Nnterhattung N-. 153. Freitag, den 10. August. 1900 Machdruck verboten.) ii] Die LsnfÄee� Roman von Fritz Mauthner. „Ach, wenn Sie mein trauriges Leben verständen, Sie wären schon aus Menschlichkeit mein Freund! Ich Ivar ein blutjunges, unerfahrenes Geschöpf, als ich mich von einem Mann fesseln ließ, der sich für einen Künstler ausgab. Ich habe seinen Namen getragen, weil die Kunst mir immer als das Höchste auf der Welt erschien. Er hatte mich betrogen. Er war ein Handwerker, ein Klavierlehrer, ohne Schaffens- lust, ohne Schaffenskraft. Das war die erste Enttäuschung meines Lebens. Kommen Sie bald wieder. Ich bin keine gefährliche Frau. Lassen Sie sich nichts Häßliches über mich erzählen: glauben Sic nichts, was ich Ihnen nicht bestätigt habe. Ich habe zu viel Trauriges erfahren. Ich will nichts als Freundschaft." Richard ivurde über seine eigne Ungeschicklichkeit rot, als er darauf nichts andres zu erwidern wußte, als— er habe wenig Zeit. Seine rmunterbrochenc Thätigkeit in der Maschinen- fabrik und die zeitraubende Orchestrierung seiner Oper seien fast zn viel. „Warum geben Sie Ihre Stellung nicht auf? Sie haben es ja doch nicht nötig?" Aus Richards verwundertem Blick las sie sofort, daß sie einen falschen Ton angeschlagen hatte. Rasch fügte sie hinzu: „Sic braricheir kein Maschinenbauer zu bleiben, wenn Sie ein großer Künstler sind!" „Das habe ich eben noch nicht bewiesen." Leontine machte große Augen und sagte treuherzig: „Sie haben recht. Lassen Sie sich beide Wege offen." Richard ging mit dem Gefühle fort, eine treue Freundin, eine gute Kameradin gefunden zn haben und überdies ein feinfühliges Weib zu kennen, dessen Urteil für sein künstlerisches Schaffen bedeutrmgSvoll werden mußte. Schon nach vier Tagcir kam er wieder und sprach nun wirklich wie mit einer Freundin. Er vertiefte sich rasch in ein Ge- sprach über seine Opernarbeit und machte die junge Witwe vorerst zur Vertrauten seiner künstlerischen Ueberzeugungen. Ihm schien Mozart eine kleine Gottheit zn sein, deren Gebote jeder ehrliche Musiker bis ans Ende aller Dinge heilig zn halten hätte. So hatte er sich auch bei der Orchestrierung seines Werkes in bescheidenen Grenzen gehalten und ur- sprünglich zn dem doppelten Streichquartett nur vier Bläser hinzugedacht. Leontine hatte von der Musik nicht genugsam Kenntnisse, um die Gründe des jungen Freundes erfolgreich zu bekämpfen. Aber sie wies ihn eindringlich auf den Ge- schmack des Publikums, welches seitdem durch große Massen- Wirkungen verwöhnt worden sei und iricht mehr zu der alten Kammermusik zurückkehren wolle, wenigstens iin Opernhause, nicht. Das Gespräch erhitzte sich leicht über die technische Frage, um so mehr, als Richard nicht zum erstenmal den Vorwurf hörte, seine Musik sei unmodern, sei zu dünn, zu tvenig malerisch. Er hatte schon für einige Chöre und für die Ouvertüre die Mittel verstärkt, hatte gegen seine bessere Ueberzeugnug große Klangtvirknngen uachzuahnicn gesucht und empörte sich nuu, da seine Nachgiebigkeit nicht für eine neue musikalische Lehre, sondern für den Geschmack des Publikums gefordert wurde. Er wollte nicht noch weiter gehen: und unter Selbstanklagen verdammte er eine Kunst,»Deiche sich wie eine Schneiderin in den Dienst der Mode stellte. „Sie kennen meinen Vater," rief er,„und Sie sind klug genug, um seine Auffassung des Veriegcrgeschäfts zu ver- stehen. Sic durchschauen das alles vielleicht besser als ich. Was ist es denn, das es mir unmöglich niacht, mit ihm ge- meinsam zu arbeiten, wie es doch die Pflicht des Kindes wäre? Doch nur, daß er sich und seine Zeitung und die Federn seiner Rcdacteure in den Dienst aller zahlungsfähigen Leute stellt, daß er aus der lleberzeugung, für welche ein Journalist leben und sterben sollte, eine Handelsware niachen möchte. Und wenn ich nun hingehe und den Gesang der Blumengeister mit Posaunen begleiten lasse, wie es die Großstädter crivarten, anstatt mit zwei Flöten, wie es mein Gelvissen verlangt, lvenn uy gebe, was thue ich anderes als der gefällige Kaufmann. Meine sechs Posaunen tönen in meinen Ohren ebenso schrill wie die Posaune der Reklame. Mit Fanfaren müssen unsere neuesten Komponisten ihre Zuhörer von Zeit zu Zeit aus dem Schlafe wecken, damit sie emporfahren und damit sie etwas haben, woran sie die Melodie erkennen, wie die Aktiengesellschaft Fanfare wertlose Waren so lange anpreist, bis sich die Namen dem Publikum ins Ohr gelegt haben." Leontine horchte auf, als schlüge ihr selbst plötzlich eine alte Melodie wieder an das Ohr. Das war derselbe Ton, wie sie ihn einst von dem armen Klavierlehrer gehört hatte, der ihr erster Mann geworden war. Sie lächelte unmerklich vor sich hin. So steckte doch etwas von einer Künstlerin in ihr, wenn ihr Leute mit einer solchen Sprache gefielen. Aber so jung war sie nicht mehr, um dieselbe Sprache noch einmal von einem armen Klavierlehrer zu ertragen. Richard Mettmann, der gute Schulen besucht hatte und Kleider von neuestem Schnitt trug, hatte trotz dieser schönen jugeirdlichen Ueberschwenglichkeit eine glänzende Zukunft zu erwarten. Nicht umsonst hatte Papa Mettmann ihr noch vor des Sohnes Rückkehr viel von ihm gesprochen. Durch den Reich- tum, den Einfluß und die Klugheit seines Vaters war Richard berufen, eine große Nolle im öffentlichen Leben zu spielen. Daß der junge Mann zufällig die Neigung empfand, auch als Musiker etwas zu bedeuten, das konnte einmal für die Häuslichkeit recht störend werden— viele Musik that ihr geradezu weh— aber seine gesellschaftliche Stellung konnte durch die Begabung nur gewinnen, lvenn diese zu raschen äußeren Erfolgen führte. So viel war gewiß, Richard mußte sich mit seinem Vater vollkommen aussöhnen, auch innerlich. Er mußte das Opfer seines hübschen, jugendlichen Idealismus bringen, damit Leontine seiner sicher blieb. Wenn er sich da- neben eine gewisse unerfahrene Schwärmerei für sie seibst un- berührt erhalten konnte, um so besser. Leontine hatte im Leben schon so viel erreicht, sie hatte die Menschen so mühelos ihrem Willen dienstbar gemacht, daß sie auch diese neue Aufgabe leichten Muts in Angriff nahm. Heute und bei jedem folgenden Besuch sprach sie mit Richard viel und mit warnren Worten über den Vater. Der Hauptsatz, den sie bei jeder Gelegenheit wiederholte, lautete: „Die Menschen haben nicht alle dieselbe Ehre, dasselbe Ge- lvissen; wer nur die Pflichten seines Standes erfüllt, soll darum von andern Ständen nicht verachtet»verden, weil ihre sittliche Grundlehren anders lauten. Die Ehre des einen Standes verpflichtet ihn zum Duellieren und gestattet ihm das Schnldenmachen. Der Bauer dagegen»vird um einer Hypothek willen, die er aufnimint, geringer geschätzt, als um eines SchimPflDorts»Dillen, das er einsteckt. Ein Gelehrter, der»vissentlich lügt, ist für immer gerichtet; ein Geschäfts- Vermittler aber darf ein bißchen lügen, weil sein Stand es ihm gestattet." Richard gab sich diesem Unterricht nicht unwillig hin. Er hörte wohl die Täuschung aus dem Tone der schönen Sprecherin, er sah die leibhaftige Sophistik aus ihren kalten Augen glänzen, aber er war ihr doch dankbar dafür, daß sie seinen Herzenswünschen mit dem Auftoand ihres ganzen Verstandes eutgegeitkam. Er hatte von seinem Vater zeitlebens nur Liebes und Gutes erfahren; er»Dünschte nichts sehnlicher, als ihn achten zu können. Ohne die cynischen Reden dieses Bode wäre es vielleicht gar nicht zu dem geheimen Aufstande gegen die Geloohnheiten des väterlichen Hauses in ihn: gekommen. Es»oar ein Glück, daß er für seinen Umgang anstatt des elvig verneinenden Mannes so bald dieses klare, versöhnende Weib gefunden hatte. Mehr als vierzehn Tage waren seit Richards Beileids- besuch verstrichen, vier- oder fünfmal»var er bei ihr gelvesen, und sie kannte bereits— fast bis zur Ermüdung— � alle Schwierigkeiten seiner Oper und alle Sorgen seines äußeren Lebens; nur von seinen Hcrzensbeziehungen hatte er noch mit keinem Wort zn ihr gesprochen. Und doch»var es ihr klar, daß er mit seiner jünglinghaften Leidenschaft einem andren Weibe gehören mußte, er hätte sonst nicht in so harmloser Freundschaft bei ihr ausharren können. Und auch daß seine Liebe nicht glücklich»var, ließ sich leicht erraten. Eine Frau oder ein Mädchen, das ihi» liebte, liätte den Berkehr init der schmicn Lcoiitiue nicht geduldet. Dag der hiibsche, offene junge Mann, der ihr so gut gefiel, nicht wieder geliebt wnrde, das schien ihr kaum glaublick. Der alte Mettinann hatte einmal spöttisch auk. Richards Neigung zu einem arme»?roer angespielt; doch Ali»»'' Genebtcn hätte diesen Jüngling nicht traurig gemacht. Es war gegen Ende August, die Sonne war eben unter- gegangen, sie sahen in der Schwüle des Abends auf dem Balkon stumm einander gegenüber. Wieder einmal hatte sie auf Richards Klagen dem Vater recht gegeben, der für die Oper seines Sohnes nach allen Regeln seines Gewerbes Lärm schlug. Richard wußte nichts mehr zu crtvidcrn. Er blickte in den eignen Vorgarten hinunter, in welchem ein Diener Bäume und Sträucher mit einem zum Regen zerstäubten Wasserstrahl besprengte. Hier spielte sich jetzt wieder sein Leben ab, und er gedachte der glücklicheren Jugendzeit, da er hier mit dem unbändigen Achim und der der immer stillheitercn Johanna spielen durfte. Damals kannte er das Leben noch nicht. Die Freiheit und Schönheit der Welt hörte für ihn mit dem Tiergartenviertel auf. In der Stadt Berlin selbst wohnten lauter hungernde und vor Hunger grausame Menschen. Darum wollte er mit Johanna auch für immer da bleiben und nicht reisen, weder nach der Stadt noch nach der»veitaren Fremde. Eben unterbrach er sein langes Schweigen. Er hatte vor, zu der schönen bleichen Frau von seiner Jugend und von Johanna zu sprechen. Da stockte er wieder und richtete sich erregt empor. Johanna von Havenow selbst hatte die Gitterthür des Vorgartens geöffnet und ging auf das Haus seines Vaters zu. Freundlich grüßte sie den Diener, der noch vor kurzem der ihres Onkels gewesen war. Richard konnte trotz der Dämmerung ihre Züge ganz deutlich erkennen. Er sah, wie sie vor dem Diener stehen blieb und ihm ruhig, alö wäre sie noch seine Herrschaft, einen Befehl gab, wie dieser vorsichtig den Schlauch abschloß und dabei doch noch die Oeffnung von dem gnädigen Fräulein abhielt — gerade auf Leontinc zu— wenn's durch einen Zufall doch losgehen sollte!— wie er dann sehr untcrthänig irgend eine Mitteilung machte. Richard wußte genau, was Johanna herführte; hatte er doch darauf gerechnet, sie bei dieser Gelegenheit lvieder zu sehen und zu sprechen. Eine ganze Kiste mit Büchern und Familienpapieren war auf dem Boden zurückgeblieben; Johanna kam deshalb. Wenn sie das HauS betrat, wollte Richard hinüber eilen. Aber die Unterhaltung der beiden war noch nicht zu Ende. Der Diener deutete immer noch mit dem Messiugrohr des Schlauches aus den Balkon, und Johanna blickte hinauf. Sofort wandte sie ihre Augen unbefangen genug dem Himmel zu, aber Richard sah, daß sie ihn bemerkt hatte. Er konnte doch unmöglich so barhaupt, wie er auf dem Balkon saß hinuntcrgrüßen? Nun aber glaubte Johanna am Ende, er habe sich verbergen wollen, weil er sich in dem Augenblicke zurückbog, als sie aufsah. Jetzt schritt Johanna lvieder so schlank und ruhig, wie sie gekommen, aus dem Vorgarten hinans, und Richard wandte sich verlegen zu Leontinc, deren Gcgciüvart er seit einer laugen Minute völlig vergessen hatte. (Fortscpung folgt.) (Nachdruck verboten.) Zvie Chin� vrgicrk ivrrv. Von Archibald R. Colquhoun- London. Die Regierungsforin des himmlischen Reichs entspricht ganz der alten Theokrntie, in der der Kaiser ans Grund dcö göttlichen Rechts herrscht: ohne Kirche und Pricstcrschaft, ohne Dognien, die Gefahr laufen könnten, obsolet zn iverdeil, ohne Riten, die korrumpieren oder korrumpiert werden könnten, ohne geschriebene Gcictzc. die zu verdrehen oder zu kritisieren ivären! Als Einziger und Alleiniger steht er zwischen Himincl und Erde. Er ist der Vermittlrr zwischen der göttlichen Autorität und seinem Volke; er ist dein Himmel allein vcrmitwortlich und als Entschädigung für diese Last mit vollkommener und absoluter Autorität bekleidet. So ficht die Idealform der Monarchie ans. In Wirklichkeit allerdings kann der Kaiser, sollte er nicht in Ncbcrein- stiiumung mit den Grundsätzen regieren, die seinen» Volke als gött- sicher Wille erscheinen, abgesetzt werden, und Ivenn seine Dvnastie Spuren des Verfalls zeigt, so muß eben eine andre ans den Thron erhoben iverden. Diese Einschränkung gestattet eine Unzahl der verschiedensten Auslcgnngcn in Bezug auf den göttlichen Willen und macht Revolutionen nicht nur möglich sondern verleiht ihnen auch eine gewisse Berechtigung. Der Gedanke des Fainilie»lcb-»s. da« in China eine so bedeutende Rolle spielt, ist die Grundlage der Regierung. Der Kaiser ist der grobe«.a«, vem die Pflicht obliegt, seinein Volke Schutz und Nahrung zu bieten, und diesem Hinwiederun, ist vollkommene kindliche U"*«.» würfigkeit zur Pflicht gemacht. Dieser Gedanke findet sich tu allen Staatsdokmnentcn und Edikten, und in jeden» wird der kindliche Gehorsam als heilige Pflicht besonders betont. Rebellen werden somit als Vatermörder betrachtet, und Batermord gilt als das scheußlichste aller Verbrechen. Mit welchem Nachdruck diese An- schaming geltend gemacht wird, mag folgendes von mir selbst mit- erlebte Beispiel betveisen: Ein Ehepaar, das die Mutter des Mannes ernwrdet hatte, wurde zum Tode verurteilt; hierau aber noch nicht genug, wnrde der ganze Bezirk, in dem ste gelebt hatten, in Acht und Bann gethan; Schüler ans diesem Distrikt wurden nicht zn den Prüsnngcn zugelassen, sämtliche Be- amten ihres Amtes entsetzt, kurz, jedes Mittel wurde angewendet, um jedem, der von dem Verbrechen gehört hatte, zn Gemüte zn führen, tvie absolut heilig das Familienleben und ivie schrecklich die Rache an all' jenen sei, die durch die Verletzung dieses heiligen Gesetzes auch jene Familie zerstören, als deren einziges Haupt der Kaiser gilt. Trotzdem aber ist China der klassische Boden für Revolutionen und das Land wohl kaum je von Unruhen in diesem oder jenem Teil frei gewesen. Diese Anomalie ist eine von den vielen, denen man üi diesem Lande der Paradoxiecn begegnet, Ivenn auch der Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis schließlich nicht nur auf das himmlische Reich beschränkt ist. Thalsächlich süid die Chinesen, ob- wohl sie unter antokratischcr Herrschaft stehen, vielleicht das am freicsten regierte Volk der Welt, umsomehr, als sie daran gewöhnt sind, ihre LokalvcrwaUiingcn ohne jede Einmischung von feiten der Ccntralrcgierung selbst zn besorgen. Während der Chinese an die nnantastbare Suprematie des Sohns dcS Himmels glaubt und sie anerkennt, macht er sich in der Praxis seine Gesetze für sich nnd ist bei der geringsten Provokation rasch mit der Erklärung vei der Hand, der Kaiser regiere nicht mehr in Uebereinstiminnng mit den Wünsche» der Gottheit, und er sei deshalb seiner Treue e»t- bmidcn. Die untfangreiche nnd blumige Sprache der Chinesen steht zweifelsohne in genan demselben Verhältnis zu de» Ge- danken, die sie ausdrückt— oder verkleidet, wie die Theorie und das Ideal der chinesischen Regierung zu ihrer thatiächlichcn Ans- Übung. Um voin Allgemeinen auf das Besondere überzugehen: an der Spitze der chinesischen Civilverlvaltnng steht der Kaiser als der Gipfel der hierarchischen Pyramide; in Wirklichkeit allerdings steht ihm keine größere Macht zn Gebote, als dem König eines konstitlitionellen Staats oder dem Präsidenten einer Republik. Und wenn er auch das Recht der Initiative besitzt, so hat er' im wesentlichen doch nur die Maßregeln zn billigen oder zn verwerfen, die ihm vor- geschlagen Iverden, oder sie den verschiedenen Behörden zur neuer- lichcn Beratung zilrückziistellen. Der Geschäftsgang ist dabei folgender: Dem Throne iverden Dciikschriftcn unterbreitet, die vor- erst durch die Hände der verschiedenen Behörden gehen nnd, bevor sie zum Kaiser gelangen, noch vom große» Thronrat revidiert Iverden. Das Land ist in eine große Anzahl von Bezirken— Hsicn— eingeteilt, die ungefähr den Umfaiig einer englischen Grafschaft haben. Uebcr jede ist ein Beamter gesetzt, der in seiner Hand alle Fnnktionen, die civilcu und militärischen— das Civil geht in China immer vor— die den Bezirk betreffe», vereint. Dieser überlastete Beamte ist die Einheit des administrativen Systems nnd ivird stets aus der Reihe der Chinesen genommen. Seine Ausgabe ist keine leichte, denn ivenn er sich mit dem Volke nicht gut steht, tanir er keine Unterstützung seitens der Regierung er« warten und beendigt seine Karriere gewöhnlich mit der größten Schinach, die cincin Chinesen geschehen kann,»ämlich mit der Ent- ziehnng seiner offiziellen Schuhe, die ihm weggenommen nnd in den nächsten Graben geworfen iverden. Wem eine solche Degradation z>« teil wurde, dem ist jede Hoffimng ans eine weitere Berwendnng in Staatsdiensten genommen. Elend bezahlt nnd mit einem Anhange von Schmarotzern, die er unterhalten muß. will er seine Popularität nicht aufs Spiel setzen, ist er genötigt, seine Zuflucht zu systematischen Uiitcrschlcifen und zur Bestechlichkeit zn nehmen. Die chinesische Sprache wimmelt von Sprichwörtern, die von der Korruption der Beamten nnd andrer offizieller Persönlichkeiten handeln, und die ganze Wissenschaft der Hierarchie läßt sich in dem Wort znsnnnncnfassen:„Große Fische fressen kleine Fische, kleine Fische fressen Krabben, nnd Krabbe» fressen Schlamm", während das andre Sprichwort;„Sie wittern Geld, wie die Mücken Blut wiltern", nicht minder charakteristisch für sie ist. Eine Gruppe von Bezirken bereinigt sich zu einem Dcparteincnt, das von einem Präfekten regiert wird, der den Appellationshof für die Dislriktsveamtcn bildet; eine Gruppe von Departements bildet cinen Kreis, an dessen Spitze der Krcisverwalter— Tao-tai— steht. Dann kommt die Provinz, deren Hauptbcaintcr der Gouverneur ist. Es gicbt 18 solcher Provinzen in China, und ihr Flächenmaß kann man sicki vorstellen, ivenn man bedenkt, daß ihre Aiisdchmmg mehr als dreißigmal so groß ist ivie Großbritannien, und daß jede Provinz im Durchschnitt ungefähr die Hälfte der Bevölkerungszahl von Eng« land enthält. Jede Provinz ist autonom riiid besitzt für sich ihre eigne RegierniigSniaschine. Diese verwallet allein dnS Einkonmien der Provinz, sorgt sclvständig für ihre Vertcidigniig, hat ihre voll- !»»imcn uuabhäilgige Justiz, kurz, verwaltet sich ohne c Eui- mischu»a vl«> litten der Ceutralregierung. Eine Ausnahme vo» arvher Bebeuluii� giebt es hierin allerdings: ihre Gvuvcrncure und Hauptbeamten werden von der Hauplstadt aus bestellt und haben an diese einen Tribut als Anteil an dem Einkommen auS der Provinz abzn- führen. Wahrend theoretisch die litterarische Bildung und das Bestehe» der diesbezüglichen Prüfungen den einzigen Weg zur Staats- carriere in China bildet, hat die Besitzergreifung von Peking durch die Mandschus eine Ausnahme in diese Regel gebracht, da aus diesen auch Leute zu Beamten gewählt werden, wenn sie keine Prüfung abgelegt habe». So waren die MaudschuZ im stände, ihre Herrschaft über dieses Niescnreich zu behaupten, dessen Bevölkerung weit davon entfernt ist, ihnen freundlich gesinnt zn sein. Der Gouverneur einer Provinz ist der einzige Beamte, der das Recht besitzt, im eignen Rainen Denkschriften an den Thron zurichten, ein Recht, daS ihm den nicht zu vcrkcniicndcn Borteil bietet, im geheimen über die Unterbeamten berichten zu können. Seine Macht ist deshalb ungeheuer, und seine Autorität nahezu absolut. Es steht jedoch zwischen dem Gouverueur niid dem Throne noch ein Bennitcr, der General-Gouverneur oder wie der Europäer ihn nennt. Vice- könig, der inanchnial eine und nianchmal zwei Provinzen unter seiner Jurisdiktion hat. So ungeheuer auch die Bkachtvollkominen- heit dieser Gouverneure und General-Gouveraenre ist, so besitzen sie doch nicht das Recht über Leben und Tod, ausgenoiiunen im stalle von Sccräuvcrci oder bcivaffncteui Aufstand. In gctvöhnlichen Fällen müssen alle Todesurteile voin Kaiser selbst initerzeichnet werden. Die chinesische Beamtenschaft rekrutiert sich nicht ans einer besonderen Kaste, da ja jeder das Recht besitzt, sich zu den vor- geschriebene» Prüfungen zn melden. Die Studien hierzu sind ans- schlichlich klassische, und obgleich eine ungeheure Wisseusninsse von de» Prüflingen verlangt wird, wird ihnen doch keinerlei praktische Kcinitnis gegeben, sowie ihnen auch keinerlei praktische Spccialisiernng gestattet ist. Das Bestehen ein und derselben Prüfung qualifiziert den Kandidaten für ein fiskalisches, richterliches, nnlitärisches oder andres Amt, je nach dem Bedarf. Die Chinesen selbst bemerken sehr richtig, dah ihr Land von.Maximen' regiert wird. Die Ilnfähigkeit von Leuten, deren ganze Bildung in der Kenntnis einer Uilniasse von Aussprüchen des Konfuzius besteht, führt sie notivendig dazu, ihre gaiize Negierungskunst in Umschweifen, in höflichem. aber sinnlosem Cerenioniell und in witzigen Aus- flüchten zn suchen, kurz in Mitteln, die sie, für de» Augenblick wenigstens, der Nötigung überheben, eine Entscheidung zu treffen oder zu handeln. Es liegt auf der Hand, dah es eiiiern einzigen Menschen— besonders einem mit geringen praktischen Erfahrungen— uuulöglich ist, so viel Funktioncii in seiner Person zn vereine,«; deshalb versagt die Negicrnngsniaschine auch bei der geringste» ernstlichen Schwierigkeit, und die Beanitcn, auhcr stände, auf die Dauer Ausflüchre zu gebranchcn, zeige» sich in ihrer llnfähigkeit und verlieren so ihren Posten. Ein deutliches Beispiel hier- für war| Li- Hung- Tschang anläßlich deS chinesisch- japanischen Kriegs, als man von ihm verlangte, er solle Krieg führen und gleichzeitig seine Pflichten als Geiicral-Gouvenieur, als.Ober- aufschcr des nördlichen Handels' und wer weih was noch erfüllen, — noch dazu ohne eine gedrillte Beanitcuschast, höchstens mit Beihilfe von Fremden oder Eingeborene», die er sich rasch hierzu a»S- wähle» konnte. Iii der doppelte» Absicht, die höheren Beainlcn in Abhängigkeit vo» Peking zn erhalten lind die Korruption lintcr ihnen zu verhinderii, ist ihre Ticnstdaucr in ein und derselben Provinz auf drei Jahre beschränkt, sodah beständiges Koniiiieu luid Gehen unter ihnen herrscht. Dieses verhindert allerdings die Möglichkeit deS EiitpchniS territorialer Jutercsscu. die der Cciitralrc'gicruiig ja nur unangcnchm werde» könnten, hält aber ebenfalls die Beamten davon ab, wirklichen Einblick in die Geschäfte ihrer Provinz oder ihres DcpartcmciitL zu gcwiiiiieii und nimmt ihnen thatjächlich jedes ernstc Jiitcrcsse an dein Fortschritt und der Eiilwicklimg des Landesteils, den sie gerade vcrivaltcn. Ihr einziger Wunsch' und ihr einziges Strebe» ist nur, so g»t als iuöglich diese drei Jahre zu iibcrwiiiden. UcbrigenS wird dieses Gefetz, wie die ineistei« ander» in China. häufig genug übertreten. Eine andre Bcstinnniin.q verbietet einem Mandarin, in der Provinz, in der er geboren ist, ein Amt miznnehineu. Der Grnnd hierfür liegt zweifelsohne in der Furcht, er könne in seinem Gebiet einen Einfluß gewinnen, der für seine Abhängigkeit von Peking ge- fährlich werde» Ivnrde. iNcbcnbei möchte ich übrigens bemerken, daß das Wort„Mandarin', das wir Frciudc dem chinesischen Beamte» beilegen, im Chinesischen kein Acquivalent hat und nicht chiuesischen, sondern portugiesischen llr-spnuigS ist.) Nil� der Spitze der nngchcurcn adniiiiislratiben Maschine wird der Kaiser von zwei RatSIanimern— dem Kabinett oder kaiserlichen Kauzlcraint und dem Gcneralrat-- unterstützt, der in gewisser Be- zichuiig den Ministerien der europäischen Nationen ähnelt. Die Mitglieder beider Körperschaften werden von dem Kaiser auS der Schar der höheren Beamte» und den Mandschns-Funktionärcn des Hofs gewählt. Diesen b eiden RatSkammcrn unterstehen sechs Dircltoren: Das Civillabiiictt, die Finauzverlvaltung, die Vcrwaltiuig für den Kultus, den Krieg, die Rechtspflege und die öffentlichen Arbeite»; hicrz» kam vor einigen Jahren noch eine Seebehörde. Ganz unabhängig von diesen' ist eine sehr wichtige Körper- schaft. die Ecusur, deren Mitglieder«ine Art von ratgebcnder und kritischer Behörde bilden. Ihre Aufgabe ist es, über die Wohlfahrt de? Volks zu wachen und Kritik überall dort zu übe», Ivo sie irgend ein Versehen in der Haltung der gesamten Veaniteuschast bcinerken. ja selbst den Kaiser zn kritisieren. Ihre Denkschriften führen oft eine verblüffend freie Sprache und culhaltc» machmal sogar kühne Anklagen gegen den Herrscher oder die kaiserliche Familie. Die See-Zoll-Vcrwaltniig steht in China unter fremder Kon- trolle, auf Grund eines zur Zeit des Taipiiig-Aiifstaiids zeitweilig getroffenen Uebereinkoimneiis, demzufolge die Scczölle»iiter fremden Schutz gestellt worden waren. Dieses System hatte sich so gut bewährt, daß es endgültig aiigeuommeii wurde, und die chinesische Regiennig später sogar eine gcivifie Sumine für die Erhaltung dieses Drparte- ments rniswarf, dessen Ehef den Titel.Gcncral-Jn'spektor" besitzt. Die Körperschaft, deren Namen im Westen rn» besten bekannt ist, das Tfimgli-Dameii, ist eine Schöpfung jüngerer Zeit, nicht älter als 40 Jahre; fie wurde als Bcrmittrlmigsglicd zwlfchm dem Kaiser und den Frcnidcn errichtet, die in die Hanplstadt gekonnne» »iid bis dahin eigentlich nur als Tributträger behandelt worden waren. Zn dem Zweck gegründet, die Bezichnngen mit den fremden Mächten zn förder», har sich das Tslliig-Ii-Damen thatsächlich viel eher als ein niüibersteiglichcs Hiildenlis zwischen diesen Mächten und China crwicseii. Eine der Grundregeln der chinesischen Verwaltung ist die persönliche Verantivortlmg, die jeder Beamte für de» von ihn erteilten Rat Übernehmen riniß; dies hat zur Folge, daß jeder sich bemüht, de»! Zivaiige, seine eiitschiedene Ansicht zu äußern, ans dein Weg zn geh». Eine Uiiterrcdiiiiq mit dem Tsiiugli-Damen ist deshalb eine wahre Gednldprobe für den fremden Bevoll- »lächtigten, der irgend eine Antwort auf irgend eine Frage crivartet. Erfrischungen, die einem westlichen Gaumen wenig entsprechen, werden mit vieler Freigebigkeit aufgetischt und müsie» unter großen Cercmoiiicii geuoiiniien werden. Ist das endlich überwunden und die oft dringliche Frage gestellt, so ist noch immer keine Antwort zu erhoffen, dcun einer der strengsten Punkte chinesischer Etikette ver- bietet jedem, zuerst zu sprechen. Wenn sie sprechen, daiin sprechen sie alle gleichzciiig, und ihre Geschicklichkeit, sich die Frage einer dem aiideru zilziilverfcii, kann in dcr That mit der Geschicklichkeit deS allerbesten Fußballspielers verglichen werden. Heraiisgckoninicn ist bei solchen Kouferevzen wohl selten etwas Vcniüiiftigcs.— Kleines Feuillekon. — Wieviel Ameise» enthält ein Amcisenncst? Die Menge der Ameisen in einem Neste hat schon früher der bekannte Schiveizer Myrmckolog Angnstc Forel annähernngsiveise zu bestimmen gesucht; er ist dabei zn der Zahl von 114 000 Arbeitcrameisen gelangt. Eine ivirkliche Zählnug hat aber erst in den Jahren 1897 und 1899 der Genfer Professor Emile Diiiig vorgenommen. Seine Beobachtungen beziehen sich auf die rote Waldameise. DaS erste Mal verfuhr er so, daß er säinlliche Bewohner eines Ameisenhaufens durch Schwefel- kohlenstoff tötete, dann das ganze Nest in einen großen Sack schaufelte— es wog 80 Kilogramm— und mit einigen Gehilfen die Ameisen nebst de» Larven einzeln zusammensuchte. Er zählte dabei 22 530 Ameisen iliid 13 500 Larven. Die Arbeit war aber bei der Schivierigkeit, die Ameisen von den Erd- und Holzstückchen zn unter- scheiden, so mühsain. daß Nung die Lust verging, sie z»«viederholen. Die gewonnenen Ziffer» konnten außerdem auf die gestellte Frage leine' zuverlässige Autwort geben, da die gerade im Nest befindlichen Ameisen nur ciiic» kleinen Teil von desicn wirklicher Bevölkerung dargestellt haben können. Daher verfuhr Diiiig bei seinen weiteren Zählungen derart, daß er die Ameisen durch ivicderholtes Bedecken der Nester mit einem 1 Gcv.-Dezimetcr großen Grabscheit, an dem sie sich rasch ansammelten, lebend ivegfing. Indem Zliiig dieses Verfahren tagelang fortsetzte, auch bei« Fang auf die benachbarten, von den Ameisen der Blattläuse wegen besuchten Bäume erstreckte, indem er ferner Sorge trug, daß ctivaige Massen- auswandennigen der beunruhigten Tiere aus dem Nest nicht nu- beachtet blieben, und daß diejenigen Ameiscn, die sich in»mter- irdischen Gängen versteckt hatte», hervorgeholt ivnrde», fand er bei der llntersuchung von fünf ungleich großen Nestern der roten Wald- ameise folgend« Zahlen: A. 53 018, B. 67 470, C. 19 933, D. 98 694, E. 47 828 Ameisen. ES zeigte sich dabei, daß zwischen der Größe dcr Nester und dcr Zahl ihrer Einwohner gar keine Beziehung be- steht; so Ware» zum Beispiel die Nester B und E die kleinsten von allen, und hatte» doch mehr Einwohner alS daS große Nest C, B aiub mehr als das gleichfalls viel größere Nest A. Die Zahl der der Zählung entgangenen Ameisen kann nach Dungs An- ficht nicht bedeutend gewesen sein, jedenfalls nicht über 19 000. Es würde sich also ergeben, daß ei» besonders stark bevölkertes Nest der roten Waldauieisc nicht viel über 100000 Einwohner enthält. DaS würde von dcr durch Zorcl gcfiuidcucn Zahl nicht allzu weit abweichen. Bei dcr großen Menge von Ameiscn, die während dieser Zählungen an Dungs Auge vorübergegangen sind, konnte er wahr- nehmen, wie große Verschiedenheiten die einzelnen Tiere in Gestalt. Färbung imd Größe aufweisen. Es giebt unter ihnen Riesen und Zwerge, Mißgestalten und zahlreiche Ucbcrgangsformcn zwischen Arbeiteriiiuc»»nid weiblichen Ameisen.—(»Tügl. Rundschau.') Musik. Die soniiiicrlick'c Zeit deS Mlisiktcbens zwingt nicht mir zur Be- schäftignng mit Minderwertigcvem als sonst, sondern sie setzt uns aiirt) in Gefahr, nnscr Urteil immer laxer werden zu lassen. Run haben wir bereits die dritte und voraussichtlich auch letzte Dar- fnetmtn der„Orientalischen Operette ngesellschaft", nenerdings„Orientalische Natursänqer" genannt, hinter ,in§. Die erste war als„Orientalische Operette" bezeichnet, die zweite alS„Alttestamcntarisches Melodraina", die dritte heißt „Historisches Melodrama" nnd ist betitelt„Der S t c r n c ir s o h n sBarKochba)"; der Gcsamtautor nennt sich, wie beim zlveiten Stack, kurz Goldsadcn. Vor allem macht wieder das„alt- orientalische" Dentsch— ein ganz verfehltes Mittel des Archaisierens— das Anhören schier»»erträglich. Erträglicher war diesmal die rcdncierte Komil; insbesondere fehlte jene gräßliche Hanswnrstfigur, welche die beiden ersten Stacke so widerlich gemacht hatte. Im ganzen erinnert dieses„Melodrama"(das freilich dem eigentliche» Sinn dieser Bezeichnnng: Mnsik z» gesprochenem Text oder stummer Sccnc, fast gar nicht entspricht) beinahe an den Stil der alte» pathetischen, zumal der kriegerischen, mit Tanzmärschen und dergleichen verzierten Oper. In Jerusalem wird nach der Zerstörung des zlveiten Tcnipcls Bar Kochba. dessen Heldcnlraft durch seinen Sternennamen angedeutet ist, zum Führer einer Empörung gegen die Römer und zum König ausgernfen. Seine Geliebte Dina wird durch Jntrignanten- list in die Gewalt des römische» Statthalters gebracht, und kurz und gut: sie stürzt sich aus den nnd den Gründen von einer Mauer, und schließlich erliegen auch die Empörer. Die Musik leistet wieder an Primitivheit nnd Eintönigkeit das Menschenmögliche. Die Motive, aus denen sich die Themen auf- bauen, werden mit so leeren Nachahmungen aneinandergefügt, daß der alte Spottansdrnck ans der Kompositionsichre:„Schnslcrslecken" wieder zu reichen Ehren kommen kann. Im Orchester ist die Ober- stimme mit so gemütlichen Begleitungen und Imitationen fundiert, daß von'Partitur und Instrumentation kaum die Rede sein kau». Der Gcsangsteil macht sich besser: wenigstens bietet er Arien dar, die dieses Namens Ivert sind, besonders liedartige, nnd manche interessierende Verarbeitungen des Solos mit dem Chor. Italienische Opern- und deutsche Opcrettenhaner sind manchmal nicht besser. Unter den ettva der Erwähnung würdigen Stückchen seien ein Schincrzensgesang der Dina nnd ihres Vaters sowie die darauf folgende' Vcrzweiflnng beider nnd eine Kerker- arbcitSarie Diuas hervorgehoben.— Die Ausstattung machte sich durch einen Rokokoraum als Saal des Statthalters lächerlich. Fräulein Friederhka ZartowSka vom National-Theater in Bukarest ivar wieder der eine Stern des Abends: sie sang und spielte wie neulich und zeigte, daß sie— namentlich wegen ihres rrust dramatischen Spiels— auch in einer weniger niedrigen Welt zu verwenden wäre, besonders wenn sie nicht eine Sprache ver- ruinierte. Der andere Abendstern war, in der Titelrolle, Herr S i l b e r t; als künftiger Glanztenor der BreSlaner wird er freilich viel damit zu thnn habe», sprechen zu lernen nnd sich beim Singen die„wilde Luft" und das Umkippen im Deklamatorische» ab- zugewöhnen. Herr S a m o h l o f(als Statthalter) sprach Verhältnis- maßig noch am besten; hätte er doch eine tvcnigcr dumme Maske genommen I Vielleicht wird uns die Direktion Fritzsche im Friedrich Wilhelm- städtischen Theater die letzten SchrcckenSerinncrungcn aus dem Thalia- Theater vertreiben. Sic will ja. wie es jetzt heißt, lediglich die Operette und neben dieser die„große Spieloper" kultiviere», sogar mit großem Ballett. Der Kunstkritikcr freut sich; doch ist Freude am Platz, Ivo den besten Vorsätzen die Dicnstbnrkcit der Kunst unter dem geschäftlichen Ringen in die Quere zu kommen droht?— sz. ' Medizinisches. ie. Von großem Interesse iv a r die Erörterung, die auf dem gegenwärtig in Paris tagenden Internationalen medi- ziuischen Kongreß den größten Teil einer Sitzung in Anspruch»ahm und in der sich die bedeutendsten Autoritäten Deutschlands, Frank- reichs und Englands über die E n t st e h u n g der Gicht aus- sprachen. Nach dem Vortrage von Professor Ebstein(Göttingen) ist die Gicht eine mehr oder weniger chronische Krankheit, die sich ans Grund einer krankhaften, erblichen nnd meist ivohl au- geborenen Veraulagung entwickelt. Das Wesen der Krank- heit besteht in einem Eindringen von Harnsäure in die Gewebe, über deren letzte Ursache eine bestimmte Ans- klänuig bisher noch nicht erbracht ivorden ist. Die Beziehnngen der Gicht zu andren Krankheiten wie dem Rheumatismus, der Syphilis und der Bleivergiftung legen den Schluß nahe, daß gewisse Vergiftungen, auch solche durch Bakterien, der Entstehung der Gicht Vorschub leisten; dies scheint nach den neuesten Erfahrungen auch bei der Influenza der Fall zu sein. Dagegen beeinflussen klimatische Verhältnisse die Entwicklung der Gicht' scheinbar nicht. Die Harn« säure, die zur gichtischen Erkrankung der einzelnen Körperteile führt, ist als ein chemisches Gift zu betrachten, das entzündliche Veränderungen von Geweben hervorruft und sie schließlich völlig abtötet. Nach dem Absterben der Geivebe lagern sich in ihnen die harnsauren Salze in Form von Krystallen ab. Ebstein unterscheidet zlvei Arten von Gicht: bei der erstcrcn erstreckt sich die Krankheit nur auf einige Teile des Körpers, Ivobei der Erkrankte ein hohes Alter erreichen kann, bei der zlveiten, selteneren Form erstreckt sich das Eindringen der Harnsäure von An- sang an auf alle Körperteile und ist wahrscheinlich auf eine schwere Erkrankung der Nieren zurückzuführen. Professor Le Gendre-Paris stellte die verschiedenen Theorien über die Entstehung der Gicht übersichtlich zusammen nnd sprach sich für die An- ficht aus, daß die Krankheit auf den Folgen einer mangcl- haften Zerstörung der Stofstvechsel-Prodnkte beruht. Wahrscheinlich spielen auch Störungen der Nierenthätigkeit und des Nervensystems solvohl bei der Vorbereitung der Gicht als bei der Entstehung ihrer einzelnen Anfälle eine wesentliche Nolle. Die Gicht kann ererbt und fortgepflanzt lverden; ist keinerlei erbliche An- läge vorhanden, so wird sie durch gesundheitwidrige Ernährung (Mißbrauch von stickstoff- und oxalsänrereichcr Nahrung, gärende Getränke, ungenügende Körperbewegung, Ueberanstrcngung des Nervensystems) oder durch Anstiahme von Giften erworben.' Prof. Duckworth(London) charakterisierte die Gicht geradezu als Ernährungs« störnng, bestehend in einem unvollkommenen Stoffwechsel in gewissen Organen, ivahrscheinlich in der Leber, vielleicht in der Niere. Die Folge davon ist, daß die Harnsäure zum Teil im Blut zurück- gehalten wird, statt ganz ausgeschieden zu lverden. Die schlveren Schmerzanfälle bei Gicht bezeichnen die Zeit der Ablagerung der harnsauren Salze in den Geweben und stehen vielleicht auch unter einem Einfluß des Ceutralnervensystems. Die eigentlichen Er- scheinungen der Gicht treten besonders in den Gelenken nnd Geweben auf, die durch schlechtere Ernährung oder vorhergegangene Verletzung ihrer Widerstandskraft beraubt sind. Die in den Geweben ab- gelagerten Salzkrhstalle können wieder gelöst, an schlecht ernährten Körperstcllen jedoch auch zu einer dauernden Bildung lverden, ihre Ablagerung ist stets mit den heftigsten Schmerzen verbunden.— Technisches. — Eisenbahnwagen a u s gepreßtem Stahlblech. Mit der Vervollkommnung und Entivirklung der hydraulischen Pressen haben diese die Aufgabe» der Hebel- nnd Schranbcnpressen vielfach übernommen nnd erweitert. Mit ihrer Hilfe ist das Stanzen und Pressen von Gebrauchsgegenständen nnd Werkstücken aus Metall zu hohen Entivicklnngsstnfen hinaufgeführt. Schon lange lverden die Flanschen der Böden cylindrischer Dampfkessel, sowohl am äußeren Rande als an den Oesfnungen zum Einnietcn der Flammenrohre, in hydraulischen Pressen hergestellt. Auch Räder, Achs-Schmier- kästen für Eisenbahnwagen usw. lverden schon seit Jahren aus Stahlblech gepreßt. Wie der„Prometheus" mitteilt, lverden seit etwa drei Jähren in Amerika von der„Pressed Steel Car Company" in Pitlsbnrg Güterwagen für Eisenbahnen aus Stahlblech gepreßt, die sich so vorzüglich bewähren, daß schon tausende solcher Wägen auf amerikanischen Bahnen fahren und die Bestellungen auf solche Wagen bereits einen so großen Umfang nngcnonnncn haben, daß die Fabrik sich von der Carnegie Steel Company in Piltsbnrg auf Jahre hinaus die tägliche Liefcnuig von tlWO Tonnen Stahlblech durch Vertrag gesichert hat. Die aus Stahlblech gepreßten Wagen haben vor den bisher gebräuchlichen Güterwagen den Vorzug größerer Leichtigkeit nnd Haltbarkeit. Letztere kommt besonders bei Zusnnime»- stößen zur Grltnng, wobei die Wagen nicht zertrümmert, sondern meist nur verbogen lverden.— vuuioristisckies. — Immer dieselbe. Gr:„ES ist mir, als ob cS gestern gewesen wäre, als wir uns vor dreißig Jahren nnf dieser Bank znni erstenmal küßten!" Sie:„Ja, an Deiner Weste fehlte ein Knopf!"— — Ein Verkam m euer. H e r r v o n A.:„Der ver- storbcne Baron soll in der letzten Zeit ja recht heruntergekommen sein." Herr von B.:„Mensch war so unglaublich tief gesunken, daß man nicht einmal eine Schuurrbartbinde in seinem Nachlaß fand.— („Meggcnd. Hilm. Bl."> Notizen. — B j ö r n st j c r n e D j ö r n s o n hat soeben ein neues, fünf- aktigcs Schauspiel vollendet, das zu Beginn der neuen Saison am königlichen Theater in K o p e n h a g e n ausgeführt werden wird. Der Titel steht noch nicht fest.— — Silber in an ns neues Stück„Johannisfcucr" wurde von der Hofbühne in München im Manuskript erworben.— — AgneS S o r m a wird Aufaug November in Athen in fünf Vorstellungen als Nora. Margarete und Rauteudelei» spielen. Es ist das erste Mal, daß eine deutsche Schauspielerin in Athen auftritt nnd daß im griechischen Theater in deutscher Sprache gespielt lvird.— t. 70 000 Pflanzen hat da? Herbarium dcS Botauischcn Gartens in New Jork bereits während dieses JahreS erworben. In dem Garten selbst befinden sich über 4000 Arten und Varietäten von Pflanzen unter Kultur, die zu 172 Familien und 1007 Gattungen gehören.— — Auf der nordischen A c r z t e v e r s a m m l u n g in K o p c n- Hagen, bei der die skandinavischen Länder zahlreich vertreten waren, wurde der Vorschlag gemacht, daß die im„NordiSk niedicinsk Archiv" veröffentlichten Berichte in der Zukunft in deutscher Sprache gedruckt lverden sollen. Man hätte die Erfahrung ge- macht, daß die medizinischen Abhandlungen in französischer oder englischer Sprache gedruckt, mehr oder weniger unbeachtet blieben, während die in den deutschen Zeitschristen gedruckten Abhandlungen viel häufiger angeführt nnd zur Beurteilung herangezogen lvürden.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 12. August. Verantwortlicher Redacteur: Wilhelm Schröder in Wilmersdorf. Druck und Verlag von ivtax Boving in Berlin.