gsblatt des"Lorwiirls Nr. 161 Mittwoch, den 22 Augllsr 1900 lNariidruck verboten.) 10) Vre Isctttfnro. Noinail von Fritz M a u t h n e r. Indessen war die allerletzte Nunimer der„Fata Morgans", ein gewaltiger und sehr gelehrter Aufbau, rasch ihrer Voll- endttiig entgegen gereift. Anch bei der Arbeit hatte Richard ja nur Vergessen gesucht, und die letzten Seiten der Partitur winden wie im Flnge fertig. Der Komponist stand selbst etwas verblüfft vor den Fortschritten seiner Kunst. War er so ein musikalisches Genie, daß er gerade mit dem Schwersten spielen konnte? Oder war sein ganzes mnsikalisches Schaffen nur Spielerei, dag es ihm so mühelos gelang? Der zweite Gedanke kam ihm nur einmal, als er sich hatte verführen lassen, das erste Ioachim-Ouartett und da eines der letzten Werke Beethovens anzuhören. Doch Leontine hatte recht: nian sollte sich seine Schaffensfnmde nicht durch die sentimentale Ehrfurcht für tote Kollegen stören lassen. Am 20. Dezember morgens um zehn ein halb Uhr schrieb er die letzte Note seiner Partitur nieder. Ihm war weich und bewegt zu Mute. Dieser kleine Berg von Papier enthielt sein Werk, und viele Menschen werden sich vielleicht daran erfreuen. Das Bild Johannas schien besiegt. Es drängte ihn, zuerst zu Leontine zu eilen und an ihrem Halse sein Glück zu feiern. Doch sein Vater war noch nicht ins Geschäft gegangen, er hatte das erste Recht au Richards Freude. Der Sohn konnte sich von des Vaters Teilnahme er- griffen fühlen. Aufgeregt trat der alte Mettmauu, als er die Glücksnachrichc vernommen, in des Sohnes Zimmer und be- trachtete und betastete den Haufen Notenpapier, wie er die erste Schularbeit seines Knaben mit Händen und Augen ge- liebkost hatte. „Mein Enkelkind, die Schöpfung meines Sohnes!" brummte er freundlich lächelnd, wie um sich zu entschuldigen. „Das hast Du alles ganz allein geschrieben? Armer Junge! Na, warte nur, der Lohn wird nicht ausbleiben. ES muff ein Bombenerfolg werden l Da kann ich mithelfen. Aufsetzen mnsstest Tu es ganz allein, aber jetzt kommt der Vater an die Reihe! Von wem er nur die Begabung hat! Die Mutter, ja. die Mutter! Wenn sie doch daS erlebt hätte!" Richard schüttelte herzlich deS Vaters Hand. „Ich weist, wie viel ich Dir schuldig bin. Du sollst keine Nachsicht mehr zu üben brauchen. Ter Aufenthalt in England hatte Dich mir entfremdet, und seitdem ich wieder hier bin, hat meine Arbeit und manches andre mich von Dir fern gehalten. Das soll jetzt anders werden. Wir wollen zu einander stehen, wie Vater und Sohn stehen sollen." Der alte Mettmann legte seine Hände schwer auf Richards Schultern. Sein eiserner Körper wurde wie von einem verhaltenen Thräncnftrom erschüttert. Er drückte den Sohn fest an sich und trat dann zum Fenster. Nach einer Weile sagte er mit veränderter Stimme: „Jetzt ist der Zeitpunkt da. Kannst Dn mir die Freude machen? Willst Dn Deine schöne Leontine heiraten?" Ein Sturm von widerstreitenden Gefühlen wirbelte durch Richards Gedanken. Doch nichts wurde ihm so klar als der Wunsch, bei der schönen Freundin von der Arbeit ansznnihen und mit ihr von seinem Glücke zu sprechen. „Uebereike nur nichts, lieber Vater," sagte er zögernd. „Ich will mein Gefühl entscheiden lassen; ich glaube, wir miistten miteinander ganz glücklich werden." Noch einmal umarmte Mettmann seinen Sohn. Doch diesmal traten ihm keine Thränen in die Augen. Flüchtig schost das boshafte Lächeln eines schwer errungenen Sieges über sein Gesicht. „Ich will Dir gehorchen," rief er fröhlich,„ich will Eure Erklärung nicht, überstürzen, aber last sie.mich vorbereiten. Frau Leontine will Dir zu Ehren die erste Gesellschaft geben und alle möglichen Nummern aus dieser Papiormasse da singen lassen. Sie kompromittiert sich für Dich, und wenn Dil ihr nicht dafür vor allen Leuten um den Hals fällst, so bist Du nicht mein Sohn, ach was, so bist Dn kein Mann. Jetzt aber mutz ick) fort ins. Geschäft." „Halt." rief Richard dein Vater nach,„dann noch ein ge- schäftliches Wort! Ich habe einen Jnseratenanftrag für Dich." Mettinann wandte sich lustig in der Thür wieder um. „Willst anch Du mich bestechen. Junge? Hast Du nicht nötig! Für Dich wird die Fanfare, die Aktiengesellschaft und die Zeitung, mit Dampfkraft arbeiten anch ohne. Inserate." „Nein, nein, im Ernste! Ich suche einen Kopisten für meine Partitur." „Ach so! Gut! Pinkns wird die Sache verfassen. Ein vorzüglicher Kopist, der kalligraphisch schreiben kann, wird für Richard Mettmanns graste Oper..." „Um Gottes willen, Papa, nur meinen Namen nicht t Das wäre lächerlich. Ganz einfach: Ein Kopist wird gesucht." „Gegen sehr gutes Honorar." „Meinetwegen. Adressen erbeten an die Expedition dieser Zeitung." „Unter der Chiffre L. R.," fiel Mettmann lachend ein und ging mit schweren Schritten fort. Das Gespräch mit dem Vater hatte Richard merklich ab- gekühlt. Er hatte sich in seiner ersten Ergriffenheit nach der Nähe des berückenden Weibes gesehnt, und jetzt, wo der Vater geradezu Leontinens Besitz vor seine Vorstellung ge- bracht hatte, jetzt war es mit seiner Glut vorbei. Nicht gerade ungern, aber doch mit dem Gefühl der Pflicht ging er zu seiner Frau Nachbarin. Doch nahm er ihre herzlichen Glück- wünsche froh entgegen und versprach seine thätige Viitwirknng für die Probeanfführnng, die groste musikalische Gesellschaft am dritten Wcihnachtsfeiertag. Bis dahin hatte er fast keine Ruhe. Nur wenige von den Sängern und Sängerinnen, welche die Arien, die Duette und das groste Quintett aus dem dritten Akt ausführen sollten, kannten bereits ihre Aufgaben, und Richard innstte unausgesetzt besuchen, bitten und treiben. Die Zeit war kurz und das Durcheinander der Festtage weder für ihn noch für die Künstler günstig.' Den Weihnachtsabend verbrachte er mit seinem Vater bei Leontine. Man hatte sich gegenseitig reiche Geschenke gemacht, aber es war kein Baum angesteckt worden. Es hiest, Frau Leontine dürfe an Kinderqlück nicht erinnert werden. Der Abend verging unter musikalisch- geschäftlichen Gesprächen: über die Stimmen der Künstler, über die Länge der einzelnen Nummern und über die Wahl der einzuladenden Gäste. Richard war nicht recht bei der Sache. Der Weihnachts- abend mit seinem Lichterglanz und Kinderjubcl war ihm ans seiner Kinderzeit nur noch in nebelhafter Erinnerung. Dann hatte er das Fest langsam vergessen lernen und erst in Eng- land, als er zu dem fremdartigen Treiben der dortigen Feier zugezogen wurde, war die Sehnsucht nach dem deutschen Christ- bäum wieder erwacht. Dreimal hatte er unter dem Mistelzweig Johannas gedacht und da? letztemal im fremden Lande unter fremden Menschen plötzlich— zum nicht geringen Entsetzen der Hausfrau— aufgejauchzt in der Hoffnung auf den nächsten deutschen Weihnachtsbaum an der Seite des geliebten Mädchens. Und nun fast er da zwischen seinem guten Vater und der schönen Freundin, und es war ihm trüber zu Mut als drüben unter den wildfremden Leuten. War er denn ein Kind, datz ihm der Christbauin und der Lichterglanz so fehlten? Wo Johanna den Abend wohl feierte? Vielleicht war der Bruder zu Hause und erzählte lustige Garnisonsgcschichtcn. Vielleicht hatte das Malermodell noch übermütigere Gesellschaft gefunden. Der Diener mutzte vor Richard ein zerbrochenes Weinglas ersetzen. Nein, Johanna war gcwist unglücklich wie er und dachte seiner, wie er ihrer gedachte und in stillem Brüten auf ihr Wohl ein Glas nach dein andern leerte. Alle drei waren sie unglücklich, die zusammen gehörten, er wustte nicht warum, Johanna und er und Doktor Bode, der arme Mensch, der im Gefängnis gewist auch keinen Christbaum hatte. Richard hielt es nicht länger aus. Er empfahl sich früh und verliest auch seiuen Vater vor der Hausthür. Er müstte noch etwas Luft schöpfen. Der alte Mettmann lächelte pfiffig und sagte ihm„Gute Nacht!" Richard sprang in die nächste Droschke, die leer vorüber- fuhr, und befahl dem Kutscher, in der Leipzigerstraste oder Uiiter den Linden vor irgend einem Blumengeschäft, das noch offen war, stehen zu bleiben. Natürlich wollte er nur Frau Käthe eine Freude machen, aber so laiige auch die Droschke durch die Nacht tili Zickzack unchersuhr, kein Laden war mehr erleuchtet. Da stieg Richard am Potsdamer Thor wieder ans und kaufte einer Biideubesitzeriii. die eben jaimnerud den Weihuackits- markt beschließen wollte, ihren halben Kram ab, lauter im- uützes, elendes Kiuderspielzeug. Frau Käthe wird herzlich lachen; noch ist das Kind nicht da, aber es wird bald erwartet, und Frau Käthe wird den Scherz nicht übelnehiuen. Vor- läusig ist ja schon das alte Weib über das Goldstück so glücklich. Richard sah sich lange vergeblich nach einem Boten um. Da kam ein Arbeitsmann des Wegs, der brummte etwas wie: „Ich bin kein Dienstmann l" in den Bart, als Richard ihn anrief. Da er aber ärgerlich hinzufügte, der Mann könne einen Thaler verdienen und dadurch überdies zlvci Menschen eine kleine Weihnachtsfrcude machen, da sagte der Arbeiter mit trotziger Stimme: „Geben Sie her I Ach bin ja nur ein armer Manu, der sonst nicht so leicht einen Thaler verdient. Das ist ja all' Unsinn!" Richard übergab ihm den großen Pack für die Groß- görschenstraße, aber er hatte noch einen zweiten Auftrag für die Alvenslebcustraßc. Heimlich, rasch, als wollte er sich's selber nicht gestehen, nahm Richard dem müde auf und ab hinkenden alten Blumenhändler den ganzen Rest von Veilchen- sträußen ab, füllte sie in eine große Papierdüte und schickte das Ganze wieder ohne Karte an Johanna. Johannas liebste und lohnendste Arbeit war immer noch das Bemalen der Tonfigürchen iu Disselhofs Fabrik. Der Meister selbst war jetzt nicht mehr so sentimental wie während der Zeit, da er von dem Lande der Sehnsucht sprach»nd an seinem Bilde malte; er verletzte sogar ihre Gewohnheiten oft durch greuliche Redensarten über die Kunst und über die Künstler. Doch es war nicht so böse gemeint, und Johanna hatte zu viel Verehrung für seinen Namen, um sich nicht in diese Dinge zu fügen. Ihr häusliches Leben hatte sich in den letzten Wochen doch ein wenig verändert. Immer noch hielt die verwitwete Kriegsrätin ans ihre Würde, ihr altes Seidenkleid und ihre rätselhafte Mantclreliquie, aber vor dem Wcihnachtsfeste häuften sich ihre Bedürfnisse für Achim so sehr, daß sie Johannas Erwcrbsthäsigkcit auch unter ihren Augen duldete. Die alte Dame suchte selbst iu den Anzeigen der Blätter, die ihr veraltet zukamen, Beschäftigung für Achims Schwester aus. Für Unterricht im Französischen und Englischen und im Klavicrspicl sollte sie sich anbieten. Tie Erziehung hatte ja schweres Geld gekostet. Bei allem Eiser konnte sie jedoch nur wenige Stunden der Woche mit solcher Thätigkeit aus- füllen. In der Fabrik blieb sie jetzt, seitdem die Mutter davon wissen durfte, bis zum Dunkelwerden; aber es wurde so entsetzlich früh dnnkcl. Sic mußte sehr fleißig sein, um in diesen kurzen Tagen nicht zn wenig einzunehmen. Sie verbrachte die meisten Abendstunden mit Abschreiben alles dessen, was ihr von dichtenden Dilettanten inS Haus geschickt wurde. Ihre einzige Erholung, ihre einzige Freude waren die Besuche, die sie täglich ein halbes Stündchen vor der Arbeit und ein paar Minuten vor dem Nachhausegehen bei Frau Käthe machte. Sie hatte nicht allein Bodes Geheimnis zu wahren, sondern auch ein wenig darüber zu wachen, daß sonst niemand die gute, kleine Frau betrübte. Käthe war in der seltsamsten Stimmung; sie genoß ihr nahes Mutterglück mit drolligem Stolze im voraus und sprach mit der jungen Freundin täglich von der Zukunft des jungen Mädchens. Ein Mädchen mußte es werden, weil Bode es so wünschte. Und vor Glück über ihr Kind und ihren Mann weinte sie sich vergnügt von einem Schlaf in den andern und suhlte so die Einsamleit nicht allzu arg. (Fortsetzung folgt.) (Nd-lidriük oerboien.I Klus Nilrolnus LTfimus Deüen. Von Max K e m p n e r- H o ch st a b t. Am 29 August fin* fünfzig Jahre verflossen, seitdem Nikolaus Niembsch rrbler von«trehlenan, geuanut Nikolaus Lenau, zn Döbliiig bei Wien, auf immer von.uns geschieden ist. Man hat von der Dichtkunst gesagt, aus der Entbehrung, aus der Einsamkeit stamme sie, aus der Tfmine quelle sie. die Sehusuchl sei ihie Mutter, der Scrunerz ihr Vater; mm deun, auf keine» andern paßt dieses Wort so wie aus den unglücklichen Nikolaus Lcnari. der aus dem Antlitz der Natur eine»»grotzen. eiv'gcu Schmerz" liegen siehi, und der die Meknncholie seinen trcnestcn Begleiter durch das Leben nennt. Schon sein Aeatzcres kündet dem Menscbcnkcnner an, daß er hier eine eigenartige, hervorragende Persönlichkeit vor sich habe: LenanS Gestalt war kurz und stämmig, sein Gang fast träge und das Haupt nach nuten gebeugt, als ob er etwas auf der Erde suche. Jedoch dieses Haupt hatte eine edle Form, die Hobe iveitze Stirn>var breit, von nicht zu reichem braunen Haar glatt umgeben; ans ibr konnte sich in erregten Mememeu dir florn- ndcr plötzlich herabschlängeln, meistens jedoch formte sich, ivenn er irgend einen Gedanken von tieferer Amchanm. von intensiver Bedeutung aussprechen ivollle, zwischen den zusammen- gezogenen Brauen eine Falte, die er auch in seinem „Faust" bei der Bcschreidnng des Rephislopbeles verewigt hat. Sein Auge war braun und groß, bald voll gehriinuis« voller Glut, bald wieder ruhte eS schwer und weich ans dem, mit dein er über wichtige Fragen des Levens und der.Nimst sprach. Der etwnS breite, mehr sinnlich als edel geformte Mund und pje männlichen Wangen waren vorn Bart überschattet, während das Kinn steis „glatt wie Sainniet" sein mutzte. Die fast schroff sich absenkende Nase lietz im ganzen den magyarischen Typus rrkemien. Lena» war im allgemeinen schweigsamer Natur t nur wenn ein Thema angeregt wurde, das ihn besonders interessierte, kvinile er anhaltend rede» und kleidete dann seine inächtiqen Gedanke« in höchst frappante, originelle Bilder. Bon dein Dichter. Arzt imd Geisterseher Jnstiun-Z Kcrner erzählte er selbst folgende lustige Geschickte: „Als ich nach Württemberg kam, fuhr ich nach Weinsberg,»in Jnstiinis Zienier kennen zu lernen. Ein Diener wies mich eine Treppe hoch in die Wohining des Doktors. Ich trat in eine Stube, sie war leer; ich wartete eine Wcilc, da mir aber niemarid eiilgegen kam. öffnete ich die Thür der zweiten Stube, aiick dicic war leer, i» der dritten endlich eingetreteil, sah ich cm ivniiderliches Bild: Ruf dem Boden ausgestreckt lag lang imd breit ein Mann, ibm zur Seite eine Frau, zur Linken und Rechten von ihiie» Kinder. Sie lagen mibeweglich, doch konnte ich nicrke», datz sie kebteir, Ich blieb betroffen stehn, die liegende G Nippe that ebenfalls nichts dergleichen, als ob ein Fremder eingetreten wäre. Ick nannte endlich ineiiieii Nnnicn.„Ab. ivillkvininen lieber Niembschl Wir probieren da eben, wie es sei» wird, wen» wir so nebe» einander im Grabe liege» werden." In heiterer Laune teilte er cin andermal mit: „Ans Amerika zurückgekehrt n»d nach Stuttgart gekommeu, bemerkte ich, datz die Fmnilie Schwab mich mit einer gewissen schencn Zurückhaltung behandle; es erging mir an deinselbe» Tage noch bei mehreren Freunden so. Ich tebrle zn Schwab zurück, um mir Er- .llärnng zn verschaffen. Da erzählte er mir lackend: Rcrner habe ackl Tage vor nieiner Aiikniift»ach Stlitigari eine» sehr ve- trüble» Brief geschrieben, ivie mich eui beiondres Unqnick in de» Urwäldern lici rossen babe. Eine Aesfl» hatte Neigung zu mir gesntzt, worüber ich ganz ivahnsinnig entzückt geworde» sei, imd die habe in ihrer Zänlichleii dein armen Lena» die Nase abgediiKn. „Denkt Euch das Unglück!" Als die Frenndc mich mit unversehrter Nase wiedersahen, kam ihnen die hunioristiichc Miitcilimg zu ihrer grotzen Freude freilich als inirichtig vor, aber sie trauten anfangs doch ilicht recht, ob es mit der äffische» Liebschaft nicht doch seine Richligkcit habe." Bei seinen lustigen Geschichten war es oft cigentüiiilich, datz der Wtihiisimi darin ein« Nolle spielte. Der Gedanke, wahnsinnig zn werdeu, trat iliui oft nahe, im Lebe» wie»l seinen Liedern. So hatte er eines Tages mit Dr. Görgen, seinem späteren Irrenarzt, »ach dem Kahlen berge bei Wien einen Ausflug unternommen, und dicier hielt vor seiner Irrenanstalt in Döbling, wo Lena« später endete, an, nm einige Anordnungen zu treffen, und bat den Freund einzutreten. „Rein, nein!" sagte Lena» lachend, aber nicht ohne Aeiigstlich« keit,„ich warte im Wagen; da sind Narren drin I Das ist gefährlich, man könnte selbst ei» solcher Narr werden." Eine» Feldwebel ans Laibach, der in seinen Mutzestmide» sehr hübsche Gedichte inachte und ihn 1840 in Wien aufsuchte, fragte Lena« verwundert: „Sind denn in Kram die Musen unter die Soldaten gerate»?" Lachend entgegnete jener:„Vielleicht etliche Soldaten unter die Musen." Als aber der junge Krieger bei einer späteren Gelegenheit von der Ungnnst seiner Verhältnisse sprach, da tröstete ihn Lenau mit den Worten: „Machen Sie sich nichts daraus I Die Fortuna müssen Sie beim Schopf packen, meines Wissens trägt sie leine Pernicke. Wenn sie Ihnen auch ansreitzt, sie lätzt Ihnen doch ein Büschel Haare in der Hand." Skicht allzusehr getröstet, erzählte ihm mm der andre, datz er einem Vorgesetzten habe geloben müssen, nicht mehr zn dichten, und datz man veim Militärstmid als Poet leicht Gefahr laufe, ein Rarr gescholten zu werden. Da aber lachte Lenau laut auf. „Ist's möglich, geloben mutzten Sie. nicht mehr zn dichten? Ich lietze den Vorgesetzten geloben, nicht mehr zi« exzerzieren. Ucber- Haupt aus dem Narren»liissen Sie sich nichts machen, die Leute fdften dns, iveil sie selbst solche Nnrre» nicht sei» kö»»eii; ei» Du»»»- köpf kann ciar nie ein Nnrr sein. Sagen Sie das jedem, der Sie schilt." Bei einer Wanderung durch die Straszen Wiens in einer Herr- lichcn Mondnacht blieb er plüjsiich aus dem Mchlniarlte stehu und sagte �u seinem Begleiter: „Es ist gut. dasi nach dem Untergänge der Sonne der Mond aufgeht. Ich liebe nächtliches Dnnkcl, aber nicht die dunkle Nacht Dieser Mond am Hiininel ist ivie eine Sonncnblnme, der sich das Auge, mag es wollen oder nicht, zuwenden miib" Und dieser reiche Geist war fünf Jahre später für immer zer- stört I Zerstört, nachdem er sich wenige Monate vorher verlobt hatte und von einem Lebe» voll feierlichen Faniilicugliilks träumte.„Du kennst." äntzcrte er einmal zu seinem Freunde. dem Dichter August Frankl,„die Geschichte von Pbaeton mid den durchgehenden Sonnen- rosse». Wir Dichter find alle so phantastische Wagenlcnler, die sehr leicht einmal von ihre» eigenen Gedanleu geschleift werden können." Derselbe FranN hat uns auch einen fesselnden Bericht über seine» Besuch bei dem arme» Kranken in der Anüalt Winnenlhal im Herbst 1845 hinterlasse». Derselbe lanlet folgendermaven: „Ich stellte mich dem Hofrat Zeller vor und betrat mit ihm, dem Assistenten und dem Wächter die Zelle. Lcnan stürzte mir mit einem Freude»rufe:„Frankl I" entgegen, iiisttc mich heftig und preßte mich eine Minute lang ans Herz. Gleich darauf wendete er sich ab. sing an zn pfeifen, lateinisch zu reden, dumm zu lachen; dann verlangte er seine Bioliue, kratzte einen Ländler, den er zu- gleich tanzte, und nahm von mir weiter keine Notiz. Ich suchte ihn zn sixicrcn. wie z. B.:.Aber, lieber Nimbsch, spiele doch etwas von Beethoven, den Du so sehr verehrst I"— „Ah, von Beethoven! Den Grundgedanken der nennten Symphonie. Höre! Wir müssen uns duzen, lieber sBruder!" Taranf geigte er ettva zehn Minuten ein ivahres Charivari und blieb endlich ernst»ud heldenhaft vor nnS stehen, wie überhaupt feine Gestalt, sonst geknickt und eingebrochen, jetzt ausrecht und kopfhöher ist." Einige Zeilen später fährt Frankl fort: „Er lief fortgesetzt aus und ab, pfiss, tanzte, kniete nieder; lud man ihn zum Sitzen ein, so that er dir? sehr böslich, stand aber tvirdrr auf und ergriff die Violine, ranchle eine Cigarre und spielte tanzend einen Ungarischen, dann ivandtc er sich zum Arzt:„In der Musik liegt alles Gehcinmis. ans der ivollen wir ein ganz andres therapeutisches System heranSkonstruieren." Geu>öh»lich folgte den Reden ei» schallendes blödes Gelächter.„Was läßt Du nach Wien sagen?„Ah, ich reise mit. und die Sofie sSofie Löiventhal. die Frau seines Freundes, zugleich der gnte Engel und der böse Dämon seines Lebens) wird geheiratet! Diese Kappe hat sie mir gestickt. Weißt Du, Bruder, beim Amor der goldene Wein. In dieser Weise ging es eine volle Stunde fort, innner toller tmd toller, der Freund tvar entsetzt und konnte sich doch nicht los- reiße». Aber Lenan begann immer Vertvorrener zu reden, so daß Frankl endlich mit zerrissenem Herzen Abschied nahm, ohne daß der kranke Dichter dies beachtete. Fünf Jahre lang befand sich Lenan in diesem furchtbaren Zustand, bis ihn der Tod von seinen Leiden erlöste. Mleines Feuilleton. est Znr Geschichte der Zieklanie. lieber die Pariser Reklame einst und jetzt veröffentlicht ein Pariser Blatt eine hübsche Plauderei: Der Polizeipräfekt von Paris, M. Lepine, hat eine neue Verordnung über die Cirknlation der Wagen in Paris erlassen. Daninter bc- findet sich auch ein kleiner Paragraph, der die kleinen Handwagen, die der Reklame diene», verbietet; sie müssen innerhalb 50 Tagen verschtvnnde» sein. Vor einiger Zeit wurden schon die von Pferden gezogenen Reklamewagen verboten, weil sie die Schönheit der Stadt Paris vernnziertcn und jetzt folgen ihnen auch die kleinen Hand- wagen. Daneben sordert der Polizeipräfekt die Kaufleute ans, sich einer direkte» Reklauie zn bediene». Nun sind aber die Reklame und die öffcntlicheu Anzeigen schon soalt wie die civilisierteWclt.nndscho» innner bat man ziemlich erfolglos versucht, sie durch Verordnungen zu be- siinnnrn. Schon die Griechen kannten die vffeictlichcn Anlündigungcn. Sic Ivurdcn gctvöhnlich auf Holztafelu geschrieben oder gemalt, die dann an drehbaren Angeln befestigt wurden.• Die Römer inalten ihre wichtigen Anzeigen auf geiveißte Mauern. Beispiele solcher Reklanicn find in Pompeji gefunden worden. Später schrieb man sie a»f Pergamentblätter, die man an Pfeilen, nnd Säulen an- brachte. Die Schilder der Griechen sind nicht bekannt, aber in Rom hingen die Schlächter vor ihre Läden das Fleisch und schmückten es mit Palnizweigen, die Milchhändler hatten eine gemalte Ruh und die Weinhändler zivei Männer, die eine Amphora trüge». In Paris wimmelte es im Mittelaller von„indiskreten" Schildern. Da die Straßen noch nicht»nmeriert Ivarcn, diente» die Schilder erfolgreich dazu, sich in de»> Labyrinth der Güßchcii znrecht z« finden. Da erschien im Jahre 1567 eine Verordnung, daß die Gastlvirte, die ein Schild haben tvollten, ihren Nanten, Vornamen und Wohnort in der Kanzlei angeben mußten. Natürlich rivaltfierten die aiidreit Handelsleute bald mit den Gnsttvirten, und in allen Straßen sah inan riesenhafte rote Handschuhe, ungeheure Stiefel und lange Gliederpuppen mit Panzer erscheinen, bis eine Verordnung im Jahre 1666 die Größe der Schilder bestimmte»iid 4 Pfund Wegc-Auitsgcbnhr erhob. Nach einer Zeit, in der die Rellame volle Freiheit genoß, unter Ludwig XlV., bestimmte eine Verordnung des Polizeilienlenants de Sarlines, daß die Schilder in Fori» von Tafel» an denManern angebracht wurden und »nr vier Zoll hervorstehen durfte». Die an Stützen angebrachten Schilder veruuzierleu die Stadt. Die alten Schilder verschwanden allmählich niit der Nnnierierung der Straßen und der Zmiahme der Zcilinige», die den Haiideltreibende» die vierte Seite zn Annoncen und Reklamen znr Lersiiglnig stellten. Dann erschienen die Plakatträger nnd die Lieklauietvogen. Da diese aber bedroht sind, müssen die Erfinder ein iieueS Verfahren ausdenken, um mit dem Publilinii in Verbindung zu treten. An geistreichen Erfindungen hat es ja in der Geschichte der Reklame nie gefehlt. Man beule z. B. an folgende Reltaine ans der Zeit der Präsidenteiitvahl in de» Bereinigten Staaten in, Jahre 1860:„Wähler I Ihr»läßt Eure Stimme sür die guten Kandidaten abgeben. Zu dein Zweck muß Euer Kops klar sein, und das wiederunr erreicht Ihr durch aus- giebigcn Gebraiich der„llniversnlpillcn von Brandreth!" Wenn die Euigewcide nur in guter Ordnung sind, ist der Kopf und die Urteilskraft»ickit benoninic»!" Ebenso genial ist die folgende Reklame, die ein Pariser Mcfferschmied vor einigen Jahren ver- öffentlichte:„Unermüdlich in ihrem Laiife geht die Zeit ihren ewigen Gang. Der nnbcngsame Greis, der taub ist gegen Bitten»nd Ver- ivttiijchniigcn. schreitet gleichmäßig vorlvärts. Eni Jahr mehr wird ans Euren Häuptern lasten. Da die Stiiinne der Ewigkeit es gebietet, da die Zeit unerbittlich ist, gebraucht die Augenblicke, die sie Euch laßt. n»d sucht in der süßen Wollust der Freigebigkeit zn ver- gesicn, daß auch Ihr eines Tags der Sichel zinn Opfer fallen müßt, deren Härte in Euch den Glanben erwecken ivird, daß sie n»S der Werkstatt von..., Straße.. hervorgeht, die so berühmt ist durch ihre feinen, zn Geschenken geeigneten Stahlwaren."— Theater. Lessing-Th eater:„Im weißen Nöß'l." Von Blumenthal. Herr Drppe. der neue Schauspieler, der gegen- wärtig im Lcssing-Thcatcr in komischen Nollen mistritt, soll verniut- lich das Erbe des zn früh verschiedeiic» G n t h e r y antreten. DaS ist durchaus keine leichte Aufgabe. Gnthery war ein Künstler von großer Gestaltungskraft nnd beivundernngsivürdiger Frische des HuinorS. Die Vergleiche bleiben nicht ans, weiin man einen»cnen Schanspiclcr in de» Rollen ficht, in denen er sonst erfrentc. Und die Vergleiche sind gefährlich.— Herr Deppe verträgt sie min ganz und gar nicht. Man darf an Gnthery nicht einmal denken, wen» man seine Leisllmg halbwegs erfreulich finden soll. Gnthery belebte die Ocde des Vliniienthalschen SchtvankS mit semein sprudeliiden Frohsinn. Herr Deppe hat nichts Eigene? zn bcrsckicnkcii ii»d kann so dein schalen Spaß keine frischeren Farben geben. Man hat den Eindruck des Matten, Trockenen, Schwnnglosen nnd Müden. Sei» Hniuor hat nicht Saft und nicht Kraft. Alles bleibt im KonveniioneNcii stecke». Ich habe den ganzen Abend nicht einen Zug. nicht«ine Geste, nicht einen Einsall bemerkt, der von llrsprniiglichkcit gezeugt hätte. Ich sah nur die landläufige Komik des lniidlänfigen Komilers.— Damit soll filier Herrn Deppe »atnrlich»ichi a I l g e in e i n gcnrtcilt sein. Wir werden seine Leistungen verfolge»»nd nnS freue», wenn sie gelegentlich die Vorzüge zeigten solle», die Ivir diesmal vermißten.—£. S. Gesundheitspflege. is. Die Bede n t n n g des K a n e n S der Speisen ist durch einen von Seifert vor der Phyfikalisch-Medizinischen Gesell« schnst in Wiirzbnrg gehaltenen Bortrag ins rechte Licht gesetzt tvorden. Dieser Forscher hat sich uäinlich der schtvierigcn Aufgabe gewidmet, durch Versuche festzustellen, welche Verändernngen die verschiedenen cspcisen im Munde ericidc», wenn sie eine bestimmte Zeit lang ge« knnt tvorden sind. Als Endergebnis ist gleich der Satz vorioeg zu nehme», daß das Zerlleiiieru der Speisen im Munde nnd die schon dabei erfolgende tciliveise Lösung n»d chemische Ilnitvandlnng für deren richtige Verwertniig von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Die Versuche iviirden in folgender Art vorgenonnnen: Von verschiedeiieu Nahrinigsniitteln. gekochtem Eiweiß, Holländer Käse, gekochtem Rind- fleisch, Maccaroni, gekochten Kartoffeln, rohen Acpselii, gekochten gelben Rüben, rohem Rcllich wurde ei» Bisscii von ettva je5K»bik» centiinctcrn zurechtgemacht, genau gewogen, in den Mund gesteckt nnd 60 Seklmden lang gekaut. Nach dieser Zeit befand sich der Bissen stets in einem Zustande der Zerkleinerung, in dem er hälte verschluckt werden können. Statt dessen wurde er in eine Schale entleert, die Mundhöhle einigenial mit destilliertem Wasser nachgespült mid die Zähne sorgfältig gereinigt. Um eine iveitere chemische Wirl»»n_ des Speichels auf die Speisen zn vermeiden, tvnrde sofort etivas Salzsäure zu der Masse hinzu- gefügt. Nunmehr entleerte man jede Probe durch ein Mesfingfieb init 1 Millimeter weiten Maschen. DaS auf dem Sieb Znrückbleibende wurde nach dem Angeninnß in Teilchen über nnd unter 4 Millimeter Durchmesser gesondert und danach ausgezählt. Die durch das Sieb gelanseiie trübe Flüssigkeit ivurde filtriert, das klare Fillrat ein- gedampft, die im Filter bleibenden Bestandteile getrocknet und gewogen, auch unter dem Mikroskop der Größe»ach bestimmt. Die so erhaltene„Kan-Statistik", wie man sie nennen könnte, lieferte den Beweis, daß die verschiedenen Speisen in sehr verschiedenem Grade.beim Kauen zerkleinert werden. Die Zahl der Teilchen — Gii— schwankte bei der angegebenei» Gröbe' deS� Avische« 270 »ud iilä. Weiiuns rtnt größten irniru sie beim Fleisch. ums sich ebne Zweifel aus der Struktur dieses NäbrimqSmillcls erklärt, die größten Teilchen Hutten einen Durchmesser von mehr ulS 3 Millimetern. Nächst dem Fleisch bleiben die größten Stücke beim Eiivciß, während sich die Z.erklcinernng bei Preszsnck und bei Holländer Käse viel günstiger stellte. Von de» Pflnnzenstr.fse» gnbcn die Aepfcl die größte Zahl n» größeren und feineren Teilchen, nm feinsten innr die Zerkleincrnng bei der gekochten Kortoffel, nm gröbsten beim Rettich. Roch bedeutender ols diese Ergebnisse innren die Feststellungen bc- Anglich der bereits im Mnnde vor sich gegangenen ikösnng der Rohrnngsstosse. Die pflanzliche» Speisen löste» sich im Mnnde weit mehr als die tierischen, gleichviel ob es sich um zuckerhaltige oder mir nm stärkcreichc Stoffe handelte. Die Lösung betrug innerhalb einer halben Minute bei solchen stets 30— 53 Proz. Es ist danach als sicher nnznnehmen, daß die Vcrwmidlmig der Stärke in Zucker, die eine Vorbedingung für die Lösung und damit für die Verdauung ist. nicht erst im Magen, sondern zum großen Teil schon im Mnnde geschieht.— AuS dein Tierlcbcn, — Hühner h u ii d als Pflegemutter eines Wildschwein s. Das in Stnttgart erscheinende Jagdargan„Ztvingcr und Fdd" schreibt: Ein großer Jagdsrennd ans Rietz bekam vor etwa vier Monate» durch seinen Jagdhütcr ein erst einige Tage altc-s Wildschwein, das dieser im Walde mit Leu Hunden gefangen hatte. Es tvnrde bin und her beraten, Ivos mit dein kleinen „Borstenvieh" geschehen sollte. Da der Jagdherr gerade eine säugende Hühnerhsindin hatte, versuchte man, ihr den kleinen Frischling zu adoptieren. Zum Krstannen alier Anwesendeii nahm sich die Hündin nach cinigenl Knurren und Murren des kleinen Wildschweins liebevoll an und säugte es soweit heran, bis es allein fressen konnte. Jetzt haben die Hündin, noch ein andrer Hühner- hnnd und das Wildschtvei» große Freundschaft geschlossen, sie springen, purzeln und spielen, so ivie„drei" Hunde es thnn würden. Das Wildschwein folgt dem Herrn mit den Hnndcn durch die belebtesten Straßen von Metz bis zu seiner WShmnig in der Palaststraße, daselbst Trepp' ans Trepp' ab und durch die Ziiunier laufend. Wenn der Herr des Morgens au der Mosel spazieren geht, so bricht das Wildschwein bald hier, bald dort in die Erde ein Loch und amüsiert dadurch auch fremde Spaziergänger. Das schönste bei der ganzen Sache ist aber, daß, ivcmi der Herr der Hündin irgend einen Gegenstand zum Apportieren in die Mosel wirft, das Schwei» sofort kopfüber nachspringt und der Hnndin nachschwimmt. Jeden Morgen von 7—8 Uhr ist dieses Schauspiel in der Rahe des Nildcrklnbs zu sehe». Obgleich das Wildichwei» bis jetzt keine, böse Eigenschaften zeigt uiid sich an die städtische Küche gewöhnt bat, denkt doch der Eigentümer daran, es gelegentlich einer ländlichen Pslcgcstalion zur weiteren Beobachtung zn übergebe».— Alls dem Gebiete der Chemie. — Den Schwefelsnnregehalt der Luft festzuhalten, sind schalt verschiedentlich Versuche gemacht worden i innfassende Niitcrsiichnngen aber beschreibt zum erstenmal H. O st in der „Chemische»' Industrie", Früher hat man sich zn diesem Zweck milder Fichtennadeln oder Lanbblüttrr bedient, die in der Ilmgebmig von Fabrikorten gewachfe» sind»nd infolge des Ranchcinflnsses ciiien.nachweislichen Gehalt an Schtvcfelsänre besitzen. Dieses Verfahren ist aber ebenso mizillniiglich wie eine direkte Priifmig der Luft oder des glcgemvasserS ans die darin enthaltene Schwefel- säure; daher hat Ost einen andern Weg eingeschlagen. Er tränkte lockeres Vauinivollenzcug mit einer Lösung von Barhthhdrat, das sich an der Luft zunächst in kohlensanres Barium verwandelt und dann bei Eintvirkung von Schtvefclsäure in schwefelsaures Barium übergeht. Von solchem Zeug wlirdcu mm mehrere Lappen von bc- stinunter Größe monatelang an verschiedenen Orten im Freien auf- gehängt, dann eingesammelt und auf den Gehalt an Schwefelsäure untersucht. Im besonder» bat Ost bisher drei Ocrllichkcitcn zu seinen Versuchen benutzt, einmal das Siintelgebirge, zweitens eine bewohnte Landschaft in ebener Heide»nd drittens Gärten und Parks in unmittelbarer Unigebung der fabrikreichen Stadt Hannobcr. Ans den Eraebuissen ist vor allem die Thatsache interessant, daß in ganz Norddeutschland die untersten Lustschichle»»ntcr einem dauernden Einfluß des Fabrikrauchs zn stehen scheinen, denn nirgend, nicht einnial im dichten Nadelivalde, ist die Luft von Schwefelsäure gänzlich frei. Im Siintelgebirge waren die Zeug- stücke an vcrschiedeneir Stellen in dichter Betvaldmig aufgehängt, meist in möglichst großer Entfernnng von den Gcbirgsdörferu»nd mehrere Meter über dem Erdboden. Nachdem sie ein halbes Jahr iin Freien getvesen ivaren, ivicsen sie in allen Fällen nicht nn- . bedeutende Mengen von Schwefelsäure ans, am wenigsten noch die in einem kaum.zugänglichen Ftchtenbcstande, tvährend sie ans dem Gelnrgskkmint in lichterem Nadelwald, etlvas tiefer im lichten Buchcinvald und i»ite>r am Samne des Waldes schon erheblich mehr Schwefelsäure enthielten. Da in den dortigen Gebtrgs- dörfcrn gar keine Industrie vorhanden ist und auch Stein- kohlen kaum gebrannt werden, so ist eine nahe Ranchguclle, die für den Schivefclsänre- Gehalt der Luft verantwortlich zn machen wäre. nicht vorhanden. Man kann vielmehr die Luft dieses Berg- landcs in ihrer chemischen Zusamniensetzniig für eine normale. reine dcnische Grbirgslust erklären. Daraus ist also der Schluß zu ziehen, daß selbst in solcher etlvas Schivefelsöure immer vorhanden ist. obgleich ein dichter Nadelwald ctlvaS filtrierend»nd nnfsangens auf die Schwefelsänre wirkt. In der nahezu un- bewohnten Heide nördlich von Hannover ztvischcn Fiibrberg und Celle ist die Luft schon tveit mehr mit der Säure ge- schivängert. Wahrscheinlich infolge des mangelnden Woldschlitzes, da selbst die zwischen vereinzelten Kiefern hängenden Zengstücke einen größeren Gehalt daran austvicscn, als die in gleicher Höhe über dem Erdboden auf freier Wiese befestigte». Auch für diese Gegend konimen nahe Ranchquellcn gar nicht in Betracht, und ztvar ans eine Ent- fernniig' von vielen Kilometern. ES ist dabei völlig nnS- geschlossen, daß die Schivefclsänre der Lust ctiva durch den vom Erdboden aufgewirbelten Staub mitgeteilt wird, sie muß vielmehr ausschließlich vom Kohlcuraiich herrühren, der seine Wirkung eben ans fast unbeschränkte Eittfermmgen geltend macht. Die in nächster Nähe der Stadt Hannover auf- gehängten Zengstücke zeigten siw nach einem halbe» Jahre meist von einer starken Schmutz- und Rnßschicht vedcckt, uiid ihr Schlvcfelsätirc- g ehalt war dreimal so groß als der höchste im Süntelgebirgc. Es ließ sich dabei genäu nachiveisen, daß der Schwefelsäuregehalt in der Lnft mit der größeren Annähernng an Fabrikschornstcine immer mehr lvächst. Diese llntersnchniigrn bilden einen iveitercn ivertvollcn Bei- trag zur Beurteilung des Schadens, den die freie Entlvicklimg des KohlcnraiichcS ans»nsrcn Fabrikschoriisiciiic» verursacht, denn die Schivcselsäure muß immerhm als eine Bernnreiuignng der Atemluft für Menschen, Tiere intd Pflanzen betrachtet werden, ein Grund mehr, die mich iviist so empfindliche Ranchplage mit allen Mitteln zn bekämpfen mid die Durchs iihrnng der Rauchvcrzchrnng dringend zn verlangen.— Hnnioriftiicsies. — Vers ä» g l i ch. Der alte Nathan Veilchciifcld, Produkten- Händler in Tirschticgel, feiert sein öujähnges Viirgcrjubiläum. Bürgermeister und eine Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten sind in der Wohnung des Jubilars erschienen,»in die Glücklvüusche im Namen der Stadt abzustatten. Vcilcheuseld ist nach der Ansprache des Bürgermeisters sichtlich gerührt und nimmt das Wort zur Erividerimg:„Meine Herren! Ich danke Ihnen for Jhrc Krenndlichkeit ganz ergebcnst. Ich freu»ncr, daß Se zu nier in nicine Wohnung gckonuncn sind»nd ich freu»>er, daß alles is richtig so.>vic unser Herr Vürgenncister hat über mir gesagt. Es is willst öv Jahre Hab' ich gelebt unter Ihnen n u d man kann ni e r n i s ch t b e>v e i s e u l"—(„Siinpl.") Notizen. — Die Nene freie Volksbühne beginnt am IG. September im Thalia-Theater wieder mit ihren Lorstellnugen, ivclche in dieser Saison von einem durch E in a n u e l R e i ch e r und Friedrich M o e st znsannnengcstellten Ensemble nnsgcfiihrt ivcrdcu. Borau.S« siibtlich ivird als Erösfnnngsvorstellnng das Strindbergschc Trauerspiel„D c r Bäte r" gegeben. — Als Sonder- V o c l l u n g c n im Berliner Theater sind für die kommende Spielzeit die nachstehend namhaft gemachten Werke in Aussicht genommen: Für September„Viola" von Adolf W i l b r a n d t, Oktober„Käthe" von E l s b e t h Meyer-Förster. November..Fragmente und Skizzen", nämlich: „Robert GniScard" von K l c i st,„Elpenor" und„SatyroS" von Goethe. Für Januar„Die Vögel" des A r i st o p h a» c s in Goethes Bearbeitung und„Daheim" von Maeterlinck, denlsch von G. Stockhanseii. Februar„Francnherrschast" nach A r i st o- p h a n c S von Wilbrandt.— — Strindbergs.Rausch" hatte im Neuen Solnmer-Thcater in Breslau starken Erfolg.— — Im Kölner Flora- Theater hatte H e c t o r M a l i n S' 5ko»lLdie„ S ch» a n tz e l" lXlecior) in der deutschen Bearbeitung von F. M. La Violette durchschlagenden Erfolg.— —„Der S ch e i k" ist der Titel einer tragischen Oper, die der Komponist Eugen v, V o l v o r t h eben vollendet. Der Text von Axel D c l m ä r liegt bereits im Druck vor.— — Von Ende Oktober bis Mitte Dezember findet in den Rämncn des Akademiegebäudes, Unter den Linden, eine Ansstelluug von Bildern des Mnnchcncr Malers Franz v. Dcfregger statt. — Bei den neuesten A n s g r n b u n g c n i n P o ni p e j i sind zwei ivertvolle Wandmalereien zu Tage getreten.— — Die sehr ninfcmgreiche Bibliothek des k r i m i n n l i st i s ch c n Seminars der Universität in Halle ist mit dem Geheimen Jnstiz- rat Professor Franz v. L i S z t von dort nach Berlin gekoinineit. Sie ist vorläufig in der Kantstr. 3V zn Charlottenburg unter» gebracht.— — Ein neuer Fundort von Türkis ist im südlichen T h ü r i ii g c n eutdeckc worden.— — Eine Metall-Bandsäge des Ingenieur W i l h. Hartnianu in Fulda, die Metallblöcke in jeder Dimension bequem zerschneiden kann, ist patentiert worden.— Verantwortlicher Redaetenr: Wiltzclin Schröver in Wiliuersdors. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.