Ilnterhaltungsblatt des Dorwäris Nr. 141. Dienstag, den 24. Juli. 1900 (Nachdruck verboten.) 8ii Aufevflehnng. Roman von Leo T o l st o j. Die junge Frau ging indessen, augenscheinlich darüber erregt, daß man sogleich über ihre Kinder urteilen tvürde, mit schnellen Schritten Nechljudow vorauf in die inneren Zimmer. Im dritten, hohen Zimmer mit Weißen Tapeten, das durch eine kleine Lanipe mit dunkelm Lampenschirm er- leuchtet war, standen nebeneinander zwei kleine Betten, und zwischen ihnen saß in weißer Pelerine eine Wärterin mit einem sibirischen, gutmütigen Gesicht mit brcitstehenden Backen- knochen. Die Wärterin stand auf und verneigte sich, die Mutter beugte sich über das erste Bett. „Das ist Katja," sagte sie, die gestrickte Bettdecke über einem langhaarigen, zweijährigen Mädchen in Ordnung bringend, das ruhig schlief und das Mündchcn geöffnet hatte.„Ist sie hübsch? Sie ist erst zwei Jahre alt." „Reizend!" „Und das ist Wasjuk, wie sein Großvater ihn getauft hat. Ein ganz andrer Thpus. Ein Sibirjak, nicht wahr?" „Ja, ein schöner Knabe," sagte Nechljudow, den kleinen, auf dem Bauch schlafenden Dickwanst betrachtend. Die Mutter stand daneben und lächelte vielsagend. Nechljudow dachte an die Ketten,' die rasierten Köpfe, die Prügelei, die Verdorbenheit, den sterbenden Krylzow und Katjuscha. Und er empfand Neid und wünschte sich eben solch schönes und, wie ihm schien, reines Glück. Nachdem er die Kinder mehrfach gelobt und dckdurch die Mutter, wenn auch nur zum Teil zustiedengestellt hatte, trat er hinter ihr hinaus in das Gastzimmer, wo der Engländer schon auf ihn wartete, um zusammen mit ihm, wie sie ver- abredet, ins Gefängnis zu fahren. Nachdem er von den lieben Wirtsleuten, alten und jungen, Abschied genommen, trat Nechljudow mit dem Engländer auf die Treppe des Generalshanscs hinaus. Das Wetter hatte sich geändert. Ausgiebiger Schnee stcl in Flocken und bedeckte schon den Weg und das Dach und die Bäume im Garten und die Anfahrt und das Verdeck der Nenndroschke und den Rücken des Pferdes. Der Engländer besaß seine eigne Equipage, und Nechljudow be- fahl dem Kutscher des Engländers, nach dem Gefängnis zu fahren, setzte sich allein in seine Nenndroschke und fuhr hinter ihm her. Fünf un dz wanzig st es Kapitel. Das finstere Gefängnisgebände, mit der Schildwache und einer Laterne im Thorweg, machte trotz der reinen weißen Decke, die jetzt alles, die Anfahrt und das Dach und die Wände bedeckte, einen finsteren Eindruck. Der imposante Inspektor trat in den Thorweg hinaus, und nachdem er bei der Laterne den Einlaßschein, der Nechljudow und dem Engländer gegeben war, gelesen, zuckte er verständnislos die mächtigen Schultern, forderte aber in Erfüllung der Vorschrift die Besucher auf, ihm zu folgen. Er führte sie erst auf den Hof und dann durch eine Thür rechts und eine Treppe hinauf in das Bureau. Nachdem er ihnen angeboten, Platz zu nehmen, fragte er, womit er ihnen dienen könne, und als er Nechljudows Wunsch erfahren, jetzt die Masiowa zu sehen, sandte er einen Aufseher nach ihr und schickte sich an, auf die Fragen zu antworten, die der Engländer an ihn zu richten beabsichtigte, bevor sie in die Zellen gingen. „Für wie viel Menschen ist das Gefängnis gebaut?" fragte der Engländer durch Nechljudow.„Wie viel Ge- fangcne? Wie viel Männer, wie viel Frauen und Kinder? Wie viel Zwangsarbeitcr, Verbannte, freiwillig Folgende? Wie viel Kranke?" Nechljudow übersetzte die Worte des Engländers und des Inspektors, ohne in ihren Sinn einzudringen, und war ganz unerwartet für sich selbst befangen wegen des bevor- stehenden Zusammentreffens. Als er zwischen den Phrasen, die er den» Engiänder übersetzte, sich nähernde Schritte hörte und die Tür des Bureaus sich öffnete und, wie das häufig vorgekommen war, jetzt aber wahrscheinlich zum letztenmal. ein Aufseher eintrat und nach ihm 5latjuscha, mit einem Tuch um den 5kopf und im Arrestantenkleide, empfand er bei ihrem Anblick ein schweres, übelwollendes Gefühl. „Ich will leben, will Famile, Kinder haben, will ein menschliches Leben leben," blitzte es ihm durch den Kopf, als sie mit schnellen Schritten in das Zimmer trat. Er stand auf und ging ihr einige Schritte entgegen. Sie hatte noch nichts gesagt, aber ihr erregtes Gesicht überraschte ihn. Ihr Gesicht glänzte von erregter Entschlossenheit. Er hatte sie niemals so gesehen. Sie wurde rot und blaß, ihre Finger drehten krampfhaft den Saum des Leibchens zusammen, und bald blickte sie ihn an, bald wendete sie den Blick ab. „Wissen Sie schon?" fragte Nechljudolv. „Ja. man hat es mir gesagt: nur habe ich mich jetzt erst entschieden. Ich werde Wladimir Jwanolvitsch bitten..." sie sprach schnell, genau, als hätte sie alles das vorbereitet. was sie sagen würde. „Wieso, Wladimir Jwanowitsch j. wollte Nechljudow beginnen, aber sie unterbrach ihn. „Wenn er nichts weiter wollte, als daß ich mit ihm zu- sammenlede..." sie hielt erschreckt inne und verbesserte sich: „daß ich bei ihm bin. Kann mir etwas Besseres begegnen? Vielleicht bin ich ihm nützlich und andren auch... Was soll ich denn?" Eins von beiden war der Fall: Enttveder liebte sie Simonson und wünschte das Opfer gar nicht. durch das er sich jetzt so bedrückt fühlte; oder sie fuhr fort, ihn, Nechljudow, zu lieben und entsagte ihm zu seinem Wohl, ver- brannte für immer die Schiffe hinter sich, indem sie ihr Schicksal mit dem Simonsons vereinigte. Nechljudow verstand das, und er schämte sich. Er fühlte,' daß er rot wurde. „Wenn Sie ihn lieben..." sagte er. „Ich habe doch niemals solche Leute kennen gelernt: die kann man nicht lieben. Und Wladimir Jwanowitsch ist so ganz besonders." „Ja. versteht sich," begann Nechljudow.„Er ist ein trefflicher Mensch, und ich denke..." Sie unterbrach ihn, als fürchtete sie. er würde ctwaS zu viel sagen oder etwas, was sie überhaupt nicht aussprechen würde. „Nein, verzeihen Sie mir, wenn ich das nicht thue, was Sie wollen," sagte sie.„Sie müssen auch leben." Sie sagte ihm dasselbe, was er sich soeben selbst gesagt hatte. Aber jetzt dachte er schon nicht mehr daran, sondern dachte und fühlte etwas ganz andres. Er schönste sich nicht nur, sondern ihm war auch>vch. „Ist wirklich alles zwischen uns zu Ende?" sagte er. „Ja, so ungefähr," sagte sie und lächelte sonderbar. „Ich möchte Ihnen aber trotz alledem helfen." „Wir"— sie sagte„wir"— und blickte Nechljudow an —„brauchen nichts. Ich bin Ihnen auch schon so in allem verpflichtet. Wenn Sic nicht geivesen wären.. sie wollte etwas sagen, und ihre Stimme zitterte. „Ich weiß nicht, wer dem andern mehr verpflichtet ist. Unsrc Rechnung begleicht Gott", sagte Nechljudow. „Ja. ja. Gott", flüsterte sie. „Are yoa ready?" fragte inzwischen der Engländer. „Directly," antwortete Nechljudow und fragte sie nach Krylzow. Sie war aus ihrer Erregung zu sich gekommen und er- zählte ruhig, was sie wußte: Krylzow war unterwegs sehr schwach geworden, und man hatte ihn sofort in Krankenhaus gebracht. Marja Pawlowna hatte gebeten, ihn pflegen z» dürfen, aber noch war keine Antwort da. „Also soll ich gehen?" sagte sie, da sie bemerkte, daß der Engländer wartete. „Ich verabschiede mich nicht, ich sehe Sie noch," sagte Nechljudow, ihr die Hand reichend. „Verzeihen Sie," sagte sie kaum hörbar. Ihre Blicke begegneten sich, und aus dem sonderbaren schiefen Blick und dem jämmerlichen Lächeln, mit dem sie nicht„Leben Sie wohl", sondern„Verzeihen Sie" sagte, verstand Nechljudow, daß von den beiden Annahmen in betreff der Ursache ihrer Entscheidung die zweite die richtige war: sie liebte ihn und glmibte, daß, Wenn sie sich niit ihm Verbünde, sie sein Leben verderben, wenn sie aber mit Cimonson ginge, ihn befreien würde. Sie drückte seine Hand, wandte sich schnell um und ging hinaus. Der Engländer, der Nechljudow nicht genieren wollte, schrieb etwas in sein Notizbuch. Nechljudow setzte sich auf eine kleine Holzbank, die an der Wand stand, und ihm wurde Plötzlich nicht nur beschämt, sondern hoffnungslos ums Herz. Und da er eine unbestimmte Müdigkeit fühlte, lehnte er sich gegen die Lehne der Bank, auf der er saß, schloß die Augen und schlief ein. „Nun, ist es Ihnen jetzt gefällig, in die Zellen zu gehen?" sragte der Inspektor. Nechljudow wachte auf. Der Engländer hatte seine Niederschrift beendet und wünschte die Zellen zu besichtigen. Sechsundzwanzig st es Kapitel. Nachdem sie den Flur durchschritten hatten und an den bis zum Ersticken stinkenden Korridor gekommen waren, traten der Inspektor, der Engländer und Nechljudow in die erste Zelle für Zwangsarbeiter. In der Zelle, mit Pritschen in der Mitte, hatten sich alle Gefangenen schon hin- gelegt. Es waren ihrer siebzig. Sie lagen Kopf an Kopf und Seite an Seite. Beim Eintritt der Besucher sprangen alle mit den Ketten klirrend auf und stellten sich neben die Pritschen, wobei ihre frischrasierten Köpfe glänzten. Zwei blieben liegen. Ter eine>var ein junger Mensch, rot, äugen- schcinlich vom Fieber— der andre ein Greis, der unaus- hörlich stöhnte. Der Engländer fragte, ob der junge Mensch schon lange erkrankt wäre. Der Inspektor sagte, seit heute morgen, der Greis aber hätte schon lange mit dem Unterleib zu thun, wäre jedoch nirgends unterzubringen, da das Lazarett längst überfüllt sei. Der Engländer schüttelte mißbbilligcnd den Kopf und sagte, er möchte diesen Leuten einige Worte sagen, und bat Nechljudow, das zu übersetzen, was er sagen würde. Es zeigte sich, daß der Engländer außer dem einen Zweck seiner Reise: der Beschreibung der Zustände in Sibirien, noch einen andern hatte— die Verkündigung der Rettung durch den Glauben und durch Buße. „Sagen Sie ihnen, daß Christus sich ihrer erbarmt und sie geliebt hat," sagte er,„und für sie gestorben ist. Wenn sie daran glauben, werden sie gerettet werden." So lange et sprach, standen alle Sträflinge schweigend vor den Pritschen, die Hände stramm an den Hosennähten. „In diescur Buche, sagen Sic ihnen," schloß er,„ist alles das gesagt. Sind Leute da, die lesen können?" Es zeigte sich, daß über zwanzig Menschen lesen und schreiben konnten/ Der Engländer zog aus seiner Handtasche einige Neue Testamente, und muskulöse Hände mit festen schwarzen Nägeln streckten sich aus hanfleinenen Aermeln ihm entgegen, in dem sie einander zurückstießen. Er verteilte in dieser Zelle zwei Evangelien und ging in die folgende. In der folgenden Zelle war ganz dasselbe: ebensolche beklommene Luft und Gestank; genau so hing vorne zwischen den Fenstern ein Heiligenbild und stand links von der Thür der Abortkübel, und lagen ebenso eng, Seite an Seite, die Gefangenen, Und sprangen ebenso alle auf und machten Front und standen ebenso drei Menschen nicht auf. Zwei richteten sich auf und setzten sich hin, einer aber blieb liegen und sah nicht einmal nach den Eintretenden hin; es waren Kranke. Der Engländer hielt ihnen dieselbe Rede und gab ihnen ebenso zwei Evangelien. In der dritten Zelle ertönte Geschrei und Streit. Der Inspektor klopfte an und schrie:„Ruhig!" Als die Thür geöffnet wurde, machten alle wieder Front vor den Pritschen, außer einigen und zwei Streitenden, die mit vor Wut ent- stellten Gesichtern sich in einander verklammert hatten, der eine im Haar, der andre im Bart. Sie ließen sich erst dann los. als ein Aufseher auf sie zulief. Dem einen war die Nase blutig geschlagen, der andre las die ihm ausgerissenen Barthaare auf. „Stubenältester!" schrie der Inspektor strenge. Ein hübscher, starker Mensch trat vor. „Ganz unmöglich, sie zur Ruhe zu bringen. Euer Hoch- wohlgcboreu." sagte der Aelteste, mit den Augen fröhlich lächelnd. „Ich werde schon Ruhe schaffen I" sagte der Inspektor finster. „Wliat did tihey fight for?" fragte der Engländer. Nechljudow fragte den Aeltesten, wodurch der Streit ent- standen iväre. Wegen Fußlappen. Hat sich fremde stibitzt." sagte der Aelteste, mit Lächeln fortfahrend.„Der eine' hat gestoßen, der andre das zurückgegeben." Nechljudow erzählte es dem Engländer. „Ich möchte Ihnen wohl einige Worte sagen," sagte der Engländer, an den Inspektor gewandt. Nechljudow übersetzte. Der Inspektor sagte:„Das können Sie." Da holte der Engländer sein Neues Testament in Leder- einband hervor. „Bitte, übersetzen Sie das!" sagte er Nechljudow.„Ihr habt euch gestritten und geschlagen, aber Christus, der für uns gestorben ist, hat uns ein andres Mittel gegeben, unfern Streit zu schlichten. Fragen Sie sie, ob sie wissen, wie man nach Christi Gebot mit einem Menschen Verfahren muß, der uns kränkt?" Nechljudow übersetzte die Worte und die Frage des Eng- ländcrs. „Dem Vorgesetzten klagen, der wird es schlichten!" sagte einer, indem er fragend auf den imposanten Inspektor schielte. „Ihn verhauen, dann wird er uns nicht kränken." sagte ein andrer- Hier und da ertönte beifälliges Gelächter. Nechljudow übersetzte dem Engländer ihre Antworten. „Sagen Sie ihnen, daß mau nach Christi Gebot gerade das Entgegengesetzte thun muß: so dir jemand einen Streich auf den Backen giebt, biete ihm den andern auch dar," sagte der Engländer, mit einer Geste seine Backe gleichsam darbietend._(Schlich folgt.) Mus deL nmfisrnlischen TV0650. Die„Orientalische Operette ngesellschaft", die uns neulich mit der„Tochter Jerusalems" gekränkt hat, suchte in- ztvischen ihren Mißerfolg zu dämpfen durch die Kuudmachnug, daß ihre Mitglieder nur Natursänger- und-sängerinneu seien— eine Behauptung, die immer mit starkem Zweifel aufzunehmen ist und auch hier nur auf die Mehrzahl der Mittvirkenden paffen dürfte. Darauf kam mm am Sonnabend und am Sonntag(welchen Tag wir zum Besuch wählten) eine neue Darbietung ähnlicher, doch er- träglicherer Art: S u l a in i t h. A l t t e st a in e n t n r i s ch c s M e l o- d r a m a" von Goldfaden. Das gleiche Unheil wie bei jenem Stück zerrt auch hier an unserer Geduld: die gräuliche Sprache, die nicht nur die Laute, sondern auch die Worte verzerrt(z. B. den Ausdruck„vertvechselt" für„verwandelt" gebraucht) und anscheinend nicht nur der unseligen Meinung entspringt, ein solches Medium rücke uns das betreffende Altertum nahe.' Der Inhalt— eine Verlassene, die sich wahnsinnig stellt, von» Schicksal gerächt Ivird, und Ihn zuletzt doch noch kriegt— bietet Momente dar, ans denen etwas zu machen wäre. Ebenso ist es mit der Musik: sie zeigt trotz ihrer Eintönig- keit manche findige Mache und manches nicht blos leicrmäßige Mclo- dische. Die„Wahnsinnsscene" im dritten Akt ist scenisch und iimsi- kalisch ganz geschickt gebaut; ein wiederholter Scptimenschritt im Gesang wirkt sehr eindringlich. Auch eine vorhergehende Schmerzarie, ferner im zweiten Akt eine Art Spottchor und im ersten Akt ein Duett sind nicht übel; ja sogar der Schritt über die bloße Aneinanderreihung von„Rnmment" hinaus zu einem dramatischen(oder sagen wir lieber: scenische») Verweben ist hie und da zu merken. Aber dann kommt wieder der scheußliche Bajazzo, diesmal ein hopsender Neger und das Publikum hat auch schon niit Herz n»d stfnsj— man kann kaum andres sagen— gebeifallt. So haben wir selbst hier wieder das ästheihisch Jammervollste: die Znsanimcnziehnng von Kunstarbeit uud Jndustriearbeit und die traurige Geschicklichkeit, gute Einzelteile zu lieseru bei völliger Unfähigkeit zu einem ciuigermaßc» brauchbaren Ganzen. Die Darstellung als solche war widerlich, be- sonders durch die gchörzcrreißcudcu Tougeunsche im Ensemble uud im Chor. Der Tenor von neulich. Herr S i l b e r t, hatte sich damals besser gemacht, weil er nicht so sehr wie diesmal forcierte. Als Aushilfe aus dem Gebiet des Kuiistgesaugcs war bezeichnet Frl. Friederyka Zartowska bom Bukarester Natioualthcater, die gut mimt und in der Höhe auch leidlich singt, aber rundere Töne in der Tiefe und eine richtigere Atmung haben sollte. Als Gegenstück zu diesem so häufigen Fehler war uns seiner- zeit iu der„Geisha" die Gcsaiigskuiist der Darstellerin der Mollh Seamore. Mary Hagen, aufgefallen; und von einem neulichen Wiederholungsbesuch dieses Stücks, den wir einem Vertreter überlassen mußten, wurde uns diese Kunst bei dem Tanzlied vom Papagei als besonders bemerkenswert gerühmt. Sowohl diese „Gcisha'-Anfführimgcn im L e s s i n g- T h e n t c r als auch vcr- schiedentlichc andre im Theater deS Westens geschehen durch ein Enseinblc-Gastspiel unter Leitimg des Direktors des Central- t h e a t e r s. So wirkt diese Truppe trotz der seinerzeitigen Besorgnis, die Operette ganz aufgeben zu ninffe», für diese Kunst» gattnug und für eine sie eigentümlich pflegende Tradition riiftin weiter. An jenem WiederhollingSbesiich hinderte uns das Anhören der vor kurzem wieder hervorgezogenen Operette Carl Zellers.Der Vogelhändler". Welcher erhevende Abstand von jenem Orientalismus I Aber auch hier mimer wieder der jähe Fall von feinsinniger musikalischer Höhe zum Fang des Publikums durch Posscnfetzen, und die gelungenen Stückchen ohne ein ganzes Stück. Von den Darstellern genügt es, Herrn Max Heller in der Titelrolle und H e n n h W i l d n e r als.Brief- christel" zu nennen, eine prächtig spielende Soubrette, die sich ja das Falschsingen wohl bald abgewöhnen wird. Noch eine Kollision störte uns diesmal. Von dem Grundsatz nämlich, Garteukonzerte u. dgl. zu übergehen, machten wir wieder eine Ausnahme und zwar zu Gunsten eines Konzerts des C b a r- lotten burger Sinfonie- Orchesters unter ll>? a x Dahms. Die Ausnahme geschah nicht. eigentlich der a» künstlerischen Naturschönheiten reichen„Flora" zu Liebe, in der das Konzert stattfand, s andern deshalb, weil hier die„Antilopenhöruer" produziert iverde» sollten, erfunden von Kammermusikus Her- mann Schulz und bereits zur Einführung in der Armee au- genommen. Es handelt sich um sogenannte Naturhürncr, d. h. um Blasinstrumente, die, ohne Ventile und dergl.. nur die im Grundton liegenden Naturtöne geben und mit diesen Tönen„Fanfaren" blasen lassen; also schon eine interesiante Abwechslung gegenüber den jetzt gewöhnlich einzig gebrauchte» Instrumenten mit künstlich ein- geschalteten Tönen.— Allein es ging auch diesmal wie so oft bei solchen Konzerten: drei Stunden ivarcu um, die„Antilopen" noch fern, und die hornige.Sulamith" rief ins Theater. Also auf ein ander Mal I Zlvifchen all dem nun auch einmal etwas ganz Echtes, ganz und allzu sehr Ernstes: zivci Konzerte des P h i l h a r m o n i s ch e u Orchesters von H e l s i n g f o r s, von denen unsre Kollisionen uns leider nur das zweite hören liesten. Und ein solches einmaliges Hören, mit einem leider erst im letzten Augenblick in die Hand ge- ratcncn ErklänuigSbüchlcin und— wegen Krankheit der zur Gesell- schast gehörenden Sängerin Ida Elmau— ohne die anscheinend besonders charakteristischen Lieder: was lägt sich da von dieser f i u n l ä n d i s ch e n Musik Tieferes aufnehmen und Genaueres berichten? So viel ist sicher, es handelt sich um eine durchaus künst- lcrische Leistung im Ganzen wie im Einzelnen, und in Komposition wie in Wiedergabe um einen tiefernsten Ton, dem das bei unsren Klassikern kaum je zu vermissende Heitere, Scherzhafte, Humoristische fast ganz und die uns sonst wohlbekannte Oberflächlichkeit der„leichteren" Musik erst recht fehlt. Das macht die bei dieser finnischen ivknsik so sehr auffallende„Schwcrmütigkeit" aus: und zu ihr treten dann noch ständige Züge des Heroischen. Hochromnntischen, künstlerisch Reichhaltigen, freilich auch mit Vorliebe für„starke Mittel". Unter den vorgeführten Komponisten ist jedenfalls in erster Linie zu nennen der jugendliche Jean Sibelius, der übrigens dem kräftigen Beifall persönlich dankte. Seine Legenden ans„Kalcvala", seine „Entrcaktmusik" und eine Einlage, die»Tondichtung„Vaterland", zeigen alle zwar nicht eine so selbständig geprägte Harmonik und Geheimnisfüllc, wie sie dem Norweger Gricg eigen sind, wohl aber eine reiche Melodik, Stimmenverarbcitung und Instrumentation, mit wenig Gemeinplätzen, außer einer Vorliebe für feierliche marschartige Motive im Stil Mendelssohns. Sonst sind freilich Wagner, Liszt und Tschaikowski, wie angegeben wird, die. modernen Vor- bildcr nnsrer Finnländer: also Muster, die nicht gerade zum Einfachsten, Schlichteste» treiben— und gerade dieses dürfte den hier gehörten Komponisten noch am meisten fehlen. In Armas Järncfelts sinfonischer Dichtung„KorSholm", die anscheinend von Sibelius bceinflnsst ist. fallen u. a. als eigentümlich auf: die häufigen rapiden nichrstimmigcn Läufe und die mehrfache Verwendung dcS Beckens. Jni übrigen ist namentlich zu erwähnen N o b e r t K n j a u u s, der Schöpfer dieses gänzlich„europäisch" gehaltenen Orchesters>42 Streicher usw.), sein Dirigent und zugleich ebenfalls ein tüchtiger Komponist z seine erste„fiunläudische bthapsodie" crösincte wirkungsvoll den Abend und seine Schulung des Orchesters sowie seine rnhig-fcstc Leitung sind wohl die entscheidende Vollendung dieser ganzen Kunstwelt. Allerdings ist das dieser eigene Jutcr- nationale mit deutschem Hanptcharaktcr wohl noch auffälliger als ihre nationale Eigenart.—_ sz. Kleines �euillekon» — Die Pflanzenwelt im VolkSmnndc. Wie in uralter Zeit. so herrscht auch in unsren Tagen noch in manchen Volkskreisen die Vorstellung, daß in den Bäumen geisterhafte Wesen wohnen: die sogenannten Dämonen, entweder Watd- oder Feldgeister, unter denen die wilden Männer und die Holzweibcheu die bekaiintcstcn sind. Die wilden Männer sind die Geister der wilden Natur des Waldes und des Gebirges, die der Kultur trotzen, dann aber auck die Geister des grünenden Lebens, des Wachstums. Ihre Frauen, die Waldfrauen, steigen oft in Mondnächten in die Lüste. In niaiichcn Gegenden verlieren aber die Waldfrauen das Riesen- hafte, als Moosweiblcin oder Holzweibcheu gleichen sie dreijährigen Kindern, die spinnend oder strickend auf Kreuzwegen sitzen, sich auch mit den Menschen zu Tische setzen, freundlich und harmtos nül ihnen verkehren oder ihnen helfend bei der Arbeit bcispringcn. Der alte Volksglaube an diese kleinen, nioosgrüncu Waldgeister, die sich die alten Germauen als Mitteldinge zwischen der Gottheit und den Menschen vorstellten, liegt manchen» Brauche, den man noch jetzt hier und da findet, zu Grunde. So läßt man im Frankenwalde bei der Ernte drei Hände voll FlachS für die Holzweibel auf dem Felde liegen. Zu Neuenhammer in der Oberpfalz bindet man beim Ausraufen des Flachses vom Felde fünf bis sechs Halme, die man stehen läßt, oben in einen Knoten zusammen, damit das Hulzfral sich darunter setze und Schutz finde uslv. Die Wald- und Feldgeister werden aber nicht nur als schadenbringende Gewalten gefürchtet, sondern auch als nutz- bringende Wohlthät'er verehrt. Insbesondere sollen die Banmgeifter die Macht haben, Krankheiten zurückzunehmen. Deshalb um- ivandelt man bei Zahnschmerzen einen Birnbaum rechts und umfaßt ihn, indem man einen Spruch murmelt. In der Altmark binden Kopfwehkranke einen Faden zuerst drei- mal um ihr Haupt und hängen ihn dann in Form einer Schlinge an einen Baum: fliegt ein Vogel hindurch, so nimmt er das Kopf- weh weg. Alle diese abergläubischen Bräuche sind nichts als aller- dings oft arg entstellte Üeberrefte der altgennanischen Götterzeit. Die Mythen jener Urzeit hatten aber einen tiefen Sinn, der uns von Sagen Kunde davon giebt, daß unsre Vorfahren ihre ganze Welt- anschauung auf die Natur und ihren Wechsel bauten. Die Bäume, als menschliche Wesen gedeicht, waren heilig und unverletzlich. Grau- same Strafen standen nach den alten Rechtsgcwohnheiten einzelner Orte auf Schändung der Bäume. Noch heute sprechen die Holz- arbeiter in der Oberpfalz von Waldbäunien wie von Menschen und bitten den schönen, gesunden Baum um Verzeihung, ehe sie ihm„das Leben abthun". Die Verschmelzung zwischen Mensch und Baum war schließlich so innig gedacht, daß man die Bäume wie Menschen be- trachtete. In Westfalen kündigt man noch jetzt den Bäumen den Tot des Hausherrn au, indem man sie schüttelt und sprickt:„Der Wirt ist tot". Heilige Bäume„bluten" beim Verletzen. Blutbäunie, welche aus dem Blute schuldlos Gerichteter entstanden sein sollen, giebt es noch heute au manchen Orten, beispielsweise die Blullinde zu Frauenstein bei Wiesbaden. Gewisse Bäume genossen noch eine bc- sondere Verehrung, weil man sie als persönliche Geschenke gewisser Gottheiten betrachtete. Insbesondere waren die Eiche, Esche, Linde. Birke und die Hasel den alten Germanen heilige Bäume. Auch dieser altgcrmauische Bamnkultus hat sich in einzelnen Ueberresten bis heute erhalten. In manchen Gegenden Niedersachsens und West- falcus erhält sich die Verchrnug heiliger Eichen bis in die neueste Zeit. Im Padcrbornischcn befindet sich eine solche, zu der die Beivohuer von Kahlenberg und Wormeln noch jetzt in feierlichem Zuge gehen. Die Birke war bei den alten Germanen ein echter Freudenbaum, unter dem sie die Frühlingsfeste feierten. Als Nachklang dieses Brauchs ist unsre heutige Sitte au- zusehen, unsre Wohnungen zu Pfingsten mit Birkciizweigen zu schmücken. Die Haselnuß galt in der altdeutschen Mythologie als das Sinnbild des Lebens und, weil sich die Haselnüsse oft gepaart finden, auch als ein Zeichen des ehelichen Glücks. Im Schwarzwald tragen die Hochzeiter noch heute eine Haselrute, und wenn in einem Jahre viele Haselnüsse wachsen, gilt es als ein Zeichen, daß viele Kinder zur Welt kommen werden.—(„Tägl. Rundschau.") — Persand lebender Fische. Alfred Jasch schreibt in der Wochenschrift„Nerthus": Der Versand lebender Fische ist immer »och ein heikler Punkt für den Züchter und Händler und bekanntlich leiden die Fische ja immer etwas infolge des SauerstosimangclS. In den heißen Monaten gestaltet sich der Transport am schwierigsten, ja wenn er überhaupt nicht unmöglich wird: einheimische Fische zum Beispiel lassen sich an heißen Tagen nicht versenden. Bei einer neuen, von einem Engländer gemachten Erfindung, tritt das Wasser behufs Ver- meidung beständiger Ernenernng in dauernde Berührung mit Sauerstoff. Letzterer befindet sich in einem oder mehreren innerhalb des Wassers angebrachten Hohlkörpern, die an ihrer Unterseite offen und teilweise mit Wasser gefüllt sind. Anstatt in besonderen Behältern kann sich auch der Sauerstoff direkt in dem das Wasser mit den Fischen enthaltende» Gefäße befinden. Der obere, den Sauerstoff enthaltende Teil des Behälters ist dann kegelförmig gestaltet; an die eine Seite des Kegels schließt sich ein Ztohr au, in dem sich eine Wassersäule befindet, welche dem Druck des Gases das Gleich- gewicht hält. In den Behälter hinein ist das Rohr mittels einer Scheidewand verlängert. Ob bereits größere Versuche mit dieser neuen Erfindung geniackt und wie weit diese praktisch erschienen sind, entzieht sich leider noch der Kenntnis; jedenfalls dürfte es sich empfehlen. die Idee. Sauerstoff direkt mit Wasser in Verbindung treten zu lassen, im Auge zu behalten und eventuell Versuche anzu- stellen.— 2tu3 dem Tierleben. — Die T a n z m a u s ist. wie Dr. H. H a e s e l c r in der Wochenschrist„Mutter Erde" schreibt, weder als eine specielle Tier- gattnng Japans, noch als ein Knlturprodukt anzusehen. Wie sollte gerade auch dieses Tier zum Tanzen dressiert sein. Wie ich zum erstenmal ein solches Tier sah. schreibt Hacseler, sprach ich die Ver- »intuiig aus, daß sie in Kesseln leben, welche ihnen eine ausgiebige Bewegung nur kreisend gestatte. Daß aber die Scheckung im Grunde kein Kulturprodukt sein kann, beweist der Umstand, daß sie bereits im Muttcrleibe vorhanden ist. Jeder, der sich mit Darwinismus nur ein wenig beschäftigt hat, weiß, daß die Wesen� im Mnttcrlcibe ihre Urstadien noch einmal kurz repetieren. Stammte die Scheckung aus der Kultiirzeit, so bekäme sie erst das erwachsene oder fast erwachsene Tier. That- sächlich sieht man in den kunstgewerblichen Mnieen allerdings, wie die Japaner mit Vorliebe Mäuse, Frösche, Taschcnkrebse zc. zun, Motiv ihrer Kunst nehmen. Aber Japaner, die ich in Berlin fragte, Iflimten in ihrer Heimat keine Tanzmänse. Kurzum, sn-ien tvir ruhig, die Tanzmaus hat mit der Hausniaus, die rein roie Junge zur Weit bringt, direkt nichts zu thuu? sie ist eine andere Gattung, wahrscheinlich eine für sich bestehende Art Feldmaus. Hinzukommt, daß die Tauzmaus keine Allesfresserin ist >vie die Hausmaus, was sie doch in der Kultur sicher nicht abgestreift haben würde. Sie frißt Zerealien. sonst fressen die Tanzmäuse nichts, außer Milch natürlich,— iveder Obst, noch Speck oder sonst animalisches. Wir füttern sie deshalb mit Vogelfutter und Brot, und in der Säugezeit außerdem mit Milch. Die Klugheit der Tanz- mause ist groß, wie ja die Intelligenz der Ratten und Mäuse auch im allgemeinen bekannt ist. Wir hatten ihnen nrsprüiiglich für ihr„Gehöfte" oder ihren Freß- und Tummelplatz eine Unterlage von Papier und iir ihre Kistchen Watte gegeben. Als Junge da waren, riß die Mutter das ganze Papier m kleine Fetzen und bettete ihre Jungen darauf, oberhalb der Watte, in die sie sich anscheinend nicht verwickeln sollten. Wir geben den Tieren jetzt ausschließlich Papier, das sie am liebsten haben. Es ist dies auch für den Pfleger ein äußerst bequemes Mittel. Auf dem Voden der Kisten liegen Posttarten-Streifen, die keinerlei Nässe ins Holz gelangen lassen. So gehalten und gut gepflegt sind die Tauzmäuse tugendhafte Tierchen, und auch ihr Geruch ist ein unbedeutend ammoniakalischer. Während der kurzen Pension, in die wir die Mänse gaben, sollten sie sehr wild gewesen sein, sich viel gebissen haben, hoch in die Hohe gesprungen sein, um zu entkommen, übel gerochen, Junge gefressen haben zc. Dies trifft für dieselben Tiere in unsrer Pflege in keiner Weise zu, und man muß auch ohne weiteres annehmen, daß auch hier die Hallung, das Futter, kürz, die Kultur den Unterschied hervorruft. Auch der Mensch, der hungert, lväscht und frisiert sich weniger sorgfältig wie der Wohl- habende und Satte.— Ans der Pfla»zenwelt. — lieber die S p a» n n n g s f e st i g k e i t der Wurzel- s y st e m e sprach in der letzten Sitzung der'Niederrheinischen Gesell- schaft für Natur- und Heilkunde zu Bonn Professor Dr. Noll: die „Kölnische Zeitung" entnimmt dem Vortrage folgendes: Anknüpfend an die Erscheinung der einseitigen Anordnung aller Nebenwurzeln auf der Konvexseite gekrümmter Mutterwnrzeln wurde gezeigt, daß die beiden wichtigsten Funktionen des Wurzelsystems, die Aufnahme der Nahrung und die Verankerung der Pflanze im Voden, in gleicher Weise Nutzen daraus ziehen. Die Nahrungsaufnahme wird insofern begünstigt, als das Substrat durch die auf den Krümmungen stets nach aus- wärts gerichteten Nebenwurzeln iin Iveitesten Umkreis der Ans- beutung' unterworfen sind. Es werden dabei zumal auch jene End- Partien von Nebenwurzeln noch durchwachsen und aufgeschlossen, aus denen die Mutterlvurzel durch Krümmungen abgelenkt worden ist. Aus den Ltontavflanken hervorgehende Nebenwurzeln würden sich dagegen, auf engem Räume zusammengedrängt, gegenseitig in ihren Aufgaben behindern und sehr unzweckmäßigen Be- diugungen ausgesetzt sein. Auffälliger noch als diese Vorteile in der Erschließung des Bodens ist der Nutzen der konvex- seitigen Ausstrahlung der Seitenwurzeln für die Verankerung der Pflanze. Wenn eine Pflanze mit gekrümmten Wurzeln, wie sie in der Regel vorliegen, aus dem Boden gelockert werden soll, so wird der Zug zunächst darauf hillwirken, die Wurzeln gerade zu strecken, so wie jedes auf dem Voden freiliegende gekrümmte Stück sich, einseitigem Zuge nachgebend, gerade streckt. Sobald sich die Krümmnugen der Wurzel zu verflachen beginnen, ist auch eine Lockerung der Pflanze im Boden eingetreten. Es wird also daraus ankommen, einer Ber- flachung der Ausbiegungen entgegen zu wirken. In diesem Sinne lvirken nun alle konv'exseitig entspringenden Nebemvurzeln, ganz be- sonders aber jene, ivelche auf der Mitte der Kurven am meisten auf Zug beansprucht werde»! und welche, am kräftigste» von allen sich ent- ivickelt zeigen. Die nachträgliche Verkürzung der Wurzeln wirkt aber mit Hilfe der konvexseitig ausstrahlenden Seiten- Wurzel« nicht nur einer Verflachnng entgegen, sondern im Gegenteil auf eine Verschärfung der Kurven und somit auf eine erhöhte Spanniulgsfestignng des Systems hin, während konkavseitig stehende Wurzeln in gleicher Weise auf eine Verflachung der Biegungen und auf eine Verminderung der Festigung im Boden hinarbeiten würden. Die konvcrseitige Anordnung der' Nebeuwnrzelu bietet also in doppelter Beziehung außerordentliche Vorteile und man darf sich deshalb nicht wundern, sie so allgemein bei Wurzeln verbreitet zu finden. Die Spailnungsfestigung des ganzen Systems kombiniert sich mit der zugfesten Konstruktion der einzelnen Wurzelfaser zu einer mechanischen Leistungsfähigkeit, welche den höchsten Anforderungen, die in dieser Beziehung an das Wurzelsystem gestellt werden, ge- wachsen ist.— Technisches. og. D i e Ergebnisse des e r st e n A u f st i e g s mit dem leilk baren Lüftschiff deS Grafen Zeppelin faßt Professor Dr. H c r g e s e l l in Straßburg, der bei allen Vor- bercitungen und Vorberatungen, die dem Aufstieg bei Friedrichs- Hafen am 2. Juli d. I. vorhergingen, anwesend und mittbätig war, in einem längeren, soeben von der',, Straßburger Post" veröffentlichten Aufsatz dahin zusammen: Graf Zeppelin hat erwiesen, daß sein Luftschiff eine durchaus geeignete Konstruktion erhalten hat. um in den Lüften als brauchbares Fahrzeug thätig zu sein. Dasselbe besitzt die erforderliche Festigkeit und Steifheit, um auch in gefülltem Zu- stand die notlveudige Belastung ohne tvesentliche Deformationen (Formveränderungen) zu ertragen. DaS Luftschiff kann serner leicht abgewogen und äquilibriert(ins Gleichgewicht gebracht) werden. derart, daß es in schwebendem Zustande durchaus in den Händen seines Führers ist, der ihm entweder durch Ventilziehen oder Ver- schiebungcn des Laufgewichts ohne Gefahr Neigungsveränderungen geben darf, die bei laufenden Maschinen zu vertikalen Beivegungs- Manövern benutzt werden können. Es wurde der Belveis erbracht, daß das Luftschiff in Beziehung auf seine Bewegungsfähig- k e i t den Anforderungen entspricht, die Graf Zeppelin selbst ange- stellt hat. Dagegen hat die ursprüngliche Einrichtung, die dazu bestimmt war, die Stellung der Horizoutalachsc des Fahrzeugs um kleine Winkel zu verändern, bei dem ersten Versuche versagt, da der Mechanismus. der zu diesem Zweck das Laufgewicht' verschieben sollte, nicht funktionierte. Es gelang jedoch auf andre Weise, nämlich durch Ziehen der Ventile an' den einzelnen Zellen(Schotts) des Ballon- korpers, die Lage der Horizontalachse beliebig zu ver ander n. Bald neigte sich die vordere Spitze, bald der hintere Teil dem Wasser zu, je nachdem ein Vorder- oder Hinterventil ge- zogen war. Von einem Unstabilwerden des Fahrzeugs infolge dieser Neigungsveränderungen war keine Rede; das Luftschiff war in dieser Hinsicht vollständig in den Händen des Führers. DaS Fahrzeug kann ferner durch geeignete aeronautische Vor- nahmen leicht und bequem gelandet werden. Allerdings gebietet zunächst die Vorsicht, die Landung auf einer Wasseroberfläche zu vollziehen! dann aber ist sie sowohl für die Fahrer als auch für das Material ohne Gefahr. Die Wiederholung der Fahrt ist auf diese Weise gewährleistet. Die Motoren des Schiffes und die Luftschrauben haben sich allgemein als ziveckmäßig criviesen: die Verbindung zwischen ihnen ist sicher und gefahrlos. Die Motoren sowohl wie die Schrauben scheinen bei nicht zu großer Windstärke von genügender Leistungsfähigkeit zu sein. Dafür spricht sowohl die BorN'ärtsbetvcgung des Flosscs, als das Luftschiff, an dasselbe ge- fesselt, nach der Landung auf dem Wasser schivamm, wie auch die Thatsache, daß es dem Führer lediglich durch den Gebrauch der Schrauben gelungen ist, ein erhebliches Abweichen seines F a h r k u! u s von der Windrichtung zu erreichen. Die Steuervorrichtungen des Ballons haben sich nicht bewährt; sie müssen geändert iverden. Sowohl der Mechanismus ihrer Bewegnng muß eine Aenderiing erfahren, als auch die Große und Stellung der Steuerflächen ist abzuändern. Das letztere erscheint deshalb nolivcndig, damit Sicherheit gewonnen wird, daß die sekundären Stcuerwirkungen. die der Ballon selbst infolge leichter Deformation immer entwickeln wird, vollständig gegen die Wirkungen der eigentlichen Steuervorrichtungen in den Hintergrund treten. Es sind somit nur kleine technische Aenderungen, die vor einem neuen Fluge des Luftschiffs zu treffen sind. Daß die weiteren Auffahrten auch neue Fortschritte bedeuten werden, röniien wir mit Sicherheit erwarten.— Humoristisches. — Passendes Beispiel. Lehrer: Wer kann mir zu dem Sprichivort:„Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt" wohl ein Beispiel aus dem Leben nennen? Fritz: Wenn Vadder mir verkeilen will im er kriegt von Mnddern Senge.— —„Da iverden sich die Flundern wundern...." Ein alter Haifisch aus der chinesischen Gegend: Donnerwetter, die Schießerei, das ist ja zum Taubwerden! Und das nennen die Geographen den„st i l l c n" Occan I— — Im Sensationsnachrichten-Bureau. A.: Ich denke, alle Europäer in China sind ermordet! und jetzt stehen sie schon wieder vor Peking? B.: Nun ja, die Toten reiten schnell.(„Lust. Bl.") Notizen. — Anläßlich der B e n v e n u t o C e l l i n i- C e n t e n a r f c i e r am 2. November 1900 soll in Florenz eine große Ansstcllung an- tikcr und moderner Goldarbeiten, Ciselierarbeiten usw. veranstaltet werden. Bei dieser Gelegenheit will auch der erste Kongreß der italienischen Goldschmiede in Florenz zusammentreten.— ar. Das Ergebnis der zweiten Secessions- A u s st e I l u n g stellt sich noch günstiger als das der ersten. So ist, was die Verkäufe anlangt, schon jetzt die im Vorjahr erzielte Summe erheblich überschritten.~ — An den sämtlichen deutschen Universitäten sind in diesem Sommer L18 Frauen zum Besuche der akademischen Vorlesungen zugelassen.— — T e ch n i s ch e 5r a u t s ch u k- und G n m m i w a r e n, die hart und spröde geworden sind, erhalten ihre Elasticität wieder, wenn man sie, wie der„Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt. in eine Mischung von 1 Teil Ammoniak und 2 Teilen Wasser legt.— — In einem Orte OberbaycrnS reichte kürzlich der Totengräber fein EntlassUngsgesnch mit der klassischen Begründung ein:„Wenn k e i n M e N f. ch st i r b t, s o k a n n der Mensch not leben." Ob dem Ansuchen stattgegeben wird, darüber soll die nächste Gemeinde- r.'.'.ssckn.'.ßsitzui'g bescheiden.— Lerantivortlicver vieoacieur: Hugo Poetisch in Berlin. Druck und Beriaz von Max Babing in Berlin.