Anterhalwngsbkatt des Hortvürts Nr. 150. Sonntag, den 5. August. löOO (Nachdruck verboten.) 8] Die Ilanfsee. Roman von Fritz Mauthner. Gerade an einem Tage— es war ansang August— an welchem Richard ihn bei einem kurzen Besuche auf der Redaktion traurig angeblickt hatte und dann fortgegangen war, ohne die Frage nach Johanna auszusprechen, gerade da erhielt Bode diesen Brief: „Lieber Herr Doktor! Ich danke Ihnen herzlich für die gütige Erfüllung meiner Bitte. Wenn ich in der Fabrik des Herrn Disselhof durch mein bischen Malen so viel verdienen kann, so habe ich keine Bange vor der Zukunft. Vielleicht können Sie inir für die Abendstunden— besonders für den Winter!— noch etwas verschaffen. Sie wissen, ich schreibe sauber ab. Seien Sie nicht böse und halten Sie mich nicht für habgierig, weil ich noch nicht znfriedcit bin. Ich muß fleißiger arbeiten als bisher. Mein guter Onkel, der so viel für uns that und bei dem wir jetzt auf dem Lande gelebt haben, ist gestorben. Die Herren Mettmann hätten den alten Offizier- Wohl die paar Wochen noch dulden und ihn in seinem Hause sterben lassen könne». Meinen Sie nicht auch? Diese Leute bringen niir kein Glück. Auch die Arbeit bei Ihnen habe ich durch die Zeitung dieser Herren eingebüßt. Was Sie über Ihre neue Thätigkcit andeuten, hat mich tief traurig gestimmt. Das Leben iväre schwer zu tragen, wenn inau keine Pflichten hätte. Bewahren Sie mir u. f. w. Johanna von Haveuow-Trienitz." Für Richard wäre dieses Schreiben Wohl ein ganz wert- volles Autogramm gewesen: warrnn fragte er aber nicht ein- mal? Aufdrängen'wollte Bode sich nicht. Natürlich machte es ihm jedoch Freude, den Komponisten trotz alledem zu unterstützen, wenn die Notizen auch nicht immer nach seinem Geschmack waren, mit welchen der Ver- leger oder Herr Pinkus„Fata Morgana", die erste Oper eines geheimnisvollen jungen Genies, ankündigte. Richard hatte bisher dazu geschwiegen. Als die Fanfare jedoch eines Tags von einer Nummer der Oper sprach, welche die ersten Kenner für Mozartisch erklärt hätten, da erschien der Komponist hart vor Schluß der Redaktion bei Bode und bat ihn»in eine Unterredung. „Auf der Stelle," rief Bode;„ich wollte da dem Blut- Hund in Hinterindien, der seine zweiundzwanzig Brüder eigen- händig geköpft hat, noch zweiundzwanzig Zeilen seiner christliche Moral predigen, aber ich fürchte, er liest die Fanfare nicht. Schließen wir I" Und während er die letzten Befehle in die Druckerei ge- langen ließ, fügte er hinzu: „Es ist überhaupt mein Fehler, daß ich nicht an die Macht meines Blatts glaube. Der geborene Redacteur muß über- zeugt sein, daß morgen früh vom Kaiser bis zum Nachtwächter jedermnnu seine Ratschläge erwägen und womöglich befolgen werde." Sie gingen miteinander fort und Richard brachte sein An- liegen gleich vvr. Es werde für ihn und seine Oper in der Fanfare zu viel Reklame gcniacht. „Wenn Sic mir Ihre Freundschaft beweisen wollen, Herr- Bode, so verhindern Sie solche Sachen. Mozart und ich! Es ist Blasphemie I" „Es kam mir selber drollig genug vor. Ihr Vater hat den herrlichen Gedanken mit unserem Musikrcferenten zweiter Güte selbst redigiert. Also Sie wollen sich von den ver- nünftigeu Leuten nicht auslachen lassen? Wissen Sie, daß ich da fast an Ihrem künstlerischen Beruf zu zweifeln be- ginne? Sehen Sie sich unsre ersten Maler, Musiker und Schriftsteller an i keiner hat etwas dagegen, wenn man ihn mit den Heroen seines Fachs vergleicht. Die„Fanfare" arbeitet gleichmäßig für das Haffner-Bier und für die Kunst. Man nennt das den edlen Glauben au sich selbst. Vom Jüngsten bis zum Aeltcstcn treiben sie praktische Jch-Philosophie: sie setzen sich selbst und erwarten den Gegenbeweis. Wenn man berühmt werden lvill, so muß man dach mit einem Bewunderer anfangen. Und wer selbst sein erster Bewunderer ist, der kann wenigstens auf die eigene grenzenlose Hingebung zählen." „Spotten Sie nur? Ich bin wahrscheinlich nicht besser als die andern, aber ich kann nnr doch die Reklame des eignen Vaters nicht gefallen lassen." „Er ist freilich nicht ganz unbefangen. Ich werde dafür sorgen, daß künftighin alle Reklamen für Fata Morgana durch die Hand nnsres Musikmenschen erster Güte gehen." Richard blieb plötzlich stehen und blickte dem Redacteur ins Gesicht. „Ich bitte Sie," rief er.„lassen Sie mir gegenüber den chnischen Ton fallen, er ist ja doch nnr eine Maske. Wenn Sie's für ein Unrecht halten, wie die ganze Gesellschaft schreiend dem Erfolge meines Werks voranseilt, dann sagen Sie es mir ehrlich mit derben Worten. Wenn Sie den Brauch aber für berechtigt ansehen, dann kränken Sie mich nicht ferner mit einem Hohne, der mich erst in zweiter Linie trifft; zuerst aber nieinen Vater und Sie selber, der Sie diesem Gewerbe seit Wochen Ihren Namen leihen, Ihr Wissen, Ihre Begabung und Ihre Ehre." Bode antwortete nicht sofort. Sie standen an der Ecke der Leipzigerstraße und mußten in einen Thorweg zurück- treten, um in dem Auf- und Niederfluthen des eilenden Menschenstromes nicht gestoßen und nicht von einander getrennt zu werden. Stiller lag die Mauerstraße in dem rotgelben Scheine der Gaslaterneu da. Auch oben, wo die Lcipzigerstraße sich gegen die Stadt zn scheinbar vebengte, zogen sich zwei lange Fäden von matten Gasflammen bis tief in das Flimmernde, Unbestimmte von Nacht und Lichtschimmer hinein. Nur von dort ab, wo sie standen, bis zum Leizigcr Platz glänzten die malerischen Häuserfassaden und die grellen Schaufenster in dem flackernden Scheine der elektrischen Bogenlampen. Bode ließ seine Augen ruhig hinauf und hinunter schweifen nnd sagte, als der Freund endlich verwundert seinen Blicken folgte: „Glauben Sie, daß der Entdecker dieses Lichts nur der Reklame ein neues Werkzeug schenken wollte? Glauben Sie, daß Werner Siemens für diesen Strumpfwirkerladen gelebt hat? Den Kampf mit der Natur aufzunehmen und ihr ein helles Licht abzuzwingen, das ist� eine große That, so berauschend wie nur der Traum eines Künstlers, der in seiner Schöpfung sich verwirklicht. Und was hat man aus seiner großen That gemacht? Ein Mittel der Reklame I Seine Waren ausschreien will jeder Kaufmann. Auf dem Jahrmarkt, in den Dörfern thut es noch die alte Trompete, in der stolzen Großstadt ver- einigen sich Kunst, Geschmack und Wissen und haben die alte Trompete abgesetzt. Kommen Sie, sehen Sie sich Laden für Laden au, sehen Sie, wie die Farben in jeder Auslage schreien und wie trotzdem der Glanz der alten langsameren Geschäftshäuser zurückgedrängt wird durch die größte, neueste, schnietternde Trompete, das elektrische Licht. Und wenn Sie von einem erhöhten Standpunkt auf die Stadt hinuuterblicken, so schauen Sie über ihr einen undurchdringlichen Nebeldunst, aus dessen Tiefe nur ab und zu ein einzelner Schimmer hervorblitzt. In diesem feurigen Nebeldunst wird die große Schlacht der Reklame geschlagen. Wer bescheiden ist, der verkauft seine Ware nicht. Das elektrische Licht verführt den Käufer am Abend, des Morgens weckt uns der Marktschreier mit seiner Tagestrompcte, dem Inserat. Der Erfinder der Buchdruckerkunst ist arm gestorben, weil er die Bibel dem Volk käuflich machen wollte Der Jnseratenhändler von heute wird nicht arm bleiben. „Ich begreife nicht, wie Sie mit solchen Gesinnungen das unsaubere Geschäft mit Ihrem Namen decken können." „Ein unsauberes Geschäft? Habe ich das gesagt? Nicht jeder Jnseratendrucker muß sich selbst verkaufen, nicht jeder Marktschreier muß gefälschte Waren anpreisen. Der Beruf eines Marktschreiers ist bürgerlich ebenso ehrenwert wie ein andrer, so lange der Mann sich nicht mit Wissen und Willen au Betrüger verdingt. Ebensowenig ist es unehrenhaft, wenn der Zeitungsbesitzer ankündigt, wo seine Leser eine leere Wohnung, einen beschäftigungslosen Dienstboten, meinet- wegen auch ein Bankhaus für ihr überflüssiges Geld finden können. Es� ist gar nicht notwendig, daß der Redacteur dabei nach dem Zusciatentcil schiele und Lob oder Tadel von den Nücksichten auf die Heeren Inserenten abhängig mache. Ich weiß wohl, daß auch bei uns nicht alles reinlich zugchen soll, doch bis heute habe ich nichts als Klatscherei darüber gehört. An dem Tage, wo ich persönlich zwischen meiner Ehre und meinem Gehalt zu wählen haben werde, will ich mich anständig ausführen, dessen seien Sie gewiß." Und leiser fügte er hinzu: „Ich weiß, es ist eine Schwäche von mir, daß ich ans einen äußern Beweis warte, bevor ich mein Amt nieder- lege.— Sie müßten einmal das Glück meiner Käthe sehen." Sie waren bis vor das Potsdamerthor gelangt; Richard blieb wieder stehen und wandte sich dem dichten Lanbgange zu, der von dort zur Tiergartenstraße führt. „Nein," sagte er, als Bode mit ihm die Richtung ein- schlagen wollte,„ich möchte Sie bis zu Ihrem Hause be- gleiten; dorthin schaute ich nur, weil seit Wochen meine Gedanken bei dem neuen Theatergebände sind; es ist niärchcn- Haft, wie rasch es fertig wird. Und ich hoffte so viel von seiner Nollendung. Sie haben viele Hoffnungen in mir zerstört." Tie Trauer Richards ging Bode nahe. „Das wollte ich nicht," rief er schnell,„wenn Sie Vertrauen zu sich haben, so gehen Sie Ahreil Weg nur mibe- kümmert weiter. Halten Sie Ihr Künstlertnm rein von Lüge und setzen Sie es bei Ihrem Vater durch, daß er für den Sohn nicht allzu lebhaft eintritt. Im übrigen laffen Sie Ihre Freunde gewähren. Es kommt nur darauf an, ob Ihr Werk einen Erfolg verdient; ob und wie es ihn erringt, ist ja gleichgültig. Die EntWickelung der Menschheit wird nicht viel nach unsrcr Zeitung fragen. Ein jeder in ernste Gedanken versunken, gingen sie unter den hohen Bäunien der Potsdamerstraße laugsam aus der Stadt hinaus. Vor der Brücke kaufte Bode von einem alten Weib ein Nelkenstränßchen. Richard nahm eine Rose. „Darf ich die Blunie übersenden?" Bodes Augen blitzten auf. „Käthe wird eine große Freude haben. Ich will ihr sagen, daß der Sohn des Zeitungsbesitzerö die Rose schickt. Sie wird sich geehrt fühlen und fester an die Sicherheit meiner Stellung glauben. Sie ist so glücklich darüber, daß sie täglich ihre Markteinkäufe bezahlen kann." (Fortsetzung folgt.) Souttkagsplolttdevei. Und sie bewegt sich dock— diese Erde nämlich, die bisweilen nur Ivie ein starrer Schauplatz von UngliickssäUen und Verbrechen erscheinen will, die sick in widriger Ocde gleichförmig durch die Jahrtausende wiederholen. Mau erschrickt beinahe vor freudiger Ueberraschuug, wenn man gewahrt, daß die Menschheit doch nicht still steht, sonder» rüsttig vorwärts schreitet. Rur muß man, wenn man solcher Freude teilhaftig werden will, dieser ans Massenmorden, Völkerhctzen und allerlei geistigen Tobsüchte» zusammengesetzten großen Politik entfliehen und sich dem Unscheinbare» zuwenden, das man gleichwohl noch segnen wird, wenn man längst vergessen hat, die Misscthatcn der großen Politik zn verfluchen. Die Hunnen werden nach tausend Jahren gänzlich ans dem Gedächtnis geschwunden sein, das Kakhitnin wird zu einem»n- loSbarcn Problem altertümclnder Sprachforscher werden, König HumbertS jähes Geschick wird keine Sage mehr fingen, mck niemand ivird niehr jener dunklen Zeit sich erinnern, da man die größte Knltnrbewegnng der Menschheit, den Freiheitskampf des Proletariats mit ivliithnnden hetzte— aber das hoffe ich, jenes ersten Anglist des JahrcS 1900 wird man auch nach tausend Jahren pietätvoll gc- denken, da——— ans der Berliner Waiinseebahn der erste elektrische Zug der öffentlichen Benutzung freigegeben wurde. Der Glaube au den Fortschritt der Menschheit, der mir in müden Stunden bei der Lektüre dcS„Lokalanzeigers" imtnnter zu entwischen droht, ist während der Fahrt im elektrischen Zug wieder fröhlich auf- geblüht. Der promcthcische Funke ist doch nicht erloschen, imd wir vermögen Wunder zu vertvirklichen, wenn wir nur den Bannkreis der Staatsmänner verlassen. Die zeugen Gespenster der Vergangen- heit, im elektrischen Zug aber fahren Ivir kühn in die Zukunft. In der Bertvendung der elektrischen Kraft gciviunt jener �chtvenk der Schildbürger lebendige Vernunft, die in Säcken das Licht in das fensterlose Aalhans schleppten. Die tolle Narrheit ivird hier erhabene Wirklichkeit. Wir tragen in die tote Materie eiiigefangene, konzentrierte Bewegung und das schwere Eisen wacht ans und durchmißt den Raum, indem cS ihn zeitlich zusammendrängt. Die intensive Betvegung löst sich in extensive Bewegung ans, das ist das schlichte, zauberhafte Geheimnis der Elcktricität. Wir fange-. nicht nur da? zerstreute Sonnenlicht in Säcken, sonder» Ivir pressen es auch zusammen, rcimgen und regeln es, und wenn wir den einen tvinzigcn Sack öffnen, denn flutet blendendes Licht durch alle Winkel des Rathanses— nur die Reden und Beschlüsse der Schildbürger werden des Segens nicht teilhaftig, die bleiben fenster- und lichtlos. Gegenüber der elektrischen Lokomotive wirkt das alte Dampf- untier wie ein urzeitlicher Dinosaurier gegenüber einer Gazelle. Kein Qualmen und Fauchen, keine Hitze und kein Kohlenstaub— in engem Abteil ein feingliedriges Maschinenwcrk— ein leichter Hebel wird beivegt, ein leiser Pfiff ertönt und sofort, ohne grollenden stampfenden Widerstand gleitet der Zug vorwärts, an der Gleit- schiene ein fröhlich prasselndes Feuerwerk von Funken cnt- fesselnd. Das ist der gebändigte Blitz, der sein loses Wolken- noinadentum aufgegeben hat und in geordnetem Staatsdienst nützliche Thätigkeit ausübt. Die Elemente werden zu menschlichen Haus- tiere». Im nissigen, heiß keuchenden Dampfzug, der durch die Nacht wie ein laufendes Erdbeben stürmt, versinnbildlichte sich sür Emile Zola die bete llumaiiio, der vertierte Mensch, der in elementarem Trieb Verbrechen übt. Das schlanke luftige Kunstwerk des elektrischen Zugs, der aller irdischen Schwere entrückt scheint, hat nichts Dnmonisch-GransigeS mehr an sich. ES ist schwebender Tanz in ihm und das helle Glück der Leichtfüßigkcit. Das Zeitalter des Kohlenrauchs, der über die Erde das schwere Gewölk der Industrie breitete und die miS Wasserdunst lose gewobenen Segler der Lüste vertrieb, die schwarze, stickige Zeit nähert sich ihrem Ende; mir der hemmende Kapitalismus gewährt ihr noch eine Gnadenfrist. Sonst könnten wir übers Jahr schon atmen in reiner Luft und in vier Stunden mit dem gebändigten Blitz von Verlin zum Rhein gelangen. Für Eugen Richter aber hat sich wieder ein schweres Problem nnsrcs ZnkuuftsstaalS gelöst. Das Stiefelwichsen bietet ja noch der glorreichen Erfindung der Stiefelwichsmaschine kein Hiudcniis mehr für den Beginn der socialistischen Gesellschaft. Jetzt wissen wir auch, daß es keine Schwierigkeit haben wird, Personen z» finden, die das Amt cincs Lokomotivführers übernehmen wollen. Es wird sogar ei» Lieblingspostcn sein, um den sich die Menschen reiße» werden. Auf behaglichem Stuhl ivird der Mann sitzen, und in aufmerksamer Muße die paar Hebelgriffe ausführen, die reinen Düfte der vorüber- eilenden Felder und Wälder einalhmcnd. Ja, vielleicht wird es überhaupt keine Lokopiotivführer mehr gebe», der Zug wird von der Station ans reguliert und er bedarf ebenso wenig cincs Führers und Begleiters wie heute etwa ein Telegramm, das übers Meer fliegt... Ter elektrische Zug ist am Ziel. Wir verlasse» den Zug. stauen uns noch ein Weilchen um die Lokomotive und beschnüffeln ihre Gsheinmiffc. Dann drängen ivir Uns durch die enge Gnaden- Pforte der Billettkiiipser, und die jungen Mädchen, die aus de» Vor- orte» kommen, entschwind«» hurtig in die Warenhäuser,� in denen sie Verkäuferinnen sind. Ich hoffe, daß das Erlebnis, daß sie zum erstenmal mit dem clettrischcii Zug gefahren, ihren Kolleginnen, die nicht das Glück der Wanuseebahnsahrt genießen, eine»cidrcizcude Neuigkeit sein wird. Draußen au» Potsdamer Platz flattern wieder die un- vermeidtichen Extrablätter. Künden sie der Menschheit bc- rcils die Wniidcrfährt des elektrischen Zuges? Ach, nein: solch ei» Weiidepnukt der Weltgeschichte wird von August Scherl keiner Extrablätter wert befunden. Die Passanten, die nach den Blättern greisen, erwarten mindestcus ei» Gemetzel in Peking, ein Bomben- attentat, eine Komplikation von Raub-, Lust- und Muttennord, eine interessante Rede, lvcmi auch nur des hoheu Flilterwöchuers von Serbien. Scherl hat»ns verwöhnt, er versteht es, das Schicksal für sei» Geschäft arbeiten zu lassen; nur was im Extrablattstil geschieht, ist würdig, daß eS die Mitwelt erfahre. Aber die Extrablätter müssen sich steigern; es ist ein Anfall von geschäftlichem Unverstand. wenn Scherl nach de» gehäuften blutigen Sensationen der letzten Tage dem Publikum zumutet, sich für den natürlichen Tod irgend eines kleinen Herzogs zn interessieren. Unwillig werfen die enttäuschten Leser das»eneste Extrablatt ans die Straße, die bald ivie ein weißes Schlachtfeld getäuschter Erivartmigc» aussieht: Rur ein Herzog gestorben, und nichr einmal unnatürlich— das lohnt sich nicht; das heißt die Bcdciilnng der Extrablätter eiitiveihc», die doch dazu bestimmt sind, die Menschheit an die Erhabenheiten unserer irdischen Eutwicklnng zu crimicru, die für den geistigen Erzieher Berlins ans lauter sünslcn Akten besteht. Indessen, zum Trost für die Enttäuschten, die an August Scherls Genie»ach solchem Mißgriff zu zweifeln beginne». sei eine neue sinnreiche Einrichtung erwähnt, die der große Organisator soeben getroffen hat. um Mißverständnisse und Verwechselungen in seinem gewaliigen Meinnngs betrieb zn vermeiden. Es hatte sich in letzter Zeit herausgestellt, daß seine jungen Leute im Ucbemiaß der Sensationen inisicher nmrdeu in der Abschätzung von Menschenleben, hatten eS einzelne Mitarbeiter doch sogar in widernatürlicher Ver- irrnng gewagt, atlc Meuschcnleüeu für gleich wertvoll zu halten. Um solchem Unheil ein sür allemal vorzubeugen, hat der betrieb- smuc Großunternehmer der öffentlichen Meinung einen Mcnsche»-- lcbentarif ersonnen, der in alle» tltedattiolisstnben zur Nach- achti mg aushängt. Bereits haben Ullstein, Mosse, Lessiugs Erben mid Leun Leipziger den Tarif ihrerseits übernommen. und es wird also künftig nicht mehr vorkommen, daß ein Nedactenr in diesen Fragen ei» falsches Urteil fällt. Um eiiicu Begriff von der Sache zu geben, srieir einige Posten aus dein Blut- Zolltarif mitgeteilt: 2000 Chinesen niedergemetzelt— Bravo, begonnene Sühne, bewährter Heldenmut. 300 Bergleute verunglückt— bedauerliches Vorkommnis. 4 deutsche Matrosen verwundet— tiefer Schmerz über ver- gossenes Blut, 1 König ermordet a) in Europa: t. Dreibnndstaatcn— Menschheit verhülle dein Haupt— grausamer Blutdurst— wahnsiunige Bestialität. 2, Andere Staaten: Scheusälig— Verschwöningen— Schuld socialer Verhältnisse. b) Asien: 1. China. Gerechte Strafe. 2. Andre Reiche: Orientalische Barbarei. 1 Gesandter getötet— Größtes Verbrechen der Weltgeschichte— Rache, Rache, Rache— Schändung des Völkerrechts. August Scherl-f— die Menschheit hält de» Atem a>i— nu- crsctzlicher Verlust— die Erde trauert. 3oll. Mlrinrs Fcuillekon» dg. Ter Speisesaal. Ilm zwölf Uhr machten die Arbeiter Mittagspause. Einige gingen hinüber»ach der Destille, den andern wurde das Essen von den Frauen gebracht. Auf' Bretterhaufen und Steinschichte», auf den Treppenstufen saßen sie und löffelte» hastig das kärgliche Mahl. Einer stand am Ausgang und sah mit ungeduldiger Miene die Straße entlaug. Sein Nachbar hielt eine» Augenblick mit dem Esse» inne und lachte auf:„Na, Lehucrt? Mutter mal ivicdcr im- pünktlich?" Der Geneckte zog die Stirn kraus:„Wird doch wohl uich anders zu machen sein—" und dann mit einem jähen freudigen Aufleuchten im Gesicht:„Da iS se auch schon!" Eine Frau kam mit eiligen Schritten über den Fahrdamm, schon von weitem winkte sie ihrem Mann zu, schtver aufatmeud stellte sie den großen Henkelkorb ans einen Bretterstapel:„Na, Du hast wohl schön gewartet?" „Fs schon halb eins!"> Sie kramte geschäftig die Schüssel und Messer und Gabel her- vor:„Ja.'S is aber Ivirklich»ich meine Schuld, ganz jeiviß nich," sie setzte sich»eben ihn auf den Brctterhaufen.„Stehsle, ich lvar schon um tO Uhr fertig, aber denn sagte die Klettnern, ich sollte ihr auch noch die Wäsche ausplätten, na. und nein sagen kann man doch nicht, sonst verliert man die Stelle." Der Mann brummte:„Unvernunft, und Ivo sc weiß, daß De Essen tragen mußt." „Ja und ich Habs ihr»och mal gesagt: Es wär doch auch anS- gemacht bis zehn Uhr, sie sagte aber,»ciui ich keine Zeit hätte, sagte sc, und tveu» ich so mit de Minute rechnen wollte, denn sollt ich mir doch man'ne andre Austvartiiiig suchen. Na und da Hab ichs denn lvoll machen müssen." Sie seufzte auf,' damr warf sie plötzlich einen Blick in de» Eßnapf.„Da is Dich'n Stücke rein- jcflvgcn, sich mal, da!" Er angelte mit dem Lössel danach. bischen Mörtel, na das kommt bor." „Ja's zieht so, man staubt janz voll, und sieh mal, aufS Fleisch iS mich schon was geflogen." Sie nahm ein Messer und schabte die Staubschicht herunter; da»» stand sie plötzlich ans und rückte au den Brettern:„Nein und ivie man hier sitzt," ganz schief und lahm wird man! Kannst Du denn des aushalten, Ivo Du doch schon nuide jenug bist? Wir ivollcn uns doch drin auf die Treppe setzen." Er schüttelte den Kopf:„Ree laß mau sind, da is's zu schmutzig und's riecht auch so nach all den frische» Kalk und nach die Farbe. da halt ich schon lieber'» bißchen Zug aus, ich leg mich ja deu» auch schlafen." „Jawoll in den Sand, nicht lvahr?" Sie nickte, und ein Zug von Bitterkeit flog über ihr Gesicht. Er sah es, aber er sagte nichts. Eine ganze Weile saßen sie schweigend, die Augen der Frau ginge» über den Bauplatz fort, zu der hübschen Villa, die nahe vor ihrer Vollendung stand:„Dies Hans lvird fein!" „Na und ob's fein wird! Der Wildert kann's ja aber auch haben, so'» reicher Fabrikbesitzer!" „Die großen Zimmer!„Dies da unten hat sogar drei Fenster; da sehen unsre zwei Stuben dreimal rein, dies wird wohl 'n Tanzsaal?" „Ach wo!'S Speisezimmer „'S Speisezimmer?" Cr nickte.„Ja und warte man, bis'ö fertig is, denn wird's großartig! Ich Hab jcstcrn zugehört, ivie er hier lvar, den Wildert mein ich. Tapeten kommen da jauich rein: alles alldeutsch, sagt er, »»ten um de Wände rum allcns Holz und janz fein geschnitzt. Und die Fenster werden von buntes Jlas, des soll denn janz prachtvoll aussehen, ivenn da die Sonne durchscheint, und die Decke und oben 'rinn die Wände, da wird allcns jemalt." Die Frau hörte ihm schweigend zu, er ließ sich nicht sivreu: „lind die Wilderteu, was die jnädige Frau is. die hat auch schon jesagt, sc läßt sich allen« neu zu machen. allcns nach Zeichnung«». Da die Fenster gegenüber soll'» Büffet hin, da kommt alles Silber rauf, und in de Mitte'n langer Tisch n»d rings'rnm hohe Stühle, ivie se in so'ue alle Burg sind, und um de Wand runi lauter Bänke niit Kissen und Polster, so daß man gleich drauf schlafen kann. Na, Alte, Du sagst ja aber gar nichts?" Er brach ab und sah seine Frau an. Sie kratzte einige Speisereste vom Teller in den Sand, that es aber rein mechanisch, ihre Augen hingen noch inimcr an dein Hanse, dann sah sie plötzlich auf und über den Bauplatz for-t, über seine Stein- nnd Bretterhaufen, über die Mäimer und Fraue». die beisaituueiisaßeu, staubuimvcht, kalkbcspritzt, das kärgliche Mahl hinmitcrjageild: und wie aus eineiu Traum ertvacheud, sagte sie mit eigentümlich zitternder Stimme:„'» feiner Speisesaal!"— — Politik und Pölkcrgcruch. Wir lesen im„Globus": Daß ethnographische Fragen auch i» die Politik hilleinspielen, ist eine Thatsliche, die nur nicht umner belamit ist. Die verschiedcneu Völker haben einen verschiedenen Geruch und«rkeiuicn sich daran; der North China Herald meldete 1892 ans Nanking eine dahin gehörige Thatsache, welche zur Erklärung der neuesten Vorgänge in China mit beiträgt. Die Chinesen behaupten nämlich, von den„fremden Teufeln", den Europäern, ginge ein für ihre Rasen abscheulicher Geruch aus. Ein chiuesischei: Gelehrter erzählte dem Briefschrcibcr, dieser Geruch sei für ihn so imaugcnchm und wirke so stark, daß er ihn röche, wenn ein Weißer in einem Zimmer gelvesen wäre. Ja, der Geruch setze sich in seine Kleider fest, und käme er zu feinen chincfi- schen Freunden, dann sagten diese ihm;„Aha, Du bist wieder bei dem Freiiideil gelvesen, wir riechen es."— Umgekehrt aber riecht auch der Weiße, ob vor ihm Chinesen in einem Zimiilcr gewesen waren, wofür Adolf Erman Beispiele anführte, der in Kiachta den chitiesischen Landes- oder Nationalgernch beobachtete. Dieses sind nur kurze Aiidcntniigen ans einem reiche» Hauptstück— der Chinese aber behauptet, mit den Weißen ihres Geruchs llvegen nie auf besseren Fuß komme» zu können, und darin liegt die politische Seite der Sache.— Medizinisches. — Die elektrischen Aecumnlatoreu als Bcr- mittler von Krankheit. In allen Ländern, in denen sich die Herstellung von Accumulatoren zu einer beträchtlichen Industrie entivickelt hat, ist die Beobachtung gemacht worden, daß gerade diese Fabrikation für die Arbeiter bedeutende Nachteile mit sich bringt, und zwar infolge von Bleivergiftmig. ES sind sowohl bei Männern wie bei Frauen ganz gewöhnliche Fälle, daß schon nach 0—8 wöchentlicher Arbeit Symptome von Bleikolik auftreten, lvie sie auch in andren Industrien, die mit bleihaltigen Stoffen arbeiten inüfseil, so ungemein gefürchtet ist. ES stellt sich zunächst Appetitlosigkeit und Verdamuigsstöruiig ein, dann folgen Ucbel- lest sowie Unterleibs- und Magenschmerzen von solcher Heftigkeit. daß an eine Forlsetzimg der Vcschäftigimg gar nicht zu denken ist. Die gesimdheitlicheit Gefahren der Accilmulatorfabrikatio» sind allmählich bekannt geworden; in manchen Werlstätteu hat man besondere Maßregeln dagegen getroffen: man läßt alle Wochen einen Arzt kommen, der alle Arbeiter untersucht, man verabreicht allen, auch den Gesunde», gcschwesclten Honig. Eisenpillen und ein be- stimintcs Quantum Milch täglich: man achtet auf sorgfältige Neinigiiiig der Hände, lvozn besonders Seife geliefert wird. Aus- bürsten der Zähne und Ausspülen des MmidcS. nnd alle 14 Tage erhalten die Arbeiter ein Schwefelbnd. Trotzdem aber halten es die Arbeiter gewöhnlich nicht länger als zwei bis drei Monate aus, ohne der bösen Bleivergiftung zu Verfallelt. Räch den in der Schweiz und in Deutschland vorgenommenen Er- Hebungen erkranken die Arbeiter, die mit dem Löten der Elektroden beschäftigt sind, im Verhältnis von 37 Proz., die Plättenschiicidcr zu 30 Proz., während die Platteiirciiliger nur zu 13 Proz. an Bleivergiftung erkranken. In manchen Gegenden, wo die Fabrikation von' Accmimlatoren einen besonderen Aufschwung gcnonmicn hat. koinincn weitaus die meisten Fälle von Vleikolik ans den Kreisen ihrer Arbeiter. Die Krankheit der Accumulatoren- arbeitet- ist nach dem Zeugnis verschiedener Acrztc noch durch be- sondere Nachteile von andren Blcivcrgiftnngeir unterschieden, indem die Anfälle sehr frühzeitig und stark eintreten und sich häufig wieder- holen. Ost stellt sie sich bei ganz gesunden kräftigen Menschen schon nach 3— swöcheiitlichcr Arbeitszeit ein und macht sie für einen größeren Teil des Jahrs arbeilsnnfähig, da sich alle 3—4 Wochen der Anfall iviederholt.— Ans dem Pflanzenlebe». — D i e S p i tz e il d ü r r e der Obstbäume ist eine Krank« heit, tvelchc andeutet, daß die Lcbensfähigteit des Baums, an dem sie sich zeigt, in gefährlichem Rückgang sich befindet. Das alljähr- liche Trockcnwerdcn der Zweigspitzen kann verschiedene Ursachen haben, die aber sämtlich darauf hinanskomincn, daß die Saftbewegnng plötzlich sehr erregt wurde, worauf eben so plötzlich eine diirchgreifeude Saftstocknng eintrat. Wird beispielsweise ein Baum ans cmcn flachgriindigcii Boden gepflanzt, wo die Wurzeln durch nndnrchdriiiglichen Untergrund: Letten. Kies. Felsen, abgehalten werden iveiter euizudringen. so wird derselbe, solange der Boden im Sommer noch Feuchtigkeit bietet, auschcineud noch ganz normal treiben; verliert sich aber die Feuchngteit, trocknet der Boden aus, so hört das weitere Wachs- tum des Baumes auf, er fängt an zu kümmern, und zunächst sterbe» die äußersten Spitzen der Zweige ab. Sobald dann an- hnltciidcS Stcftcutucttcr eintritt, erholt sich der»och»icht ol>- gestorbene und nicht bereits trockene Teil der Acste lviedcr bis ans die bereits tote Spitze. Oder wenn sich die schon fast vcr- holzten Triebe lebend erhalte» haben, so quellen sie bei der Zn- fnhrnng von reichlicher Nahrung zu sehr anf, kommen zu sehr mit Wasser gesättigt in de» Winter hinein und erfrieren dann. Ganz ähnlich geht es in nassen, Boden zn. Bäume, die hier stehen, zeigen im Frühjahr keine groszc Lebenskraft. Sic kümmern zn Anfang, treiben gelbliche, schwächliche Blätter und beginnen erst, nachdem der Boden wärmer und trockner geworden ist, im Sommer oder Spät- sommer gehörig zn treiben, was dann aber kein Ende nehmen ivill. Der Baum treibt bis in den Spätherbst, das Holz erhärtet nicht ge- hörig, und der Trieb erfriert. Oft kommt auch der Fall vor, das; anf sonst gutem Boden plötzlich in Mitte Sommers,»nck anhaltend Heister Zeit, Zweig um Zweig vertrocknet. Es ist dies gewöhnlich die Folge des zu tiefen Pflanzens. Wenn der Boden nnr einen schwer durchlassenden Untergrund hat, must dieser durchbrochen und rigolt werden, u», dem Baum in der Tiefe und im Umkreise seines Stand- orts Wnchsraiuil für sein Wnrzelsystem zu verschaffe». Namentlich ninst das Rigolen bis zn einer Tiefe stattfinden, dast den Wurzeln das Eindringen bis zn zwei Meter Tiefe ermöglicht wird. Ist der Boden»nr trocken, so hilft in der Regel ein tüchtiges Rigolen so- fort. Der Standort wird dadurch befähigt, das Wasser besser aufzu- nehmen, und es lvird überhaupt möglich, gute Erde, halb zersetzten Dünger. Kompost und so Iveitcr zuzuführen und die Nährkraft des Bodens zu erhöhen. Bei nassem Standorte ist zunächst eine Trockenlegung herbeizuführen, auch kann oft dadurch geholfen werden, dast jüngere Bäume umgepflanzt und ihnen dabei ein erhöhter Stand gegeben wird. Aelteren Bäumen kann man dadurch nachhelfen, dast man sie mit einem entsprechenden Batten loSgräbt, hebt, ihnen eine durchlassende Schicht guter Erde nntcr den Fnst giebt und sie dann gehörig mit sandigen, Boden nnifüttt. Bei z» tief stehenden Bäume» wird die Erde nm die Stämme nach und nach so weit fortgeschanfelt, wie es nötig erscheint.—(„Köln. BolkS-Ztg.'') Meteorologisches. — Ueber Wasserhosen an der australischen K ii st e entnimmt die Wochenschrift„Mutter Erde" den„Proceedings" der„Royal Society" von?tcn-Siid-Wales für 1893 einige bemcrkcns- werte Beobachtungen: Die Wasserhosen scheinen sich' in Australien auf die Küste von Nen-Süd-Walcs zu beschränke»:'"an hat dort seit dein Jahre 1888, aus dem die ersten Mitteilnngen über die Er- scheinung vorliegen, das Phänomen 38 mal beobachtet. Oft kamen 5 oder 6 Wasserhosen gleichzeitig vor, doch bemerkte man an, 18. Mai 1898 bei Eden, an der Südostküste, gar 2V Wasser- Hosen, die sich schnell nacheinander in die Höhe wanden. An jene», Tage war der Morgen schön nnd das Meer ruhig. Um 9 Uhr er- schien mit Nordostwind am Horizont eine dichte, dunkle Wolke, nnd man beobachtete elektrische Entladungen ans den Luftschichten ober- halb der Wolke nach der Oberfläche des Meeres. Um 11 Uhr bildete sich die erste Wassersäule in einer Entfernung von etwa l'/s Kilometer von der Küste, und zlvar ganz unvermittelt: sie stieg gerade empor wie ein Fabrikschornstein bis zur Höhe von fchätziingSwrise 1599 Meter nnd bewegte sich nach Südwesten. Ungefähr 8 Kilometer von der Küste verschwand sie plötzlich. In der Folge bildeten sich dann nacheinauder zunächst 14 andere Wasserhosen; sie stiegen ans de», vöttig ruhigen Meere auf nnd bc- Ivegten sich anf die dicke Wolke zu. Die nächste befand sich 13, die entfernteste 69 Kilometer von der Küste. Die höchste hatte nach einer Theodolit», cssung 1599 Meter Höhe nnd 39 Meter Dicke. Mit dem Fernrohr konnte man die Bildung der Säulen verfolgen. Zunächst lvnrde die Oberfläche des Meeres„»ruhig, die Kämme der Wette», von denen sich Schaniuflocken lösten, nahmen eine drohende Bewegung an, die einen Kreis von victteickt 599 Meter Durchmesser in Mitleidenschast zog. Dann verminderte sich attmählich der Umfang des Kreises, es bildete sich auf dem Meere in 2 bis 3 Minnten eine Anfstauung, und diese wuchs sich protuberanzenähnlich in die Höhe ans. Andrerseits stieg ein Kegel von der Wolke herunter, der in seinen, unteren Teil zunächst abgerundet war und sich dann in schneller Bewegung schraubenförmig ausbildete. Schlicstlich, nachdem ein beiderseitiger Stoff von 39 Sekunden Daner beobachtet worden lvar, vereinigten sich die beiden Gebilde. Die eigentliche Wasserhose war damit fertig, sie behielt ihre drohende Bewegung bei nnd hielt sich 19 bis 12 Minuten aufrecht, wobei eine völlige Vereinigung mit der Wolke eintrat. Während dessen wurde die Wolke»»»'so dicker, je mehr die Säule sich ausbildete. Sich stetig drehend bewegte sie sich fort, bis diese Bewegung nach Eintritt der vollen Entwickelung sich zu verlangsamen schien. Diese letztere Beobachtung hat man auch bei terrestrischen Tromben gemacht, die eigentümlicherweise durch Seen, die sie passiere», gleichsam gelähmt werden.— Technisches. — Eine technisch besonders interessante Leistung wurde vor einigen Tagen bei der schiefen Viadukt- Überführung der elektrischen Hochbahn über die Kanalbrücke der An- Halter Bahn und über den Laiidwehrkanal beendet. Es handelte sich darum, die grohe eiserne, über 8 Meter breite Gitterbrttcke von 78 Meter Spannweite, welche,„»» nicht den Eisenbahnverkehr unter den hierzu spcciell konstrnirten hochragenden Baugerüsten zu dehinder», während der Montier,, ug 1,85 Meter über ihren eigent- lichcn Stützpunkten gebaut lvnrde, nun nach ihrer Fertigstellung auf letztere selbst herabzulassen. Zn diesem Zweck hatte man, bevor das absteifende Holz- n»d Leergerüst entfernt werden sollte, das die Brücke in ihrer bisherigen Lage hielt, dieselbe an ihren vier Endpunkten durch je drei hydraulische Pressen gestützt, die zusammen eine Maximalleistungsfähigkeit von 144 Atmosphären besitzen. Das Senken geschah nun nach Entfernung der Rüstungen in der Weise, daff die Spannung der zwöls hydraulischen Pressen bei allen vier Auflagern an vorher genau bestimmten Zeitpunkten gleichmäßig vermindert wurde, waS allmählich die Senkung der Brücke, die das respektable Gelvicht von rund 499 999 Kilogramm besitzt, jedesmal»in 12 Millimeter bewirkte. Um dem bei allen derartigen langen Eisenkonstrnktionen unvermeidlichen Durchdrücken nach Möglichkeit cntgegcuzulvirkcn, hatte man beim Montieren schon vorher eine sogenannte Ileberhöhe von 12,5 Centimeter im Mittel vorgesehen: nach Wegnahme der Rüstungen erreichte man dadurch, daff das Durchdrücken hier nur 39 Millimeter betrug, was in An- betracht der Länge der Brücke als ein änherst geringes Maff be- zeichnet werden muff. Als ein den Arbeitsbetrieb erschwerender Ilmstand tritt noch die Anflagernng anf den östlichen eisernen Pfeiler, eine sogenannte bewegliche Pendelstütze, hinzu, im Gegensatz zu dem lvestlichen feste» Ziegeln, ancrlverk am andern Ufer des Land- Wehrkanals: trotzdem gingen die eine Zeit von vier Tagen be- ansprnchenden Senkungsarbeiten ohne jeden Zwischenfall glatt von statten.— Humoristisches. — Ganz einfach. B a n e r s f r a u(zn ihrer Tochter, die sich eben anschickt. K u n st bntter in die Stadt zn Markte zu trage»): „Marei I Thua a' paar Ftiag'n eini, daff d' Leut' sehen, es is a' echte L a n d b u t t e rl"— — B u r e a u l e b e n. B ,, r e a„ d i e n e r(zu seine», Kollegen): „Was bedeutet denn täglich der öärm und das Gestreite im Bureau der Beamten, che es geschlossen wird?"— „Ach, die legen sich immer, che sie auseinander gehen, die Träume gegenseitig ans, die sie während der Bureau- stund e>, h a tte n!"— — Un z nv erlässig. Ich kann diesen Menschen nicht leiden: so oft er einen, was erzählt, ist regelmäßig das Gegenteil davon lvahr I" „Nun— dann lvürde ich eben halt immer das Gegenteil glauben!" „O, darauf kann man sich bei dem auch nicht verlassen I"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Clara V i e b i g s Roman„Das WeiberdorfC liegt bc- reits in 4. Auflage vor.— — Die prenffische Akademie d e r W i s s e n s ch a f t e n wird eine vollständige, auch die Korrespondenz umfassende Ausgabe der Werke Wilhelm v. Humboldts veranstalten.— — Die philosophische Fakultät der B e r l i n e r U n i v e r s i t ä t hat eine Preisaufgabe gestellt, die eine llntersnchnng deS B e r l i n e r D i a l e k t s verlangt. In der Erläntcrnng zu dieser Aufgabe heißt cS:„ES wird zunächst die geschichtliche Grundlage durch die Durchforschung der niederdeutschen Urkunde» nnd Akten der Stadt Berlin zu legen sein, dann ist das Eindringe» des Hochdenlschen in die Geschäftssprache zu beobachte» und die etwaige Mischsprache zu verfolgen, llcberhaupt ist die Berliner Litteratur„ach ihrer sprachlichen Seite zu studieren. Hierauf soll der neuere Berliner Dialekt erstens grammatisch nnd zweitens lexikalisch dargestellt werden. Auf Gliederung' nach zeitgemäßen Abschnitten nnd nach verschiedenen Gegenden der Stadt ist zn merken."— — Ein neues Drama von Hugo v. H o f ,„ a n n S th a I, „Der Kaiser und die Hexe" erscheint in diesen Tagen bei Schuster u. Loefflcr, jedoch nur in einer Auflage von 299»uiumcnertc» Exemplaren und in einer Luxusausgabe, deren Preis 39 M. beträgt. — DaS Berliner Theater wird diesen Herbst n. a. A. Leiscwitz'„Julius von Taren t", Max Möllers„D o r„- röschen" nnd WilbrandtS„Viola" zur ersten Anssührung bringen.— — Philipp L a n g m a n n, der Verfasser von„Bartcl Tnraser", wurde von der Direktion des Nene,, Theaters in Harn- b„ r g als Lektor engagiert.— — Die Komödie„War,,,,,, ivarnm?" von Wilhelm Mann wird am Hofthcatcr in Meiningen in der nächsten Saison zur Anfführnng gelangen.— —„D i e A rn, c„ in, G e i sie", das fünfaktige Volksstück eines pscndonyincn Autors, hatte bei seiner Erstanffiihrnng im Gärtnerplatz- Theater in M ü n ch e n einen freundlichen Erfolg.— — Die Wiener Ccnsur soll Halbes„Jugend" für das „Deutsche Volks-Theater" freigegeben haben. Mehrere Aeudernngei, des Stücks wurden als Bedingung gestellt, so die Verwandlung der katholischen Priester des Dramas in protestantische P a st o r e n.— — Die letzte Nummer- der„Jugend" bringt ein„Zeichen für den G o e t h e b„ n d" von Otto E ck»» a„„. Das Ding sieht aus wie eine Vorlage für Lanbsäge-Arbeiten.—_ Verantwortlicher Ncdäetciir: Milyelu, Schröder in Wiluiersdors. Druck»nd Verlag von Max Babing in Berlin.