Hlnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 160. Dienstag, den 21. August 1900 \ tNachdruck verboten.) i8] Die FÄnfave. Roman von Fritz Mauthner. Heute wurde das lustige pfeifen der vorübersausenden Lolomotiven als ein echt weltstädtisches Geräusch lieblich ge- funden, gestern war eine Pferdebahnlinie Tempelhof- Wilmersdorf natürlich nur durch die Grotzgörschenstraße verlangt worden, und dann wieder am Totensonntag hieß es. daß ein sinniges Gemüt nur in der Großgörschen- straße leben könnte, in unmittelbarer Nähe der westlichen Friedhöfe mit ihren Erinnerungen an nnsre großen Toten. lind im Feuilleton wurde erzählt, daß unser Disselhof, der Meister des so rasch wieder verschwundenen Bildes„die Sehn- sucht", jetzt an den Dekorationen zur Fata Morgan« arbeite, der Oper„unserS Richard Mcttmann". Und wieder hieß es dann in den vielgelesenen Plaudereien eines Weltstädters, die schöne Frau L. P. habe zwar ihre Trauer noch nicht abgelegt und ihre Salons für die Gesellschaft noch nicht wieder eröffnet, sie suche jedoch Erhebung bei der Kunst und im engsten Freundeskreise habe man dort eine wahre Fata Morgan« bewundern können, die vielversprechende Oper„unsrcs" Richard Mettmann. Gegen Mitte Dezember, kurz vor Weihnachten, konnte daS Blatt schon sechs Seiten mit Anzeigen füllen. Wenn das nur noch um ein weniges stieg und wenn die Zahl der Abonnenten eine großartigere Geschäftsführung gestattete, so durfte Mett- mann hoffen, daß er bald seinen Gläubigern siegreich gegen- überstehen würde. Seine Lage war lange nicht mehr ver- zweifelt, er konnte sein Unternehmen beinahe schon als schuldenfrei und fruchtbringend ansehen. Bei alledem hatte Gottlieb Mettmann noch lange keine Ursache, übermütig zu werden. In den schlimmsten Kämpfen der letzten Jahre hatte ihm seine glückliche, die Zukunft rosig nusnialende Einbildungskraft alle Gefahren verschleiert; jetzt sah er plötzlich den gähnenden Abgrund hinter sich liegen, und ihm begann zu schwindeln. Das Dasein seines Sohnes sollte auf minder unsicheren Grundlagen stehen. Je Heller die Aussichten für den Vater wurden, desto wichtiger schien es ihm, seincni Richard die Hand der Witwe Pitersen zu sichern. Gottlicb Mcttmann hatte sich durch den Auffchwung der letzten Wochen in seinem Kredit so gebessert, daß er daran denken konnte, die schöne Leonttne mit einigen Ucber- raschungcn zu bestürmen. Das Nächstliegende schien ihm, seinen alten Plan aufzunehmen und für den Neubau des Haveuolv'schen Hauses das Nachbargrundstiick der Frau Pitersen mit heranzuziehen. Sie sollte jedenfalls erfahren, daß er großartig bauen wollte. Als er zu Leontine kam, gestattete sie ihm schon, ihr einen Kuß ans die Stirn zu geben. Es fehlte wenig, und er hätte sie geduzt. So sicher fühlte er sich schon als ihr Schwiegervater. „Ich bin beinahe besser daran als mein Sohn," sagte er derb.„Er wird nicht Ihr erster Mann werde», ich aber bin Ihr erster Schwiegervater." Leontine lächelte kalt, aber sie mahnte zur Vorsicht. Sie. bemühte sich, mit dem Alten über den Heiratsplan wie über ein schwieriges Geschäft zu sprechen. Der Vater sollte nicht ahnen, wie leidenschaftlich sie seinen Sohn liebte. Das wäre gefährlich gewesen. Sie war jetzt eine reiche, schöne Frau, und Reichtum verpflichtet— auch zur Klugheit. So berichtete sie ruhig, daß Richard ihr fast täglich nähertrete, daß sie mit herzlicher Freude zu schicklicher Zeit eine Verbindung mit ihm eingehen werde, daß er aber bis heute sich noch nicht erklärt habe. Und nicht ohne Heftigkeit fügte sie hinzu, sie fürchte immer noch fremde Einflüsse. Dieser Doktor Bode sei ihr unheimlich. Sie nannte Bode aufs Geratewohl. Heimlich dachte sie an Johanna, doch sie sprach ihren Namen nicht aus. um dem Vater Richards nicht durch das Bekenntnis ihrer Eifersucht zu viel zu verraten. Mettmaim beruhigte sie. Doktor Bode, der neunmal kluge Narr, habe noch lange in den Mauern von Plötzensee zu sitzen, und bis dahin sei alles sicherlich geordnet. Binnen kurzem i verde Richard mit der furchtbar anstrengenden Arbeit für die vielen Instrumente oder wie die Geschichte heiße, fertig sein, und in seiner Freude werde er den Mut finden, sich zu erklären. „Liebe Frau," rief er auffpringend und ging mit schweren Schritten zwischen den zarten Luxusstühlen hin und her, „Richard hat erst eine Geliebte gehabt und Sie schon zwei Männer. Da müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn— Sie ihn nicht glücklich machen sollten." Metttnann hatte einen andren Schluß auf der Zunge gehabt, aber Leonttne hatte ihn niit so ruhigem Zorn ast- gesehen, daß er sich rasch verbeffcrte. Und er beeilte sich, zu einem andern Gegenstand überzugehen, zu seiner Lieblings- laune, um derentwillen er eigentlich gekommen sei. Die Verbindung mußte auch durch eine äußerliche Ver- einigung der beiden Nachbarhäuser verewigt wei den. Er hatte schon mit dem Baumeister gesprochen. Ganz Berlin sollte davon reden. Für die Faffade mußte in allen Blättern ein Preisausschreiben angezeigt werden. Dafür werde das fertige Haus überall beschrieben und abgezeichnet werden. „Der Baumeister hat alle meine Vorschläge gut gefunden. Natürlich! Ich zahle ihn ja. Das zweite nnd das dritte Stockwerk hochhcrrschaftlich. Tolle Mietpreise! Stur für Ge- ncrale l Und wenn man die Wohnungen ztvei Jahre lang umsonst inserieren müßte. Aber parterre und erster Stock muß fürstlich werden, klassisch, wiffen Sie, so wie in Paris, lauter echter bunter Marmor, und unten über dem Doppelportal zwei riesige Posaunenengel, mit den Füßen bis in den Tier- garten hinein und mit großen Trompeten wie am Schloß. Blasen sollen die Posaunenengel, bis sie platzen, nein, bis die Berliner platzen vor Neid und Aerger. Und hinter den Posaunenengeln, da wohnte er. Und dort will ich eine Platte von rosenrotem Marmor. Der Baumeister sagt, es gicbt keinen, aber wir zahlen ihn und wir finden ihn. Und ans dem rosa Marmor in blauen Buchstaben das Monogrami» L. und B* Leontine und Richard." Mettmann hatte sich in die Hitze geredet. O. er hatte auch Phantasie und Kunstsinn so gut wie seine Nedacteure. Leonttne lehnte sich mit gcschloffenen Augen zurück. Das Monogramm, himmelblau auf rosa, schmeichelte ihrer Vorstellung. Plötzlich schüttelte sie mit dem Kops und sagte hart: „Richard und ich sind noch kein Brautpaar.� „Die Verlobungsanzeige wird das schönste Inserat meines Lebens sein," erwiderte Mettmann mit dem Hünen- hasten Versuch einer Verbeugung und er küßte Leonttne die Hand. IX. Richard wurde von Leonttne regelmäßig in dem kleinen Salon neben ihrem Schlafzimmer empfangen. Man konnte von dort durch das lvinterliche Geäst der entlaubten Bäume die hinteren Feuermauern der neuen Sommeroper sehen. Leonttne hatte ein gutes Pianino hereinstellen laffen und ge- fiel sich darin, gerade gegenüber der Stätte des baldigen Triumphs zuerst die Melodien zu vernehmen, sowie sie jetzt ihre letzte Form gewonnen hatten. Ihr erster Mann, der arme Klavierlehrer, hatte sie oft des Abends mit seinem Musikmachen gequält, in der ersten guten Zeit, als sie den Drang zum Glanz noch� nicht gefühlt hatte. Wenn sie damals in sthrer armseligen Stube, schlecht gekleidet, vom argen Küchengeruch gequält, zuhörte, wenn ihr Mann, der arme Gruber, ermüdet von den vielen Unter- richtsstunden, sich am Klavier Dinge einfallen ließ, die außer ihr niemand hören sollte, das war musikalisches Elend. Aber jetzt! Wie das vornehmste Sttick dieser üppigen Um- gebung erklang die Musik des jungen Mannes, in den sie sich nun einmal verliebt hatte. Und Richard Metttnann war nicht der erste beste arme Schlucker. Diese Oper wird da drüben von tausend Menschen bejubelt werden. Leonttne wird in dein schwarzen Sammcttleid, mit Perlen in den Haaren von der Prosccniumsloge aus zu- sehen, wie der hübsche Komponist seine Verbeugung macht; alle Welt wird wissen, daß sie heimlich seine Braut ist, man wird sie beide beneiden, und Richard wird dem Neid zum Trotz mit seiner Oper so viel Geld verdienen, daß ihr dadurch auch noch das höchste Glück beschieden werden wild, stolz lind lliltclwiilfig zu cincm geliebten©ntten e»if- blicken zn könncn. An eincin glänzenden Elfe'lg dee Oper zweifelte sie nicht einen Augenblick. Sie lvar zlvar von einzelnen NnmNlern durchcins nicht entzückt; doch Beethovens„Fidelio" gefiel ihr ja auch nicht und es kam ja darauf gar nicht an. Richard hatte das Geld und die Jonrnalisten für sich, und da er nun gar den Fleiß bewiesen hatte, eine ganze Oper selbst fertig zu schreiben, so konnte es ihm nicht fehlen. Die Zeit, welche Richard allabendlich bei Leontine zn derbringen pflegte, wuchs allmählich. Es wurde gar nicht mehr gefragt; sein Teller und seine Tasse Thee standen bereit, und er mußte sich nach zehn Uhr zusaminraffen, nm die Güte der Hausfran nicht zu mißbrauchen. Die Dienerschaft sah in dem täglichen Gast schon den künftigen Herrn, und in den paar Dutzend Hänsern des Tiergartenviertels, welche Leon- tinens Bekanntschaft ausmachten, erwartete man bestimmt, nach Ablauf des Trauerjahrs von der Verlobung der beiden zu hören. Wer sie aber in ihrem Alleillsein hatte beobachten können, dem wäre nicht entfernt der Gedanke an ein Liebespaar gekommen. Leontine kam dem jungen Freunde trotz ihrer Verliebtheit nicht entgegen. „Ich mache keine Dummheiten mehr", das war der innere Schwur gewesen, mit dem sie an der Seite ihres zweiten Gatten vor dem Altare stand. Und Richard war zu dankbar für die Znfluchtsstätte, die sein gepeinigtes Herz hier ge- funde», als daß er sich leichtsinnig in eine nur halb wahre Liebelei eingelasien hätte. Seine jungen Sinne waren freilich nicht unempfindlich gegen die bleiche Schönheit LeontinenS und ihre großen Augen, die nach Trost und Licht zu hungern schienen. In den langen Pausen ihrer Gespräche, in denen das Weib mit der nngedul- digen Selbstbeherrschung, wie sie nur ein Jäger auf dem An- stand auskostet, sein Liebesgeständnis erwartete, in diesen gefährlichen Pausen bald nach dem Kommen und kurz vor der Trennung, pochte sein Blut oft fühlbar in den Schlag- ädern des Halses und schlug ihm gegen die Schläfen und glühte ihm in den Wangen. Dann zog es ihn, sich dem schönen Weib zu Füßen zn werfen, sie an sich zu ziehen und wortlos. Mund an Mund und endlich Brust an Brust das Glück des Vergessens zu suchen. Und nach dem .schrecklichen Tage, an dem er das freche Bild Johannas er- blickt hatte, stieg die Sehnsucht nach der berauschenden Um- armung Leontinens noch wilder empor. Ja, er hatte Johanna zn lieben geglaubt, es war geiviß ein Irrtum seiner Jugend gewesen. Jetzt fand der Mann den wahren Adel und die rechte Höhe des Lebells bei der schönsten Frau, die er sein nennen konnte. Nicht umsonst sprach ihm sein Vater täglich, wenn Richard bei den stillen Mahlzeiten etwas suchte, was ihm mit dem Vater gemeinsam wäre, von dieser Heirat. Alle Wünsche flackerten auf. wenn Leontinens pralle Seidenkleider um ihre volle, hohe Gestalt knisterten. Nur seine Ehrlichkeit hielt ihn zurück. Er fühlte, daß das Bild Johannas noch nicht tief genug im Schatten seiner Er- innerung stand. Wohl lag die Kiste, die das nichtswürdige Gemälde barg, immer noch uneröfsnet in seinem Arbeitszimmer unter dem Schreibtisch. Wohl sagte er sich immer wieder, daß ein Malermodell, über dessen Reize die Zeitungs- schreiber sich unterhielten, nicht das Mädchen seiner heiligen Neigung sein könne. Umsonst! Immer noch tauchte plötzlich das schöne, reine Antlitz auf. lieblich und wehmütig schaute sie ihm aus treuen braunen Augen auf seine Arbeit, und wenn sie ihm im Traume erschien, schamlos gekleidet, ein Malermodell in weißem Hemd und rotem Korsett, so waren die Augen wie im Tode geschlossen. Nein, Richard durste zn Leontine nicht von Liebe reden, so lange diese Tote ihn mit ihren sehnsüchtigen Augen ver- folgte. Auch war es befremdlich, daß Leontine ihn nur so lange fesselte, als sie gegenwärtig war, als er sie mit der Hand erreichen konnte. Aus der Entfernung wirkte sie nicht auf ihn/ Er wurde ein wenig heiter,»venu er zu ihr kam, und blieb ebenso heiter, wenn er ging. Sie hatte ihn von der andern noch nicht befreit. Erst wenn ihr das gelungen war, durfte er ihre Hände fassen und rufen: „Ich danke Dir dafür, daß ich Dich liebe!" (Fortsetzung folgt.) Hokcl leben im Innern Chinns lim in ein chinesisches Gasthaus hineinzukommen, muß man gut zusehen, wohin man tritt; denn man muß zugleich nach oben und nach unten schauen, Iveil der Thürrahmen nicht gar hoch ist; mit andern Worten: man muß vorsichtig hineingehen,«nd wer einen europäische» Cylinder trägt, möge ihn vorher wohllveislich abnehmen; denn mit diesem kommt er sicherlich nicht hinein. Der Fußboden ohne Dielen und Teppich besteht ans der natürlichen, fest gestampften Erde, ist holprig, und, wenn vor- nehm, mit einer Matte bedeckt; nicht selten vertreten Asche, Hen oder Stroh die Matte. DaS erste, was in der Wirtsstube in die Augen fällt, ist der Lthang. Man denke sich eine ungefähr 60 bis 70 Ccntimetcr hohe viereckige Erhöhung aus Ziegelsteinen oder wie meist ans fest gestampfter Erde aufgerichtet, die fast immer die ganze Breite des Zimmers einnimmt. Dieser Khang ist der wichtigste Gegenstand eines chinesischen Hauses; er dient, ui» daran z» essen, zn plaudern, z« sitzen, Opium zu rauchen und zn schlafen; er vertritt die Stelle der europäischen Oese», die im Innern Chinas so gut ivie unbekannt sind. Ter Khang hat im Innern einen freien Rani» und aus Feuer ans Holz oder Stroh, das vor dem Khang liegt oder durch die Mauer des Hauses in Bcrbiiidung mit dem Khang ge- bracht Ivird, zieht durch das Innere hindurch. Dieser chinesische Ofen, der gewöhnlich mehr Ranch als Fencr ins Zimmer bringt. macht dem Europäer den Anfeuthalt meist ninnöglich, während die Chinesen von Jugend auf daran gewöhnt, sich von solchen Klcinig- leiten nicht stören lassen. Man mutz wirklich staunen, wie die Chinesen oft stundenlang in einem Zimmer sitzen, plaudern und schlafen könne», das von Rauch oder Dampf ans feuchtem Holz oder Bohnenstroh ganz erfüllt ist, so daß man kaum eine Hand breit vor sich sehen kann. Ja, der Chinese raucht noch ganz gemütlich seine Pfeife dazu, während es dem Europäer in den ersten Minuten schon ganz schlecht nnd übel wird. Freilich ist dieser Aufenthalt in solchen mit Rauch und Qualm erfüllten Zimmern lvohl auch die Hauptursache der in China so häufig vorkommenden Augenkrankheiten nnd vollständigen Erblindungen. In cincm solchen Raum mnß»im der müde Wanderer seine matten Glieder ans- strecken, in der Hoffnung, Schlaf zu finden. Ihn findet der Europäer aber anfangs fast nie, da der Khang für ihn fast sictS zu kalt oder zn heiß ist. Da für Bettdecke nnd andre Schlafbedürfnisse von seile» des chinesischen Wirts nicht gesorgt Ivird. so muß dies der Reisende selbst thnn. Als Kopfkissen gebraucht man am besten den Sattel seines Pferdes, was auch noch den Vorteil hat. daß derselbe von langfingerige» Chinesen nicht gestohlen wird. Im Wirtshause ist außer einem wackeligen Tische, der bei der Ankunft vom Kellner rasch mit einem Fetzen Papier abgewischt wird, von den Einrichtungen des Westens nichts zn erblicken. Nicht einmal ein Stuhl ist vor- Händen, statt eines solchen aber ei» viereckiges Gestell, das einem Zimmerbockc, auf dem die Zinnncrlentc in Europa die Balken glatt hauen, nicht unähnlich ist. Auf besonderes Verlangen erhält man »och eine» Napf Waschwasser auf den»»ebene» Boden hingestellt, nnd zwar stets und zu jeder Jahreszeit heiß. da fast alle Chinesen an der Kaltwasserscheu leide». Die Mauern der Gaststube waren früher einmal mit Papier oder Tapeten beklebt, wovon noch einige herabhängende und zcr- risscne Fetzen Zeugnis ablegen. Die Fenster, von denen keins ge- öffnet werden kann, sind an Stelle von Glas niit Papier versehen, das zuweilen mit verschiedenen Karikaturen von Menschen, Tieren, Bäumen nnd dergleichen bemalt ist. Der Wind, der Regen, die Finger der Neugierigen haben hie nnd da allerdings schon ver- schicdcne„Fensterscheiben" beseitigt, was jedoch nicht viel verschlägt, da der Wirt— auch zugleich Glasermeister— im Nu eine frische Scheibe eingesetzt hat. indem er einfach einen neuen Bogen über die Oeffmmg klebt. Zur heißen Jahreszeit werden sämtliche Fensterscheiben zur Ventilation durch einfaches Abreißen der Papier- bogen entfernt. Ans dem ivackligcn Tisch erblicken wir den»»ver- ineidlichen Tsch'a-chn, den Thcctopf, nebst einigen Tassen nnd eine chinesische Lampe, d. h. einen hölzernen oder eisernen Stab auf einem breiten Holzfnß, der reich mit Staub, Schmutz und ver- trockneten, Oel verziert, ein Schttsselchen mit Pflanzenöl, inuzefähr in Form eines Trichters trägt; darin steckt ein schlecht brennender Docht von Baumwolle oder Papier. Bei solcher elektrischer Beleuchtung sieht man gerade genug, nm das Essen nicht in die Nase, sondern tu den Mund zu stecken' nicht aber genug, nm nicht über ein Stück Holz zn fallen, das auf dem Boden liegt. In einer etwas vornehmeren Gaststube sieht man häufig eine Anzahl l'/s— 2 Meter langer nnd 30 Ccntinieter breiter Pnpicrstreifen von roter oder weißer Farbe au der Wand herunter- hängen, die„Dintze", welche mit Sinnsprüchen versehen sind und die bei einem Familienfest oder feierlichem Anlaß(z. B. Hochzeiten) dem Wirt von Freundeshand geschenkt wurden. Die Zimmerdecke besteht ans Papier oder einer dünnen Matte nnd trägt den zweiten Stock. In diesen Gasthäusern erhält man Thee, Branntwein lfür den Fremden aber jast ungenießbar wegen seiner Schärfe), Brot, Eier, einiges Gemüse, Fisch nnd zu- meist auch S-bwcincfleisch— falls der Wirt kein Mohamedancr ist—, aber meist ziemlich schlecht nnd dem Europäer anfangs wenig mundend. Die verschiedenen Portionen werde» in kleinen Schüsselchen aufgetragen das ganze Eßbesteck besteht in zwei. etwa einen Fuß langen dniuien Holzstäbchen, sogenannten„K'ne-tzc", womit samtliche Speisen genossen werden. Die Chinesen, grob und klein, sind in der tzandhabnng dieses primitiven Eszlverkzengs sehr geübt, während der Europäer, falls er mit diesen Dingen nicht ver- traut ist und kein europäisches Bestell bei sich hat, gezwungen ist, mit der Hand zu„arbeiten". Glücklich der Reisende, der in einem chinesischen Gasthof ein Extra- zimmer erobern kann! Ein solches Zinnner niusi freilich nach seiner An- kunft zumeist erst„hergerichtet" und vor seinen Auge,» mit einem laugen Reiserbescn säuberlich ausgekehrt werden, da bis dahin zrnveilcn der Esel des Wirts oder ein andrer Vierfüßler sein Logis darin hatte. Ein solches Privatkabinet ist aber innner»och einem allgemeinen Khang vorzuziehen, auf welchem oft zwanzig, dreißig, ja fünfzig Chinesen zusammen kampieren. Einige schnarchen um die Wette, andre plaudern, jene trinken Thee, lvicder andre zanken sich oder feilschen, wieder andre rauchen die kleine Pfeife oder die große Wasserpfeife, deren Geruch widerlich ist; viele rauchen Opium, ein für den Europäer unausstehlicher Geruch, andre machen bei einer qualmenden Lampe Jagd auf verschiedenes Klcinlvild, wieder andre endlich kämmen und flechten sich gegenseitig de» langen radenschlvarzen Zopf, während sie dabei nach Zigeunerart gegenseitig in den Haaren emsig nach allerhand Kleinigkeiten suchen. Und mitten in dieser vornehmen Gesellschaft dampfen Kessel mit Wasser, um Thee zu niachcn und Mchlsuppc zn bereiten. Und fragt mau schließlich,>vns in solchen chinesischen Hotels die Zeche gewöhnlich beträgt, so lautet die Anllvort. daß die Preise im allgemeinen mäßig zu nennen und verhältnismäßig billiger sind, als in Europa; für vier- bis fünfhundert Käsch(große Sapekcn, etlva 1 bis 1,2S M.) ist der Reisende mit seinem Reittier so ziemlich pro Tag versorgt. Freilich sind dann die Ansprüche a»ch sehr gering und nur auf das nvtlvendigste beschränkt. („»iheinisch-Westsälische Zeitung".) Kleiuus Fenillekon» — Löwenplagc in Ostafrika. Die„Deutsch-ostasrikanische Zeitung" schreibt: Drei Herren, Rhall, Hübner und Pamiti waren mit dem Eiscnbahnznge auf der MachadoS Roab Station angekommen und hörten dort von den Askaris, daß ungefähr 200 Schritt von der Strecke entfernt ein Lölve bemerkt worden iväre. Ryall forderte hierauf die genannten Herren auf, mit ihm auf der Station zn übernachten und dem Lölvcn nachzustellen. Hübncr und Parcnti gingen darauf ein und folgten Ryall in dessen zurückbleibenden Ossizier- Salontvagen, um dann sofort»ach dem Lölvcn Ausschau zu halten.'Da diese erste Ausschau vergeblich Ivar, so kehrten die Herren in de» Wagen Ryalls zurück und beschlossen, dortselbst zn lvachen, um so mehr, da der Stations- Vorsteher erzählt hatte, daß jede Nacht zlvei Lölvcn dicht an die Station herankämen und brüllten. Da der Wagen dicht vor dem Stationsgebäude stand, so zog man denselben etlvas zurück,»m ein freieres Schußfeld zu haben, zumal sich dort auch eine kleine lvciße Sandfläche befand, auf lvelcher man den Lölven herankommen sehen innßte. Nachdem die Herren in dem Wagen zur Nacht gespeist hatten, unterhielten sie sich noch bis etwa um>M2 Uhr, um dann ihre Lagerstätten aufzusuchen. In der Wache wollte» sich die Herren ablösen iiud Ryall sollte damit beginnen. Alsdann gingen Hübner und Parcnti zu Bett. Erstercr schlief indem oberen Passagier-BettundParenti in dem unteren, während Ryall daneben auf seinem eignen Bett ruhe» ivollte. Ungefähr um'/s2 Uhr nachts fühlte Parcnti ein großes Tier auf seinem Körper herumtreten, lvodurch er erlvachte und unwillkürlich seinen Kopf emporrichtete. Hierbei berührte sein Gesicht den Bauch deS Tiers. Der Lölve hatte in diesem Augenblick seine beiden Vordertayeir ans dem Bett Ryalls, während eine seiner • Hintcrtatzen auf dein Körper Pareiitis lag. Jetzt hörte man einen Schrei, ivekcheil Ryall ausstieß. Parcnti versuchte darauf, seine linke Hand frei zn»lachen, um Nach einem Gewehr, welches auf dem Tisch lag, zu greifen. Da er jedoch bei diesem Versuch Iviederj an den Körper des Raubtiers stieß, so kroch er aus dem Bett, sprang aus dein Fenster und versteckte sich hinter einigen Büschen, woselbst er sich ctiva 10 Minute» lang aufhielt. Alsdann fand er den Weg zu der Hintersront des Stationsgebäudes, woselbst er den Stations- Vorsteher herausklopfte, Darauf wurde„Hübncr!" und„Ryall" gern feil. auf welche Rufe Hübncr aus dem Wägen heraus Parenti fragte, ob er nicht irgend ein Gelvehr da hätte. Dieses beantlvortete Parcnti mit„Nein"»nd fragte Hübner, ob er nicht lvüßte, lvie es »>it Ryall stände. Hübncr antwortete, daß er glaubte, Ryall wäre tot. Auf die wiederholten Rufe„Ryall!" Ryall!" erhielt man keine Antlvort. Jetzt bemerkte Hübuer, daß er glaube, der Lölve sei»och in dem Wagen, er selbst halte sich in dem anstoßenden Küchcnraum ,dcs Wagens auf. Hierauf machte» sich der Stationsvorsteher und einige andre Leute niit»nichtigen Brandfackeln nach dem Wagen auf und fanden, daß die Wagenthür geschlossen war. Da dieselbe vorher geöffnet gewesen, so konnte nian nur annehmen, daß durch das Gclvicht des dort leise hineinkommenden Löwen die Thür von selber zugerollt war und der Lölve sich noch im Wagen befand. Unterdessen hatte Hübner von der Küche aus das Freie gewonnen und betrat nun mit den andern Leuten den Wagen, jedoch sowohl Ryall lvie der Lölve waren nicht mehr darin, so daß cS keine andre Möglichkeit gab, als daß der Lölve niit Ryall a»S dem breiten Fenster des WägciiS gesprungen war. Das ganze Innere des Wagens, Velten, Decken usw. fand man über und über niit Blnt bedeckt vor. Als es später hell wurde, beinerkte nian auch Blut direkt unter dem Fenster außerhalb des Wagens. Nebenbei fand nian auch die Lölvenspnren dort, solvic die Spuren von mehrere» Lölvcnjungcn.— — Die Verbreitung der Gcophagie(Erdessen). Dr. Richard Lasch schreibt in den„Mitteilungen der anthropologischen Gesell- schaft in Wien": Schon die Röincr hatten ein Gericht„alicli" aus Maiskorn, geinischt mitKalk von den Hügeln bei Puteoli, lvorüberPIinius berichtet. Im Hungerjahre 1617 lvnrden in Klicken(im Dessanischen) Diatomeenreste als Nahrung verlvendet. In Wittenberg ivnrde ein„Bergmehl" verbacken, das aus den„Mehlbergen" bei Klicken stammte. Auch in Westpreußen lvurde„Bergmehl" zum Brotbacken verlvendet. Von den Aclplern ivnrde früher häufig der ivnsiergesättigte Gips, gelvöhnlich Mondmilch genannt, genossen. Die Tungusen Sibiriens essen einen Thon, genannt„Steinmark", de» sie mit tierischem Mark vermischen. In der Gegend des Ural wird gepulverter Gips zum Brvtbackcir verlvendet. Die Jnkagiren im nordöstlichen Sibirien haben eine Erde von süßlichem und etlvas adstringirendeur Geschmacke, der sie eine Reihe heilsamer Eigenschaften zuschreiben. Einige der sibirischen Stämme tragen auf der Reise ein kleines Söckchen ihrer heimatlichen Erde niit sich, deren Genuß sie vor allem Unheil in der Fremde schützen soll. Von den Eingeborene» West-Australiens Ivird eine Art Erde zerstoßen, mit der Wurzel deS Mcnl(einer Art Haemadorum) vermischt und so gegessen. Ans der Insel Ncu-Jrland wird von den Eingeborenen zur Zeit schlechter Ernte ein Heller brauner Lehm gegessen. Von den Badagas in den Nilgiribergen Südiudiens wird folgender Dialog aus der Unterwelt berichtet:„Die aber dort auf dem Vüffellvege rote Erde aufgraben und essen— was für eine Zunft ist das, Bruder?"«Das sind die, soeben Reis auf den Teller aus- geschüttet»nd dann unter den Schenkel ihn bargen. Erde iß, heißt es nnn." An den Ufern des Mackcnzie- Flusses finden sich Schichten eines fetten LchnrS, den die Tinne- Indianer als Nah- rnng verwenden und zum Vergnügen kauen. Die Tain- Indianer Kaliforniens mischen rote Erde in ihr Ahornbrot, um dies süß zn machen. Auch in Guatemala ist nach den nenesten Beob« achtnngcn deS bekalniten Forschers Dr. Karl Sapper Erdessen ziem- lich häufig zn finden, und zwar wird hellfarbige Thonerde ohne jede Veinienge für sich allein gelegentlich verzehrt. Dort kommt auch starkes Erdesscn bei Kindern vor. die dann den typischen Hänge- bauch zn bekommen Pflegen. In Java und im indischen Archipel überhaupt spielte Erde unter der Nahrung schwangerer Frauen eine wichtige Rolle. Dagegen ist bei den Mexikanern der Genuß von Erde den Schlvangeren verboten, weil sonst das Kind schwächlich würde.— Musik. Die heurige Sommersaison des Berliner Musiklebens scheint für die specifisch sommerlichen Darbietungen recht günstig zu sein, Erklären und im voraus vermuten läßt es sich durch den auf Berlin entfallenden Anteil an dem Strom der Fremden zur Ausstellung nach Paris! erkennen läßt es sich u. a. dadurch, daß innerhalb der ausfallend vielen Opern- und Operetten- Aufführungen, die wir bekamen, nicht«ine Novität, ja kaum eine historisch hervorragende „Ausgrabung" das Ausnützen von allbeliebten Werken unterbrach— ausgenommen die„altorientalischen Operetten", die lvohl niemand ihren(noch immer irgendwo in Berlin spielenden) Vertretern weg- nehmen will. Die Morwitz-Oper hatte für diesmal viel an Gästen wie an Novitäten versprochen und wollte sogar eine wirkliche abend- süllende Premiere, eine neue Oper von Spinelli, bringen, wie sie im vorigen Sommer die„Winahpoh" von M. Lion zum erstenmal vorgeführt hatte. Daraus ist nun nichts getvordenz anscheinend war das AnSschkachten der immerhin nicht wenigen Wiederaufnahmen von Aelterem lohnender. Doch auch unter diesen kam manches vorher Angekündigte schließlich doch nicht; namentlich sind die beab- sichtigtcn Vorführungen ztveicr Werke von Aubcr, dem Klassiker der „kömischen Oper", unterblieben. Dafür bekamen wir, wie schon im vorigen Sommer gegen das Ende der Saison, so auch jetzt(am letzten Freitag) eine neu hcrgerichtcte Vorführung von O.Nicolais „L nstigen Weibern von Windsor" zn hören. Unsrenr Bericht vom 1. September 1899 ist für diesmal kaum etwas Besondres anzufügen. Besondres bot denn auch die Vorstellnng'nicht. Ihr Hauptvcrdienst dürfte die anscheinende Vollständigkeit der Wieder- gäbe, mit„Aufmachung" landesüblicher Striche, gewesen sein, auf die schon vorher aufmerksam gemacht war; also wenigstens ei» Bestandteil dessen, was bei Musteraufführungen geleistet werden soll. Sonst allerdings war von einer solchen keine Rede; man merkte die Gleichgültigkeit des DrüberlvcgkommenS. „Kinder, es tvird auS"— heißt'S da wohl hinter de» Eonlissen. Indessen war doch die Darstellung der Frau Fluth durch Henny Borchers wieder eine prächtige Leistung; Frieda H a w l i c z e l als Frau Reich sekundierte ihr gut, doch hatte sie daran nicht eben eine eigenste Rolle und war wohl überdies nicht recht gestimmt. Als Anna trat diesmal Marie von Tergow auf, deren frische Stimme anmutend wirkte. Die übrige Besetzung war in der Hauptsache der früheren gleich, der Gesamtton etwas gelangweilt und nicht von der natürlichen Frische, die dieser echten komischen Oper ziemt. Mittleriveile aber arbeitet wieder das Opernhaus mit der altgewohnten Gemächlichkeit,' die den Hofbühne» mm eininal — C-iO— «iflnt ist Hier yiebt eS ja so�ar?ln?Aral»nigcn scltc»! die vev- halwiSinäbig wenigen Steilheiten, die in den etwa zwei letzten Jahren gcdreicht luocben. waren meist keine glückliche» Griffe nnd hatzen sich auch, mit einer oder der andern Ansnnhnic. nicht gehalten. Man sollte meinen, es gebe fast gar keine neue Operirprodnktion in Deutschland, zmnal ja die Königliche sich nicht in das Fach hinein- gucke» lädt, in welchem eventuell die dranchbarr» Neuheiten lagern. e-r. Aus der Pflanzenwelt. — Das Mutterkorn ist nach neueren Forschungen keine seldständige Pflanze, sondern das Produkt eines Pilzes, des Mutter- kornpilzcs. Bon der Richtigkeit dieser Behauptung kann man nach der.Kölnischen Bolkszcitring" ans folgende Weise unschwer sich über- zeugen. Wenn man gut ausgereiste Muttcrkörncr mit einer dünnen Erdschicht bedeckt nnd diese genügend feucht erhält, so schießen nach etwa zwölf bis vierzehn Wochen ans jedem Korn fünf bis zehn kleine rötlichviolette Pilze mit rmiden Köpfen: wir haben den Mnttcrkornpilz vor uns. Namentlich in feuchten Jahren tritt das Mritterkoni stark auf. In der Regel wird es wenig beachtet. und ztvar meist deshalb, tvcil man .seine' Echädlichkcit nicht kennt oder nicht gebührend anschlagt. Der Genuß des Mutterkorns ist für Menschen und Tiere gefährlich, da dasselbe ein sehr starkes Gift enthalt, das. in größeren Mengen srnofien, selbst den Tod herbeiführen kann. Bei trächtigen Kühen Hat die Fütterung mit von, Mutterkorn besetzten Roggen, selbst bei geringer Gifttnenge, das Bertverfen zur Folge. Sehr schädlich find auch die Folgen des Mutterkorns bei Schtveine». Hühnern nnd andren SluStieren.' lieber die Wirlmigen des Mutterkorn gists bei Menschen reibt Dr. Hopf: Vergiftungen durch Mutterkorn, i» früheren Jahrhunderten viel häufiger als gegenwärtig,«nlstchcn immer durch Bei- mrnglmg der Mntterkörncr zu dem Mehl, daS dadurch eine violette Setzung erhält. Plötzlich austretende Bcrgistungc» nach einmaligem >mß einer größeren Menge erregen Magendrücken, Uebelkeit, Erbrechen, Kopfschmerz, Schwindel nnd Bctäubniig. Bcilange fortgesetztem Genuß niäßiger Menge» stellt sich die sogenannte Kriebelkranlhcit ein, wÄche früher Brandscuche und Antonsfener genannt lvnrde. Unter dem Gestihl von Ameisenkriechen in den Finger- und Zehenspitzen cnt- wickelt fich nach und nach ein fortschreitender Brand der betteffcnde» Güedmaßen. und die davon befallenen Menschen sterben unter den schrecklichsten Qualen. In den nasse» Jahren 185S nnd 1856 ist die Sriebelkrankheit epidemisch in Brannscbtveig und Nassau aufgetreten. In vergistungsfäveu sticht nian gleich auf jede nwgliche Art Er- brechen zu erregen und den nachher noch zurückbleibende» Giftrest durch ein gerbfäurehaltigeS Getränk«»schädlich zn machen. Auch 'argen die Kriebellrankheit tvendet man innerlich und Sußerlitb Gerb- jaure in der Forn, von Lohbäden, an nnd überläßt am besten die Belämpstnig der schwersten Erscheinungen tMnskelkrampf) den, unbedingt lherbeiznrufenden Arzt. Die Bekämpfung des Mutterkorns ist durchaus mcht so leicht, als man vielleicht meint? freilich stehe» wir auch dieser Schnrarotzerpflanze nickt machtlos gegenüber. Gegen drn Brand des »oz«,» wird bekanntlich da» Beizen des Saatgutes mit Kupfer- Vitriol mit Erfolg angewendet. Auch gegen da« Mutterkon, bat man diese» Mittel versucht, freilich mir von unkundiger Seite? denn es Hegt auf der Hand, daß«iue Beiznng de» Saatgutes hier unwirksam lbleibrn muß. weil die Jufektton ja nicht an der Keimpflanze, sondern «zm.der völlig ausgebildeten Pflanze, an der Blüte stattfindet. ES muß vielmehr die Entwickelmig des Pilze» für das nächste Jahr ver- hütet werde«, und daS einzige Mittel dazu ist da» Einsammeln des Mutterkorns.— .«k- Ngturtvifsenschaftliches. ss. Schnecke» als G e st e i II b o h r e r. Was der Mensch nur mit Hilfe besonderer aus den härtesten Stoffen verfertigter Maschine» leistet, da? bringen unscheinbare Tierchen mit den Wcik- zeugen zu stände, die ihnen Mutter Natur mitgegeben hat. Die Thätigkeit der Bohrmuscheln, die sich tu den festen Meeresboden hinein ein Gehäuse bohren, ist bekannt, aber man traut diesen Muscheln mit ihren spitz zulaufenden Schalen eine solche Leistimg auch wohl zu. Daß dagegen die Schnecken sich in dichten Kalk- stein einbohren, um sich Schutzhöhlen, in die sie fich vor der Sommerhitze zurückziehen können. zu schaffen, «scheint als eine sonderbare Thatsache. Nach den»eueren Unter Buchungen ist diese außerordentliche Fähigkeit bei Schnecken sogar ziemlich allgemein verbreitet. Im südlichsten Frankreich sind lom- stakte Felsen von Kall oder Marmor ganz durchlöchert von daumen- großen chlindrischen Bohrungen gefunden Ivorden, und die KeuntiiiS, j»aß diese von Schnecken herrübrcn, war sogar unter den Eingeborenen de» Gebiets verbreitet. Am Monte Pellegnno in Sicilien wurden Ähnliche cylindrische Röhren im Kalkfel» als Schlupfwinkel von Schnecken tchon vor Jahrzehnten beschrieben, ihr Durchmeffer beträgt bis zu vier Centtmeter, ihre Länge zehn Centinicter, die Größe 3st sehr verschieden, je nach dem alte oder junge Schnecken flch in die Höhlung gebohrt haben. Bei Boulogne hat man eben- falls im Kalkfelsen' Schncckenlöcher gefunden und festgestellt, daß diese klugerweise stets auf der Seite angelegt worden waren, die am wenigsten von den Unbilden der Witteniiig getroffen wird. Die Tiefe betrug sogar bis zu 15 Centimetcrn. Dort soll es die gewöhnliche Gartenschnecke(Helüc hortensis) sein, die sich diese Löcher gräbt, um darin zu überwintern. Dasselbe ist nunmehr fauch von der Hain« Dnecke(Helxx uemoralis) nachgewiesen, so daß gerade die gemeinsten nusizer Landschnecken die Fähigkeit des GesteinsbohrenS be- sitze», die doch bisher der Beobachtung meist entgangen ist. Man müßte die Felsen im Frühjahr absuche»� um in etwaigen Löcher» die überwinternden Schnecken noch zu finden, da sie im Sommer jedenfalls auswandern. In manchen Gegenden find die Felsen von einer so massenhaften Schneckenbevölteruiig hcim- gcincht. daß sie aussehen wie ein West>einicst nnd daß die Wände zwischen den einzelnen Löchern nur die Dicke von Papierblättem besitzen. Wie die Schnecken es fertig bringen, sich bis zu 15 Centi- meiern Tiefe Löcher in festes Gestein vom Durchmeffer einer Damnen» dicke zu bohren, ist bisher noch gar nicht a»fgeklärt.— HumoriftischeZ!. — Er kennt sie. A.: Ist Ihr Gatte mich immer so besorgt um Sie, wenn Sie i»S Bad reisen B.:„Um mich? Ach iiciii, wenigstens- dciiteu seine Abschieds- Worte nicht darauf hin!" A.:„Was sagte er denn?* B.:„Adicn, Weibcrl, laß' es mir gut gehen." — Alles nach Maß. Bauer(der eine Zeitimg gelesen): Ist doch merkwürdig, daß immer gerade so viel passiert, daß die Zeitungen genau voll werden! — D i e stillose Gattin. Protz(als dessen Frau bei einer Gardieneiipredigt„gewöhnlich" zu werden beginnt): Schäme Dich, Laura, paßt das zu unfern feinen Gardirnrn?— („Lust. 5)1.") Notizen. — Die Preisverteilung ans der diesjährigen Großen B c r I i n c r n n n st a u s st c I l u ii g hat fich falgcndennnßcn gc- staltet: Die große goldne Medaille für Kunst den Malern Hugo Bogel in Berlin. Hans Herr in an u in Berlin nnd Jules L e f s b v r e in Paris, die kleine g ö l d n c Medaille für Kunst den Malern Berthold Genzmer in Groß-Lichterfelde bei Berlin, P a u l I V a u o v i t s in Wien, Andreas Dirks in Düsseldorf, Emil O e st e rin a u n in Stockholm. Lnigi Bazzani in Rom, Karl Jacoby in Brüssel, dem Radierer Ludwig K ü b ii in Nürnberg Berlin.— und dein Bildhauer Ludwig C a u e r in — Am 22. August sind es 50 Jahre, seit Nicola ns Lenau gestorben ist. Der Wiener Stadttal beschloß, an diesem Tage einen Kranz ans das Grab Lenaus niederzulegen. Der tveitere Antrag, eine Summe zu befirmmen, m» das im verwahrlosten Zustande befindliche Grab Lenans wieder herzustellen, wurde einem Komitee zugewiesen.— — Reclams Universum wird mit dem neuen Jahrgang in ein Wvchenjoimial uingewandelt werden.— — Die Bibliothek des Professors Dr. B unsen auö Heidelberg ist von der Buchhandlung Gustav Fock. G. m. b. H., in Leipzig erworben worden. Es wäre sehr bedauerlich, wenn auch diese Bibliothek wie so viele andre Sammlungen hervorragender Gelehrten nach dem Auslände wandern müßte.— — Das„Berliner Theater" wird im Laufe der Wintersaison folgende Novitäten zur Aufführung bringen:„Die lieben Kinder" von Victor Löou,„Strenge Herren" von OScar Blnmcnthal und Gustav Kadelbnrg,.Goldgrube" von LauffS und Jacoby,„La robe rouge" von Bnciix,„Der Rebell' von Hugo Ganz und„Im Schalten" von Tora Duucker.— —„T h a n a t o S". Tragödie m drei Akten von H. A. Revel wurde für das Schweriner Hoftheater zur Eiltnnfführung an- genommen.— —„Zwei Eisen im Feuer", das von Dr. Friedrich Adler inS Deutsche übersetzte nnd bearbeitete spanische Lustspiel des C a I d e r o u ist vom Berliner Schaiispielhause zur Aiifführmig er- worbeu worden.— — Dem Liederkomponisten Grabe»«Hoffman», der vor einigen Monaten verstorben ist, soll ans seinem Grabe ans dem Potsdamer Friedhofe denmächst rin Denkmal gesetzt werden. Der Denkstein wird mit einem Reliefbilde des Heimgegangenen ge« schmückt sein.— — DaS Germanische Museum in Nürnberg hat ein Bild von Lukas von Lehden„Das Wunder Moses' erworben. Das Bild ist eines der bedeuteildsteii des Meisters nnd sehr gut er- halten. — Ei» Wettbewerb zur Erlangung muster« gültiger Fassaden in altbremischer Bauart wird imtcr den Architekten Deutschlands durch den Verein.Lüder von Bentheim' in Bremen zum 1. März 1901 ausgeschrieben. ES sind Preise im Gesamtbettage von 10000 Mark ausgesetzt.— Äerantwottlicher Redacteur: Wilhelm Schröder m Wilmersdorf. Druck und Verlag von Max Babing in verlin.