Hlttlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 144. Freitag, den 27. Juli. 1300 (Nachdruck verboten.) 2] Die Fanfnee. Roman von Fritz M a u t h n e r. Während Richard diese Mitteilungen über Haffner aus seiner Erinnerung zusaniinensuchte, führte der Herr mit verbrauchten Rcdensar-trn fast allein das Wort. Man hatte in der armseligen,„guten Stube" Platz genommen und die Sfriegsrätin, welche unaufhörlich nach der Eingangsthür zu horchen schien und den jungen Mettmann völlig übersah, gab auch ihrem bevorzugten Gaste wenig zur Antwort. Trotzdem erfuhr Richard bald, dasj er m keinem ungünstigeren Augenblick hätte eintreten können. Achim von Havenow-Trienitz war gestern Sekondelientenant geworden und sollte noch mit dem heutigen Abendzug nach seiner östlichen Garnison abreisen. Er hatte den Tag mit dienstlichen und kameradschaftlichen Ab- schiedsbestichcn verbracht und war eben jetzt noch einmal mit Fräulein Johanna fortgegangen, um einige kleine notwendige Einkäufe zu besorgen. Richard brachte cS etwas zögernd hervor, daß er trotz der schlecht gewählten Stunde auf die Rückkunft der Geschwister warten »volle, weil er ihnen doch ein alter Freund sei. Und er blickte mit mangelhafter Hochachtung auf den neuen Freund des Hauses Herrn Haffner-Von-Herue. Die Vertvitwete Äriegsrätin, welche mau für eine geist- volle und milde, äußerst vornehme alte Dame halten mußte, so lange sie schwieg, welche aber trotz ihrer gewählten Ausdrucksweise durch eine häßliche Schärfe verletzte, sowie sie zu sprechen begann, wandte sich jetzt mit einem spöttischen Lächeln zu dem alten Freunde ihrer Kinder und sagte: „Es wird meinen Achim überraschen, wenn jemand andres als von Herne zum Abschied da ist. Ich habe Ihren Ramen öfter nennen hören, als die Kinder noch klein waren. Von Mettmann, nicht wahr? Nein? Selbst Achini kümmerte sich damals wenig um Standesunterschiede, und wir Havenows haben immer den Bürgerlichen geachtet,»venu er Achtung verdiente." Richard fühlte, daß die Kriegsrätin ihn kränken lvollte. Dieser Hochmut entsprach dem Bilde, welches er sich halb unbewußt von Johannas Mutter geniacht hatte, aber er wollte es mit der Tochter zu thun haben und sich nicht ohne weiteres von der adclsstolzen Frau hinausdrängen lassen. Ruhig erwiderte er: „Ich hoffe doch, daß Achim und Fräulein Johanna den Namen ihres ehemaligen Spielkameraden nicht vergessen haben werden." „Nein, gewiß nicht," rief die Kriegsrätin.„Ihr?!ame ist in der letzten Zeit sehr oft in unsrer Familie genannt worden." Dann vergaß sie wieder alles und horchte, ob sie die Tritte des Lieutenants nicht vernahm. Haffncr griff, als wäre nichts vorgefallen, den Faden eines Gesprächs irgendivo aus der Luft auf und redete etwas Unklares über die hohe Be- dcutung des Bürgerstandes. Da erhob sich plötzlich die Kriegsrätin und verließ die Stube. Sie mochte ihren Achim noch vor dem Klingelzeichen gehört haben. Richard blieb in der heftigsten Gemütsbewegung lange genug mit Haffner allein. Dieser aber schlug sofort einen andern Ton an. In widerwärtiger Vertraulichkeit begann er über die schlechte Vermögenslage der Havenows mit ge- heucheltem Bedauern zu klagen; es war, als sollte Richard beizeiten vor diesen Leuten gewarnt werden. Daß Achim sein erstes Ziel erreicht hatte, war trotz allerlei Unterstützungen doch nur durch langjährige Opfer der Mutter und der Schwester möglich geworden. Sie hatten auf alle Lebensfreuden verzichten müssen, um dem männlichen Sproß des Havenowscheu Hauses die glänzende Lauf- bahn zu ebnen. Die Rätin gönnte ihrem eigenen Stolze nur noch die sogenannte herrschaftliche Wohnung von Vier- Zimmern, in welchen die alten Möbel, Teppiche und die hundert Kleinigkeiten des Hausrats durch die Pein- lichste Sorgsamkcit der Tochter vor dem gänzlichen Zer» fall bewahrt wurden. Doch selbst diese standesgemäße Wohnung und ihr unzerstörbares schwarzes Seidenkleid Ivaren nur da wegen der gesellschaftlichen Stellung des Sohnes. Fräulein Johanna, welche ja der Familie nur durch eine glänzende Heirat Ehre machen konnte, war für diese Mög- lichkeit anständig erzogen»vorden; doch auch sie fühlte sich als echte Havenow nur ihres Bruders ivegen auf der Welt und fand es ganz selbstverständlich,»venn sie für die Aus- stattung des Lieutenants viele Wochen lang angestrengt wie ein Nähmädchen arbeiten mußte. Die Mutter war zu vornehm, um es zu bemerken, wenn Johanna allabendlich bis Mitternacht über die Leinmand gebeugt saß, und das Mädchen fragte nicht danach, wo das viele Geld für die Nniformstücke hergekommen war. Genug, Achim war Lieutenant. Noch liebloser schwatzte Haffner über den Bruder Johannas. Der junge Lieutenant ivar jetzt im Nebenzimmer gewiß dabei, mit männlichem Hunger rasch etwas Gutes zu essen, was die Frauen sich selbst niemals gönnten; dann würde er stramm Mutter und Schlvcster küssen und genau dreißig Minuten vor acht die Droschke besteigen. Er habe sich als Offizier rasch an Pünktlichkeit gewöhnt; das werde in mancherlei Beziehung gut für ihn sein. „Wer Fräulein Johanna einmal heiratet, wird den Auf« wand für die Armee tragen helfen müssen." Richard hatte eine Zurechtweisung auf den Lippen, aber er konnte vor Befangenheit kaum sprechen. Nebenan erklangen das absichtliche, vergnügte Säbelrasseln und der feste Tritt Achims, dazwischen hörte man das Flüstern der Frauen und einmal ganz deütlich den leisen Aufschrei Jo- Hannas. Offenbar wurde drinnen darüber verhandelt, in welcher Weise der junge Mettmann aufgenommen werden sollte. Ihm selbst, über den dort das Urteil gesprochen wurde,»vurde heiß und kalt. So hatte er sich das Wiedersehen freilich nicht gedacht. Aber wenn Johanna erst eintrat, da tvurde alles lvieder gut. Haffncr stand vor einer mächtigen Bronze-Uhr, deren Zifferblatt von einem gezierten Schäfer auf dem Kopfe ge- tragen»vurde. Er richtete den Zeiger nach seiner Taschenuhr auf fünfzehn Minuten nach sieben und betrachtete dann die Hand des Schäfers, von der ein Finger abgeschlagen war. Mit stierem Mitleid blickte er auf die Bruchstelle, als wollte er den Schaden heilen, und mrulmelte dann verächtlich: »Zink!" Plötzlich öffnete sich die Thür und Johanna trat herein. Sie hatte den breiten dunklen Strohhut noch nicht abgelegt und ihr fast unregelmäßig schönes Gesicht mit dem seltsamen Abstand zwischen dem weichen Mund und der feingeschwungcnen Rasö leuchtete frisch aus dem einfachen braunen Straßen- anzug heraus. Richard hatte den Eindruck, als ob er das liebe Mädchen erst gestern zum letzten Mal gesehen hätte. Die drei Jahre, da er diesen Anblick entbehren mußte, hatten wohl seine Sehnsucht noch verstärkt, ihrem Liebreiz hatten sie nichts anhaben können. Wenn seine Sehnsucht ihm jedoch vorgegaukelt hatte, er würde Johanna wie ein Bräutigam nach langer Trennung geradezu umarmen können, so war jetzt die Stim- mung für ein so kühnes Unternehmen nicht günstig. Nicht ein Schatten der Erinnerung an ihre innige Abschieds- stunde lag auf ihren Zügen, nicht einmal die geringe Höflich- keit erwies sie ihm, ihre Ueberraschung über sein plötzliches Auftreten zu zeigen. Darin lag denn doch eine gewaltige Veränderung gegen früher. Sie mochte ja Zeit gehabt haben, sich zu fassen; aber auch dann noch wäre damals das acht- zehnjährige Mädchen einer so überlegenen Selbstbeherrschung nicht fähig gewesen. Oder brauchte sie gar nicht Komödie zu spielen? Wäre Johanna nicht treu geblieben? Hätte sie ihn vergessen? Dieser verzweifelte Gedanke kam ihm erst, als Johanna nach einer kurzen Begrüßung Hasfners auf ihn selbst zuschritt, und ihm, ohne die Hand zu reichen, durch ein leichtes Neigen ihres Hauptes das erste Zeichen gab. daß sie seine Gegenwart bemerkt hatte. „Sind Sie wieder in Berlin, Herr Mettmann? Ist cS Ihnen gut gegangen?" Und die Lippen dieses Mädchens hatte er in der Abschieds- stunde in einem gehauchten Kusse berühren dürfen, der ihm heilig war I Diese weitläufige Sicherheit erschreckte ihn uichr als die kühlen Worte. Aber vielleicht legte ihr doch nur die Anwesenheit Haffners den Zwang auf. In schülerhaster Ver- Wirkung brachte Richard nichts weiter hervor als: «Ich hoffe, bald bessere Gelegenheit zu haben..." Da schien Johanna ihren schlanken Leib noch höher auf- zurichten, als wollte sie zum tödlichen Schlage ausholen, und sie sagte: „Ich fürchte, nnsre Wege sind zu weit auseinander gc- raten, wir werden nns darum nicht immer so verstehen wie in unsrcr Kinderzeit. Sic werden wohl in dem Geschäft Ihres Herrn Vaters thätig sein?" Richard vermochte nichts zu erwidern. In ihren ein- fachen Worten lag ein Ton so adelsstolzer Abweisung, daß er abennals an die Worte seines Vaters denken mußte. Eben wollte er sich, aufs tiefste verletzt, zurückziehen, als Achim, ein prächtiger Junge von neunzehn Jahren, hereintrat und wieder zu einem kurzen Gespräch zwang. Er begrüßte Haffncr und den jungen Mcttmann mit der gleichen ungeschickten Herablassung und ließ seine schöne Havenowschc Adlernase nach allen Richtungen wittern. Er hatte die Thür offen gelassen, und man sah nebenan die Kriegsrätin, zun: Ausgehen bereit, neben dem Koffer stehen und sich die Augen trocknen. Achim wiegte sich in der neuen, in den Nähten noch knackenden Uniform, und versicherte, daß er unter die Kerls in Posen schon Zucht bringen werde. Er sprach sehr zuversichtlich. Doch man merkte seiner Stimme an, daß ihm der Abschied von Mutter und Schwester nahe ging. Als Richard nun aufbrechen wollte, bat ihn Achim, sich doch der Familie anzuschließen; es sei die festgesetzte Zeit, und wenn der Droschkenkutscher jemals gedient habe, so müsse er pünktlich eben vorgefahren sein. Zu Richard gewandt, fügte er hinzu: «Sie sehen schneidig aus, Mettmann, hätten Offizier werden sollen. Sind es wohl bloß bei der Reserve?" Da kam wirklich schon der Kutscher hermif, um den Koffer zu holen und Achinrs Vorwürfe zu hören, weil er das Pferd gegen die Vorschrift allein gelassen. Hinter dem Träger her setzte sich die ganze Gesellschaft langsam in Bewegung. Voran schritten die Frauen, weil Achim etwas verlegen mit Herrn Haffner zurückblicb. So ging Richard in der Mitte, ohne sich einem der beiden Paare anzuschließen. Er sah, wie der Lieutenant von dem neuen Hausfreund eine Cigarre nahm, und war gezwungen, einige Worte der Unterhaltung zu ver- nehmen. � „Nehmen Sic es nicht schlverer als eine Cigarre. Auch jung gewesen... Treue Freundschaft." Richard war froh, daß er die leise geflüsterte Antwort Achims nicht vernahm, aber er wandte sich um, � als der Lieutenant plötzlich stehen blieb und mit gedämpfter Heftig- keit rief: «Das sind zwei völlig getrennte Angelegenheiten, mein Herr! Uebrigens bin ich in Johannas Vertrauen nicht ein- geweiht." Dann stürzte Achim an Richard vorbei über einige Stufen fort, uin seiner Mutter den Arm zu reichen. So blieb Johanna etwas zurück bei Mettniann und Haffner, welche sie beide nicht in ihrem Gedanken störte. Sie waren schon im ersten Geschoß angelangt, als ein stattlich gewachsener, aber nachlässig gekleideter Herr von etlva dreißig Jahren an der Kriegsrätin und ihrem Sohne vorbei, die er nicht begrüßte, die Treppe heraufkam. Dem jungen Mcttmann fielen der schöne Blick der Augen, die bleiche Gesichtsfarbe und der dünne schivarze Schnurrbart auf, der sich über die spöttischen Mundwinkel krümmte. Eben glaubte er in den: Herrn den Studenten zu erkennen, der ihm vor zehn Jahren Nachhilfestunden gegeben hatte, als dieser den Hut vor Johanna lüftete und zu zweifeln schien, ob er sie anreden sollte. Da blickte das Mädchen auf und lächelte dem Herrn freudig zu. „Es freut»nch, Sie zu sehen, Herr Doktor," rief sie und streckte ihm die Hand entgegen.„Aber wir bringen eben meinen Bruder zum Bahnhof. Kommen Sie morgen wieder, ich bitte! Ich werde mich sehr freuen." Und erklärend fügte sie, zu Haffncr gewandt, hinzu: „Sie interessieren sich doch auch für die Arbeiten des Herrn Walter Bode, Sic wissen, über römische Altertümer; er bringt sie mir in seiner eigenen Handschrift." Und mit einem vertraulichen Lächeln zu dem jungen Gelehrten schlüpfte sie voran, um der Mutter beim Einsteigen behilflich zu sein.. Richard, dem die letzten Worte Johannas sehr nach- gingen und der nun bedauerte, daß er den Walter Bode immer so lieb gehabt hatte, gab sich ihm jetzt rasch zu er- kennen, während Haffner aus den Wagen zueilte. Sie kamen noch eben zurecht, um mit ihm zugleich dem abfahrenden Wagen Abschiedsgrüße nachzurufen.(Fortsetzung folgt.) '-(Nachdruck verboten.) Vev?Nond und dns ÄVetkev. Der Mond, der treue Begleiter unsrcr Erde, soll nach uralten Ueberlicfcrungeu von hervorragendstem Einslr.s; ans das Wetter sein. Daß er in den Ruf des eigentlichen Weitermachers gekommen ist, ist kaum zn Verlvunder». Er ist das ivichtige Gestirn, dessen wechselnde Lichtgestalt zur Regelung und Messung der Zeit benutzt wurde, der als Vollmond die dunkeln Nächte erhellt und an den sich deshalb die Bestimmung der Feste und der Versammlungen, zu denen man von weither ivandcrtc, anschloß. Ost zeigte er sich von einem nebligen Hof,»»schlösse», und häufig trat dann Regen ein. Der Wunsch nach einein Wetterpropheten war jedenfalls sehr lebhaft, ist das Wetter für die ackerbautreibende Bevölkerung doch der lvichtigste Faktor für die Regelung ihrer täglichen Thätigkcit. So entstanden die ver- schicdenen Regeln, die den Umschlag der Witterung an den Wechsel der Mondgestalt knüpften. Regeln, die sich mit einer außerordentlichen Hartnäckigkeit erhalten haben, so häufig sie auch von den Thatsachen Lügen gestraft werde». ES giebt auch eine Wissenschaft, die sich mit dem Wetter und seinen Ursachen beschäftigt, die Meteorologie: diese hat den Einfluß des Mondes auf die Witterung mit derselben Hartnäckigkeit gelängnet, mit welcher der Volksglaube daran festhält. Die metco- rologischc Wissenschaft sagt nicht etwa, ein Grund dafür, daß derMoud das Wetter beeinflußt, ist nicht zu erkennen, lind deshalb ist ein solcher Einfluß auch nicht vorhanden: sie verzeichnet vielmehr sorgfältig das Wetter und die Wittcrungsändermigc» für jeden Tag, sowie die Ge- stalt und Stellung des Monds zur selben Zeit. Aus solchen viele Jahre lang fortgesetzten Beobachtungen ergeben sich dann Tabellen, die deutlich zeigen, ob ein Zusanunenhäng zivischcii WittcrungS- umschlag und Mondwcchscl besteht. Sehr häufig fällt der Mond- Ivcchsel mit dem Wittcrungsumschlag zusammen; aber ebenso häufig ist das auch nicht der Fall; ein Ztisammeiihang zwischcn beiden Erscheinungen ist in keiner Weise er- keniibar. Wer sich davon überzeugen ivill. der mag selbst einmal etlva ein Jahr lang sich Tag für Tag das herrschende Wetter notieren und die Tage dcS MondivechsclS besonders an- streichen; er wird die Behauptung, daß ein Zusainineuhang zwischcn Mond und Wetter nicht vorhanden ist, dami durchaus bestätigt finden. Trotzdem hat cS immer Leute gegeben, und auch heute giebt es deren eine große Anzahl, die den Mond als unscrn Wettermacher in Anspruch nehmen imd sogar in wissenschaftlicher Form beweise» lvollen, daß das Wetter von ihm in erster Linie abhängt; zulvcilen gehen sie solveit, daß sie ans ihren Theorie» vorherbestimme» wollen, wie das Wetter in der nächsten Zeit sich gestaltet. Wen» der Mond der Wetterinachcr Iväre, müßte das ja auch sehr leicht sei»: die Stellung dc§ Mondes läßt sich mit größter Genauigkeit für ganze Jahre vorher angeben; hängt das Wetter nun in seinen Hauptzügeu von dieser Stellung ab, so muß es sich ja auch auf ebenso lange Zeiträume in seinen Gruudzügeii mit völliger Sicherheit prophezeien lassen. Am bekauntesten von diesen Propheten ist gegenwärtig ivohl Falb, der regelmäßige Wetterprognosen sWetter- vorhersagen) auf ein Jahr herausgicbt. Man sollte meinen, daß ein solcher Prophet allen Glauben und Anhang im Volke sehr bald verlieren müßte; treffen doch die meisten seiner Vorherverkündsgungen keineswegs ein. Da kennt man aber die menschliche Natur sehr schlecht. Ein einziger Fall, in welchem die Prophezeiung eintrifft, wiegt hundert Fälle auf, i» denen sie sich nicht beivahrheitete. Vor wenigen Jahren, am 20. Juli 1897, gingen z. B. in Schlesien zahlreiche Geivitter nieder, in deren Folge an vielen Orten ein starkes Hochivasier auftrat, welches eine» un- geheuren Schaden anrichtete. Dieser 29. Juli ivar nach FalbS Vorhersagen einer kritischer Tag erster Ordnung geivese». Diese Prophezeiung ivar also auf den Tag genau eingetroffen, und die Zeitungen verfehlten nicht, darauf aufmerksam zn machen; so hat diese Bcwahrheitung einer Prophezeiung sicherlich in vielen Gemütern einen starken Eindruck hervorgerufen und seinen Prophezeiungen starken Glauben verschafft. Daß zur selben Zeit in Tirol sehr schönes Wetter war, wurde nicht weiter beachtet. Daß kurz vorher an einem Tage, der in den Zwischenraum zivcier kritischen Tage fiel, also zn einer Zeit, Ivo Falbs Kalender schönes Wetter aufwies, in Süd- frankreich starkes Univetter und verheerende Ueberschwemmunge» ein- getreten ivarcn, konnte den Eindruck, ivelchen das genannte Eintreffen der Prophezeiung hervorrief, nicht abschwächen. Für den Scptcinber hatte Falb nach der Stellung des Mondes ganz analoges Wetter wie im Juli verkündet; daß es nicht eintrat, war ein Umstand, der unbeachtet vorüberging. Die Masse achtet eben auf das, ivas ein- tritt, und nicht auf das. Ivas nicht eintritt. Deshalb kann man so leicht ein erfolgreicher Wetterprophet werden, und deshalb hat auch der- Mond seine maßgebende Stellung fürs Wetter im Volksglauben behalten-. Ist denn nun der Mond so ganz ohne Einfluß auf nnsvc irdischen Znstlinde? Worauf stützen denn die Propheten die Ve- hanplnng uns seine bestimmende Macht für das Wetter? Von oornhcrcin laßt sich Ivohl annehme», daß daS Vorhanden- sei» cineS so großen Körpers, lvie es der Mond ist, in der nächsten Nähe der Erde nicht ohne merkbare Spuren ans dieser bleiben kann. Die Sonne, ivclchc das gesammte Lebe» auf der Erde und die Beivegniigcn der Erde beherrscht, ist allerdings 25 Millionen mal so mächtig, als der Mondi aber sie ist 40()>nal so weit non uns entfernt, als dieser, und deshalb vermindert sich ihr Einfluß nm 4C0 mal 400 mal; denn die Gestirne verlieren an Einfluß auf die Erde in einem Verhältnis, daS durch die mit sich selbst multiplizierte Entfernung ausgedrückt ist. Beachtet man dieses, so ergiebt sich der Einfluß der Sonne nur»och 160 mal so groß, als der des Mondes. Demnach muß auch der Mond noch eine ganze beachtcnslverte Wirkung ans nnfre Erde ausüben. Das ist auch thatsächlich der Fall, Die auffälligste Erscheinung, die er bei uns hervorruft, ist die der Ebbe und Flut. In regelmäßigem Wechsel fluten die Wassermassen der Meere air die Gestade heran und ebben dann wieder ab; auch auf dem hohen Meere selbst fluten sie zusammen, und die hohe Flitt- welle schreitet über den Oceaii hin vom Osten gegen Westen. Wie diese Erscheinung der Ebbe und Flut zu stände kommt, soll hier nicht näher dargelegt werden; ich will nur bemerken, daß sie auf gegenseitiger Anziehung der Wassennasseu und des Mondes beruht. Auf der dem Monde zugelchrteii Seite erhebe» sich die Wassermassen »ud die Melle folgt ihm bei seinem Lauf»in die Erde; auch auf der von ihm abgekehrten Seite entsteht eine Flutwelle; doch will ich diese Einzelheiten hier übergehen. Wenn die leicht beweglichen Wassermasscn der Anziehung deS Monds folgen, so miisscii, sagt man, die noch viel leichter beweglichen Lnftniasscn dasselbe thnn. Der Ocean umspült die Erde nicht überall, sondern brandet verschiedentlich an hohe Landmassen an; dadurch werden starke Abweichungen in der regelmäßigen Er- scheimmg von Ebbe und Flut hervorgerufen. Aber der Luftraum nmgicbt die gesamte Erde als eine Hülle von außerordentlicher Gleichmäßigkeit; die höchsten Gebirge ragen mir als niedrige Klippen in dieses Luftmeer hinein, ohne auch nur entfernt bis an seine Ober- fläche dringen zu könne». Deshalb muß in der Atmosphäre eine viel regelmäßigere Ebbe und Flut vorhanden sein als auf dem Meere. Diese unleugbar vorhandene Flut, welche zur Zeit der Springfluten(bei Vollmond und Neumond) besonders stark sein muß, wird als maßgebend für die Witterung angesehen und die weitgehendste» Folgerungen daran geknüpft. Falb ist nicht der einzige, der solche Schlüsse zieht; es existieren vielmehr eine ganze Reihe von Leuten, welche die atmosphärischen Fluten sowohl für daS Wetter als für viele andre Erscheinungen in Anspruch nehmen. Die fachmännisch gebildeten Vertreter der Wissenschaft vom Wetter haben natürlich die atmosphärische Ebbe und Flut nicht außer Acht gelassen. Sic ist aber zu gering, als daß sie irgend einen merklichen Einfluß ausüben könnte. Es ist ein Irrtum, daß die Lnftniasscn, weil sie leichter und beweg- lichcr seien, als das Wasser, der Anziehung des Monds leichter folgen könnten, und die atmosphärischen Fluten deshalb besonders hoch sein müßte». Die Anziehung ist ja keine ciiiseilige, die vom Mond allein ausgeht, sondern eine gegenseitige; mit der- selbe» Kraft, mit welcher der Mond die'Wassermasscn anzieht, wirken diese auf ihn. Hätte der Mond eine größere Masse, so würde die Anziehung eine größere sein: aber dasselbe wäre auch der Fall, wenn die Meere statt des Wassers mit einem schwereren Stoff angefüllt wären. Enthielten unsre Oceane z. B. Quecksilber statt Wasser, so wäre die Wirkung zwischen dieser Flüssigkeit und dem Mond eine viel stärkere, und die Flutwellen wurden in dem- selben Maße an Mächtigkeit zunehme». Die Luft aber ist fast bOOinal so leicht als Wasser, und die dünnere Luft in größerer Höhe ist noch viel leichter, deshalb kann auch die Flut nur eine entsprechend geringere und kaum merkbare sei». Zahlreiche Beobachtungen sind angestellt worden, um die atmo- sphärische Flutwelle, die der Mond um die Erde herumführt, durch ihre Wirkung ans das Barometer nachzuweisen. Es hat sich dabei in der That gezeigt, daß sie, wie zu erwarten war, viel zu gering- sngig ist, um das Wetter irgendwie zu beeinflussen. Damit ist aber das letzte Wort über den Einfluß deS Monds auf irdische Erscheinungen, spccicll auch auf das Wetter, noch keineswegs gesprochen. Freilich hangt das Wetter in erster Linie von der Verteilung des Luftdrucks und seinen Aenderuugen ab, da durch diese die Winde bedingt sind, und hierauf hat der Mond eben keinen Einfluß. Aber daneben gicbt es noch eine Reihe andrer Momente, die für das Wetter be- stimmend sind. Umstände, die bisher keineswegs genügend erforscht sind. Vor allem ist hier auf den elektrischen Zustand der Luft auf- merksam zu machen, der sicherlich das Wetter beeinflußt. Eingehende Beobachtungen, die vermutlich von dem schwedischen Naturforscher A r ch e n i n s angestellt sind, haben unverkennbare Beziehungen zwischen dem Stand des Monds und dem elektrischen Zustand der Atmosphäre erwiesen. Auch auf die Zahl und Stärke der Polar- lichter scheint der Mond nicht ohne Einfluß zu sein. In diesen Frage» hat das Studium kaum erst begonnen, und seine Fort- setznng wird vielleicht noch manche Anfllärnng bringen.— Dr. 93. B o r ch a r d t. Kleines IleuMeton« xk. Neue Chinese»-Sprüche. Mengtsc lebte im 4. Jahr- hundert vor Christus und war geboren in der Provinz Schantung, in der die Deutschen später Kiautschou„gepachtet" habe». Mengtse ist nächst Confntse der angesehenste Sittenlehrer der Chinesen und seine Lehren gehören noch heute zu den wichtigsten Bestandteilen der chinesischen Erziehung. Wir geben hier einige seiner Weisheits- spräche über sittliche Gesetze, von denen wir»enlich bereits einige citierten, die ans moderne Verhältnisse gemünzt zu sein scheinen. Mengtse spricht: Humanität ist des Menschen friedliche Behausung, Gercchtig- keit ist des Menschen richtiger Weg. Die friedliche Behausung leer stellen und nicht bewohne», den richtigen Weg aufgebe» und nicht verfolgen— o, wie bedauerlich! Leben habe ich gern und Gerechtigkeit habe ich auch gern. Sind beide nicht zusammen zu erlangen, so lasse ich das Leben und nehme die Gerechtigkeit. Leben gehört zu dem, Ivas ich wünsche. Aber unter dem, was ich wünsche, ist größeres als Leben, deshalb will ich das Leben nicht durch Niederträchtigkeit er- langen. Neuestens ist man nicht so feinfühlig, und wo es daS „nationale Leben" betrifft, zieht man unbedingt das Leben der Gerechtigkeit vor. Von Eroberungskriegen schreibt der chinesische Philosoph: Wird um Land gekämpft, so füllen die Erschlagenen daS freie Feld; wird um eine Stadt gekämpft, so füllen die Erschlagenen die Stadt. Das ist Land mehren und Menschenfleisch ver- zehren— ein Verbrechen, für welches der Tod zu gelinde ist. Ganz und gar abweichend von europäischen Gepflogenheiten meint Mengtse: Sind die Einwohner erfreut über die Annexion, so annektiere man das Land. Sind die Einwohner nicht erfreut über die An- nexion, so annektiere man es nicht. Schließlich noch eine Probe chinesischer Lebcnsphilosophie: Der Edle bewährt sein Herz durch Humanität und bclvährt es durch Anstand. Der Humane liebt die Menschen, der Anständige ehrt die Menschen. Wer die Menschen liebt, wird stets von ihnen geliebt; wer die Menschen ehrt, Ivird stets von ihnen geehrt. Ist da ein Mensch, der mich unwirsch behandelt, so wird der Edle in sich gehen: ich bin gewiß nicht human, gewiß nicht anständig. Sollte diese Sache verdienter- weise kommen? Er kehrt in sich und ist human, kehrt in sich und hat Anstand. Bleibt der Widerstand derselbe, so ivird der Edle in sich kehren: ich bin gewiß nicht aufrichtig und treu. Er kehrt in sich und wird aufrichtig. Bleibt der Widerstand dauernd derselbe, so sagt der Edle: Der Widersacher ist ein verlorener Mensch. Was ist für ein Unterschied zwischen ihm und dem Vieh? Wozu sich noch mit dem Vieh Schwierigkeiten machen. Der reine Boxer-Standpunkt.— — Menschenblut im Zauber. Von ganz besonderer Kraft ist nach dem Bolksglanben das Blut eines Menschen, der auf gcwalt- same Weise ums Leben gekommen ist. Dos beruht, schreibt ein Mitarbeiter der„Täglichen Rnndschauf", ans der Anschauung, daß ein solcher die ihm vom Schicksal bestimmte Spanne Zeit nicht durchlebt hat und daher nicht eher Ruhe im Grabe findet, als bis diese Zeit abgelaufen ist. Während der Zeit, in der er als Gespenst unstät auf Erden herumirrt, ist er geeignet, bei allerhand Zauber mitzuwirken; daher legt man gern Verfluchungen in das Grab eines Ermordelen, d. h. inan beauftragt ihn, den Fluch zur Ausführung zu bringen. Alles, was von solch einem Toten herrührt, ist hervorragend wirksam; schon die Alten tranken gegen Epilepsie das Blut eines in der Arena gefallenen Gladiators und es ist nicht unmöglich, daß die Römer diesen Glauben nach Deutschland gebracht haben, wo er weit verbreitet ist. In der Schweiz wurde vor einigen Jahrzehnten ein Mord begangen, weil der Mörder sich mit dem Blut seines Opfers von der Fallsucht heilen wollte. Ein Lappen, der in das Blut eines Hingerichteten getaucht ist, bringt großes Glück, wenn man ihn unter de» Laden- oder Schenktisch legt. Oft hat dieser Glaube zu den widerwärtigsten Scencn geführt; bei einer Hinrichtung in Hanau im Jahre 1861 erstürmte die Menge das Blutgerüst und trank von dem noch rauchenden Blut, um gegen Krankheiten gefeit zu sein; als drei Jahre später in Berlin zwei Mörder enthauptet wurden, tauchten die Henker zahlreiche Schnupf- tücher in das Blut und ließen sich für jedes zwei Thaler bezahle». Dieser Glaube dehnte sich schließlich auf alles aus, was irgendwie mit dem Hingerichteten zu- sammenhängt; wenn man den Finger eines armen Sünders im Geldbeutel trägt, so hat man immer Geld; in Böhmen glaubt man, der Blitz fahre nicht in ein HanS, ans dessen Schwelle mau dreimal mit dem Strick vom Galgen geschlagen hat; nach ostprcußischem Glauben kann der Finger eines Ermordeten alle Schlösser offnen. Kanu man das Blut eines unschuldigen Kindes oder einer reinen Jungfrau erlangen, so besitzt man ein sicheres Mittel gegen Aussatz. Immerhin ist kein Zweifel, daß dieser grausige Glaube jetzt all- mählich im Absterben begriffen ist.— Litterarisches. — Rudolf H u ch. Mehr Goethe. Leipzig bei G. H. Bt e p e r. Jin gauzeu ein nmiifciiitcs aurcgcudes Buch/ Der Verfasser ziecht gegen alles Mögliche zu Felde, gegen theatralische Verlogenheit, gegen Geschlechts-Größeinvahnsinn, gegen die Pedanten der Anschaulichkeit, gegen die Nietzschc-Pcst und gegen»lanchcs andre. Er haut oft dauciien, in den»leisten Fällen aber so tempcrameuitioll, dag nian noch inmier an der Kraft de-Z Hiebs seine Freude haben kann. Er ist das, tvas man so gemeinhin eine gesunde Natur nennt und ist daher aiich immer ain gliicllichstcn, wenn er gegen geschminkte Unnatur oder dekadentes Gigerltum losgeht. Sehr gut geißelt er die Sucht, bedeutende Männer in effektvoller Thcaterbcleuchtuiig zu zeigen. Da muß der sterbende Göthe ivie der Held einer Provinzbühne mit einem pathetischen „Mehr Licht!" aus dem Leben scheiden. Daß der alte Mann, als die Nacht der Belvnßtlosigkeit auf ihn herabsank, einfach gebeten haben solle, die Vorhänge abends beiseite zu ziehen, ivird als „banale Lesart" bezeichnet— Ivenigstens bezeichnete mein seliger Schulmeister cS so. Erfrischend ist auch Huchs Polemik gegen die„Ueberiveiber" und gegen den cutsetz- lichen Kultus, den diese in erotischen Gefühlen entbrannten Geschöpfe mit dem Ehebruch treiben. Hier ist gerade Huchs Art am Platz, die den tollen Hexensabbath von der komischen Seite»inunt, Dem Dichter der„Weber" Ivird der Autor in keiner Weise gerecht. Wir sind die letzten, die sich gegen eine scharfe und schneidige Hnuptmannkritik auflehne» wollen. Im Gegenteil: Die blinden und beifallsrasenden Anhänger des Dichters machen eine solche Kritik zu einer unabweisbaren Notwendigkeit. Nur soll man nicht über die peinliche Art der Anhänger die großen Verdienste Hauptmanns vergessen. Der burschikose Ton, den Hnch anschlägt, wirkt hier einfach' schnoddrig. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß man Hauptmann nachgerade'unter schätzt, wie man ihn früher überschätzt hat. Am besten wäre wohl, die richtige Mitte zu halten und jedem neuen'Werk ohne Boreingeuönnnenheit— sei c? im Guten, sei cS im Bösen— gegenübertretcn.— Zum Schluß kann Huchs Buch indessen noch einmal empfohlen werden. Einige literarische und politische Schrullen muß man allerdings mit in de» Kynf nehmen. Auch ans wissenschaftliche Gründlichkeit muß mau verzichten, Daun aber kann man an den frischen temperamentvollen Feuilletons seine Fnudc haben.— L. L. Ans dem Tierleben. — Der Schlaf der Fische. Daß, wie. wann, wo rmd wie lange die Fische gleich den übrigen Tieren schlafen, wußte man bis in die neuere Zeit nicht, weil sie bei ihren lidcrlosen Augen niemand schlafend sah, bezw. wußte, daß ihr Ruhezustand oft ihr Schlaf sei, Heute weiß mau, schreibt die Wochenschrift„Haus, Hof und Garten", daß die Fische, wohl nicht hauptsächlich des Nachts, aber, daß sie wirklich schlafen und dieser Ruhe zumeist»ach erfolgter Sättigung Pflegen. Ob alle Fische einen kurzen, leise» Schlaf haben, wissen wir' nicht; außer bei den karpfenartigcn, die von Natur aus temperamcntsfaul augelegt find. Nach Beobachtungen Dr. Hermes schlafen die Fische ruhig auf der Oberfläche des Wassers liegend oder indem sie, den Kopf im Wasser an irgend einen Vorspruug oder Stein anlehnend, den Körper halbmondförniig gekrüinmt nr das Wasser hängen lassen. Dabei bewegen sie kaum merklich die Kiemen- deckel und Flossen. Sobald sie mittels der Hand oder eines Gegeil- stands berührt werden, oder ihnen Nahrung zugeworfen wird, er- wachen sie sofort und sind gleich völlig niuntcr. Erwachen sie ohne äußere Veranlassung von selbst, dann dehnen sie den Körper, arbeiten mit den Flossen und Kiemen, bevor sie bollständig nnswachen und munter davonschwimmen. Der sogenannte Winterschlaf der Karpfen ist indes auch kein fester Schlaf nach unfern Begriffen, sondern ein lethargischer Schlrunnlerzilstaud, der infolge der Abkühlmig des Wassers mit der Nahrungsaufnahme- Verweigerung eintritt und durch Geräusch auf der Eisdecke, Ausbleiben des Wasser- durchstroms sc. im Teiche gestört wird. Mit Beginn der Schnee- und Eisschmelze und der Erwärung des Fischwassers hört der Karpfen zu schlafen auf.— Naturtviffcnschaftlichcs. — Hautreizen de Wirkungen von Pflanze». In den letzten zehn Jahren ivciß die niedizinische Litteratur von einer Anzahl von Fällen zu berichten, welche mitunter recht bösartig Ware». lieber den Sitz der hantreizendeu Substanz und ihre iveiteren Eigen- schaften war nichts Sicheres bekannt. Um diese Fragen zu bcant- ivorten, habe ich, schreibt Dr. A. R e ß l e r in der„Umschau", an mir selbst einige Experimente vorgenommeir, von denen zivei den ge- wünschten Erfolg hatten: ein Blattsticl-Fragment einer Priemel lvurde uiit der behaarten Außenseite aus den linken Unterarm aufgelegt und mittels eines Bands durch zwei Stunden in dieser Lage festgehalten. Es entstand eine heftige Hantcrkranknng, welche erst nach drei Wochen geheilt war. Durch diesen Versuch lvurde zunächst die starke, hautreizcndc Wirkung dieser Primel im allgemeinen bewiesen, ferner die Zeit von der llebertragung des Gifts bis zur erste» merklichen Wirkung festgesetzt und eine genaue Schilderung des KrankheitsverlanfS erinöglicht. Das zweite Experiment ermittelte den Sitz des Gifts selbst. Alle oberirdischen Teile dieser Primel sind von Driisenhaarcn bedeckt, welche ein Sekret absondern. Dieses Sekret lvurde isoliert, mikroskopisch geprüft jauch mikrochemisch untersucht!; ein sehr kleiner, kaum sichtbarer Teil derselben wurde auf den Arm Überträgen und erzeugte in kurzer Zeit eine Hauterkraiikung.— Durch eine auch nur sanfte Berührung der oberirdischen Teile kann somit das Gift sehr leicht auf die Haut gelangen und hier nach wenigen Stunden mehr oder iveinger große Blasen erzeugen, welche durch anhaltendes Jucken sehr unangenehm werden können. Eine mechanische Verletzung der Haut durch diese Trichome ist vollkommen ausgeschlossen. da dieselben sehr weich sind und am Ende ein Köpfchen-tragen, welches jenes Hantgift absondert. Bezüglich der chemischen Eigenschaften dieser hautreizeudcn Substanz, ihrer leichten llebertragung und Ver- schleppung, ferner bezüglich des Krankheitsverlnufs und der Art der Bchandlnug dieser Hautkrankheit verweise ich auf das Original. Dort kann man auch an zwei photographischen Abbildungen die Wirkung des Sekrets erkennen. Andre Versuche, ergaben das bemerkenswerte Resultat, daß manche Personen wenig empfänglich für dieses Hautgift sind; dagegen bleibt die infizierte Stelle durch eine starke Rötung wochenlang sichtbar.— Astronomisches. �— Veränderlichkeit von Fixstern-Geschwiudig- k c i t e n. Ans der Lick- Stermvarte in Kalifornien hatte man die 1888 auf der Potsdamer aslrophysikalischen Warte nach der spektro- skopischen Methode auf 26 Kiloineter bcstinnntc Geschwindigkeit, mit der sich der Polarstern in der Sekunde auf uns zubewegt, in jüngster Zeit nachgeprüft und gefunden, daß er sich uns jetzt nur »in 10 Kilometer in der Sekunde nähert, und zivar mit Schwan- kungen, die im vorigen Sommer zwischen 8,6 und 14,6 Kilometer betrugen. Es wurde, nachdem dieses Ergebnis im letzten Winter bestätigt werden konnte, daraus geschloffen, daß der Polar- stcrn ein sehr enges, auch mit den stärksten Fernröhren nicht auflösbares Doppelstern- System bildet, welches in drei Tagen 23 Stunden einen Umlauf vollendet. Allein iveitere Aendernngen der Geschwindigkeit des Polarsterns, die schon seit 1896 beobachtet wurden, machen es den Beobachtern der Lirk-Steniwarte wahrscheinlich, daß noch ein dritter, nicht sehr entfernter Fixstern die Bewegungen dieses Systems erheblich beeinflußt, daß mit andern Worten unser Polarstern ein dreifacher Stern ist. Aehnliche Wahr- nchmungen waren nach dem„Prometheus" schon früher von Camp- bell aus der Lick-Sternwarte auch an Capella gemacht worden, die 1896, 97 solche Veränderungen in ihrer Geschwindigkeit erkennen ließ, daß sie sich von August bis Oktober 1896 bei verschiedenen Auf- nahmen nur 34, 84, 49 und 44 Kilometer in der Sekunde von uns entfernte, während diese Geschwindigkeit im November 1896 und Februar 1897 auf 3—4 Kilometer zurückging. Auch hier wird auf ein engeS Stcrnsystem von drei Sternen"geschlossen.— Humoristisches. — Die Zeiten ändern sich.(Auf der HochzeitS- reise):„Schatz, guck nicht zimr Fenster hinaus! Wenn jemand Dein herzig's G'sichterl sieht, bleiben wir nicht allein!"— {40 Jahre später):„Alte, guck zum Fenster'naus, damit nie- niand'reinkommt!"— — B e r n f s e i f e r. Reporter(zu cinenr Lebensmüden, der im Begriff ist, sich aufzuhängen):„Weiur Sie sich beeilen. kommen Sie noch ins Abendblatt."— — Ein Opfer d c r P o I i t i k, A.: Ist cS denn wahr, daß die Europäer China zertrünmiern wollen?" B.: Ja, mein Dienstmädchen hat heute schon niit der großen Vase im Salon den Anfang gemacht."—(„Jugend".) Notizen. — Das Deutsche Theater beginnt am 1. August seine Aufführungen»nt Drehers„Probekandidal".— — Im Neuen Theater bringt das Gastspiel H a n s i Niese heute eine Novität: die dreiaktige Gesangsposle„Unsere Gusti" von Friedrich Radier, in der die Gastin die Titelrolle spielt.— — Karl lind Theodor Rosenfcld ans New Jork beabsichtigen am 1. Oktober d. I. ein Berliner Theater— wie verlautet, handelt es sich um das Friedrich-Wilhelm städtische Theater — zu übernehmen und dasselbe zu einer Operetten- und Posse nbühne großen Stils einzurichten.— — Ein schweizer Volksschauspiel. In Tiessenhofen. in der Schweiz, gelangt jetzt täglich das Volksschauspicl„Karl der Kühne" von Arnold Ott-Luzern zur Aufführimg. Die Auf- führmig dauert von mittags 12 Uhr bis gegen 8 Uhr nachmittags. Gespielt ivird im Freien, ans dem Marktplatz in der Nähe deS „Hirschen"; es ist ein prächtiger Platz, van schönen Bänmen um- rahmt. Besonders hübsch ist die Bühne: sie ist etwas erhöht nud hat 40 Meter in der Front, große Linden und Ahorne bilden den ivnndervollcn Hintergrund, Der Zuschanerrnmn des„Freiluft"- Theaters faßt 2800 Sitzplätze, In dem Volksschauspicl treten 280 Personen als Mitwirkende in Aktion.— — Torf, den mau mit 10 Prozent Petroleum getränkt hat, soll cm ebenso gutes Heizmaterial wie Kohle sein. Mit noch höherem Petroleumznsatz wächst der Heizwert des imprägnierten Torfs über den der Kohle,— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 29. Juli. Veranlivorllilver Reoacleu:: Hngo Portzsch in Berllu. Druck uno Veriag von Max Badtuy m Berlin.