Anterhaltungsblatt des Horwäris ?cr. 159 Sonntag, den 19. August 1900 lNachdruck»erbolea.) 17z Die Fnnfnee. Roinaii von Fritz M a n t h n e r. Der Abschied»var kurz und leicht. Bode wollte recht vergnügt erscheinen, um das gute Weib um so sicherer zu foppen. Käthe zwang ihre Thränen uicder. um ihrem Manne die Freude nicht zu trüben: und so setzte es blojj im letzten Augenblick einige Thränchen, als der Redacteur von der Droschke aus eine Kußhand nach der kleinen Baracke warf und Käthe, die hilflos in der Thür stehen geblieben war. über sich aus der Fabrik Disselhofs ein lautes, ernstes, von Alt und Baß gerufenes„Auf frohes Wiedersehen!" vernahm. Bode hatte seine Käthe den beiden Malerinnen, den« alten Fräulein Betty und der schönen Johanna, aufs an- gelegentlichste empfohlen, ihnen seinen Plan anvertraut und ihnen— sowie schon früher allen Herren der Redaktion— das Versprechen abgenomnien. daß sie die arme Frau über den wirklichen Aufenthalt ihres armen Gatten nicht aufklärten. Nun gab er dem.Kutscher, der ernstlich nach dem Bahnhof fahren wollte, Gegenbefehl und ließ vor dem Hanse des Professors halten. Mit diesem hatte er die Hauptsache zu verabreden. Der gefällige Mann sollte unter einer bcstimniten Adresse Käthes Briefe in Empfang nehmen und sie an Bode »ach Plötzcusee zurück befördern: ebenso sollte er Bodes Briefe, die der Redactenr mit allein Fleiß so einzurichten ge- dachte, als schriebe er sie aus dem Süden, mit italienischen Marken versehen, und wo er gerade war. zur Post gebe». Kopfschüttelnd erklärte sich der Professor zu allein bereit, und der arme Bode konnte seine Fahrt nach dem Gefängnis fortsetzen. Schon itl der nächsten Nummer der„Fanfare" erschien nun der erste ästhetische Veitrag des Herrn Pinkus, seine Plauderei über die Eröffmlng der Winteraicsstellniig. Die Sprache dieser Arbeit erregte einige Heiterkeit unter den neuen Kollegen des Verfassers: vielen Lesern gefiel sie dennoch, weil Pinkus mit unschuldiger Unverschänitheit allerlei Geheimnisse jeder Malerwerkstatt ausplauderte. Der alte Kritiker hatte an dem Tage der Eröffnung im Gespräch eine Menge Geschichten zum besten gegeben, die man nicht nieder- schreibt; Pinkus schrieb sie nieder. In der gemischten Gesellschaft, welche die Fanfare hielt und las. wurde besonders die Stelle über Disselhofs Bild beachtet: „Die. Perle der Ausstellung war am ersten Tage„die Sehnsucht" unsres Dissclhof; sie tvird die Sehnsucht von Berlin tverden, denn Perlen bedeuten Thränen, ich meine die Thränen der Millionen, tvclche hinkommen und das Bild nicht mehr au seinem Platze finden tverden. Das Bild tvar dieser ganzen Millioneil. wert und ist doch gleich am ersten Tage für scchstausendundfünfhundert Mark— ja, das ist eine Geschichte, die wir uusren Lesern nicht erzählen dürfen. Die Sensation der„Sehnsucht" beruhte tveniger auf den tiefen Tinten des Fleisches und der pastosen Behandlung des Korsetts als auf dent Geheinmisse des Modells. Man munkelt von einer armen Schönheit von Adel, deren reiche Veiwandtc das Porträt ihrer schönsten Namensgenossin so schnell sequestriert haben. Trotzdem wird jeder Berliner und jeder Fremde die Winterailsstellung besuchen muffen. denn Disselhofs„Sehnsucht" war dort nur die Perle, der eigentliche Diamant der ganzen brillanten Ausstellung ist"— und so weiter. Niemand las dieses Zeug mit größerem Vergnügen als der Verleger Mettmaun. Er fühlte recht, was es heißt, -eine verliebte Frau zur Verbündeten zu haben. Er war sich doch bewußt, einen Schlag gegen seine Gegner unerbittlich zu führen. Wie er eben jetzt den widerspenstigen Doktor Bode ins Gesäng'.ns gebracht hatte, nur um ihn für sein Blatt nütz- licher zu machen, das war eine ganz achtbare Diplomaten- leistung; aber wie grob war sein Spiel gegen den Meister- zug, mit tvelchcm die Witwe Pitersen das adlige Fräulein fiir imnier aus Richards Vorstellung gerissen hatte. Sie hatte es sich selbst zu Gefallen gethan, das wußte Mettmann ganz wohl. Aber ihm war es eben recht, wenn diese Frau siegte, und nut den jugendlichen Leiden seines Sohns hatte er kein Mitleid. Die Verurteilung de?. Doctor Bode erwies sich in un- geahnter Weise als ein Glücksfall für das Blatt. Nicht nur, daß der Gefangene jetzt zwei bis dreimal wöchentlich seinen Vortreff- lichen Leitartikel schrieb, nicht nur, daß dem Einflüsse des Herrn Pinkus kein Widerspruch mehr entgegenstand, wichtiger war es, daß die Ehrenhaftigkeit des Doktor Bode und die ver- blüffendc Härte seiner Strafe die Teilnahme aller Journalisten erweckten. In den besseren und besten Blättern wurde der Fall Bode vielfach besprochen und dabei die Zeitung„Fanfare" zum erstenmal ohne Mißachtung erwähnt. Auch in den geschäftlichen Ziffern wurde dieser Erfolg fühlbar. Zwar die Abonnentenzahl nahm nur in ganz un- merklicher Weise zu. aber schon die leise Besserung der öffent- lichen Meinung tvar die Grundlage für einen größeren Ge- winn. Die Inserenten näherten sich freiwillig dem Blatte, das ihnen bisher schamlos und rücksichtslos nachgelaufen war. Bisher war das Haffner-Bier mit seinen seitengroßen Inseraten die alleinige Stühe des Blattes gewesen. Und Mettmann wußte, wie gefährlich diese Verbindung war. Zum Dank für die großen Summen wurde das Vier taglia) in der Fanfare empfohlen; eS wurde im lokalen Teil ernst- Haft, im Feuilleton lustig angepriesen. Und sogar in manchem volkswirtschaftlichen Leitartikel tauchte plötzlich der Weltruhm des Haffncr- Biers als Beweisstück für den Schreiber auf, wenn nicht gar angeblich, der Reichskanzler selbst das Bier trinken mußte. Die Lächerlichkeit, unter deren Gefahren die Fanfare begonnen hatte, stammte von den Haffncrschen Inseraten. llnd nun, seitdem Doktor Bode in Plötzensee saß, kamen die Aufträge laugsam von selber, ohne daß Mettmann darum versteckte Drohungen auszuüben und selber das Gefängnis zu streifen brauchte. Freilich waren es vorerst gerade die zwei- dentigen Kunstinstitute, die gefährdeten Banken und die schwinde!- haften Kaufhandlungen, welche sich um die Freundschaft des aufstrebenden Blatts bewarben, aber Herr Mettmairn wußte diese Kunden besonders zu. schätzen. Mit einem entschlossenen Ruck versuchte er diese Strömung auszubeuten: und in Reklamen machte er das in Reklamen erworbene Gelb wieder flüssig. Kein Berliner konnte mehr ausblicken, ohne in großen Lettern zu lesen, daß die„Fanfare" die pikanresre und gediegenste Lektüre von Hoch und Nieder sei. Ans den Anschlagsiinlen war es auf- geklebt, in die Fensterscheiben der Pfcrdcbahnwagen lvar es eingebrannt, auf den Theaterzetteln war es auf- gedruckt, an allen Straßenecken wurde eS verteilt, um Mitternacht wurde es in Extrablättern ausgeschrien, ans den Höfen wurde es in den neuesten Gassenhauern gesungen, in den Possen wurde es in einen Kalauer eingewickelt und in den Lüften stand es aus bunten Gasballons zu lesen:„Die „Fanfare" ist die pikanteste und gediegenste Lektüre für Hoch und Nieder." Mettmann durfte lachen. Er lachte um so vergnügter, als er seine wachsende Macht jetzt für seinen einzigen Sohn geltend machen konnte. Richard hatte sich's zwar ernstlich verbeten, im Blatte seines Vaters zu einem falschen Ruhme emporgehoben zu werden, aber er konnte nichts dagegen haben, wenn die unabhängigen Zeitungen scineOper jetzt sreinidlich ankündigten. DerKomponist, der mit der Ochestriennig seines Werkes beinahe zu Ende war und nun öfter Zeit fand, Leontine aufzusuchen,— wenn er auch sonst noch immer für niemand zn sprechen war,— freute sich ehrlich über solche Zeitungsnotizen, die er ab und zu bei seiner schönen Freundin liegen fand. Er wußte nicht, daß sein eigner Vater sie täglich in allen Blättern suchte und selbst zn Frau Pitersen besorgte; er sah nur die Neigung der herrlichen Frau auch in dieser Anfnierkfmnkeit. tlnd nicht nur seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, wenn er seinen Namen in Verbindung mit den großen künstlerischen Zierden der Sommer- opcr genannt sah. Es war ja auch der Name seines Vaters, und auch dieser wurde jetzt oft ganz achtungsvoll genannt. Richard hatte sich ohne Zweiset durch den cynischen Bode in eine gefährliche Stimmung hineinschwatzen lassen. Sein Vater war ein Geschäftsmann wie ein andrer, und die Menschen waren alle so gut. Wenn ihm dieser Bode und wenn ihm Johanna im Loben nicht begegnet wären, er hätte in seiner rühmlichen Arbeit ganz glücklich sein können. Seile Vater selbst glaubte anfangs, die plötzliche Freundlichkeit der Zeitungen gegen Richard sei ehrlich, wenigstens was er ehrlich nannte. Man wolle dem Besitzer der großen und der kleinen„Fanfare" ein erhöhtes Ansehen zugestehe» und lobe den unbescholtenen Sohn, weil niemand sich mit drni Vater einlassen mochte: und das wäre dem Alten ganz recht gelvesen. Aber lvie höhnisch zuckte es unter dem Schnurrbart, als er allmählich merkte, daß auch jedes Lob seines Sohnes bezahlt, mit Inseraten bezahlt war. Vielleicht merkten die alten vornehmen Blätter selbst nicht, daß sie bestochen wurden, vielleicht übersahen sie den verwickelten Zusammen- hang nicht so wie er. Doch Mettmann erkannte endlich klar. wie das Haffner- Bier und ähnliche Großinserenten, die seine Zeitung unterhielten, auch für seinen Sohn wirkten. Disselhof z. B. hatte von den Gründern des neuen Opern- Hanfes die Bestellungen für den Vorhang und einige Dekorationen angenommen. Er ließ sie unter seiner Ans- ficht in einer Scheune am Kurfürstendamm malen, die er in Hoffnung auf eine Preissteigerung des Bodens gekauft hatte. Disselhof gab auch ganz erkleckliche Inseraten- anfträge. Mit großen Lettern wurde das Häuschen in der Großgörschenstraße und die Scheune selbst wochenlang an- gekündigt als Bauplätze, welche die Wohlthaten der Residenz mit den Reizen des Landlebens verbinden konnten. Und in zahlreichen Notizen tauchte plötzlich die entlegene Großgörschen- praße wie ein nenentdecktes Eldorado auf. (Fortsetzung folgt.) --i '*■. sein. Eine jede derartige Auffassung, welche Bclbätigung auch immer sie be- treffen niag, ist ein Unrecht und führt zu einem Ausfall an der vollen Entfaltung des Menschentnins, sozusagen zu einer„biologischen Verkümmerung". Für kaum ein Gebiet gilt dies scheinbar so wenig und thatsächlich doch so sehr ivie für das der Kunst; kaum ans einem Gebiet rächt sich das Brackliegen der menschlichen Kräfte so sehr ivie auf dem der Phantasie, des Gestaltungslriebs, des Geschniacks, hauptsächlich also des Knnstlcbens. Dies ist ein Punkt. der bei allen gesellschaftlichen und politischen Debatten über die Rechte der Kunst weit mehr betont werden sollte, als es gemeiniglich geschieht. Nun kann nicht der einzelne Mensch alle jene Thätigkcitcn anS- üben, wie sie gemeinsam erst ein volles Menschentum verbürgen. Vielmehr teilen sich ja bekanntlich die Mensche» in die Gesamtheit ihrer Thätigkciten auf eine Weise, die mit der fortschreitenden Kultur imnier feinere Spaltungen zeigt. Allein je enger dadurch die Thätig- keit wird, die der Einzelne als seinen Hanptanteil an der gemein- sanicii Thäligkcit aller Mensche», betreibt, desto größer wird die der Arbeitsteilung unter allen Umständen folgende Gefahr, daß für ihn und schließlich fiir die Gcsammtheit jene„biologische Ver- kümmernng" eintrete. und das mehr oder minder klare Gefühl von dieser VcrkümincnmgSgefahr liegt auch den Bestrebungen der social ungünstiger gestellten Klassen zu Grunde und sollte noch viel schärfer als bisher bekannt und zu einem Motiv des Kampfs er- hoben werden. ES ist ei» schweres Unrecht, jemand des Lebens Notdurft zu entziehen; allein es ist ein um so schwereres Unrecht, ihm die sogenannte Verschönerung des Lebens zu entziehen, als diese meist so gering geachtet wird. Sie besteht aber nicht bloß aus Spaziergängen, hübschen Kleidern und ornamentierten Ocfni, sondern ans allem, was ans künstlerischer Hand kommt, was Bethätignng von Phantasie und Gestnltnngstneb und was Gelegenheit zur Befriedigung, Kräftigung und Verfeinernng des Gc- sckmncks am Schönen ist. Sie besteht nicht bloß aus Erhabenem und Weihevollem, sondern auch ans Nnmntigcm, Hnmor- vollcm, Satirischem, Schallhaftem, Ulkigem usw. Und sie besteht endlich nickt bloß in dem Genießen von Kunst, sondern auch im eignen Mitschaffen. Wer nun irgend eine menschliche Bcthätignngsart nicht in der Weise zn der Hauptarbeit seines Lebens macht, ivie wir cS mit dem Ausdruck„Berns" bezeichnen, sondern vielmehr so, daß er sie als eine Ergänzung seines Lebens, als eine Bethätignng seiner durch jenen Beruf noch unbefriedigten Kräfte und zwar auf Grund einer Freude an seiner Beziehung zu der Sache betreibt, von dem sagen wir, er huldige einer„Liebhaberei", er sei ein„Liebhaber" dieser Sache oder ein„Dilettant" im guten, nicht im tadelnden Sinn. Für keine menschliche Bethätignng aber dürste dieses eigentümliche Verhalten so sehr in Betracht kommen wie fiir die Knnst. Unter allen Künsten ist es nun, ivie jcdmnnniglich Iveiß und leider so häufig zn fühlen bekommt, vor allem die Musik, die znm Gegenstand der Liebhaberei gemackt wird. Hier spielt der„Dilettnn- tismus" im Sinn des Licbhabertnms(allerdings leider auch der Dilettantismns im schlimmen Sinn) eine so große Rolle, daß seine Geschichte von der Geschichte dieser Kunst selber gar nicht zu trennen ist, und daß er geradezu ein materieller nnd geistiger Nährboden für die Tonkünstler von Berns ist. So war jedoch in die Gesamtheit der Künste durch diese Mnsikliebhaberci eine schwere Ungleichheit zu Gunsten der Tonkunst und insbesondere zn Ungimsten der bildenden Künste hineingeraten und abermals die Gefahr einer teilweise»„biologischen Verkümmerung" hervorgetreten. Dies hat nun schließlich zu einer Gcgenslrömnng gedrängt, die als eine der eigenartigsten Erscheinungen nusres modernste» Lebens seit ein bis zwei Jahrzehnten immer weitere Gebiete durchflutet, nnd deren Inhalt kurz als„Liebhaberkünste" oder„Licbhaberkunst" oder als„Ainatcurknnst" oder als„Dilettantismus" im engeren guten Sinn bezeichnet wird. Alles Dazugehörige ist sehr verschiedentlich gruppiert; aber doch treten zwei Mittelpunkte besonders auffallend hervor, um die sich zahlreiche Kräfte sammeln, und die hinwieder von einander ganz unabhängig sind. Der eine ist der Direktor der «Kunsthalle" in Hamburg, Ä l f r e d L i ck t w a r k, der andre ist die Zeitschrift„Liebhaberkünste" in München. Lichtwark ist jedcnsalls der entschiedenste Verteidiger dcS Nutzens einer breiten Beschäftigung von Liebhabern mit den bildenden Künsten sowohl für das Gedeihen dieser selbst als auch für die geistige Hebung des gesamten Volks. Es würde sich immerhin ver- lohnen, durch Aufzählung von Einzelheiten ans der„Lichtwark- Bewegung", insbesondere von Schriften ihres Führers, die ganze Sache naher ansciuanderzusctzcn und sie gegenüber ihren zahl- reichen nnd heftigen Bekämpfungen abermals zu rechtfertigen. Hier mag es genüge», ans die hauptsächliche» Ilmriffe hinznweisen. Auf einem Bode», der zur Zeit nicht eben künstlerisch hervorragend war, jedoch alte, fast verschollene und des Hervorziehen» werte Knnst- traditionell besaß— in Hamburg also übernahm Licht- wark 1886 die Direktion der dortigen Ktinsthalle nnd reorganisierte sie namentlich dadnrck), daß er sie in eine lebendigere Beziehnng zu diesem ihrem Boden setzte nnd vor allein zn' einer Galerie für ältere Hamburger Meister machte nnd ihr dann auch eine Galerie von Gemälden Hambnrgischer Stadt- nnd Uingebungsschönhciten beigab. Nim aber kam ein ziveites, er machte zahlreiche Bemühungen, um die ästhetische Bildung des Volks, genauer: den allgemeinen Knnstunterricht. zu heben nnd vcrivendete als Mittel dazu vor allem eigne Kunstübungen derer, die zur„Knnstcmpfindung"(zun»„Kunstgenuß") nnd zum„Kunstverständnis"— nicht etwa zur kunstgeschichtlichen Gelehrsamkeit erzogen werden sollen. Eine besonders günstige Gelegenheit dazu bot die ja schon seit längerem fast allenthalben heimische Lieb- hnbcrei des Photographicrciis, die„Amatenr-Photographie". Licht- ivark zeigte, wie viel Künstlerisches in diese scheinbar nnkünstlcrische Thätigkeit hineinzulegen sei, und förderte sie durch Schriften, Vereinsgrüliidungen u. a., besonders aber, seit 18S3, durch eigene Ausstellungen. Auf Gnind ihrer Erfolge konnte er(in Mitteilungen an den Schreiber dieser Zeilen) sagen, es konnuen, ivas die technische nnd künsilcrischc Kapacität der Amateure angeht, die Bcrllfs- photographcn gegen daS Beste, was die Amateurs leisten, nicht auf; und gegenüber dem naheliegendci» Vorwurf des Uebcrtrcibens ist es interessant zu erfahren, Zdaß Lichtlvark selber nach seinen selbständige» Anregungen die Auffassung der Amatcur-Photographie in englische» Knnstkrciscn kenne» gelernt hat:„dort spricht man in so starke» Tönen, daß das Lop, das ich den Bestrebungen gezollt, sehr zahm klingt." Rebe» diesem Gebiet wurde» nun besonders manche luiiftgclvcrbliche Techniker wie die Lederorimn»e»tiening usw. c>IS specifisch lnndesiibliche Rüliste wiedererivcckt und breiten Liebhaberkreiscn in die Hand qe- geben. Außerdeni wurden Kinder zu Uebungen iin Sehen und Ver- stehen(nicht aber im Beurteilen) von Kunstwerke» herangezogen, und schließlich ging daraus 1866 eine„Lehrervereinignug zur künstlerischen Bildung in der Schule" hervor.— So hat sich aus all dem eine reiche und eigenartige Kunstpflcge entwickelt, die auch jedenfalls der Absicht.'nach etwas Volkstümliches sein soll. Immerhin scheint es, daß diese ganze Bewegung in Wirklichkeit doch nicht so unbedingt volkstümlich geraten ist; ein Zug des Aparten, eine Vorherrschaft der Interesse» höherer Stände ist nicht leicht zu verkennen— steht ja doch dem Führer der Bewegung, wie ein Berichterstatter sagt, .eine ganz eigenartig organisierte Elite der Bürgerschaft" zur Seite. Auch das Recht oder Unrecht des„Dilettantismus" und seine etwaigen Gefahren für die Knust engeren Sinnes sind natürlich inuner noch der Diskussion und Ablehnung ausgesetzt. Allein Lichttvark Iveiß zu autlvortcn t„Es läßt sich gewiß von Dclattautisnnis alles Böse sagen, das je gesagt ist. Aber damit ist nichts gewonnen. Ist er ans der Welt zu schassen? Ware es gut, ihn los zu sein? Wenn man diese Frage» nicht bejahe» kann— und ich möchte de» sehe», der dazu im stände wäre— dann giebt es uur eins, ihn als vorhandene Kraft anzuerkennen und den Platz z« suche», von wo aus er in dem Wirtschaftsleben der Nation förderlich wirkt. Diesen Platz suchen wir in Hamburg nicht theoretisch, sondern praktisch zu finden. Ob es uns gelingt, ist nngewiß, wie alles »iruschlichc Thun. Aber ich hoffe es, und viele hoffe» es mit mir und geben sich der Sache hin." Der andre von jenen zwei Mittelpunkten, die ans der Gesamt- hcit der DileltantiSmus- Bewegung besonders auffallend hervortreten, ist die Zeitschrift„Liebhäbcrkünste, Zeitschrift für hänsliche Kunst", die seit dem Jahre 1862 besteht. Sie ist das eigentliche Fachorgan für die Gesamtheit der unter diesem Namen gehenden Kunstfertigkeiten, von den Laubsägc-Arbcitcn an bis zu der Fülle der immer neu in jenen Kreis eintretenden Techniken, mit besonderer Betonung dessen, woS der häusliche Liebhaber-Arbeiter an Be- Ichrnng, an Vorlagen usw. braucht. Die Zeitschrift ist vorwiegend technisch gehalten, mir einem eifrigen Fragekasteu und mit reichlichen Jllnstrationen, die Vorbilder, Dessins, Erläuterungen eigentümlicher Verfahren usw. enthalten, einschließlich einer Farbcntafel, und mit besonderem Nachdruck auf freie Verweiidnug der Naturmotive aus der Pstanzc»- und Tierwelt; vielleicht ist sie sogar zu sehr ans die mehr materielle» Anleitungen eingeschränkt. Dahinter treten ivcitergehciide Ausführungen über die künstlerischen Fraget» dieses Gebiets ziemlich zurück; auch HistorisihcS fehlt im allgemeinen so gut ivic ganz. Seit 1867 ist der Zeitschrift ein Beiblatt angefügt, „Der„Kunstliebhaber, Kuustgctverbliche Rundschau", das diese Dinge tviedcr mehr begünstigt. Immerhin würde hier eine gleiche Reichlichkcit und Selbständigkeit wie in jener hauptsächlichen Sparte, insbesondere ei» weiteres Bevorzugen von Originalartikeln, will- kommen sein. Sehr rühmlich ist es, daß die Zeitschrift im übrigen die eigentlich didaktische Seite der Sache nicht ganz vergißt, wie es die Artikel „Preisgekrönte englische Schülcrarbeitcn" und„Liebhäberschulcu" im 'tztler Jahrgang zeigen. Doch könnte sich das Blatt ein Verdienst ertvcrbcn, wenn es diese Angelegenheit nicht nur stärker betonte, sondern auch in Zu- saunncnhang brächte mit einer andren nun ebenfalls immer stärker ivcrdendcn Betvcgung: der„kunstpädagogischen", die das Ilntcrrichts- ivcscn der Künste überhaupt den» der uichtkünstlerischcn Unterrichts- fücher gleichwertig machen und damit eine der gefährlichsten Lücken uusrcs Bilduugöwcscns ausfüllen>vill. Indessen, je wertvoller eine im Fluß der Entivicklung stehende Bestrebung durchgeführt ist, desto leichter wird der daran interessierte Betrachter dazu hingerissen,. mit all den Wünsche» zu kommen, die sich ihm davor aufdrängen. So soll auch den in dieser Zeitschrift niedergelegten Bemühungen durch unsre kritischen Einschränkungen mehr ein Zeugnis ihrer Tüchtigkeit und Vornehmheit als eines ihrer Unvollkonnnenhcit gegeben»verde». Und jedenfalls kann all diesen von uns erlvähntcn Bestrebungen im ganzen die Anerkennung ihrer verheißungsvollen Wirkungskraft nicht versagt werden.— Kleines Feuilleton. dl. Das feinste Haus.„Also das ist die Wohnung?" Die alte Dame blieb stehen, auf das Treppengeländer gestützt, rang sie nach Atem:„Das sind aber schon mehr drei Treppen, nicht zivei." Auch die Wirtin schnappte nach Luft:„Ja, dct macht, iveil dett Hochparterre da is, aber sonst is es der zlveite Stock, na. in» tvoll'n »vir aber mal remjehn." Sie»ahn» das schlverc Schlüsselbund. suchte den passenden Schlüssel heraus und schloß auf:„Na. wenn Se nn mal näher treten wollen?",.. Die alte. Danie folgte ihr. Mit flüchtigem Blick musterte sie den engen und dunklen Korridor und trat dann in die vorderen Räume:„Die Stuben sind aber furchtbar klein." „Och, meinen Se? Man kann aber'ne janze Menge rinstellen, bei die Leute oben schlafe» in die klcene sogar vier Personen, die jroße habe»» se verinietet." „So?" Um den Mund der Mieterin glitt ein Lächeln. Dann feilfzte sie leicht:„Ach ja, es ist allerdings schrecklich, wie man sich heut einrichten mutz. Ja, mein Sohn müßte hier auch in der Küche schlafen, eingewohnt ist aber alles ftirchtbar",— sie überflog noch einmal die beiden Räume: „Aus den Dielen ist ja gar keine Farbe mehr, die müßten doch e»t- schieden gestrichen»verde»." „Jestrichen— ach Jott ja, gestrichen, ob mein Mann dct im machen läßt, det kann ick nu»»ich mal sagen." Die Wirtin zuckte die Achseln,„det is auch man bloß jetzt so, iveil allcns so leer is. Wenn erst die Möbels ins Zimmer stehen und Jardincn ans Fenster sind, denn»vird et ja'n bißken duster, denn is det allcns ja»ich mehr so zu sehn." Die alte Dame trat zu der Wand:„Die Tapete sieht aber auch sehr schlecht aits; hier geht ja alles ab— ach und die großen Fett- flecken hier nn der Thür." „Na ja, da können»vir ja'n Stückslen rüber kleben, oder Se hängen'»» Bild rauf, denn js't auch verdeckt."— die Wirtin trat näher, dann fing sie plötzlich an zu stöhnen:„Ja, Se können sich ja jar»»ich denken,»vat vorn Aerger»vir gehabt haben mit die.»nit de Vorichte» mein' ich, die hier jelvohnt haben. Sone Jesellschaft, saß hier noch von'n ersten Wirt her— schon drei Jahre, richtiges Arbeitervolk mit'n Hansen Kinder. Ick Hab'»neiii'n Mann jleich gesagt,»vie wir'S HnuS kauften, die miissei» raus. Aber wat war denn zu mache» I For'n Jahr hatten se noch Kontrakt und der Aerjer— nee der Acrjer I Immer hingen se ihre olle Kinderlväsche nus't Küchenfenster. Is det nich'n Skandal? Ick niach mir mein Fenster hübsch appetit- lich mit junge Hühner und schönes jrünes Gemüse, und so'»» Volk hängt de Kinderlväsche raus, und denn noch sonne ollen Lumpen,— Nee]»ee—" sie unterbrach ihren Redestrom»nid jappste wieder, dann fing sie von neuem nn:„Na, jlücklicherlvcise»vnrde Juli die Frau krank»in se konnten ihre Miete»ich zahlen, da haben»vir aber jleich jcsagt: Nu aber raus— darum is nämlich auch die Wohnung jetzt leer,»nid—" „Ich möchte mir noch die Küche ansehen." Die alte Dame»vandte ihr den Rücken und ging nach den hinteren Näuuien:„In der Küche »vird»vohl auch nichts gemacht, nein?" Die Wirtin, welche' ihr nachgegangen»var, Ivarf einen prüfende»» Blick über die verräucherten Wände:„Hier? Ach hier is doch ja »lischt zu machen,»veiii» dct ordentlich abjcsianbt»vird—" „Na ja und ivenn dann Gardiuen rankommcn"... Die alte Dame lächelte»vieder:„Was soll denn die Wohnung kosten?" Die Wirtin rasselte mit den Schlüsseln:„Kosten? Na— fünf- hundert Mark." „Fünfhundert Marl? Die zivei Stuben, fünfhundert Mark?" „Ja, dett kost' se." „Wo alles so eingeivohnt ist, und dann wollen Sie nicht einmal etlvas machen lassen?" Die Wirtin verzog das Gesicht:„Ja, wen» se Ihnen»ich paßt, denn brauchen Se se ja»ich zu nehmen. Ick»ver meine Wohnungen doch los. det köinr'n Se mir man jlanbcn, mir losen se fast'S ta»>s ein,— und ivo's noch zwei Stnbei» sind, die nehmen de eitc unbesehen, da sind se froh,»venu se se überhaupt man bloß kriejen." Die alte Dame stand noch imnier starr:„Fünfhundert Marl!"- Die Wirtin lvarf den Kopf zurück:„Nee, es is ja auch vornherauS und ick hätte ja schon lange davor vennieten können, ick»eh»»»' aber »ich allen und jeden, sch'n se. Nee, ick seh' mir meine Leite an, det Hab ick meinem Mann jleich gesagt, als»vir vorchten Oktober kooftcn, Otto, Hab»ck jesagt. unser Hans muß dett feinste in de janze Straße sein,»ver uns»»ich paßt, den schmeißen»vir raus, und dein» nehmen ivir bloß seine Leute. So'ne mit Kinder zun» Beispiel— sehen Se, so'ne nehmen Ivir überhaupt»»ich— Sprachwissenschaft. — Die Einführung e i n e r n e u e n R c ch t s ch r e i b u» g »vird gegenivärtig,»vie die„Köln. Volksztg." mitteilt, im Ministerin»» des Innern geplant. Das genannte Blatt schreibt dann: Daß»«der That unsre Rechtschreibung große Mängel hat, erkennt jeder sofort, der sich den eigentlichen Ztveck der Schrift vergegcinvärtigt. Der Ziveck der Schrift ist ja doch lediglich der, die' einzelne» Laute des gesprochenci» Worts so aufzuzeichnen, daß jeder, der die Zeichen kennt, in» stände ist, das geschriebene Wort richtig auszusprechen. In einer voll- kommenen Rechtschreibung lvird daher jeder Laut durch ein be- stimniteS Zeichen(Buchstaben), aber auch nur durch ein Zeichen bezeichnet, und umgekehrt»vird jeder Buchstabe stets auf dieselbe Weise ausgesprochen. Lxidcr befitzt unsre Rechtschreibung diese Eigenschaften nicht. Denn zunächst giebt es eine ziemliche Anzahl von Lauten, die durch zlvei, drei und noch»»ehr Buchstaben bezeichnet »verde»» können. So lvird beispiclshalber der K-Lant durch k, ck, ch, c, g, der F-Lant durch f, ff, pH, v, der X-Laut durch x, chs, ks, cks, gs bezeichnet uslv. Umgekehrt werden mehrere Buchstaben auf verschiedene Weise ausgesprochen, z. B. das„ch" auf dreisachc, das„g" sogar auf vierfache Weise. Höchst mangelhaft ist ferner die Art und Weise, wie in unsrer Rechtschreibung die Länge und Kürze der Vokale bezeichnet »vird. Jeder vernünftige Mensch sieht ein, daß es völlig genügen würde, ivenn»vir uur eine Bezeichnung der Vokallängc oder der Vokalkürze hätte». Würde beispielshalber nur die Vokalkürze durch irgend ein Mittel bezeichnet, so iväre doch jeder Vokal, der nicht durch jenes Mittel als kurz- bezeichnet ist, sofort als lang erkenntlich. Nie- maiid kennt z. B. den Grund der Regel, die erfordert, daß man das laitgc a in„Rat" durch bloßes a, in„Saat" durch zlvei 1», in„Thät" durch Tha und in durch ah. daS lau-,« e in„Heer' durch zwei c, in„hehr" durch eh. i»„her" durch«, in„Tliee" durch hee de- zeichnet. Solcher Wörter, deren Schreibung sich daf Mindreiit gedächtuiS uiadi't eiupräflcn ninß. fliebt es aber sehr viele. Am meisten Ivird die Erlernung uusrer Rechtschreibung erschwert durch den eigen- tiimlichen Schriftgebrauch, einzelne Wörter mit einem grohe» Au- faugSbuchstabeu zu bezeichnen. Bekanntlich kann jede Wortart groß geschrieben Iverde»,-- tveuu nämlich das Wort„als Dingwort gebraucht ist'. Run giebt es bei jeder Wortart eine Au- zahl von Fällen, in denen das Wort als Dingwort gebraucht und daher groß zu schreiben ist. Solcher Fälle lassen sich beispielshalber beim Eigenschaftswort nicht weniger den» sieben aufzählen, die jeder, der richtig schreibe» ivill, genau kennen muß.— Völkerkunde. — Japaner und Chinesen sind nicht zwei so nahe verwandte Völker, wie gewöhnlich angenonnnen wird. Der.Vossischen Zeitung" wird hierzu geschrieben: Bisher galt und gilt der Krieg Japans mit China als eine Art Bruderkrieg. Von zwei feindlichen Brüder» kann da jedoch ebensowenig die Rede sein, als wenn vom Kampf der Jndogermane» und Semiten die Rede ist. oder von dem Verhältnis der Perser zn den Arabern. Nach ihrer Rasienverwandtschaft zähle» die Japaner mit den Chinesen ungefähr so zur großen tnranischen Gemeinschaft, als Russen, Tscher- kesscu, Georgier, Armenier, Griechen, Jude», Fellachen und Beduinen zur kaukasischen Nasse gerechnet werden, mit andre» Worte», sie sind von einander ungeheuer verschieden»nd daS sowohl nach körper- lichen wie nach sprachlichen und Charaktermcrkmaken. Professor Heinrich Winkler. der diese Verschiedenheit in seiner Ab- Handlung„Japaner nnd Altaier"(Berlin, Dilmmler, 1894) darstellt, faßt das. Resultat seiner Forschnngen in den Worten zusammen:„Am weitesten entferneil sich die Japaner von den extrem mongoloiden Türken und namentlich den Mongolen, und ihr körperlicher Habitus weist ihnen ihre Stelle neben der nördlichen altmschen Hauptgruppe an, welche»ach meiner Ansicht als enger zusammengehörige Glieder die Finen, Samojedeu, Tnngnsen umfaßt."«EIhmologisch", sagt der benannte Kenner der tnranischen Sprachen, ist das Wnrzelmnterial der japanischen»nd der altaischen Sprachen wesentlich dasselbe, auch die Wort- bildnng des Japanischen ist in allen wesentlichen Punkten dieselbe wie im Altaischen, oder viestnehr, sie kann fast überall als Prototyp der altaischen Sprachen gelten und zeigt wieder so rohe und einfache Formen auf der allen altaischen Sprachen ge- »neinsamen Grundlage, wie die andern altaischen Sprachen sie oft kaum noch leise durchschimmern lassen.... Grundfalsch aber iväre es, das Japanische für die altaische Ursprache zu halten oder es das Protoaltaische zu nennen." Der Irrtum des Publikums, i» den Japanern die nächsten Stammverwandten der Chinesen zu er- blicken, rührt daher, daß die Japaner in der Schrift, Litteratnr, Kunst, Tracht, Staatseimichtnngen und Religio» seit einem Jahrtausend bei den Cinesen in die Schule gegangen sind, ungefähr so, wie die»nodernen europäischen Völker bei den Römern und Griechen. Aber wie kein auch mir balbwegs Unterrichteter die Baske» oder die Finen oder die Magyaren für Arier halten wird, weil sie sich mit der arischen Kultur durchdrungen haben, ebenso wenig ent- spricht es der ethnologischen Sachlage, die Japaner für nahe Stamm- verwandte der Chinesen zu halten. Und ganz dasselbe, was von den Japanern, gilt auch von den Koreaner»,'sowie von allen ostasiatischen Völkern, die die Fonnen. zum Teil auch den Geist der chinesischen Kultur «uigenoimnen haben.— Slus dem Tierleben. — D e r T n r m s e g l e r. H. Kro h n schreibt in der Wochen- schrift„Rerthns"; Den Schwalben in mancher Hinsicht sehr ähnlich sind die Segler, von welchen im nördliche» Deutschland»nr eine Art, der Turmsegler, vorkommt. Die Brntplätze dieses Vogels befinden sich stets an hochbelegenen Stelle», auf Häuser», Kirchtünnen oder andre» Gebäuden, da der dem Erdboden völlig entfremdete Vogel sich eigentümlicherweise auch niemals auf Bäume niederläßt. DaS Gezweig scheint er nur deswillen zu meide», weil er kurze Schwen- knngen nicht gut ausführe» kann und seine sehr langen Flügel hier stets behindert sein würden, die außerordentlich hurtigen Schwingnnge» zu machen. Nicht einmal die Stoffe für das Nest, welche die größere Menge aller Vögel überhaupt vom Boden ansi'aimnel» muß, hat er hier zu suchen nötig, obwohl er solche gern und reichlich verwendet. Er weiß sich zu helfen, denn er benutzt die Nester von Sperlinge». Etaaren und andren Vögeln, die er oft erst nach erbittertem»ampf gewinnt und dann mit einem dünnen llcberzng seines zähen, später er- härtenden Speichels bekleidet. Alle Segler legen»nrzivei, ganz ansnahms- weise auch wohl drei, sehr langgestreckte, reinweiße Eier, sind also von mir mäßig starker Fruchtbarkeit. Das Erbrüten der Eier wie die Aufzucht der Junge» muß sehr schnell geschehen, denn der Tun»- segler, der wie in andren Sachen, so auch in seinem Verweilen bei «ms ein ganz absonderliches Tier bleibt, erscheint mit großer Pünktlichkeit erst am 3. Mai im nördlichen Deutsch- land, ,»n als erster aller Zugvögel im August, ge- wohnlich gegen den 12. dieses Monats, wieder abzureisen. , Sein Flug, der»nr in größerer, bei klarem Wetter in ganz be- deutender Höhe geschieht, ist leicht und gewandt. Oft segelt der Vogel weite Strecken ohne Flügelschlag dahin, oft aber erfolgen mitten im Segeln, gewöhnlich auch bei den Schwenkungen, schnelle. siattemde Flügelschläge, die anscheinend nicht beide Flügel zugleich ausführen, sondern mittels Wechselbewegunge» der Flngwerkzeuge ge- schehen. Wie groß in den höhere» Regionen dcr Jnscktriireichtmn, den nnser Auge nicht wahrzunehmen vermag, den wir daselbst auch kmm« vermuten, sein muß und welcher Art er ist, darüber würden wir vom Tnrmsegler gern nähere Belehrung annehmen, da wir selbst sehr wenig darüber wisse». Der Vogel ist nnansgesetzt ans der Jagd thätig und muß bei großem Kräfteverbranch und dem- entsprechendem Appetit unendliche Mengen kleiner Lebewesen er- haschen,»m sich zn ernähren. Ob er Mücken, Fliegen, Käfern oder einer andren Jnsektengattnng hauptsächlich nachstellt, ob eS Tiere sind, die durch Windstöße i» die Höhe getrieben wurden, oder solche, die dauernd oder zu gewissen Zeiten wie er selbst in der Erdfern« zu leben lieben, darüber hat man abschließende Beobachtimgc» noch nicht zn machen vermocht. DaS außerordentlich präcise Ankommen und Wicderabziehe» deS Turmseglers, sei» Körperbau, sein Fernbleiben vom Erdboden, sein Meiden andrer Tiere nnd seine Rislweise stempeln ihn zu einem Tiere sellsamsler Art. seine ErnährniigSweise bedeckt ihn mit geradezu mystischem Dunkel, er verdient daher reichliches Interesse»nd sorg- fälligere Beobachtnng. wodurch dann auch Aufklärnng über daS von ihm noch Wissenswerte allmählich folgen wird.— Humoristisches. — Die Hauptsache. Schmierendirektor(in einem Torfwirtshans):„Müller, seh'n Sie. daß Sie die Leiter dort bekommen, dann können wir morgen gleich„Romeo und Julie" spielen!"— — Schlau. Hausknecht(abends bei dem V e r« heiratete» Dorfarzt):„Herr Doktor. Sie möchte» schnell zum „Roten Ochsen" kommen— die Wirtin ist in Ohnmacht g'fall'n I* Der Arzt geht an einen Wandschrank und nimmt mehrere Flaschen heraus, die er einstecken will.) Hausknecht(leise):„Ach, Herr Doktor, lasten Sie das nur hier— so schlimm ist's gar nicht!... Es fehlt ja»nr der drilte Mann zum Skat!"— — Im Zorn..... Der Schuster war auch wieder hier, Herr Baron!"—„Na,»venu ich nächstens heirate, kriegt er sein Geld I"—„Wissen Sie, g»«' Herr, das ist ei» ganz unverschämter Kerl; wegen dem würde ich extra noch a' paar Jahr' warten mit dem Heiraten!"—(»Flieg. Bl."> Notizen. — Im Elsaß wird von klerikaler Seite die Errichtung eines Denkmals für den verstorbenen französischen Bischof Freppel be- trieben. Ans diesem Anlaß brachte kürzlich das dort weitverbreitete Wochenblatt„D e r Volks freund" einen Leitartikel, in dem es n. a. folgende Blüte zu pflücken gab:„Bischof Freppel ist ein clsässer Patriot, er liebt sei» Land, und er hat durch sei» Talent und durch seinen Rnhm misrem Heimatland Ehre gemacht. Und wir dürften ihm kein Denkmal errichten? Und es dürsten da Leute kommen, die uns vor der Nase ein Denkmal aufrichten einem Goethe, der sich in Sesenhrnn einen sehr zweifelhaften R»i h m erworben hat, der bei uns übrigens kaum bekannt ist und der durch die meisten seiner Schriften das Gift der Irreligiosität inS Herz der Jugend hineinträgt!— — Haupt m a n n s. F u h r manu H e n s ch e l" bildet eine der nächsten Novitäten des„Thektre Antonie" in Pari s. lieber- setzt hat daS Werk unter dem Titel„I-s voiturier Henschell" Jean T h o r e l.— — Die Spielzeit des Berliner Theater? wird am 1. September mit H. v. KlcislS„Prinz Friedrich von Horn- bürg* erössnct.— — Im Neuen Deutschen Theater in Prag errangen „Das Glück", ein Tonmärchen von Dr. Theodor Kirchner, Btnsik von Rudolph Frhrn. v. Prochazka. und„Vergißmeinnicht". Tanz- märchcn von Heinrich Regel und Otto Thicme, Mnsil von Richard Goldbcrger, einen Erfolg.— — Im Karl Schnltze-Theater in Hamburg hatte die Novität „Mann über Bord", dramatische Episode in einem Akt von I. C. Saar, in guter Darstellung durch das Emannel Reicher- Ensemble lebhasten Erfolg.— — Das Berliner Theater wird als Novität ein sociales Drama„Der Rebell" von H. Ganz zur Anstühruiig bringen. Das Stück schildert ungrische Zustände.— — Es verlautet, daß Richard Wagners Erben die Auf« führnng der Wagnerschen Wette am kommenden Prinzregenten- Theater in M ii n ch e n nur unter der Bedingung gestattet hätten, daß das Hoftheater künftig während der Bayrenthcr Spielzeiten keine Wagneropern gebe. Da die Wagneropern für das Hoftheatcr von großer Bedentniig sind, darf man auf die Entwicklung der An- gelegenheit gespannt sei».— — Die Medaillenjury der Großen Berliner Kunst- a u S st e l l u n g hat diesmal drei Künstler sür die große goldene Medaille und sünf für die kleine in Vorschlag gebracht.—_ Berantwortlicher Redacteur: Wilhelm Schröder in Wilmersdorf. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.