Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 154 Sonntag, den 12. August 1900 Machdruck verboten.) 12� Die �ÄttkAve. Roman von Fritz M et u t h n e r. Richard dachte nicht daran, daß die Hausfrau seinem Bc- nehnren besondereBeachtung geschenkt hatte. Auch blickte Leontine jetzt kalt zu ihm auf; sie hatte aber jedes Wimperzucken wahr- genommen und war trotz ihrer scheinbaren Ruhe lebhafter bewegt als er. Da hatte sie« ja auf einmal die Antwort, eine deutliche und unzweideutige Antwort. Richard Mcttmann liebte dieses schöne Mädchen, das in seinem einfachen dunklen Fähnchen so vornehm aussah, und das sicherlich vor ihm noch keinen Mann geliebt hatte. „Wer war die Dame, die Sie eben gegrüßt haben?" fragte Leontine mit fremder Stiinme. Richard hätte gern eine Ausrede gesagt; aber was half es, er durfte nicht zögern. „Fräulein Johanna von Havenow-Trienitz," sagte er. und cS lag ein eigentümlicher Stolz in der Sorgfalt, mit der er den langen Namen aussprach. „Johanna? Ein altmodischer Name!" „Ich kenne das Fräulein von klein auf, daher ist mir ihr Name geläufig." Richard fühlte, daß er sich vergaß, wenn er noch läitger blieb. Leontine hielt ihn nicht. Als er weg war, ging sie heftig in den großen Zimmern auf und nieder, wie eilt Mann, der über einen Entschluß nachdenkt. Sie wußte ja, daß ihr der junge Mettmann ge- fiel, sie war sich eben dieser Neigung freudig klar geworden, aber jetzt erst erfuhr sie, daß sie ganz ernstlich in ihn verliebt war. Sie hatte zweimal die Ehe gekannt, aber bis heute noch nicht die Eifersucht. Sie hatte, als sie noch arm war, viele Menschen beneidet, aber kaum einen gehaßt. Jetzt hatte sie etwaS. zu hassen: die Feindin, die Jugend, die Anmut von Fräulein Johanna von Havenow-Trienitz. Noch schritt Leontine zornig ihre Zimmer ab, als ihr Gottlieb Mettuiann gemeldet wurde. Hastig ging sie ihm entgegen. „Ihr Sohn hat eine Liebschaft!" rief sie ihm zu. Der Verleger, der in Geschäftsangelegenheiten gekommen war. schien von dieser Mitteilung keineswegs überrascht. Als ihm aber das eifersüchtige Weib die kleine Begegnung erzählt hatte, deren unfreiwillige Zeugin sie eben gewesen, wurde er böse und rief zwischen den Zähnen: „So ist sie ihtn schon wieder im Wege!" Leontine erfuhr nun leicht, daß Richard MettMann mit Johanna eine jugendliche Liebestäitdelei angefangen hatte und vom Vater hauptsächlich deshalb nach England geschickt worden war. „Aus dieser Sache kann und darf nichts werden!" sagte er hart.„Jedes andre arme Mädchen ist schon eine Last für den Manu, aber ein armes Mädchen von altem Adel kommt mit einer doppelten Schitldenlast auf die Welt: sie macht Ansprüche. Und nun gar die Havcitows! Mich, der ich so lange in ihrem Hause wohnte und von dessen Miete sie lebten, haben sie kaum angesehen!" Leontiitc fragte, ob das Mädchen so arm sei. „Sie sind Bettler, die Mutter und die Tochter. Früher hat der Major viel für sie gcthan, weil er nicht irntßte, wie wenig er selber besaß. Auch war der Sohn bei den Kadetten und kostete nichts. Jetzt ist er Lieutenant, und wie ich mir die Frau Kriegsrätin vorstellen kann, hat sie ihm alles geopfert." „Ist mein Freund Graf Trienitz nicht ein Verwandter dieser Leute's" „Der hat seine Unterstützung an eine Bedingung geknüpft und das thnt die Alte nicht! Sic sollen den Namen Tri ersitz ablegen! Nein, Fräulein Johanna muß sich mit ihrer Hände Arbeit ernähren, und für eine solche Schwiegertochter bedankt sich Gottlieb Mettmanu!" In Leontine regte sich etwas für Johanna; nicht Mit- leid, auch nicht das gemeinsame Geschlechtsgefühl des Weibes gegen den feindlichen Mann. Aber sie gedachte der Zeit, da auch sie ein blutarmes Mädchen war und dafür von reichen. Männern spöttisch angesehen wurde. Wenn auch Richard so klug gewesen wäre, über das arme Mädchen von Adel die Achsein zu zucken, sie hätte Johanna beklagen mögen. Aber nun war gerade Richard die Ausnahme, der. Ehrenmann, der seine Geliebte nicht nach dem Vermögen fragte. Und sinnend sagte sie: „Wir dürfen den guten Jungen nicht in sein Uitglück rennen lassen." Mettmann lachte. Da lasse sich nichts machen. Richard sei ja leider ein Künstler oder Gott weiß was, und da scheine ihm die Armut seiner Herzanscrlvählten nur einer ihrer Vorzüge. „Glauben Sie das nicht. Nur ans der Entfernung ist die Armut schön. Ich weiß das. Lassen Sie daS Mädchen nur eine Weile in Not! das wird sie herunterziehen, so tief, daß Richard noch vor ihr fliehen soll." Mettmanu runzelte die Stirn. Er liebte es nicht, wenn Frauen mehr Lebenserfahrung zeigten als er:"nd Frau Leontine sollte schon gar nichi glauben, daß sie durch solche Bemerkungen jüttger erschien. „Fräulein von Havenow ist sehr gut erzogen," sagte er mit unmerklicher Bosheit.„Ihr wird die Armut lange nichts anhaben können." „Um so stärker ist unsre Pflicht, ihn zu schützen." Mettmann wurde nun doch von der Entschlossenheit dieser Fra« mit fortgerissen. „Ich wollte der Not einntal unter die Arme greifen." sagte er langsam.„Mein Freund Disselhof. der Maler, machte einmal die Bemerkung zu mir, das Mädel wäre ein famoses Modell. Ich wollte ihr den Verdienst zukommen lassen." „Sic sind ein vortrefflicher Mensch!" „Na ich dachte auch an meinen Sohn. Wenn das Mädchen erst dem einen gesessen hatte, dann kam sie von einer Hand in die andre, und wenn sie durch ein Wunder unverdorben blieb, so war sie doch für eine ehrliche Ehe mit einem Makel bedacht. Aber sie hat sich lachend geweigert, als Disselhoffs Äuusthändler ihr ganz geschickt, so wie im Scherze, den Borschlag machte." „Was ist Disselhof für ein Mensch?" fragte Leontine nachdenklich. Mettniann strich sich schmunzelnd den Schnurrbart. „Wie Sie wissen, einer nnsrcr ersten Genrcmaler, der auf jedem Bilde ein neues Kunststück anbringt; aber außerdem ein geriebener Geschäftsmann und mein guter Kunde. Er spekuliert ein wenig in Häusern, für die er dann immer sehr geschickt Reklame zu machen weiß. Außerdem verdient er ein hübsches Geld durch seine Fabrik, in welcher er Damen und Lehrlinge alle möglichen Kunstsachen für unsre Kunst- Händler arbeiten läßt. Viele Sachen, die da hergestellt werden, gehen dann unter seinem Namen und werden gut bezahlt. Jetzt hat er die Fabrik draußen in der Groß- görschenstraße, in einer Baracke, wo sonst nur mein ver- rücktcr Redacteur wohnt. Dieser Disselhof ist zu klug und zu geizig, um jenials ein schlechtes Bild zu malen. Alle paar Jahre einmal, wenn er ein Modell findet, das ihm zu- sagt, macht er sich daran, und immer tvird es dann etwas, wovon man wochenlang spricht. Und dabei malt er so getreu, daß man das Modell jedesmal erkennt." „Und Disselhof verspricht sich einen ebenso großen Erfolg, wenn ihm Fräulein Johanna von Havenow Trienitz sitzt?" „Er spricht von ihr, als hätte sie ihn bestohleu, weil sie es nickt thun wollte." „Und kennt das adelige Fräulein den Namen Dissel- Hofs? Ich meine, weiß sie, daß er es war, der sie malen wollte?" „Gewiß nicht!" Mettmann lächelte. „Dann würde ich an feiiter Stelle die arme Person sonst- wie beschäftigen und die paar Linien abzeichnen, ohne erst viel zu fragen. Dabei kann doch kein Unrecht sein?" Nun lachte Mettmann geradezu heraus. „Ich möchte Sie nicht zur Gegnerin haben," sagte er wie um Frau Piterscn zu schmeichein.„Mir kam ein ähnlicher Einfall. Das Fräulein von Haveitow sucht durch Inserate Beschäftigung. Mein Nedackeur inkeressierte sich für die Sache. Ich riet ihm, sie an Disselhof zn empfehlm. Sie malt dort in der Fabrik und ist mit der Bezahlung nicht sehr zu- frieden.» V. Seit der Rückkehr vom Gute war Johannas Leben in wachsenden Sorgen und doch wieder einförmig verflossen. Sie theilte mit der Mutter seit der jiindheit die Gewöhn- heit, den künstigen Lieutenant als das einzige wichtige Glied der Familie zn betrachten, und weigerte sich nicht, ihm jedes Opfer zu bringen. Wenn die verwitwete Kriegsrätin den Hausbedarf auf das bescheidenste Maß herabsetzte,»venu sie unter ihren Kleidern und Schmucksachen Umschau hielt, um da und dort durch den Verkauf eines entbehrlichen Stücks Achims Ansprüche zu be- friedigen, so wurde Johanna nicht müde, der drängenden Not durch tapfere Thätigkeit entgegenzuwirken. Sie schämte sich ihrer Arbeit nicht; von Kind auf hatte sie nichts andres gekannt, als ein kümmerliches Hinfristcn unter dem äußeren Schein eines komfortablen großstädtischen Lebens. Und auch in den guten Stuben befreundeter Offiziers- und Bcamtenfanülicn hatte sie die geschminkte Not oft genug auf den Plüschsofas lauernd sitzen sehen. Was Johanna durch ihren Fleiß so gern verbannt hätte, war nicht die Armut, nur die Lüge und das Häßliche des ge- heuchelten Wohlstands. Sie klagte nicht, als sofort nach Achims Abreise die Magd entlassen wurde und die beiden Frauen sich auch nach der Rückkehr vom Lande selbst bedienen mußten; aber sie errötete jedesmal, wenn es klingelte, und die Ab- Wesenheit des Dienstpersonals von der Mutter durch einen angeblichen Zufall entschuldigt wurde. Sie begnügte sich gern mit der dünnen Milch und dem Schwarzbrot zum Frühstück, auch niit deni Reis zum Mittagessen. Es war aber unerträglich, daß die Mutter mit ihren alten Freundinnen, die zu Gaste kamen, nach wie vor über den Schlächter klagte und sich über dm Marktgroschen der Köchin aufregte. Und die alten Freundinnen, die in ihren verschossenen altmodischen Seiden- mänteln im kahler und kahler gewordenen Salon auf das Anbieten eines Apfels oder eines Kuchenstücks vergeblich warteten, sahen just auch nicht aus, als ob ihr täglicher Brate», über dessen Zubereitung sie ernstlich streiten konnten, dustende Wirklichkeit wäre. Johaima wußte, daß sie ein Theater oder Konzert fast niemals besuchen konnte, außer wenn alle Jahre einmal der Zufall ihr ein vertvehtcs Freibillet zubrachte. Doch blieb es ihr immer noch mehr peinlich als rührend komisch, wenn die Mantelgcstelle, denen eS ja auch nicht besser ging, über jedes neue Theaterstück eifrig zu Gericht saßen und sich niemals darüber zu wundern schienen, daß sie einander noch nie bei einer ersten Aufführung begegnet waren. Noch herber empfand sie die Gleichgültigkeit, mit welcher die Kriegsrätin allmählich alles behandelte, was nicht ihren Achim betraf. Tie Verarmung und der Tod des Onkel Majors hatte auch diese böse Folge gehabt. Kein Brief aus der weiten Welt wurde mehr beantwortet,„uni Papier und Porto zu sparen," nnr nach Graudenz ging allwöchentlich ein zärtliches mütterliches Schreiben ab, und oft hieß es: „Johanna, Du mußt zwei Freimarken kaufen. Der Brief ist doppelt geworden. Du hast gewiß noch Geld Und au jedem Ersten wurde von der Pension ein Schein von fünfzig oder gar hundert Mark eingefaltet. „Eingeschrieben, Johanna. Du hast doch noch Geld?" Tagsüber, wenn die Kriegsrätin in allen Kommoden und auf allen Brettern ordnend nach Verkäuflichcin spähte, ging sie in einem unmöglichen Schlafrock umher, und immer erst, wenn ein Besuch sich steif und förmlich auf einem der grünen Stühle niedergelassen hatte, zog sie schonungsvoll das zehn- nial gerissene und zehnmal wieder geflickte, schwarze seidene jlleid an. Johanna verstand es, in dieser zerbröckelnden Wirtschaft ihre kleine Mädchenhabe sauber beisammen zu halten. Schon dreimal hatte sie der Mutter den eignen Granatschinuck ab- gekauft, um ihn nicht ins Leihaint wandern zu lassen. Und wenn die Kriegsrätin mit lüsternen Augen Johannas Bibliothek musterte, die beim Antiquar einige Thaler wert gewesen iväre, so kaufte Johanna ein teures sachwissenschastliches Werk für Achim und behielt ihre Bücher. Stillschweigend abgemacht war es, daß jedesmal ein Paar weiße Militiirhaiidschuhe nach Graudenz abgingen, so oft Johanna für sich selbst in den Handschuhladcn gehen mußte.„Du hast doch etwas Geld. Johanna i'- Achim war das Um imd Auf im Hause. Die Kriegs- rätin war nnr glücklich, weuir der Sohn über einen lustigen. mit den Kameraden verkneipten Abend berichtete— so nach dem Ersten herum— sie war nur traurig, wenn in der zweiten Hälfte des Monats die schüchtern klagenden Briefe über Geldnot eintrafen. „Du mußt niir mit einer Kleinigkeit aushelfen, Johanna. Du hast doch noch etwas Geld übrig?" Niemals hatte Johanna von der Pension auch nur einen Pfennig Taschengeld bekommen. Was die Zuschüsse an Achim davon übrig ließen, das hütete die Kriegsrätin ängstlich, uin die� Miete und einen Teil der Wirtschaft zu bezahlen. Jede außerordentliche Ausgabe mußte Johanna bestreiten. Sie brachte es fertig, der schwächlichen Mutter auch noch dann und wann ein Stückchen Fleisch, ja sogar eine halbe Flasche Wein nach Hause zu bringen. Sie hatte an Musters Geburtstag einen Veilchenstrauß und eiuen Teller mit Erdbeeren auf den Tisch gestellt und hatte nnr schmerzlich gelächelt, als die Mutter statt allen Dankes nur sagte: „Du scheinst ja noch etwas Geld zn haben, Johanna? Du hättest es Achim schicken sollen." lFortsetzung folgt.) Nun hat der Alte doch nnsre Prophezeiung zu Schanden gemacht. daß er»us jüngere Kollegen alle überlebe» würde. Wir hatten das so oft unter unZ gesagt, daß wir den melancholischen Scherz schließ- lich als buchstäbliche Wahrheit empfanden. Wir konnten nnsern Alten gar nicht mehr hlmvegdeiikeu; es schien uns völlig wider die Natur, daß diese ungebrochene Kraft einmal enden könnte. Während»vir Jüngeren durch Widerwärtigkeiten, wie sie das politische Berufsleben unvermeidlich mit sich bringt, nur gar zu leicht uns bis ins Innerste aufivnhlen ließen und ivohl mit müdem Verzicht den Goeihesclien Lieblingsversen des großen und unglückliche» Pestalozzi, dein Nacht- licd des Wandrers, sehnsüchtig nachsannen: Ter Du von dem Himmel bist. Alles Leid und Schmerzen stillst, Den, der doppelt elend ist. Doppelt mit Entzückung füllst, Ach, ich bin des Treibens müde l Was soll all' der Schinerz und Lust! Süßer Friede, Komm', ach komm' in meine Brust!— Während wir»nS dergestalt durch böse Stimmungen beherrschen und entkräften ließen, ging unser Alter aus jedem neuen Sturm wie ans einein VerjüngungSbad hervor, frischer und lebcnstapferer denn zuvor. Diese»»venvüstlichc Kraft des Ucbcrwindeiis, des Unter- sich-Zwiiigcns, die dem ältesten von uns eigen war, erfüllte uns immer wieder mit bewunderndem Staunen. Daruni auch unser Glauben, daß, wenn wir längst am Leben aufgerieben sein würden, der Alte ünmcr noch aufrecht ragen würde, hoffiuingsstarl aller Misere trotzend. Aber auch der Tod bat das Wesen Wilhelm Liebknechts wohl gekannt. Darum ließ er sich nicht erst auf Unterhandeln und lieber- reden ein— dann hätte er iiicnials sein Ziel erreicht. Im Schlllinnier überfiel er ihn mit sanfter Gewalt»»d führte den vom Schlafe gebändigten Willenlosen voil daniien. Unser Alter ist eigentlich hinter seincin Rücken gestorben, er selbst trug ivahrlich nicht die Schuld, daß unser Glaube auch au seine physische Unsterb- lichkeit zerschlagen worden ist... Das Zimmerche», das er in unsrer Redaktion zur eignen Der- fugiing hatte, ist verwaist. Im künftige» Winter Ivird man es pietätlos heizen, anstatt ihm die Eisschtankkiihle zu lassen, in der sich der abgehärtete Recke allem wohl fühlte. Kein Blatt Papier wird aus diesem Räume mehr komme», das beschrieben ivar mit der großen klare» lschrift deS Alten, deren Lesbarkeit er nur durch kraus verrankte Einschiebsel bccinträchtigic. Wir werden nicht mehr mit ihn, über die politische» Fragen diskiitieren, er wird nicht mehr bei nns mit der Frage eintreten, ivns denn Neues los sei und was>vir für einen Leitartikel hätten. Er wird sich nicht mehr des Abends mit freundlichen, Händedruck verabschieden, an, Arn, das kunstvoll gewickelte Palet voll Zeitniigen. Wir können auch nicht mehr über die niaucherle, Sonderbarkeiten„lästern", die dieser großen vielspältigen Natur anhafteten und den mächtigen Kämpfer zn liebenswürdiqcr Menschlichkeit milderte». Wenn unsre Arbelt rastet, tvird die Sehnsucht ailfzuckeu, der Alte möchte iu die Thüre treten und uns fragen, was es Neues gebe. In Wilhelm Liebknecht ist vielleicht der letzte große Publizist deS alten Schlages gestorben— aus jener Epoche, da die Zeitung nichts weiter war, als ein innfangreichcres, regelmäßig erscheinendes Flugblatt, da die Tagesfragen nur den Vorwand bildeten zu tuertreiibcm STufraf, da dcr Tagrssckiriststcllcr Agitator, Missionar war, ei» Ritter vom Geiste, nicht wie heute im besten Falle ein Arbeiter vom Geist oder, wie es die Regel ist, ein Arbeiter gegen den Geist. Heilte beherrscht der JonrnalisnruS das aktuelle Ereignis, die Würdigung ist nur eine entbehrliche Zugabe. Der Publizist der älteren Richtung wollte wirken. wollte einer großen politischen Aufgabe dienen, nicht sich dazu hergeben, Neuigkeiteil anszilkranien. Dcr Parlainciitarismiis hat ja eine ähn- liche Wandlung erlebt: statt des Kampfs um große Priucipien eine fleißige sachliche Dislnssion über unifangreiche Gesetze, die den Parlamentarier zu einem Stück Geheimrat macht. Die pedantische Arbeit, die dcr heutige Redacteur der aktuellen Tageszeitung austvendcn innß, ist dem genialischen llugestiiin Lieb- kncchts stets fremd geivcscn. Er war kein Handwerker, sondern eiii Künstler, der den Eingebungen seines Temperaments folgte, auf einen guten Stil weit mehr gab, als aus eine sensationelle Nachricht, und es nie begriffen hat, daß es darauf ankäme, ob das Publikum eine Neuigkeit einen Tag später oder früher erführe. Kein Zivcifcl, daß dcr heutige Journalismus nach den ihm gc- stellten Aufgabe» viel niedriger stehen muß, als die»in ihrer selbst tvillen als Kunst gepflegte Publizistik eines Liebknecht. Aber die Entivicklung ist unwiderstehlich und ihr hatte Liebknecht schließlich auch seliszcnd Konzessionen gemacht. Schöner und edler ist der Beruf des Tagcsschriststellers sicher nicht gctvorden, seitdem er zur Neuesten- Nachrichtcn-Sklaverci geworden, lind ein Man», dem jede Philo- slrosität verhaßt war, der am liebsten als rastloser Wcltwanderer seine Anschauungen verkündete und in der Eisenbahn oder aus Spaziergängen sein Blatt redigiert hätte, ein solcher frei schweifende Geist, wie er Wilhelm Liebknecht eigen Ivar, konnte sich nie ganz an den fabrikmäßigen, regelmäßigen Betrieb gewöhnen, wie— leider I— das moderne Zcitungswcscu erfordert. Den Haß gegen die Entwürdigung der Schriftstcllerknnst durch das?lkt»elle hat unser Alter stets beibehalten. Er fühlte sich stets jus Unrecht gesetzt, wenn ihn Kollegen davon abzuhalten suchten, eine Notiz ins Blatt zu bringen, die vor einer Woche schon durch die andren Blätter gegangen oder die Ereignisse betraf, die Ivcit zurück- lagen. Was lag daran, ob die Notiz nicht mehr ganz aktuell ivar, Ivo sie doch prächtig stilisiert und mit dcr ganzen Wacht Liebkncchtscher Sprachgeivalt ausgestaltet war I Dieser blöde KultnS der Fixigkeit war ihm schnödeste Entweihung. Wir Jüngeren freilich ivaren durch die moderne Journalistik verdorben, Ivir waren uns be- tvußt, daß das goldne Zeitalter dcr individuellen publizistischen K n n st unwiderbringlich vorüber war, Ivir opferten geduldig dem Moloch dcr Aktualität— aber im tiefsten Innern empfanden auch wir eine schmerzliche Sehnsucht nach jenen schönen Zeiten, da der Publizist noch ein bißchen Zigeuner sei» durfte, der im Wandern nach freiem Gelüst Blitze schlenderte, statt in trauriger Seßhaftigkeit Tag für Tag dem Dreibund von Schere, Feder und Kleister zn dienen. In der Thal, unser Alter hatte doch recht, daß es für die Kultur ganz gleichgültig sei, ob man ein Geschehnis ein paar Tage später erführe. Er hätte sicherlich sich dagegen erklärt, daß man über sein Ableben eine Extra-Ansgabe veröffentlichte. Auch darin war Liebknecht dem Zeitungsindnstrialisinns fremd geblieben, daß er, trotzdem er jahrzehntelang der leitende Geist großer Blätter geivesen, niemals tief in die technischen Einzelheiten des Betriebs eingedrungen war. In dieser Hinsicht blieb er so Harm- los wie ei» Anfänger. Ich glaube, die Zwillings-Notationsniaschine ist ihm immer etwas unheimlich geivesen, und sein Herz hing an der kleinen Handpresse einer Geheimdrnckerei, in der der Weg von Hirn bis zum fertigen Blatt nicht gar so weit ist. Diese patriarchalische Anschauung von der Publizistik beruhte keineswegs ans einer rückständigen Einsichtslosigkeit. Nein, Liebknecht erkannte eben, daß die moderne Entivickelnng des ZeitnngstvesenS— bei manchen Vorzügen— doch die wertvollsten Eigenschaften zcr- störte: m>d„irniand kann bestreiten, daß er darin recht hatte. So blieb er für seine Person dcr alten besseren Gewohnheit getreu, wehrte aber auch nicht den Jüngeren, die den schlimmen Forderungen der Aklnalität gerecht zn werden suchten. Den großen Wecker und Nütteler wird niemand von den Jüngeren ersetzen. Niemand vermag so, wie Liebknecht cS konnte, als be- geisternder Führer, als ermutigender Tröster nach Niederlagen, als jubelnder Trinmphator nach Erfolgen zum Volke z» sprechen. An diesen großen Tagen bekam das geschriebene Wort von selbst Klang und Ton und begann zu reden. Dann war die Zeitung nicht ein totes Blatt, sondern ein leidenschaftlich glühender Mensch. Daß die Jungen eS immer verstehen mögen, das heilige Maifest- Feuer deS Alten getreu zu hüten I lloo. TUeinos Ifeuillekon» gr. Seine Nachtruhe. Nach dem Kaffee gingen sie wieder ans den Balkon. Die Tante setzte sich ans den Schaukelstuhl, den weißen Pintscher im Arm, und wiegte sich leise hin und her. Der Onkel beschäftigte sich mit den Blumen, das junge Mädchen trat a» seine Seite, spielend ließ sie die zierlichen Blüten der Fuchsien durch die Finger gleiten:„Es steht aber wieder alles prachtvoll." «Ja, nicht wahr?" Ein freudiger Stolz leuchtete in seinein Gesicht.„Und sieh' mal, wie sich dcr Wein entwickelt hat l Das ganze Gitter ist dicht berankt. Zum Fenster kriecht er auch schon hinüber, ivie ein Kranz ficht es ans. Wunderhübsch, nicht wahr?" „Es ist überhaupt alles wunderhübsch!" Sie ließ die Augen über die Blumen gleiten und beugte sich dann auf die Straße hinaus:„Die Aussicht ist doch geradezu reizend. Wie klar heute wieder alles ist I Man erkennt den Grunewald ganz deutlich!'" „Ja die Aussicht werden wir am meisten vermissen." Die Dame im Schaukelstuhl seufzte, der alte Herr verzog gleichfalls das Gesicht: „llud wenn ich nur erst wüßte, wie»vir die Blumen fortbringen. Die Blumen leiden ganz entschieden dem Umzug. Dcr Wein wird mir total ruinierte Es dauert wemgstcuS ztvei Jahre, ehe er wieder so hoch kommt tvie hier." „Und ehe man sich an die fremde Gegend gewöhnt!" Die Taute gab dem Schaukelstuhl einen erneuten Schwung.„Ich darf tvirklich gar nicht daran denken, nun wohnen lvir hier fünf Jahre." „War eS denn aber gar nicht möglich, daß Ihr hier bliebt? Das junge Mädchen rückte den zierlichen Bambusstuhl an ihre Seite uud ließ sich mit teilnehmender Miene darauf nieder. „Ach! Gar kein Gedanke I" Die Dame lehnte den Kopf hintenüber und schlug die Augen gen Himmel. Der Onkel rückte sich gleichfalls einen Stuhl heran:„Nein, aber auch wirklich gar kein Gedanke. Die weite Enifernung von der Stadt, die unbequeme Verbindung, das ließe sich ertragen, aber die Fabrik da drüben! Nein, unmöglich I" Er warf einen feindseligen Blick auf das hohe rote Gebäude, das sich in einiger Entfernung zwischen Ackerland und Baustellen erhob.' „Es ist eine Eisenivarenfabrik, nicht wahr?" fragte das junge Mädchen. „Maschinen machen sie da." Die Stimme der alten Dame wurde ordentlich wütend.„Jetzt merkt mau eigentlich gar nichts davon." Das junge Mädchen musterte die Fabrik mit interessierten Blicken. Der Onkel klopfte die Asche von dcr Cigarre:„Nein, natürlich merkt man nichts I Die Kinder schreien ja auch genug ans der Straße, aber sitze nur mal abends hier, oder komm nur mal nachts, wenn sonst alles ruhig ist, dann kann man es nicht aushalten vor Spektakel." Das junge Mädchen machte große Augen.„Nachts?... Arbeiten sie denn da auch nachts?" „Jede Nacht!" bestätigte die Tante. „Und der Skandal ist tvirklich nicht zu ertragen"— fiel det Onkel ein— Dn kannst Dir wirklich keine Vorstellniig machen; das Hämmern und Surren und Schleifen und Pocheg hört gar nicht ans. Der vernünftigste Mensch muß verrückt werden, wenn er es eine Stunde mit anhört." „Wir müssen faktisch die Fenster schließen"— tvchklagte die Tante—„und dabei sind wir es so gewöhnt, bei offenen Fenstern zu schlafen. Ich bin schon ganz krank von der eingeschlossenen Luft." „Na, immer noch besser die eingeschlossene Luft als dcr Skandal I" Der Onkel machte ein griesgrämiges Gesicht.„Nein, tveißt Dn, meine Nachtruhe muß ich haben l Seine Nachtruhe muß jeder Mensch haben, das ist doch wahr? Man steht ja erschöpfter ans, als man sich hingelegt hat. Alle Augenblick wird man aufgescheucht. Bald kracht es hier, bald poltert es da; es ist ja gräßlich." Das junge Mädchen schüttelte den Kopf: »Daß so etlvas aber erlaubt ist?" Die Tante nickte lebhaft:„Ja, das Hab' ich auch schon gesagt. — Da wohnt-man hier in Ruhe und Frieden, und dann kommt so'n Fabrikant und läßt einem die ganze Nacht etwas vorhärnmem — einfach ein Skandal ist es, die Menschen ans ihrem friedlichen Schlaf aufzuscheuchen, sie so um ihren Schlaf zn bringen, als ob die Nacht nicht zum Schlafen da wäre I Jawohl, zum Schlafen I" Ihre Stimme schlug über, sie Ivehte sich mit dem Taschentuch Kühlung zn. Der Onkel nickte beistimmend: „Jatvohl zum Schlafen— natürlich— ich sag' eS ja— es ist 'ne Gemeinheit, einen um den Schlaf zu bringen! Seine Nachtruhe muß jeder haben, hm ja— seine Nachtruhe I"-- — Ein Land ohne Drnckerpresse. Im Jnnihcft dcr„North American öleview" spricht E. Denisqu Roß, Professor der persischen Sprache am Univerfith College in London von dcr modernen persischen Litteratnr, an der man in den englischen Sprachgebieten durch die Ucbersetznng des Omar Khaygam durch Fitzgerald Interesse gcivonncn hat. Die.Münch. Allg. Ztg." entnimmt dem Aufsatz das folgende über den persischen Buchmarkt, rcsp. die Art, wie die Lilteratur in dem persischen Reich verbreitet wird:„Während Konstantinopcl und Kairo ausgezeichnete Druckereien besitzen, ans denen zahl- lose Bücher und Journale hervorgehen, ist Persien bis ans den heutigen Tag von der lithographischen Reproduktion seiner Jnland-Bücher und Zeitungen— die sehr spärlich ist— abhängig. Im Beginn des 19. Jahrhunderts ivar eine Druckerpresse mit be- lveglichen Typen zu Tnbriz aufgestellt und eine gelvisse Anzahl Bücher da gedruckt. Aber bald ward dies wieder aufgegeben. Die Unpopnlarität des Typendrucks in Persien hat zwei Gründe: erstens beleidigt die Grndheit der Linien den Kunstsinn des Persers; zweitens ist bei gedruckten Büchern dcr Charakter der Schrift ver- loren. Der gleiche Grund, der den Perser dazu bringt, einen Kalli- graphen aufs höchste zu schätzen und zn verehren, läßt ihn den Mangel an Charakter an einem Thpendrnck beklagen. Ein schön ge- schriebenes Manuskript ist sein höchstes Entzücken, das sich bei ihm äußert, wie wenn wir die Signatur und die Art eines alten Meisters vor uns sehen. Hat er sein Mmmstript, so begnügt er sich mit einer Lithographie, die geivohnlich dnS Farsimilc der Handschrift eines ziemlich guten Schreibers ist, so das; das menschliche Element nicht ganz fehlt.— Wir können iin-Z kaum vorstellen, welche Anfmerksainkeit nran der Kalligraphie in, Osten zu- tvcndet, wo Männer von großem Wissen sich jahrelang darauf vcr- legen, um sie zu lernen, und Lebensalter damit zubringen, kuust- volle Kopien klassischer Werke herzustellen. Obwohl diese Knust infolge der Billigkeit der Lithographie abzusterben beginnt, so kann doch auch heutzutage noch ein Mann gleichen Ruhnr durch seine Kalligraphie wie der Dichter durch seine Verse gewinnen.— In jedem größeren Bazar finden sich eine Anzahl Bnchcrlädcir als bc- sondere Abteilung. Hier findet man den Buchhändler in seinem langen dimklen Gewand und feiner hohen schwarzen Lanunfcllmiitze auf dem Boden sitzen mit seiner nicht sehr reich- haltigen Ware. Die Borderseite der Bude ist offen, während die Bücher entweder an den drei Wänden auf Gestellen rnheil oder in Haufe» auf dem Boden liegen. Die Kollektion besteht gewöhnlich atis lithographierte» Ausgaben von Korans. Schulbüchern, Lieblings-- dichter» nud Historikern, doch ist die Auswahl gering. Abgesehen ' davon findet sich verborgen in ciiiem Winkel noch oft ein oder das andre Mnuuskript, das der Buchhändler entweder selbst aus Spekulation gekauft hat. oder für einen Freund zu verkaufe» hat.— Die Zahl der in Persien lithographierten berühmten Werke ist gering und eine große Anzahl von solchen— in Poesie und Prosa— existieren bis auf den heutigen Tag nur im Manuskript. Gar viele persische Autoren verdanken ihre Auferstehniig ans diesem Zustand relativer Vergessenheit nur den Austreugnugen von Jndieru und Europäern. Es wird uianchcn überraschen, wenn er hört, daß die Werke zahlreicher persischer Dichter, die unter ihren Landsleutcu höchsten Ruhm gewonnen haben, weder lithographiert noch gedruckt worden sind.— Die übliche Hausbibliothek des Persers besteht ans einer arabischen Kopie des Koran, dem einen oder dem andern Dichter, einem Wörterbuch und einer allgemeine» Geschichte. Größere Bibliotheken sind selten. Die Bücher werden nicht aufrechtstehend aufgestellt, sondern liege» aufeinander, und ztvar mit dem Rücken an die Wand, während der Titel, wenn ein solcher überhaupt angegeben ist, über den vordere» Schnitt geschrieben ist."— Völkerkunde. ck. I m Lande der Pygmäen. In dem soeben in London erschienenen Buch„Im Lande der Zwerge und Kannibalen" entwirft der englische Missionar A. B. Lloyd eine interessante Schilderung von seiner Reise durch die dunkelste» und- unerforschten Gebiete Central-Afrikas. Auf der Heimreise von Uganda wählte er nicht den bequemen Weg Über Sansibar, sondern den durch das Kongogebiet und nach der atlantischen Küste. Dabei kam er auch durch das Land der Pygmäen und zahlreicher Kanuibalen-Stämme, mit denen er sich aber in aller Freundschaft auseinander zu setzen wußte. Seine erste Bekanntschaft mit den Pygmäe» machte Lloyd in einem Walddickicht. Er war mit der Lektüre eines Buchs be- schäftigt, als er plötzlich im Dickicht„zahlreiche kleine Gesichter be- merkte, die ihn anstarrten". Lloyd hielt seine Hände hin, zum Zeichen einer freundliche» Begrüßung.„Langsam und sehr scheu näherte sich ein Pygmäe, starrte de» weißen Mann voll Erstaunen ins Gesicht und verbarg sein Gesicht in den Händen". Andre Pygmäen kamen und lauerten hinter ihren» Führer.„Ich konutenniimeine Besucher, so erzählt Lloyd, in der Nähe betrachten, und was mir zu allererst auffiel, war natürlich ihre kleine Statur. Aber obgleich sie sehr klein waren, ungefähr vier Fuß hoch, wie ich später durch Messung fest- stellte, waren sie so kräftig gebaut, wie man es bei afrikanische» Stämmen nicht oft sieht.' Sie waren breitbriistig, hatten eine ausgebildete Muskulatur, kurzen und dicken Hals und einen Kopf in der Form einer kleinen Kugel; der Unterkörper ivar massiv gebaut und ungewöhnlich kräftig. Die Brust war mit krausen, schwarzen Haaren bedeckt und die meisten Pygmäen trugen dichte, schwarze Bärte. Sie hatten einen Bogen und einen Köcher in der Hand oder kurze Wurf- speere. Um die Arme trugen sie eiserne lltinge und einige hatten auch Ringe uni den Hals. Ich sprach niit dem kleinen Mann, der die Toro-Sprache kannte, und war sehr erstaunt über die geschickte Art, wie er meine Fragen bcantlvortcte. Seine Kenntnis der Sprache ivar nicht gerade vollendet, und er brauchte oft Worte, die mir fremd waren und die denGeschmack des Pygmäen landes verrieten, aber er sprach doch gut genug, dainit ich ihm folgen konnte." Der Pygmäcnhäuptling erzählte auch, daß sein Land sieben Tagereisen lang und sechs breit wäre.„Dann fragte ich ihn nach der Zahl seines Volks, und er nahm ein Stück Holz, zerbrach es wieder in kleine Stücke und sagte, daß jedes Stück einen Häuptling vorstelle; dann zählte er auf, wie- viel Pygmäen zu jeden» Häuptling geborten: einige halten 200, andre nur 50, andre aber sogar 500. Die einfache Addition ergab, daß die Gesamtzahl ettva 10 000 betragen mußte. Dan» erzählte mir der Pygmäen- Häuptling, daß er seit langem von meiner Ankunft wüßte. Ich fragte ihn, tvie das käiiw, und er sagte, er hätte mich schon sei: mehreren Tagen gesehen.„Ihr saht mich", sagte ich, „wann den»?"„Ich habe Euch schon sechs Tage lang im Walde gc- sehen".„Aber ich sah Euch doch nicht",' sagte ich. Darüber lachte er herzlich. Ich bekam schließlich heraus, daß eine große Bande dieser kleinen Menschen jede unsrcr Be- wegungen durch das Dickicht verfolgt hatten, als ivir vorüber- gingen. Warum grifsen sie uuS nicht an? Wir waren in den letzten Tagen ganz in ihrer Macht gewesen, und man hatte sie immer als ein verschlagenes, hinterlistiges Volk geschildert. Vielleicht schützte uns unsere Hilflosigkeit; denn sie sahen, daß wir nicht, wie andre Weiße, mit Flinten bewaffnet Ware». Ich glaube aber, daß sie nicht das unzuverlässige Volk sind, für das man sie gewöhnlich hält, sie sind, ivie die meisten Afrikaner, vollkommen ungefährlich, wenn man sie nicht stört." Ebenso gute Erfahrnngen machte Lloyd mit dem Kannibalenvolk der Bangivas. Er beschreibt sie als„die gemütlichsten Schivarzen, mit denen ich je ctivns zu thun gehabt habe; sie waren voll von Scherzen und gingen herzlich ans all meine Späße ein. Meine englische Ziehharmonika, mein Hund Tally, die Kamera, das Opernglas»od vor allem mein Fahrrad riefen bei ihnen die größte Bewnuderuug und die wärmsten Kameradschaftsgefühle hervor".— Aus dein Pflanzenleben. —„S t e p p e n l ä u f e r." Leopold L ö s k e schreibt in der Wochenschrift„Mutter Erde": Wenn der Wind über die Steppen Südrußlands rast, jagt er wunderliche Ballen vor sich her, die teils hüpfend, teils rollend vor den Augen des erstaunten Wanderers über die öde Heide dahineilen, um schließlich in der Feine zu veischwiudc». Es sind ausgedörrte Pflanzen, die den Kreislauf ihres meist ein- jährigen Daseins vollendet haben und die der Wind vom Boden löst, um sie in wilden Sprüngen über die Steppe tanzen zu lassen. Fortrollend sollen die einzelnen Bündel sich miteinander bis zur Größe eines Henwagcns„verheddern". Aber auch wen» man diese Angaben ans ein bescheideneres Maß reduziert, wird es auch für den, der keine Gelegenheit hatte, die Steppe aus eigner Anschaimng kennen zu lernen, begreiflich erscheinen. daß diese an sich so harmlose Erscheinung bei de» Bewohnern der sttdrussischen Steppen nuter der phantastischen Bezcichiinng„Steppenhexe" fburian) bekannt ist. Die Erscheinung ist aber nicht auf Süd- rnßlaud beschränkt, sie wird überall beobachtet, wo große Steppe» die geeignete Unterlage für die' fast groteske Staffage liefern. So berichtet F o n ck in seinen„Streifziigen durch die biblische Flora" aus den Steppen zwischen Libanon und Antilibanon: „Schon bald, wenn wir so durch dieie Steppe dahinziehen, wird»ms eine eigeutnmlickic Erscheinung auffallen. Zwischen de» beide» Höheuketten erhebt sich nicht selten ein starker Wind, der wirbelnd über die Ebene dahiiibrauft. Staub und Spreu vor sich hertrcibend. Schauen»vir ctivas genauer zu. so bemerken »vir zivischcn den» Staub und der Spreu große runde Balle»», die im Kreise sich um sich selbst drehend mit Windeseile schier»»aufhaltsam über die Felder dahiugejagt»verde». Es sieht aus, als ob »vcihgraue, kleine Räder von unsichtbaren Kräften über die Steppe gerollt»viirde»»." Die Beobachtung dieser sogeunuuten„Steppen- iäuscr" reicht sicher bis ins graue Alter hinein und das biblische Wort:„gleich der Spreu vor dem Sturmlviud" bezieht sich zlveifel- los auf diese Erscheinung. Wie Fouck»veiter erzählt, rufen die heutigen Araber den Stcppenläuferu, die ihnen begegnen, scherzend nach:„Wohin nullst du noch hellte?" und lassen die enteilende Er- scheiniuig antlvorteu:„Wohin der Wind»villi" Damit soll die ohnmächtige Abhängigkeit symbolisiert werden. Die nähere Unter- siichung der rollende» Bündel bat ergebe», daß es sich«in sehr verschiedene Pflanzcnarte» handelt. In den europäischen Steppen spielen z. B. Eryn/sium campestre(das sogar den Rainen„Lauf- distel" führt) und Gvpsophila paniculata als Steppculäufer eine Nächtige Rolle; ferner sind.Kalsola Kali und Centaurea diffusa zu ueniien. Auf den persischen Hochsteppen bildet Gundelia Toumefortii, ciit Korbblütler, stachlige lockere Rasen mit tiefgehender Pfahtivurzel. Sind die Samen ausgereift, so fault der obere Teil der Wurzel durch, so daßder Wind mühelos die dürren Ballen iuSteppeuläufer verivaudelt. Sehr merkwürdig ist auch Piantago cretica. Diese einjährige Pflanze hat eine Rosette schmaler Blätter, aus deren Mitte ein ganzes Bündel steif aufrechter, blütenreicher Stengel entsprießt, Wenn die Früchte reifen, beginnt das Bild der Pflanze sich voll- ständig zu verändern: die bis dahin straff aufrechten Bliileuftengel krümmen sich bogig nach auße»» herab, bis sie den Bode»» berühren, und stemmen sich derart gegen den letzteren, daß das Be- streben, die ganze, jetzt' halbkugelig gesonnte Pflanze vom Boden abzureißen,»mverkeilnbar»vird. Die senkrecht in der Erde steckende einfache Pfahtivurzel verhindert zunächst diese merk- »vürdige Selbstainputation. Allein der Boden, den Plantage oretica bevorzugt, trocknet im Hochsommer ans, er wird rissig und die Ber- bindnng zlvischei» ihm und der absterbenden brüchig»verdenden Wurzel schließlich durch den federnden Druck der gegen den Boden gc- stemmte» krnniiiic» Stengel aufgehoben; dann»vird der leichte Ball ein Spiel des Windes, Das alles muß eine» Sinn haben. Thal- sächlich sind fast alle diese Steppenläufer mit reifen Samen ver- sehen, die uieistcns von trockenen Hüllichnppen festgehalten »Verden. Der Wind»virkt al§ Verbreiter nnd führt die toten Samen- träger an günstigere Orte. Daim kommt die Regenzeit und die Samen»verden frei. Teils»verde»» sie ans ihren crflorbeiien Behältern einfach ausgespült, teils öffnen sich hygroskopisch organisierte Deck- fchnvpen in' der feuchten Luft, um die' Samen ausfallen zu lassen. Geiviß eine eigenartige Erscheinung, diese toten und dennoch Leben bergenden Stcppenlänfer, die sich»villenlos vom Winde jagen lassen, um die Samen vielleicht an einer giinstigeten Stelle Wurzel fassen zu lassen!— Berantwortlicher Ncdacteur: Wilhelm Schröder in Wilmersvors. Druck und Verlag van Max Babing in Berlin.