtige Belvegung des Antisemitismus. Redner, der eben von der Agitation aus Pirna kommt, erzählt von den seitens der Antisemitc» angewendeten Mittel» der Lüge und Ver- dummung: in einem antisemitischen Flugblatt heißt es sogar: Wenn ein Socialdcmokrat gewählt wird, so wird kein Fremder mehr die sächsische Schweiz besuchen.(Große Heiterkeit.) In Frankreich ist auf diesem Boden die Drchsusverfolgung cutstanden: aber auch bei uns liegt nicht alles im klaren: ich erinnere an die Schieneuflickerei. Rur die unsittliche Gesellschaft ist es. die Verbrechertum und Prostitution schafft.(Lebhafter Beifall.) Beim Punkte„Vereinsaugclegenheiten" wurde der Ausschluß eines Genossen aus dem Metällarbeiter-Verbande zur Sprache gebracht, infolge seines Verhaltens bei dem Streik. Einem Antrag, denselben auch aus der politischen Organisation zu entfernen, wird nicht statt- gegeben, da die Angelegenheit nicht genügend geklärt ist. Dieselbe soll bei der im nächsten Monat stattfindenden Generalversammliing zur Erledigung gelangen. Nachdem noch das Ersuchen an die Mit- glicdcr ergangen, beim bevorstehenden Wohuungstvechscl rechtzeitig ihre Adressen bekannt zu geben, ivird die Versammlung geschlossen. Die Lohnbewegung der Marmor-Arbciter Ivar in einer Versammlung am Dienstag Gegenstand einer längeren Besprechung. Gersten berger erstattete den Bericht über Annahnie bezw. Ab- lehnung des neu veränderten Tarifs seitens der Unternehmer worüber im„Vorwärts" bereits einige Mitteilungen gemacht sind. Die Finna Fink verhielt sich scharf ablehnend, weshalb sämtliche Arbeiter bis auf 2 Manu sofort die Arbeit einstellten. Eine Reihe Nnteniehmer weigerte sich, die bereits mündlich ab- gegebene Zusage zu den Bedingungen auch durch ihre Unter- schrift zu bcstatigcu. Die Bersammlnug beschloß daher, den »cucn Tarif de» Unternehmern nochmals zur Unterschrift vorzu- legen. Dies soll durch die 4 Mitglieder der gemeiiischaftlichcn Köntrollkommission am 20. September geschehen. Ueberall, ivo die A b l e h n u n g erfolgt, soll niit sofortiger Arbeits- einstellung geantwortet werden. Die Ausständigen haben sich täglich von morgens 10 Uhr ab im Bureau der Rom- Mission,' K r a u s e n st r. 18, Restaurant Glaue, zur Kontrolle zu melden. Am Donnerstag, den 21. d. M., ist wiederum Ver- sammluiig, in der auch die Uuterstlltzungssrage geregelt werden soll. Mit der Mahnung des Vorsitzeudcn, sich als Streikende der größten Ruhe und Besonnenheit zu befleißigen, schloß die stark besuchte Ver- sammlung. In der öffentliche« Versaninilnng der Möbelpoliercr am 18. September bei Keller, Koppenstraßc. erstattete Wolf Bericht über den Verlauf der Lohnbewegung: Die Arbeit wurde in 57 Werk- stellen mit 396 Mann niedergelegt. Bewilligt erhielten 384 Mann: aufgehört infolge Nichtbewilligung haben 11 Mann und sind anderweitig in Arbeit getreten, bleibt ein Streikender bei Gr o n au, Koppenstraßc 14. Bei viele» hier nicht mitgezählten Werkstätten wurde die Anzahl der Kollegen nicht angegeben und stellen sich die Zahlen deshalb höher. Nachdem Redner noch auf die gepflogenen Verhandlungen mit dem Verband der Holzinduftriellen eingegaugen, ivurde derselbe zur Führung der noch zu erledigenden Geschäfte gewählt. Unter Verschiedenem ivurde das Anfrage» nach Arbeit gerügt und der Wunsch ausgesprochen, daß dies unterbleibe» soll, da dadurch nur das Errungene illusorisch ge- macht werde. Der Vorsitzende des Verbandes Schulz machte noch auf das im selben Lokale am 7. Oktober stattfindende Stiftungs- fest des Verbandes aufmerksam und auf den Beschluß, vom dritten age eine llntcrstützuug zu gewähren. Vollberechtigte 3 M., Nicht- vollberechtigte 2 M.. Nichtm'itglieder 1 M. pro Tag. H ö f e r, Diek u. Reuter forderten die Versammelten auf, nunmehr auch treu und fest an dem Verband festzuhalten und ininrer neue Mit- glieder zu werben. Der Verein der Zimmerer hielt am 17. September seine Monatsversammlung bei Eohn ab. Vor Eintritt in die Tages« ordnung gab der Vorsitzende das Ableben Hermann SeefeldS zur Kenntnis. Das Andenken an den Verstorbeucn ivurde in der üblichen Weise geehrt. Hierauf erstattete Päsler Bericht über die Verhandlungen in der letzten Platzdeputierten-Versammlung. Sodann hielt Lankow einen beifällig aufgenommenen Vortrag über „Volksschulen und.Junkertiim".— In der nächsten, am 22. Oktober stattfindenden Generalversammlung werden die Wahlen des Gesamt- Vorstandes vorgenommen. Der Allgemeine Arbeiter«nd Arbeiteriuneu-Berein aller Branchen Berlins und Umgegend hielt am Montag, de» 18. d. M., seine Mitgliederversammlung im Lokal von Paster. Jnselstr. 10, ab. In derselben wurde eine Vorlesung gehalten und daran eine Dis- kussion geknüpft. Nachdem das Vergiiügungskomitee um 3 Personen verstärkt worden, wurde über die Mißstände in der Anilin- fabrik gesprochen. Reich giebt an, daß er im Auftrage der öffentlichen Versammlung, welche an> 2. September in der „Drachenburg" tagte, an die Direktion ein Schreiben gesandt habe, um für die Abstellung noch bestehender Mißstände vorstellig zu werden und in dem Schreibenszugleich gebeten habe, ihm doch davon Mitteilung zu machen, wie die Direktion über die Abstellung der Mißstände denke. Er giebt weiter an, daß er bis jetzt, trotzdem schon 14 Tage vergangen sind, noch keinen Bescheid habe. Ferner wurde dem Vertrauensmann anheim gegeben, falls in den nächsten 14 Tagen kein Bescheid kommt, noch mal eine öffentliche Versamin- lung einzuberufen. In Wcistensee tagte am Sonnabend, den 16. ds. Mts., eine öffentliche Versammlung' der Arbeiter und Arbeiterinnen. Dr. Curt Freudenberg hielt einen mit Beifall aufgenommenen Vortrag über„die Tuberkulose als Volkskrankheit". Redner schilderte die Ansteckungsgefahr der Tuberkulose in eingehender Weise und wies darauf hin, daß zu ihrer Bekämpfung vor allen Dingen bessere Wohnungs- und Arbeitsräume, eine kürzere Arbeitszeit, als auch gute Ernährung nötig sei. Im weiteren erinnerte Redner noch an den„Kongreß' zur Bekämpfung der Tuberkulose", aus welchem der Reichskanzler Fürst Hohenlohe als Ehrenpräsident anwesend ivar, wo unter anderem auch gesagt, daß„jede Verbesserung der Lebenslage des arbeitenden Volkes ein verringertes Auftreten der Tuberkulose bedeute". Anstatt nun aber den Arbeiter« das volle Koalitionsrecht zur Erkämpfung einer besseren Lebenslage zu geben, kommt man nach Schluß des Kongresses mit der Zuchthaus- vorläge, um auch noch das letzte bißchen Koalitionsrecht zu nehmen, Redner forderte die Anwesenden auf, sich politisch sowohl als auch gewerkschaftlich zu organisieren, um durch die Organisation eine bessere Lebenslage zu erkämpfen. An der Diskussion beteiligten sich einige Redner im Sinne des Referenten. Hierauf ging man zum dritten Punkt der Tages- Ordnung,„Die Zustände in der Nudelfabrik von Max Herninger über. Es wurde hauptsächlich über Unreinlichkeiten, aber auch über die Behandlung von feiten des Werkführers Hoppe geklagt. Dieser Herr belegt die ihm unterstellton Arbeiter und Arbeiterinnen mit Titulaturen, welche man in„Knigges Umgang mit Menschen" vergeblich suchen wird, denn Worte wie Lausejunge, Himmelhunde, gehören noch zu den gemäßigten, andere verbietet der Anstand zu veröffentlichen. Auch soll sich der Herr nach dem Muster türkischer Hauspaschas allerlei Dreistigkeiten gegen die Arbeiterinnen erlauben._ Eingegangene Druckschriften. Von der»Neuen Zeit"(Stuttgart, Dich' Verlag) ist soeben das 52. Heft des 17. Jahrganges erschienen. Aus dein Inhalt heben wir her- vor: Der verkrüppelte Dreyfushandcl.— Der britische Gewerkschaftskongreß zu Plyuiouth. Von Ed. Bernstein.— Die oppositionellen Elemente und die Regierungspolittk im inodernen Rußland.(Aus dem Russischen über- setzt.)(Schluß)— Zur Kritik der Kritik. Von Franz Mehring. I.— Eine Umwälzung in der Schwefelsäure- Fabrikation. Von H. Vogel.— Litterarische Rundschau: Dr. Dh. Kistiakowski, Gesellschaft und Einzelwesen. Oskar Hertwig, Die Lehre vom Organismus uod ihre Beziehung zur Socialwissenschnft. Von Heinrich Cunow. Dr. Hans F. Hclmolt, Welt- geschichte.— Notizen: Streiflichter über die Arbeiterverhältnisse im Kanton Tessin._ Vrieslmsten der Redaktion. Wir bitten, bei jeder Anfrage eine Chiffre(zioet Buchstabe» oder eine Zahl) anzugeben, unter der die Antwort ertheilt werden soll und die letzte Abonnementsqnittung beizulegen. Fragen ohne solche werden nicht beant- wartet und schriftliche Antwort wird nicht erthetlt. Die juristische Sprechstunde findet Montag, Dienstag und Freitag abends von« bis 8 Uhr statt. tK. T. Das Fußartillerie-Regiment Nr. 15 liegt in Thorn und in Graudcnz in Garnistm. vir nicht beantworterr. Vielleicht weiß einer unserer Leser Auskunft. F. G. 33. Wir wissen nichts vom Empfang einer derartigen Zu- schrift und bitten Sie im übrige», die Angelegenheit dem Hamburger Partei- Organ zu unterbreiten, da dieses doch eher in der Lage ist, in der An- gelegcnheit Recherchen anzustellen. Weisel. Nicht aufnahmefähig. Verklagen Sie doch den Man». <£•. L. Spandau bildet einen besonderen Stadtkreis. Post. Der Zeitpunkt, wann die Postverwaltuiig wieder Civilanwärter zur Assistentenlausbahn annimmt, steht noch nicht fest, da der ReorganisationS- plan der Snbaltern-Karricrc nach Aeußerungen Podbielskiö im Reichstage nur eist in äußeren Umrissen gegeben ist. Danach ist das„Einjährige" zwar nicht erforderlich, der Besuch eines Gymnastinns oder einer diesem gleichwertigen Lehranstalt bis Obertertia aber vorgeschrieben. S. H. 200. Nein— F. F. 90. 1. Ihr Mann hat für das von Ihnen gekaufte Buch nicht aufzutommen. 2. Es ist wertlos.— R. B. I. Beide Formen sind gebräuchlich: älteres Recht hat die mit„ei".— G. K. 00. Ist Ihrem Sohn gekündigt, so kann er leider nur biö zum Kündignngstage Loh», Verpflegung usw. erhalten.— Sl. B. 11. l Ja. 2. Ja. 3. Ja.— H. D. 1000. Nach dem Gesetz nein, die Praxis des Gewerbcgcrichtö ist jedoch schwankend.— 1878. H. N. Bis zum 31. Dezember 1839 bis zum zurückgelegten 25., von da ab bis zurückgelegtem 21. Lebensjahre.— Frödr. Unverständlich.— C. E. 19. 1. Nein. 2. Ja. 3. Nein. 4. Daß erst daim darüber entschieden werden solle. 5. Ja. — Kansinann Tiecksirnste. Ja.— Wittwe Anna St. I. An das Polizeipräsidium. 2. Stein. 3. Das hängt vom Ermessen der Behörde ad. — W. D. 000. gietlainicreu Sie, wenn Sic auch sür hier gezahlt haben. — S. 14. Eine Einigung ist nicht möglich. Die Sache wird von AmtS wegen verfolgt. Als Strafe wird eine Geldstrafe festgesetzt.— Langefir. 49. Der Standesbeamte ist im Recht.— C. K. 10. 1. Sie können diesen Weg einschlagen. 2. Daun müßten Sie als Aftermieter angemeldet werden. Der erste Weg ist einfacher.— H. W. 25. Ist nichts vereinbart, so ist bei Schlafburschen und Chambregarnisteu bis am 15. zum 1.(nicht um- gekehrt am 1. zum 15.) Kündigung zulässig.— Frau Anim F. Für solche Fälle wird ei» Rcchtsaiiivalr nicht zugeordnet. Sie können Ihre Rechte selbst wahrnehmen.— F. W. 22. 1. Stein. 2. Gar nicht.— Ferdiuaud M. Schriftliche Antwort erteilen wir nicht. In der Sache selbst: Stein.— O. 3k. 1. Ja. 2. ES giebt in Deutschland etiva 100 verschiedene Gütcr- rechtssysteme. Teilen Sic mit, für welche Stadt Sie das System inter- csfiert.— I.»t. 14. Den noch schuldigen Rest niüffc» Sie zahlen, sonst kann der Betreffende mit Erfolg llagcn. Di« Militärzcit unterbricht Ihre Zahlmigsverpfliilitung leiiiesivegs. Wegen der weiteren Fragen fragen Sie bei der betreffenden Behörde direkt an: Die Genehmigung wird wohl erst später erteilt werden.— Hagelsbergerstrnfie. Ihre Frage ist nicht klar. — L. L L. Wo Sie wollen.— H. M. 1. Der Erfolg einer Benifuna gegen z» hohe Staatsstener zieht die Ermäßigung der Koinmmialsteuer nach sich, weil die Genieindestcucr»ach Prozenten der Staatssteuer berechnet wird. 2. Wer in der Wählertistc steht, tan» wählen.— F. P. 28. 1. Wenn der Mietsvertrag keine entgegeilstcheude Bestiuimung enthält: nei». 2. Bis zum ersten Oktober. 3. Sie hätten nur de» wirtlich verursachten Schaden zu tragen. 4. Ja.— M. S. 51. 1. und 2. Nein. — W. H. 107. 1. Stein; sollte sie gefragt werden, braucht sie nicht zu antworten. 2. Nein. 3. Stein.— K. P. 110. 1. Stur, wenn er beweisen kann, daß die Forderung Ihnen und nicht Ihrer Tochter zusteht. 2. Ja.— Wettende Düsseldorf. 1.-4. Stein. Ein Ehebruch berechtigt de» Gatte», der den Ehebruch nicht begangen hat, zur Klage auf Ehetrennung, keineswegs aber den Gatten, der de» Ehebruch begangen hat.— H. St. 1. Nein. 2. Ja, das kaim alS Scheidungsgrund auerlaimt werden.— Kronhermaun. 1. Seit dem 16. Septembcr. 2. Nein.— E. P. 26. Sie können mit Erfolg auf Zahlung des Theiles des Wocheiilohnes Nagen, der Jhucn wegen der lübischen Feiertage Direktion ist als Vertreterin der Stadt Erbin, abgezogen ist.— P. Waldstr. I. und 2. Die Armen- I............. W» Erbin, kann aber zu Gunsten der Finder auf die Erbschaft verzichten.— W. Sch. 888. 1. Nein. 2. Ja. — 31. Z. 07. 1. Wenn daS Kind vor der Ehe geboren ist, nein, sonst ja. L. und 3. Wende» Sie sich direkt an die Waisendirektion, Alte Jakobstr. 32. — Maurerpolier. 1. Nicht der Sohn, sondern Ihre Schwiegertochter hat die Hitlste der gesamten für sie geklebten Klebemarken zurückzuverlangen. 2. Ja. 3. Das Staudesamt kann sich mit der vermögensrechtlichen Seite der Ehe nicht besahen. Will Ihr Sohn das Eigentum seiner Braut sicher stellen, so soll die Braut ihr Vermögen(Gegenstände, Geld, Forderungen) mifnotiercn und mit diesem Der-richniS und mit Ihrem Sohn sich ans das Amtsgericht begeben. Dort erlUiren die Brautleute zu gerichtlichem Proto- koll, einander ehelichen zu wolle». Ferner anerkennt Ihr Sohn, dast das inr Inventar Verzeichnete das Vermögen seiner Braut ist, und verzichtet auf sein ehemtlnnlichcs Nietzbrauchs- und Verwaltungsrecht.— K. G. SS.> DaS Gericht beziehentlich die Gerichtskasse kann Ihnen Teilzahlungen chewistigen, ist aber hierzu nicht verpflichtet.— O. Nein. - Nuschitika. Der Wirt.- O. Nt.-t» und andere Bolks-Kranken- kafsen- Schmerzenskinder. Die im Auftrage der verkrachten Volks- Krankenkasse ergehenden Zahlungsaussorderungen sind am besten mit der Erklärung zu beantworten:„Ich wieberhole meinen Austritt aus der Volks-Krankenkasse und frage an, wo die Adresse der Volks-Krankenkasse sich jetzt besuchet?" Eine Zahlungsverpflichtung liegt nicht vor, weil beschlossen war, daß, wer einen Monat resliert hat, ohne weiteres ausscheidet und weil die Kasse Krankengelder nicht gezahlt hat. Indes besteht hierüber sowie über die Legitimation der vermeintlichen Liquidatoren Streit. Zu raten ist: nicht zu zahlen. Eine Reihe gleichmästig als Kastenmitglieder Beglückter bat Herm Rechtsanwalt Herzfeld mit ihrer Vertretung betraut. Wenden Sie sich an diesen, wenn Sie erfahren wollen, ob und wie einer der an- gestrengten Prozesse entschieden ist.— M. W.. Wcifteusee. 1. Ja. 2. Nein. — Vormund 100. I. Ja: die Vormundschaft über mehrere Geschwister gilt als eine Vonnundschaft. 2. Sie müssen bis 1301 zahlen.— 5i. Dius. 1. Der bei der Reserve-Uebung Verunglückte bat ein Recht auf Invaliden- Versorgung, fall? er durch eine während des Militärdienstes erlittene Dienst- beschadigung invalide geworden ist. Gegen den ablehnenden Bescheid des Generalkommandos steht dem Reservisten(durch Vermittlung des Bezirks- kommandos) Rekurs an das Krieasministerium zu. Lehnt auch dies ab. so kann er klagen. 2. Nur auf Fabriken.- R. B. Die Anträge auf Zuschuß- gewährung der Witwen von Kriegsinvaliden sind an die Polizeiverwaltung oder an das Landr-ts-, Bezirks- oder Kreisamt ihres Wohnortes zu richten. Von diesen Behörden sind die Anträge in Bezug auf die Prüfung der Untcrstlltzuiigs- Bedürftigkeit zu begründen und an die General- komuiaudos zü senden.— Geisler. Bei der Witwe lann wegen der Schulden gepfändet werden. Die unentbehrlichen, der Pfändung entzogenen Gegenstände müssen ihr belassen werden.— Z. Nein. Dienstag, den 19. d. Mts., nachmittags 4 Uhr, verstarb Plötz- lich am Herzschlage mein innigst geliebter Man», unser guter Bater, Soh», Bruder und Schwager, der Nestaurateur Julius ItauiMim im 38. Lebensjahre. Dies zeigt im Namen der Hinterbliebenen mit der Bitte um stille Teilname tiefbetrübt an V.ul«>v Raumann geb. Zupke nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Freitag, den 22. d. MtS., nach- mittags 3 Uhr, vom Traner- hause, Blücherstr. 42, aus auf dem Luisen- Kirchhof in der Berg- mannstraße statt. Loeislilemokratiselier WsMvvmk f. den 2. Berliner Reichstags• Wahlkreis. Todes-Anzeigc. Den Mitgliedern die traurige Mit- tcilung, baß nnscr langjähriges Mit- nlied, der frühere Zimmerer, jetzige Restauratenr 238/17 Julitts Ranmanu infolge eines Herzschlags am Dienötag plötzlich gestorben ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 22., nachmittags 3 Uhr, aus dem Luiscn-Kirchhof, Bergmannstrabe, statt. Zahlreiche Beteiligung erwünscht. EeutrullierbM öctjijimiei'cc (Zahlstelle Verl!,,.) Am Dieuötagnachmittag verstarb plötzlich das langjährige Mitglied Mus Raumann. Ehre feinem Andenken. Die Beerdigung findet Freitagnach- mittag 3 Uhr, vom Trauerhanse Blücherstr. 42 aus nach dem Luisen- Kirchhof, Bergmannstraße, statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet 265/6_ Der Vorstand. törrliirt Ansucht für eine ethische •ülUiliJ Niltersnchiiiig vom Boden deS SocialiSmus aus, populär ge- schrieben, 8 Bogen. Osicrtcn a. Dr. Cerbanlt II, Leipzig, haiiptpostlagernd. teilt smOm. Ast- nnü LchailkmrttteiilS ll.Uing. Am Dienstag, den 19. d. M., nach- mittags 4 Uhr, verstarb plötzlich am Herzschlag im Alter von 37 Jahren unser langjähriges treues Mitglied Mus Raumann. Di« Mitglieder werden sein An- denken stets in Ehren halte»! Die Beerdigung findet Freitag, den 22., nachmittags 3 Uhr, vom Trauerhause(Blücherstr. 42) aus auf dem Luisenkirchhof in der Bergmann- straße statt. Statt jeder besonderenjAnzeige! Am 18. d. Mts., OV. Uhr abends, entschlief nach zweitägigeni Kranken- lager an Herzlahmung nnscr innig geliebter Mann, Vater, Schwiegervater und Großvater, der Restauratenr kenünant! Grande. Beerdigung findet vom Trauerhause, Lausitzerstr. SO, am Donnerstag, den 21. b. MtS., IV- Uhr nachmittags, statt.(2891 Die trauernden Hinterbliebenen. Herzlichen Dank sage allen denen, welche meinem lieben Manne die letzte Ehre erwiesen, für die reichen Kranz- spenden. 2713b Im Namen aller Angehörigen !>Vv.8eImsKrauzo nebst 3 Kindern. „Tip Top" Clgarre, groß. qualttStSvoll und sehr preiswert sollte jeder rauchen und nicht die teuren Detailpreise zahlen. 199 Stück S M. franco geg. Nachn. Alfred Dörfler, Hamburg 11. Mein Bureau befindet sich vom 20. September er. ab Brttcken- Allee 33, pt. (nahe Bahnhof Bellevue). Amt II. No. 3101.[2697b Dp. Herzfeldf Bechtsanwalt, Harkgrafensir. 62. •int n no io Jahre Garantie. Vollkommen echmerzloses Zahn- /nnlln J SüJ ziehen 1 M. Plomben 1,50 M. Teilzahl, wöchentl. I M. bull II U Im III. SEahiiarzt Wolf, Leipzigerstr. 22. Sprechet. 9-7. Selten günstiger Gardinenkauf b« Bruno Güther aus Planen in Sachsen. Gegründet 1869. Hoflieferant 25622» Sr. H. Herzog von Sachsen-Altenburg. 8o Grüner Weg 80 parterre Elng.v. Flur.(Kein Laden) Engl. TQH' Gardinen von den billigsten bis zu den elegantesten. 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Julius Schillert, Köniachauffee 39a. Stob. Liebschwager, Gustav-Adols- straße 16. Verantwortlicher Redacieur: Robert Schmidt in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Mar Badiua in Berit».