Unlerhaltungsblatt des Horwäris Nr. 164. Sonntag, den 26 August 1300 (Nachdruck verboten.) 22) Die Fsnksev. Roman von Fritz Mauthner. Richard hatte die Gedanken an Johanna zu verbannen gesucht, aber während er jetzt auf einem dicken Tcppich zwischen grünen Blattpflanzen die hellerleuchteten Treppen emporstieg, las er im Geiste wieder ihren Brief. Aller Luxus, der ihm eben erst so begehrenswert, so menschen- würdig erschienen war, wurde plötzlich zum Vorwurf, da er ihn sah und Johannas gedenken mußte. Im Vorzinmier hingen so viele Pelze. Wer weiß, ob Johanna in ihrem Wollkleide nicht fror! Im großen Saal empfing ihn Leontine inmitten der Gäste. Es waren kaum zweimal so viel hannlos dankbare Zuhörer eingeladen als Fachleute und Künstler. Mit den Gatten und Gattinnen der letzteren und mit den einflußreichsten Musik- recensenten stieg die Zahl der Personen kaum auf fünfzig. Leontine hatte für diese Gesellschaft einen klugen Doppel- schlag ausgeführt. Der Schwager des verstorbenen Kommerzienrats Pitersen, der Börsenmakler Jakubowski, hatte seit ihrer Verheiratung das Haus in der Tiergartenstraße nicht wieder betreten. Er hatte Wohl ernsthafte Gründe zur Feindschaft gegen Leonttne. Sein Fernbleiben hatte ihr in den Augen ihrer nächsten Bekannten geschadet, und noch mehr hatte sie seine böse Zunge gefürchtet. Dieser selbe Jakubowski genoß in der musikalischen Welt Berlins ein nngelvöhnliches Ansehen. Ohne selbst als Komponist oder Virtuose thätig zu sein, war er weit über die Börsenkreise hinaus ein musikalisches Orakel. Ihn für Richard Mettmann zu gewinnen war eine wichtige Auf- gäbe, um so mehr als Jakubowski der eigentliche Besitzer der einzigen musikalischen Wochenschrift inid der beste Freund ihres Herausgebers war. Es traf sich glücklich, daß Jakuboivstt am Begräbnistage des Kommerzienrats sich ihr freundlich genähert und ihr ein paar wohlwollende Worte gesagt hatte. Es hatte eben nicht freundlich geklungen:„Die herz- loseste Frau kann doch die beste Krankenwärterin sein. Sie haben als Pflegerin nicines Schwagers seinen Namen tadellos geführt. Ich danke Ihnen dafür!" Aber es war doch eine Annäherung gewesen. Und Leonttne wußte die künstlerische Neugier JakubolvskiS durch gemeinsame Bekannte so lebhaft rege zu machen, daß er schließlich sein Erscheinen in dem Hause zusagte, aus lvelchein ihn einst daS Eindringen LeontincnS Vertrieben hatte. Nun bildete er mit Doktor Hinzmann, dem Herausgeber der Wochenschrift, den geistigen Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor der künstlerischen Strenge Hinzmanns und vor der kritischen Bosheit Jaknbowskis war schon mancher aufgehende Stern rasch wieder verblaßt. Richards künstlerischer Erfolg war gc- sichert, wenn er vor diesen beiden Männern bestand. Leonline zweifelte gar nicht daran, daß das schließliche Urteil in der. freien Wahl des Herrn lag. Nicht umsonst waren auf ihren Rat die Frauenpartien den schönsten Sänge- rinnen der Stadt zugeteilt worden, Bariton und Tenor unter den Gatten der schönsten Frauen ausgesucht. Die Künstlergruppe gewährte in der That euren entzückenden Anblick. Und das Diner konnte der Stimmung auch nicht schaden. Jakubowski war nicht unempfindlich für einen auserlesenen Gang, und Hüizmauus kleine Schwäche, ein alter Mosel bester Lage, war natürlich berücksichtigt worden. Es konnte nicht fehlen, das Fest mußte verlaufen, wie Leontine es vorbedacht hatte. Wenn die letzte Nummer vorüber war.»venu nach dem Quintett des dritten Aktes Zu- höhrer und Sänger sich zmn rauschenden Beifall für de« Komponisten vereinigten, wenn der große Erfolg so gut wie verbrieft lvar, dann brachte man auf einen Wink der Hausfrau den blühenden Lorbeerbaum herbei, der mit Mühe und Kosten ans einem fürstlichen Trcibhause erstanden worden war und ün Schlafzimmer bereit stand. Eine innigere Zu- geHörigkeit zum Komponisten durfte noch nicht gezeigt werden, während des Trauerjahrs nicht und Jakubowstis wegen nicht. Wenn aber die Gäste, welche zu keinem Feste, nur zu einer Musikprobe geladen lvaren, sich dann bald verliefen, wenn Richard mit seinem Vater allein zurückblieb, wurde endlich unter blühendem Lorbeer ein stilles Ver- löbnis gefeiert. Schon gesteril abend hätte sie den jungen Mann zur Erklärung bringen können, das hatte sie wohl gefühlt. Sie hatte noch ganz andre bezwungen, doch sie selbst wünschte, daß die Verpflichtung erst nach der Probe erfolgte. Wer um die schöne reiche Leontine werben wollte, mußte erst einen Raulen haben, und wenn sie den nainen- losen Mann noch so sehr geliebt hätte. Das Diner dauerte nicht lange. Die Hansfrau versicherte, während man zu Tisch ging, zehnmal nacheinander in inimer neuen Wendungen, sie dürfe noch keine Feste geben, es sei heute eine einfache Musikprobe, die Herrschaften müßten vorlieb nehmen. Und dann wurde in zienilich rascher Folge eine jener abgefeimten Mahlzeiten von drei Gängen aufgetragen, wie sie der selige Kommerzicnrat in seiner letzten Zeit, als er nur noch für Tafelfrcuden Leben zu haben schien, mit seinem Koch ersonnen hatte. Immerhin hatten die Gäste Zeit genug, ihre Stimmung zu heben. Es waren da unter den Künstlern Leute, die an fremden Tischen oder bei sich zu Hause an Luxus gewöhnt waren, andre, die gewöhnlich über die bescheidenste Nahrung nicht hinauskainen, aber fast niemand aus dem aufgeregten Volke war einfach genug, um diese Tafel nicht zu bewundern. Man sprach fast nur vom Essen. Doktor Hinzmann schlürfte langsam und stetig seinen Mosel, 1868er Schwarzhofberger Auslese, Jakubowski, welcher der Frau des Baritons zum Rebhuhukotelett dreinial die Schüssel mit„Austernsauerkraut in Champagner" reichen mußte, schämte sich, daß er hier am Tische saß und spülte sich den Aerger und das Champagner- kraut mit altem Bordeaux hinunter. Richard saß neben Leonttne. Wohin er auch hörte, ver- nahni er das Lob der Getränke und der Gerichte. Die Hausfrail selbst redete ihren Nachbarn ausführlich zu den besten Bissen zu. Der Baßbariton, der dafür bekannt war. daß er keine Einladung abschrieb, und der sich dann« auf Küchcnfreuden verstand, beging eine Taktlosigkeit, als er aus- rief: Seit dem Stiftungsfest des Vereins Berliner Gastwirte habe er sich nicht so gut unterhalten. Beim schwarzen Kaffee und der Cigarre kam Richard mit Doktor Hinzmann und Jakubowski endlich in ein näheres Gc- spräch. Beide Herren waren lebhaft geworden und sprachen in entschiedener Weise über die Pflicht, das Gute überall anzu- erkennen, das Mittelmäßige aus dem Tempel herauszupcitscheu. Der junge Komponist wollte seine Zustimmung aussprechen, doch schon forderte dieHausfrau auf. ihr indenSaalzurAufführung zu folgen. Sie habe die Gäste ja zu keinem Fest geladen, sondern zu einem ernsten Kunstgenuß im Sinne des Seligen. Nur im Zwang der Unterhaltung hatte Richard den Gedanken an Johanna für wenige Minuten verloren. Als er sich jetzt vor dem großen Flügel niedersetzte, um die einzelnen Nummern seiner Oper selbst zu begleiten, da stieg vor seinen Augen unentrinnbar der klagende Brief auf. „Sie hatte zwar schon einige Stunden des Tages besetzt."..... Sie wird sich Mühe geben, seine Wohlgeboren durch Sauberkeit und Schnelligkeit der Abschriften zufrieden zu stellen."... Solche Blätter, wie sie vor ihm lagen, Abschriften der einzelnen Arien mit Klavierbegleitung, solche Blätter wurden in einer kalten Stube bei mangcl- hafteni Lichte bis spät nach Mitternacht von hungernden Menschen gegen geringen Lohn niedergeschrieben, und um solche Arbeit bat Johanna von Havenow, trotzdem sie schon einige Tagesstunden besetzt hatte; aber sie wird sich Mühe geben. Das war ja eine Bitte, eine dringende Bitte, an einen fremden Herrn, an seine Wohlgcboren. „Ja. warum fängt er denn nicht an?" rief Plötzlich der Baßbariton so laut, daß es nicht zu überhören war. Und lächelnd fügte Leontine hinzu: „Sie sind zerstreut, lieber Richard. Haben Sie Mut, es muß gefallen. Richard warf einen raschen Blick umher. Die Gäste hatten sich auf acht Reihen von Stühlen niedergelassen und erwarteten nlit teilnehmenden, geröteten Gesichtern, daß die Sache los- ging. Dicht hinter dem Komponisten, in der ersten Reihe, saßen Doktor Hinzmann und Jakubowski. Neben dem Flügel, > den Zuhörern gegenüber, standen die Sänger und die schöne» Sängcnmien bcisannnm, alle gut gelaunt, alle ein wenig er- hitzt. An Richards Seite auf dem zweiten Klaviersesfel saß Leontine. ganz Bescheidenheit, ganz Diensteifer. Sie beugte ihre Prachtgestalt bis zum Baden, um zuvorkommend ein Blatt aufzuheben. Es war ja eine unverdiente Ehre für sie. daß der Triumphzng eines jungen Genies in ihrem Hause seinen Anfang nahm. Richard mußte mit dem Spiel beginnen, wenn er kein Aufsehen erregen wollte. ES fiel ihm wohl flüchtig ein, daß sein Vater heute ein Verlöbnis zwischen ihm und der schönen Hansfrau herbeiführen wollte, er dachte auch daran, daß ihm noch vor vierundzwanzig Stunden der heutige Erfolg seiner Oper von großer Wichtigkeit war, aber er konnte diesen Gedanken nicht lange festhalten. Was war Leontine, was war seine Oper, so lange Johanna uni die Gunst» bat, seine Noten für Lohn abschreiben zu dürfen. Er konnte nur willenlos den Gesang der Künstler begleiten und wurde immer erst durch das Lächeln Lcoutineus und den Beifall der Gesellschaft daran eriiuicrt, das er selbst der Held des Tages war. Eortsetzung solgt.j „Die denkf-lsze Die»deutsche Frau' ist die Perle aller Frauen,— bitte nicht zu lacke», meine Herrschaften— es ist thatsächlich so. Die Füll« rhrcr Tugenden ist enorm. Wenn man im täglichen Verkehr auch wenig davon bemerkt, vorhanden find sie doch. Man ni»ß die »deinsche Frau" nur da belausche».>vo ste ihre herrlichen Gabe» voll entfaltet, dann lernt man sie in ihrer ganzen Glorie kennen. Habe» Sie schon einmal den sogenannten„Sprcchsaal" einer bürgerlichen Fraucnzeitnng gelesen? Thun Sie es ja! Erbietet eine hochinteressante Lektüre. Vor allen Dingen gicbt er ein wunder- bares Spiegelbild der»deutschen Fran". Hier, wo sie mit ihren »lieben Müschlvestern" und„getreuen Müleserinnen- Frage und Antwort tauschen kann, hier zeigt ste sich in vollem Glanz. »Die deutsche Frau' ist der Inbegriff als Gute». Erhabene» und Edlen. Ich konstatiere zunächst»nr das eine: sie ist von einer geradezu verblüffenden Bescheidenheit. Wie jeder wahrhaft Weise hat st« von ihren eignen geistigen Gaben eine nieder- schmetternd geringe Meinung. Sie tränt sich selbst nichts zu. aber auch gar nichts. Sic wird cZ niemals riskieren, in irgend einer Angelegenheit selbständig zu entscheiden. Sie verläßt sich nie ans ihr eigenes Denkvermögen oder ihre eigne Urteilskraft. Will sie zum Beispiel ein halbes' Dutzend Theclöffel versilbern lassen, so trägt sie dieselben nicht ettva zum nächsten Goldarbeiter, ste frägt erst bei de»»lieben Milschwestenr" an:»Wo kann ich ei» halbes Dutzend Theelvffel versilbern lassen?" Ungehenre Kopfschmerzen verursacht der»deutschen Frau' daher auch die große Frage,»was soll ich schenken?' Hat sie zun» Ge- bnrtstag.'zu einer Hochzeit oder zu irgend einer andern Gelegenheit ein Geschenk zu machen, so wird sie vollständig nervös. Einfältige Alltagsinenschen meinen vielleicht,»das Auge der Liebe' müßte am beste,', erkenne», was dem z» Beschenkenden Freude macht? Dummer Wahn! Die»deutsche Fran' ist nicht so arrogaitt, sich auf ihr»Auge der Liebe' zu verlassen, sie läßt sich lieber von andern belehre» und fragt zuerst im Sprechsaal au: WaS kam« ich meinem Bräutigam. Schwager, Vater, Bruder oder Gatten zun« Geburtstag schenken? Im übrigen ist die»deutsche Frau" auch sparsam, aber sparsam bis zni» Exccß. ES ist«»glaublich, wie sie darauf erpicht ist. anch das Wertloseste noch zu verwerten. Bevor sie die dreibcinige Hutsche den Flammen opfert, holt sie sich erst»och im Sprcchsaal Not. ob ans dem Ding nicht etwa mit Brandmalerei, Sanimet. Seide, Atlas und Spitzen eine altdeutsche Truhe oder ein ähnlickcr WohnuiigSschmukk herzurichten sei. Sie verwirft nichts. Der älteste Filzhnt wird unter ihren Händen zu einem»entzückenden Staubtuch- Halter", sie sammelt die Eigarrenbänder ihres Mannes»nid strickt daraus»hochelegante ShalvlS", sie saminclt alle möglichen Wollreste, knüpft sie zusammen und häkelt aus diesem ftuntcrbniit von Farben „schöne" Bettvorleger. Ihr EchöiihciiScmpfinden ist überhaupt hoch entwickelt. Sie lebt und stirbt für die Schönheit. Sie stellt das Geringste in ihren Dienst. Es genügt ihr nicht, daß die Suppenkelle eine Suppenkelle ist, sie beratet mit den aiiden, Leserinnen, wie sich darans niit Kerb- schnitzcrcie», Brandmalen n»d ähnlichen Künsten ein Schlüsselbrett, «in Gardcrobeubalter oder sonst was fabrizieren läßt. Sie vcr- wandelt die Mohrrübe in eine Blumenampel, macht mit Goldbronze ans der alten Kohlenlicpc eine Eckdckoration und fertigt mit Hilfe von etwas Leim ans Pappe und Neiskörueru»reizend«" Bilder- rahme», Bildcrrahmcu, die, tvcnu man sie noch vergoldet,»wirtlich Niedlich" sind. Liebt„die deutsche Frau' aber die Schönheit vor allein und an allein, so will ste natürlich in erster Linie anch selber schön sein. Sommersprossen verwandeln sie sofort in eine„Tiefbetriibtr'. ranhe Hände machen sie zur»Schattenblume', in alle» Tonarten fleht ste die Mitschwestern um Rat und Hilfe gegen ihre entsetzlichen Leiden an. Sie benutzt alle Schönheitsmittel, die es gicbt; bei der Auswahl ihrer Seifen beachtet sie eine größere Vorsicht als die deutsche Re» gierniig, wenn sie chinesische Provinzen»pachten' will. Sie nimmt niemals das erste beste. sie erkundigt sich bei den Leserinnen ganz genau, ob Byrolin-, Myrrholin-, Lilienmilch-. Döring- oder Glycerinseife vorzuziehen sei. Daneben ist»die deutsche Frau' auch sittsam; sie müßte keine „deutsche Frau' sein, wenn es anders wäre. Gattin oder Mädchen. stets ist ihr „vor allem dran gelegen, daß alles wohl sich zieme, was geschieht". Sie läßt sich von keinem Jüngling aus den» Theater nach Hause begleiten, ohne vorher genau zu erkunden, ob das„auch passend sei'. Die lieben Mitschtvestern müssen ihr raten, ob und lvie eine vor- nchnie junge Dame einen schüchternen Verehrer ernmtigen darf, ob und wie die besorgte Mutter etwas dazu thun kann, daß sich ihre Töchter bald verheiraten, oder ob ein anständiges junges Mädchen hinter MamaS Rücke» zum Rendezvous mit einem Studenten gehen kann. Aufzufallen, ist ihrem fittsanien Gemüt ein Greuel, darum erforscht ste ganz genau, ob sie mit fünfnndvicrzig Jahren„och Poimyhaare tragen kann, ja, sie holt sogar den' Rat der Mit- schwestcrn ein, wenn sie einen neuen Hut kauft. Kapotte oder ninder Hut, Blumen oder Federn, eine wichtige Frage! Und die»Mitschwestem' raten alle. Ja, das ist anch eine Tugend der»dentschen Frau'; sie nimmt sich mit Woime derer an. die irgend einer guten Lehre hedürfen. Wen» sie etwas weiß, hält sie nicht damit hinter de», Berg, gefällig wie sie ist, läßt sie allen ihre Er- fahrmigen zn Gute kommen. Sie weist die Unglückliche, die überihre rauhe Haut klagt, daraufhin, daß dagegen ein Theelöffel— Petroleum, früh morgens»üchtem gctnniken— ausgezeichnet sei. Sie rät der»be- trübten Mutter', die nicht weiß, ivomit sie den plötzlich gelähmten Sohn beschäftigen soll:»Lasjen Sie ihn doch Kreuzstich sticken oder Charpie zupfen, vielleicht könnte er auch schriststellern?' Sie niacht die junge Witwe, der der Arzt eine Radelkur verordnet hat und die im Zn>cifel ist, ob das Radeln während der Tranerzeit recht passend sei. darauf aufmerksam, daß sie ja»auf zwei, drei Monate an einen andren Ort gehen und dort— radeln könnte.' Ja, ste iveiß für alles einen Rat,»die deutsche Frau', besonders aber für alles, tvas ihre Stellung zu den— lliitcrgcbene» an- betrifst.-tü Wenn die eine Mitschivcster in Sorge ist, ob der Hans- lehrer der Kinder Wohl am„Herrschaflstisch" milesscn»,»b oder nicht, so iveiß die aichre sofort:.Gewöhnen Sie dem Herrn das lieber nicht an, servieren Sie ihm a»f seinem Zimmer, diese Lenke werdein sonst zu vertrnnt mit der Herrschaft.' Wen» die eine nicht iveiß, wie viel, besser wie wenig Gehalt sie einer Stütze fürs HauS anbieten kam,, so hat die andre schnell eine Auskunft:„Engagieren Sie doch ein Fräulein mit Familicnanschluß, dann brauche» Sic gar kein Gehalt zu geben.' lind darüber, was„Familienanschluß" ist, verbreitet sich eine zweite: Die Stütze ißt mit am HerrschaftStisch, aber mir so lange kein Besuch da ist. Sie begleitet die Herrschaft ans kleineren Spaziergängen; zu», Theater»sto. brancht man sie natürlich nicht»nitzunehme», auch nicht auf größeren Ausflügen. Sic kann sich in de» Zimmer» der Herrschaft ailfbalte». hat dieielvcn aber zu verlassen, sobald Gäste komme». Ja, Familienanschluß ist eine sehr»oblc Bezahlung. Aber ivir dürfe» die edelste Tugend der»dentschen Frau" nicht vergessen, ich meine ihre Liebe zur Poesie. Sie zeigt dieselbe nicht bloß in ihren poetischen Psendoiiyme», nicht bloß, wenn sie als »Veilchen in» Thal" n», ein Rezept zu», Plnmpndding bittet oder als»Duftende Rachtviole" anfragt, lvie man den Stiefeln das Knarrc» abgelvöhnt, sie verrät ste noch mehr in ihrer Begeisterung für Verse. „Die deutsche Frau" lebt»»d stirbt in Versen. Sie feiert nicht bloß ihre Feste danüt. jedes Geschenk begleitet sie mit Verse», jedes ihrer Gefühle drückt sie in Versen ans. .. Der ganze Sprcchsaal ist ein einziger Senszer: »Verse, Verse— nennt mir Verse 1" »Wer weiß einen recht innigen Verö, den ich meiner Urgroßinutlcr zun, Geburtstag ans einer Ansichtskarte schicken kann?' „Ich schenke incinem Patenkind zu Weihnachten ei» halbes Dutzend Windelhöschen, bitte um ein recht niedliches Gedichtchen, das ich für die jmige Mutier beilegen kann.' „Viite»in« einen recht hübschen Vers, mit de», ich meinem Mann ein halbe? Dutzend selbstgestrickte Strümpfe überreichen kann.' »Wer tvciß. ein recht stiinmnngsvolles Gedicht. ,»it de», ein glückliches Bläntchcn seinen« Bräutigam znn» Geburtstag gratulieren kann?' Verse! Verse! Verse! klnd es tvcrdc» anch in«», er Verse angegeben.„Die deutsche Fran"— dichtet anch.»Ja, sie dichtet wirklich, und. ein»cneö Zeichen ihrer Gefälligkeit und Güte, sie bedichtet alles, ivorüber eu« Gedicht verlangt wird. Windclböschen und Stricsstrümpfe, den Ge- bnrtstagSivuusch für de» Bräntigam, die Ansichtslarte für die llr- großinntter. alle? kleidet sie in»Poesie'. Bescheiden, schönheitsdurstig, sparsam, sittsam, gefällig, Poesie begeistert, meine Herrschaften, was verlangen Sic noch?»Die deutsche Frau'»st der Jubegriff aller Tugenden,«die deutsche Fran ist die Perle der Franen.—~"£0. Whokogrttphipche Im Berliner KünstlerhauS hat der Deutsche Photographeuvercin eine Ausstellung von Erzeugnissen berufsmäßiger Photographen vcr- anstaltet, die bis Ende September erhalten bleibt und auf der be- sonders der Fachphotograph manches lernen und viele Anregungen gewinnen kann. Der Amateur wird weniger profitieren. Zur Aus- führung der großen, mit allen Mitteln moderner, raffinierter Technik hergestellten Bilder fehlen ihm die Apparate und die Eiurichlnug; und was den Fortschritt in der künstlerischen Auffassung des auf die photographische Platte zu bannenden Gegenstands betrifft, so ist dieser Fortschritt in erster Linie eben den aus Liebhaberei photographiereuden Dilettanten zu danken. Nicht, daß alle Erzeugnisse unsrer so zahlreichen Liebhaber- photographcn Kunstwerke wären. Aber selbst in schlcchtgeratenen, übcrlichtercn oder zu blassen Bildern, in Bildern mit sänescr Per- spektive ist meistens noch etwas zu finden, was man in den Er- Zeugnissen der Fachphotographe» oft vermißt; ungesuchte Natürlich- reit, wirkliches Leben. Der Mangel eines Ateliers nötigte die Amateure, die Leute in ihrer Häuslichkeit auszusuchen und ,nbzu- lichtcn", wie man in meiner Heimat mit einem ganz gute» deutsche» Ausdruck sagt. Dadurch kam Stimmung, Charakter in die Bilder. Die Abzukonterfeienden wurden nicht mehr in unmögliche Stellungen gebracht, der Kopf wurde nicht mehr in den Halter gespannt, die Kleidung blieb die gewohnte— und das Ergebnis waren Bilder, die oft viel ähnlicher, viel natürlicher, viel charakteristischer und viel künstlerischer waren, als die glatten, nichtssagenden Atelier- bilder. Ebenso und in noch stärkerem Maße sind die Amateure auf dem Gebiet der L a u d s ch a f t s« und Mo m entPhotographie bahnbrechend vorangegangen. Was hätte auch der Fachphotograph für ei» großes Juteresse gehabt, Bilder zu machen, für die es doch ein kaufendes Publikum kaum gab? Höchstens, daß er einmal von einem Baumeister oder einer Fabrik beauftragt wurde. Gebäude oder Fabrikanlagen und dergleichen aufzunehmen, wobei eS auf Wiedergabe der Details, aber nicht auf künstlerische, bildmäßigc Wirkung ab- gesehen war. Aber da kam vor kaum zehn Jahren der große Auf- schlvung der aus Liebhaberei betriebenen Momeutphotographie. Mit der billigen Kamera anSgernstct, zogen die jungen Leute ins Ge- birge, an die See, oder auch nur in den Straßen des Städtchens herum. Und wieder ein vorzügliches Nesultat! Die jetzt alljährlich millionenfach hergestellten kleinen Laudschafts- nud Strnßeubildchen sind denen, die sie in ihr Album kleben, nicht nur eine liebe Er- innernng an Ratnrgennsse und frohe Stunden, sonder» wir finden hier immer lebende Ralnr, oft Blätter mit köstlichen» StinnnungL- zanbcr»nid selbst wirkliche kleine Kunstivcrke. So sind die Amateure mit ibrerLichtbildnerci den Fachphotographen anregend voransgegaiigcn. lind weun die letztere» jetzt folgen, so ist es erklärlich, daß diele mit ihren vollkoinmenere» Apparaten, mit ihrer größeren technischen Bildung Leistungen herausbringen, die»na» bei Amateuren vergebtich snchei» lvürde. Wunderbare Leistungen finden wir besonders in cincm Saal, der seinem Zivcck nach das B e st e zeigen soll, was die photographnchc Platte gegenwärtig herzugeben verniag. Es ist eine Reihe erster Photographen des In-»nid Ans- taubes dazu gewonnen worden, auf einen» zugemessenen, für alle gleichen Räume eine kleine Auswahl ihrer besten Arbeiten anS den letzien zwei bis drei Jahre» auszustellen. Die hier zu- samniengebrachte»»rd außer Wettbewerb stehende Sammlung soll die Leistungsfähigkeit der niodenien Photographie«»ter den» künstlerischen Gcsichtspniiktc nach den verschiedensten Sticht,»ngen in einer Weise zu»' Anschaumig zn bringen. ivie es sonst untcr den einschränkenden Bedingungen vci Änsstellmigen niid bei der iiiivermcibliwen Brrzetteliing der herbolrageiiden Leistungen nntcr allerlei Gleichgültigem»md Bertvirrendrm nicht wohl niögliib ist. Und dieser Plan ist vorzüglich gclmigcn. Sehen wir von den Bildern der Kaiseriii ab, die sehr viel photogrophiert»md hier eilte Sa»»»»- lung ihrer nieistenS auf Reisen entstanden«» Momeiitaufiiabnie» ausstellt, so finden wir in diesem Elitesaal nur ganz hcrborragende Erzengnisse moderiicr Photographie, immer interessant und vielfach von inirklich künstlerischer Wirkung. Hervorgehoben seien ml» wenige Namen. Die bedeutendsten scheinen»nir E. G a tt h e i l in Königsberg und D ü h r k o o p in Hamburg. Der erftcre stellt Strandbilder ans, Bcrgrößernngei» iiach Mon»e>rtnnsnal>ineu, von»vunderbarer bildmäßiger Wirkung, in zerfließende» blauen Töne». Die Bilder crimicni lebhaft an Deister Porzellan. Dührkoop ist als.Porträtphotograph vertrete», und zivar folgt er der oben aiigedentrten Richtung der Amateure. Er individualisiert, geht zu den Kunden ins Hans, verzichtet fast ganz auf Retouchen und bringt dabei schr'chnraktcriflische»md künst- ierisch»virkende Bilder zu stände. Auf ähnlichen Bahnen geht W e i in e r i» Darmstadr. Dieser hat überhaupt kein.Atelier"»nd fühlt sich so ausschließlich als Äünstler, daß er auf jede fremde Hilfe ver- ziehtet»nid sämtliche Albeiten. Aufnahme, Enlivicklnng»md Kopieren, eigenhändig verrichtet. Sehr bemerkenswert find die großen Porträts einiger Miinchciier Photographen, die den— ebenfalls von Alna- teure» tut wickelte»— Gummidruck kultivieren, der zivar mühsam und zkitranbend ist, aber große, künstlerische Leistimgen crnivglicht. Eins der besten i» dieser Technik anSgeführlen Bilder ist das Porträt uiisres Genossen von Bollmar der Brüder Lützel in München i Von der Kunst zur I n d n st r ie I Auch die Photographie ist im starkem Maße indnftricalisier». Der Auijchivnng der Ainatcnr- Photographie bat eine große Nachfrage nach Apparaten geschaffen; diese iverden hellte in Fabriken gebaut, die Tauscnde von Arbeitern beschäftigen. Im ganzen beschäftigt die Photographie— Bernfs- photographie, Jnstrnmentenbau und photographisch« Drnck!cch»»iken eingeschlossen— heute in Deutschland 25— 30 000 Menschen. In lvie starkem Maße mlch die eigentliche AnSübnng der Photo- graphie industrialisiert ist, dafür nur ein Beispiel. Die Reue Photo- graphische Gesellschaft in Steglitz stellt Erzengnisse ihrer Rotations-Photographie ans. Das Kopieren geschieht hier ans mechanischem Wege, indem das lichtempfindliche„endlose Papier" unter de»» elektrisch beleuchteten Negativen hindurch-»md gleich im Anschluß daran durch die verschiedenen Flüssigkeiten zum Fixieren und Fertigmachen der Bilder geführt>vird. Ans diese Weise iverden täglich— 2 Kilometer CO Ccntimeter breites lichtempfindliches Papier in Bilder verlvandelt. Der Kilometer kostet dem Ab- »ehmer eiwa 1000 Mark. Gegenwärtig»st die Fabrik mit der Ans- führung eines ihr von den Unternehmern der Ober- Ammcrgaucr Passionsspiele gewordenen Auftrags in Höhe von 30 000 Mark beschäfligt. Von besonders künstlerischen Leistungen ist beim photographischen Rotationsdruck natürlich nicht die Rede. Aber er bedeutet doch einen ungeheuren Forlschritt der photographischen Technik. Er ist beispiels- lveise für Jllustratioiiszwccke sehr geeignet,— wie ja überhaupt die ncncrc» photographischen Verbielfältigungsartcn die altenJllnslrations- techiriteu stark zurückgedrängt haben.— _ Max Pf« n> Klvines Feuilleton. — Tataren oder Tartarcn. Der.Frankst Ztg." wird ge- schrieben i Der alte niougvlische Völkeniaine, der im Mittelalter das Abendland verschiedentlich in Schrecken setzte, ist mit dem chinesischen Krieg ivieder aktuell geworden. Man liest vielfach in den Zeitungen von einer Tartarenstadt in Peking, einer tartarischen Leibivache der Kaiserin, die selbst ans einer tartarischen Dhiinstic stauimen soll, von Tartaren-Gmcralen»»>»., während andrerseits wieder, oft in den- selben Blätter», von Tataren die Rede ist. Was ist nun richtig? Das inongolische Volk, das als„goldene Horde"»mter Dschengis Khan»md seine» Nachfolgern bis'nach Ungarn»md Niederfchlefien vordrang und im Osten nnsres Erdteils Jahrhunderte lang über große Teile Rußlands herrschte, heißt Tataren, ohne r in der ersten Silbe. Der falschen Bezcichiimig Tartarcn liegt allen» An- schein nach eine phonetische Vcrlvechslliiig oder eine Vermischung mit dem ähnlich klingenden griechische» Worte.Tartaros" zn Grunde. Thatsächlich soll beim Auftauche»» der Tataren in Europa Ludloig der Heilige von Frankreich, dessen Sprachtalent eben nicht besonders groß»gewesen zn sein scheint, den Namen des Volkes vom Tartaros abgeleitet und sie als.Holleusöhiie" angesehen haben. Ob daraus die Vcrsälschnng des Namens entstanden ist, ivie sie im Französi- scheu und Englischen vorliegt, muß freilich bcziveifelt iverden. Tie Ursache dürste lediglich aus ein»mgcnancs Hören des Namens zmückzufiihre» sei». Das N wird ja auch bei uns in Deutschland, besonders m, Norden vielfach sehr»Uigenau»md schlecht anSgcsprochci», man spricht eS»neistens gar nicht als klingend rollendes Zungcn-N, sondern entweder ganz vokalijch, beinahe wie A. oder wie ein Dehnimgs-H, analog den» Englischen, oder gar nicht. Man spricht also beide Wortforine» in dem in Rede stehenden Worte in zwangloser Unterholtnng fast poNkoinme» gleich, daher die Verwechslung. Daß aber Tataren die richtige Namcnsfonn ist, zeigen geographische Bcncnnnngcn wie z. B. der Name der von den Tataren gegründete» bulgarischen Stadt Tatar-Bazardschik, Tatar-Gcbirge u. a.»». Auch die ehemals in der östrcichischen Armee eingeführte pelzverbrämte Tnchniütze hieß Tatarka.— Der fränkische Bauer weiß von„Tattern" z»» sagen. Sie haben»nir ein Auge,»litte» auf der Stirn, lieber sie geht das.Kinderg'smigel": I» dem Afrikanerland, Ivo die ivildcn Tattern ivohnen»c.— ü. Tie Hornsprache im BulkSumnde. lieber die Worte, die daS Volk den Tönen unterlegt, die die Hirten ihren Hörnern entlocken, »nacht Otto Schütte in der.Zeitschrift für Volkskunde" eine inter- essaute Mitteilung. Der Kuhhirt in Denstorf bei vraunschwcig bläst am Morgen:„Min leiwe beste Dorlhcn, lnnnn, slap diese Nacht bi mil". In Graslebe» bei Helmstedt bläst der Kuhhirt grob»md deut- lich:„Fnlc Brut, fulc Brut. Watte twlle rnt, lat die Kühe rut". Ebenso selbstbewußt tritt der Schweinehirt in Lamme auf:„Rut, crut. cnlt, de Swec», de hat etnt". Der Schtvcinehirt in Wedtle»- stedt bei Vrmnischweig begründet aber seine Ansforderiing in Höf- licher Weise in folgenden Worten:.Anndorthcn, lat de Swine rut. Jk»not ja nu weg, Dat ik nt eu Dörpe kumine, Tateratera, täte- ralera".— LitterarischeS. T r a n n» g e st a l t e n von L e o p o l d W c b e r. Leipzig. Engen Diedrichs.— Ein altmodisches oder,»venn man will, ei» ganz neu- »nodisches Buch. Träume und Visionen sind ja augenblicklich hoch- modern. Es giebt Jünglinge, die sich nicht ivohl fühlen,»venn sie nicht alle Tage den Hiinmel offen sehen. Es genügt nicht mehr ein wertvolles Gedicht zu schreiben: Offenbarungen müffe» es sei»». Am liebsten muß mit jedem Gedickt eine neue Litteratur- oder gar Welt epoche beginnen. Unsre Jüngste» sind Propheten, — 656- verkehre» mit überirdischen Erscheinungen wie die Nnhirn- listen mit Kellnerinnen verkehrten, verpuffen Sonne, Mond und Stcnie mehrmals die Woche und stehen mit Satan und allen Dämonen der Ilnterivelt ans dem Dntzfuß. Und lvarum sollten sie nicht? Der Mensch braucht in der - Jugend ein gewisses Quantum Thorheit und die poetischen Thor- heilen sind noch lange nicht die schlimmsten. Die Generation, die heute erwachsen ist,>var in ihrer Jugend.dekadent", schwor, daß sie erblich belastet sei, und verfluchte die„alternde Kultur". Die „Jugend von heute" ist symbolistisch und schönheitstrunken. Das eine Ivie das andre geht vorüber. Die„Dekadenten" von anno dazumal sind längst behäbige Familienväter. Auch die Symbolisten Iverden schließlich den Verkehr mir überirdischen Wesen ausgeben und sich»ach etivas mehr Menschlichem umsehen.— Webers„Trau nige st alten" sind kein solches Jugendbuch, kein Ausfluß einer Laune, kein Erzeugnis der Mode. Weber ist ein gerechter Mann und ein echter Dichter. Seine Träume sind kein willkürlich znsammengcdachtes Zeug; es sind wirkliche Träume. mit den phantastischen Farben und den mystischen Stimmungen des TraumS, Träume, die poetische Realität haben. Hier und da laufen Arbeiten nut unter, die vielleicht für den Dichter, nicht aber für den Leser von Bedeutung sind. Der Gefahr, die jeder Traumdichtnng droht, daß sich uänilich Bilder und Ereignisse, ins Wesenlose verlieren, ist Weber nicht immer entgangen. Dafür erhebt er sich aber auch an andern Stellen zu um so größerer Kraft mid Bedeutung, so vor allem im.Schlosser Peter", Ivo die Geschichte eines Mords in phantastischen Farben, aber mit hin- reißender Kraft geschildert ist. llnsrcs Wissens sind eS die ersten Poesien, die Weber veröffentlicht. Man darf auf die folgenden ge- spannt sein.—' E. 8. Volkskunde. — Liebcszauber. Im Leipziger Museum befindet ffch ein alteS Geinälde sflandrische Schule) aus dem 15. Jahrhundert, das die Darstellung eines LicbeszaubcaS giebt. In der Mitte eines mit einem Kannn und reichlichen» Hausgerät versehenen Gemachs steht ein nacktes Mädchen, nur voi» einen» dünnen Schleier mangelhaft be- deckt; neben ihm befindet sich eine Truhe mit geöffnetem Deckel; in derselben, die auf einen» Scheine! steht, erblickt man ein Herz, wahr- scheinlich ein Wachsbild. In der rechten Hand hält das Mädchen Feuerstein und Schwamm, in der erhobenen Linke» einen Stahl, mit dem sie ans dem Feuerstein Funken schlägt; diese letzteren sprühen auf das Herz darunter, während auch von dem Schwan»»» auf dasselbe Funken falle»». Durch eine im Hintergründe sich öffnende Thür tritt der ersehnte jlinge Mann in das Gemach. Schon in der Beda findet sich ein Zauberspruch zur Fesselung eines Manns und zur �Vertreibung einer glücklichen Nebenbuhlerin, der große Pariser Zauberpapyrus teilt einen ebensolchen mit. Die Römer und die Grieche» gebrauchten ein Philtrun», das in einem Falle aus Spargel. Krebsschivänzen, § ischleich, Traubenblut und der Zunge des fabelhaften Vogels yop zusanimengesetzt war. In den Sagen des fkaiidiiiavischen Nordens suchte man zur Erregung der Liebe die Runen zu verwenden. Die Lieder von Sigfried und das erste Bryndil- lied teilen Rnnen gegen Beihörung durch fremde Weiber mit. Von Tieren sind Frosch, Fledennai'is, Eule, Hahn und Eidechse wichtige Hilfsmittel bei», Liebeszauber, von Pflanzen Rosmari», vierblättriger Klee, Rosenäpfel. Sehr wirksam und erfolgreich ist es nun aber, Ivenn man entivcder von dem Körper de? geliebten Wesens etwas zu erlangen verniag, oder loci»»»na» ihn» von den» eigei»c» Körper etwas anbringen tan». Besonders muß man sich von dem begehrten Wesen einige Haare zu verschaffe,» suche»». Kann man von» Haupte deS Mädcheiis, das zu erobern man wünscht, drei Haare bekommen, so klemme man sie in eine Baumspalte, so daß sie niit dem Bann» verwachsen; auch soll der Bursche dem Mädchen, ivenn eS schläft, dreiinal Haare hinten im Nackei» abschneiden und sie in der Westentasche tragen, dann ist er ihrer Liebe sicher.— Hygienisches. SN. Ein einfacher Apparat zur Luftverbesse rnng ist in der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften vor- geführt Ivorden und hat allseitige Anerkennung der anlvesendcn Ge- lehrten gefunden. Sein Erfinder ist Professor Dcsgrez von der medizinischen Fakultät in Paris. Die Frage der Erneuerung ver- dorbener Luft in großen Sälen, Theatern»slv. hat die Hygiene bereits viel beschäftigt. Es ist bekannt, ivie viele Apparate zur Ventilation erfunden und auch zur Benutzung gelangt sind, sie litten aber sämtlich a» demselben Fehler, ihren Ziveck durch Aufwand zu vieler Kräfte und überhaupt durch ein zu»»mständlicheS Verfahren zu erreichen. In» Vergleich dazu ist der neue Apparat von großer Einfachheit, feine Wirksamkeit beruht auf einem ganz gelvöhnlichen chennsche» Borgailg: Natriumperoxyd giebt bei Berührung n»it Wasser einen großen Teil seines Sauerstoffs ab, der dazu benutzt»verde» kann, den durch Atmung in einem geschlossenen Rainne verbrauchten Sauerstoff zu ersetzen,»vährend daS gleichzeitig in Freiheit gesetzte Natrium sich mit der überschüssigen Kohlensäure der verdorbene» Luftt chemisch verbindet. Durch diese» Vorgang also wird die Luft in zweifacher Weise verbessert, indem ihr der nötige Sauerstoff zugeführt und die giftige Kohlensäure entzogen wird. DeSgrez hat zunächst Versuche an Tieren angestellt. die in einem vollständig verschlossenen Räume gehalten Ivuroen, Ivo sie ohne eine Vorkehrung zur Lufterneuerung selbstverständlich rasch sterben müssen. Wurde nun in einen solchen Raum der betreffende Apparat hineingesetzt, so blieben die Tiere ohne jede Störung ihres Befindens am Leben. Danach konnte man es»vagen, gleiche Versuche auch auf den Menschen auszudehnen, der durch den wirksamen Apparat ebenfalls in einem völlig verschlossenen Räume dauernd mit guter Atemluft versorgt Iverden konnte. Der Apparat besteht aus einen» Verteiler, der in regelmäßigen Abständen etwa» Natriuinperoxyd in das Wasser fallen läßt, das sich in einem offenen aus Stahlblech hergestellten Gefäß darunter befindet. Ein kleiner Ventilator, der durch einen kleinen Elektromotor betrieben»vird und den Lnftstroi» durch den Apparat hindurch leitet, vervollständigt die »vesentlichen Teile des Ganzen. Es ist nur noch nötig, durch einen Kiihler die infolge des chemischen Vorgangs etivas erhitzte Luft »vieder auf die vorige Teniperatur abzukühlen. Von Bedeutung ist auch vor allen» der Umstand, daß der ganze Apparat in ein Gehäuse von Alumininnl eingeschlossen»verde»» kann, ein geringe? Gelvicht besitzt und leicht tragbar ist. Bei der Vorführung' vor der Pariser Akademie setzte sich der Erfinder des neuen Luftreinigungsverfahrens in eine besonders hergestellte Kammer, die luftdicht ver- schlössen»vnrde. Hoffentlich erfüllt der Apparat auch noch die letzten »vüilschensiverten Bedingungen, so billig zu sein, daß seiner all- gen, einen Anlveiidnng in großen Sälen, auch in Berglverken, fiir Arbeiten unter Wasser, für Taucher«slv. nichts in, Wege steht.— Humoristisches. — P o c f i e»i i» d P r o s a..... Ach, Emil, die Elten»»vollen von»nisrer Liebe nichts»vissen— da bleibt»ms nichts übrig, als V e r e i>» t z n sterben— stürzen»vir uns in den See I" .Ja, Teuere, es bleibt uns keine andre Wahl, wir müssen sterben--- aber nur heut' nicht: heut' bekomm' ich»neine Leibspeis: Blut- und Leberlvürst' l"— — B c d e i» k l i ch e B e>v e g u»» g..... Ich sage Ihnen, gleich bei meinem ersten Auftreten ist eine'B e>v c g u n g durch das Pu- blikun» gegangen I..." .Weiß schon— mit den Füße n I"— — Ganz einfach. F r e»» d e r(der eine Folterkauiincr be- sichligte und noch ganz entsetzt ist):.Hier haben Sie ztvci Mark— geben Sie mir die Hälfte heraus l" C a st e l l a n:„DaS kann ich leider nicht... aber ich lverd' Sie n och mal rinnführen I"— (.Flieg. Bl.') Notizen. — Ein neues Drama von Philipp Langmann! „Korporal Stöhr'»vird in» Herbst am Wiener Raimund» Theater zur Erstaufführung gelangen.— — Das.Deutsche' Theater" bereitet eine. F a u st"- Aufführung vor. Bassermann»vird den Mephisto spielen.— — Einen C y k l u s interessanter V o r st e l I»»» g e n bereitet daS Hofthcater in W e i in a r vor. In der iiencil Spielzeit soll nämlich ein Cyklus von sieben Li» st spielen die Ent- >v i ck l u n g der deutschen Komödie im lg. Jahrhundert veranschaulichen. Für diesen sind folgende Stücke in Ansficht ge- nomine»»:„Die Jäger" von Jffland,„Die deutschen K l e i n st ä d t e r" von Kotzebne,„R o s e n m ü l l e r und F i n k e" von Töpfer,„Zärtliche V e r Iv a>» d t e" von Benedix,„Krisen" von Bauernfeld,„Spielt nicht mit dem Feuer" und „Schlvert des Dainokles" von Putlitz,.Schach dem König" von Schaufert.— — Die Gesellschaft der fraiizösischenBiihiicn- dichter»nid To i, setzet hat im Betriebs jähr 13vg 1900 3 659 387 Fr. an Ilrhebergebühren eingciioniineu. Die Zahl der Mit- gliedcr der Gesellschaft, die 60 Jahre alt gelvorden sind und des- halb Rnhcsold genießen, beträgt 111.— — Die große Berliner K u n st a u S st e l l u n g soll erst Ende September geschlossen»verde»».— — Von der Kunst-Zeilschrift„ P a»' ist das l e tz t e H e f t erschiene». DaS Blatt halte zum Schluß gegen 500 Abnehmer.— — In K i e l hat sich ein„Verein ziir Förderung der K u i» st- und H a u s»v e b e r e i in S ch l e s»v i g- H o l st e i n gebildet. Man»vill nicht nur die eigentliche Bild- und Jacquard- Weberei fördern, sondern auch versuchen, die Anfnierksamkeit der Weberin»»«» auf die Anfertigung von Kleiderstoffen und Hausstands- gegenständen zu lenken, die vor den mit der Maschine gearbeiteten Stoffe» und Gegenständen den Vorzug größerer Dauerhaftigkeit haben.— — In der„Fackel" erzählt Karl Kraus dem Wiener Polizei- Präsidenten folgende Schnurre: Vor drei Jahren befände» sich der Fürst Ferdinand von Bulgarien und Milan in Karlsbad. Jedem der beiden»var von der österreichischen Polizei ein Detectiv(Geheim- Polizist) beigestellt worden. Eines Tages, da die Kur der beiden Herrschaften vom Balkan beendet, und die Abreise festgesetzt»var, trafen einander die beiden Detectivs bei»» Sprudel:„Was hast Du vom Ferdinand bekonimen?".Hundert Gulden. Und Du vom Milan?" „Nichts. Froh bin ich, daß er mich nicht an- gepumpt hat!"— Verantwortlicher Redactcnr: Wilhelm Schröder in Wilmersdorf. Druck»nid Verlag von Max Babing in Berlin.