Hinterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 152. Dolmerswg. den 9� August 1900 tNachdruck verdolen.) 177 Die �nnfoieo. Ncmimi von Fritz Mauthner. „Meine teure Freundm." sagte Mettin cum mit gedämpfter Stinnne,„was ist das menschliche Leben? PunNnm. wird mich unendlich freuen— das heißt— Sie verstehen mich, auch bei diesem schmerzlichen Anlaß können Sie über mich versügen." Leontinc drückte ihm die Hand und steckte das Taschen- tuch ein. „Vor allem möchte ich eine Danksagung für die vielen Beweise von Teilnahme abfassen." „Es war Ahnen gewiß ein Trost." rief Mettmann mit hellerer Stimme,„Das überlassen Sie nur Herrn PintnS. Hat er die Traueranzeige und den Nachruf nicht sehr schön verfaßt?" „Es war alle? ganz würdig. Ferner möchte ich im Sinne des Verstorbenen den Annen der Stadt eine größere Summe widmen. Er hatte nicht Zeit, selbst derlei Bestim- münzen zu treffen, da ist es meine Pflicht, statt seiner wohl thätig zn sein." „Ja, das ist üblich," brnmmte Mettinann.„Wollen Sie die Summe bestimmen?" „Ich habe noch nicht überlegt. Nun. hunderttansend Mark wird wohl das Nichtige sein. Es giebt so viel Armut in der Stadt." Mettmann fuhr auf. „Sie sind wohl— Tencrste Freundin, das ist zn viel! Sie sind lvohl in Ihrem ersten Schmerz zn ver schlvenderisch." Leontine lächelte traurig. doch schaute sie den Verleger scharf an und sagte, während ihr schwarzes Tuch langsam von den Schultern zn den Hüften niederglitt: „Die Güte meines Mannes hat mich in Verhältnissen zurückgelassen, in denen die Snnime ohne Bedeutung ist." Mettmann verneigte sich unwillkürlich. „Aber es ist zu viel," wiederholte er.„Dazu biete ich meine Hand nicht. Sagen wir fünfzigtausend." „Wie Sie meinen. Ich will nicht auffallen. Ich behalte mir aber vor, die Hunderttausend voll zu machen, wenn eine bedeutende Stiftung auf meinen Namen— auf den Namen des Toten meine ich natürlich— damit möglich würde." Es wurde still im Zimmer; jeder ging seinen Gedanken nach. Plötzlich rief der Verleger: „Wann darf mein Sohn sich erlaube», Ihnen aufzu warten?" „Er wird nur jederzeit willkommen sein. Wie gefällt es Ihrem Richard hier? Erzählen Sie mir von ihm, das wird mich erfreuen." Und nachdenklich löste Leontine das Häubchen los und warf es samt dem Tuche auf den nächsten Tisch. Mettniann kannte nur ein Vergnügen, das war, von seinem Sohne zu sprechen. Und heute tvar er überdies her gekommen, um die junge Witttve an Richard zu erinnern. Er war also nicht zurückhaltend. Er wußte bald selbst nicht, ob Schlauheit oder Vaterliebe aus ihm sprach. Wie unverdorben Richard aus der Fremde gekommen tvar, wie kindlich er die Menschen beurteilte und wie er doch wieder als Techniker seinen Mann stellte. Von der Komposition einer Oper hatte Frau Leontine natürlich sofort erfahren. DaS aber tvnßte sie noch nicht, daß das Werk von allen Kennern gelobt wurde, daß man allgemein einen großen Erfolg prophezeite und daß der Komponist durch die Aufführung allein ein gemachter Mann sein würde. „Er wird es ja nicht nötig haben. Es ist ja für einen reichen Vater gesorgt. Aber um seinetwillen freut es mich." L�onttne verbarg den Anteil nicht, den sie an Richards Schicksal nahm. „Schicken Sie mir ihn nur bald her", sagte sie lebhafter. „Sie haben Ihren Sohn alles Mögliche lernen lassen. Er tvar auf deni Gymnasium, auf dem Polytechnikum und auf Reisen. Nur in der Schule einer Frau ist er wohl noch nicht gewesen. Ich möchte seine Erziehung vollenden. Uiisre Wohnungen sind ja nur durch eilte Feuermaucr getrennt, da kann ich sagen, daß ich die nächste dazu bin." „Nicht unsre Wohnungen, unsre Häuser. Wenn ich nur lange in dem meinigen wohnen bleibe. Es ist uns zu klein; wenn Richard heiratet, ist es entschieden zn klein. Ich möchte ein richtiges Palais für ihn haben!" Leontine blickte erstaunt auf. Für so reich hatte sie den alten Mettmann gar nicht gehalten. „Das haben Sie mir wohl gar nicht zugetraut," rief er sofort.„Ich will bauen! Lauter bunte Steine, es muß blendend schön werden. Wenn diese beiden Nachbarhäuser iu eine Hand kämen— alles in der Welt ist ja möglich— und wir könnten zusammen einen großen Neubau aufführen. eS müßte das großartigste Haus in der ganzen Tiergartenstraße werden." Noch deutlicher durfte er heute nicht mehr tverden; er stand auf. Auch Leontine erhob sich. Sie legte das Tuch wieder mn ihre Schultern und sagte lächelnd: „Treten Sic mit mir einen Augenblick auf den Balkon hinaus. Da können Sie die beiden Grundstücke übersehen und bequem Luftschlösser bauen." Mettmann öffnete znvorckommend die lvcite GlaSthür. Doch als Leontine ihre» Fuß über die Schwelle setzen wollte, fuhr sie mit einem häßlichen Schrei zurück. Draußen stand in der Ecke auf einer Wasserlache und imiiicr noch triefend der Rolltvagen des toten Koinmerzienrats. Mettmann schloß die Glasthür wieder und sagte nur:„Die verdammten Dienst- boten! Alles lassen sie zu Grunde gehen. Na der Schaden ist ja nicht groß." Und er empfahl sich kurz mit dem Versprechen, seinen Sohn an einem der nächsten Tage herzuschicken. Frau Leontine erwartete Richards Besuch mit einer Un- geduld, die sie vorher nie gekannt hatte. ' Sie verbrachte manche Stunde dieser ersten Witlveutage am Fenster, um in den Vorgarten des Nachbarhauses hinein» zublicken, ob Richards Gestalt nicht ans dem blanken Kies- Wege zu entdecken war. Und sie dankte es jedem Menschen, mit dem' sie unbefangen über Richard Mettmann sprechen konnte. Als am Tage nach dem Begräbnisse gegen zwölf Uhr Herr Piukus seine Aufwartung machte und seine Dienste anbot, hatte sie das Geschäftliche rasch erledigt. Auf die Bemerkung des Agenten, ob die öffentliche Danksagung nicht auch in Mcttmanns Fanfare eingerückt werden sollte. rief sie: „Gewiß! Ich bin mit Herrn Mettmann zn befreundet, um sein Blatt umgehen zu können. Was hört man denn von der Oper seines Sohnes?" Nun war Piukus aus einen Gegenstand gebracht, der ihm sehr am Herzen lag. Er hielt sich für„sehr musikalisch". So oft er einen großen Jnseratenauftrag kalkulierte, pfiff und brummte er dazu die bekanntesten Arien aus beliebten Opern. Richard Mettmann war der erste Komponist, den er persönlich kannte. Von Fata Morgana war er begeistett. Außerdem hatte er sich in den Kopf gesetzt, wenigstens der geschäftliche Leiter des neuen Theaters und Gartenunternehmens zu werden. So plauderte er denn nach Leontinens Aufforderung sehr lebhaft, aber nicht gerade von dem, was sie zu hören erwartete. „Fata Morgana? Der reine Rossini. DaS heißt, ich habe nur noch keine Melodie merken können, aber ich Habs auch erst einmal gehört. Gott, wenn ich Direktor werden könnte, ivie möchte ich die Oper herausbringen! Nichts wär mir zu teuer I Heutzutage, wenn man sein Glück macheu will, muß man engagieren die Lucca für den Chor und eine junge, schöne Konservatoristin für die Primadonnasachen. Was, bin ich ein Direktor? Und mit den Zeitungen weiß ich umzugehen; den Rummel verstehe ich. Ich will nicht Jnseratenhändler bleiben, so lange ich lebe. Wenn Frau Kommerzienrättn mich unterstützen wollten l Herausbringen will ich Fata Morgans: nichts soll mir zu teuer sein. Wandel- dekorationen, Ballet, jung meinetwegen, elektrisches Licht. Ich möchte gern Direktor werden." Leonttne entließ den Manu, nachdem sie sich den Inhalt des Textbuches hatte erzählen lassen. Dann erwartete sie den jungen Koniponisten Tag uni Tag. und Stunde um Stunde. Sie wußte nicht, wie widerstrebend Richard des Vaters Bitte aufnahm, er möchte der Witwe Pitersen den schuldigen Besuch abstatten; aber sie fühlte doch, daß sie keinen Eindruck oder doch keinen guten gemacht hatte und daß eS nicht leicht sein würde, den jungen Mann rasch zu gewinnen. Als Richard endlich acht Tage darauf seine Karte abgab, ließ ihn Lcontine ziemlich lange warten; sie brauchte Sammlung, um ihre neue Rolle nicht beim ersten Auftreten zu verderben, und dem jungen Manne konnte es gar nicht schaden, wenn er sich in dem üppigen Zimmer auf das Er- scheinen der schönen Witwe vorbereitete. Als sie endlich mit sich fertig war, ging sie mit gemessener Haltung, ernst, aber nicht traurig, zu ihm hinein. So schön »var sie ihm noch nie erschienen. Er stammelte einige Worte des Beileids. Sie unterbrach ihn ruhig. „Die herkömmliche Form paßt nicht zu meiner Lage," sagte sie freundlich.„In einer granwollcn Stunde habe ich aus Mitleid das Amt übernommen, den Konnncrzicnrat Pitersen zu pflegen. Die dringende Bitte des alten Herrn, der nur eine klare, gesellschastliche Stellung geben wollte, hat mich dem Namen nach zu seinem Weibe gemacht. Er hat mich wie ein Bater geliebt. Und wie für den Tod eines nahen Verwandten will ich Ihr Beileid gern gelten lassen." Sie hatte Richards Hand ergriffen und herzlich gedrückt, bevor er sich noch in den innigen Ton der fremden Dame finden konnte. „Ich habe kein Recht auf so viel Vertrauen," sagte er zögernd. „Doch! Sic müssen sich das Recht nehmen. Ihr Vater ist mir ein zu guter Freund, als daß nicht auch wir ost mit- einander zusammenkommen müßten, lind Ihnen, Ihnen Ivenigstcns möchte ich nicht in dem falschen Licht erscheinen, in lvelchem die Welt so gern die beklagenswerte Frau sieht, die durch die Heirat mit einem alten Mann reich geworden ist. Ach, dieser Reichtum! Lieber Herr Mettmann, helfen Sie mir, daß ich ihn los werde. Wenn Sie irgendwo einen armen Menschen wissen, der so glücklich ist, daß ihm mit Geld geholfen werden kann, so schicken Sie ihn zu mir. Nein, komnicn Sie selbst und bringen Sie ihm von nrir, was Sie wollen." Lcontine fühlte, daß ihre Augen feucht geworden waren. Sie schwieg und blickte Richard bittend an. Er hatte es wohl bemerkt, da.ß das schöne Weib ihn günstig für sich stimmen wollte. Das freute ihn, denn die Witwe Pitersen, wie sein Vater sie nannte ,. war seinen Sinnen nicht ungefährlich und laut sprach zu ihren Gunsten sein Herz. Wie sehr hatte Bode dieser Frau unrecht gethan. Es machte ihm Freude, mit Lcontine von seiner Oper zu sprechen. Sie nahm jede Mittetlniig mit so verständigen! Anteil wuf, daß ihre Begeisterung für das Ganze, das sie noch nicht kannte, wahr erscheinen mußte. Ucber eme Stunde plauderte sie mit ihm über seine Musikersorgen; dann erst stand er auf und dankte ihr herzlich für ihre Teilnahme. „Sagen Sie Freundschaft!" rief sie mit erhobener Stimme. „Ich bin älter äls Sie, so darf ich Ihnen zuerst die Freundschaft antragen." Und sie streckte ihm die rechte Hand weit entgegen. Er schlug erröteiid ein. tForlsetzung folgt.) KUtS meinev Sthulmeipkevzeit.> Von Wilhelm Liebknecht. In meinem politischen Leben ist mir hnndertnial gesagt worden, namentlich nach einer Rede oder einem Vortrag:„Du bist doch der richtige Schulmeister I" Es war nicht immer im Guten gemeint, ich habe eS aber, auch wenn es ein Tadel sei» sollte, als ein Lob aus- gefaßt und mir dabei gedacht:„Keiner kann doch aus seiner Haut heraus I" Man kann seinen Beruf verfehlen, aber nicht seine Natur ändern. Man kann sie verhunzen, man kann sie veredeln, aber Natur bleibt Natur, auch in verschiedenster Gewandung. Und von Natur bin ich Schulmeister, und ich habe allezeit bereitwillig, manchmal sogar zerknirscht, zugestanden, daß ich als P o l i t i k e r meinen Beruf verfehlt habe. Und daß die Natur in diesem verfehlten Beruf. Ivo es nur irgend ging, zum Durchbruch kam und kommt, das ist nur natürlich.' Ich bin also kein M u ß schulmeistcr, wie die meisten „studierten" Flüchtlinge und auch sehr viele„unstudiertc", obenan der Sohn des Philippe Egalitv, späteren König Louis Philippe, eS gewesen sind. Der künftige Bürgerkönig gab in London Stunden für «inen Sixpencc(50 Pfennig), was ich ihm wiederholt nachgemacht habe und zu Zeiten gern noch öfter nachgemacht hätte. Denn ich war ') Aus:» D e r Neue W e l t- K a l e n d e r für lOOl." eigentlich Schulmeister— Schulmeister von Beruf und hatte schon v o r der„Flüchtlingszeit" eine S ch u l m c i st e r z e i t gehabt. Am Lehren hatte ich immer Freude gehabt, obgleich nicht immer an meinen Lehrern- und mein letzter Plan, ehe ich in die Fremde ge-- trieben ivurde, war, Lehrer zu werde». Mit einer geivissen spöttischen Wehmut las ich in den siebziger Jahren noch ein Zeugnis, das mein Lehrer in den klassischen Sprache», Dr. Otto, ei» Sachse aus Grimma, mir nach meinem Maturitätsexamcn ausgestellt hat, und worin er mir eine glänzende Laufbahn als Lehrer voraussagt. Ach — es ist anders gekommen, und die eherne Notloeudigkcit zwang mich, meinen Berns zu verfehlen. Bei anderer Gelegenheit habe ich schon erzählt, daß ich, als der Boden in Marburg mir z» heiß wurde, eine Lehrerstelle an der F r ö b c l s ch e n Ak n st e r s ch n l e in Zürich annahm. Es lvnr das im Herbst 1847. Ich trat in niei» Amt auch sofort cm, und es machte mir viel Freude, trotz der mancherlei Ablenkungen. Die Anstalt war damals noch jung. Aber Karl F r ö b e l. ein Bruder des bekannten Julius F r übel, der in Wie» nicht erschösse» ivurde und aus emem socialistisch-demokralisch Ultra- Großdeutschcn im Lauf der Zeitcu sich mit Miquelscher Virtuosität in einen Vismarckscheu Preußisch- Deutschen ummauserte. war ein ganz vorzüglicher Pädagoge. Thüringer seiner Herkunft nach und ein Vetter Friedrich Fröbels, des Gründers der Kindergärten. Das Erziehertalent scheint in der Familie ge- legen zu haben. Trotz ihrer Jugend erfreute sich die Fröbelsche An- stalt bereits eines ansgezeichneleu Rufs, iiaincutlich auch in England, wo Karl Fröbel jahrelang Hauslehrer gewesen und in weiteren Kreisen be- kannt geworden Ivar. Die Schule— das sei hier vorgreifend bemerkt— ging anfangs der 5(3er Jahre in die Hände deS ehemaligen preußi» scheu Hanptnianns v. Ben st— eines Vetters des sächsische», später östreichischen Ministers Benst— über, der sich der Äolksbcivcgnng des Jahres 1848 angeschlossen, in der Reichsverfassungs- Kampagne deS Jahres 184g mitgekämpft und sich in der gastlichen Schiveiz dem Lehrberuf, seinem natürlichen Beruf, geividinet halte. Unter Beusts trefflicher Leitung Ivurde die Anstalt erweitert und zählt heute zu den besten der bestehenden Privatlehranstalicii. Bcnst selbst, mit dem ich nur selten in persönlichem Verkehr, dann aber auch dem freundschaftlichsten, war, ist vor kurzem im Aller von 82 Jahren in Zürich gestorben. Die Schule war zu meiner Zeit ziemlich primitiver Art. so daß sie auch an das erinnerte, was über die P c st a l o z z i s ch e n Original-Mnsterschnlen bekannt geworden ist. Von fast hinter- wäldlerischer Einfachheit, jedoch alles reinlich und gut, insbesondere auch das Essen. An Raum fehlt es nicht in dem großen schenncn- artigen Haus, das ich! nach fast dreißig Jahren der Entfernung von Zürich vergeblich in S e e f e l d suchte. Es ivar längst den Bedürfnisse» der werdenden Großstadt zum Opfer gefallen. Einfach, ohne jegliche» Luxus, aber für alles wesentliche gesorgt— das machte mir damals einen außerordentliche» Eindruck. Wir'sind in»nsrer nngcsuiiden Kultur an Schablonen gelvöhnt und legen, wenn die Gewohnheit es so mit sich bringt, auf Nebensächliches einen boheu Wert und übersehen die Haupt- fache. Die Erziehung ist zu cineni der schabloncmnäßigftc» Berufe, oder ich will lieber sage», Handlverke geworden. Es cnt- standen bestimmte Fornien und Methoden des Unterrichts, die sich allmählich versteinerten und von einer Lehrergcneration auf die andre vererbt wurden. Das Mittel, ivie das auch in andren Dingen und auf andren Gebieten der Fall ist, wurde zum Ziveck, und der ursprüngliche Zweck ans den Augen ver- loren. Erst im vorigen Jahrhundert besannen sich die R o» ss e a n, P e st a l o z z i und' andre Geister des Umsturzes ivieder auf de» Zweck der Schule und des Unterrichts: Erziehung des Kindes zu m M c n s ch c n. Und da jedes Kind eine andre Natur hat und andre Aulagen, so fetzt die Erziehung jedes einzelnen Kindes ein Studium voraus, und muß die Erziehung > jedes Kindes unter Hinblick auf das allgemeine menschliche Ziel individualistisch sein. Das war die Grundlage, ans welcher Fröbel das, im Lauf der Metternichschcn Ncattionszeit wieder verdrängte. ja fast vergessene Pestalozzischc Systems, unter Anlehnung an die weiter entwickelte Wissenschaft, seine Anstalt anfbaute. Die päda- gogischen Ideale, die ich in meinen Studienjahren gewoimen hatte — meist in heißem Kampf mit meiner Umgebung— hier sah ich sie verivirklicht— oder doch einen ernsten, mir die Gelegenheit zur Bclhätigung meines Könnens bietenden Versuch zur Verwirk- lichuug. Mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit!»»d zu meiner Ueberraschung entdeckte ich, daß ich eine dem Pädagoge» nncnt- behrliche Eigenschaft besaß, die ich mir nicht zugetraut hatte: Geduld mit dem Schüler— sei er Kind oder erwachse». lind sonst bin ich von einer nicht bezähinbaren Ungeduld, die mir schon viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. In der Schule, und über- Haupt im Unterricht, erinnere ich mich aber keines Falles, Ivo ich die Geduld verloren hätte. Und ich hatte doch allerhand Schüler, welche die Geduld des Geduldigsten mif die Probe gestellt hatten. Zum Beispiel in einer Londoner Schule, in der nur verzogene oder irgend- wie entgleiste Söhne sehr reicher Eltern zwischen 16 und 24 Jahren erzogen wurden. Es war mir gesagt worden, ich würde meine liebe Not haben. Und so war ich denn vorbereitet. In der ersten Stunde besah ich mir meine Gesellschaft sehr genau, wie sich ein Tier- bündiger seine Tiere besieht. Es soll dieser Vergleich leine jrivole Herabsetzung des Lehramts sein, ich habe aber gefunden, daß jeder, der' Menschen zähmen tarni, auch Tiere zähmen kann und umgekehrt; genug— ich snh mir meine Leutchen an, be- handelte sie, wie die Jndinidualität jedes einzelnen es mir zu erfordern schien. und wußte vor allem meine Verachtung für Reichtum und Mangel an Bildung und Anstand so eindringlich zum Ausdruck zu bringe», daß ich die junge» Vnrschchen bald ganz für mich gewann und während vier oder fünf Jahren, die ich an der Schule war— d. h. bis zu meinem Weggang aus London— nie auch nur die leiseste Mißhelligkcit mit ihnen gehabt habe. Der eine von ihnen, der mir als der schlimmste geschildert worden war, der Sohn eines vornehmen Geistlichen, QOuaim eine solche guueiflun� jju miv, das; er alles that, was er mir an den Augen absehen konnte. Er faßte jedoch auch gegen das Leben der„respektablen" Gesellschaft einen tiefen Widerwillen und entschloß sich zur Austvandcrnng nach Australien. Den Eltern, die den geistigen Einfluß ans ihn verloren hatte», gelang es nicht, ihn von seinem Vorsaß abzubringe». Da sie ihre Einivilligiing versagten, brannte er eines schonen TagS mit einem hübsche» Dienstmädchen aus dem väterlichen Hause durch, heiratete das Dienstmädchen und fuhr mit dein nächsten Schiff nach Australien. Dort ist er ein reicher, angesehener Herr geworden, hat ein sehr gutes Buch über Australien geschrieben und lebt in glücklicher Ehe mit seiner Fran, die er sich nach seiner Fa?oil erzogen hat. Demnächst haben sie wohl die goldene Hochzeit. Damals hatte ich freilich schon Erfahrung; in Zürich war ich noch ein vollständiger Neuling. In meiner Klasse waren 2t Kinder. darunter der meiner besonderen Sorge empfohlene Sohn von Julius Jrödcl, dessen Frau, eine Züricher Patrizicrstochter, eine geborene Zell er. sich viel int Hause aufhielt, während ihr Main« ans Reisen ivar. Hellblondes Haar, kurz geschnitten im Stil der Georges Sand, blaue Augen und zwar nicht regelmäßig schone, aber anmutig lebendige Züge, machten die noch in den Zwanzigern stehende Frau zu einer höchst interessanten Erscheinung. Und da sie für die jung-revolutionäre Strömung begeistert»nd mit vielenVertretern derselbe» persönlich bekannt war, so kam ich mit ihr bald in einen sehr regen und angenehmen Verkehr, der mir über manche Schwicrigieiten meiner Stellung und über Heimweh- Anivandlnngen himveghalf. Mit meiner Lchrthätigkeit ging es viel leichter, als ich mir vorgestellt hatte. Mit all' meinen Schülern tvar ich ans bestem Fuße, und auch mit den Lehrern. Im übrigen kann ich nur sagen, daß der„Ehcs" mit mir zufrieden war und mir ein höchst schmcichelhastcS Zeugnis ausgestellt hat. Nebenbei machte ich noch ein pädagogisches Experiment ans eigne Fnnst. Ich bereitete einen nennzehnjährigen Bauernsohn auS der Ilmgegend von Zürich, der nur die, allerdings ivcit über deutschem Niveau stehende Dorfschule besucht und nie lateinischen und griechischen Unterricht gehabt hatte, binnen sieben Monaten lohne die etlva sechslvöchcntlichcn Unterbrechungen durch politische Ereignisse— Februarrevolution, Reise nach Paris usiv.— zu rechnen) in alten Sprachen, Deutsch und Geschichte, so erfolgreich vor, daß er da-Z MaturitätSexamcn gut bestand und im Herbst 1848 die Universität Zürich beziehen konnte. Ich hatte, empört über die Zeit- und Kraftvergeudung beim Studium der altklassischen Sprachen, mir in Gießen eine eigene Lehrthcoric zurecht gemacht, und tvar nicht tvenig stolz, daß sie sich hier so gut bewährte. Seitdem habe ich erfahren, daß Schliemami das Griechische nach einer ganz äh»- lichen Methode erlernt hat. Beiläufig die einfachste Methode von der Welt, denn sie besteht darin, sich möglichst schnell einen möglichst großen Schaß von Wörtern und Wendungen anzueignen, was am besten durch möglichst rasches Lesen und Wiederholung des Gelesenen bis es geläufig ist, sich erreiche» küßt. Es leuchtet ein, daß das von neuen Sprachen nicht niinder gilt, als von den alten. Um nicht zu ermüden und nm das Interesse des Lernenden rege zu halten, sind diesem zum Lesen nur solche Bücher zu geben, die ihn auch fesseln. Daß dabei die Grammatik nicht zu kurz' koinme, ist Sache des .Lehrers, oder, wenn der Schüler sich selbst lehrt, des Lernenden. Wer eine Sprache richtig erlernt hat, braucht für' keine andre, auch die schwierigste nicht, einen Lehrer mehr, außer allenfalls für die Aussprache. Doch da verliere ich mich allzusehr in Einzelheiten und in �schulmeisterei. Mit meiner Lehrthätigkeit in Zürich ging eS bald zu Ende. Von Paris und der Hcrwcghschen Legion kam ich noch heiler Haut ivieder zurück nach Zürich, aber Ivenige Monate nachher geriet ich in den ztveilen Badischcn Ausstand, den sogenannten Strnve-Putsch, von dem ich nicht wieder zurückkam. Er führte mich ins Gefängnis, aus dem Gefängnis in die ReichSverfassungs- Eampagne und ans der Reichsverfassungs-Campagne ins Exil— erst in die französische Schweiz und dann nach England. Die Rückkehr nach Zürich, wo ich bereits Schritte gcthan hatte, mich dauernd niederzulasse», wurde mir von den Kantonsbehördcn vcr- wehrt und in Genf, wo ich meinen Aufenthalt nahm, bot sich mir keine Gelegenheit zur Ausübung des Lehrerbernfs. Im Sonnner 1850 kan, ich nach London, und nach kurzer Zeit mußte ick dort die Frage, die ich schon so manchem der Spionage Verdächtigen vorgelegt hatte: Wovon leb st Du? in andern« Sinne mir selber vorlegen.„Wovon lebst Du?" Ein paar Wochen reichte, ivas ich aus dem Schiffbruch gerettet, und Earl Fröbel, deni ich vor Ausbruch der Märzrcvolutioii mit einem Anleihen ausgeholfen hatte, zahlte es mir gerade in der tritischten Zeit zurück— beiläufig der einzige aus jener Zeit, der mir ein Anleihen zurückgezahlt hat, und deshalb schon mir nn- vergeßlich. Aber auch das reichte nicht weit. Ein„Studierter", der plötzlich aus feinen gewohnten Verhältnissen in ein fremdes Land, in fremde Verhältnisse getvorkcn wird, mit dem kategorischen Schicksal-Jmperativ: Nun verdiene Dir Dein L e b e n I ist in einer nngleick schlimmeren Lage, als der Arbeiter, d. h. der sogenannte„Handarbeiter". Die„Arbeit" ist inter- national— der deutsche Schuster, Schneider, Uhrmacher usw. ist in England oder Frankreich ebenso gut zu Hause wie in Deutschland, ja, sobald er die ersten Sprachschwierigkeitcn überivunden hat nnd nicht mehr von„sreundlichcn Landsleuten" abhängig ist, besser gestellt und wird besser behandelt, als in Deutschland. Aber der„Studierte" I Der deutsche Jurist, der deutsche „Philosoph"-c. ist in der„Fremde" ganz hilflos, weil seine Furisterci und Philosophie dort ganz Ivertlos. Dem Philologen geht's schon etwas bester, iveil der deutsche Lehrer in allen Ländern geschätzt, freilich nicht iinnier geachtet ist. Und der Mediziner, von dem mau denken sollte, die Welt stünde ihm offen, stößt in England ans sehr große Schivicriglciten, weil das Hcilgeschäft dort anders betrieben wird, als bei uns. Nun, ich tvar Philolog— und mein erster Gedanke war natürlich, eine Lehrerstelle zn suchen. Man riet mir jedoch ab. Wir Flüchtlinge seien verrufen, ohne „Referenzen" sei gar nichts zu mache»—, mid die Religion oder vielmehr die Nicht religio»! So gab ich zunächst diese» Gedanken wieder ans und suchte nach andrem. Aber ivas, was? Irgend etwas. Der Hunger drängte. Mit der Schrift- setzerei hatte ich es schon in Genf probiert und ein Haar darin ge- funde». Aber was, was? Da kam mir durch einen Kameraden eine Botschaft, die Aussicht auf Rettung erstrahlen ließ. Der Post- master- General Sir Nowland Hill, der Organisator der Penny-Post, brauchte ein paar hundert neue Briefträger. Ein guter Läufer war ich immer geivesen, Ausdauer hatte ich auch— warum nicht Briefträger werden, bis etwas Passenderes sich finden würde? Ich erfuhr' auch, daß eine Anzahl Deutscher schon zum Postdienst angenounnen waren. Da schwanden die letzten Be- denken, nnd ich meldete mich in aller Forin bei den zuständigeil Poftbehördcn. Ei» Tag banger Erwartung. Zlvei Tage. Drei Tage—— und bis heute— nach 49 Jahren— habe ich noch keine Antwort. Kurz, ich bin so wenig Brief- träger geworde», wie Schriftsetzer, lind es ivurde weiter gehungert, bis eS zn arg wurde, und der kinirrende Magen mich bor' das Dilemma stellte: entweder irgend ein Broterwerb oder verhungern. Und zum Verhungern hatte ich keine Lust, obgleich mancher brave Kerl, dein es die Mutter nicht an der Wiege gesinigen, mir mit seinein Beispiel vorangegangen Ivar. Ich mochte mein Hirn zerwühle» wie ich wollte, nach allen Richtungen Nusschan halten— eS öffnete sich keine Lichtung in dem Gewölk, und so miißte ich schließlich doch zur Schillmeistcrei greife», als zn der letzten Rcttlliigs- planke oder dem letzten Strohhalm. Ich hatte inzivischen erimttelt, daß ohne einen Agenten nichts zu erhoffen war? aber ich hatte von den Agenten auch das Schlimmste gehört. Indes, sie waren ein nnvermeidliches ttebel— wie leider Hoch heute. Meine Zeugnisse wurden herausgesucht, die verschleißte» Kleider zurecht gebürstet, und ein paar ziisanimen- geborgte halbe Kronen(K/e Markstücke) in die Tasche gesteckt— denn eine halbe Krone kostete damals bei den kleineren Agenten daS Einschreiben in die Liste der Stcllesilcheuden— und ich begab mich auf den Weg. Einem nach dem ander» der Herren machte ich meine Aiiswartnilge», wurde mit samt meinen halbe» Kronen sehr freund- lich empfangen, ob meiner guten Zeugnisse sogar mit Komplimeuteu überhäuft und von meinen halben Kronen erlöst. Mit nicht viel Ver- traucn harrte ich dann der Ernte, die mir für die ausgesäten blanken Geldstücke erwachsen und erblühen sollte. Ich hatte noch zu viel Ver- trauen gehabt. Tag um Tag, Woche um Woche verstrich— keine Nachricht von meinen biederen Agenten.... ... Das Hunger» dauerte lang, aber ich bin nicht verhungert. Mit der Zeit bekam ich Privatstiiiidei««md auch Stunden a» ver- schiedenen Schulen, so daß ich mich zur Not durchschlagen konnte. Die beste Stelle, die ich fand, verlor ich beiläufig mit dem mir anhastendcu Pech— infolge von Veränderungen in der Familie, deren zahlreiche Kindcrwelt ich einige Stunden täglich zu unterrichten hatte— unmittelbar nachdem ich. auf die Festigleit dieser Stelle mich verlassend, das Wagnis gemacht, eine Familie zu gründen. Bis zum Tage, Ivo ich England verließ, lebte ich wesentlich von der Schul», eisterci. Wohl beschäftigte ich mich auch journalistisch, der Verdienst ivar jedoch äußerst prekär, da die uns iiitransigenten Flüchtlingen zu Gebote stehenden Zeitungen zumeist die fatale Ge- ivohnheit hatten, kein Honorar zn bezahlen. Nach der Schweizer Lehrzeit im Lehren Ivar ich in England lingefähr zehn Jahre lang Lehrer— hauptsächlich Sprachlehrer; ich erteilte jedoch auch in andren Fächern Unterricht. Besondere Freude bereitete mir der Unterricht im Londoner Arbeiter-Bildungsuerein, dem berühmten»nd viel verleumdeten„K o mmunist e n- K l u b" oder„ K o nt m u n i st i s ch e n Verein" sin dem das k o m m u- » i st i s ck e Manifest entstanden), wo ich— acht Jahre hindurch— auch wöchentlich Vorträge über wissenschaftliche Schemen lind Tagespolitik hielt. Diese Thätigkeit setzte ich nach dramatischer Beendigung»leincs Verhältnisses zur„Norddeutschen Allgenieinen Zeitung" in Berlin etlva zwei Jahre lang fort, und dann nach gewaltsamer Beciidigmig nieines dreijährige» Aufenthalts daselbst— 1862 bis 1805— in Leipzig nnd im Leipziger Arbeiter-Bildungs» verein..., — 608— Kleines �euillekon» —„Sercssion"..„Jngcndstil".. ,.C«?man»schttlc":c. Walter Crane schreibt i» seinem Buche„Die Fordcnmften der dekorative» Kiiiist"(die deutsche AilSgabe ist bei Georg Siemens, Berlin, erschiene»):.... Man lasse sick mir einmal eine Gruppe von Äünstlern und Hmidwerkeni zusainmenthnn, mn iir gemeinsamer kameradschaftlicher Arbeit siir sich mrd für alle, die sich dafür interessieren. Gegenstände zu schaffen, die Schönheit und Brauchbarkeit in sich vereinigen, und die sich trefflich zn einem nützlichen Schmuck für ein einfaches Heim eignen. Was würde ivobl die Folge davon sein? Run die Nach- frage nach solchen Dinge» würde bald allgemein werden, da man sie eben als eine Art Erlösung ans der trostlosen Monotonie einer aus- gesprocheneu Häßlichkeit oder ans dem ivahnwitzigen Luxus des zweiten Enipire begrüße» würde. Was wäre dann aber die weitere Folge? Nun, soivie er nur erst einmal eine thatiächliche Nachfrage entdeckt hat, sofort wird auch der Handel iiberspirndclii von Ktmstmöbel», Knnstartikeln, Kunstfarben und ähnlich benamstem Zeug, an Ivelchcm die magische Vorsilbe„Kirnst" das einzig bemerkenswerte ist, und um sich den hierfür nötigen Stoff zu sammeln, tvird er den entwerfenden Künstlern das Hirn ans dem Schädel saugen, den Entwurf vom Reißbrett stehlen, mn ihn dann auf Gegen- stände zu verschwenden, für die er niemals berechnet war; dergestalt tvird der Markt überflutet werden mit den ungeheuerlichsten Travestien und den unglücklichsten Falschamvendungcn einer mißverstandensten Ornamentik, welche sich über alles breiten wird gleich einem total verschnittenen Gewand, bis man schließlich den ganzen Plimder nimmt und ihn zum Trödler oder Pfandleiher trägt. Für nns Künstler tvürdeu derartige Zustände vielleicht noch»mcrwäglicher sein als selbst unsre gegemvärtigc»."— Litterarisches. Münchhausen. Ein deutsches Schattspiel von Herbert Enleuberg. Verlag von Sasienbach. Berlin.— Der jugendliche Autor hat bereits in zivei Dramen Talent bewiesen. Er interessierte vor allem, weil er nicht die breite Heerstraße des Naturalistischen Dramas zog. Seine Sprache, wenn auch etivaS überladen,>var markig, fest, bilderreich. In der Behandlung seiner Probleme bekundete er eine merkwürdige Frühreife, ein merk- würdiges Verständnis für nngewöhuliche Seelenznstände. Man durfte' etwas von ihm hoffen. Wir glauben, daß man das auch jetzt noch darf, obwohl sein neuestes Stück die Erwartungen etwas herabstinnnt. ES ist ohne Zweifel die schwächste unter feinen bisherigen Leistungen, zeigt einen jugendlichen, unfertigen Zug und fällt durch feinen dürftigen Inhalt auf. Eulenberg nimmt den bekannten Liigenbaron Münchhausen tragisch. Das ist an und für sich eine sehr gute Idee, die Idee eines Dichters. Nur ist es ihm nicht gelungen, einen Menschen auf die Beine zu stellen, vor dem wir Respekt haben könnten. Sein Münch- bansen ist zu larmohant und in seinen Lügereien zu geistlos. Wird er schon tragisch aufgefaßt, iniiffc» auch feine Schwindeleien höheren Wert haben. Sic müssen sich zur poetischen Selbsttäuschung steigern. Münch- Hansen muß wie ein Dichter lügen, Ivas Eulenberg jedenfalls auch be- absichtigt, nicht aber erreicht hat. Der Hang zum Lyrischen, der Eulenberg auch in seinen früheren Dramen kennzeichnet, ist hier im „Münchhausen" von vennchlcndcr Wirkung. In dem ganzen Drama weht kein Hauch dramatischen Lebens. Es fehlt vollständig die Wucht, die die dramatische Form mm einmal verlangt. Die wert- vollen Scenen sind lyrischer Natur. Die Charakteristik ist recht blaß und schemenhaft. Am besten scheint mir noch der Diener Münchhausens iveggckommen zu sein, obwohl auch er schließlich nur ein Bramarbaö von bescheidenem Witz ist. Die Handlung ist dürftig. Münchhausen verliebt sich in die Frau seines besten Freundes und giebt ffch selbst den Tod. Er. der Meister der Lüge, mag sein Glück nicht ans eine Lüge bauen. Die ganze Arbeit mächt den Eindruck, als ob e» sich der Dichter in' diesem Fall zu leicht gemacht hätte.— bl. 8. vir. Der Fortschritt der Litteratnr in Indien. Der„Jährliche Bericht über den moralischen und materiellen Fort- schritt Indiens", der kürzlich den Mitgliedern des englische» Parka- uients übergeben wurde, stellt unter der Rubrik„Litteratnr" die Gesamtzahl der Publikationen zusammen, die in Indien in ver- schiedenen Sprachen in einem Jahr erschienen sind. Gleich nach den englischen Publikationen kommen die Schriften in der Urdn-Sprache, dann die in der bengalischen und endlich die im Sanskrit. Die Wer- öffentlichungen in Bombay sind hauptsächlich in Gnjarathi, oder Marathi, während in Madras hauptsächlich in Telegu geschrieben wird. In jeder der andren 35 Sprachen, außer den erwähnten, sind nur wenige Bücher erschiene». Eine große Anzahl von philosophischen Werken ist im Sanskrit geschrieben. Die Zahl der schriftstellernden Bengali- Franc» ist bcirächtlich gestiegen. Sehr viele englische Novellen sind in die Urdn-Sprache übersetzt worden.— Zlitö dem Ti erlebe». _— Getreide pflanz u ii g«« der Spechtmeise auf B ä n m e ii, A. Lorcnzcn schreibt in der„Mutler Erde": Schon I. F. Rcmnaiin erwähnt 1826, daß die Spechtmeisen in der Gc- fangenschast Haferkörner in die Ritzen zwischen den Brettein und bei den Fenstern einklemmen, um dieselben für spätere Zeiten auf- zubewahren. Diese Gewohnheit ist nickit erst in der Gefangenschaft angenommen, sondern wie Professor A. G. Rathorst nachgewiesen hat, klemmen die Spechtmeisen im Freien Getreidesamen in die Risse der Baumrinden, vielleicht, um sie später zu verzehren. Weim dicS aus irgend welche» Gründen unterbleibt, so können die Samen keimen. und epiphytische Pflanzen wachse» hervor. Die epiphytischen Pstanzen. deren Vorhandensein ans die Einpflanzungen der Spechtmeisen zurück- zuführen sind, sind Hafer, Weizen und Gerste. Die Anzahl der im Spätsommer 1896 beobachteten hierher gehörenden Pflanzen be- rechnet Nathorst ans einige Hniidcrtc, welche auf ca. 100 Bäumen vorlamen. Die Bäume' gehören den verschiedensten Arten an; zum Beispiel wurden Espe, Esche. Winterlinde, Spitz- ahorn. Bogelbeerbamn und Sahlweide beobachtet. Gustav Kotthoff hat bereits auf diese Erscheimmg hingewiesen, glaubt aber, daß die Samen entweder vergessen sind oder zurück- gelassen wurden, als die Spechtuicise verscheucht wurde, die Ein- lleinnnnig aber nur erfolge, mn besser den Samen öffnen und bearbeiten zu können. Schon das häuffge Vorkommen von derartigen epiphytische» Pflcmze», und namentlich der Unistaud, daß auch die Wcizcukörncr eingekeilt sind, beweisen, daß diese Annahme irrig ist; denn die Weizcnkönier sind ja nackt und kaum so groß, daß sie wohl unzerlegt verschlimgen werde» könnten. Nachdem Kotthoff von dem Ansfindcn der epiphytische» Weizcnpflmizcii KcimtuiS erhalten hat, hat er sich übrigens der Erklärnug Rathorsts angeschlossen.— Technisches. t. D i« Herstellung der Streichhölzer heute und vor 56 Jahren wird in ihren Unterschieden durch einen interessanten Bericht veranschaulicht, der kürzlich in den Vereinigien Staaten erschienen ist. Danach kostet die gleiche Menge von Streichhölzern dein Fabrikanten heute nnr noch den nchten Teil von der Summe, die im Jahre 1844 erforderlich war. Der Grund dafür liegt selbst- verständlich in der Einführung des Maschinenbetriebes. Die Her- stellnvg der Streichhölzer läßt fich in 14 verschiedene Akte teilen, wovon gegenwärtig 16 durch Maschinen verrichtet ivcrdcn und nur noch 4 durch Handarbeit. Die Maschine schneidet daS Holz, spaltet es in Splitter, richtet also das rohe Hölzchen her. dann bringt sie es in die richtige viereckige Form, schiebt es in die Züudmischmig, holt es wieder heraus und legt es sogar in die Schachtel. Es bleibt dann nnr noch die eigentliche Verpackung, die von Frauen besorgt wird. In nicht ganz 8 Stunden liefert die Masckine 1 444 666 Streichhölzer in fertigem Zustand, und die Ver- Packung dieser Menge beschäftigt dann 6 Frauen 22 Stunden lang. Je 166 666 Strcichbölzer kosten den Fabrikanten danach heute etwa 1 M., wovon 76 Pf. onf die Verpackung entfallen. Der Lohn der in den Streichholz-Fobriken beschäftigte» Frauen hat sich in den Vereinigten Staaten seit jener Zeit mn etioa Vi gehoben, da? ist wenig genug, wenn man bedenkt, daß der Fabrikant heute 166666 Streichhölzer für 1 M. fertigstellt, für die er im Jahre 1844 etwa 8 M. 25 Pf. ausgeben mußte.— Notizen. — Benno R ii t t e n a n e r, der bekannte Poet, hat vom Oberschulrat in Karlsruhe eine feierliche Rüge erhalten, weil eines seiner Werke geschlechtliche Probleme in einer Weise behandle, „die bei den Schülern Anstoß erregen könne". Rüttenaucr ist Lehrer on einer badischcn Mittelschule.— — H o l g e r D r a ch in a n n, der dänische Dicbtcr, hat eine neue Polkskomödie vollendet, die den Titel„Das graue Z i m in e r" führt. Sic schildert das Leben von Amerika-AnS- Wanderern.— — Ein wertvoller P l a n t n s- C o d e x, die sogenannte Heidel- bergcr Handschrift, welche in der Plantns- Bibliographie die Ve- zeichnimg„Codex Heideibergensis 1613 Palatinus C." führt. erscheint soeben in einer phvtolypischen Reproduktion bei A. W. Sijthoff in Leiden. Der Preis des Bandes beträgt 266 M.— — Die Natioiialbüchcrci in Paris hat vor einiger Zeit eine griechische Handschrift des Matthäus- Evan- g e l i u in s erworben, die in goldenen llnizialbuchstaben ans purpnr- farbencin Pergament geschrieben ist. Die Urkunde zeichnet sich dadurch ans, daß sie die älteste Handschrift mit Goldbuchstaben sein dürfte.— — o. Miß Ada Reeve, eine beliebte englische Schauspielerin. erhält am Lyric-Theater in London eine wöcheutlickie Gage von 2166 M. Trotzdem ist sie nicht zufrieden; sie will 2466 M. haben und wird sie vermutlich auch erhalten. Man braucht sie eben.— — An die Stelle de? eisernen Vorhangs ist im Opern- Hanse zuBesanyon ein solcher ans A In mini um getreten. Sein Gelvicht beträgt 1866 Kilo, während ein eiserner Vorhang von denselben Abmessmigen 9666 Kilogramm gewogen haben würde.— — P. S. Kroyer, der ansgezeickmete dänische Maler, der nervös erkrankt war, ist wieder hergestellt und konnte zu seiner Familie zurückkehren.— — Zur Begrüiidung eines Museums für Völkerkunde in Köln hat eine Dame der Stadt 256 666 M. überwiesen, außer- dem für die nächsten zehn Jahre je 2566 M. für die Besoldung des Museiimsdirektors zur Verfügung gestellt.—_ Beraiitwortlicher Redactem: Wilhelm Schröder in Wiffnersdorf. Druck imd Verlag von Max Bading in Berlin.