Anlerhaltungsblatt des UorwMks c? N?. 147. Mittwoch, den 1. August. 1S00 (Nachdruck verboten.) 5] Die FÄnfolve. Roman von Fritz Mauthner. Die Gesellschaft von Geldmännern, welche den Garten eingerichtet hatte und das Theater gründen wollte, saß mit Haffner und dem alten Mettmann drüben um einen großen Tisch unter einem Zeltdach, das auf dem Vorbau des alt- deutschen Wirtshauses angebracht war. Dicht unter ihnen tranken an nahe aneinandergeschobencn Tischen auf drei- füßigen Schemeln die Künstler und Kunsthandwerker, die alles stilgerecht bis zur Unbequemlichkeit eingerichtet hatten. Die Baumeister, Bildhauer und Maler hofften noch reiche Beschäftigung beim Theater zu finden und tranken den Bauherren unaufhörlich zu. Das berühmte Haffnersche Bier war beim Beginn des Festes aus stilgerechten altdeutschen Gläsern gekostet worden; dann war man sofort zu Wein und Champagner übergegangen.„Damit sie morgen das Vier ordentlich loben können," hatte der alte Mettmann den Zeirnngs- berichterstattern zugerufen. Diese saßen überall an den kleinen Eisentischen verteilt, rissen Witze und tranken um die Wette. Es waren die kleinen Straßenreporter, die hier von ihrem anstrengenden Dienste bei Bränden und andren Unglücksfällen ausruhten und vor der Flasche eine Stunde lang vergaßen, daß sie auch dieses Fest morgen mit einigem Aufwände an Geist würden beschreiben müssen. Unter sie mischten sich auch viel- genannte geistvolle Journalisten und Dichter von gutem Namen. Und mit den Leuten von der Feder kneipten im herzinnigen Vereine die geladenen Gäste aus allen Ständen: reiche junge Bummler, die überall dabei sein wollten, vonirteilslose Adelige, welche um der Bühne willen auch den Umgang mit Schriftstellern pflegten. schwer- fällige Freunde der Geldmänner, die gern die Aussichten des Geschäfts erraten hätten, und vor allem die vacierenden Künstler, welche bei dem neuen Theater unterzukommen hofften, Sänger, Komiker, Regisseure, Musiker, Dekorationsmaler, aber neben ihnen auch Theateragenten, Seiltänzer, Löwenbändiger und Billethändler. Bald mühsam vordringend, bald absichtlich zögernd, brachen sich die beiden Neuangekommenen Bahn durch den Knäuel von Tischen, Stühlen, Kellnern und Gästen. Bode war vielen bekannt, wurde aber von den meisten unt der herablassenden Nichtachtung behandelt, die sie dem unmodernen Nock des jungen Gelehrten schuldig zu sein glaubten. „Sicht man sie auch einmal in anständiger Gesellschaft?" rief ein alter Koupletsänger ihnen zn. Den jungen Mettmann kannte fast niemand. So oft sich ober Bode den Spaß machte, den neuen Freund als den Sohn des Verlegers vorzustellen, wurde Richard mit einem beängstigenden Jubel begrüßt. Die Sänger umarmten ihn, und zwei Musikanten, welche von seiner Liebhaberei gehört hatten, feierten ihn sofort als den ersten Musikkritiker Berlins. „Aber er kann ja gar nicht schreiben," rief Bode lachend dazwischen. „Dann wird er mündlich das Orakel der Krittler sein," antwortete ein Journalist, und:„Richard Mettnianil hoch!" Der Lärm drang bis auf den Vorbau, wo die gesetzten Männer dein Glase weniger zusprachen und bei einer geschäft- lichen Sitzung über die Bestimmung des Theatergebändcs ver- handelten; denn davon hing es ab, welcher Plan für die innere Ausschmückung angenommen und wie viel Geld geopfert werden sollte. Als Gottlieb Metttnann, der Verleger, die Hochrufe auf seinen Sohn vernahm, beugte er sich über die Stuhllehne und rief Richard herzu. Auch Bode sollte herauskommen, er hatte unt ihm zn reden. Sie gingen die drei Sttlfen empor; von allen Seiten wurde der junge Mettmann freundlich begrüßt. Diejenigen Heilen, welche ihn zum erstenmal sahen. wünschten dem Vater Glück und versuchten es, den Sohn in ein ver- uünfttges Gespräch über den Zinsfuß in England und Deutsch- laird zu verwickeln. Die Herren rückten zusammen, und während Richard sich zwischen Haffner und einem Unbekannten einkeilte, fand Bode seinen Platz zur Rechten des Verlegers. Die Journalisten an den Tischen im Garten reckten die Hälse. Und un- bekümmert um die Nachbarn, welche rücksichtslos hinhörten, begann Göttlich Mettmann rnit dem jungen Gelehrten die Unterhandlung. „Ich habe mit Vergnügen gehört, lieber Doktor. daß Sie endlich annehmen wollen. Natürlich! Sie werden doch nicht ewig Privatgelehrter bleiben wollen. Das wirft ja nichts ab. Also wann wollen Sie Ihre Stelle antreten? Morgen, übermorgen? Je früher, desto besser. Ich habe niit meinen bisherigen Redacteuren kein Glück gehabt. Kein gebildeter Mensch hat mein Blatt lesen wollen." „Die gebildeten Leute haben vorher zu viel anderes ge- lesen," rief Bode dazwischen.„Ich will mein Amt sobald wie möglich antreten, aber vorher müssen wir uns doch über meine Vollmachten und über die Haltung des Blatts in den wichtigsten Fragen verständigen. Mettmann wurde ungeduldig. „Wissen Sie. lieber Bode", rief er heftig,„ich bin nicht Publikum und habe auch keine Zeit, nach dem Zartgefühl meiner Leute zu fragen. Sie redigieren das Blatt, wie Sie wollen, und so lange, wie ich mit Ihnen zufrieden bin. Wenn Sie mich in meinem Gewerbe stören oder die gebildeten Leser auch Sie nicht wollen, so werde Sie mit vierteljährlicher Kündigung entlassen, das heißt, Sie gehen sofort und erhalten Ihr Honorar für drei Monate vorausgezahlt. Ich werde froh sein, wenn's nicht dazu kommt; gern wechsle ich nicht. Die Ziffern habe ich Ihnen schon genannt, als wir uns das letzte Mal sprachen." Bode lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen. Noch war es Zeit. Noch hatte er seine Seele diesem Menschen nicht verkauft. Er tvar im Begriff, die ganze Sache mit einem derben Wort abzubrechen, als der Verleger, der ihn scharf beobachtet hatte, plötzlich mit verändertem Ton rief: „Es ist beffer, anfangs rücksichtslos und dann verträglich, als umgekehrt. Sie möchten auch gewiß gern lieber in Frei- heit hungern, als im Käfig sich mit gutem Futter mästen. was, Sie Privatgelehrter? Kenne das l Sie haben wahr- scheinlich eine Schuld abzutragen, brauchen Geld; Privat- gelehrte kommen nicht freiwillig zu mir, ich weiß. Wollen Sie das Vierteljahr nach der Kündigung als Handgeld voraus haben?" Bode hatte noch die Augen geschlossen. Käthe stand vor ihm. Sie trug statt des dünnen Kattunkleidchens ein mode- farbcnes Wollkleid, vor der Brust steckte ein goldnes Uehrchen am goldenen Kettchen. Ihr Auge strahlte voin Glück über die langgcttäumte Herrlichkeit. Und sie hantierte an einem eichenen Tische vor einer nensilbernen Kaffeemaschine in einer eigenen, vollständig eingerichteten Wohnung. Bode mußte die Augen öffnen, so hell freute er sich über ihr Glück. „Ich nehme an," rief er und reichte dein Verleger zögernd seine schlanken Finger entgegen. „Abgemacht!" sagte Mettmann und umfaßte die Finger mit seiner harten Riesenfaust.„Ein schriftlicher Vertrag ist überflüssig; wir wissen ja doch, wie wir mit einander sind, und Sie ersparen die Hälfte des Stempels. Und nun noch ein paar allgemeine Bemerkungen. Erstens: die Inserate über- lassen Sie mir ganz allein." „Mit Vergnügen, Herr Mettmann." „Den Börsenbericht erhalten Sie täglich von einem Fachmann und geben ihn ins Blatt, ohne cttvas daran zu ändern." „Ich verstehe ja doch nichts davon, Herr Mettmann." „Und noch eins: Im Feuilleton sehen Sie nicht auf Geld. Die gebildeten Leute wollen teure Sachen lesen. Ich habe bis jetzt an falscher Stelle gespart. Wir wollen liebei! eine größere Schrift nehnren und an Zeilen sparen und da- für die teuersten Namen kaufen. Da ist zum Beispiel der— na, der Heine, den lesen die Frauen sehr gern. Bieten Sie dem Kerl, was er verlangt. Telegraphieren Sie ihm lieber, das wirkt." Es wetterleuchtete in Bodes Gesicht. Endlich sagte er: „Wir haben Pech, der Mann ist tot." „Schade," rief Mettmann ärgerlich,„Da sehen Sie, waZ sär Esel meine Nedacterire sind. Sie haben nicht einmal einen Nekrolog gebracht. Und Heine hätte es doch verdient. Na, verschaffen Sie uns einen andern, der ebenso schreibt. Ich tvill mich�s was kosten lassen." Der Verleger gab, indem er sich auch an die andern Herren wandte, andre Beispiele von der Unwissenheit seiner Redactenre zum besten. Bode saß wie ans Nadeln, bis er wahrnahm, daß die einzige lächerliche Seite des willensstarken Manns von allen andren ruhig als eine unabänderliche That- fache aufgenommen wurde. Der neue Nedactenr stand erst ans, als Richard errötend den Tisch verließ. Wie ans Ver- abredung trafen sie sich vor dem Flammengitter, hinter welchem das neue Operngebäude sich dunkel emporreckte. Bode wies hinüber und sagte langsam, um den Sohn des Verlegers auf freundlichere Gedanken zu bringen: „Hier, das wird ein ernsthaftes Opernhaus, und ein Werk von Richard Mettinann soll uns alle mit den Plänen der Geldmänner aussöhnen." Richard schüttelte ablehnend den Kopf. „Sie haben eine schwere Aufgabe vor sich," sagte er traurig. Bode war wieder giller Laune. „Ich will mutig daran gehen und so lange aushalten, als es mir möglich ist. Am Ende sind es zwei ganz verschiedene Fähigkeiten, ein Blatt zu schreiben und es geschäftlich so klug zu leiten, daß es groß wird. Der eine Beruf kann so ehrenvoll sein wie der andre." Richard lehnte wieder mit einer Handbewegung die Schonung ab. Ohne seinen Vater zu nennen und ohne an- zudcutcn, daß er an ihn dachte, klagte er über die Zustände der Presse, die er sich früher so ganz anders vorgestellt hatte. Bei allen kleinen Zeitungen und bei nianchen großen dazu sei die Oberleitung in den Händen von ungeeigneten Per- sonen. Er bedaure das Los der Leser, noch mehr aber das der Zeitungsschreiber, die häufig vou einem Mann abhingen, der ihre Fähigkeiten nicht beurteilen könnte. „Was wollen Sie?" rief Bode lachend dazwischen.„Jeder Leser hat am Ende das Blatt, das er verdient." Richard gab sich mit einem Scherz nicht zufrieden. Erschlug vor, den Garten zu verlassen, als erst von einzelnen Tischen, dann lauter und stürmischer von allen Seiten der Ruf nach Bode ertönte. Und als der Genannte unbekümmert stehen blieb/ erhob sich bald da, bald dort einer mit dem Glase iw der Hand schwankend von seinem Stuhl. Mehr und immer mehr schlössen sich den ersten an, und bald rückte eine Schar von über hundert Männern langsam mit Winken und Glückwünschen gegen den neuen Redacteur heran. Allen voran der alte Coupletsänger, der die Arme weit geöffnet hielt und bei jedem Schritt ein wenig Wein aus dem Glase schleuderte. „Die wissen schon, daß ich Leiter des Blattes bin," sagte Bode spöttisch zu Richard.„Nein, lassen Sic mich in dieser schweren Stunde nicht allein; achten Sie darauf, wie ich trotz meines schlechten Nocks im Werte gestiegen bin. Das unter- irdische Leitmotiv aller dieser' Herren wird sein: Bode ist ein großer Mann, deim Bode hat zu bestimmen, wie viel- Zeilen gedruckt werden dürfen und wie viel Pfeniiige für jede Zeile gezahlt werden." Die Glückwüuschenden waren herangekommen, und che er sich dessen versah, lag Bode in den Armen des Couplet- sängers. „Atter Freund!" Und Bode war der alte Freund aller dieser Herren. Endlich war der richtige Mann än der richtigen Stelle, end- lich würde die schlechte Wirtschaft aufhören. Und die Säuger jammerten, daß sie totgeschwiegen wurden, ein Schriftsteller verlaugte die sofortige Annahme einer Novelle, welche schon seit Gründung des Blattes dort lag und von den vier Nedacteuren des ersten Jahres gleichmäßig- nicht gelesen Ivorden war, ein Reporter verlangte die Zusicherung, daß ihm bei Hinrichtungen niemals eine Zeile gestrichen werde; denn die freundschaft- lichen Beziehungen zu den diesbezüglichen Persönlichkeiten kosteten Geld. Bode erivehrte sich mit Mühe der Händedrücke und Schmeicheleien, mit denen man auf ihn eindrang. Richard Versuchte vergebens, den Menschenhaufen zn durchbrechen, und mußte auch über sich eine Flut von Redensarten ergehen lassen.' Dä trat von der Seite ein zierliches Männchen an ihn heran. Die schlauen Augen, der lächelnde Mund und die Nase hatten auffallend jüdischen Schnitt; dazu ein gelbes Wollhaar wie ein blond gefärbter Negerkopf. Auch die Sprache- verriet, daß der zierliche Kleine die östlichen Pro» vinzen noch nicht lauge verlassen hatte. „Mein Name ist Pinkus, verzeihen Sie, Herr Mettmann. Der Herr Papa sucht Sie und unsren neuen Redacteur. Mein Name ist Pinkus, Herr Doktor, ich gratuliere, ver- zeihen Sie!" „Ich danke Ihnen, Herr Pinkus!" rief Bode, froh über die Störung.„Lassen Sie mich, meine Herren, wir sind zu den Göttern berufen» die dort.oben um hölzerne Tische thronen." Und von Pinkus geführt, der geschickt mit den eckigen Ellenbogen Raum schaffte, gingen sie so rasch wie möglich aus den Vorbau zu. Unterwegs fragte Bode: „Schreiben Sie auch für die Zeitung, Herr Pinkus?" Pinkus wiegte lächelnd den blonden Wollkopf. „Was werde ich schreiben, Herr Doktor! So bin ich nicht gestellt, Gott sei Dank! Verzeihen Sic. Herr Mett- mann und ich, wir arbeiten schon laug zusammen, ich bin Jnserateuageut. Sie begreifen. Sonst schriebe ich gern einmal für Zeitungen, aber dann nur zn meinem Ver- gnügen." (Fortsetzung folgt.) tNockidriick verboteil.) Vo»r dev Vervifev MolkAuslkolluug. (Die Zugstücke.) Von Martin K r ö n e r. Gegenüber dem Quai d'Orsah, der die Völkerstratze und die Heeresausstellung entliält, zieht sich auf der andern Seite der Seine eine Uferstraße hin, die gleichfalls in den Bezirk der Weltausstellung hiueiubezogen ist. Sie führt in ihrem ersten Teil, von der Jnvaliden- biS zur Almabrücke, den Namen Cours-la-Reine. Dort beginnen jene Beigaben zur Weltausstellung, Prioatspekulationen, die man hier unter dem Namen„attractions" oder„Zugstücke" zusammenfaßt. Ihrer sind viele, viele Dutzende, und es ist natürlich ganz nnniöglich, alle zu bespreckeu, denn man hat berechnet, daß ein Wcltausstellungsbesuchor, der jede einzelne Schaustellung nur eninial besichtigen Ivollte, im ganzen über 1400 Fr. auszugeben hätte! - Der„Cours-la-Eeine". ist nur zn einem Teil de»„attractions" überliefert. Gleich am Eingang, nninittclbar- aii der Seine, liegt ein langes, ziemlich schmuckloses Gebäude, der Pavillon der Stadt. Paris, in dein diese ihre historischeu Eriuncrungcir, ihre Denkmäler, ihre Wohlfahrtscinrichtungen ausstellt— am Ende, gegen die Alma- brücke hin, erhebt sich in einem großen, weißen, architektonisch recht nüchternen Kasten die Ausstellung für Sociologie, Arbeiterversicherung,' Nationalökonomie: hier hält auch ein Teil ddr'lvährend der Ans-. stcllung tagenden gelehrten Kongresse seine Sitzungen ab. Dazwischen ragen' mächtige Hallen ans Glas und Eisen empor, die häufig ivcchselnde Ausstellungen für Gartenbau bringen, und vor deren Terrassen man herrliche Aussichten über die breite, bootbelebte Seine und die bunten Paläste der Bölkerstraße genießt, De» Ltest. des. Raums füllt die sogenannte„Rue de Paris" aus. Eine kleine Könzcrthallc neben der andern! Da finden Gcsangsvorträge statt, werden humoristische Sccueü aufgeführt, eine japanische Schauspicker- truppe produziert sich, eine Berbinduiig von Phonograph itnd Kino- matograph führt uns die berühmtesten Bühnenkünstler von Paris in den besten Sccnen ihrer Hauptrollen wie lebend vor. Der stärkste Verkehr entwickelt sich hier abends, Herren im Frack und Damen in- den anffatteudsteii Toiletten dräugen sich vor den Buden, auf deren Terrassen die Schauspieler sogenannte„Paraden" abhalten, das heißt: sie treten in allen möglichen Kostümen heraus, geschminkt und gepudert, und laden bei Musik unter Aufzählung alles dessen, ivas sie vortragen Ivollcu. zum Eintritt.ein. Wer sich aber verlocken läßt, stndet sich geivöhnlich sehr enttäuscht, denn die meist sehr künstlerisch ausgeführte Fassade der Bude und jene„Parade" sind eben das Anziehendste der ganzen Geschichte; die Aufführung selbst ist geivöhnlich sehr unbedeutend. Diese Unternehiumigell blühen denn auch nicht besonders, sie arbeiten mit zu großen Kosten, hat ja doch der Bau aNein fast bei jeder einzelnen gegen 150000 Frank verschlungen, und die einfachste Veranstaltnpg hat noch immer einen täglichen Bedarf von 1500 Frank, der selten eiukoinmt. Sehr originell mutet von außen das sogenannte„verkehrte Haus" an, bei dem alles auf den Kopf steht— die Schornsteine gehen in dcüi Boden, der Keller ragt in die Luft, und selbst die.Zivötf der Uhr ist- unten und die Sechs ist oben. Drinnen aber sieht man tvenig mehr als ein paar Spiegel. Hinter der Rue de Paris ait dem Teil des Ufers entlang, der Quai Debilln heißt, erhebt sich eine iveit ausgedehnte Nachahmung von Alt-Parcs, aber es ist uninteressant und unkünstlerisch gemacht. daß die Pariser selbst nicht hineingehen und das Unternehmen ver- mutlich schon längst verkracht wäre, wenn nicht die Schlafwagen- Gesellschaft mit ihren großen Mitteln dahinter- stände. Das eigentliche Hmiptgebiet der„attractions" ist der vordere Teil des Marsfeldes, die Gegend zu Fasten des Eifsel- tnrms. Links erhebt sich ein stattlicher Bau, das„Palais der Kostüme", das durch die Ivohlgelungene Ann»»t seines Arrangements sich von Anfang an als einer der gröstten Erfolge aller attraetions erwiesen hat, eine Art Panoptikum, in dem in sehr ivohlgclnngenen Gruppen etwas Ivie eine Geschichte der weiblichen Kleidung vor- geführt wird— von der halbwilden Urgallierin, die ihren von der Jagd heimkehrenden Gatten erwartet, über ein altrvnnsches Damen- bad bis zu einer Audienz bei der Kaiserin Theodora am Hof von Byzanz, dann durch das romantische Mittelalter zur üppigen Mailressenwirtschaft der letzten Ludivige, und von einer Anprobe des Krönungskleides Joscphinens bis zu unsren Tagen', das Ganze ist nicht allzu wissenschaftlich, aber ausnehmend geschmackvoll. Nicht Iveit davon erhebt sich auf einem Hügel das Palais Lumineux, in allen seinen Teilen, Dach, Wände. Treppen ans buntem GlaS. das, abends von innen heraus erleuchtet, einen wirk- lich zauberhaften Anblick gewährt. Darum herum liegen natürlich eine ganze Menge weniger gelungeuer Versuche, z. V. der Dour du Monde, in dem Tänzerinnen und Sängerinnen aller exotischen Nationen auftreten. Die Welt der attractions setzt sich auf der rechten Seite des Eiffelturms fort. Das mit vieler Spannung er- wartete Palais de l'Optique hat nicht gehalten, was man sich davon versprochen, die unter allerhand Hokuspokus vor- geführten Experiincnte siebt.man in der Berliner Urania viel besser, und das Niescnfernrohr hat den Fehler, dast es sich nicht drehen lästt. Das Mnreorama giebt eine hübsche Illusion einer Meerfahrt, mau kann.sich auf dem rollenden Podium sogar hie Seekrankheit bekomnicn, aber der Witz ist alt und Ivurde schon vor Jahren in Berlin gezeigt. Der„graste- Globus" wirkt hauptsächlich durch seine ungewohnte Forin und das Palais de la Pewms ist im Grunde nur ein feiner Tingeltangel mehr. Jenseits der Seine, im Trocaderoviertel, Ivo die Ausstellungen aller Kolonien untergebracht sind, wimmelt es natürlich von „attractions". Das indisch-chinesische Theehaus ist sehr drollig, aber mir ein geschickter Huinbug: die angeblichen Javanesinnen sind echte Parise- riniicn, die unter Anführung der bekannten Cleo de Merode aller- band seltsame Hopser initcrnehineii. Echt sind dagegen die chinesische» Gaukler, die die Gäste des russisch-chitiefischen Restaurants mit ganz originellen Zauberkunststücken und Cloivnjprüngcn unterhalten. Eine Umnenge Panoramen und Dioramen sind über diese Gegend vcr- streut: Algier, Tunis, vor den». Trocadero Madagaskar— das gelungenste ist zweifellos das Wandclbild, das die Reise von Moskau»ach Peking darstellt u»d dadurch täuschend wirkt, dast mau es aus eiuein echten Eifeubahnzug beobachtet und der Vordergrund sich schneller bewegt als der Hintergrund. Sehr reizvoll wirkt der algerische Bazar, der mit seinen: gekrümmten Bogengängen uns wirklich jn den Orient zu versetzen scheint. Auch in die Geheimnisse des Erdmueru führen uns Darstellungen von Bergwerken u. der ist. Noch auszcrhalb der Umzäunung der Ausstellung ziehen sich lange Strastcn mit Sshcnsivürdlgkejten hin, unter diese» sogar eine der allergclungensten, das Schweizer Dorf mit einer geradezu vcr- bliisfend„echten" Wiedergabe eines Bergdorfs mit grünen Matten, Ivcidcndcn Kühen, Stein- und- Holzhäusern und Heuschobern hoch oben auf den Abhängen. Auch Andaliisicn. zur- Zeit der-Mauren und Venedig sind darin verkörpert. Zu-den. attractions" must ma.ir.auch die zahllosen Restaurants, Milchwirtschaften usw. rechnen, die sich einen besonderen Charakter gegeben haben.— Mleines Isenilleion» — Zur Geschichte dcö Eisettbahnbillets bringt die„ Franks. Zeitung" interessante Einzelheiten. Der zuerst in Deutschland ge- vränchliche» Fahrt-Arislveisc sFahrzeltel) schlössen sich an die Passagier- zcttcl der-Post an: Ein länglich-vicrcckigeS Papier, bedruckt mit dem Namen der Anfangs- und Acstim.nnngsstntion der Reise, der Klasse« des Preises der Fahrt und mit einem Raum für die Nummer des Platzes, mit einigen allgemeinen Vestninunugeu auf der Rückseite. Nach einer. Vclanntniachung des Direktoriums der Lndwigsbahu, der ersten deutschen Eisenbahn, vom 30. November 1835,-sollten am darauffolgenden Donnerstag, den' 3. Dezember, um 9, 11 und 1 Uhr drei Fahrten mit-Dampfkraft von Nürnberg»ach Fürth stattfinden. Die BilletS hierzu, so heistt es in der Bekannt- machnng, seien bei dem Dircktorialmit'glicd Mainbcrger am Rathäüse zu haben. Jedes Billct werde für die Hin-'und Rückfahrt um 36 Kr. gelöst und sei für alle Plätze gültig. Natürlich liest- sich, wer nur eben konnte/ die Gelegenheit mit Dampf zu reisen nicht cnt- gehen. Freilich, von oben hcri-glaiibte man das in derlei Unter- nehmnitgc» noch vollständig unerfahrene Publikum vorerst erziehen zn müssen. Gleich feierlichen Handlungen wurden alle wichtigeren Geschehnisse eingeläutet. Beim ersten Läuten, fünf Minuten vor der Abfahrt,, mußte« sich alle Reisenden im Bersammlnngsramn einfinden. Das zweite Läute» war das Zeichen zum Einsteige». Die Reisenden wurden von emem Fahrkarten-Eoistrolenr klajsen- Iveise zn den für sie bestimmten, das heißt denjenigen Plätzen geführt, auf welche die Nnmmcr des Billets. das nnstcrdens Tag und Stunde und die Fahrtnnmmer enthielt, stand. -Bei der l837- eröffneten Leipzig- Dresdner Bahn U-ar es in letzterer Beziehung nickn viel anders. Die Billeteure der End- sintionen halten zu Ansang. des Betriebs nur 21 Fahrkartensorten. nämlich Nur je drei für die sieben Stationen der ganzen Linie, zn verausgaben. Wie in dem benachbarten Oestreich war die Lösung eines Fahrt- Ausweises von der Vorzeigung eines polizeilichen Ncisepässes abhängig. Hätte der Reisende dann glücklich einen Fahrzettel erwischt, so durfte, er zwar einsteigen, mußte aber seine Reiselcgitimation an den den Zug begleitenden Polizei- Osfizianten abgeben und erst beim Verlässen des Zugs bekam er sie wieder. Die Fahrzettel waren bei den meisten Eisenbahnen schon in den ersten Jahren zn Kontrollzwecken mit einem seitlichen Abschnitt, „Coupon" genannt, versehe», der je nachdem beim Betreten des Wartesaals oder des Perrons oder bei der Revision durch den Schaffner abgetrennt wurde. Fahrzettel und Coupon wurden bei ÄuShändignng an den Fahrgast nnd zum Zeichen, daß die Fahrt an eiiiem bestnnmien Tage.mit einem bestimmten Zuge zu machen sei. Mit dem Tages- und Zugstempel, hin und wieder auch mit einer Parole versehen. Anfangs der vierziger Jahre kam ans dem Geburtslande des Eisenbahnwescns, von England her, eine Neuerung. die demjfFahrzettel mit seinem Conpon den Garaus machen sollte. Das englische Ticket hatte sich in ein länglich-viereckiges, steifes Kärtcheiff das die allernotdiirftigsten Angabe» enthielt, verwandelt. Auf der Eisenbahn von Manchester nach LeedS führte man zuerst diese von einem gewissen Edmonson ersniidenen und nach ihm be- nannten Kartcnkärtöns ein, zugleich niit einem däzn gehörigen Stcmpelapparat und Verwnhrschrauk. Im britischen Reiche fanden sie bald allgemeine Verwendung, dagegen verschafften sie sich bei uns nur sehr langsam Eingang.— — Die Mntter im Sprichwort. Zn allen Zeiten und bei allen Völkern ist die Mntlerliebe im Sprichwort und im Licde ver- herrlicht Ivorden. Einer Znsannnenstellnng derartiger Sprichwörter, die die„Kölnische Bolkszeitung" bringt, entnehmen>vir' folgende Proben:„Mnttertren wird täglich neu,"„Ist die Mutter noch so arm, giebt sie doch dein Kinde warm,"„Eine Mutter kann eher zehn Kinder ernähren, als zehn Kinder eine Mntter,"„Wer der Mntter nicht folgen will, wird endlich dem Büttel folgen,"„Besser einen reichen Vater verlieren als eine arme Mntter",„Was der Mntter ans Herz geht, geht dem Vater nur bis an die Knice." Sehr poetisch sagt der Russe:„Das Gebet der Mntter hallt vom Meeresgrund herauf," und der Lette nnd Czeche:„Mntterhand ist weich, auch wenn sie schlägt."„Mutter, Mntter, wer sie hat, ruft sie, wer sie nicht hat, vermißt sie." sagt der Venetianer. Was Mütter leiden, drückt der Italiener mit den Worten ans:„Mttter will sagen Märthrin," und der Russe meint:„Ohne Mntter find die Kinder verloren, wie die Bienen ohne Weisel."„Wenn die Mntter stirbt, löst sich die Familie ans," sagt der Jndier, und:.„Ist die Mutter tot, so ist der Vater blind," der Italiener.— Musik. Am Freitag, den 27. Juli d. I., hat sich das irdische Schicksal eines Komponisten erfüllt, dessen Werke ihn längst in die Reihe der größten Tonmeister gestellt hätten, wären ihm äußere Verhältnisse so günstig gewesen, ivie sie es klingenderen Namen geworden sind. In der Sonnnerfrische zn Miirzziischlag ist Julius Zell« er im .69. Lebensjahre gestorben— vielleicht an den Folgen der zehrenden Arbeitsweffe eines Künstlers, den die tägliche Last dc-s Musik- Unterrichts nicht abhalten konnte, seinem stillen und- mir von wenigen voll anerkannten Schaffen, treu. zn bleiben.- Die Zurückhaltung der öffent- lichen Kimstmächte gegen diesen Komponisten, ans den wir gelegentlich wiederholt hingewiesen habe», gehört zn den traurigsten. Er- scheinnngcn eines gewissen Knnftimperialismns in unserm öffentlichen Leben. Jeder echte Kenner, der überhaupt einmal dazu kam, in Zellners Werke Einsicht zn nehmen, jeder Musikfreund, den der Zufall zn einem Hören« Zellnerscher Musik führte, mußte sich tmnider», wie denn ein derartiges künstlerisches Vermögen nnd eine derart vollendete Klangschönheit noch ohne weitere Anerkennung bleiben konnten. In Zellners Vaterstadt und Wirkungsstätte Wien war ihm namentlich in de» Jahren 1871—1875 eine kleine Rnhmesbliite beschiede», über die dann nicht so sehr eine moderne Strömung, als vielmehr die per- sönlichen Beschränktheiten— um nicht mehr zn sagen— des dortigen Musiklebens hinwegstntete». Man kann schon daraus vcrmnteu, daß nicht eine Bestimmte Kunstrichtung Über sein Schicksal entschied. Thatsächlich ist Zellncr im ganzen weder modern noch unmodern, doch scharf. entgegen- gesetzt allem, was Mode n. hergl. heißen mag. Von diesem Gesichtspunkt ans hat ihn denn auch die einzige uns bekannte Dar- stcllnng seines Lebens nnd Wirkens geschildert, erschienen.in den „Blättern für Hans- und K i r ch e n in n s i£"(Laiigensalza) vom 1. Juni 1898i die seine' Schasfensweise, allerdings mit Ve- tonimg ihrer Grenzen, zn analysieren sucht. Wer sich für die Details von Zellners Lebensgaiig nnd Kompositionenfolge interessiert, findet dort gür ein Gcsamtvild zureichende authentische Angaben. Hier nur so. viel, daß Zcllnrrs hauptsächliche Wirksamkeit, der Symphonie nnd de-r Kannnerinnsik. dieser in ihren inannig- fachen Gruppierungen, galt; vornehmlich seine Streichquartette nnd Klavier- Kammermusiken würden auch, wenn sie nicht durch mehrfache Preise ausgezeichnet wären, zu den dankbarsten Zierden unsrer Konzerte gehören, falls deren Leiter über das jammervolle Herumdrehen in den. Kreis lokaler und temporärer Günstliugslnnst hinausgreifen wollten. Und ivie nun dem Verstorbenen als Menschen seine Wit>ve und seine, zmn Teil unversorgten Binder nachtrauern, so geben von dem Verstorbenen als Künstler auch noch zahlreiche zur Veröffentlichung bereite Mannskripte ein stilles trauriges Zeugnis. Sollten jetzt, unter der Weihe des erlösenden Todes, unsere Konzertleitungen sich noch immer nicht dazu aufschivingen, zum Vorteil der Kunst und zmn eignen Vorteil dem Dahingeschiedenen zu geben,>vas ihm gebührt, nachdem langst mehrere Anffiihrnngserfolge auch in rcichsdentschcn Städten vorbildlich vorangegangen- sollte der Wert der bislang unveröffentlichten Kompositionen noch immer nicht durch endliche Veröffentlichungen für die weitesten Kreise frucht- bar gemacht werden: dann müßte man wahrlich an den Wegen der heutigen Kniistpflege verzweifeln und speciell unser Berliner Konzert- treiben als ein unter glänzendem Schein um so schlimmeres lokales Gesellschaftstreibeu verachten lernen. Der einsame Musikfreund am Klavier, der vor Zellners„Deutschen Tänzen" oder vor feiner letzten gedruckten Komposition, dem eigenartigen„Wasserkaspar", sich in eine sonnig heitere Welt entrückt fühlt, weiß eS wohl besser als unsre Knnst'wächter, wenn das Reich dieser längst dahin sein wird, daß Werke, wie die Zellners, ihre reine natürliche Schönheit— das einzige, um das es ihrem Schöpfer zu thun war— noch immer für jedes kiinst- lcrische Gemüt unvergänglich bewahren werden.— Medizinisches. — Die Wirkung des Atems. In der Laienwclt ist, so wird der„Post" geschrieben, der Glaube, die Atemlnft eines Kranken wirke nachteilig, sehr verbreitet. Der Glaube hängt vielleicht mit dem eigentümlichen Geruch zusammen, den der Atem bei vielen Kranken annimmt. Indessen entstammt dieser Geruch garnicht den Atmnngs- sondern den Verdaumigs- Organen und rührt von dem Dnrniederliegcn der Funktion der letztem— einer bei krankhaften, besonders fieberhaften Zuständen ganz regelmäßigen Er- scheinnng— her. Dagegen ist neuerdings festgestellt worden, daß zwar nicht bei ruhiger Atmung,' jedoch beim Sprechen, Husten, Niesen, Räuspern unter Umständen die Atmungs- luft gewisser Kranker eine erhebliche Gefahr für die Umgebung bilden kann. Bei diesen Proceduren werden nämlich, ivie man fand, mit dem Atemstrom allerkleiuste, für unser Auge unsichtbare Tröpfchen von Mmidfli'issigkeit nach Art eines feinen Nebels regelmäßig in die umgebende Luft versprüht. Enthält nun die Mundflüssigkeit Krank- heitSkeiiue, so werden diese mit den Tröpfchen mitgerissen, und da letztere immerhin erst nach einiger Zeit ans der Lnfr vcr- schwinden, so können sie mitsamt de» ihnen anhaftenden Krankheitserregern eingeatmet werden. Nun enthält in der That die Mundflüssigkeit bei manchen Schwindsüchtigen, ferner bei Influenza-, Diphtherie-, Kcnchhnstcnkranken die krankmachenden Keime; somit ist die Möglichkeit, daß diese Krankheiten durch die Atemlnft Erkrankter beim Sprechen, Husten usw. weiter verbreitet werden, sehr wohl gegeben. Eine andre Frage ist schließlich die, ob die Ansatmungslust eines gesunden Menschen Spuren eines Gift- stvffeS enthalte. Man nahm dies bisher vielfach an, weil man nur so die bekannte Erscheinung erklären zu können glaubte, daß in von Menschen überfüllten Räumen bei manchen Personen leicht Unbehagen eintritt, dessen Symptome sich bis zur Ohnmacht und Bewußtlosigkeit steigern können. Eine jüngst vorgenommene Prüfung dieser Frage führte aber zu dem Ergebnis, daß sich ein besonderes Gift in uusrer AusatmungSluft in keiner Weise nachweisen laßt.— Paläontologisches. — N eckarsaurier hat der vorstorbene Direktor des Naturalien- kabinetts in Stuttgart jene großen, längst ausgestorbenen Reptilien ans dem Stubensandstein des Kenpers genannt, weil dieselben aus- schließlich auf das Neckargcbiet beschränkt zu sein schienen. Immerhin darf noch heute die Umgebung von Stuttgart als die beste Fund- ftätte dieser seltenen Zeugen ans der Urwelt angeschen werden. Zu Ehren ihres Entdeckers, Oberkriegsrais Kapsf, wurden diese Saurier Belodonten Kapffii genannt. Die Funde der letzten Jahre wurden mm, nach dem„Schwäbischen Merkur," durch den neuesten ans einer Sandgrube von Frittlingcn gekrönt. Zahlreiche Sand- steinblöcke, in welchen nur der Kenner den kostbaren Fund ahnen konnte, wurden im Januar dieses Jahres nach Stuttgart verfrachtet, und monatelang wurde mit Nadel und Stichel das Gestein entfernt, um die äußerst zerbrechlichen, fast butterweichen Knochen bloß zu legen, die erst durch Tränken mit heißem Leimwasser wieder etwas verfestigt werden konnten. Aber nun ist er endlich fix und fertig, dieser nicrkivnrdige Bewohner unsrer Urwelt. Er ist rcckit vcr- schieden von den Stuttgarter Belodonten; denn während diese die Schnauze hoch tragen, war sie bei den früheren ungemein lang gestreckt und vorne lvffclartig verbreitert. Wie der Löffelreiher oder manche Fische war er offenbar gewohnt, seine Nahrung im tiefen Schlamm aufzuwühlen und zu suchen und bekam daher den Namen Mystriosucluw planirostris. Wir sehen so unter den Belodonten des KeuperS eine ganz ähnliche Entwicklung, Ivie unter den heutigen Krokodilen, wo wir auch breitfchnanzigc Alligatoren und langschnanzige Gaviale nnterscheiden. Wie wichtig dieser Fund ist, geht schon daraus hervor, daß das New Uorkcr Museum nur zum Studium der früheren Stücke einen jungen Gelehrten auf vier Wochen nach Stuttgart ge- schickt hat. um Vergleichspunkte mit den analogen amerikanischen Funden zu suchen.— Verantwortlicher Reoac:eu:: Hugo Poetisch in Ber Technisches. an. Der Telautograph. Wie jede Erfindimg, schreibt „English Wechanic", so hat auch diese ihre Vorläufer. Im Äprik 1893 bereits beschrieb der berühmte Physiker E l i s h a Gray ein derartiges Instrument, dessen wesentliche Eigenschaften durch Patent sogar schon im Jahre 1883 festgelegt worden waren. Gray gab ihm auch bereits den Namen Telautograph, da es zur Uebernnttelnng handschriftlicher Zeichnungen ans größere Entfernung dienen sollte. Die Konstruktion des Apparats wurde als genial an- erkannt, erwies sich aber als zu zart und kompliciert für den geivöhnlichen täglichen Gebrauch. Seine Einrichtung beruhte darauf, daß für jeden hundertsten Teil eines Zolles, der von der Feder des Schreibenden durchlaufen wurde, ein elektrischer Antrieb durch die Leitung gesandt wurde, die Feder an der Empfangsstation von Schritt zu Schritt über den entsprechenden Raum bewegte und da- durch ein genau gleiches Bild der Originalschrift erzeugte. Bei dem neuen Telautographen, für den sich jetzt in England eine Gesell- schaff unter dem Namen British-Telautograph-Company gebildet hat, findet keine solche ruckweise Uebertragnng statt, viel- mehr wird die Bewegung der Feder auf der Scndestation durch einen fortgesetzten Strom vcrniittclt, der nur je nach der Lage der Feder an Stärke wechselt. Durch einen höchst einfachen Mechanismus wird die Feder an der Empfangsstation veranlaßt, genau dieselben Bewegungen auszuführen wie die der Sendestation und demgeniäß eine getreue Kopie der Urschrift hervorzubringen. Wenn die Feder an der Sendestation vom Papier abgehoben wird, so hebt sich auch die empfangende Feder, macht aber auch dann die Bewegung der ersteren durchaus mit, so daß also auch Zeichnungen und Skizzen auf diese Weise übermittelt werden können, da sich eben die empfangende Feder stets auf dem entsprechenden Punkt des Papiers befindet wie die sendende. Die Schrift wird ans beiden Stationen ans einer langen Papierrolle von 5 Zoll Breite aufgenommen, die sich während der Uebertragnng langsam abrollt. Der Empfangsapparat ist in jeder Beziehung felbstthätig, bis auf das Eintauchen der Feder in die Tinte macht er jede Bewegung des Sendeapparats mit und braucht demnach keine Beanfsichtigung, Zur Abseiidung solcher handschriftlicher Telegramme ist keine besondere Geschicklichkeit nötig, man schreibt einfach das, was man zu sagen hat, in beliebiger Gcschwindigkeitj nieder mit einer Feder, die von einer gewöhnlichen nur dadurch unterschieden ist, daß sie an zwei leichte Metalldrähte befestigt ist, man braucht sich also dabei noch nicht einmal besonders zn beeilen, sondern kann sich das zn Schreibende in Ruhe überlegen und die Schrift an jeder Stelle beliebig unterbrechen. Der Apparat kann in jeden voll- ständigen Lcitnngskreis eingeschaltet werden, gerade ivie es jetzt im allgemeinen mit dem Telephon geschieht, und die zwischen London und Paris mittels der Telegraphenlinie angestellten Versuche sind zu voller Zufriedenheit ausgefallen.— Humoristisches. — Englische Nächstenliebe. Geistlicher:„Ans der nächsten Synode werde ich beantragen, daß mehr Missionare zu den armen Inder» geschickt werden. Mit GvtteS Wort im Herzen stirbt sich viel leichter Hungers."— — Sprachforschung. A.:„Das Gegenteil von Hunger ist satt, aber von Durst? Sehyi Sie mal, dafür giebt es in der deutschen Sprache kein Wort." B.:„Dös braucht's a nöt wenn man gnua g'suffa hat, kann man ja a so nimmer rcd'n."—(„Simpl.") Notizen. — Mit einer erfolgreichen Anfführung von Petzolds Drama: „Die Einzig e" beendete Heines Berliner Ensemble sein bicrzehntägiges Gastspiel in München. Geschäfte haben die Berliner nicht gemacht.— — Die Bürgermeister von Elmshorn. Itzehoe usw. wollen versuchen, eine gemeinsame Bühne für mehrere Städte Holsteins zn begründen. Der Plan der verbündeten Städte lehnt sich an den Entwurf des Städtebnnd-Theaters n», den Löwenfeld in seiner Zeit- schrift„Die Bolksiintcrhallnng" veröffentlicht hat und der im preußischen Ministerium des Innern ans Verständnis gestoßen ist.— — F c r d. H u m in c l hat die Begleitmusik zu dem Einakter „ I o h n n n i s n a ch t" bon M a rx M ö l l e r ferliggestellt. Das Stück soll im Schauspielhaus in Scene gehen.— — Die„I n t e r n a t i o n a l e A n S st e l l n n g f ü r T h e a t e r und Variete" ist bereits verkracht.— — Der ans dem Berliner Tu b e rknl o s e- K on g r e ß ausgesetzte Preis von 4009 M. für die beste populäre Schrift über ,.D i e Tuberkulose als B o l k s k r a n k h e i t n n d i h r e Bekämpfung" ist von dem Preisgericht Herrn Dr. S.A. Knopf ans New Uvrk erteilt worden.— — Der Gemeinberat von Bern hat beschlossen, die Schulferien wegen der a n d a u e r n d e n großen Hitze um eine Woche zu verlängern.— Da werden unsre Schulkinder gewiß neidisch sein.— — Der Londoner Grafschaftsrat hat beschlossen, einen zweiten Tunnel unter der Themse zn bauen.—_ In. Deuc uiio n-er.ag von ivtax Baoing in Berlin.