Ur. 222 Ablnmtments-Kedingungen: KbonnementS- Preis pränumerando: vterteljährl. 3,Zo Md, inonatl> 1.10 Md. ivöchenlltlh LS Pfg. frei i»Z Hau». einzelne Numiner s Pfg. Eonnlag»- Nummer mit tiluNricrier Eonnlag»- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Pfg. Post- illbonnement: S.M Marl pro Quartal. Singelragen in der Post- Zcllmig», Preisliste für 180Ö unter Dr.«HLO. Unler«reuzdand für Teullchland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige ausländ 3 Marl pro Mona«. Erscheint täglich auger Montag». Devlinev Volksblatk. 16. Jahrg. Die Inftrtions-Bedülfr belrägi für die sechsgespaltene Kolonet» »eile oder deren Rauin»0 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Verein»- und Versammlung»-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" sede» Wort ö Pfg. das Parlament nicht vernichten kann, will sie die Socialisten und die socialistischen Parlamentsmitglieder aus dem Weg räumen. Thatsächlich ist die socialistische Gruppe, die 13 Abgeordnete zählt, jetzt auf 8, d. h. auf beinahe die Hälfte zusammen- geschmolzen. C o st a ist seit zwei Monaten im Gefängnis, M o r g a r i und B i s s o l a t i sind wegen des Urnen- Prozesses flüchtig, de F e l i c e flüchtig, und wegen des gleichen Prozesses ist der unabhängige Socialist Prampolini im Gefängnis; Nofri sitzt im Gefängnis, zu 11 Monaten verurteilt wegen Kritik von Regierungsniaßregcln, T u r a t i ist unter polizeilicher Aufsicht und aus dem Parlament aus- geschlossen. Der Urnen-Prozcß ist eine neue Ungeheuerlichkeit des Ministeriums Pelloux. Als nian diesen Sommer in der Kammer die Knebel- g es etz e beriet, setzte die äußerste Linke der UutcrdrückuugS- Politik eine kräftige Obstruktion entgegen, die eines schönen Tages in eincin kräftigen Aanstkampf endete, während dessen die zur Aufnahme der Stimmzettel bereitstehenden Urnen umgelvorfen wurden. Den folgenden Tag wurde die Session geschlossen und die Kammer ist bis heute nicht wieder zusammen gekommen. Ans Betreiben der Re- gierungspolizei und Polizcircgiernng wurde ein Prozeß ein- geleitet, dessen gleichen die Welt nicht gesehen hat. Man glaubt, auf die Abgeordneten Prampolini, Bissolatt, de Fclice und Morgari den Artikel 113 unseres Strafgesetzbuchs anwenden zu können, welcher sagt:„Bestraft wird mit E i n sp c r r u n g nicht unter 12(zwölf!) Jahren, wer eine Handlung begeht, die zunr Zweck hat, den Senat oder die Deputierten- kanuner an der Ausübung ihrer Funktionen zu hindern." Man überliefert also Gesetzgeber deshalb, weil sie ihre Funktion als Gesetzgeber ausgeübt haben, den Richtern unter dem Vorgeben, daß sie Gesetzgeber an der Ausübung ihrer Funktionen gehindert hätten. Man sieht: Das Recht und der gesunde Menschenverstand werden auf den Kopf gestellt. ,Tas ist", wie Turati in seiner„Critica Sociale" schreibt,„die »lackte Unterdrückung der ParlamentS-Sou- vcränität, die Verdrängung des Rcpräsen- tativ- Systems durch das väterlich. despotische Regimen t." Deshalb wird der Prozeß, der— man weiß noch nicht wamr— vor den Geschworenen verhandelt werden»miß, eine hohe politische Bedeutung haben und wahrscheinlich bei dein Wiedcrzusammcntritt der Kammern zu einer stürmischen Debatte führen. Prampolini, der sich freiwillig den Gerichten gestellt hat, ist vorläufig der einzige Abgeordnete in der Gewalt der Regierung. Die andern angeklagten Abgeordneten werden sich aber vor den» Prozeß zur Gerichtsverhandlung einfinden und die?lngeklagtcn werden,»nie Prampolini in seinein Brief an die Staats- anwaltschaft eS ausgesprochen hat, den Nachweis liefern, daß sie nur in Ausübung ihrer Bürgerrechte und in ErfüllungihrerPflichten als Volksvertreter gehandelt haben, als sie die Urnen umstürzten und eine freiheitsmörderische, verfassungswidrige T h a t verhinderten.— »» * Deutsches Weich. Außerhalb dcö Rechts. Bisher haben die Polizeibehörden in Weimar, Jena und Wenigen- fena nur socialdcinokratische Parteivcrsaminlungcn und eine Goethe- Gedenkfeier verboten. Mit diesen Maßregeln scheint man aber»och nicht geling zu haben; jetzt kommei» auch die GciuerkschaftS- vcrsainmlungcu an die Steche. Am Mittwochabend wollte die Jenaer Filiale dcS Deutschen Holzarbcitcr-NerbandcS in der.Brünen Tanne" in Wcnigcnjena eine öffentliche Versammlung abhalten; als Referent mar der Vcrbandsboftitzcndc, Rcichstags-Abgcordnctcr Karl Kloß- Stuttgart, ausersehen. Das Vortragsthema lautete:„Arbeits- lohn und Arbeitskraft". Die Versammlung ist durch folgenden. llkaS verboten worden: Der Gemcindcvorstand. Wcnigenjcna a. S., J.-Nr. A. 1135/09., 18. Sept. 1890. Auf Ihre Anmeldung vom heutigen Tage, Einbcrnstmg einer öffentlichen Holzarbcitcr-Versammlung betreffend, wird Ihnen er- öffnet, daß diese Versammlung hiermit verboten wird, hingesehen auf den in Aussicht genommenen Vortrag nnd den dafiir bc- stimmten Refcrcntc»», der für seine anfreizrnde Sprcchtveise hinlänglich bekannt ist. Der Bürgermeister. Kindlcr. Wir wissen nicht, aus welchen Quellen der Bürgermeister von Wenigenjena seine Kenntnis von der Sprechweise dcS Abgeordneten Kloß geschöpft hat. Wahrscheinlich genügt ihm die Thntfachc, daß der angekündigte Referent Socialdemokrat ist, um daS Versamiiilmigs- recht der Arbeiter zu zerstören. Das Beispiel lehrt von neuem,»vie cS um die clcmcntnrcn Rechte der Arbeiterklasse steht. Dem Ermessen jedes arbeitcr- bewegungSfeindlichen Bürgermeisters als Spiclball preisgegeben, fehlt jede Garantie ihrer Ausübung. Mit beliebiger Begründung wird das den Herrschenden verhaßte Grundrecht der Arbeiter ausgelöscht. So»vird Haß nnd Erbitterung in die Massen gesüt von bchörd- lichcn Organen, die bestimmt sein sollen, Ordnung und Recht zu schützen.—_ Zuchthans-Agitation. Allenthalben regt sich das Scharfmachcrtum, offenbar voll guter Hoffnung für die Erfüllung ihrer Zuchthansivünsche. So hat auch der A r b e i t g c b c r- V e r b a n d in Hamburg-Altona eine Broschüre erscheinen lassen, in welcher denkschriftartig gezeigt»verde» soll, wie unzureichend der Schutz der bisherigen Bestimmungen für Arbeitgeber und„Arbeitswillige" ist. Dies Schupvcrlangen der be- dauernslvcrten Schutzlosen gipfelt in folgender Resolution: „Fast bei jeder Streik- oder Lohnbewegung sind«vir Zeuge arger Ausschreitungen gewesen. Wir sehen in diesen Ausschreitungen einen Eingriff in die persönliche Beweginigs- und Bestimmungsfreiheit des Einzelnen, eine strafiviirdige ÄNSübinig von Zwang eines Staatsangehörigen gegen den anderen, eine unbefugte Schädigung nicht nur der»virtschastlichen Interessen des Arbeitnehmers tvie des Arbeitgebers, sondern auch dcS National- Vermögens und der Leistungsfähigkeit der Nation: wir sehen schließlich darin einen Zustand, der iiotwcndigerlvcise cutivcdcr zum Niedergang der getvcrblichc» Thätigkeit in Teutschland oder zur Selbsthilfe der Arbeitswilligen ivie der Arbeitgeber, d. h. dazu führen muß, daß diese dem Tcrrorismus der Arbeiter- organisationen terroristische Maßregeln entgegensetzen. Solche einer K u l t u r n a t i o n unwürdigen Zustände zu vermeiden, scheint uns die Pflicht der Gesetzgebung zu sein. Da aber die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt hat, datz s c l b st eine scharfe Anwendung der bestehenden Gesetze den lieber- griffen und Ausschreitungen der Arbeiter- Organisationen nicht zu steuern vermag, ist eine Aenderung der bestehenden Gesetze dringend geboten. Wir erachten eine Reuordnung der einschlägigen Gesetze unter allen Gesichtspunkten für weit ersprießlicher, als das Aushilfsmittel einer scharfen, mit dem Rcchtsbctvnßtscin eines Teiles der Vevölkerung im Widerspruch stehenden Jntcrprctirrnng der bcstchcndc» Gesetze. Den Weg der Gesetzgebung haben die verbündeten Ncgicrungcn durch die Vor- läge des Gesetzes zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses betreten. Wir, die wir vielfach direkt durch solche Ans- schreiiinigen getroffen wurden, wir können, aus der eigenen Erfahrung, der sicher st en Quelle aller Er- I e n« t n i S, schöpfend, dem Vorgehen dcS Bundesrats nur zustimmen und hoffen, daß der Reichstag seine Mitlvirkung bei einer Reuordnung der einschlägigen Gesetze nicht versagen lv i r d." Wir wollen weder die bcweisloscn Verdächtigungen noch die ZuchthaiiSbegierdc dieser Resolution bekämpfen; haben»vir doch nicht geringes Vcrgin'igcii an ihr. Es ist näniiich keineswegs zu verkennen, daß die Resolution mancherlei Richtiges enihält. Es ist allerdings ein„einer Killturnation»intvürdiger Zustand", wenn Unternehmer Terrorist»»»»« gegen Arbeiter üben. Es wäre daher folgerichtig, wenn die Hamburger Großindustriellen, Großreedcr und sonstigen' Großkapüalbesitzcr die Beseitigung des knltur- »»»vürdtgci», hcnt allenthalben bösartig die Arbeiter bedrückenden Unternchmcrterrorisnius erstreben«voillten. Unserthalbcn durch ein RcichSgesetz zum Schutz der Arbeitsivilligcn, die von Unter- nehmern wegen ihrer politischen Gesinmmg oder wegen Zugehörigkeit zu einer Gelverlschaftsorganisalion u. s. f. geinaßregelt und dem Hinigcr überliefert»Verden. Ferner freuen»vir»ins des Arbeitgeber-AnerkenntniffeS, daß in Koaiitionsfragcn„die Jntcrpreticrung' der bestehenden Gesetze mit dem RcchtSbclvußtsein eine« Teiles der Bevölkerung im Widerspruch stehe". Diese Unternehmer-Erkläningen»vollen wir festhalten.— Crntrnn» und ZuchthanSvorlage. Auf der General- Versammlung des Tnnienhansener Baucrnvcrcius hat der Abg. S ch ä d l e r über die Znchthansvorlage folgendes ausgeführt: .Friede! Und immer,»vcim uns dieses Wort gesagt»vird, machen»vir die Bemerk»»»», daß man gegen einzelne Klassen des Deutschen Reiches gelviffcrmäßen wieder»»» in einer anderen Forn», iveil die änderen Ausnahmegesetze zn nichts geführt haben, Ausnahmegesetze schaffen,»vill. Wir niachei» die Bemerkung, daß man unter schonenden� nnw »vohlklingendcn Worten, Ivie Schutz der Arbeits ivilligen, eingreifen»vill in das fast einzige Recht eines großen Teiles »msercr Mitbürger, in das K o a l i t i o n S r e ch t»» n d die Koalitionsfreiheit. Ja so lange die Ringe nnd Tyndikate, wie sie bestehen, baS Recht auf AnSwuchcrimg haben, so lange»verdcn Sie keinen von uns bereit finden, die Rechte der Arbeiter, ihr Recht auf einen LcbcnSunter- halt,»vir er dem Mensche» gebührt,»nid daS Recht der Freiheit, sich zu vereinige,», irgcndivie antaste» zu lassen. »nd ich bedauere eS auf das liesste, daß auch der dcntiche Hand/ wcrkcrbnud sich dazu hergegeben hat, der viel mehr Grund hÄre. bei sich Einkehr zn halten,' damit nicht allcS noch inehr vernagelt »vird, daß dieser ebenfalls auf dein Wege vorgeht, um vielleicht über das,>vas in seinem Innen» vorgeht, himvegzutänschen. DaS klingt recht entschieden. Man darf sich aber nicht darüber täuschen, daß daS Centruin kcinrSiveg« einig in dieser»vie in anderen Fragen ist.— Von» Deuunzinnten. Der„Germania" zufolge ist bei der StaatSanivaltschaft Anzeige»vegcn Beschimpfung der christlichen Kirche (K 106 des R.-Str.-G.-B.) gegen den Redactcur dcS„Ulk" erstattet »vorden. Anlaß dazu gab ein Gedicht«Die feige That von Renncs", daS die letzte Nummer des„Ulk", Beiblatt dcS„Bcrl. Tagebl.", veröffentlichte. lieber dies Gedicht und nanientlich über eine Strophe»vird jeden Tag in der protestantischen und katholischen Pastoralpresse ein Geheul angestimmt, das seinen Wortschatz— eine nicht verdiente Ehrung für das voin Tag für den Tag geschaffene Poem!— ge- lvisscn klerikale»» Würdigungen unserer Klassiker entnimmt. Wir haben die gcschinähte Strophe gelesen und das Uebermnß von Verständiiislosigkeit. Bösivilligkcit nnd Fälschung beivnndcrt, mit der ans der drastischen Gegenüberstelluiig des»vahren religiösen Empfindens und des StunipfstunS gciviff'er Anhänger, die äußerlich bekunden, Ivovon sie innerlich keinen Hauch verspürt haben, eine Beschiiilpfung des Christentinns herausgelesen»vird. DaS Gedicht könnte ganz gut ein strenggläubiger C h r i st geschrieben haben, der mit lutherischem Zorn gegen die leere Schein- Heiligkeit eifert, die»vidcr Sinn und Gehalt seiner Religio» nur die Ae»lßerlichkciten des Bckcnntuisscö gelernt»nid verstanden hat. Es scheint, daß sich der Tciumziant nnd die ihn umjubclnde Presse in der Geißelung des in frommer G e st e»vahrhaft gotteslästerlichen Lippc»die»»stcs getroffen gefühlt hat. Sonst »väre die demuiziatorische Wut unverständlich.— Die„Kreuz-Zeitung" im Zickzack. Bor ein paar Tagen er- klärte die„Kreuz-Zeitniig"»viederholr, die svcialdcmokratische Presse befolge jetzt die Taktik, gemäßigt aufzutreten,»im die günstige „Konjunktur" dcS Kanalhanbels anSznbcnten. Jetzt nennt sie die Haltung unserer Presse„so zuversichtlich, ja so übenniitig als möglich". Abwechselung erheitert auch rebellierendes Junkcrgeinüt. NcbrigcnS cntninnnt die. Kreitz- Zeitung" unseren» branden- bnrgischc» Parteitag die Lehre, „daß es keiner übermäßigen Anstrengungen der„bürgerlichen" Parteien»nd der Regierung bedürfte, uu» die socialdeinokratischc Belvegung, lvcnn nicht gänzlich zn ersticken, so doch gründlich niederzuhalten nnd praktisch»»»schädlich zu machen. Freilich aber ist niän von diesen Ai»slrengnngc»»veiter entfernt als je, und des- halb hat auch die llrnsturzpartei nichts zu besorgen, sondern findet alle Zeit, sich von ihrer inneren Erlahmung zu erholen und frische Kräfte zu sammelu." Welche Feigheit, immer ivieder gegen den Uinsturz zu hetzen, anstatr den Kanalsirautz mit der Regierung mannhaft anszu- fechten!— Eine Frucht intimer Beziehungen.„Für die G e s i n n u n g s- niedrig keil des Vorstandes der socialdcmokratischcn Partei spricht allein genügend solgendc Lüge seines Berichts: „Die Wut des Nuternchmertluus darüber, daß die gesteigerte Nachfrage nach Arbeitern sie zivang, den letzteren elivaS günstigere Bedingungen zugestehen zn innsscn. reizte sie zu dem siürmischen Begehren, dez» Arbeitern ans dem Wege der Gesctzgebnng die AuS« Übung dcS KoalitionsrcchtS zu crschlvcren, ja, soivcit es angeht, ganz unmöglich z» machen." So zu lesen in den Kruppschen„Neuesten Nachrichten". Kein Wunder, daß bei den.iiiliiiicn Beziehniigen der Industrie" die Moral dcS Blattes unappetitlich erkrankt ist.— BniidcS flüchtig sind die meisten L a nd wi rt e gcwordei». Sic haben dem Wink der Leitung des Bundes der Landlvirte Folge gc- leistet und sind ausgeschieden. Eine„nicht nncrheblichc" Minderheit ist aber, so versichert die„Deutsche Tagcsztg." den» Bunde treu geblieben. Wie viele?— Elavisiernng der Deutsch- Nationalen. Unsere Antisemiten sind belmmtlich nngehener national. Sie wüten gegen Czcchen und Polen,»nid die slavische Springflut scheint ihnen die größte Gefahr für das Deutschtun». Diese Czechcu namentlich sind ihnen Halv- menschen, die ihren Mangel a»» deutschen Tugenden durch großmäulige Frechheit ersetzen und am Mark der germanischen Eiche zehren. Der ztveite Vorsitzende unserer Antisemiten, Zimmermann, hat sich sogar 1897 ans Oestreich mislveisc»» lassen nuislen,»veil er zu leiden- schaftlich die Solidarität des Dcnlschtnins gegen das czechische Ge- sindel beteuerte. Jetzt haben czechische Gcschivorene, czechische Richter, czechische Staatsanivälte. czechische Sachverständige, czechische Advokaten einen Ritualniord konstatiert nnd einen Inden lvegcn Teilnahme an diesem Liitualmord zum Tode durch den Strang ver- urteilt. Und plötzlich sind diese„slavischen Schweine" für unsere nationalen Jndenfreffer geliebte Brüder, Helden der Intelligenz und Wahrheit, Retter der arischen Menschheit, und die sonst als von abscheulicher Häßlichkeit geschilderte Rasse erzeugt„bildschöne" Mädchen. Wir kennen also fetzt daS Rezept, wie die dimimei», univiffenden nnd rohen Slaven bei unseren Slavenhetzern zu Ehren und Ai>schcii gelangen können; sie brauchen bloß einen kleinen, handlichen Ritual- inord' festzustellen und sie»verde»» sofort in den germanischen Völker- adcl anfgenoinmcn. ViSmarckö Gehirn. Die„Bcrl. Pol. Nachrichten" bringen allerlei ans einein dcnwächst erscheincildei» Buch: Persönliche Erinnernnge» an den Fürsten Bismarck von John Booth. lieber seinen Gesundheitsznstand gelegentlich des Berliner Kongresses ließ Bismarck sich damals folgendermaßen au?: „Und dann der Kongreß I Ich hatte die größte Lust, gleich wieder von Berlin abzureisen, aber ich sah. daß dann»»ichts zu stände komincn»vürde nnd sie»vieder alle auseinander gehen»vürdeu, wenn ich nicht dabei bliebe. Die g e i st i g e A b s p a n n u n g. in der ich »»ich damals befand, war schrecklich! Ganz abgesehen voi» der Wichtig- kcit der Verhandlungen ist es äußerst angreifend, in einer fremde»! Sprache, wenn»nai» dieselbe auch noch so fließend spricht, sich so korrekt anszndrücken, daß es ohne»veitercs ins Protokoll ans- genommen»verde» kann.— Ich schlief selten vor 6, oft auch erst uin 8 Uhr einige Stunden,»var dann bis 12 für niemanden zu sprechen, und in»vclchcr Verfassung ich dann für die Sitzungen»var, köinicn Sie sich deuleii. Mein Gehirn»vor »v i e eine gallertartige, n n z» s a m in e»» h ä n g c»» d e Masse. Ehe ich i» den Kongreß ging, trank ich zwei bis drei solcher B i e r g I ä s e r a l l ä r st a r k st e n P o r t»v e i n e s(dabei zeigte er auf das in der Hand gehaltene Bierglas), um daS Blut ordentlich in Wallung zu bringen— ich»väre sonst ganz unfähig gelvesen, zn präsidieren." Im übrigen erzählt Bismarck in diesen Erinnerinigen, daß er eimnal 175 Austern verzehrt habe,»md daß alle Gchcimräte mit Stumpf»md Stil ausgerottet»verde»» müßten.— Prügel muff sein? In der„Post" finden wir eine sehr schöne, /lehrreiche nnd tiefsinnig-scherzhafte Betrachtung über die revolutionäre 'Socialdcmokratic. in der allerlei Vermischtes durcheinander geioirbelt »vird. Ain Schlüsse heißt es: «Die Partcigröße,»vclche offen von der revolutionären Idee abließe,»vürde leine Truppen hinter sich behalten. Wird sie unbequem, dann fliegt sie einfach hinaus,»vie ' einst Lütgenaii, als er in einem Ä u g e n b l i ck e rein ,n e n s ch l i ch e r E n t r ii st»l n g über das schändliche Attentat des Mordbuben Lncchciii die Prügelstrafe emvfahl. Welch seltene Ironie des Schicksals, datz jetzt dasselbe Blatt, ivelchcS sich damals am wütendsten gegen Lütgenau geberdete, selbst auf einer Empfchluug der Prügelstrafe ertappt»vird. Die „Deutsche Tageszeitung" fragt, ob nun auch„gelütgeuaut"»verde. Der„Vonvärls" winkt ab, er vermutet, die Beinerkung habe sich wohl a»S einem Reportcrberichte eingeschlichen. Nun ereignete sich aber der Vorfall, an den die„Sächsische Arbeiterzeitung" ihren Prügelrat knüpfte, in den» badischen Orte Fehlinacn, von »vohcr bös sächsische Socialistenblatt sicher kein« Reporter- berichte bezieht. Die Notiz ist einfach von der Redaktion über- noinincii und mit derPrügclbemerkung versehen. Der„Vorwärts" braucht nach keiner Bemäntelung zu suchen. Wird diesmal von der Relegation kein Gcbratich gcniacht, so wird das keinen mehr»vinidern, denn cS ist ja längst allgemein bekannt, daß die Socialdemokratie mit verschiedenem Maße mißt. Liitgeua»!»vor überhaupt schon»»»bequem, deshalb»var seine PrügclbcfüNvortniig nur ivillkoinmeiicr Anlaß, ihn zu beseitigen; die«Sächsische Arbeiter- Zeitung" ist aber ivegen ihrer radikalen Ncignngen gut angeschrieben bei der Centrallcitimg. Deshalb dort erbarniimgslose Strenge, hier milde Großmut für das gleiche Vergehe»" Es ist sehr lustig zu beobachten, mit welcher Treue dies großkapitalistische Gesinde der Socialdemokratie andichtet,»vas Wesen seiner eigenen Welt ist. Danm» müsscn»vir uns plötzlick für die Prügelstrafe begeistern nnd den Schönstcdtschen„Rechtsgrundsatz" vom zweierlei Recht befolgen. In der Snche selbst hätte die„Post" schon gestern in der „Sächsischen Arbeiterzeitung" eine Bestätigung unserer Vermutung finden kömien, daß die Notiz nur versehentlich Auf- nähme gesunden habe und daß die Nedaktio» nach wie vor priucipicll Gegner der Prügelstrafe ist.— Bon, Nordosts«- Kanal.(Privatdcpcsche des„Vorwärts".) Nach vierjähriger Abivescnheit traf der Panzerkreuzer„Kaiser" am Donnerstag mittag in Kiel ein. Tie Nordostsee-Kaiialfahrt hatte fast zwei Tage gedauert. Trotz Schlcpperhilfe lief der Kreuzer unzählige Male fest.— DaS Gocialistcngcsctz kein— Schandgesetz! Es darf ivcnigstciis nicht so genannt werben. So hat jetzt auch daS Dresdener Landgericht als Veruflingsiiistanz entschieden. Genosse Redactcur Eichhorn, der diesen vermessenen Ausdruck in einer Versammlung brnnchtc,»vird die ihm vom Schöffengericht zu- diklicrtcu sieben Tage Hast abbrnmmcn müffen. Tie sächsische Justiz ist eifrig am Werke, daß das von ihr er- lmibtc Wort und das Denken des Volkes immer»veiter von einander geschieden»verde»».— Zwei Gisrnbahnprozessc, die auf die im Betriebe der Reichs-Eisciibahiieu in Elsaß-Lothringen herrschen- den Zustände, insbesondere aus die Unverträglichkeit der am grünen Tisch der Bürcaukratic ausgeheckten Dieiistvorschriftcu mit den Ersordcriiisscu des praktischen Betriebes ein charaklerischeS Schlaglicht werfen, kamen im Verlaufe der letzten Woche vor ocr Strafkammer des Landgerichts Straßburg zur Vcr- haiidlinig. Im ersten Falle haften sich ein Tclcgraphist. ein Pack- meister nnd ein HilfSivcichcnstellcr ivegen eine's Znsammcnstoßcs zwischen einer infolge eines Mißverständnisses aiif dem EinfahrtS- gclcise eines Straßvurger Bahnhofes stehen gclafscueii Rangier- abteilung und einem cinsahrcnden Güterzug zn vcrantivortcii. Die beiden Erstgenannten»vurdcu wegen»naugelnder Schuldbcwcise frei- gesprochen,»achdcm durch Zeuge»»' festgestellt»vor, daß die Verhältnisse auf dem ii» Betracht kommenden Bahnyos dcnBerkchrSa>»fordcr»ngcn längst nicht inehr entsprechen und an die Statiousbeamten tciiiveise derartige Anfordennigen stellen, baß die Dicustvor- s ch r i f t e n so,»vie sie ans dem Papiere stehen, Überhaupt nicht ausgcsührt werde» riiliiicn. Ließ dock, einer der Angcschnlbigteir vor Gericht konstatieren, daß bei buchstäblicher Einhaltung der Dienst« Vorschriften ein StationSbeamtcr zeiüvcise iii ein und demselben Augenblick gleichzeitig an beiden Cnde» des Bahnhofes gcgeuwiirtig fei» müßte. So ergaben sich denn auch kür den letzte» Angeklagien eine Reihe von mildernden Umständen, auf Grund deren ihn das Gericht zil der gcriugstcu zulässigen Strafe v o n einem Tag Gefängnis vcruncilte. Im zivcitcn Falle ging ein Rangiermeister als Sünden- bock ans der langen l'lntcrsnchniig hervor. Er halte entgegen der Dienstvorschrift in der Nähe eines Hanptgcleiscs Rangiermanöver ausgeführt, obivohl das Signal für cincii auf demselben einfahrenden Güterzug bereits gegeben»var. Dadurch geriet eine rollende Wagen- obtcilmifl dem letzteren in die Flanke und verursachte einigen Material- schaden. Die Verhandlung endigte zwar mit der Veniri eilung de- Augcllagtcu, und zwar zum Strafminimum von einem Tag Gefängnis, ergab jedoch eine solche Menge von Mildenmgsgrnndeu, dasz selbst der Staatsauivalt, dem Mist- v e r h ä l l n i s zwischen praktischem Dienst u n d den am g r ii n e n T i s ch e n t st a n d c n c n D i c n st v o r s ch r i f t e n den grösteren Teil der Schuld beimessend, dem Gericht die Frei- sprechung deS Angeklagten anheimstellte. Der Gerichtshof bedauerte, durch das Gesetz verhindert zu kein, die geringfügige Ler- fchluug mit einer kleinen Geldstrafe ahnden zu können. Ausland. Kämpfe in Togo. Von dem Gouverneur von D a h o m e ist folgendes amtliche Telegramm in Paris eingegangen: „Um den Widerstand' zu brechen, welchen die eingeborenen Kafiris der mit der Abgrenzung von Togo dcschäftigtcn'deutsch- französischen Kommission entgegensetzten, haben sich die deutsche und die französische Abteilung in völligem Einvernehmen nnd unter der Leitung des frauzösiicheu Kommissars Majors Els genötigt gesehen, sich mit Gewalt den Weg zn bahnen, und haben am 17. September in der Umgegend des Torfes Lama mehrere Gefechte liefern müsse», in welchen die Eingeborenen znnickgeivorfen wurden nnd beträchtliche Vcrlnstc erlitten haben. Wir haben unsererseits nur den Tod eines eingeborenen Reiters zu beklagen.* Von deutscher Seite ist über diese neuen KoloniaMcblichleitcn noch nichts bekannt gegeben worden. Krawalle in Algier. Mittwochabend wollten der frühere Bürgermeister Max NögiS und seine Auhängcr vor dem Militärklub, wo eine AbschicdSfcstlich- keit für den auS dein Dienst scheidenden General Larchcy stattfand, eine Kundgebung v e r a n st a l t e n. Sie begaben sich, als sie von der Polizei zurückgedrängt wurden, nach dem Inden viertel; hier kam es zu einer Schlägerei, bei der auch Ncvolvcrschüsse fielen. Die Juden erwiderten die Schüsse. Die Polizei»nihte von den Waffen Gebrauch machen; zwei Polizisten und ein Polizei-Jnspcktor erlitten Verwundimgen. Regis suchte darauf nach der„Villa Antijnive" zu gelangen, fticst aber an den Thoren von JSly aufs neue auf die Polizei; es entstand w.. der ein Handgemenge, bei dem zwei Personen verletzt wurden. Lisgis und seine Leute setzten ihren Weg fort, hatten aber vor der„Villa Anti- juive" umMittermachteincnncucnZnsammenstostmitderPolizci, bcidcm rine Anzahl Personen verwundet und sechs verhaftet wurden, Diegiö ersuchte darauf seine Anhänger. ihn zu verlassen. UNI sich nicht den Schüssen der Polizei auszusetzen. falls er belagert werde. Seme Anhänger gingen darauf nach der Stadt zurück, wo sie einen abermaligen Zusamnienstost, diesmal mit der Gendarmerie, hatten. auf die sie Steine geschleudert haben sollen. Vom Donnerstag wird tclegraphisch gemeldet: Ein Erlast deS Gouverneurs verbietet Zusammenrottungen mit dem Hinzufügen, dast dieselben mit Wastengewalt, nach Aufforderung auseinander zu gehen, zerstreut tverdcn würden. Die gcstcrir ver- hafteten Personen sollen unverzüglich unter Anklage gestellt, die erlassenen Haftbefehle nötigenfalls mit Hilfe der inilltärischcn Macht vollzogen werden. Militärpatrouillen durchziehen die Stadt. Oestreich«Ungarn. Wien, 21. September. Die„Neue Freie Presse' meldet, eS unterliege kaum mehr einem Zweifel, daß eine Ministerkrise sich vorbereite und deren Ausbruch nahe bevorstehe. Unter den Namen der Persönlichkeiten, welche als künftige Leiter der östrcichifchen Regierung genannt werden, trete jener des Fürsten Alfred Liechteustcin immer mehr in den Vordergrund. Wien, 21. September. Die.Wiener Zeitmig' veröffentlicht die Berufung von 24 neuen Herren haus Mitgliedern auf Lebensdauer, darunter sind die ehemaligen Minister v. Bochm- Bawerk, Koerber. Madeyöki und Stciubach. ferner Prof. Lammasch Ober-Ingenieur Männlicher und der Direktor der Kreditanstalt Mauthner.— Schweiz. Bern, 20. September. sEig. Ber.j Endlich ist der Nachfolger für den zurückgetretenen Bimdesamvalt S ch e r b gefunden. Der Bundesrat hat den Präsidenten des Züricher Obergerichts, Herrn O. Kronauer zum BundcSanwalt gewählt.' Derselbe ist ein eingefleischter Liberalkonscrvativer mit aristokratischer Gesinnung. fleißiger Mitarbeiter der grostkapitalistischc» nnd soeialisteii- totenden.N. Zür. Ztg.* nnd dürste, was das Verständnis für die sociale Bewegung betrifft, auf der„Höhe* seines Vorgängers stehen. Der neue Bundesanwalt war früher Staatsanwalt des Kantons Zürich, als welcher er sehr schneidig aufzutreten beliebte; als Bundes« anwalt wird er voraussichtlich uicht weniger Schucidigkcit entwickeln. Man darf sich also auf eine noch schärfere Praxis der Bundes- anwaltschast, als sie bisher geübt worden, gefaßt machen. Als Jurist wird Herr Kronaucr geschätzt. Yttrtch, 20. September.(Eig. Bcr.s Der K a n t o n S r a t hat In feinen letzten Sitzungen ein neues Erbschaftsstener-Gefetz be- raten und angenommen, daS eine Steigerung der Einnahmen aus der Erbschaftssteuer beziveckt. Ob dasselbe aber Aussicht hat, vom Volke angenommen zu werden, nachdem mehrere bezügliche Versuche mit großer Mehrheit abgelehnt wurden, ist eine andere Frage. Wir werden ans den Inhalt des Gesetzes eingehender zurück'koinmen, wenn es zur Volksabstimmung gelangt.— Frankreich. GalliffctS Bericht. Das„Journal officicl" veröffentlicht das Tckrct betreffend dir Begnadigung Trcyfus' und de» zugehörigen Bericht des K r i c g s m i n i st c r s. General Galliffet. an den Prä« sideulcn L o u b e t. Der Bericht erinnert zunächst daran, dast DrcyfnS schon fünf Jahre der Deportation auSgestandc» habe und bemerkt, wenn er die zehn Jahre, zu denen er neuer- diugS verurteilt sei, zu verbüßen hätte. so würde er eine höhere Strafe erleiden, als die, zn der er thatsächlich verurteilt wurde. Ferner sei DreyfuS' Gciiiudhcit schwer geschädigt und lasse ihn eiue länger dauernde Haft uicht ohne große Gefahr ertragen. Galliffet schließt: Die Regierung würde dem Wunsche des Landes, daS nach Herstellung des Friedens begierig ist, schlecht entsprechen, wen» sie sich nicht bemühte. alle Spuren des schmerzliche» Streitö auszulöschen. Es steht Ihnen zu. Herr Präsident, der Republik das erste Unterpfand für das Werk der Barmherzigkeit zu geben, daS die öffentliche Meinung verlaugt und das Wohl der R e p u b I i k gebieterisch erheischt. Galliffet hat ferner nu daS Heer einen Tagesbefehl erlasse», in welchem es heißt, die Angelegenheit sei nunmehr erledigt. Vor der Thaisache der Beguadigmig müsse sich jeder beugen,>vie alle sich vor dem Urteilsspruch vou Renucs gebeugt hätte». Von irgend welcher Vcrgcltuugsniaßrcgcl dürfe uicht mehr die Rede sein. »Ich richte an Euch die Aufforderung und würde auch erforderlichenfalls befehlen: Vergeßt das, was gewesen ist und denkt nur an die Zukunft. ES lebe daS Heer, welches keiner Partei augehört, sondern einzig und allein Frankreich.* Der französische KriogSministcr würde irren, wenn er glaubt, die Angelegenheit DreyfuS sei endgültig„erledigt". Weder ist die Rech tsfrage erledigt, noch ist die Frage der militärischen Einrichtungen erledigt, welche die Möglichkeit töglichen Justiz- mordcS hundertfach bereiten. Die Regierung Frankreichs mag befriedigt sein, daß eine gewisse Beruhigung eingetreten ist. DaS Volk Frankreichs, so weit es für Recht und Gerechtigkeit kämpft, will deS Verbrechens Wurzel, die Nilitärherrfchast und Militär-Sonderjnstiz, ausroden I Serbien. Belgrad» 21. September. Infolge der sensationellen Eni- hüllungen des Attentäters KnescvicS, daß er mehrere Angeklagte fälschlich beschuldigt habe, dürfte daS Standgericht die Anklage gegen Oberst NieolieS, den Fabrikanten Dimic, den Dnickercibesitzer Stanjovics und den Gemeindebeamten KovaccvicS fallen lassen.— Amerika. New-Aork, 21. September. In Keywcst sind in den letzten 24 Stunden 43 neue Fälle von gelbem Fieber festgestellt worden, jedoch ist kein neuer Todesfall vorgekommen.— Genosse Eduard Bernstein schreibt uns: Geehrte Redaktion I Ich ersuche Sie um gefällige Aufnahme folgender Erklärung: Die„Sächsische Arbeitcr-Ztg.* vom 12. September brachte einen Auszug aus einem Schriftstück stmterzcichnct F. Leßner, worin mir unter anderen nachgesagt wird, ich hätte im Juni dieses JahreL im Komnulnistischen Arbciter-Bildiingsvcrein offen erklärt, daß ich „so lange Engels gelebt habe, unter Engels Einfluß gegen meine Ucberzengnng geschrieben habe.* Ich habe der„Sächsischen Arbeiter- Zeitung" sofort, als ich die betreffende Nummer erhielt, eine Erklärung zugeschickt, worin ich die vorstehende Anschuldigung als eine Unwahrheit bezeichnete. Da die Erklärung bist jetzt noch nicht erschienen ist"), inzwischen aber eine Anzahl Parteiblätter die Lchnersche AnSlassrmg reproduziert haben, sehe ich mich zu folgender weiteren Bemerkung veranlaßt: 1. Fr. Leßner war in jener Versammlung, wo ich die be- treffende Erklärung gemacht haben soll, gar nicht anwesend. 2. In jeircr Versammlung wurde von einer Persönlichkeit, die schon dort vergeblich mit einem langen Schriftstück anrückte, der Versuch gemacht, eine Bemerkung von mir in dem vor- bezeichneten Sinne zu deuten, aber von mir unter Zustimmung der stark besuchten Bcrsaurnilung sofort cn ergisch zurück- gewiesen. 3. Die betreffeude Bemerkung bezog sich zudem gar nicht auf theoretische oder grundsätzliche Fragcir, sondern nur auf den mehr persönlichen Gegensatz zwischen Engels, Aveling:c. einerseits und Hyndma» und dcr Socialdcmokratffchen Föderation andererseits. Mir aus meiner Parteinahme in diesem Konflikt eine» Borwurf zn machen, ist aber niemand weniger be- rufen, als Fricdr. Leßner. DaS wird, denke ich, genügen. Ich ersuche diejenigen Partei- blättcr, welche von der Lehnerschen Beschuldigung Notiz genommen haben, auch die vorstehende Antwort zu reproduzieren, und bin nur neugierig, ob sich nicht neuerdings im Schlafzimmer irgend eines gekrönten Hauptes Beweise für meine Verworfenheit werden finden lassen. London, den 19. September 1899. Ed. Bernstein. Die„Leipziger VolkSzeiiung* schreibt: „Dcr„Vorwärts* beschäftigt sich in dcr ihm eigenen Art mit dem Schlußartikcl unserer>1.-Aussatzreihe: Zum kommenden Parteitag. Unsere geschätzte Mitarbeiterin tvird darauf die Antwort nicht schuldig bleiben. Aber der„Vorwärts" wendet sich auch gegen die„Leipziger Volkszcitung" und schüttet gleich ein ganzes Hagelwetter von furchtbaren Anklagen über sie aus. Es lohnt sich kaum über die zum Hausinvcntar der„VorivärtS"- Polemik gcbörciiden ollen Kamellen ein Wort zn verlieren. Der„Vorwärts* behauptet, daß die„Leipziger Volkszeitimg* die„VerelendmigStheorie verleugnet* habe. Unser geehrtes Bruder- blatt meint nämlich eine Stelle in dem vielerörterten Artikel: Ein holländisches Idyll, dcr einfach das feststellte, tvas bei Marx schon längst zu lesen ist, daß es sich bei dcr VereleuduiigSsragc um ctlvas Relatives handelt, daß ztvar die Lage der Arbeiter dank ihrer Bctvcguiia. dank dem Arbeitcrschutz und dcr ganzen Euttvickelnug, sich hebt, aber trotzdem dcr Unterschied zivischeu dcr Klassenlage dcr Proletarier und der der Bourgeoisie iuniier größer lvird. Dcr„Vorwärts* zeiht n»S ferner des„Verbrechens dcr Voll- Marsche» Agrarpolitik*, obgleich die„Leipz. Volksztg." in der Zeit dcr Agrardebatten stets den von Bebel und Liebknecht vertretciieu Standpunkt in dieser Frage ciiigcnoiiimc» und gerade dem schärfsten und rücksichtslosesten Kritiker der ganzen Agrarsorderiiugen, ParvuS, in ciucr großen Reihe von Artikel» ausgiebige Gelegenheit zur Aussprache verschafft hat. Nachdem der„Vorwärts" uns auch noch kühn unterstellt hat, daß wir„glühende BcgeisteriNigSartilcl für bürgerliche Social- refonncr* gebracht hätten, erklärt er, daß die„Leipziger Volks- zeituiig" auch„ivirkliche Versündigungen gegen die clemcutarcii Erfordernisse dcr Partcitaktik— man gedenke dcr Nichtachtung der Parteibeschlüsse bei den sächsischen Lnndtagöwahlen— ans dem Gewissen* habe. Daß dcr„VorivärtS", nachdein er mit Kolophoninmblitzcii gearbeitet hat. zum Schluß mit dieici» „Argument" herausrückt, bereitet iiiiS keine GeivisscnSpcin. Was wir in dieser Sache gethan nnd geschrieben habe», lhatcn wir als Beauftragte nnd»ii vollen Einverständnis mit den Parteigenossen deS 12. und 13. sächsischen Rcichstags-WahlkrciscS, als Organ der Leipziger Partei, die seit langer Zeit ebenso wie die anders ge« filmten sächsischen Genossen loyal ans dem schiedlich-friedlichen Standpiuikt in dieser taktische» Frage steht. Zum Schluß aber raten wir dem„Vorwärts", dcr sich doch eben nicht durch Schärfe und Klarheit der Stcltnngnahine in den wichtigsten Parteisragen aiiszclchnet, sich nicht über unsere zn- künftige Haliiing den Kopf zu zerbreche». Die„Leipziger Volts- Ztg." ivird das. was sie im Parteiinicrcsie für nützlich hält, jederzeit. loie bisher klar nnd niizwcidciitig vertrete». Durch schale Witzchcn, die nach dcr Studicrlampe riechen und durch halt- lose Unterstellungen, lassen tvir»»s nicht irre inachen." Tie„Leipz. Volksztg." schwört ihre Vergangenheit von gesteni ab und eine nenestc„Nevtsion dcr Pnrtcibcgriffc* ist bei ihr zum Diirchbruch gelangt. Hatten wir uns doch den Scherz erlaubt, niiserer Meinung über einen gewissen Scheinradikalismus gerade vermittelst einer Äenßernug Anödruck zn geben, die dcr leitende Rednetenr dcr„L. V." vor nicht langen Jahren an hervorragender Stelle gc- than hat: „Unsere revolutionäre Politik darf nicht in gcschlvollcnen Kraft- Phrasen bestehen, durch psclidv-radikalc Einwürfe dürfen wir uns nicht beirren lassen." ES ist uns ein leichtes, die absolute Richtigkeit unserer Behauptungen gegenüber der„Leipz. Volksztg." altenmäßig zu er- weisen, tvciiii die„Leipz. Volksztg." es wünschen sollte; sie wird es aber nicht wünsche», deiin sie weiß, daß sie nur nötig hat, sich bei» ihr merkwürdig verhaßten Geruch dcr Studierlaiiipe für ein paar Augenblicke behutsam auszusetzen und ihre alten Jahrgänge zu durchblättern, um ihr früheres Wesen, das sie jetzt vergeblich ab- lchwört, wieder zu entdecken. Wünscht sie unsere Beihilfe, wir stehen zu Diensten. Die Transvaalkrisis. Der Führer der Liberalen. Hareourt, hielt am Mittwochabend in einer Versammlung seiner Wähler eine Rede, in welcher er die Versuche eines Teiles der Presse, die jetzige Lage zn verschärfe». mißbilligte. England sei außer stände, die allgemeine Sonzeräuität ') Die„Sächs. Arbeiter- Zeitung* hat die RichtigsteNniig Bern- stcinS gebracht; offenbar tvar die betreffende Nummer bei Absendung des obige» Schreibens noch nicht in Bernsteiiis Händen. Wir hatten von dieser Angelegenheit absichtlich keinerlei Notiz genommen. über Transvaal zu verlangen, während Präsident Krüger seinerseits nicht die Stellung eines Souveräns in internationalein Sinne ver- langen könne. Weiter erklärte Redner, es liege kein casu» belli lKriegsgrimd) vor, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß eine be- schämende Wendung vermieden werde. Kundgebimg der Afrikander. D r e i u n d f ü n z i g der Afrikander-Partei angehörige Mit- glieder des KaPparlamentS hielten eine Versammlung ab und sandten folgendes Telegramm an den Präsident e n Krüger:«Wir sympathisieren durchaus mit uiisern Vettern in Transvaal in ihrer Bedrängnis. Wir würdigen die im Interesse des Friedens bereits gemachten Zugeständnisse, weisen aber zugleich darauf hin, daß es sich'empfiehlt, von der Aufopferung dcr Unabhängig- lcit abgesehen, das Aeußerste zu thnn, um die Schrecken des Krieges abzuwenden. Wir stimmen dem zu, daß die von Chambcrlain vorgeschlagene gemeinschaftliche Unter- suchrnig nicht vom RechtSstandpunkte ans verlangt werden kann, glauben aber, daß eine solche Kommission den AnSweg ans den Schwierigkeiten einer rasch herannahcndeu KrifiS liesern würde, die Folgen habe» würde, welche nicht allein für uiisere Brüder in Transvaal und im Oranje- Freistaat, sondern auch für die Afrikandcrpartei in der Kap- lolonie verhängnisvoll sein könnten. Wir bitten Euer Ehren, diese Worte, die nur von dem lebhaften Gefühle unserer ge- meinsanien Jntereffen und Gefahren eingegeben sind, dein Aus- führenden Rate und dem Bolksraad vorzulegen*. Präsident Krüger gab hieraus ans Pretoria folgende Antwort: „Ich bitte Sic und alle, die Ihre Ansicht teilen, davon Notiz zu»ehmeii — wie Sie ja ztveifellos schon ans unserer Anttvort an die britische Regierung ersehen haben werden—, daß tvir entsprechend Ihrem Wunsche die Angelegenheit erwogen und die Eiuladiing zu der gemischten Kommission aiigenomme» haben. Warum sich die Annahme verzögert hat. ergiebt sich auS den bereits veröffentlichten Depeschen. Ich danke Ihnen und den anderen Fremideil nochmals herzlich für die Art, in der Sie uiisere Be« »lühiingen um eine friedliche und befriedigende Lösung unterstützt haben, und möchte zum Schluß dcr Hofsiinng Ausdruck geben, daß Ihr und iinscr Bemühen nicht fruchtlos sei» uiöge. Die Vcrsamiiilnng nahm folgende Resolution an: Die heutige Versammlung hat mit großer Befriedigung erfahren, daß dcr Aus- führende Rar von Transvaal die Eiuladiing zn der gemischten Kom« Mission aiigenomme» hat, und sie hegt das Vertrauen, daß diese A n n a h m e de» Ausbruch von Feindseligkcltcu«»möglich machen werde. Die Stcllilligilahmc deS Oranje-Freistaates. Dcr Gonverneur der Kapkolonie Milner tele- graphicrte Dienstagabend an den Präsidenten des O r a» i e- FreistaatS Stcijn, die Vorwärtsbewegung der britischen Truppen an die Grenze sei nicht gegen den F r e i st a a t gerichtet, und habe auch ihre» Grund nicht in Befürchtmigen Vörden Absichte» deS letzteren. England hege»och immer die Hoffnung ans eine friedliche Beilegung der Streitigkeiten mit Transvaal. Aber falls diese Hoffnung unglücklicherweise getäuscht werde, so versehe sich Eng- laiid zu dem Freistaat, daß derselbe völlige Nentralität beobachten mid eine militärische Intervention seiner Staatsangehörige» verhindern ivcrdc. England sei bereit, die formelle Znsicherung zu geben, daß in diesem Falle die Integrität des Freistaates durchaus geachtet werde. Es sei völlig»iiivahr. daß England die Uiiabhängigkcit de? Freistaates zu schmalem beabsichtige. Stcijn aiittvortete, er teile die Hoffiiniig ans eine friedliche Lösung und sei auch jetzt noch nicht dcr Ansicht, daß nur Gewalt die Angelegenheit zum AuStrag bringen könne. Aber mit Rücksicht auf die bestehende Spannung bedauere er die Entsendung von Truppen. Er ivcrdc thiin, was in sciiicn Kräften stehe, hin die Erregung zu dämpfen, aber wenn an die militärischen Vorbereitungen an der Grenze anschließend der geplante Weg weiter verfolgt werde, so sei es nicht unwahrscheinlich, daß die Burg Hers dies als eine Bedrohung betrachten und ein starkes Gefühl ö?S Mißlrcmcus und der ttnrnhe entstehe» ivcrdc. Wenn sich hieraus u n c r iv ü» s ch t e Folgen ergeben sollten, so liege die Verantwortlichkeit hierfür nichr bei dem Oranje- Freistaat. Ein Telegramm ans B I o e m s o n t e i n meldst, daß dort zahl- reiche Mitglieder deS Raabs eingetroffen sind, um an einer bevor- stehenden Sitzung teilzunehmen. Das Ergebnis der Sitzung wird. ivic man ailiiinunt, dahin gehen, daß dcr F r e i st a a t daS LoS TranSvaalS z» dein seiniacn machen werde. Alle Bnrghcrs find völlig bewaffiict imd ziiin ivfortigcn Avinarsch bereit. »» AnS dem Haag Ivird der„Intern. Korresp.' geschrieben: Die hiesigen mit Transvaal in Verbindimg stehenden Kreise erkläre», den Ausschlag zur Znrnckweisnng der britischen Forderungen habe dcr vierte Punkt gegeben, in welchem die Gleichstellung der englischen Sprache inii dcr holländischen im Bolksraad ver- langt wurde. Hiermit hatte England offenkundig aus- gesprochen, daß es nicht nur die staatliche Selbständigkeit, sondern mich das V o l k S t ii in dcr B o c r c n vernichten ivollc. und dieser Ilinstand hatte auch die zum Nachgeben geneigte Mehr- heit im Bolksraad des Oranje-Frcistaatcs umgestinintt. Andercr- scils hatte man in beiden Staaten die Anschaninig geltend gemacht, daß jede weitere Hinansziehung der KricaSerkläning»ur den Engländer» nütze, während dieselben augenblicklich ihre Vor- bereitungen»och nicht beendet haben. Man glaubt deshalb hier, daß die Bocrcn unverzüglich zum Angriff über- gehen werden, und zwar würden die Oranje-Truppen sofort in das Kapland vorrücken, um auch unter dcr dortigen Boeren- bevölkernng AnShcbiiiigcn zn veranstalten nnd nciie Regimenter zu bilden. Die TranSvaal-Triippe» würden dagegen teils in Natal und Rhodcsia einrücken, teils eine starke Mackr an die portugiesische Grenze stellen, lim in demselben Augenblick, in welchem dcr erste englische Soldat in dcr Dclagoa-Bnchl landen würde, sofort Lanrenzo Marques zn besetzen. Dortsclbst hofft iiian dann in kürzester Frist gelingende Mengen Geswütz ansstcllen zn können, um die Landiing vrilischcr Truppe» überhaupt zu verhindern. I» diesem Falle würde Transvaal vor einem Angriff von dcr Seite»»d im Rücken gedeckt sei», mid lömite man de» Engländern in Natal und in Kap- land unter ivcitaus günstigeren Bedingungen für die Boeren den Kampf anbiete»._ Zum Parteitag. Ans der Kreiskoiiferenz in E o S w 1 g bemerkte K ä b p l e r zur Frage der Parteitaktik: Er stehe Bernstein freiindlich gegenüber. Ivenn er auch nicht alles nnterscheeibe. Die Qnintcssenz dcr Venistcinschcu Schrift sei die Waninng vor FataliSinns, VlnilqiiiSiiiliS iiiib Kampf gegen die Scichtigkcit in der Partei. Wcim Bernstein unterschoben werde, er wolle das sogen. Endziel aufheben, so habe Redner dies nicht gefunden, im Gegenteil kämpfe auch Bernstein für die politische Macht. Diese Ausführungen K/s fanden keinen Widerspruch und wurde Genosse Käppler zum Delegierten für den Parteitag in Hannober gewählt. Eine Parteiversammlung in Fürth, in der G e g i tz referierte, nahm folgende Resolution an: Die Versaminlinig erklärt sich mit den AuZführnngen des Refereiiten in allen Punkte» einverstanden. Zur Aenderung des Parteiprogramms ist zur Zeit kein ausreichender Grniid vorhanden. Nichtsdcstoivcuigcr muß das Recht der freien Kritik den Parteigenossen in jeder Nichtimg unbeschränkt gesichert bleiben. Bernsteins Ein- ivendiUigc» gegen das Parteiprogramm können keine Äeranlnffung bilden, die Zugehörigkeit Bernsteins zur Partei in Zweifel zn ziehen. Die taktische Haltung dcr bayrischen Parteigenossen bei den letzten Landtagsivahlc» findet die Zustimmung der«ersauimlnng. Die verfaminluna erkennt au. daß das Nebereinkommen mit der lentrum»- Partei eine Notwendigkeit war, wobei unsere Genossen nur vom Partei-Jntcresse geleitet wurden. In Köln setzte der socialdemolratische Verein in seiner letzten Sitzung die Debatte über Bernsteins Buch fort. Hofrichter führte zunächst aus: Indem Bernstein die Anlehnung an die bürger- lichen Parteien empfiehlt, schlägt er eine ganz neue Taktik vor. Diese Anlehnung ist der Grundzug, der durch sein Buch geht, und ich kann ihm da nicht folgen. Wenn Bernstein, tvie ja gesagt wird, nichts Neues will, sondern nur mehr praktische Thätigkcit befür- wortete, wäre ich der letzte, der dagegen ist. Die Demokratie, die Bernstein malt, ist in der ganzen Welt nicht zu finden. Und die Socialdemokratie mag vor zehn Jahren einmal so ausgesehen haben, wie er sie zeichnet. Jedenfalls ist in der Socialdemokratie der Glaube an die schöpferische Kraft der Gewalt nicht mehr vorhanden, und an Revolution im Heugabelsinne denkt kein Mensch mehr. Die Aera Stumm-Posadowsky mit ihrem Zuchthauskurs und die sächsische Wahlrechtsverschlechterung hält er nicht wie Bernstein nur für Zuckungen der Reaktion, sondern für typische Erscheinungen unserer politischen Verhältnisse. Die Demokratie im Staatswesen vennindere sich, und die brutale Gewalt gegen die Arbeiterklasse nehme zu. Mit der Erringung der wirtschaftlichen Macht sei es allein nicht gethan; mit ihr müsse die der politischen gleichen Schritt halten. Sobald die bürgerliche Gesellschaft sich durch Konsumgenossenschaften der Arbeiter bedroht sehe, werde sie die gleichen Mittel anwenden wie gegen die Socialdemokratie. Der Redner schliefet: Was Bernstein Anerkennenswertes sagt, hat die Socialdemokratie schon lange befolgt. Wo er Neues will, kann ihm die Partei nicht folgen. Sie hat keine Ursache, von der bisher geübten Taktik um Haaresbreite abzuweichen. I_ Meerfeld hält dem entgegen, Bernstein sage selber, dafe eine wirkliche Demokratie nicht existiert, und meine nicht eine Demokratie, die sich nur so nennt, sondern eine wahre Demokratie auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft. Der Redner gesteht Bernstein zu, dafe er die deutschen Verhältnisse richtig beurteile. Früher habe man die Zusammenziehung der Produktion schneller erwartet als sie eintrete. Die Aufsaugung der Kleinbetriebe gehe nicht in dem , angekündigten Mafee vor sich; und die Frage, ob der Kleinbetrieb in der Landwirtschaft lebensfähig ist oder nicht, sei noch nicht gelöst. Erdmann vermifet in den Ausftthrnngen Hofrichters den Nach- weis, auf den es in der ganzen Frage in erster Linie ankomme: der- wirft Bernstein die Grundlagen des Socialismus und will er eine neue Taktik? Beide Fragen müsse er verneinen. Bernstein lasse den Klassenkampf bestehen, er dränge zur Erreichung der politischen Macht und halte die socialistische Gesellschaft für notwendig. Und die Bernsteinsche Taktik bestehe in weiter nichts, als in der Empfehlung. noch mehr als bisher auf allen Gebieten des politischen und Wirt- schaftlichen Lebens sich zu bethätigen. Coenen stimmt dem zu, was Bernstein über die Krisen, die Verelendung und den Zusammenbruch sage. DaS Bürgertum in Deutschland beurteilte er falsch, aber ohne Zweifel Iverde die Zeit kommen, wo auch bei uns die Gesellschaft eine andere Stellung der Arbeiterbewegung gegenüber einnehme als bisher.— Es reden noch Hofrichter, Mccrfcld und Erdmann; dann wird beschlossen, die weitere Debatte bis nach dem Parteitag zu verschieben. Eine Parteivcrsammlung für den Wahlkreis Köln-Land nahm folgende Resolution an: „Die heutige Parteiversammlung des Kreise? Köln-Land sieht keine Veranlassung, dafe die Partei ihre Taktik einer Aenderung unterwirft. Sie erwartet von dem Parteitag eine vorläufig ent- scheidende Stellungnahme und wünscht, die Diskussion über diese Frage offen zu lassen." GmvevKTaiÄftliiTzvs. Berlin mit» Umgcgcnd. Zur Anösperrnng der Stcinarbeitcr. Die Unternehmer des deutschen Steinmetzgewerbes sind am Mittwoch in Dresden zusammen gewesen und haben Beschlüsse von weittragender Bedeutung gefafet. Danach sind alle Verbandsmitglicder verpflichtet worden, bis zum 7. Oktober die mit ihren Arbeitern- bestehenden Arbeits- Verhältnisse zu löse», dainit sie, die Unternehmer, auf ihrer zum 7. Oktober anberaumten Haupt- Versammlung vollständig freie Hand haben. In dem EinigungS- verfahren vor dem Berliner Gewerbegericht ist bekanntlich eine Frist von vierzehn Tagen zur Festsetzung des Tarifs, welcher vom 1. März 1900 an gelten soll, gestellt worden. Bleiben nun die gegenwärtig in Berlin zwischen Unternehmern und Arbeitern gepflogenen Verhandlungen ergebnislos, ergebnislos vielleicht, weil die Unternehmer absolut nichts bewilligen wollen, dann scheint die G e n e r a l a u s s p e r r u n g aller Steinmetzen in Deutschland geplant zu sein. Vorläufig bleibt nach dem Bcschlufe der Unternehmer die Aussperrung mindestens bis zum 7. Oktober weiter bestehen, ferner werden überall Kündigungen erfolge»: auch ncüssen die„Arbeitswillige n", die hier in Berlin den Kämpfenden in den Rücken gefallen sind, nunmehr die Stätte ihrer Wirksamkeit wieder verlassen. Achtuug, Holzbildhauer! Wegen Nichtbcwilligung der ge- stellten Forderungen sind Kollegen folgender Werkstätten in den Ausstand getreten: Vogel, Nixdorf, Kuesebcckstrafeo 15; Tittmann, Büschingstr. 7: Bartz, Fricdrichsbcrgecstr. 10; Krüger, Grüner Weg 43; Beyer, Britzerstr. 7; Bocho, Lnngestr. 3S; Bensing, Andreasstr. 39; Peth, Memelcrstr. 31; Göhre, Wasserthorstr. 22; Seifert u. Wolf lBourgett), Fruchtstrafee 3ö; Brunzlow, Neue Koiiigstrafee 15; Schulz, Ziegclstrafee 30; Jncquemin, Alte Jakobstrafee 88; Kirschner, Adalberlstr. 42; Grix, Pallisadcnstr. 57; Kramer, Koppcn- strafee 60; Solontz, Rirdorf, Kncscbcckstr. 115; Fiedler, Lniscnufer 12; Schoh, Mariannenftrafee; Brandenburg. Wilhelmstr. 124. Es wird ersucht, diese Werkstätten streng zu meiden. Meldungen, auch der Firmen, welche bewilligt haben, sind umgehend an die Lohukommlssion, Köpnickerstr. 62(Restaurant Spiclberg, Telephon Amt II 3932), in der Zeit von 9—1 und 3—7 Uhr zu richten. Die L o h n k o m m i s s i o n. Posamcutiere! Neu bewilligt hat die Firma Sachs u. Schwarz. Nicht bewilligt haben: Bingcr, Wendel u. Comp., H. Plischke, E. Gustedt, Köstermann u. Zarqnzanski, W. u. G. Kefeler, A. Sinscl, Hoffmann u. Weiland, E. Wagler, Reife u. Burmeister, E. Hoppe, Eisner u. Haussig, Przygode. B. Vollmer, Brehiner, h. Schmidt, F. Ebel Nachf., M. Hoppe. Die nichtbewilligten Firmen sind streng zu meiden. Die Lohnkommission. Tapezierer. Die Werkstatt der Firma T ö p k e, Charlotten- strafee 13, ist nach wie vor gesperrt und bitten wir die Kollegen, den Zuzug fern zu halten. D i e A g i t a t i o n s- K o m m i s s i o n. Au die Töpfer Berlins und der Umgcgcnd. Kollegen! Laut Beschlufe der Versammlung vom 20. Scpteinber wird von jetzt ab in den Zahlstellen die Streikmarke ausgegeben. Wir ersuchen nunmehr die Kollegen, da ihnen alle Bcqucnilichkcit zur Erlangung dersclhen gegeben ist, sich an den Sammlungen zum Streikfonds rege zu beteiligen. Die kurze Zeit, die wir noch bis zum Beginne des Streiks haben, mufe ein jeder eifrigst benutzen, um den Streik- fonds zu stärken, wie auch die Indifferenten aufzurütteln. Um die Agitation intensiver zu betreiben, ist der Obmann der Kommission beauftragt, die Bauten zu kontrollieren, und haben die Kollegen die Pflicht, denselben in jeder Weise zu unterstützen. Von jedem angefangenen Bau ist der Kommission sofort Kenntnis zu geben, sowohl über die Arbeitsbedingungen als auch über die sich bemerkbar machenden Mifestände. Der Obinann der Kommission ist zur Entgegennahme derartiger Meldungen, sotvie zur Ausführung der schriftlichen Arbeiten täglich von 3 bis 7 Uhr nachmittags in der Hauptzahlstelle Neue Friedrichstr. 20, Restaurant Preufe,(Telephon: Aint V, Nr. 1735) anwesend. Die Loh nkom Mission. I. A.: H. David. Die Vertreter der streikenden Isolierer und Rohrmuhüllcr, die gemäfe dem Versannnlungsbeschlnfe vom Montag der Einladung des Gewcrbegerichts zu eitler Borbesprechung gefolgt sind, haben sich mit einer Verhandlung vor deni Eiuignugsamt einverstanden erklärt. TaS Gewerbegericht wird jetzt die Unternehmer zu ciucr Erklärung auffordern. Der Teppichfabrikant Feibisch ist zu einer Verhandlung vor dem Einigungsamt nicht geneigt; er behauptet, daß er zur Zeit auf die Arbeitskräfte der Streikenden nicht angewiesen sei, weil er genügend Arbeiter zur Verftigung habe. Dagegen hat der Herr er- klärt, dafe er geneigt wäre, freiwillig und nach Belieben eine Anzahl seiner alten Arbeiter eventuell wieder einzustellen. An eine Be- willigung der Forderungen hat er augenscheinlich nicht gedacht. Deutsches Reich. Ter erste Kongreß der Lithographen Dentschlauds hat am � 17. und 18. September in Leipzig stattgefunden. Es waren 35 Delegierte aus 25 Städten anwesend, aufeerdem von der Gcneralkomniission der Gewerkschaften Legten- Haniburg, und vom Verein der Lithographen, Steindrucker und Berufsgenosseu Deutschlands S i l l i e r- Verlin und Ries- Nürnberg. Die Leiter eines kürzlich begründeten besonderen Lithographenvcrcins waren nicht erschienen. Zum Vorsitzenden des Kongresses wurde Tischen- d ö r f e r- Berlin gewählt. Die Tagesordnung enthielt Vorträge über die Bcrufsverhältnisse und die Organisation der Lithographen, sowie deren Stellung zur Privatlithographie. Ucber die.�Berufs- Verhältnisse der Lithographen" hielt Tischendörfer-Berlin das Referat, welches durch gut ausgearbeitete Berichte der Delegierten ergänzt wurde. Der Kongrefe mnfete, trotz fortgesetzt guter Geschäftslage, eine herabgehende Entwicklung dieser Verhältnisse konstatieren und stellte entsprechende Forderungen zur Verbesserung derselben auf. Ucber die„Organisation der Lithographen" referierte Pfeiffer- Fürth, wobei sich der Kongrefe für deren Eintritt in den seit 10 Jahren bestehenden Verein der Lithographen, Steindrucker und Bcrnfsgenossen Deutschlands entschied. Derselbe soll dadurch auf- gebaul werden, dafe die Filial- und Sektiousbildungen für Litho- grnphcir gefordert und die Zahl der Lithographen in den Verwaltungen der übrigen Zahlstellen, sowie im Haupt- vorstände allmählich bis zur Hälfte ihrer Mitglieder erhöht werde. Die Lithographen Deutschlands sollen weiter mit einem Ver- trauenSkomitee verbunden werden, welches aus den Kollegen des Hauptvorstandes und � der Verwaltung der Lithographen- filiale in Berlin besteht. Die„Stellung zur Privat- lithographic" behandelte Dübelt- Berlin, welcher die anfecrordeutliche Vermehrung und die grofeen Schäden der- selben beleuchtete und die möglichste Beseitigung dieses Zwischenmeistertums, das sich fast wie in der Konfektionsindustrie ausgebildet habe, forderte. Die Grundgedanken aller Referate wurden mit den Forderungen in ausführlichen Resolutionen zum Ausdruck gebrnchr, welche nach lebhafter Diskussion mit etlichen Abänderungen einstimmig angenommen wurden. Die übrigen Anträge auf Vornahme statistischer Erhebungen ühcr die Lage der Lithographen, Verbesserung des Fachblattcs zc. fanden ebenfalls einstimmig Annahme. Der nicht vertretene neue Lithographenverein wurde vom Kongrefe ersucht, nach dem nun nach den Wünschen der Lithographen erfolgten Ausbau des bisherigen Vereins in deniselben aufzugehen, um eine Zersplitterung zu vermeiden, llebrigens erklärte Legien-Hamburg u.a., dafe der sogenannteSondcrvercin von derGencral- kommission derGclvertschaftenDeuffchlands nicht anerkannt werden kann. Zum Krcfcldcr Färbcvstrcik erhalten wir nachstehenden Situationsbericht: Jin letzten Bericht teilten wir mit, dafe der Ans- stand gröfecre Dimensionen angenommen habe, da die Arbeiter mehrerer anderer Färbereien sich mit den Streikenden solidarisch erklärt hätten. Die Unternehmer sind derart mit Aufträgen über- häuft, dafe eine längere Daner deS Streiks ausgeschlossen ist, ivcnn es ihnen nicht gelingt, anderweitig die Seide gefärbt zu erhalten. Znni Teil war es den Unternehmern gelungen, andere Arbeitgeber für die Förderung ihrer Interessen zu gewinnen. Auf den ersten Blick erscheint dieses nnwahrscheinlich. da die betreffenden, vom Streik betroffenen Firmen, die größten dieser Branche in Krefeld sind und die kleineren Firmen ein gewisses Interesse daran haben, dafe die grofeen möglichst von der Bewegung mitgenommen werden. Erst während des Aus- stnndes Ivurde es bekannt, das auch die Färbcrcibcsitzcr, wie die meisten hiesigen Arbeitgeber, eine Koalition geschlossen hatten und infolgedessen vcrpflichter sind, sich gegenseitig zu unterftützeir. Die noch nicht vonc Streik betroffenen Färbereibesitzer sträuben sich gegen die Zumutung, dafe sie für die gesperrten Betriebe Seide färben, entschieden und geben auf Ehrenwort die Erklärung ab, dafe dieses nicht der Fall sei. Was jedoch auf derartige, ehrcnwörtfiche Erklärungen zu geben ist, wissen wir vom Sammettvebcrstreik. Es ist diesen Unternehmern aber auch leicht gemacht, derartige Erklärungen abgeben zu können, da sie nicht direkt an diese Finnen, sondenr an von diese» errichtete Centralstcllcn liefern. Bei den Streikenden wendet man von feiten der Arbeitgeber alle möglichen Mittel an,»in sie uneinig zu»lachen. In ihren Wohunngen werden sie aufgesucht, um sie zur Aufnahme der Arbeit zu bcivegcn. Man verspricht einen Wocheulohn von 30 M. und sonstige Vcrgüitftignngen, aber bisher Ivar alles dieses vergebens. Die Arbeiter stehen einig und geschlossen, tvie am ersten Tage deS AusstnnbeS und an dieser Einigkeit werden alle von den Unter- nehmern angeivandtcn Mittel ivirkungslos abprallen. Die Arbeiterschaft Deutschlands aber ersuchen wir, uns kräftig zu unterstütze», damit das, ivas in der schwarzen Ecke au Organisationen geschaffen ist, nicht wieder verloren geht. Zuschriften richte man an R. Ponllmanns, Geldsendungen an E. Wintert' erg, beide im Streillokal G. t e r Stein, Kronprinzcnstr. 122, Krefeld. Ter Manrcrstreik in Liincbtlvg ist, entgegen den Meldungen bürgerlicher Blätter, noch nicht beendet. Der Streik in den Lochmann'schcn Musikwerke» in Lcipzig-Gohlis dürfte, nachdem die Direktion es abgelehnt hat, das Gewcrbcgcricht als EinignngSamt anznrnfcn, von längerer Dauer sein. Die Arbeiter sind fest entschlossen, auszuharren, es sind nur fünf ungelernte„Arbeitswillige" vorhanden. Tie Streikenden haben sich an diejcvigen Orte gewandt, Ivo die gleichen Arbeiten hergestellt werden; und es wird dafür gesorgt werden, daß die Fabrik Musiktcile von anderwärts nicht erhält. Ausland. Die Buchbinder in St. Gallen sind in eine Lohnbewegung für Erhöhung der gegenwärtigen Löhne um 10 Proz. eingetreten. Die Untcrnehnier offerieren 5 Proz., worauf die Arbeiter nicht ein- gehen. Die Stickerei-Judustrie in St. Gallen blüht und prosperiert aufeerordcntlich und da sollten auch die für sie arbeitenden Buchbinder einen ordentlichen Lohn erhalten. Ans Le Crenzot wird gemeldet: Hier ist am Donnerstag ein allgemeiner Streik der Grubeuarbeiter�zum Ausbruch gekommen. Die Ausständigen demonstriere» in den Strafecn, ohne sich Ungehörigkeiten zu Schulden kommen zu lassen. Zwölftauscnd Arbeiter der verschiedenen Berufszweigc in Havanna haben die Arbeit niedergelegt. Hebungen der Statihalterei keine Steuerpflichtigen, die über mehr als das Maximnlcinkonlmen von 600 fl. verfügen. Die Gesetzvorlage wurde an den Landtag zurückgeleitet. Ans trov Fvnnvnbetvegung. Der Verein fiir Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hat seine nächste Vereinsvcrsamnilung am Montag, 25. September, in den Arminhallen, Kommandautenstrafee 20. Frl. Ida Altmann wird über das Thema:„Moderne Mädchenerzichung" sprechen. Zum Professor der Hygiene und Krankenpflege an der Universität von Texas ist eine junge Schwedin, Hanne Kindbarn- ernannt worden. Die Gcnieindcwahlrcform für Nicdcröstrcich, welche nur den verheirateten stcucrzähkcnden Frauen das aktive Wahlrechtz zu- erkennt, wird der Sanktion nicht zugeführt, weil es sich herausgestellt hat, dafe für den vierten Wahlkörpcr, der ans allen Pcrsonaleinkommen- steuerpflichtigen, die fünf Jahre in der Gemeinde scfehaft sind, bc- bcstehcn sollte, keine Wähler vorhanden sind. In vielen kleineren lädten und auf dem flachen Lande giebt es nach statistischen Er- GeviMs �Seitung. Zwei Hundegeschichten beschäftigten gestern fast gleick, zeitig das hiesige Schöffengericht und die neunte Strafkammer des Land- gerichts t. In dem ersten, ganz lehrreichen Falle war die Schau- spielerin Sch. wegen Betruges gegen den Eisenbahn- fiskus angeklagt. Sie hat auf mehreren Reisen ihr kleines Schofehündchen nicht in das Hundeabteil gegeben, sondern mit in das von ihr benutzte Abteil genommen und das auf ihrem Schaffe ruhende Tierchen befördern lassen, ohne dafür zu bezahlen. Die Strafanzeige hat ein von Eifersucht(gegen den Hund?) geplagter Kollege der Augeklagten erstattet und darin behauptet, dafe das Hündchen geflissentlich vor dem Schaffner verborgen worden sei. Der Eisenbahnfiskns, welcher seinen Schaden auf 12 M. berechnet, ist inzwischen von der jugendlichen Schauspielerin, die in gutem Glauben gewesen sein will, voll befriedigt worden und hat dem Gerichte die Mitteilung gemacht, dafe er an der Sache kein Interesse mehr habe. Trotzdem � gelang es nicht, die Angelegenheit schon gestern ans der Welt zu schaffen, der Gerichtshof hielt es vielmehr für geboten, zu einem neuen Termin den Schauspieler, der die Strafanzeige erstattet hat, vorzuladen, um festzustellen, ob die Angeklagte in gutem Glauben gewesen ist, oder aber das Hündchen vorsätzlich vor den Augen des Schaffners verborgen gehalten hat. Man sollte so etwas kaum für möglich halten.— In dem zweiten Falle hatte der Hundehändler August Hermann Fisch gegen ein schöffengerichtlichcs Urteil, welches ihm wegen Betruges einen Monat Gefängnis auferlegte, die Bc- rufung eingelegt. Ein hiesiger Fabrikant hatte durch Zeitungs- anuonccn einen„guten, ivachsamcn, gesunden und scharfen Hund zu kaufen gesucht. Er erstand einen solchen von dem An- geklagten. der versichert hatte, dafe der Hund die geforderten Eigenschaften durchweg besitze. Nachdem der Hund auf dem Hofe an' die Kette gelegt worden war, erschien ein anderer Händler und bot einen andern Hund zum Kauf an. Er kam damit zu spät, der Fabrikant ging aber mit ihm nach dem Hofe hinaus, um ihm das von ihm erstandene Exemplar zu zeigen. Dabei soll dann der„scharf< wachsame" Hund beim Herannahen der beiden fremden Männer den Schwanz eingeklemmt und sich ängstlich in die Hundehütte verkrochen haben, es wird auch behauptet, dafe er keines- Wegs gesund, sondern mit der Räude behaftet gewesen sei. Da der Angeklagte auf mehrere an ihn gerichtete eingeschriebene Briefe nicht reagierte, überwies der Fabrikant den Hund dem Tierschutzverein und erstattete Strafanzeige wegen Betruges. Da die Spuren des Hnndcs inzwischen verloren gegangen sind und der Angeklagte mit Recht geltend machen konnte, dafe die Behauptungen des zweiten Händlers nickt mafegebend seien, da sicjjon einem Konkurrenten herrühren, so hielt der Gerichtshof die Sache nicht für genügend auf- getlärt und erkannte auf Freisprechung des Augeklagten. Ei» angenehmer Schlafbursche. Eine anfecrgewöünkihe Roheit hat sich der Arbeiter Griestowiak zu Schulden koia neu lassen, der gestern wegen gefährlicher Körperverletzung vor der ersten Strafknnnner des Landgerichts I stand. Er wohnte in Schlafstellc bei einer Frau Hoffmnün und gab der letzteren wegen seiner Trunk- sucht und seines ganzen Auftretens wiederholt Anlafe zu Beschwerden. Als es wieder einmal in der Küche der Frau Hofsmann zu einem- lännenden Auftritt kam. bei welchem die Frau dem Angcllagirn eine Bemerkung über seine Nationalität entgcgenwarf, wurde Grieskowiak so ivüteud, dafe er ein Messer ergriff und damit auf die Frau eindrang. Er brachte ihr eine Verletzung am Unterkiefer bei und versetzte ihr dann einen so wuchtigen Stich in den Hinterkopf, dafe die Klinge des Messers abbrach und in der Wunde stecken blieb. Die bluttiberströmte Frau muffte in die Unfallstation gebracht werden. Mit Rücksicht auf die vom Angeklagten bewiesene Roheit und die schwere Verletzung der Frau verurteilte der Gerichtshof den Messer- stccher zu d r e i I a h r e n G e f ä n g n i s. Uetzke TlAchvichken und Depeschen. Kiel, 21. September.(W. T. B.) Der Kaiser und die Kaiserin vo» Rußland sind heute vormittag hier angekommen. Bremerhaven, 2l. September.(W. T. B.) Das neue Kaiser- dock wurde heute vormittag feierlichst an den„Norddeutschen Lloyd" übergebe». Bremen, 21. September.(W. T. B.) Wie„Bösmanns Tclegr. Bureau" meldet, ist aus Aulafe der heutigen Ucbcrgabc dcö ueucn Trockendocks in Bremerhaven seitens der Deputation für Häfen und Eisenbahnen an den„Norddeutschen Lloyd" dem letzleren von Sr. Majestät dem Kaiser aus Suogeholm nachstehendes Glückwunsch- telegramm zugegangen. Dem„Norddeutschen Lloyd", der am heutigen Tage das neue Kaiserdock übernimmt, sende ich zu diesem bedeutungsvollen Akte meinen herzlichsten Glückwunsch. Möchte auch dieser neue Zuwachs seiner Betriebsmittel dem„Norddeutschen Lloyd" zum Segen gereichen und damit zum Wachstum deutscher Macht und Herrlichkeit beitragen. Wilhelm I. Ii." Hierauf antwortete der„Norddeutsche Lloyd": „An deS Kaisers Majestät. Snogcholm. Noch unter dem Eindruck, den der mächtige Bau unseres Dampfers „Kaiser Wilhelm der Grofee" in dem neuen Kaiserdock hervor- gerufen, gestatten wir uns Allerhöchst Eurer kaiserlichen Majestät für die kraftvolle Initiative, der wir das Dock verdanken, sowie gleichzeitig für die huldvollen Glückwünsche zu dem bedeutungsvollen Akte des heutige» Tages unseren tiefempfundenen Dank ehrerbietigst zum Ausdruck zu bringen. Norddeutscher Lloyd. Plate. Wiegaud." Essen a. d. Nnhr, 21. Scptemb.(23. T. 23.) In der heutigen Veiratssitzung des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats wurde beschlossen, die Umlage für daS 3. Quartal dieses Jahres auf 6'/s Proz. festzulegen und die Fördereiuschränkung vom 1. Oktober d. I. ab ganz aufzuheben. Die Richtpreise wurden durchweg um eine Mark erhöht. Anschliefecnd an die Bciratssitzung fand eine Versammluyg der Zcchcnbcsitzcr statt. Nack dem in dieser erstatteten Bericht betrug die ihatsächliche Fördcreinschränknng im Juni 7,48 Proz., gegen 8,48 Proz. im Vorjahr, im Juli 8,12 Proz., gegen 7.05 Proz. im Vorjahr, im August 8,83 Pro-., gegen 9.50 Proz. im Vorjahr. Straffbnrg, 2l. September.(„Franks. Ztg.") In einem hiesigen Hotel erschoß sich vergangene Nacht ein Student der Medizin Scheie aus Leipzig, der Sohn eines dortigen Justizrats. Als Motiv der Tbat wird eine Liebesaffaire angegeben. Wien, 21. September.(B. H.) Der„Prager Politiken" zu- folge mietete» bereits einige Minister Privatwohnunge», lvas als ein Zeichen der bevorstehenden K a b i n e t t s ä n d e r u n g gilt. Prag, 21. September.(W. T. B.) Den czcchischcn Abendblättern zufolge ist die Errichtung einer czechischen technischen Hochschule in Brün» von dem Kaiser genehmigt worden. Die Jugenieur-Slbteilnng wird sofort eröffnet werde». Paris, 21. September.(B. H.) Das Ministerium veröffentlicht eine nationale und internationale Subskription, um Schcurer-Kcstncr ei» Denkmal zu errichten.„. � Earpcntras(Departement Vanclnse, Südost- Frankreich),' 21. September.(W. T. 23.) Trcyfus traf heute vormittag hier ein und stieg bei seinem Verwandten Valabrögue, einem der erfolg- reichsten französischen Lustspieldichter, ab. Haag, 21. September.(W. T. B.) Das Budget für das Jahr 1900 schliefet in den Einnahmen mit 151 Millionen Gulden öS und weist ein Deficit von OVs Millionen Gulden auf, von denen 3»/!! Millionen auf die öffentlichen Arbeiten entfallen. Das 5t ri e g sb ud g et ist um 650 000 Gulden hoher, als in dem letzten Rechnungsjahre. Der Minister hält eine Vermehrung det' Steuern nicht für dringlich._. Veuuitwortl. Redactcur: Scinrick Webker in Grob-Licktersclde. Flir deu Jnscratcuteil verautwortlich: Th. Glocke i» Berlin. Druck»ud Verlag vo:i Dllax Badiua in Bernn.(Hierzu.. Veilac.cu und Iliitcrlialtnugsblatr, Nr. 222. 16. IchrMg. ifeildje des Jonuiiite" Kerlim Wstliltt. NonttttunAles. Stadtverordlictell- Versammlung. 26. Sitzung vom Donnerstag, den 21. September, nachmittags 5 Uhr. Der Stadtv. Dr. B e r g m a n n hat ans Gesundheitsrücksichten sein Mandat niedergelegt. In den Ausschuß für die Vorlage betr. die Erhöhung des Unter- stutzungSfoiids für Studierende au der Berliner Universität ist anch Stadtv. B o r g m a tt n gewählt. Der Ankauf der Grundstücke Alte Jakobstr. 34 und 33 zu einen, E r w e i t e r u n g s b a u des W a i s c n d e p o t s ist vom Magistrat beantragt. Die Veschlnsifnssung darüber muh beschleunigt werden, da die Frist, bis zu welcher sich die Besitzer gebunden haben, bezw. die Ztiindignngen erfolgen müssen, am 26. d. M. abläuft. Der Bericht- erstatter Stadtv. Wallach rügt namens des niedergesetzten Aus- schnsses, daß derartige an einen Termin gebundene Vorlagen fast iuuner so verspätet an die Versammlung gebracht werden.' Er be- richtet, daß der Ausschuß die Notwendigkeit der Erweiterung an- erkannt, aber � ebenso einstimmig die geforderten Preise als ganz horrende angesehen hat. Die Art und Weise, wie der Magistrat durch Unterhändler� derartige Ankäufe zu betreiben pflege, sei durch und durch unpraktisch. Man befinde sich aber in einer'Zwangslage. Die Magistratsvorlage wird angenommen. Nach einer vom 30. Mai datierten, der Versammlung zur Kcnntnisnahttie vorgelegten Zuschrift des Magistrats hat dieser die Gnichmigung des von der Gcwerbcdcputation vorgelegten Orts- statuts betreffend die Krankenversicherung der Hans in dustriellen abgelehnt, will aber die Frage des Er- lasscs eines solchen Statuts nach etwa zwei Jahren wieder in Er- wägung � ziehen. Motiviert wird dieser merkwürdige Beschluß mit der heftigen Gegnerschaft, welche in den beteiligten Kreisen, so wohl der Arbeitgebers als auch der Zwischenmeister und der Arbeitnehmer, gegen ein solches Ortsstatut hervor getreten ist, je nachdem der Entwurf die Beitragspflicht den eigentlichen Unternehmern oder den Zivischeumcistcrn auf- erlegen wollte. Die mit einer derartigen Organisation verbundene Beunruhigung der beteiligten gewerblichen Kreise sei um so mehr zu vermeide», als eine besondere reichsgesetzliche N e gclung der Frage demnächst zu erwarten stehe und eveut. das Qrtsstatut danach sofort wieder geändert werden müsse. Die Besprechung des Gcgenstandez wurde seiner Zeit bis nach de» Ferien vertagt und auch von der Tagesordnung der letzten Sitzung wieder abgesetzt. Stadtv. B o r g m a n n: Durch die Novelle zum Kranken- Versichcrnngs-Gesetz erhielten die Gemeinden das hier in Frage stchende Recht. Leider haben davon die allerwenigsten Gemeinden Gebrauch gemacht, und bedauerlicherweise befindet sich darunter auch eine Gemeinde wie Berlin, in welcher die Hausindustrie ganz außer- ordentlich entlvickclt ist. Eine Reihe rheinischer Städte hat es sofort gethan, so� Köln und Düsseldorf. Unsere Armendircktion hat ebenfalls die Sache benn Magistrat angeregt; in demselben Jahre, wo sie � ihre Eingabe_ machte, haben 27 Orts-Kraukcnkafsen kur Betriebe, in welchen die Hausindustrie vorwiegt, das gleiche be- antragt. Auf Anordnung dts Magistrats ist ein erster Entwurf eines entsprechenden Ortsstatuts ausgearbeitet worden. Der Ausarbeitung ist von der Gesvcrbcdeputatio» eine ganz vorzügliche Denkschrift bei- gegeben worden, welche leider nicht vervielfältigt worden ist. Saint- liche Interessenten sind befragt worden, und auf ihren Aussagen baut sich die Denkschrift und der Entwurf auf. Als daS Ortsstatut aii den Magistrat gelangte, tauchte in den Kreisen der Unternehmer die Meinung auf, cS würde in diesem Entwurf zu viel von ihnen verlangt: sie wurden beim Magistrat in dieseni Sinne vorstellig, der Magistrat gab den Entwurf der Gewerbedeputation zurück, und dwsc beschloß leider die Abänderung, daß nunmehr die Zwischen- meister die Verpflichteten sein sollten. Die Folge war. daß wieder die Krankenkassen mit Gegenpetitionen gekommen sind, und nun will der Magistrat die Sache überhaupt auf sich beruhen llaisen. Den beteiligten Kreisen kann aber mit einem solchen Schritt unmöglich gedient sein. Die Behauptung der Unternehmer, ihnen sollen Lasten auferlegt werden, die sie nicht tragen können, muß ich aufs entschiedenste' bestreiten, Die Vorlage von 18S7, worin eine rcichsgcsetzliche Regelung an- gestrebt wurde, ist in den Papierkorb gewandert: der neue Antrag Heyl, über den dort noch nicht beschlossen ist, enthält aber, wie jene Vorlage, zum Teil wörtlich dieselben Vorschriften, welche die Gewcrbedevutation vorschlug. Die Differenz der Auffassung rührt daher, daß eme bestimmte Definition des Be- griffcs„Heimarbeiter" noch imnier nicht vorhanden ist. Heute werden Leute von den Krankenkassen auf Zahlung verklagt, welche unzweifcl- hast Arbeiter, nicht Arbeitgeber sind. Die Wirkung des jetzigen unerfreulichen Zuslandes ist die, daß die Kassen vielfach nicht bloß ihr Geld verlieren, sondern auch noch die Prozeßkosten bezahlen müssen. Das Ortsstatut verlangt in der Hauptsackie, daß der betreffende Arbeiter versichert wird und daß der Unterarbeitgeber dw Meldung zu machen hat, der eigentliche Arbeitgeber aber die Zahlimgspflicht hat. Nach meinen Begriffen ist Hausindustrie ein auseinander gezogener Großbetrieb, wo die Zwischemneister dieselbe Stellung einnehmen, wie in den Fabriken die Werkführer und dergl. Unzweifelhaft hat danach der Oberarbcitgebcr die Zahlungspflicht. Wenn die neuere Fassung des Statuts das umkehrt, so wird dadurch keine Verbesserung' des jetzigen Zustandes gegeben, sondern den schon belasteten Schichten noch neue Lasten aufgehalst. Eine Schädigung für den Ober-Ärbeitgcbcr ist nicht möglich� die Kontrolle sehr leicht, das wird sich in der Ausschußbcratüng, die wir be- antrage», ohne Mühe feststellen lassen. Nehmen Sie darum diesen unseren Antrag an: es ist eine unbedingte Not- wendigkeit, die Lkrankenversicherung auf die Hansindustrie aus- zudehnen, auch im eigensten Interesse der Stadt Berlin. Nach den Ergebnissen der Bcrnfszählung und den Ermittlungen der Gcwerbedeputation kommen hier nicht weniger als 100 000 Seelen der ärmeren und ärmsten Bevölkerung in Betracht, was auch keine geringe Rückwirkung auf den Etat der Armenverwaltung haben dürfte. Denken Sie auch daran, wie gerade in diesen Kreisen auch die Tuberkulose grassiert! Stadtrat W e i g c rt: Gegen die Einsetzung eines Ausschusses will ich selbstverständlich nichts sagen. Nachdem diese Angelegen- heit uns_ ja über drei Jahre beschäftigt hat und wir nicht zu einem Resultat gekomnien sind, würde es ja sehr erfreulich sein, wenn sich in einem Ausschuß dieser Versammlung ein positives Er- gebnis erzielen ließe. Der Magistrat hat an der Sache das größte Interesse, er war aber zweimal nicht in der Lage, ein Ortsstatut zu genehmigen, weil in Berlin die Schwierigkeiten der Ausgleichung entgegenstehender Interessen weit größer sind, als in' anderen mittleren Städten, wo man übrigens damit auch noch nicht vorgegangen ist, Ter erste Entwurf scheiterte an dem Widerstand der Arbeitgeber, der zweite an dem Widerstand der Arbeitnehmer. Wenn eine solche weittragende Arbeit nicht fried- lich zu stände zu bringen ist, thut man besser, sie zunächst fallen zu lassen, um nicht einen' neuen Herd des Unfriedens zu schaffen. Nach zwei Jahren will der Magistrat ja auf die Sache zurückkommen. Die rcichsgcsetzliche Regelung von 1897 stimnite allerdings ungefähr mit unserem ersten Entwurf überein: aber damit, daß die Regierung damals dieser Anschauung huldigte, ist noch nicht gesagt, daß diese letztere auch die einzig richtige ist. Nachdem in der letzten Thron- rede wiederum eine gesetzliche' Regelung angekündigt war. so haben wir die Sache zurückgestellt, weil event. unser Ortsstatut dadurch sehr bald hinfällig geworden wäre. Stadtv. Borgmann: Wenn z. B. Stettin sich noch nicht über die Frage schlüssig gemacht hat, so liegt das daran, weil diese Stadt und zahlreiche andere auf Berlin blicken und abwarten wollen, wie sich die Sache gestalte» wird. Auf die Reichsregierung und Reichsgesetzgebung zu warten wäre höchst unzweckmäßig und direkt den Rücksichten der Meiffchlichkeit zuwider. Es ist noch cjar nicht gesagt, daß der Antrag Heyl zur Annnhnw gelangt, indem sich die Regierung gegen die bei- läufige Regelung nach dem Antrag Heyl erklärt hat und außerdem die Regelung nur fakultativ erfolgen soll. Der Antrag auf AnSschußberatung wird angenommen. Die Stadtverordneten Singer', Brinks, Vogtherr, TolkSdorf, Borgmann, Wille beantragen: Die Bersanimlimg wolle beschließen, den Magistrat zu er suchen: die infolge des Beschlusses der Stadtverordncten-Versamm- lung vom 13. Dezember 1897 stattfindenden kommissarischen Ver- Handlungen mit dem königlichen Polizei-Präsidium, betreffend die gewerbliche Beschäftigung schulpflichtiger Kinder, nunmehr zum Abschluß zu bringen und das königliche Polizei- Präsidium zu veranlassen, noch' vor Beginn des Winters eine Polizeiverordnung zu erlassen, durch welche in Berlin die gewerbliche Beschäftigung von Schulkindern vor Beginn der Schulzeit und nach 6 Uhr abends, ferner das Feilbieten und der Verkauf von Waren aller Art sinsbcsondcre von. Blumen und Streichhölzern in Lokalen und ans der Straße), sowie die Verwendung von Schulkindern zu Arbeiten aller Art oder zu Schaustellungen in Theatern und sonstigen öffent- lichen Lokalen, endlich das Austragen von Milch, Backwaren und Zeitungen durch Schulkinder verboten wird. Von mehreren Seiten wird Ausschußberatung beantragt. Stadtv. Singer: Unser Antrag beschäftigt' sich mit der partie bcrntkuso, der schlimmsten Seite unseres Berliner gewerblichen Lebens, der Ausbeutung schulpflichtiger Kinder. Unser entsprechender Antrag von 1897 führte zu dem Beschluß, den Magistrat zu ersuchen, mit den: Polizeipräsidium kommissarifche Verhandiungen einzuleiten, welche das Verbot dieser Beschäftigung herbeiführen sollten. Im Januar 1899 erfuhren ivir. daß solche Verhandlungen geschwebt hätten und noch fortgeführt würden. Es ist doch eigentümlich, daß zwei Jahre lang solche Verhandlungen über eine so brennende Frage gepflogen werden müssen. Aus Zeitungsberichten wissen Ivir, daß am Tage nach der Einbringung unseres jetzigen An- träges die Schuldepntation vorgeschlagen haben soll, beim Polizei Präsidium den Erlaß einer Poltzeivcrordnung zu beantragen, wo- nach den Kindern unter 9 Jahren jede' Beschäftigung unter sagt werden soll, denjenigen von 3—14 Jahren die gewerbliche Be� fchästigung abends nach 8, morgens im Sommer vor Ws, im Winter vor 6Vs Uhr. Der Magistrat loll dem anch zugestimmt haben. Wir können, wenn dys richtig ist, pur dem schmerzlichen Be- dauern Ausdruck geben, daß. die Schuldcputation und der Magistrat in diestr Frage auf einem so tiefen Nibeau stehe». Die thatsächlichen Zustände, die ich wiederum Zeitungsnachrichten entnehmen muß, da wir vom Magistrat mit Material in diesen Dingen nicht verwöhnt worden, sind geradezu schreiend, Nach amtlicher Statistik werden mit Aus. tragen von Frühstück 4393, von Milch 1896, von Zeitungen 3669 Kinder, von Wäsche 331, als Lanfburschen, Boten und Austräger 7490 Kinder beschpftigr.. T?as sind., geradezu grauenhafte Zustände, sowohl in hygcnischcr als moralischer Beziehung, wie auch in Bezug auf die Möglichkeit der schulgemäßeu Ulsterweisung der Kinder. Wie soll ein Kind unter 14 Jahren, welches so abgespannt in die Schule kommt, noch so frisch sein, den Lernstoff zu bewältigen? Ich be- greife nicht, daß wir heute noch in der Verwaltung Pädagogen haben, welche solche Zustände dulden. Die ganze Verantwortung hierfür tragen nach unserer Ansicht die verantwortlichen Leiter des städtischen Schulwesens. Fast komisch ist es, daß uns kleine Orte wie Nixdorf in solchen socialen Dingen vorangehen müssen; vielleicht kommen wir noch dahin, eines Tages sagen zu miissen, Berlin liegt bei Nixdorf. lHeityrkcit.) In Nixdorf ist festgestellt, daß 58 Proz.' der gewerblich beschäftigten Schulkinder unter dein Durchschnitt der Schnlleistnngen stehen. Schon 1893 hat Prediger Schönberncr festgestellt, daß von hundert bestraften, in Plötzensee inhaftierten Kindern 70 gewerblich beschäftigt waren. Die Zahl der jugendlichen Gefangenen rekrutiert sich also hauptsächlich aus Kindern, welche keinen regelmäßigen Unterricht erhalten, weil sie gewerblich beschäftigt werden. Der erwähnte Vorschlag der Schnldeputation geht in anerlennenSwertcr Weise in dem Punkte weiter als der uistrige, daß Kinder unter 9 Jahren überhaupt nicht beschäftigt werden sollen. Aber wer in die Verhältnisse tiefer eindringt, weiß, daß dies nur ei» scheinbarer Vorzug ist. Die Zahl der unter 9 Jahren gewerblich Beschäftigten ist nämlich im Verhältnis zur Zahl der Schulkinder überhaupt ganz unbedeutend. In Charlottenburg ist festgestellt, daß von 1000 im ganzen 163, also 16 Proz. Kinder unter 9 Jahren sind. Die Verhältnisse in Berlin gleichgestellt, wenn sie wohl auch noch schlimmer sind, würde in Berlin bei 25 000 Kindern nur 4083 Kinder vollkomniener Schutz gewährt, 21 000 würden ohne Schutz bleiben. Wir behaupten, daß den Kindern von 9 bis 14 Jahren diese gewerb- liche Beschäftigung noch viel schädlicher ist, als den Kinder» unter 9 Jahren. Die'Schuldepntation will nur die Unterstufe schützen. Giebt es denn in der Schnldeputation nicht einen Menschen, der die Verhältnisse kernst? der müßte doch wissen, daß der von ihr vorgeschlagene Schutz gleich Null ist. Bis 6Vs Uhr morgens im Winter und bis 8 Uhr abends sind ja alle Zeitungen, ist alles Frühstück ausgetragen: wo bleibt also der Schutz? Wollen Sie vielleicht sich damit rühmen, jene fast schändliche Beschäftigung bei Schaustellungen in Theatern»nd dergleichen auszuschließen? Die werden ausgeschlossen, das ist richtig. Was nützt dem Kinde der Schutz, wenn seine gewerbliche» Arbeiten beendet sind? Der Beschluß der Schuldeputation beweist, daß die Herren die wirklichen Verhältnisse nicht kennen. Schon vor zwei Jahren hat die Versammlung sich i ni P r i n c i p mit dem Schutz der schulpflichtigen Kinder einverstanden erklärt; aber in der Ausführung stehen wir hinter anderen Kommunen weit zurück, und der jüngste Vorschlag der Schuldeputation stellt uns in die allerletzte Linie. In Gera ist jede Arbeit vor Beginn des Unterrichts für alle Schulkinder verboten, in Hamburg dürfen Kinder unter 12 Jahren vor 8 Uhr morgens und nach 6 Uhr abends nicht beschäftigt werden. In Grünberg ist dieZeit von 7 bis 7 ausgeschlossen. In Spandau ist' in den letzten Tagen auch eine bezügliche Verordnung erlassen worden. Rixdorf verbietet die Verwendung inSchantstättcn und Verkauf von Waren. Vor vollendetem zehnten Jahre dürfen die Kinder überhaupt nicht gewerblich beschäftigt werden. Eine große Anzahl anderer Gemeinden hat sich ähnlich eingerichtet. Der Polizeipräsident von Hannover hält ebenfalls dafür, daß Kinder unter 12 Jahren nicht beschäftigt werden dürfen. Die Frage der Berechtigung zu solchen Verordnungen braucht gar nicht mehr auf- geworfen zu werden. Wo es sich um die Gesundheit, um die Forderung des kostbarsten Gutes der Jugend materiellen, egoistischen Interessen schweige». nicht mit dem Argument kommen, es dürfe Familien nicht eingegriffen werden. Sind jämmerlich, dann miissen Mittel und Wege gefunden werden, den Verdienst der Eltern zu heben, aber nicht soll' die Ausbeutungs-Frei- heit protlanncrt werden. Das Kammergericht hat auch die Rechts- giiltigkeit solcher Verordnungen bereits ausdrücklich anerkannt. Es giebr' thatsächlich Dinge, bei' denen man aus Menschlichkeit nicht auf den langweiligen Gesetzgcbnngsweg warten kann. Der be- stehende Zustand ist in der That unerträglich. Gegen Ausschuß- bcratung haben wir keine Einwendung zu machen; ich hoffe nur, daß der Ausschuß mit positiven Vorschlägen kommt, die auf einer höheren Warte der Einsicht stehen, als die Vorschläge der Schuldcputation.(Beifall.) Stadtschulrat Bertram: Der Beschluß der Versammlung auf den Antrag Borginann von 1897 hat zum Gegenstande die Untersuchung der Mittel und Wege, wodurch die übermäßige gewerbliche Beschästigung der Schulkinder zu beseitigen sei. Später hat von Reichs wegen ciij£ Enquete jstattgefuiiden, aus handelt, müssen die Man soll hier also in die Freiheit der die Verhältnisse so leiten traten uns entgegen, indem 1898 das hanseatische Oberlandes- gericht und das Schöffengericht in Spandan zwei derartige Ver- ordnungcn für rechtsungültig erklärten; der Polizeipräsident' erklärte sich angesichts dieser Thatsache außerstande, einen solchen Erlaß vorzu- bereiten. Erst nach einem entgegengesetzten Erkenntnis vom Nobember 1893 konnte der Sache wiedernähergetretcn werden, und wirsind ungefähr nun zu dem Vorschlage gekommen, von dem Herr Singer gesprochen hat. Das Polizeipräsidium ist mit großer Zurückhaltung bei der Frage verfahren, weil es einmal sich an Festsetzungen halten mußte, welche von den Gerichten nicht wieder angegriffen werden können, und dann auch den Beruf hat, die Verhältnisse aller Bürger, namentlich der ärmsten, möglichst» zu schonen. Nach unserem Vorschlage sollen Kinder unter 9 Jahren außerhalb des Hauses überhaupt nicht. Kinder von 9 bis 14 Jahren außerhalb des Hauses abends nicht nach 8 und im Winter morgens nicht vor 6Vs, im Sommer nicht vor öhte Uhr beschäftigt werden. Verantwortlich und strafbar für Uebcrtretungen sind die zur Erziehung Verpflichteten. Anfang September sind diese Vorschläge' an den Polizeipräsidenten abgc- gangen. Ergeht eine solche Verordnung, dann wird teilweise wenigstens der von der Versammlung ausgesprochene Wunsch er- füllt, die übermäßige Beschäftigung zu beschränken. Die Verhältnisse sind erheblich schlinnner, als sie Herr Singer kennt. Schon morgens um 4 Uhr befinden sich die 5iinder ans den Straßen, mn Frühstück in Hotels zu tragen; also würde hier eine Verbessenmg eintreten. Diese schwierige Materie mutz mit großer, aber notwendiger Vorsicht behandelt werden; denn wie tief solche Verordnung eingreift, gerade in die Verhältnisse der bcdrängtesten Familien, kamr man im voraus gar nicht übersehen. Die ganze Gesetzgebung be» treffend den Kinderschuh ist immer schrittweise dem wachsenden Wohl- stand der Nation gefolgt. Bis 1860 gab es in Verlin Sonntagsschulcn für Kinder zwischen' 12 und 14 Jahren, die, weil gewcrb- lich beschäftigt, den gewöhnlichen Unterricht nicht besuchen konnten. Das ist ja jetzt beseitigt. In diesem lang- sanicn Tenipo wird weiter zu gehen sein. Es wird auf einmal ein Reichs�csctz kommen, welches auf diesem Boden weitere Schritte macht. Wir können die Sache nicht selbst machen; wir können nur im Einklang mit einer Anzahl sehr mächtiger Faktoren vorgehen. Die Versammlung sollte sich demnach mit unserem Vorschlage al? »fit einer Abschlagszahlimg einverstanden erklären. DaS Weitere wird und muß sich finden, nicht durch Polizeiverböte, sondern durch eine� Organisation, welche die betreffenden ärmsten Familien in den Stand fetzt, auf diese Ausmitznng zu verzichten. Der Antrag Singer setzt Mich in gewiffe Verlegenheit; weil der Antragsteller, ein Meister dcp Beredsamkeit, eine so unglückliche Fassung gewählt HÄ; der Polizci-i Präsident wird gebeten,' eine Verordnung zu erlassen,' welche als Reichsgesetz längst besteht, nqmlich das Verbot des öffentlichen Feilhn'ltcns von Waren. Halten Sie ferner ein Verbot für möglich, daß die Tochter einer Witwe von 6 bis 7 oder 6 bis 8 ihrer Mutter bei der Koistektionsarbcit hilft? Und welche Kaffeericcher wollen Sie denn in die Familien schicken, um die Durchführung des Verbots zu kontrollieren?(Heiterkeit.)' Ganz zweifelhaft ist.ßwns mit dem Verbot der Beschäftigung mit Arbeit a l l e r A r t in Verbindung mit den Schaustellungen gemeiitt sein soll. Schon heute muß der Schuliuspektör in letzterem Falle bescheinigen, daß diese Beschüftigun>z' die Schnlinteressen nicht beeinträchtigt. Die Eltern preise ich glücklich, die nicht nötig haben, ihre Kinder dazu zu veranlassen. Wer aber die wirkliche Not in den Familien kennen gelernt hat, muß sagen,'daß es eine Hilfe und Rettung für die Familie sein kann, wenn die Beschäftigung mit solcher Ein- schränknng geschieht. Endlich soll Austragen von Milch, Backwaren und Zeitungen z u allen Zeiten, also auch etwa nachmittags von 2 his' 4 Uhr. verboten sein. Dieses Verbot würde so tief einschneiden in die LebenSgewohnhcitcn der Stadt, daß es sehr schwer fallen wird, für die bestehenden Sitten andere cinzu- führen. Und da sollten gerade die„Genossen", die Arbeiter, am ersten etwas thun. Sie sind es, welche am ersten das Frühstück zugebracht verlangen(Zuruf: Nicht durch Kinder!), sie wissen doch, daß es Kinder sind, warum leiden sie denn oaS?(Zuruf: Die Arbeiter müssen auch früher aufstehen!) Ich sehe sie nicht danach handeln. Eine mäßige Verwendung der Kinder in dieser Beschäftiguiig ist in der That nicht schädlich. Ich habe obere Klassen gesehen, die gute Leistungen aufwiesen und wo die Hälfte der Kinder Frühstück austragen; unter den Austrägern einer andern Klasse befand sich der Prnnus der Klasse. Sie glauben gar nicht, wie energisch unsere Jugend sein kann, gerade wie in der Fortbildungsschule. Diese Energie erzeugt eine höchst Icistungs- fähige Jugend. �(Lachen.) Der' beantragte einschneidende Schritt wird motiviert damit, daß die Vcrhältuiffe der Erwachsenen, also auch wohl der Witwen, damit gebessert werden sollen. Das ist nichts als Doktrinarismus. Sie verbrennen Ihre Ketzer nicht, aber Sie lassen sie verhungern. Wo sollen diese Kinder, wenn ihnen so plötzlich ihr Erwerb abgeschnitten wird, zu ihrer Existenz kommen? ES würde ein socialer Fehler ersten Ranges sein, mit solchen rücksichtslosen Verboten plötzlich die Zu- stände der Berliner Familien zu ändern.(Beifall.) Stadtv. PerlS steht dem Antrage sympatisch gegenüber. Mit dem Hinweis ans Z 42b der G e w e r b e- O r d n u n g sei es nicht gethan, der betreffe bloß das Hausiergewerbe.(Sehr richtig!) Die bestehenden Zustände seien thatsächlich sehr schlimm. Der Hm- weis auf den Primus sei wohl nicht ganz ernst gemeint; sollts damit gesagt sein, daß das Frühaufstchen aus Körper und Geist sehr förderlich einwirke, dann sollten doch auch die wohlhabenden Familien von diesem Mittel einmal Gebrauch machen,(Heiterkeit und Unruhe.) Hoffentlich haben die Ausführungen des Stadtschulrats nicht den Sinn: Nur immer noch mehr Kinder heran zur gewerblichen Beschäftigung! Berlin sei in diesem Punkte von kleineren Kommunen thatsächlich überflügelt worden. Redner wünscht, daß die Ausschuß- berntuug ein erfreulicheres Resultat als daS der Schuldeputation er-. geben möge. Stadtv. Schwalbe: Ich bin ebenfalls für Ansschußberatung. Den Zeitpunkt für den Antrag hätte ich allerdings anders gewählt, denn ivir haben die Antwort des Polizeipräsidenten noch nicht. Uebelstände sind thatsächlich vorhanden, aber die Vorwürfe dafür treffen die socialen Verhältnisse und sollten daher nicht an die Ver- waltung gerichtet werde». Ein einfaches Verbot schafft die Schwierig- leiten nicht weg. Jedenfalls hat die Schuldepntation ihr möglichstes gethan, eine Besserung in die Wege zu leiten. Wir alle beklagen die bestehenden Uebelstände und haben alle den ersten Willen, sie zu bessern. � Stadtv. Singer: Ich bin sehr erfreut, daß die Tendenz unseres Antrages allseitig gebilligt wird, muß mich aber doch wundern, daß in den 13 Jahren, seit ich der Versammlung angehöre, man es stets uns überlassen hat, die Sache anzuregen. Aber wie im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder der Buße thut, als über 99 Gerechte(Heiterkeit), so freue ich mich auch über diesen Beweis von Bcssernngsfähigkeit beim Kollegen Schwalbe. Es hat dem Schulrat gefallen, den Ausdruck Genoffen zu gebrauchen, welchen wir als Ehrenbezeichmmg ansehen, der aber m seinem Munde wohl nur in Anführungszeichen gedacht werden kann und den in dieser Weise zu gebrauchen ihm nicht wohl anstehen dürfte.(Unruhe. Der Vorsteher bittet, solche Ausführungen bei« seile zu lassen; es sei nichts Ungehöriges gesagt worden.) Die Arbeiter sind keine Freunde der Kinderarbeit und verlangen die Zutragung von Frichstück durch Kinder nicht. Wo sie es durch- führen können, haben sie die KindcrarbeitS längst abgeschafft. Als für das Ccntralorgan eine Parteispedition eingerichtet wurde, war eine der ersten Handlungen das strikte Verbot des Austragens durch Kinder. Die Zeitung wird durch Frauen ausgetragen.! uruf des Stadtv.M o m.m s e n: lind die socialdemokratischonBäcker?I ie von Parteigenossen betriebenen Bäckereien haben achtstündigst welcher Herr Singer die Zahlen für Mrlin gegeben hat. Schwierig- 1 Arbeitszeit und keine Kinderarbeit. Diese Anklagen und Vorwürfe: sind also durchaus hinfällig. Der Stadtschulrat macht sich das vstrcichische Motto:„Immer laugsam voran" zu eigen und meint außerdem, diese Maßregeln müßten Schritt halten mit dem wachsenden Wohlstand der Nation. Herr, dunkel ist der Rede Sinn! Soll das heißen, man soll so lange warten, bis die Arbeiter so viel verdienen, daß sie nicht mehr nötig haben, ihre Kinder in der gerügten Weise zu ge- brauchen? Es handelt sich doch darum, ob ein Zustand, der aller Menschlichkeit Hohn spricht, noch länger geduldet werden soll. Daß bei dein Vorschlag der Deputation an dem heutigen Zustande nichts geändert wird, habe ich nicht behauptet; rch habe be- hauptct und bewiesen, daß er durchaus unzureichend ist. Der voin Stadtschulrat vertretene Standpunkt, daß die Arbeit der Kinder die Rettung der Familie bedeutet sLcbhafter Widerspruch), erklärt freilich genugsam die Sterilität der Verwaltung. Es sind das ja seine eigenen Worte; lesen Sie doch das Stenogramm, tvenn es nicht geändert wird, stehen sie nachher darin! sGrotze Unruhe.) Mit solchen homöopathische» Dosen kann man das Uebel nicht heilen. Mehr als interessant fast erscheint es, daß ein so hervorragender Pädagoge auf die von mir mitgeteilten statistischen Daten sich gar nicht einläßt, sondern einfach erklärt: Rühret nicht daran, es giebt arme Leute, die das brauchen! und weiter aus Organisationen für die Entschädigung der Eltern, also a»f den Bettel, die Wohlthätigkcit, die Anncn'pfle'ge verweist, die schließlich die Arbeiter auch noch des Wahlrechts beraubt. Das wollen wir nicht. Wie§ 42 b der Gewerbe-Ordnung, der das Hausieren betrifft, das Verbot des FeilhaltenS von Waren für Kinder ausschließen soll, ist mir unerfindlich;§ 42b verbietet nur den Leuten, welche einen Hausicrschein bekommen, Kinder unter 14 Jahren zum Hausieren zu benutzen.(Wider- spruch.) Und weiß der Schulrat denn nicht, daß schul- Pflichtige Kinder bis tief in die Nacht mit Blumen, Streichhölzern usw. in den Lokalen und auf den Straßen handeln? Wenn der Schulrat mich schließlich mit dem Vorwurf stilistischer Fehler vernichten zu können glaubt, so bin ich nicht dazu da, und ist eS gar nicht unsere Aufgabe, den Entwurf einer Polizciverordnung vorzuschlagen; aber auch materiell hat Herr Bertram mit seiner Kritik unrecht; denn es handelt sich in meinem Antrage immer danim. daß die Schulkinder durchlvcg vor der Zeit des Schulbesuchs und abends nach 6 Uhr vor gewerblicher Beschäftigung geschützt werden und das übrige lind nur Modalitäten. Eine Verordnung nach den Ansichten des SchulratL sähe nach etwa? ans, würde aber nichts Sonderliches_ fördern. Teilen die Freunde dcS Herrn Schwalbe zahlreich dessen Anschauungen, so werden wir zu einer Verordnung kommen, welche von der der Schuldcputation sehr stark abweichen wird. Sadtv. Z u bell: Herrn Schwalbe muß ich doch erwidern, daß wir unsererseits auch seit Jahren schon Anträge gestellt haben, die darauf abzielen, die städtischen Arbeiter besser zu entlohnen(Aha!). Löhne von 2,50, 2,75 M. sind absolut ungenügend. Zahlreiche städtische Arbeiter, so I solche der Straßen- reinigung, können bei ihren oft ü bis 7 Kindern unmöglich damit auskommen, sie müssen zur Ausnutzung der Kinder- arbeit greifen, um sich ihre Existenz zu fristen.(Lebhafte Unterbrechungen und wachsende Unruhe.) Wir haben aber auch Eltern, welche die Arbeit ihrer Kinder ausnutzen und selbst gar nichts mehr thun(Zurufe), das geben wir uiiunuvundcn zu und darum halten wir gerade die Vertreter Verlins für verpflichtet, für diese armen Wesen einzutreten und durch den Zwang solcher Verordnung deren Ausbeutung zu verhindern. Der Stadtschulrat sprach von den Kindern, die in Theatern ihätig sein müssen. Wie, kann er nicht seinen ganzen Einfluß aufbieten, diese Kleinen von der Mitwirkung in Theatern und bei Schaustellungen fernzuhalten? Ich habe selbst ein sieben- jähriges Mädchen in der Nacht ans dem Heimwege vom Theater nach Hause alleingehend angetroffen. Ist daS wirklich geistige Erholung. dann bitte, machen Sie doch einmal einen solchen Versuch mit Ihren eigenen Kindern! Stadtv. Carl G o l d s ch m i d t: Ich hebe auch dem Kollegen Zubeil gegenüber hervor, daß tvir über das Ucblc des vorhandenen Zustandes ganz einer Meinung sind. Auch der Schulrat teilt unsere Meinung. Wenn er„langsam und vorsichtig" zur Devise macht, so müssen wir bitten:„Nicht zu langsam und nicht zu vor- sichtig I" Die Abschaffung der Kinderarbeit beim AuS- i ragen des„Vorwärts" ist, wie Herr Singer zn er- wähnen vergaß, erst erfolgt, nachdem eine Versammlung sich dgmit beschäftigt hatte.(Hört!) Aber anerkannt muß werden, daß die Socialdcmokratrie bei sich damit aufgeräumt hat. Ich hoffe auch, daß wir im Ausschuß sehr erheblich über daS hinauskommen, was die Schuldeputatiou vorgeschlagen hat. Der Lchrertag in Breslau hat festgestellt, daß die gewerbliche Beschäftigung von Schulkindern schädlich ist; nach den Ausführungen dcS Schulrats könnte man glauben, diese Beschäftigung ziehe ein besonders arbcitSlustiges Volk Kroß. Stadtv. Cassel hält die Bezugnahme des Schulrats Bertram auf Z 42b der Geiverbe-Orduuug für zutreffend und ersucht eben- falls um Einsetzung eines Ausschusses. Die Beratung schließt damit. Im Schlußwort bemerkt Stadtv. Singer dem letzten Vorredner, daß sogar nach dem Kommentar von Wilhclmi die Fassung des§ 42b nicht zweifelsfrei ist. Von dem Augenblick an, lvo die Partei- fpedition eingerichtet wurde, ist die Kinderarbeit abgeschafft worden. DaS wiederhole und lon- statiere ich hiermit. Der Antrag auf Einsetzung eines Ausschusses wird fast ein- stimmig angenommen. Der zweite Autrag Singer, die Sonntagsbeschäftigung im Handelsgewerbe betreffend, wird von der Tagesordnung abgesetzt. In Abteilung VII des Bebauungsplanes soll eine auf dem Grundstücke der Schomburgschen Porzellanmauufaktur Alt- Moabit 95/97 projektierte neue Straße 18�. zwischen Alt-Moabit und der Spree aufgenommen werden. Die Vorlage geht auf Antrag von G e r i ck e au einen Ausschuß. Der Magistrat legt die vom Stadtbaurat Hoffmaun fertig gc- stellten Vorcntwürfe zu Neubauten von Gemeinde- schulen auf den Grundstücken Waldemarstr. 77, Waldeuserstr. 25/26 und Nigacrstraßc, sowie den speciellcn Entwurf für den Neubau einer Doppelschule auf dem Grundstück Wiclcfstraße- Emdencr- ftraße 16 vor. Auf Antrag Schwalbe werden sämtliche Entwürfe einem Ausschuß von 15 Mitgliedern überwiesen, der sofort vom Vorstande ernannt wird und dem u. a. auch die Stadtvv. B o r g m a n n und B o g t h e r r angehören. Schluß nach' SV« Uhr. UoKales. Zur Lokalliste. Den Parteigenossen die Mitteilung, daß jetzt Carl M e y d c r s Konzertsäle. Schönhauser Allee 25(früher Brochnow). der Arbeiterschaft unter den bekannten Bedingungen zur V e r- f ü g u n g stehe».— Gleichzeitig geben tvir bekannt, daß der Lotterie- verein„Große Laus" am 23. September und ebenso der Rauchklnb „Zu Wasser und zu Laude" am 30. September ihre Vergnügen in den„Armin ius-Hallen". Brcmerstraße, veranstalten. Wir machen darauf aufmerksam, daß dieses Lokal der Arbeiterschaft nicht zu Versammlungen zur Verfügung steht.— Ebenso ergehen von verschiedenen Seiten Anfragen au die Lokal-Kommission in Bezug puf die neu erbauten Säle L a n d s b c r g e r st r. 31. Hierzu de- merken tvir, daß uuS bis jetzt die Unterschrift verweigert worden ist. Es ist daher Pflicht der Genossen Berlins, nicht eher Festlichkeiten Hort abzuschließen, bis uns durch Unterschrift die Lokalitäten zur Verfügung gestellt sind._ Die Lokal-Kommission. Tie Kinderarbeit vor der Stadtverordneten- Versammlung. I» ihrer gestrigen Sitzung hatte die Stadtvrrordncten-Ber- fammlniig zu einem Antrage unserer Genossen Stellung zu nehmen, der auf Herbeiführung einer die Erwerbs- arbeit schulpflichtiger Kinder reg ein d en Polizei- Verordnung für Berlin abzielte. Die Besprechung endete, wie wir vorweg bemerken wollen, mit der Ucberweisung der Sache an einen Ausschuß. Das bemerkenswerteste an der ganzen Debatte, deren Verlauf im einzelnen unsere Leser aus dem ausführlichen Bericht ersehen werden, war das geradezu beschämende Schau- spiel, das Herr Stadlschulrat Bertram, der oberste Leiter des Volksschulwesens der Reichshauptstadt, der Welt bot. Als ob er nichts gelesen, nichts gehört hätte von all' den Unter- suchungen, die diese ganzen Jahre hindurch von einzelnen Personen, von Lehrervereinen, von der ganzen Lehrerschaft und schließlich auch von Behörden über die gewerbliche Beschäftigung der Schulkinder angestellt worden sind, gab er sich fast als eifrigen Verteidiger dieser Zustände, und er enitete für seine skandalöse Haltung»och den Beifall der Versammlung. Die gewerbliche Neben- beschästignng stählt seiner Ansicht nach den Charakter des heranwachsenden Kindes, sie steigert seine Arbeitskraft und— fördert seine Leistungen in der Schule. All dem Material. das Genosse Singer in seiner eingehenden Begründung des Antrages vorgelegt hatte, wußte Herr Bertram nichts weiter entgegen zu stellen, als daß in einer Klasse, die sich als tüchtig erwies, die Hälfte der Schüler gewerblich beschäftigt war. und daß unter diesen bedauernswerten Jungen sogar der Primus war. Im ührigen, sagte Herr Bertram, seien die Arbeiter— die„Geuoffeu", wie er sich spottend ausdrückte— selber an dem Elend der für den Erwerb arbeitenden Kinder schuld. Sie seien cS ja. die das Verlangen stellten, daß ihnen das Frühstück und die Zeitung schon im Morgen- grauen ins Haus gebracht tverde. Genoffe Singer nahm daraus Vera»laff»ng. den Herrn Schulrat und die Versammlung daran zu erinnern, daß da, wo die Arbeiterschaft selber zu bestimmen hat, z.V. bei der P a r t e i s p c d i ti o n, die Kinderarbeit verboten und abgeschafft ist. Genosse Zubeil wies den Herrn Schul- rat und seine beifallsreudigen Zuhörer darauf hin, daß auch städtische Arbeiter ihre Kinder mitverdiencn lassen müssen, weil sie zu schlecht bezahlt werden, und daß die Versammlung, Ivcun die Arbeitervcrtrcter eine Aufbesscrung des Einkommens städtischer Arbeiter verlange», in der Regel nicht dafür zu haben ist. Die Stadtverordneten Schwalbe und Karl Gold- Ichmidt machten den Versuch, die Würde der Versammlung zu retten, indem sie die Versicherung abgaben, daß kein einziger darin sei, der nicht für den Kindcrschutz eintrete. Wie weit die Versammlung dafür eintritt, das wird sich später zeigen, wenn die Sache aus dem Ausschuß an die Versammlung zurückkommt. Der?„eutschiedene Freisinn" im Roten Hause ist also nicht„lau". Die„Berliner Zeit u n g" erklärt es mit allem Nachdruck— da müssen tvir es ivohl endlich glauben, wenn wir uns nicht eine neue Straf- predigt zuziehen wollen. Er ist nicht„lau", wenn er einmal für die Volksschule eintritt, und er ist auch nicht„wenig mit dem Herzen dabei". Wir nehmen daS hiermit reumütig zurück. Wer es anders sagt, der besitzt nicht genug„Loyalität", der läßt dem„entschiedenen Freisinn" nicht die„selbstverständliche und allein anständige Gerechtigkeit" zu teil werden, der macht sich einer„Niedrigkeil" schuldig. Wir könnten zwar dem' Verfasser dieser Strafpredigt zurufen: Machen Sie sich doch mit Ihrer sittlichen E n t- rüstung nicht so entsetzlich lächerlich! Lesen Sie doch in der„Berliner Zeitung" nach, tvie dort vor den Stadtverordneten- wählen von 1897 die bekannten socialdemokra tischen S ch n I a n t r ä g e, die in weiten Kreisen der Lehrerschaft Zustimmung gefunden haben, als„ B l e n d st ü ck e für solche Wähler, die nicht genau prüfen wollen oder mögen", bezeichnet worden sind. Da wollen Sie von„Niedrigkeit" sprechen, wenn man Ihrem Anhang nur vorwirft, daß er in der Vertretung der Volksschul- Interessen„Lauheit" zeigt und„wenig mit dem Herzen dabei" ist? Aber«vir sind von der Strafpredigt der„Bcrl. Ztg." so nieder- geschmettert, daß wir keinerlei Verteidigung mehr wagen. Wir wollen auch nicht von neuem mit der«Bcrl. Ztg." rechten, daß sie dem, was wir über sie und ihren„entschieden freisinnigen" Anhang gesagt hatten, auch diesmal wieder durch eine kleine Aenderung einen etwas anderen Sinn gegeben hat. Sie citiert zwar erst richtig die Worte„wenig mit dein Herzen dabei", macht aber weiter unten aus dem„w e n i g" ein„nicht" und spricht dann von„Beschimpfung ehrlicher Männer, die auf Grund einer festen Ueberzeugung..... ihren Standpunkt vertreten". Darüber wollen wir, wie gesagt, hinwegsehen. Die„Verl. Zeitung" liebt solche Unterscheidungen wohl nicht. Sie wundert sich, daß wir unseren Lesern eine so„feine typographische Distinktion"„zumuten", wie sie in der den Sinn eines Satzes schärfer bestimmenden Hervorhebung eines Wortes durch Sperrdruck liegt. Sie würde wahrscheinlich auch finden, daß wir unseren Lesern eine zu feine„Distinktion" zumuten, wenn wir darauf bestehen wollten, daß zwei so himmelweit verschiedene Worte wie„wenig" und„nicht" unter keinen Umständen mit einander vertauscht werden dürfen. Ganz sind solche„Distinktionen" freilich doch nicht zu cnt- behreu, wenn man von Leuten spricht, die augenscheinlich nicht wissen, w a S sie»vollen, die— tvie die„Neue Linke" im Roten Hause— Wunder wie„radikal" zu sein glauben u n d doch das„f r e i s i n n i g e P r i» c i p" n i e- m als aufgeben zu dürfen meinen. Wer die Thätigkeit solcher zwischen zwei Richtmigen hin und her schwankenden Leute richtig kemizeichiicu will, der muß sich sehr scharf unigrcnzter Begriffe bedienen, wenn er ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Vertraulich wollen wir übrigens der„Bcrl. Ztg." mitteilen, daß auch in L e h r e r k r e i s e n die schlvankeuden Gestalten der„Neuen Linken" vielfach ebenso beurteilt werden, wie von uns, ja daß sogar im„Berliner Lchrerverein" gelegentlich mit erfreulicher Offenheit und unter dem Beifall eines großen Teiles der Zuhörer erklärt worden ist, a u ch die„N e u e L i n k e" s e i �l a u i n d e r V e r- tretung der Schul- und Lehrerinteressen und wenig mit d e m H e r z e n dabei. Hoffentlich wird sich auch die Berliner Lehrerschaft die Strafpredigt zu Herzen nehmen und Bcssenmg versprechen, tvie wir daS thim. Die„Berl. Ztg." erklärt schließlich, ihre Stellungnahme zu den einzelnen Stadtverordneten-Kaudidaten lasse sie sich von niemandem vorschreiben— eine sehr überflüssige Bemerkung, da auch wir aus- drücklich gesagt hatten, daß das ihre Sache sei— sie werde aber in Ennangtlnng eines ihrer Richtung entsprechenden bürgerlich- demokratischen Kandidaten dem socialdemokrati scheu den Vorzug geben. Bis zur letzten Wahl hat die„B. Z." ihren Lesern immer die„anderen liberalen" Männer(die hinterher in der Stadt- verordiieten-Versammlung so hübsch reaktionäre Slbstimmuiigsresultatc zu stände bringeiis a!S Kandidaten empfohlen. Will sie jetzt zum ersten Male von dieser Gepflogenheit abweichen, so ist das sehr vernünftig. Es wird ihr nicht zur Schande gereichen, wenn sie daS thut, und ihren Lesern nicht zum Schaden, iveiin sie danach handeln. O b sie es aber thun wird. das möchten wir doch lieber erst abwarten. Wir vcr- muten. sie wird auch diesmal bei ihrem Hin- und Herschwankcn zwischen den Sesseln der„anderen liberalen" Männer und den Schemeln der Socialdemokraten den richtigen Platz nicht finden. Es kann ihr und ihren Leuten dabei leicht passieren, daß sie sich„zwischen zwei Stühle setzen". Das soll nicht sehr angenehm sein, aber wenn cS i h r Spaß macht, wollen w i r ihr auch darin keine Vorschriften machen._ Der Magistrat gegen die Bureml-HilfSarbeiter. Uns wird geschrieben: Ein neues Beispiel, wie städtische Behörden mit ihrem nichtangestcllten Bureaupcrsonol zn verfahren Pflegen, und welch wohl- wollender Bchaudlung dieses sich von der vorgesetzten Behörde erfreut, liefert eine Verfügung, die nach einer Bestimmung des Magistrats im Ans- trage des Herrn Vcrlvaltungsdircktors diescrTage den Hilfsarbeitern der städtischen Gaswerke zur Kenntnisnahme und Unterschrist vorgelegt worden ist und die ihnen auch hinfort alle sechs Monate eingeschärft werden soll. In dieser Verfiiginig heißt es: „Es ist mir heut im Aufftage des Herrn VerlvaltungsdirektorS w i e d e r h o I t eröffnet worden, daß meine Beschäftigung bei den städtischen Gaswerken, die nur im Wege des P r l v a't d i e n st- Vertrages erfolgt, nur vorübergehend zur Erledigung einzelner Geschäfte— aushilfsweise wegen grade vorwaltenden Geschäfts- andranges— geschieht, was ich hiermit ausdrücklich als richtig anerkenne." In diesem Schreiben wird also gesagt, daß die Beschästignng von Leuten, die eine Dienstzeit von 2—10 Jahren hinter sich haben und die während dieser Zeit dauernd mit der Erledigung bestimmter, unerläßlicher Bureau-Arbeiten betraut waren, ihre Beschäftigung nun mit einem Male nur als eine vorübergehende aushilfsweise bc- trachten sollen, ivährend doch in Wirklichkeit diese Arbeitskräste zur Erledigung des laufenden Geschäftsganges absolut nötig und für die Behörde unentbehrlich sind. Man sieht hieraus wiederum, zu welchen Mitteln Behörden ihre Zuflucht nehmen aus Besorgnis, es könnten etwa einige ihrer Leute, m der Absicht, ihre unhaltbare Lage zu verbessern, in Rechtsmitteln eine Zuflucht suchen. Im Februar d. I. hatten die Hilfsarbeiter bereits eine Petition eingereicht, in der die bekannte Bitte um Gleichberechtigung ent- halten war. Bis heute ist noch keine Antwort eingegangen. Oder sollte die hier erwähnte Verfügung als eine Autwort zu deuten sein? Die Arbeiter-FrUhwagcn der Großen Berliner Straßenbahn werden während des Winterhalbjahres vom 2 Oktober er. ab wie folgt abgelassen werden: 1. Rixdorf. Ringbahnhof— Weißen- burgerstraße(Ecke Danzigerstraße): von Rixdorf 520 und 66 Uhr. 2. Rixdorf, Niiigbahnhof— Schönhauser Allee, Ringbahnhof: von Rixdorf 5�, 5ä, 5»1 und 66 Uhr; von Schönhauser Allee ebenso. 3. Hafenhaide, Fichtestraße— Schönhauser Allee, Ringbahnhof: von Fichtestraße 6�, 6" und 6�> Uhr; von Schönhauser Allee ebenso. 4. G e fun d b runn e n— Alexanderplatz— Kreuzberg, von Gesund- brunnen: 5�, b3*, 540, S4®, 5® und S58 Uhr; von Kreuzberz bis Deniminerstraße: b39, 545, 551 und 557 Uhr. 5. Gesundbrunne n—Spittelmarkt— Kreuzberg, vom Gesund- brunnen: 584, b36. ö48, und 6 Uhr, vom Kreuzberg: 530, ba und ö54. 6. Rofen thaler Th o r— Moabit und umgekehrt: ö�, ö48, 6 Uhr. 7. Markus st raß e— Moabit: ö35, ö43 und 551 Uhr, beziehungsweise ö34 und S5® Uhr. 8. Rixdorf, Herniannplatz— Moabit, von Rixdorf ö38 und b48 Uhr. 9. Schlefisches Tho r— Zoologischer Garten: b38. 5. 6 Uhr, beziehungsweise ö42, 5M und 66 Uhr. 10. R i n g b a h n: Rosenthaler-— Brandenburger-— Hallesches Thor— Brandeuburgstraße— Roscnthaler Thor: von Rosenthaler Thor: ö38, ö38, 5 48'ö84 und 62 Uhr; von Brandenburgstraße ebenso. 11. Schare u weder st raß e— Charlottenstraße: von Scharen- weberstraße 55', 6, 7 und 617 Uhr. Der Obmann der Arbeitsnachweis-Kommission der Maler, W. Benidt, Andreasstr. 14. sendet uns folgende Zuschrift: Bezug- nehmend auf die Mitteilung im„Vorwärts" über den sogenannten paritätischen Arbeitsnachweis der Maler, Lackierer und Anstreicher teile ich mit, daß der Central-ArbeitsnachweiS der organisierten Maler, Lackierer und Anstreicher in der S t r a l a u e r st r. 48 nach tvie vor weiter besteht und mit dem paritätischen Arbeitsnachweis an der Stadtbahn(Wärmehalle) nichts zu thun hat. Patriotismus und Frömmigkeit als SpekulationSobjekte. Gegen die„Direktoren" und„Geschäftsführer" Köllme r und Fischer, über deren Treiben schon berichtet wurde, haben sich die Vcrdachtsumstände immer mehr gehäuft. Beide spekulierteu. tvie von Tag zu Tag mehr ans Licht kommt, auf den Patriotismus und die Frömmigkeit. Für die eine Seite schufen sie die sogenannte Wohlfahrtscinrichtmig für deutsche Bete- r a n e n-, Invaliden- und B e a m t e n h e i m e, für die andere das Eni i l Frommel-H eim. Dcrj Zungenpatriotismns empfahl die Wohlfahrtseinrichtuug. Die Spenden sollten recht vielen von denen,„die einst für unser schönes deutsches Vaterland, für den vielgeliebten Kaiser Hab und Gut hingeben", zu gute konimen.„Die Spenden sollten auch nicht gering sein, denn wir müssen viel geben", hieß es weiter, und dabei wurde darauf hingewiesen,' daß bereits Terrains dem Verein geschenkt seien. Ein Speudenbuch wurde hcrumgesandt. in dem massenhaft Spenden eingetragen waren. Zu alledem verstanden es die vor nichts zurückschreckenden Uiiteruehmcr, hochgestellte Pcrsön- lichkcitcn zur Uebernahme des Präsidiums zu bestimmen. Als sich der Verdacht bei diesem Präsidium gegen Föllmer und Fischer regte, ivurdc festgestellt, daß die Satzungen des Vereins niemals vom Polizeipräsidiiiin miterzeichnet und genehmigt waren. Dennoch wurden sie durch Vollführung der Schwindeleien von den beiden Jndustrierittern als Legitimation gebraucht. In das Spendcnbilch trugen die Unteruchnier die abenteuerlichen Spenden vermögensloser Leute ein. nannten sich auch selbst Spender mit 1000 M., obgleich sie weder etwas gaben noch hatten. Einen bekannten Großindustriellen und Abgeordneten, der 100 M. gegeben hatte, ließen sie mit 10 000 M. figurieren. Kurz, alles lvar auf Täuschung berechnet. Ebenso falsch wie das Speudenbuch und die Satzungen waren die Nachrichten über die angeblich ge- schenkten Grundstücke. Es bestanden noch gar keine Scheiiknnge». Alle Nachrichten darüber sollten n»r Geld herauslocke», lind was einkam, wurde redlich verbraucht, sogar noch bedeutend mehr. Eine ganze Reihe Geschädigter ist bereits bekannt geworden, und täglich melden sich noch andere. Ebenso unerhört wie diese Ausbeutung des Patriotismus war die der Frömmigkeit. Während Föllmer so tbat. als ob er die Schwindeleien des Fischer in der WohlsahrtS- einrichtung nicht mehr mit ansehen könne und ihn aus der Direktion entfernen müsse, blieb er in fröhlicher Gemeinschaft mit ihm beim Frommckheim. Ter Raubmord in der Wilhelmstraße. Die Spuren der Thäter sind noch nicht gestniden worden. Im übrigen wird berichtet: Nach dem Gang der Ilutersuchimg kann bei der Blutthat von einem Rache- Akt wohl kaum die Rede sein. Die zur llutcrstützuug dieser An- nähme bcigcgebcueu Gründe sind nicht stichhaltig. Die polizeiliche Untersuchung erstreckt sich jetzt auf Personen, die bei Valentiui uyd nderen Hausbewohnern in Stellung gewesen sind, die Gepflogenheiten des Bildhauers kaunteu. ihr Alibi nicht nachweisen können oder äugen- blicklich nicht aufzufinden sind. Daneben werden alle der Polizei bekannten Einbrecher, auf welche die Beschreibung der mutmaßlichen Mörder durch den Hausdiener Schwaudtke paßt, scharf beobachtet und vcr- noinmen. Die Spur der beiden in Spandau gesehenen und als verdächtig verfolgten Mänucr ist wieder verloren gegangen. Bei den Lieferanten und den Kunden Valentiuis hat die Polizei Nach- forschungcn angestellt, die bestätigen, daß der Erschlagene am Tage feiner Ermordung über keine großen Geldmittel verfügte.. Er erwartete erst am'Montag oder Dienstag größere Beträge. Der ermordete Bildhauer Luigi Valentiui ist gestern nachmittag um 5 Uhr auf dem Hcdwigskirchhöfe an der Licseustraße zur letzte» Ruhe bestattet worden. Der schwarze Sarg war in der Halle vor dem mit Lorbcerbämnen geschmückten Altar aufgebahrt. 50 bis 60 Kränze, darunter zwei mit Schleifen in den italienischen Farben, waren am Sarge niedergelegt worden. Da? Polizeipräsidium teilt mit: Am 18. d. M. abends nahm ein Unbekamitcr, Ivclchcr ein Paket bei sich führte, eine Droschke I. Klasse nach einem Bahnhofe; von dort ans fuhr der Kutscher direkt nach Hanse und fand beim Lcffncn der Droschke in derselben eine Hose vor, die anscheinend Blutflecke aufwies. Die Hose ist von schwarzem Kammgarn, an den Seiten mit einer schmalen Steppnaht und mit braunen Hornknöpfen versehen, auf dem Gesäß ist ein Flecken von minderwertigem Kammgarn eingesetzt. Auf dem Futterstoffe, aus tvelchem die Gesäß-(SchlüsseI-)Tasche besteht, befindet sich mit schwarzer Tinte oder Farbe aufgeschrieben 8(lateinisch) I(römisch). Nach Ansicht dcS Kutschers hat der Fahrgast die Hose in der Droschke gewechselt. Da dies auffällig erscheint und die anscheinend blutbefleckte Hose unter Umständen mit dem Morde an Valentiui in Verbindung ge» bracht tverden kann, werden Personen, ivelche über den ursprüng- lichen oder letzten Eigentümer dieser Hose Auskunft geben können, aufgefordert, sich zu melden. DaS AufsickitSPersonal der Moabiter Ttrafanstalt hat dieser Tage auf dem Osfizicr-Schießstande des 4. Gardc-RegimenlS zu Fuß in der Jungfernheide seine diesjährigen Herbstschießübungen abgehalten. Jeder Aufseher mußte sechs Schuß abgeben. Angenehmer wäre es den nicht besonders glänzend gestellten Beamten vielleicht gewesen, wenn man ihnen etwas vorgeschossen hätte. Der Raubmörder Josef Gönczt hat, wie erst nachträglich be« kannt geworden ist, in Brasilien sich hauptsächlich durch seine Prahlereien verdächtig gemacht. Er rühmte sich nämlich des öfteren damit, daß er den bosnischen Okkupationsfeldzng als östreichischer Soldat mitgemacht und den Führer der Aufständischen Hadschi Loja gefangen genommen habe, wobei er das Bildnis dieses Mannes mit dessen eigenhändiger Unterschrift zeigte, das er von Hadschi Loja im Lazarett erhalten haben wollte. Die Narbe, die er am Halse hatte, erklärte er, sei eine vernarbte Schußwunde aus dem bosnischen Feld- zuge. Dem Gönczi wurde diese Geschichte nicht geglaubt. Als dann in den öffentlichen Bekanntmachungen über den flüchtigen Mörder kurz erwähnt wurde, daß Gönczi früher östreichischer Soldat gewesen sei, lenkte sich der Verdacht auf den ruhmredigen Kriegsmann, trotz- dem er seinen Namen geändert hatte. Aus Gönczis hiesigem Auf- enthalt ist noch zu erwähne», daß er von der Firma Müller u. Schlitz- weg, bei der er als Werkführer in Arbeit stand, entlasten worden war, weil er ein unlauteres Verhältnis mit einer siebzehnjährigen Arbeiterin angeknüpft hatte. Ein Brand, der die Stadtbahn ernstlich gefährdete, kam gestern früh 2 Uhr am Bahnhof Börse zum Ausbruch. Hier besitzt die Obst-, Südfrucht- sc. Handlung von Strohkorb in drei Bahnbogcn ihre Niederlage. Während zwei Bogen zu Verkaufsläden eingerichtet sind, diente der dritte zur Aufbewahrung von leeren Kisten, Körben, Säcke» und dergleichen. Dieser bis an' die Decke angefüllte Bogen ist total ausgebrannt. Kurz vor zwei Uhr verspürten die Bahnhofs- Wächter ein verdächtiges Knistern und fanden beim Nachsuchen den Inhalt des bezüglichen Bahnbogens bereits in hellen Flammen. Die schnell herbeigerufene Feuerwehr war von vorn herein darauf be- dacht, den benachbarten Bogen zu halten und das Feuer auf seinen terd zu beschränken, was nach einstündiger Arbeit auch gelang. rotz der enormen Hitze hat das Gemäuer nur wenig gelitten. Da sich nirgends Risse zeigten, konnte nach eingehender Besichtigung durch Fachleute der Bahnvcrkehr rechtzeitig in vollem Umfange auf- genommen werden. Der Besitzer der Obsthandlung erleidet einen empfindlichen Verlust, da er nicht versichert ist und für den am Bahn- körper verursachten Schaden haftet. Da seit zwei Tagen nachweislich der vom Brande betroffene Raum nicht betreten ist, wird ange- nommen, daß Brandstiftung vorliegt. Die Firma Arendt und Lcvy. Die in erster Linie wegen BeWucherung des jungen Cirkusdirektors Ernst Renz in Unter- suchungshast genommenen„Bankiers" Arendt und Levy sollen die Unkenntnis des Cirkusdirektors auf geschäftlichem Gebiete in un- rrhörter Weise ausgenutzt haben. Es hat eine förinliche Gesellschaft bestanden, die es sich dem Anschein nach zur Aufgabe gemacht hatte, das Vermögen des Herrn Renz, das 3 200 000 M. betrug, an sich zu reißen.� Außer Arendt und Levy sollen deshalb noch verschiedene Personen in die Untersuchung verwickelt sein, gegen die einzuschreiten die Staatsanwaltschaft dem Anscheine nach noch nicht genügende Beweismittel hat. Ein Einbrecher ist gestern in der Person eines fahnenflüchtigen Soldaten festgenommen worden. Ein Bewohner des Grundstücks Hannoverschestr. 2 holte einen Schutzmann, weil er einen vcr- dächtigen Menschen schlafend auf der Treppe des Hauses vor- gefunden hatte. Der Beamte nahni den Schläfer, der sich nur mit Mühe ermuntern ließ, mit zur Wache. Unterwegs machte der Manu einen Fluchtversuch; mit Hilfe eines zweiten, durch die Not- pfeife herbeigerufenen Schutzmannes gelang es jedoch, ihn im Revier ahzuliefern. Hier stellte es sich heraus, daß mau es mit einem steckbrieflich verfolgten Deserteur des 48. Regiments zu thun hatte. Er hatte Diebcs-Handwerkszeng und ein Notizbuch bei sich, in dem er die von ihm verübten Einbrüche verzeichnet hatte. Zeugen gesucht! Die Personen, welche am Mittwochnachmittag gegen 3 Uhr m der Blumenstrnßc mit ansahen, wie ein Polizei- beamter einen Arrestanten hinwarf, werden ersucht, ihre Adresse an Robert Tuckoiv, Pallisadenstr. 71, abzugeben. Ueberfahren. Gestern nachmittag wurde der 9 Jahr alte Sohn Karl des Fuhrherrn Haupt aus Steglitz au der Ecke der Wilhelm- und Zimmerstraße von einer Taxametcr-Droschke überfahren. Die Droschke, welche im Galopp um die Ecke bog, faßte den Knaben und gingsihm über den Leib. Er blieb schwerverletzt liegen, während der Kutscher davonjagte und nicht festgestellt werden konnte. Ein anderer Droschkenkutscher brachte den Verunglückten in eine Unfallstation, wo er jedoch unter den Händen der Aerzte verschied. Tie Vlctorla rotzi» des B o t a n i s ch e n Gartens entfaltet in diesem Jahre einen Blütcnreichtinn wie nie zuvor. Nachdcin sie erst am Mttwoch eine prachtvolle Blüte hervorgebracht hatte, ist am Donnerstag schon wieder eine Knospe zur Entfaltung gelangt, so daß die Pflanze jetzt zwei Blüten nebeneinander trägt, ivas sehr selten vorkommt. Diese Blüten sind die letzten in diesem Jahre. DaS Preisgericht der internationalen Motorwagen- Rnsstcllung Berlin 1899 für die Danerfahrt Berlin-Leipzig erteilte unter den« Vorsitz von Hauptmann Kübel und Teilnahme von Graf Tallcyraud-Perigord, Oberbaurat Klose und Professor W. Hartmann in Klasse III �Fahrzeuge mit einer Person und Motorräder) folgende Preise für die kürzeste Fahrzeit: Die goldene Medaille der Firma Kraus u. Co. in Berlin(Fahrer Pittclkow), die silberne Medaille der Fahrzcugfabrik Eisenach(Fahrer Äirchhenn), die bronzene Medaille der Fnhrzeugfabrik Falke, A.-G. in Münchcn-Gladbach(Fahrer Struck). Pic Fahrzeuge, welche die Fernfahrt Berlin-Leipzig durchgeführt haben, werden als Sonderausstellung in der internationalen Motor- ivagen-Ansstellung in der Halle A. vom Freitag, den 22. bis Sonntag, den 24. September er., ausgestellt. Straßenspcrrllug. Der Knrfürstcnplatz vor den Zelten, sowie seine Anschlüsse an den Sprecweg und die Richard Wagnerstraße werden behufs Umpflasternng vom 21. d. M. ab bis auf' weiteres für Fuhnverke und Reiter gesperrt. Fcnerbrricht. Mittwochabend 9 Uhr kam Dieffcnbach« (t r a ß c 31 ein Zimmerbrand aus, der glücklicherweise noch im Eni- lehcn gedämpft werden konnte. Kurz vorher waren K ö s l i n e r- firaße 20, K r o n e n str. 11 und Leipziger st r. 115 größere Kelferbrändc abzulöschen. Im letzteren Falle wurde die Arbeit der Feuerwehr durch eine starke Rauchentwicklung sehr erschwert. Erst nachdem mit Ranchschntzvorrichtungcn versehene Sappenre bis zum Brandherde vordrangen, konnte die Gefahr beseitigt werden. Ver- nichtet wurden hauptiächlich Packmatcrialic». Theater. Im Schiller-Theater wird diesen Sonntagnachuilttag Frl.' Marianne Wulff zum crstenniale die Rolle der Maria Stuart spielen. Die erste Aufführung des Schauspiels„Nora" von Ibsen ist nnnniehr ocnnitiv auf Donnerstag, den 2«. September, angescht. In der Titelrolle debütiert bekanntlich Frau Eysoldt. Die Abonneincnts deö ersten Ltuartals können nunmehr bis Sonntaginittag zur Ausgabe gelangen.— Die Direktion des Schillcr-Theaters bittet uns um Aufnahme-olgcndcr Rechtfertigung: „Ju einigen Besprechungen unserer ersten Aufführung von„Biel Lanncn um nichts" wird uns der Vorwurf gemacht, wir hätten eine der wichtigsten Scenen des Slücts, das Zwiegespräch zwischen Vorachio und Margarete, gc- glichen und uns dadurch eincS schweren Vergehens an Shakespeare schuldig gemacht. Shakespeare aber hat eine solche Sccne gar nicht geschrieben. Sie ist den Herren, die uns diesen dramaturgischen Fehler vorgeworfen haben, jedenfalls aus der Holteischen Bearbeitung bekannt. Wir sind, wie in unicreni Theaterzettel betont war, von dieser vielverbreiteten Bearbeitung Holteis abgewichen, weil sie uns nicht pietätvoll genug mit dem Wortlaut deö grossen Dichters umzugehen scheint."— In der Ncu-Sufführung des„ C v r a n o von B erg era c", die das Deutschs Theater aui Freitag gicbt, haben eine Reihe von Rollen llmbcsevnng erfahren: Otto Souimcrstorff spielt den E.irano, Tbcrcsina Gcbncr die Roxane zum erstcnmalc, Kurt Junker den Reuoillette, Mar Reinhardt den Grafen Guichc, Bruno Ziener den Liguiere, Agnes Müller die Ducnna RoxancS, Adolf Kurth den Hauptmann Jaloux, Friedrich Kayhlcr den ersten Kadetten.— In dem neuen Lustspiel von Hermann Faber:„Ein glückliches Paar", das am Sonnabend, den 30. September, im Deutschen Theater zum erstenmalc aufgeführt wird, wirken in den Hauptrollen die Damen Eberty, Heinis, Jurberg, Müller, v Pöllnitz, Richard, Trenner, und die Herren Engels, Fi'cher, Meinhard, Riffen mit Eine VerzweiflungSthat. Gestern mittag wollte sich in dem hinter Treptow gelegenen Plänterwalde ein Mann erhängen. Der Bedauernswerte hatte in dem wegen des strömenden Regens fast menschenleeren Park bereits alle Vorkehrungen zur Ausführung des Selbstmordes getroffen, als zwei Herren herbeieilten und den Selbst- mordkandidaten, der sich bereits auf dem Ast befand, an dem das Seil befestigt war, herabholten. Der anständig gekleidete Mann legitimierte sich als ein stellungsloser, von langer Krankheit kaum genesener Kaufmann aus dem Südosten Berlins, der von seinem Hauswirt wegen rückständiger Miete auf das härteste gedrückt wird. lim seinem Kummer ein Ende zu machen und da er das Elend seiner Familie nicht mehr ansehen kouute, wollte er Hand an sich legen. Die Aussagen des Mannes bestätigten sich, und der eine der Retter nahm sich nun des Unglücklichen in edelmütigster Weise an. Er beglich zunächst die Mietsschuld und wird noch dafür sorgen, daß die Familie wenigstens der augenblicklichen Not entrissen wird. Der betreffende Hauswirt meinte auf die ihm gemachten Vor- Haltungen, daß er es mit der Exmissionsdrohung gar nicht so ernst gemeint habe!_ Aus den Nachbarorten. Rixdorf. Der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung ging eine gemeinschaftliche Sitzung des Magistrats und der Stadtverordneten voraus, die die Wahl von Abgeordneten zum Provinzial-Landtag vorzunehmen hatte. Gewählt wurden Bürgermeister B o d d i n', Stadtrat B ürkn e r und Stadtverordneten- Vorsteher Sander. Die Versammlung verhandelte dann über die Anlegung der Zugangsstraßen zu der im Bau begriffenen Brücke, welche den Schiffahrts- Kanal im Zuge der berlinischen Grünaner- straße überschreiten wird. Die Vorlag» des Magistrats wurde angenommen. Es wird mit dem Ausbau der betreffenden Straßen alsbald begonnen werden.— Auf Antrag der Social- demokraten ist auf die Tagesordnung gesetzt worden:„Die Pflaste- rnugsarbeiten der Hermaunstraße und deren Schäden für die Passanten und Anwohner". Dazu nimmt R e tz e r a u(Soc.) das Wort. Redner rügte das langsame Fortschreiten der Arbeiten in der genannten Straße, das es verhindert habe, den elektrischen Betrieb auf der Straßenbahn- linie nach der Kncscbeckstraße und nach Britz schon im Juni aufzunehmen. Letzteres bedeute für die Gcinciudc einen materiellen Verlust. Es sei jetzt noch gar nicht abzusehen, ivann der elektrische Betrieb eingeführt werden könne. Leider seien in den in Betracht kommenden Verträgen keine VollendungStermine festgesetzt worden. Aber auch die Art der Arbcitsausfühnnig sei zu rügen, da sie Verkehrsstörungen mit sich gebracht habe und die anwohnenden Geschäftsleute geschädigt worden seien.— Ban- meister Sorge suchte ausführlich die Rückständigkeit der Pflastcrungsarbeiten mit technischen Schwierigkeiten zu rechtfertigen. Herr Roster schloß sich den Beschwerden Rctzeraus an. Nach kurzer Debatte sagte der Baumeister zu, es sich noch mehr wie bisher an- gelegen fein zu lasten, die Arbeiten zu fördern. Bis zum 10. No- vember würden sie sicher fertig gestellt sein. Hierauf wird zum nächsten Punkt übergegangen: Ll»trag der socialdemokra- t i s ch e n F r a k t i o n a ü f A n st e I l u n g von Schulärzten. Den Antrag begründete O st e r m a n n(Soc.), indem er die bekannten social-hygienischcn Gründe ausführlich darlegte und mit reichlichem statistischen Material belegte.— Stadtv. Schmidt, Mitglied der Schul- depntation, wünscht, daß aus finanziellen Gründen vorlaufig von der An- stellung von Schulärzten Abstand genommen werde. Retzerau(Soc.) trat energisch für den Antrag ein und meinte unter anderem, daß die Mittel da sein ivürden, wenn man nur ernst wolle. Herr Beiß spricht im Sinne Schmidts. Bon bürgerlicher Seite wird ein Schlußantrag gestellt und angenommen. Conrad(Soc.) spricht dann noch für den Antrag, während Bürger m ei st er Voigt vorschlägt, sich nicht schon principiell für Schulärzte auszusprechen, sondern erst eine Kommission zum Studium der ganzen Frage niederzusetzen. Während des Schlußwortes des Genossen Ostermann entsteht ein großer Tumult. Die bürgerlichen Herren fühlen sich durch eine ironische Bemerkung des Redners verletzt und erheben sich, augenscheinlich in der Absicht, den Saal zu verlassen. Ostermann nimmt die Bemerkung zurück, woraus sich die Herren wieder setzen. Sowohl der Au- t r a g O st e r m a n n w i e a u ch d e r v o n C o n r a d z u m A n- trage erhobene Vorschlag des zweiten Bürger- n, c i st e r s Voigt werden gegen die Stimmen der Socialdemokraten abgelehnt. Die bürgerlichen Ver- treter stimmen geschlossen gegen beide Anträge. Der Schöncbergcr Magistrat hat seine Vorlage auf An- stellung eines zweiten besoldeten Stadtrats, die von der Stadt- verord'ncten-Vcriammlung einer Kommission zur Prüfung überwiesen wurde, jetzt zurückgezogen und die Anstellung eines besoldeten Ma- gistratsassesiors beantragt. Schöncbcrg. Eine teilweise Beschränkung d e r K i n d e rj- arbeit soll auch für nnsere Stadt durch eine Polizcivcrordnnng herbeigeführt werden. Danach ist die gewerbliche Arbeit von Schttlknidcrn unter zehn Jahren gänzlich verboten, ferner ist untersagt jede gewerbliche Thätigkeit der Kinder in der Zeit von 8 Ilhr abends bis S>/z Uhr morgens im Sommer rcsp. 6>/e Uhr im Winter, außer- dem die Beschäfligung von Schulkindern zur Aufwartung und Bc- dicnung der Gäste in Schankstätten. Bon der Behörde veranstallcte Erhebungen haben ergeben, daß die Nebenbeschäftigung von Kindern im Alter von 7 Jahren an besonders mit Frühstück- und ZcitnngS- austragen, Kcgelaussctzcn je. einen erschreckend große» Umfang an- genommen hat. Jedoch soll gerade diese schädigende Art der Bc- schästignng vorläusig nicht beschränkt werden, da dieselbe gemäß der alten manchefterlichen Phrase angeblich eine„unentbehrliche Einnahmequelle" für viele Familien bildet. Friedenau. Die kleinen Wohnungen sind in unscrm Orte augenblicklich so knapp, daß Familien, die ihre Wohinmgen plötzlich aufgeben müssen, nicht untergebracht werden können. So konnte ein von seinein Hanswirt zum 1. September gekündigter Portier trotz eifriger Bemühung weder in Steglitz noch in Friedenau eine Wohnung finden. Die Familie wurde von der Gemeinde daher einstweilen in der Cholcrabaracke untergebracht, während der Mann in Steglitz eine Schlafstelle bezog. Eigentümlich erscheint min ein Verbot unserer Gemeindebehörde. Es stst nämlich mäini- lichen Personen die Abstatttnng von Besuchen in der Cholcrabaracke verboten und infolge dessen ist der Mann gezwungen, außerhalb des Familienkreises seine Mahlzeiten einzunehnicn. Will er sich nach dem Befinden der Familie erkundige» oder sonstige Angelegenheiten niit seiner Ehcfra» besprechen, so muß er dies vor der Einfriedigung des Vorgartens thun. Ob diese Maßnahmen dazu angcthan sind, dem Volke eine bessere Meinung von der Heiligkeit der' Ehe bcizu- bringen, bleibe dahingestellt I Groß-Lichtcrfclde. Der Ankauf des Rittergutes Werben für Rieselzwecke seitens der Genieinde wird in den nächsten Wochen erfolgen. Der als Anzahlung notwendige Betrag von 150 000 M. ist von der Sparkasse in Frcicnwalde a. O. als Anleihe aufgelioinmen worden. Inzwischen lassen eS sich die Gruiidbesitzcrvereine nicht nehmen, das verlorene Gefecht gegen die Kanalisation weiterzuführen. Wie der Vorsitzende des'GrnndbcsitzervcreinS„Ost" in dessen letzter Monatsvcrsaminlung den empörten Anhängern der Grundrente mitteilte, ist die Gründung eines„großen Lichterfc'lder Bllrgcrbnndes" geplant. Was der Zweck des Vereins sein soll, ist nicht zu ersehen: so viel ist aber sicher, daß man denselben in der Hauptsache als Vorspann für die Interessen der..Angesessenen"— um bei dem schönen Ausdruck der Landgcmeinde-Ordnnng zu bleiben— zu benutzen gedenkt.— Die seiner Zeit von der Genieinde in AuSsichl genommene Errichtung von Elektricitätswcrkcn zur Lieferung von elektrischer Kraft und elettrischem Licht flir Private ist als endgültig gescheitert zu betrachten. Auf die vorn Gemeindevorstand abgesandten 2000 Cirkulare trafen nur 240 Offerten ein, von denen wiederum ein großer Teil nur unter gewissen Bedingungen sich zur Entnahme elektrischer Kraft bereit erklärte. Tic Pression gegen die englische Gasgcscllschaft — denn als solche stellte sich die ganze Aktion dar— ist kläglich gescheitert und für die Gemeinde völliq erfolglos geblieben. Die Gasgesellschaft wird sich bei diesem gegen sie geführten und miß- lungenen Vorstoß ins Fäustchen lachen. Am 26. September, abends, nach Dienstschluß wird das Postamt in B a ums ch u len w e g bei Berlin von dem Hause Banmschulenstr. 23 nach dem Hause' Baumschulenstr. 17 verlegt. Pankow. In der letzten Gemeindevertreter-Sitznng wurde zu- nächst ein Antrag der Stadt Berlin beraten, zum Zweck der bevor- stehenden Volkszählung pro Kopf der Pankower Einwohner- schaft 4—6 Pfennig zu bewilligen. Der Antrag wurde a b g e« lehnt.— Auf Vorschlag der B e I c n ch t n» g s k o m m i s s i o n sollen wie im Vorjahre, so auch während des diesjährigen Winter- Halbjahres und zwar vom 1. Oktober er. bis 31. März n. I. 153 Richtlatenien bis 6 bezw. 7 Uhr morgens brennen bleiben. Die Versammlung bewilligte die Mehrkoste» im Betrage von ca. 1500M. hierfür.— An Stelle dreier ans dem Waisen rat ausgeschiedenen Mitglieder wurden die Herren Rektor Blasse, Lehrer Schubert und' Uhrmacher Klose gewählt. Ferner wurde mitgeteilt, daß mit dem Bau des hier zu errichtenden A m t s g e ri ch t c s bereits im nächsten Jahre, voraussichtlich schon im kommenden Frühjahr, begonnen wird und bezüglich der Platzfrage im nächsten Monat eine Kommission mehrere Terrains besichtigen wird.— Aus Anlaß des am letzten Sonntagnachmittag an der Kirche zwischen einem Wagen der elekrischen Bahn und einem Privatfnhrwerk er- folgten Znjammenstoßes beschloß die Gemeinde- Vertretung. zur Verhütung weiterer Unfälle an der Ecke die den Schulgarten um- gebende Mauer an der Ausfahrt ans einige Meter entfernen zu lassen.— In geheimer Sitzung beriet der Amtsausschnß über die Aendcrung der im Jahre 1896 erlassenen Vorschriften betr. Be- schäftigung von Schulkindern. Zu der Explosion in Rixdorf erfahren wir, daß der Färber Müller gestern»iorgen 63/4 Uhr seinen Verletzungen erlegen ist. Die Aüfräumungsarbeiren, die Mittivochnachmittag begaimen, sind gestern vormittag von der Staatsanwaltschaft inhibiert worden, da um 2 Uhr eine Gerichtskommission eine Ortsbcsichtiguiig vornehmen ivill. Das verhaftete Dienstmädchen Dulichau wurde gestern dem Unter- silchungsrichter vorgeführt, doch dürste das Mädchen unschuldig sein. Die Näseschen Eheleute glauben nicht, daß die Dulichau an dem einen Tage, den sie nur' bei ihnen war, Gelegenheit gehabt hat, mit' den Ränmlichkeiton so vertraut zu werden, daß sie das Benzin zum Explodieren bringen konnte. Man rechnet mit der Möglichkeit, daß Funken ans dem' Schornstein durch die aufstehende Thür in den Keller hineingeflogen seien. Hier lagerte mehr Benzin, als die Polizcivorschriften erlauben. Eine regelmäßige O»»iibuövcrbi»dn»g soll demnächst zwischen Spandau und Pichelsbergc eingerichtet werden. Gegenüber dein Bau einer elektrischen Bahn durch den Grunewald verhält sich die kgl. Forstvcrwaltung durchaus ablehnend. Gevirtzks Eine saubere Gesellschaft. Wie es bei den öffentlichen Ver« st e i g e r n n g e n in den Pfaiidkammern zugeht, darüber gab eine Verhandlung, welche gestern vor der 13. Abteilmig des Schöffengerichts stattfand, intcressante Aufschlüsse. Es dürfte allgemein bekannt sein, daß die Berliner Möbclhändler, welche alte Sachen kaufen, einen Ring bilden, wodurch es Privatpersonen nur möglich ivird, einen zu versteigernden Gegenstand zu erstehen, ivenn sie ein besonders hohes Gebot abgeben.' Bei einer solchen Vcrstcigernng bot der Händler D w i n ci tz k i für eine Bettstelle nebst Matratze 36 M. Keiner von seinen anwesenden Kollegen gab ein höheres Gebot ab, worauf Dwinatzki den Zuschlag erhielt. Nach becildctcr Vcrftcigermig veranstalteten die Händler nnter sich eine zweite Auktion. Einer von ihnen erstand die Bettstelle für 50 M. Die hierdurch erzielten überschießenden 14 M. wurden dann gleich- mäßig unter die Händler verteilt. Der Taseldecker Ma x Schumann erstattete nach einigen Tagen die Anzeige, daß Dwinatzki ihn durch falsche Boripiegelungen vom Mitbicten abgehalten habe, worauf gegen Dwinatzki Anklage erhoben wurde. Der Beschuldigte gab z», bei der Ver- stcigcrung so verfahren zu sein, wie geschildert, aber dies sei bei den Händlerii ein allgenieiner Brauch. Der eine kaufe mit Vor- liebe Bettstellen, ein zweiter Schreibtische, ein dritter Koch- Maschinen usw. und da sei es allgemein Brauch, daß ein Händler den anderen nicht überbiete. Der Erstehcr habe sich hierfür erkenntlich zu erweisen,>md so ivasche eine Hand die andere. Nun gäbe es aber Leute, welche nicht zum Ring gehörten und doch von den Vor- teilen initgenießen ivollten. Der Zeuge Schumann gehöre zu den Personen, die im trüben fischen wollte». Er habe von dein An- geklagten Geld verlangt, weil er nicht mitgeboten habe, uiid ans Rache, weil er nichts erhielt, habe er die Anzeige erstattet. Der Zeuge Schumann bekimdeie, daß er die ernste Absicht gehabt habe, die Bettstelle zu kaufen. Als er habe mitbicten ivollen, habe der An- geklagte ihm aber ein bezeichnendes Angenzlvinkern zu- geworfen und dies habe er so verstehen müssen, daß er für sein Nichtmitbieten entsprechend entschädigt Irerdeü solle. Ter Angeklagte, wie die Zeugen niutzten sich seitens des Vorsitzenden eine herbe Kritik ihres„sauberen Geschäfts" gesalle» lassen. Der Staatsanwalt hielt das erwähnte Augenzwinkern für erwiesen und beantragte gegen den Angeklagten eine Geldstrafe von 50 Mark. Der Gerichtshof kam zu einem freisprechenden Erkenntnis, da lediglich ans die Aussage des Zeugen Schnmann hin eine Vcr- urteiluilg nicht erfolgen könne. Aver— fügte der Vorsitzende hinzu— die Verhandliing hnl ein Bild entrollt, wie es hei den Auktionen zugeht, das mit Schändern erfüllen könne. Arme Leute, denen ihr letztes Hab und Gut gepfändet sei, müssen zusehen, wie die ihnen liebgewordenen und zumeist sauer crivorbcncil Sachen durch den Ring der Händler für einen Schleuderpreis in die Welt gingen. Es sei wirklich wünschcnsivcrt, daß diesem Treiben ein Riegel vorgeschoben würde. I» de», Prozeß gegen die Spieler ans dein„Klub der Harmlosen" wird auch die Berliner Journalistik unter de» am 2. Oktober und den folgenden Tagen vorgeladenen Zeugen vettretcn sein. Die Stnatsainva'ltschaft legi Wert darauf, festzustellen, von welchen Kreisen die seiner Zeit in den Tageszeitirngen erschienenen Artikel beeinflußt worden sind und der Herausgeber des„Klein. Journals", Dr. L. Leipziger, wird nach dieser Richtung hin»in Allskniift angegangen. Handelt es sich in diesem Falle >v i e d e r u in e i» bißchen Z e u g n i s z w a n g?— Der Jonr- nalist Oscar Thiele ist in anderer Weise in die Spieler-Affaire verivickelt worden: pie Staatsanwaltschaft hat gegen ihn Anklage wegen Vergehens gegen§ 17 des Prcßgcsctzcs erhoben, indem sie beyauptet, daß einige Mitteilungen, die er über die Spieleraffaire gemacht hat, die noch nicht öffentlich verhandelte Anklage zur Grund- läge gehabt haben müßten. Wegen Wuchers ist gestern der Kaufmann Karl Braun aus Chnrlottcnbnrg von der zweiten Strafkammer am Landgericht II zu einen, Jahr drei Monaten Gefängnis, 2000 M. Gildstrase und drei Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Er wurde sofort der- haftet._ Vevnrifitzkes- Hat Andröe den Nordpol erreicht? Aus Stockholm lvird zil der gestrigen Mitteilung berichtet: Dr. Elholm, Professor Nathorst und Kapilän Andree nehmen nach den vorläufigen Mit« teilnngen an. daß die im Eismeer gefundene Boje eine sogenannte Polbojc ist, welche Andröe auswerfen wollte, wenn der Nord- p o I selbst passiert würde. Die übrigen niitgeführten Bojen sind nämlich bedeutend kleiner; der Inhalt der Boje ist noch»ichr bekannt. Im Palaiö der Königin der Niederlande zu Amsterdam wurde ein Juweleudiebstahl entdeckt. Verdächtig ist Leblanc, der erste Silberbewahrer. Der Schnellzngverkehr M ü n ch e n— Rosenheim— Kusstem— Innsbruck sowie München— Rosenheim— Salzburg ist wieder voll» ständig ansgenommen. Briefkasten der KedaKkwn. Die juristische Dprechftimte findet Montag, Dienstag und Freitag abends von G bis 8 Uhr statt. H. Berlin. Wir hoffen auch, dof? Sie bald zu Worte kommen und den Beweis führen, önfj die Hexeiivcrbrennuiigen nicht etwa doS Werk fanatischer oder spekulativer Hetzer waren, sonder» daß sich die Hexen das selber zuzuschieiben hatten, Rixdorf 73. Wenden Sie sich an den Dirigenten der kgl. Feuerwehr, Herrn Branddirektor Giersherg, Lindeustr, il. Besteller in Oberhausen, Kniggenstr, 150; Wir bitten um Angabe Ihres Namens, R. 100. Muh einen Rech.sanwalt haben, 38. Nach dem Gesetz vom 22. Mai 1895 sind den erwerbsunfähig ge- wordenen ehemaligen Kriegsteilnehmern ftir de» Fall und für die Dauer der Bedürftigkeit Beihilfen in Höhe von 120 M, in Aussicht gestellt. Die Mittel reichten nicht aus. Durch Gefetz vom 1, Juli 1809 sind die Mittel dereit gestellt, um allen bedürftigen Kriegsteilnehmern die Rente zu- komme» zu lasse», Die Anträge sind an die Polizeivenvaltnng oder an das Landratsi, Bezirks- oder Krcisamt deS Wohnorts des Invaliden zu richten, Auch früher bereits wegen Mangel a» Mitteln abgelehnte Anträge von Kriegsinvaliden könne», da nunmehr Mittel bewilligt sind, von neuem ge- stellt werden,— 0,00. I, Werbendes Kapital, 2. Ja, 3. Er mühte gegen den AlimentationSvcrpflichtete» klagen,— H. Schüler. Nach§ 3K1 Nr, 10 ist strafbar, wer, obschon er in der Lage ist, diejenigen, zu deren Ernährung «r verpflichtet ist(Ehefrau, Kinder usw.), zu unterhalte«, sich der Unter- haltungöpflicht trotz der Aufforderung der zuständigen Behörde derart cnt- zieht, daß durch Vennittlung der Behörde fremde Hilfe in Anspruch � ge- »omuien werden muh, Außerdem hat selbstverständlich der Vater die Eni- Ziehung des Erzichungsrechts durch das Bormuudschaftsgerüht zu gewärtigen, — Schönwciderstr. 13. Da der erste Oktober Sonntag ist, so sind, wie wir wiederholt mitteilten, die Ztehtage von dem 1., 2. und 3. auf den 2., 3. und 4. Oktober verlegt, Sie brauchen nicht am ersten, sondern erst gin zweiten Oktober ziehen.— W. 18. Soweit ersichtlich, muh seitens der Mitglieder weitergezahlt werden,— M. X. 10. Ein Eheschcidungsgrund liegt in dein von Ihnen Borgetragenen nicht, Ihre Verpflichtung, für Ihre Ehefrau zu zahlen, erlischt nur, wenn Ihre Frau gegen Ihren Willen getrennt von Ihnen lebt,— M. K. 3l. Nein, es sei denn, fmmi Zimmerer. Mtmi Am Tonntag, den 34. September, mittags I3Vs Uhr, in de» „Apollo- Sälen", Hermannstraste: Oeffentliche Zimmerer-Versainmlttttg für Rixdorf itnb Britz. Tages-Ordnung: 1. Vortrag über das Uufallversicherungs.Gesetz, 2, Anfstellung der Kandidaten zur Gewerbegcrichts-Wahl, 3, Verschiedenes, 2öb/ö Her Vcrtraiicnsniann. Achtung! Ulanrer. Achtung! freitas, den 33. Scptcmlier, abends 8 l'lir: Mitglieder-Bersammlimgeu der Zahlstelle Berlin II. des Centralbcrbandes deutscher Maurer in folgende» Lokalen: Für 8. nud in Bictolo grofiem Saal, Hasenhctde 33. Tages- Ordnung: Die Schädlichkeit der Accvrdarbeit i» nuforem Gewerbe, Referent Kollege VJ. Schulz. Für Westen im„Könige Hof". Biilow straffe 37. Tages- Ordnung: Der sociale Kampf in der Gegenwart, Referent Kall, Karl dllelis, Für Moabit bei Fischer, Benfselftr. 0. Tages-Ordnung: Der bau- gewerbliche Arbeiterfchutz, Referent Kollege V/. Schulz. Für Omrlottenljiii'jf in der„GambrinnS< Branerei", Wall- straffe 01. Tages-Orbinntg: Das Recht aus Arbeit, Referent Kollege R Winzler. 137/10 Um guten Besuch dieser Versammlungen ersticht Die Berbandsleiinng. Ttttilarbeittr und-Arbkitmunen von Nnttttltelsbnrg n. Utttgegend. Tonnabend. den 33. September 1800, abends 8 Uhr. im Lokal des Herrn Weisel, Dürrschmidt- und Goetbcstrnffcn-Ecke: Oeffentliche Versammlung. Tages-Ordnung: 1, Die Gewerkschaftsbewegniig ii» allgemeinen und die Textilarbeiter und-Arbeiterinnen von Rummclsbuig und Umgegend im besonderen, Referent i'rltas Berger. 2. Diskussion, 3. Wahl eines Vertrauensmannes. 4, Verschiedenes, 272/13 IBf- Entree 10 Pf, Um pünktliches Erscheinen ersucht Her Blnbei'uter. dast die Fehler erheblicher werden,- A. E. 3074. 1, Ja. 2, Nein, 3. Die Eltern sind von jedem Kind zu unterstützen. Die Kinder können nur gegen einander Regreß nehmen. Der Schwiegersohn oder die Schwieger- tochter haben keine Unterstützungspflicht gegenüber den Schwiegereltern, W. S. Eharlottenburg�G8.. 1. Rein, 2, Darm ersuchen Sie das Bor- mundschaftsgericht zu bescheinigen, dah das Kind nicht im Stande ikt, die Kosten des Alimentattonsprozesses zu zahlen, und stellen unter Ucber- reichuug dieses Attestes den Antrag, dem Kinde das Armenrecht zu de- willigen und klagen auf Alimente, 3. Die Eltern,— M. 3. Falls die Nähmaschine zur Lohnarbeit gebraucht wird, gilt sie als unvfändbares Handwerkszeug,— Jurist. Wochenbettpflcgerinnen sind wvalidttätsver- sicherungspflichtig,— W. 9t. 100. Sic müssen die Miete auch dann zahlen, wenn Sie nicht oder erst nach dem 8, gemahnt sind. Ein Ex- missionsrccht liegt vor, wenn in Ihrem Vertrag für den Fall nicht pünkt- licher MietSzahlnng ein solches Recht eingeräumt ist,— R. L. 31. 1. Ja. 2. Ja, 3. Das ist uns nicht möglich. Zuständig ist das Gericht, in denen Bezirk der Vater wohnt,— Stockheim Obersranken. 1, Solche Be- sliumiung entspricht der Poslordiiung, 2, Das Krankenverüchemngsgesctz datiert vom 15. Juni 1883, die Novelle dazu vom 10, April 1892, Wittcruugsübcrslcht vom 31. September 1800, morgens 8»Hr. Stationen 3 743jRO 761NW 753,353 703SSW Wetter OS E � du i« W?. 2Megen 1, bedeckt 4 heiter 2hcitcr ! t Weiler-Prognose für Freitag, de» 33. September 1800. Nachts kühl, am Tage etwas wärmer, vielfach heiter, zeitweise wolkig bei mäßigen westlichen Winde»; keine erheblichen'Niederschläge, Berliner W c t l e r v n r« a n, Marktpreise pou Berlin am 30. September 1809 nach Ermittelungen des kgl, Polizeipräsidiums. D,-Ctr. *)Weizen '/Roggen Foucr-Gerste, Hoser»ii: „»iilicl ,, genug Richlstrvh ,. Sei:„ filErblen„ j-)Speiietohnc»„ t')Linit)i Kartoffeln, neue„ Rindfleisch, Keule 1kg do. Bauch„ ) Ermittelt pro 15,30: 35,20 13,60 15,20 14,50 13,80 4,- 6,70 40,- 50,- 70,- 7- 1,60 1,20 Tonne Schweinefleisch Kalbfleisch Sammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Serfue Barsche Schiere Bleie Krebse 1kg 60 Stück 1kg per Schock 1,60 1,60 1,60 2,60 4,50 .2.20 2,80 2,60 2,20 1,80 2,50 1,40 12- 1,10 1,- 1,- 2,— 2,80 1,20 1,20 0,90 1- 0,80 1,20 0,80 2,- 14,40 13,70 12,50 14,00 13,90 13,30 3 50 4,- 25,- 25,- 30,- 6,- 1,20 1,- von der Centralstelle der Preuß, Landwirt- schaftskammeni— Notlcrungssiclle— und umgerechnet vom Polizeipräsidium für den Doppek-Ceilwer, ch) Kleinhandelspreise, Produkten markt vom 21, September 1899, In Getreide war die Haltung sester, Weizen konnte sich etwas erholeii, Roggen in guter Qualität und auf baldige Lieferung begehrt und 75 Pf, höher. Bemerkt sei auch, daß die Nachfrage nach guter Braugerste weiter lebhaft blieb; hiesige Brauereien sollen in letzter Zeit größere Postcn aus dem Markte entnommen haben, Hafer behauptet, Rüböl fest; hintere Sichten gewannen durch Deckungen 0,20 M, Am Spiritnsmarkte zeigte sich heute regere Kauflust, Loco 70er konnte im Preise 10 Pf, profitieren. Die am Markte befindlichen 5000 Liter wurden zu 44,60 M, gehandelt. Auch Termine gewannen 30 Pf, Kartoffelfavrikate. Feuchte Kartoffelstärke per 100 Kg. brutto mkl. Sack 11,— M. Prima trockene Kartoffelstärke per 100 Kg, brutto iukl. _ Sock und Mehl 21,50 M. Supra trockene Kartoffelstärke— ,— M. Kartoffelmehl per 100 Kg, brutto—. Prima Kartoffelmehl per 100 Kg, 21,50 M. E t e r b e r i ch t vom 7, September, Normale Eier je nach Qualität von 3,10—3,60 M. per Schock, Aussortierte kleine Ware je nach Qualität von— bis— M, per Schock. Tendenz: matt. uilki TllpkMrer. Totiiiäbend, den 33. September, abends M/s Uhr, iu CohuS groffem Saal, Bcnthstrastc 10—21: Oeffentüche Versammlung aller Arbeiter n. Arbeltcrinnon d. l'osanicntenbranciic T n.g e s-Ordnung: 1. Der Stand unseres Streiks und wie stellen sich die Arbeiterinnen zu ihren ausgesperrten Kollegen? 2, Diskussion, 3, Berschiedenes. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird gebeten, 153/8 Bie Beluiltoniinission. UrrlM Ufr Sattler. Tapfziner «itd periv. Bernssgeitvsse». Filiale Berlin I. Frcitng-, den 33. September, abends 9 L'hr, im l-okal „l'lnglisclicr Hof'% ützeue Kossstr. 3: Mitglieöer- Versammlung TageS-Ordnung: 1. Dortrag, 2. Diskussion, 3. Verschiedenes. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen bittet 157/10 Ber Vorstand. MM öfr Sattler DeuMMs. Filialen Berlins. Am Sonuabcnd, den 14. Ottober 1800, in de»„Central- Festsäle»"» Alte Jakobstrastc A3: 11. Stifhmgs-Fest. Austreten der Gcsellsckast Stizolevicz, sowie des Gesangvereins der Sattler, Vestrcde, gehalten vom Kollegen.Assinonn. Anfang 8V, Uhr. Eintritt inkl» 7 a«5 Herren v.iiv M., Damen 0,10 M. Aiiitmis! Textilarbeiter! AM««! Filiale I. Berlin. Sonnabend, de» 33. September, abends 8 Uhr, im Lokal des Herrn Wilke, AndreaSstraste Äv: gW" Vr».'knmi»l»uia."MZ Tages- Ordnung: 1, Wahl des 1, Schriftführers. 2. Bericht deS Bibliothekars und Neu- wähl desselben, 3. Verschiedenes, 272/12 Uni zahlreiches Erscheinen ersucht Ber Vorstand. Achtung!"WU MT Achtung! WilMllttrulNfiltfil-Wfitfr. Am Montast, den HS. September, abends SVe Uhr, im Lokal . deö Herrn Granmann, Nannynstr. 37: Oeffonll. VevftmmlUmij' Tages-Ordnung: 1. Bericht über das beschloffene Gewerkschaftskartell und Wahl eines Delegierten, 2, Bericht über dm Streik und Generalfonds. 3. Stellung- uahme zur Ueberstunden-Arbeit, 4, GewerkschastlicheS, 142/15 Jeder Kollege, besonders die Delegierten der Fabriken sind verp zu erscheinen, Der Bertrauensmaun: Aren cpflichtet, tiMi RadiUMnilkr. mmi] Sonntag, den 24. September 1899, vormittags 10 Uhr, in Feuersteins Festsälen, Alte Jakohstr. 73: Außerordentliche Mitglleder-Versammlung. Tages-Ordnung: 1, Der Stand unserer diesjährigen Lohnbewegung, 2, Diskussion und Verschiedenes, 261/7 Die Kollegen der Firma Knaner sind hierzu besonders eingeladen. _ Die OrtSvcrwallung. I. A.: Kuschmlnder, Ifoltfrft M Holirninlliillfr. Am Freitag, den 33. September, abends 7 Uhr, im Lokal des Herrn Buske, Grcuadicrstr. 33: (Dcffcitfl. jDecfmnmlmttt. 269,6_ Bie l.Qhnlcomniission. � TiMzlev � Nevein. Sonnabend, de» 33. Septbr., abends 8t/, Uhr, tvtelchiorftr. 18; üf" VevfQlNlnlttlrg. Tages-Ordnung: 1, Vortrag des Herrn Br. P. Bernstein über:.Die Fortschritt« der modernen Gesundheitspflege und das Proletariat". 2, Vcreinsange- legenheiten, 199/4 MU" Damen haben Zutritt. Ausgabe der BilletS zum diesjährigen Stiftungsfest._ Ber Vorstand, Charloitenburg, 109 Berlincrstr. 109, empfiehlt spcciell heiße Sand-, Trockenluft-, Loh-, Tannin-, Dampfbäder, täglich für Damen und Herren von 8 Uhr morgens biS 9 Uhr abends, Sonntags bis 1 Uhr, Bäderliefenmg für sämtliche Krankenkassen, s258SL» Wilhclmsbad, Jedes Wort: Pfennig. __ Nur das erste Wort fett. Worte, mit mehr ata 16 Buchstaben zählen doppelt. fCIein© ßn Anzeigen in den Annahmestellen für Berlin bis 2 Uhry für die Vororte bis 1 ühr9 in der Hauptexpedition Beuthstr.ä bis 4 Uhr angenommen,_ Verkäufe. Eckdestillation, alles, rentables Geschäft, großes Billard- nnd Vereins- zimmer(100 Personen fassend), schöne anschließende Wohnung, vier Vereine, vier Zahlstelle!:, verschiedene Kassen imd Gewcrkjchast«!, ist preiswert zu verkaufen, Auskunft erteilt A. Kapp, Friedrichsberg bei Berlin, Friedrich Karlstraße Nr, 4,__ t90* St ah»ins cht ii en sämtlich er Gystem e ohne Anzahlung. Bestellung Postkarte, W a udrci, Loryingstraßc 16, Z668b �Möbel, bar und Teilzahlung, billigst, Franksurter Allee 110, 1, Eck Königsberg erstraße,_ 137K» Nusibaittnmöbel, ganze Wirtschafff wegen Wegzugs spottbillig Waldemar- straffe«8, I, liukS,»9I<» Bette», Steppdecken, Gardinen, Tischdecken, Teppiche, Portiere», Au- züge, Hosen, Regitlatoren, Reiiiontoir- uhren spottbillig Pfandleihe Ncander- strahe 6. 111/1" Ütestauratio»- Destillation, gut- geHaid, preiswert oerkäuflich, mann, Swineiuniiderstraße 43 Schlcicrsische von 10 Pf, an ver- kauft Kerwic», Liuimstraße 50, III, Bettsäckrohr, Stnhlrohr, Bainbus, C, H, Kramer, jetzt Wallftraße 16. Ätaterialwaren- Geschäft, 3 Jahre bestehend, zu verlausen Adlershof, Hackenbcrgstraße 13. 2717b Milchgeschäft, weil zwei, sofort pertäuflich Schönleinstraße 30. 1-9o Besonderer Umstände halber muß ich mein Lokal verkaufen, jedoch nur an parteilose Käufer, da der Wirt, Fuhrherr Moritz, hier, Lothringer- straffe 45, mit Socialistcn leinen Kau, trakt abschließt. Kontrakt für Käufer 5 Jähre, R. Auguffin. Kastanien- Allee 11,_ 138 Fleisch-und Wurswerkauf zu ivlarlt- hallenpreisen, Ramlerstraße 23. Niiffbaiimiilöbel. mehrereZimincr, nnd Küchvunöbcl, auch einzeln, wegen Wegzugs mir bis 30, September spott- billig verkäuflich Waldcmarstraßc 68 I UnkS, 1728* Yermischie Anzeigen. Elettra, Prinzenstraße 55, Neues Prnttikui» sür Elektrotechnik, Ausnahme jederzeit,_" Vereinszinimer zu 50 Personell zu vergeben, Psefferberger Ausschank. Brfickenstraße 2, 2684b Elektra, Prinzeusttaffe K, Reuer Abendkursus, begiiiilcnd Donnerstag, 21, September, Gediegene pialtische mid theoretische Ausbildung für Elektromonteurc, Jnstallalenr», alle Mctiivgemerbe, Kanjleittc, Keine Bor- keniljulsse, Diploiuzcugnis, Stellimgs- Nachweis, Lchrplan gratis. Aiiiiielduiig läglich, auch Soiiutagsvorinittag. Gicinerts Weddiiig-Kasiiiv, Schul- straffe 29 Saal, 400 Personen saffend, für Oktober, November Sonnabends noch zu vergeben, Bercinszimincr mit Piano, 40—100 Personc», auch frei,_ fOl* Theatersäle, 100 bis 200, init Theatcrbühne, zu vergeben. Wernail, Schwedterstraffe 23, ch38-- Theatersaal, KÖO Personen sälsend, für„1900" Sonntags zu vergeben, Schwedterstraße 23. Vermietungen. Zimmer. Einfach möbliertes Zimmer für anständigen Herrn oder Dame zu per- mieten, Ponto, Glalitzerstraße 46d, 4 Treppen. 2731b Sctilslstellen. Möblierte Schlafstelle zu per- mieleit be! Petzoldt, Hussitenstraßc Nr, 2,_ fei Schlafstelle, sauber, an zwei an- ständige Herren zu verniieten, Witwe Doffmanir, Pulllitzstraße 4, Hos Iii. Arbeitsmarkt. Stellengesuche. Junger Mail», der stehende Be- schästigmig nicht verträgt, sucht irgend eine Stellung als Kasienbote oder dergleichen. Gewandtes Bewegen, Kleine Kauiioii kann gestellt werden, Gcsälliae Offerten imter U, 21 an die Spedilion Moabit, Salzwedelerstr. 8, Stellennngehote. Former gesucht, Ritterstraße 85, K n tscher für Arbeits- und Kutsch- fuhrwerk, Slrbeitcrziwi Möbeltransport, zuverlässig, fleißig� bei gutem Lohn, sucht Wilhelm Graffow, Iteinickendorf, Märkstraße 9, sl6gK» Tüchtige Silbera, beiter(Monteure) finde» bei hohem Lohn dauernde Be- schästigmig, Offerten mit Zeliaiiissci! a» Martin Mauer, Mainz. fl69K* Tüchtig» Farbigmacher sucht Jensch, Waldemarstraffe 15, ch72» Reise ich iih arbeiter. Schuhmacher erhalten Reiseschuhe anffer dem Hause auzilsertigen, Graes, Marluöftraffe 50, Beifikborer nud Farbigmacher v ei langt Loose, Waldenrar straffe 51. sttrbciterkreisen emgesühi-te Rei- sende, sowie redegewandte Leute können viel Geld verdienen, Buchhandlung, Rüdersdorserstraffe 33, 2438b Ei» alter Männer-Gesaiig-Berein sucht für Dienstag eiiicu tüchtigen Dirigenten, Postlageud Amt 4 E, 65. Tüchtige Rahmenmacher finden dancriide Beschäftigung Goldleisten- favrik, Alexaiidrincnstraffc 25, s2724b Schreiber- Lehrling verlangt „Deutsche Gastivirte-Zeitung", Nieder- wasistraffe 20, 2720b Kiftenmachcr verlangt Eckert, Gräfte Hamburgerstrafte 2G_[76/1 1 Buchdrucker- Lehrling verlangt Eckstein, Sebastianstraffe 84. s2733b Arbeitergesangverrin. stärkerer, sucht sür Mittwoch«inen tüchtigen Dirigenten, Honorar nach lieber- einkuust. Offerten unter Li. 39, Post- antt 34,-!-80 Arbeiter und Arbeiterinnen ver- langen Gebr. Siemens sc, Co., Chaxlottenvurg, Salzufer 2,[273Zb Geübte Knopssocharbeiterin und Borrichterin verlangt Raetsch.Dlalitzcr- straffe 63/6411, geradezu. 2730b Fra» znm Zeitlingstragen für Moabit, sofort verlangt. Weiße, Triststraffe 46 a,_ 173A* Wendefrnuc» verlangt Filzschuh- fabrik Landsbergerstraffe 92, 146/9 Juugc�Mädchcn, die das Bluiiieli- binden bei sofortigem Gehalt erlernen wollen, können sich iiicldcn bei Zadc so Falk, Koulmandlmtcnstrabe 77. Geübte Karlonarbeitcrtniien finden dauernde, lohnende Beschäftigung Kartoufabrik, Mnrkusstraffc 50, s2726b Junge Mädchen, leichte Handarbeit, verlangt sofort Kartvnsabrik, MarluS- straffe 5G_ 2727b Arbeiterinnen verlangt Atelier Kurstraffe 40, auf gute Jackett? Otto Kohlniaim, 2718b Bersilberi» verlangt Loose, Wal- deiuarsiraffe 51.__ 27126* Junge Mädchen, die das Blumen- binde» bei sofortigem Gehalt erlernen wollen, können sich melden bei Zade sc, Falk, Kommandautenstraffe 77, Falzerinuc», geübte, verlangt die Geschäftsbücher- Fabrik Riefenstahl, Zumpe u, Co., Holzmarktstrnffe 67, I», Arbeitsmarkt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen kosle» 10 Pf. pro Zeile. Tüchtige[113/4* Portefeuille■ Arbeiter auf Uiitcum. Tresors, Btsites, feine Brieftaschen und solche ans besi»ePhotographie-!1tahutcn geübt, filidcks: sos, lohnende Beschäfliguiig bei Ildaai'd Baseir& Co., Ossciibach a. Main. Reisevergütimg nach Uebereiilkiiilft, vle Orts-Krankenkasse der Mechaniker sucht zum baldigen Eintritt eine» tiiljjtigeil Artkilbtliliittil mit guter Handschrift, Ansangsgehalt 120 Mark, Kaffenmitglieder würden event, bevorzugt. Nur schriftliche Offerten, denen Rückporto nicht bei- zusügeii ist, sind an das Bureau Klosterstr. 65/67 zu richieu. 269/5 Müs Holzarbeiter! In der 8«jn# Möbelfabrik v. Ü«rs ebner, Rcichcnbcrger- ftrasic 57, stehen die Tischler und Drechsler im Streik, ffiZk" Zuzug fernhalte»."NN 121/7 Tie Ortövcrivaltiiiig. Zlchtung!'Achtung: Marmor- Arbeiter. Die Werksicllen Zl. Hepp. Urban- straffe 34, und<5. Fink. Bergmann- straffe 102, stehen im Streik, 274/14 Zuzug fernhalte»: Ztnttahme- Stellen für„Kleine Zlnzeigcn". Osten: Robert SNcugels. Fruchtstr. 30, H. L. Bogel Wwe., Koppenstr, 83. Ehr. Schul»«, Blilmcustr. 14. Vordosten: I. Ncul, Barnimstr. 42. Xonleir: W. Gahma»». Grünthalersir, 65, Karl Mars, Kastaiiicn-Allce 95/96. Emil Stolzenlinrg. Wiescustr. 14. L. Tcchand. Rnheplatzstr. 24. H. Bogel, Deiiuniiierstr. 32. Ä. Tieii, Jnvalidensir, 124, Xordnestcu: Karl Zluders. Salzwedelerstr, 8. Sfidwesteu: F. Ohnesorge, Bergniainistr,2Z, HU H. Schröder, Krenzbergstr. 15, 8iiden: Hans Vaake. Dresdcnerstr. 52,53, F. Gutschmidt, Kottbnscr Damm 6 iSiidosten: Fritz Thiel, Skaiitzcrstr, 35. W. Gesche. Wraiigelstr, 53. T'tarii» Mescha, Adalbertstr. 21 Oentmin: P. Horsch, Acpsstr. 27. A. Tictz. Breitestr, 23. Obarlottenbnrx: Gust. Scharnbcrg. Schillerslr, 941. I'rledennn: H. Bcruscc, Kirchstr. 15. Vriedrielisberx: Auto» tiopp, Friedrich Karlstr, 4. Pankow; Knmuiert, Kaiser Friediichstr. 15. Ilivdorl: C. Ostcrinan», Erckstr, 6, E. Retzerau, Hermainistr. 50. tzieböneber�: Wilh.BänmIer.ApastelPaiilusstrlst Weissensee: Heinrich Bachinau», Lehderstr, 1. Julius Schillert, Königchauffce 39a. Rod. Liebirhwager, Gustav-Adolf» siraffe 16. Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wctzker in Groß-Lichterfelde. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Binz Bading in Berlin. Sr. 222. 16 nw 2, Stilijt Ks„WMs" Inlintt WksdlM. Ittitiuj, 22.Stpfruilifrl899. Bericht über die MlmMW Ajatigkeit kt sociltldmokratWtll ReichstagSsraktioll. 6. Dezember 1808 biZ 22. Jimi 1899. Dem Ncichstag lunr bereits mehrere Monate vor seinem Zn- soinmentrilt durch die Oehnhanscner Kaiserrede als seine wichtigste Aufgabe angekündigt worden: einem neuen Zwangögesct« gegen die Gewerkschaften seine Zustimmung zu geben. Hiergegen hatten zivar die Arbeiter sofort mit seltener Einstimmigkeit in unzähligen Lersammlungen protestiert, und auch unser vorjähriger Pnrtei'lng verurteilte bekanntlich in der schärfsten Form jede Beschränkung der KvalitiouSfreiheit,„des unentbehrlichen Mittels zur Verbesserung der Lebenslage und zur Erhöhung der politischen und Wirtschaft- licheii Unabhängigkeit der Arbeiterklasse", Aber alles dieS ver- mochte nicht die Negierung von ihrem Plane abzubringen. In der Thronrede, mit welcher am 6. Dezember vorigen Jahres die Sitzungen des Reichstages� eröffnet tuurden, war noch einmal auscrücklich darauf hingewiesen, das; die Negiennig die Ännahine der, freilich noch immer sorgfältig verschwiegeneil ZuchtshauSvorlage„zuversichtlich erwarte". Ob diese„zuverstchlkiche Erivartung" der Negterung erfüllt werde, hängt vom Centruni ab. Dasselbe ist zwar bei den Wahlen von unS schon seit 180V an Stimmen weit überflügelt, nmfastt aber in» folge der Mängel unseres Wahlrechtes im Reichstage die stärkste Fraktion. Sie kann dort sotvohl mit den Konservativen und einem Teile der Nationalliberalen eine Mehrheit für die Zuchthansvorlage bilden, als auch zusaminen mit den Freisinnigen und unS das neue Ausnahmegesetz zu Fall bringen. Unter diesen Umstände» gewann der Zwischenfall, der sich bei der Wahl der Schriftführer abspielte, eine gröstere Bedeutung. Unsere Fraktion hat nach ihrer Stärke daS Recht, ans ihrer Milte einen der acht Schriftführer des Reichstages zu stellen. Da wir nicht gewillt sind, auch nnr auf das geringste unserer Rechte zu ver» zichten, so schlugen wir den Genossen Schippet als Kandidaten für die Schriftführerwahl vor. Das Zentrum bestritt nicht, das; unser Anspruch gerecht ist. und so schien bis zum letzten Augenblick SchippelS Wahl gesichert. Trotzdem unterlag nnser Kandidat mit 172 Stimmen gegen 188 für den Polen, Grafen Kwilecki. Dieses Resultat� war nur dadurch möglich geivorden, dag die nötige Zahl Zentrums Abgeordnete umfiel. Eine so klägliche Haltung'der„maßgebenden Partei bei dem ersten Konflikt zwischen einein anerkannten Mcchte der Soeialdemokraten und höfischer Rücksicht begrüßten die Scharf- inacher als ein Zeichen dafür, daß auch der Widerstand des Zentrums gegen die Zuchthansvorlage schließlich nicht unüberwindlich sein werde. Die Soeialdeniotratie verläßt sich aber stets nur auf ihre eigene Kraft, nienials auf das Wohlwollen der bürgerlichen Parteien. Des- halb ließ sich unsere Fraktion durch diesen Zwischenfall nicht im ge- rhigsten beirren. Das zeigte sich bereits in den nächsten Tagen bei der Beratung des Etats, der Ausgaben und Einnahmen des'Reichs. Die Regierung hatte die Finanzlage als eine überaus günstige ausgemalt. In dem letzten damals abgelaufenen Geschäftsjahr, vom 1. April 1807 bis zun» 31. März 1808 waren die sogenannten Wirt- schaftlichen Einnahme» bedeutend höher gewesen, als sie s. Z. ver- anschlagt wurden. Es ergaben: mehr ..■., alS veranschlagt: I. Zolle und Verbrauchssteuern 733 416 166 M. 80 284 686 M. ll. Post- u. Telegraphenverwältung 42 248115, 4161034 III. Reichsdrnckcrei 2 175 069„ 640 515 IV. Eisenbahn-Verwaltung 26 620 721„ 2 067 542 V. Bankwesen 10 690 667„ 7 189 067 Eine Mindereinnahme hat sich mir bei den Neichsstempelabgaben herausgestellt: eine Folge der letzten Bvrsenreform. Dasselbe glänzende Bild lieferte auch das laufende Jahr. Die Einnahmen für das Rechnungsjahr 1399 konnten erheblich höher als im Vorjahre angesetzt werden. Dies nutzte der Staatssekretär zu einem, für gewisse Kreise sehr angenehmen Schluß seiner Etatsredi aus, indem er die Hoffnung aussprach, der Reichstag werde ihm„zu geben", daß Geld genug da sei für die Heeresvermehrung. Unsere Redner aber zeigten, daß es sich niit den Finanzen des Reichs denn doch etwas anders verhält. In Wahrheit wies der Etat, .zusammen mit den„Nachträgen", ein Defizit von 106 Millionen Mark aus, 50 Millionen mehr als im Vorjahre. Noch viel schliunner jedoch muß das Mißverhältnis zlvischen Ausgaben und Einnahnien werden, wenn die großen Einnahmen, sobald der gegeinvärtige, außergewöhnliche industrielle Aufschwung vorüber ist. zurückgehen, die Ausgaben dagegen dieselben bleiben.' ja als Konsequenz der bis- herigen Bewilligungen noch mehr anwachsen. Das Ende vom Liebe ist eine ininier ärgere Schnldeinvirtschaft. Hierzu kommt noch die Art und Weise, ivie die Gelder verwendet werden. Die gesamten ivirtschaftlichen Einnahmen des Reichs in der Höhe von 409 Millionen Mark werden verschlungen durch die Ausgaben für das Militär und die Marine und das, Iva? damit im engsten Zusammenhang steht. Ja, die 904 Millionen reichen nicht einmal. Es fehlen mehrere Millionen. Trotzdem müssen diese Ausgaben mit der Zeit noch größer werden. � In diesem Jahre brachte die Regierung wieder eine neue M i l i t ä r v o r l a g e ein, durch welche die Präsenzstärke der Armee bis zum Jahre 1002 um 23 277 Mann erhöht werden sollte. /Zu dem Ziveck war in dem neuen Etat eine Mehrforderung von OKe Millionen Mark eingestellt. Da aber der ganze Anfivand für die Vergrößerung des HeercS sich schließlich auf ea. 27>/z Millionen Mark pro Jahr be- läuft, so tritt bis zun, Jahre 1902 ein iveiteres Anwachsen der jähr- lichen Ausgaben fürs Militär um 21 Millionen ein. Jedoch selbst damit ist ein Ende nicht erreicht. Wenn man sich einmal auf den Standpunkt des jetzigen Militärsysteins stellt, so führte unser Redner aus, dann lvird es immer etwas zu Oer« vollkommene» geben. Und eine Venvaltung, die nur einseitig militär-technische Rücksichten kennt und sich um finanzielle, ökonomische, kulturelle Erwägungen nicht kümmert, ivird stets mit neuen Forde- rungen kommen. Darum bleibt für jeden, der nicht will, daß die durch Europa gehende militärische Hetzjagd schließlich unaufhalistim zum ökonomischen und politischen Zusammenbruch führt, nur übrig, diesem für das Vollsivohl mörderischen System endlich ein Ende zu mache». Daß das Friedensmanifest des Zaren und die famose Friedens- konferenz der Regierungen zu diese», Ziele nicht führen würden, sagten lvir schon damals voraus und forderten, daß endlich der von uns bereits längst empfohlene Weg eingeschlagen ivird. Auch wir denken nicht daran, das Vaterland ivehrlos zu mache». Wir erklärten es für ganz selbstverständlich, daß, so lange Zustände ivie die gegen- ivärtigen bestehen, so lange ein böser Ziachbar den Frieden zu stören vermag, jeder«taat verpflichtet ist, Einrichtungen zu treffen, die nach Möglichkeit ihn vor Ueberrumpelunge», vor Schädigungen, vor Niederlage» schützen. Dies muß aber so geschehen, ivie es die Rück- ficht auf die kulturelle Entwickelnng des Volkslebens erheischt. Das Volk darf für die Zwecke der Landesverteidigung nicht mehr an- gespannt werden, als durchaus notwendig ist, und muß in viel höherem Maße als jetzt seine Kräfte zur Förderung seines eigenen Wohles und seiner eigenen Interessen nutzbar'machen können. Deshalb lehnen wir unter den jetzigen Umständen jede Forderung für das Militär und die Marine ab und verlangen, daß im Anschluß an einander folgende und einschneidende Herabsetzungen der Dienstzeit eine fortgesetzte Demokratisierung und Umwandlung des jetzigen stehenden Heeres in ein ivirkliches Volks Heer herbeigeführt wird. Die bürgerlichen Parteien stehen jedoch dem Militarismus bereits ganz ohnmächtig gegenüber. Obgleich jede Partei mehr oder weniger jchivere Bedenken gegen die geradezu unerträglich geivordene Belastung des Volkes für militärische Zivecke ans dem Herzen hat. wurde die Militärvorlage in der Budgetkommissio» mit Verhältnis- mäßig imbedeutenden Aenderungeii angenommen. Die Vermehrung sollte nicht 23 277, sondern„nur" 16 271 Mann betragen und nicht bis zum Jahre 1902, sondern bis 1003 allmählich durchgeführt werde». Da die Regierungen diese Aenderungeii für linannehmbar erklärten, kam es zu jenem Umfall des Centrinns, wonach zwar die Abstriche auf dem Papier stehen bleiben, zugleich aber der Reichstag sich verpflichtet hat, auch»och vor dem Jahre 1003 eine weitere Heeresverstärkimg zu bewilligen, „wenn sich die nachweisliche Unmöglichkeit ergeben sollte", daß die Regiermig mit der ihr zur Versügnng stehenden Zahl von Soldaten auskomme. Diese„nachweisliche Unuiöglichkeit" lvird sich für die Regierung sicher„ergeben". Milhin sieht dem deutschen Volke, dank der feinen Politik des Centruins, in der nächsten Zeit iviedermn ein Kampf um mehr Soldaten bevor. Es fragt sich nur, ob sich dann die Regierung mit den ihr diesmal veriveigerten 7006 Mann begnügen oder'nicht viel, viel mehr verlangen wird? Unsere Fraktion hat selbstverständlich gegen jede HeercS Vermehrung und gegen die dem Reichstage zngenintcte Verpflichtung siir die Zukunft gestimmt. Außerdem haben wir beim Militär-Etat eine ganze Reihe von Mißständen zur Sprache gebracht: die hohen Preise, welche die Militärverwaltung für das von den, deutsche» Pulverring bezogene Pulver bezahlt: die Massenabkoniulandiernngen von Soldaten z» Zivecke», die mit der militärischen AiiSbildnng nichts zu thun haben; die zu späte Auszahlung der Flurschäden- Gelder nach den Manövern; die iingcniigcude Kontrolle in den Militär- Lazaretten; den Zwang gegen die Soldaten zmii Besuch der Kirche; die politische Agitation gewisser Offiziere in Kontroll- Versammlungen: den Militärboykott gegen ein Theater, in den, einmal eine Vorstellnng der„Freien Volksbühne" stattgefunden hat; die Verbreitung des Hazardspiels in Offizierkreisen; die Soldatenmißhandlmigen; de» krassen Widerspruch zlvischen den furchtbar schweren Strafen gegen Soldaten, die sich einer Verletzung der DiSeiplin schuldig gemacht, und den ausfallend leichten Bestrafungen selbst solcher Offiziere, die ein schweres Verbrechen, sogar den Tod eines Menschen auf dem Gewissen haben; endlich jene Verurteilnug eines Soldaten, der nichts anderes begangen, als daß er die von ihm verlangte eidliche Aussage als Zeuge vor Gericht der Wahrheit gemäß gemacht hat. ileberaus bezeichnend ist es, daß derselbe Staat, der so geivaltige Mittel für das Militärwesen verwendet, für die Militäriiibalide» in dnrchnns ungenügendem Maße sorgt. Die Klagen hierüber kehren im Reichstage regelmäßig jedes Jahr ivieder. DieSipal wurden die folgenden zivci Resolutionen der Vndgctkomnnssiou einstiinung an- genoinmen: Die verbündeten Negierungen zu ersuche», die Mittel. Ivekche zur Gewährung von Beihilfen von 120 M. an alle, nach den, Gesetze als berechtigt anerkannten Veteranen fehlen, aus all- gemeinen NeichSmittcln alsbald nachznsordern. II. Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage noch in dieser Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen, unter Berücksichtigung der gesteigerten Kosten der Lebenshaltung, den berechtigten Wünschen der Militärinvaliden, insbesondere auch in Bezug ,anf die Vcrsorgnng der Witwe» und Waisen, die E»t- schädignng für Nichtbenutzung des EivilversorgnngSscheineS und die Belasiimg' der Militärpension neben dem Civildiensteinlonnncn resp. der Civilpension Rechnung getragen wird. Dem ersten Antrage ist die Regierung iiachgekonmten, indem sie dem LicichStage einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegte, der selbstverständlich zur Annahme gelangte. Unsere Fraktion stimmte soivohl für die beiden Resolutionen als auch für den Gesetzentwurf. Denn lvir betrachten eine genügende Versorgung der Militärinvnlidcn und deren Angehörige als die selbstverständliche Pflicht des Staates, und wir ivollten nicht, daß die Veteranen bezw. deren Witwen und Waise» auch nur einen Monat länger ohne die durch die Vorlage in Aussicht gestellte Unterstützung bleiben. Zugleich aber erklärten lvir, daß eine„Beihilfe" von 120 M. pro Jahr für die hilfsbedürftigen und erwerbSnnsähigen Veteranen durchaus unzureichend ist. daß daher der vorliegende Entwurf auch nicht cinsernt da§ dringend Notwendige leistet. Ein iveiteres Gebiet, auf dem da? Reich mit jedem Jahre erheblichere Mittel aufwendet, sind unsere Kolonien. Sie erforderte» bereits ca. I6V2 Millionen Mark pro Jahr. DaS ist bedeutend mehr als unser gesamter Ein- und Ausfuhrhandel mit den Kolonien beträgt. Die großen Hoffnungen dagegen, mit denen jede neue Kolonie begrüßt wurde, sind auch in, letzten Jahre nicht im mindesten in Erfüllung gegangen. Mußten doch im Nachtragsetnt nberinals gOOOO Mark zur Linderung der Hungersnot im ostnfrika- Nischen Schillsgebiet gefordert werden. Daß eine derartige Hilfe iv i e d e r h 0 l r in den letzten Jahren notwendig gewesen, zeigt deutlich genug, wie in Denlsch-Ostafrika die Zustände sind. Äußer- dem die fortwährenden Empörungen der Eingeborenen, die von der Schntztnippe mit Waffengewalt erstickt ivetden müssen. Das Aergste jedoch war de», Reichstage mit einer Forderung von 25 000 M.„zu Beihilfen für sich ansiedelnde deutsche Mädchen" zugedacht. Die„sich ansiedelnde» deutschen Mädchen" werden von der„Dentschen Kolonialgesellschaft"»ach Tüdivestafrika gebracht auf Grund eines reinen Sklavereivertrages. Die Mädchen könne» nie mehr ans Südwestafrika fort, da die Gesellschaft die Kosten der Rückreise nicht trägt, nnd der Lohn viel zu gering ist, als daß die Mädchen etwas ersparen könnte». Sie sollen auch dort bleiben, damit sie für die � nötige Nachkomnienschnft sorgen. Die Mädchen haben nach dem Wortlaut des Vertrages sämtliche ihnen auferlegte Dienste zu leisten, auch solche, die an sich nicht unter die Thätigkeit„für alles" fallen. Sellt sich dann heraus, daß sie für dci jDielist„völlig unbrauchbar" sind, oder machen sie sich einer „groben Vernachlässigung" ihres Dienstes schuldig, oder treten „sonstige Vorkommnisse" ein, so könne» sie nach 1 Monat entlassen werden, �während im übrigen die Kündigungsfrist für beide Teile 6 Monate beträgt. Ob einer der Fälle der einmonatlichen Frist vorliegt, entscheidet als einzige und höchste Instanz: der kaiscr- liche Goilveriieiir. Spricht dieser das Urteil zu Ungniiste» der Mädchen aus, so müssen die letzteren jeden anderen Gesindedienst übernehme», den ihnen daS kaiserliche Gonverneinent überweist. Zn einem solchen— Handel sollte das Reich Beihilfe leisten! Unser Redner geißelte die Handlungsweise der Deutschen Kolonial- gejellschaft und erreichte es, daß schließlich die Forderung abgelehnt wurde. Bei der Verwaltung des Gonvernenieilts Kiautschou wies unser Redner nach, daß sich auch hier der Militarismus>md BnreanlratisinuS im Uebennaße breit macht, und daß infolgedessen eine freie bürgerliche Bcthätignng bis jetzt noch kamn niöglich ge- wesen ist. Auf das entschiedenste aber erklärten wir uns dagegen, daß man etwa Kiautschou allmählich zu einem Kriegshafen cnt- wickle. DaS würde uns in unübersehbare Ausgaben für die Marine hineintreiben. In einem zweiten Nachtrags-Etat wurden noch 17 215 000 M. zun, Ankauf der Karolinen und ein neuer Zuschuß von jährlich 465 000 M. zur Kolonialverwaltuug verlangt. Auch aus dieser Er- Werbung können wir uns einen Borteil für die arbeitende Bevölke- rung Deutschlands nicht versprechen. Viel segensreicher würden diese Mittel in Deutschland für wirkliche Knlturzivecke verwendet werden. Ueberdies ist durch die Erwerbung der entlegenen Inseln wiederum ein Schritt vorwärts gemacht in der Politik, die durch glänzende Aktion nach außen die Aufmerksamkeit von dem Elend im Innern ablenkt. Ans �diesen Gründen stimmten wir gegen sämtliche Kolonialforderungen. Zu unserem Widerspruch gegen den Etat wurden wir ferner ge- zwnngen durch die Art und Weise, wie die vielen Millionen für die Weltpolitik, für den Mililnrismns und den Marinismus aufgebracht werden. Unter de» wirtschaftlichen Einnahnien ist die bei weitem bedeutendste die ans de» Zöllen und Berbranchssteuer». In dem neue» Etat ist sie auf 742 260 060 M. veranschlagt worden. Diese gewaltige Summe wird durch indirekte Steuern und deren Folge durch die Verteuerung selbst der notwendigsten Gebrauchs- gegenstände dem Volke gleichsam vom Munde fortgenommc»: eine in Anbetracht der elenden Lebensweise der weitesten Volks- schichte» nicht scharf genug zu verurteilende Vedriicknng gerade der Aernisten. Die Agrarier jedoch arbeiten unermüdlich daran, diese Be- drÜckuna aufrecht zu erhalten, ja, wenn möglich, noch iveitcr zu treiben, damit sie für sich innner mehr Liebesgaben herausschlagen können. Gleich nach dem Zusammentritt des neue» Reichstags, Ende vorigen Jahres, als die Fleischpreise außergewöhnlich hoch standen, brachten sie eine Jnierpcllatioii ein. um sich gegen diejenigen zn wende», welche dafür agitierten, daß die Einfuhr billigen Fleisches ans dem Auslände erleichtert werde. Unsere Redner wiesen de» Junkern, nach, daß die Fleischpreise eine unerschwingliche Höhe erreicht hatten, daß der Fleischverbranch wesentlich zurückgegangen war, und daß die Grenzsperre durch ein veterinäres oder sanitäres Interesse nicht mehr in dem bisherigen Umfange geboten ist. Eine nene Gelegenheit, die Verteuerung des Fleisches weuigstenS auf einem Unnvege zu erreichen, glaubten die Agrarier zu haben, als der„Entwurf eines Gesetzes, betreffend die„Schlachtvieh- und Fleischbeschau" zur Beratung gelangte. Sie hofften in das Gesetz für den Import ausländischen Fleisches solche Bedingungen hineinzubringen, die unmöglich erfüllt iverden können. Wir standen diesem Entwürfe sympathisch gegenüber, weil durch denselben eine größere Sicherheit dafür geschaffen werden kann, daß nur gesundes Vieh geschlachtet wird. Dieses Ziel wollten wir jedoch, im Gegensatz zn den Agrarier», erreiche», ohne daß die Zufuhr von aus- läudischein Fleisch abgeschnitten wird. Wir verlangten daher erstens, daß in, Jnlande eine wirksame Fleischbeschau durchgeführt ivird. jedoch ohne Schädigung des kleinen Viehbesitzers, daß deshalb die Kosten von der Gesamtheit getragen iverden, nnd zugleich eine ob« ligatorische staatliche Viehversichcrnng eingerichtet wird. Bezüglich der Einsuhr ausländischen Fleisches forderten wir alsdann die Regierung auf, die Anregung zu einer dem Entwurf entsprechenden internationalen Vereinbarung über die Fleischbeschan und den Flcischiinport zu geben. In diesem Sinne beteiligten wir imS an den Kommissionsberatnngen, die bis zur Vertagung des Reichstages zwar beendet worden sind, über die aber ein Bericht noch nicht vorliegt.' Ganz besonders schlecht kamen die Agrarier fort bei dem Versuche, die Wirre» auf Samoa im Reichstage zn einer Agitation für einen Zollkrieg gegen Lliucrika ausznnutzen. Dieses ivurde von dem Juter« pellante», dem Abgeordneten Dr. Lehr, den, Geschäftsführer des„All- deutsche» Verbandes", eines rein chauvinistischen Vereins, so ungeschickt ausgeführt, daß nicht nur die Regierung in der deutlichste» Form ab- winkte, sonder» auch sämtliche bürgerliche Parteien— mit einziger Ansnahnie der ganz sprachlos gewordenen Nationalliberalen— gegen die Begründung der Jnterpellaiio» protestierten. Unter diesen Umstünde» konnten lvir»Iis ebenfalls damit begnügen, uns dem all- seitigeu Protest anzuschließen. Endlich ist mich die Hauptaktio» der Agrarier, ihr Stnrmlanf gegen die Neichsbank. gescheitert. Ihr Wunsch geht dahin, die Reichöbnnk ganz untcr ihren Einfluß zu bekominen, um aus ihr eine „Geucralpninpstation für daS Agrariertun," zn inachen. Dies war aber, nachdem im Jahre 1889 die bisherige Organisation der Bank von, Reichstag bis zum 31. Dezember 1900 bestätigt worden, bisher unausführbar. Dagegen mußte sich jetzt der Reichstag enlscheiden, ob er vom 1. Januar 1901 ab eine den Wünschen der Agrarier eutsprechende Aenderuug iu der Stellung des Sieichs zur Neichsbank vörnehmeu wollte. Der von der Regierung dem Reichstage vorgelegte..Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Nbäuderiuig deö BankgesetzeS", wollte auch für die Zukunft nichts ändern. Für unsere Fraktion fragte es sich nun, ob wir die V e r st a a t I i ch u n g der Neichsbank fordern sollten. Einer Verstaatlichung iverdc» wir stets zustimmen, wenn dadurch ein politischer und ökonomischer Fortschritt erzielt werden lau». Ein solcher ist jedoch bei der Verstaatlichung der Neichsbank unter den jetzige» Umständen ausgeschlossen. Im Gegenteil müssen wir bei dem großen Einfluß der Agrarier auf die NeichSverwaltung besürchten, daß. sobald die Neichsbank voll- ständig der Regierung ausgeliefert wäre, die Bankpolitik ganz und gar nicht im Interesse von Handel und Verkehr, im Interesse der Eiitivjckcluug der modernen Wirtschaftsweise, sonder» i» de», der Pflege spcciell agrarischer Interessen gestaltet würde. Aus diesen Gründen erklärten lvir u»S gegen die Verstaatlichung der Neichsbank, die schließlich im Reichstage gar nicht mehr ernsthaft in Betracht kam. Dagegen bemühte» wir unS, im Interesse der Gesamtheit den Anteil der Aktionäre am Neiuge'.vinn der Bank so viel wie irgend möglich herunterzusetzen. Die Aktionäre erhalten nach den noch geltenden Bestimmnngcn eine Dividende vo» 3Vs Proz. und die Hälfte des weitere» Gewinns bis zu einer Gesaintdividcnde von G Proz. Die andere Hälfte fließt in die Rcichskasfe. Von dem dann noch ver- bleibende» Rest des Gewinns bekomnie» die Aktionäre 1/4 und das Reich 3/4. Der RegieruligSeiitwurf bewilligte de» Aktionären für die Zukunft außer der 3Vs prozcntige» Dividende die Hälfte des Gewinns nur bis zu einer Zprozemigc» Gesamtdividendc. Der weitere Ilcberschnß sollte wie bisher zu'U dem Reich und zu V» den Aktionären zufallen. Die Konjervative» wollten den Aktionären den Gewinn nur bis zu einer<$ prozentigen Gesamtdivideude zukommen lassen. UnS genügte diese Beschränkung nicht, deshalb beantragten lvir, daß den Aktionären nach der Divideude von 3V2 Proz. von dem weiteren Gewinn statt der Hälfte nur V4 zusteht, und nur bis zu höchstens 5 Proz. Gesamtdivideude. Der ganze weitere Gewinn soll dem bleiche gehören. Unser Antrag Ivurde jedoch abgelehnt. Taraf siiinmtcn wir für den konfervativeii Antrag, iveil derselbe ebenfalls den Gelvinn- anteil der Aktionäre geringer bcnicsseu wollte, als es nach der Regierungsvorlage der Fall ist. Aber auch der konservative Antrag blieb in der Minderheit, die Regierungsvorlage wurde unverändert angenommen. Bis zn welchen Konsequenzen die Profitgier der Agrarier sich versteigt, zeigten die Berhandlungen über die unhaltbaren Zustände i» der Ziiekeriudnstrir. Schon bei der Beratung des jetzige» Zuckersteiier-Gesetzes im Jahre 1805/96 habe» lvir darauf hiugeiviesen, daß durch die künstliche Verteuerung des Zuckers der Verbrauch dieses wertvollen Genußmittels bedeutend erschwert iverde, und daß infolgedessen über kurz oder lang die immer mehr an- wachsende Menge des produzierten Zuckers den nötigen Absatz nicht mehr finde» würde. Wie richtig unsere Voraussage war, sehen jetzt selbst die Zuckerbarone ein, die umsomehr Grund zu Befürch- lungen haben, da ihnen- der Absatz ini Ausland durch die Kon- kurreuz der anderen Länder gefährdet wird. Der»ationalltberale Führer, der„heilige" Pnasche, der sich im neuen Reichstag durch seine überfroniine Rede gegen die gottlosen Soeialdemokraten be» merkbar gemacht hat, leistete sich den„frommen" Vorschlag, den Udler nicht für die Menschen, sondern fürs— Vieh zu verbilligen. leShalb soll die Zuckersteuer bestehen bleiben, die Verwendung steuerfreien Zuckers zu Viehfntter aber in genügendem Maße ermöglicht werden. Also billiger Zucker fürs Vieh— teurer Zucker für die Arbeiter. Diese„Frömmigkeit" wollte uns böse» Socialdeinokratc» wiederum nicht einlenchten. Wir verlangten tnelmehr. daß die Ziickersteiicr nufaehoben, und dah auf diese Weise der Verbrauch des ZuckerS gefördert wird. Gegen das Weiugesctz vom LH April 1802 wurden schwere Klagen erhoben, die wir ebenfalls seiner Zeit im Reichstage voran«- gejagt hatten. Durch das Gesetz werden auf der einen Gcit« die llemen Weinbauern schwer geschädigt. Auf der anderen Seite sind ober auch diejenigen Arbeiter dabei interessiert, die in den weinreichen Gegenden noch Wein erschwingen können. Denn ihnen wird oft ein »nglaudliches Getränt als Wein vorgesetzt. Wir forderten eine Llcndcrung des Weingcsetzes dahin, datz ein derartiger Betrug un- möglich wird. Dieselbe Stellung nahmen wir gegenilber der Berfälschung des BicreS ein. Wir erklärten uns gegen alle Surrogate für Malz und Hopfen. Von dem Hypothekonbank- Gesetz suchten wir alle Bc stnununigeu fern zu halten, die entweder für die Ersiillung der Banarbeiter-Fordernngen oder für die Beschäftignngsvcrhältnisie im Baugcivcrbe hätten gefährlich werden können. Bei der Beratung des Rctchs-Eisenbal)»amtcS regten wir eine einheitliche Reform der Personen» und Frachttarife sowie Maßregeln zu Gunsten einer «rohere« Sicherheit des Eisenbahn-Bctricbes an. Die Beschwerden bezüglich des Eisenbahn-Wcsens in dem Rcichslandc wurden von im« tili gehend besprochen. Gelegentlich der beantragten, aber noch nicht zum Abschluß gelangten Aendernngen auf dein Gebiete des Post, Telephon- und TelcgraphciiwcsenS wirkte» wir t nhni, daß der Post- Zcitnngötnrif zivcckcntsprechend qc� ändert; daß jede Möglichkeit für die Post, der Presse bei «er Befordcrrmg der Blätter Schivierigkeiten zu bereiten, aus- geschlossen; daß das Porto für die Postsendungen erheblich verbilligt inid gesetzlich festgelegt; daß die Entschädiauiig für die Angestellten, die uifolge der Verstaatlichung der Priuntpoften ihre Arbeit verlieren, ganz bedeutend erhöht; daß die Telephongcbühr in Stadt tind Land möglichst billig angesetzt; daß das öffentliche Fcrnsprcchwesen mehr ausgebaut; und daß endlich die Reichspostverwaltnng für alle Schaden, die sie einem Privaten oder Gemeinden zufügt,»ach jeder Liichtung hm haftbar gemacht wird. JH WWMWWW... jp, � �©c�viffcit Menschlichkeit und Gerechtigkeit im Widerspruch steht, weil sie berechtigte Erbitterung tm Innern unseres Landes hervorruft, sowie die im Auslände lebenden oder mit dem Auslände im Verkehr stehenden Deutschen schädigt, und weil sie oft genug selbst gegen solche Leute angewandt wurde, die nichts Ungehöriges begangen hatten. Demselben Gebote der Gerechtigkeit folgten ivir, als wir uns liegen das von den Antisemiten beantragte Verbot des ritnelle» Schächte««! aussprachen. So lange nicht nachgewicsen wird, daß das Schachten eine Tierquälerei ist. halten ivir uns nicht für bercch- tigt, den Inden die Erfüllung einer Borschrift ihrer Neligio» zu verbiete». _ Dies ist die gleiche Stellung, die unsere Partei seit jeher allen Religionen gegenüber eingenommen hat, und der z»r Folge Wir auch in diesem Jahre wieder wie in allen früheren Jahren für die Aufhebung des Jcsttttciigrsctzc«! gestimmt haben. Der Staat soll sich nicht in solche religiöse Ängelegenheiten mischen, die sein Interesse Nicht berühren: und er soll keincil Menschen um seines Glaubciis willen zurücksetzeii. Während wir hier Uebergriffe der Staatsgewalt zurückzuiveiscu hatten, mußten wir ans eiiicni aiideren Gebiete, dem der Social- Politik, eine überaus lauge Reihe von Beschwerde« darüber erheben. dabdort. wo es sich um das Wohl und Wehe der Ariueii nnd Äernisten Handelt, der heutige Staat bei weitem nicht daS'lcistct, was ini Interesse des arbeitenden Volkes iind zur Förderung der knltnrcllcii Entwicklung unbedingt notwendig ist. So rügten es unsere Redner, daß die vom Reichstage ni voriger Session nach vieler Mühe nnd Arbeit fertig gebrachte Reform der Unfallversicherung schließlich von der Regiernna zurückgezogen wurde, uachde», der Ccntralvcrein der Großindustrielleii sich gegen die Aenderüngen erklärt hatte.— Auch auf niehrere Mißstände, die sich aus der Praxis der B e r n f s. cste n o s s e n s ch a f t e ,c ergeben, mußte» Ivir pimveisc». So darauf, daß sich niaiiche Bertrancnsärzte in der ärgsten Abhängigkeit von der Berufsgenossenschaft befinden, nnd dag dementsprechend ihr- Gutachten gegen die Arbeiter ausfallen.— Wir criimcrtcn an die noch immer traurigen Zustände in den mcdico» mechanischen Jnstitlitcn, den berüchtigten Rcnteiiqnctschcii. Geradezu unglaublich klang e«— cs wurde aber rnifs klarste bewiesen— daß im Widerspruche mit den gesetzlichen Be- stimmungen durch wiederholte zu niedrige Fe stsetznng des Durchschnittslohnes der �nr Schiffsbesatzung gehörigen Personen die armen Witwen und Waisen der vcrnnglücttcn Sccteiite mn ca. l'/e Millionen Marl geschädigt worden sind. Obgleich die Richtigkeit dieser schweren Anklage vom RegieriingStlsche anfangs entschieden bestritten wnrde, sahen sich die Regierungen schließlich doch genötigt, eine genaue Unterslichimg dieser Angelegenheit zu ver-' sprechen. Unsere Redner wiesen ferner auf Grund unbestreibarer That- fachen, iiaincntlich auch unter Bcrufmig auf die amtlichcn Berichte der Geiverbe-AufsichtSbcaintcn, nach, daß von dem Aufschwung der Industrie, von dieser Milliardenzunahme des Kapitals, von dieser großartigen Vermehrung des UiiternehmergeiviiincS der letzten Jahre die Arbeiter nichts erhalten haben, als eine größere Summe von Krankheiten, eine größere Summe von Unglücksgcfahr, eine größere Summe von Elend. Dem Kapital der Profit, dem Arbeiter das Elend— das ist der so viel gerühmte „sociale Aufschivuiig". Unsere Gcwcrbe-Nussicht hat sich nicht ent- wickelt entsprechend der Ausdehnung der Industrie, sondern ist stehen geblieben bei dem kläglichen Resultat, das sie bisher gehabt hat: Sie ist noch nicht einheitlich für d a S ganze Reich geregelt, ja zum Teil noch nicht einmal für die einzelnen Bundes- staaten. Die Folge davon ist, daß ein außerordentlicher Wirrivarr herrscht. Die Grenzen der Gewcrbe-Anfsicht sind nicht nur inncrhalli der verschiedenen Bundesstaaten, nein, auch innerhalb der verschiedenen Aufsichtsbezirke oft ganz verschieden gezogen. Die Jahresberichte dieser Beamten erscheinen in dem clncil Bundesstaat im Anfange des nächsten JahreS, in dem andern erst mehrere Monate später. in einigen sind sie überhaupt nicht durch den Buchhandel zu erlangen.— Obgleich die Geiverbe-Anfsicht in Süddeutschland mit den Beschwerde- Kommissionen im allgemeinen die beste Erfahrniig gemacht hat, lehnen die preußischen Beamten ein Znsaminenar'bcitcn mit den Arbeiterorganisationen ab.— In Preußen nnd Sachsen sind auch noch immer die Inspektoren mit der Kesselrevifion belastet. Erst einen kleinen, durchaus ungenügenden Fortschritt haben wir in dieser Beziehung durch unsere fortwährenden Proteste erzielt: die Revision der i» den landivirtschaftlichen Betrieben vcrivcndetcn Kessel ist endlich der Geiverbe-Aufstcht abgenommen.— Ueberall aber sind viel zu wenig Gewerbe-AufsichtSbcamte, so daß eine übergroße Zahl von Betrieben gar nicht, die anderen in der Regel nur»ngenügend besichtigt werden.— Die Auswahl des AussichtSpersonals ist eine ganz verfehlte. Außer den Technikern sollten dazu hcrangczog>-n werden Aerzte, Chemiker nnd vor allen Dingen Arbeiter, männliche und weibliche, die mit den Zuständen in den Fabriken genau Bescheid wissen.— Ganz besonders schlinun kommen die vielen polnischen Arbeiter fort, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und sich deshalb mit dem nur deutsch sprechenden Aufsichtsbeamten gar nicht verständigen können. Für sie müssen Beamte angestellt lverdeu, welche auch die polnische Sprache beherrschen.— Der Reichs» bcricht erscheint viel zu spät, verschweigt wichtige Stellen ans den Einzelberichtcn iiud ist in seinem tabellarischen Teil ganz ungenügend und unübersichtlich. Ebensowenig hat der notwendige Allsbau des gesetzlichen Ar- beitcrschntzcs, oft genug nicht einmal die thatkräftige Durchsührmig der vorhandenen Schutzbestimmungen, stattgefunden. Die Verordnung für die Konservenfabriken ist zu Ungunsten der Arbeiterinnen und minderjährigen Arbeiter verändert worden.— Be- züglich der Sonntagsruhe sind noch viele berechtigte Wünsche unerfüllt. Eine ganze Reihe von Verordniingcn kaufen geradezu darauf hinaus, den Arbeitern diesen notivcndigen Schutz ffir schmälern.— Der Maximal-ArbeitStag hat noch immer 'eine Auesicht, von seiten der Reichsregieriuig unterstützt zu werden,— Durch die Enquete der Geiverbe- Aufsichtsbeamten über die Gesundheit der Arbeiter in den einzelnen Betriebe» sind eine Uninasse von gesundheitsschädlicheii Arbeitsverhältnissen aufgedeckt worden. Der sanitäre Arbeitstag aber, durch welchen die gefährdeten Arbeiter geschützt werden könnten, ist»och lange nicht in dem erforderlichen Umfange eingeführt.— Die Bäckerei- Verordnung steht in de» meiste» Städten nur auf dem Papier. Ja, die Negieriing ist sich„noch nicht schliiffig" darüber, ob sie den Bäckcrschntz nicht noch mehr abschwächen soll. Und dies angesichts der nngchcnerlichen Zustände in gewissen Bäckereien, die. wie nnser Redner den Regierungen vorhielt, kürzlich luieder in Würzburg be- knnnt geworden sind. Nicht einmal die furchtbare Sprache der täglich sich ereignenden schiveren Unglücksfälle bei den Berg- und den Bauarbeitern vermochte die Regierungen so weil anfznrütteln, daß endlich vom Reiche die nötigen Schutzgesetze erlassen wurden. Ja, die Rcichsregierimg lehnte sogar den Besuch des Bau» a r b ei t e r s ch n tz» K ost g r e sse s ab. angeblich, weil sie keinen Beamten entbehren konnte, IN Wahrheit aber, wie sich infolge unserer Beschiverdc im Reichstage herausstellte, weil sie ihre Beamten nicht der Gefahr aussetzen wollte, ein mit rotem Tuch geschmücktes Lokal betreten z» müssen. Wir verwahrten nns dagegen, daß die Sic- gierung sich ailS einem so»ilbtigen Grunde voi, einer ihrer wichtigsten Pflichten, die Forderungen der Arbeiter zu hörcii und zu prüfe», zurückhalten läßt. Wir forderten auch i» dieser Beziehimg für die Arbeiter das gleiche Recht, das die Regierung den änderen Kreisen der Bevölkening zugesteht. Außerdem wiesen wir den Herren nach, daß sie gar keine Berechtigung haben, von der roten Farbe, der Farbe der Soeialdemokratic. so'verächtlich zu sprechen. Da« geringe Entgegenkommen der Regierung gegenüber den Forderungen der Arbeiicr ermuntert die Uiiternehmer zu Anmaßmigcn ivie der Petition, die der I nn u n g s v e r b a n d deutscher BangewerkSmeister ai» den Reichstag richtete. In dieser Petition forderten die Meister, daß sie in den Fällen von Per nrtcilimgen für Vergehen der fahrlässigen Tötung infolge gewissen loser Gefährduiig der Arbeiter durch migenügeiide Schntzvorrichtmige», Vcrwciidmig schlechten Materials nsw., nicht niehr zu Gefüngiiis, sondern zu Fesimigshaft verurteilt würden. Wir begründeten miscreii Antrag, diese Petition nicht dem Beschlüsse der Petitionskommission gemäß der Regierung als Material zu übcriveisen. sondern ohne iveiteres in den Papierkorb zu werfen. Dieses wurde denn auch einstimmig beschloffen, Ii» weiteren erinnerten wir die Negieningen an die S e e- m a n n s- O r d n n n g, die nach den jahrelangen Vorarbeiten doch endlich einmal fertig werde» muß. Dann lenkten wir die Ailsinerk- sninkeit ans die traurigen Zustände in den Ziegeleien, in den Müllereien, nnter den Erdarbeitern bei den preußischen Staatsbahnbauten; in der C i g a r r e n- und K o n f e k t i o n s- i n d u st r i e, für die die bis jetzt erlassenen Schutzverordnnngcii völlig imacnügcnd snid; in der Glas- und Porzellan- i n d u st r l e, bet den Werftarheitern, sowie unter den A n- g e st e l I t e Ii bei Notaren, Rechtsaninälten, Krankenkassen, Berufs- gcnosscnfchaftcn, Ncrsichcruligsgcicllschaften usw. Auf die Lage der ländlichen Arbeiter gingen wir bei perschiede»e>! Gc- legcnhcitcn ein und zogen' inis dadurch die ganz besondere Wut der Agrarier z». Wir ließen jedoch nicht»ach, sonder» zeigten immer vo» ueuein, stne notwendig cs ist, daß die Gesinde- Ordnung aufgehoben, den ländlichen Arbeitern das Koa- ljtiousrecht gegeben nnd für diese elenden Lohnsklaven menschen- würdige Lohn- und ArbeitSbedingniigen geschaffen werden. Fast ebenso schlimm, ja in mancher Bcziehmig noch schlimmer, sieht es in der Hausi ndustrie aus. Deshalb mahnten wir wiederum die herrschende Klaffe an ihre Pflicht, daß sie die in der Hausindustrie u>id stu Klciilhandwerk beschäftigten Arbeiter, Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder nicht zn Grunde gehen lassen darf. Daß sehr viele A r h e i t e r w o h n u n a e n nicht im mindesten den Rücksichten auf die Gesundheit nnd Sittlichkeit der Bcivohner entsprechen, geben jetzt auch die bürgerlichen Parteien zu. Um diesem llcbclstande iveingstens in einigen Fällen abzuhelfen, werden Gelder der Invaliden- und AlterS-liiersictieruiigsaiistalteii zum Bau von Arbciterwohimngen Verivendet. Wir erklärten i»is damit einver- v erstanden, wenn diese Gelder gegeben werben an Gemeinden oder Vereine, die au? Arbeiter» und kleinen Leuten bestehen. Aber gegen die bisherige Art, daß einzelne große Uiiternehmer mit diesem Gcide Wohnungen für„ihre" Arbeiter bane», protestierte» ivir. Denn die Abhängigkeit der Arbeiter, die mit der Arbeit zu« gleich auch ihre Wohnung verliere», ist noch ärger als die der anderen Arbeiter. Die Art. wie bei imS Rrbeiterstatistik getrieben wird, kenn zeichneten wir an der famose» Strcikstatistik des Grasen v. Posa- dowSky. Sic wurde cntgeqen den Grundsätzen, welche selbst von amtlicher Seite als maßgebcnd für die BeriMstaltung einer solchen Statistik angegeben worden sind, von der Polizei gemacht, Die Arbeiter zu fragen hielt man für unnötig. Fast ganz brach gelegt ist die Kommission für Arbeiter- statistik»'die sich die Feindschakt der Großindustriellen dadurch ver- dient hat, daß durch ihre Erhebungen ei» Teil der bestehenden Miß» stände aufgedeckt Worden ist. In dem Etat iverden für diese Ko>n- Mission 30 000 M. verlangt. eine verhältnismäßig sehr acriiige Summe. Von diesem Gelde sind aber 1897/98 nur 5085 M. aus- gegeben ivorden, weil die Kommission beinahe gnrnicht in Thatigkeit getreten ist. Wir forderte». daß die Kommission, die nur aus An- ordiinng der Regieruiig znsaiimientrctcn kann, ihre Thätigkcit voll entfalte, und daß die Ergebnisse ihrer Untersuchungen de» Erlaß der nötigen Schutzvcrordlnmgen zur Folge haben. Außerdem brachten ivir im Reichstage folgende socialpolitischcn Anträge ein: � Die verbündeten Regiermigen zu ersuchen, dem Reichtagc bis zur nächste» Session eiiici, Gesetzentwurf vorzulegen, durch Welchen: 1. die Errichtung von Ge Werbegerichten obligatorisch gc- niacht und deren Znstäiidigkcit auf die Enlschcidmig von Sireitig- keiten ausgedehnt wird, die ans dem Lohn-, Arbeits- nnd DieiistverhältniS aller im Gewerbe, Bergbau, in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei, im Handel nnd Verkehr oder al» Gesinde beschäftigten Personen entstehen; 2. die Teilnahme an den Wahlen und die Bernfmig zn Mit- gliedern des Gewcrbcgcrichts auf die in den aenaniitcu Bernsen beschäftigte» weiblichen Personen ausgedehnt wird: g. die Verleihung des Wahlrechts und der Wählbarkeit ans vollendete 20. Lebensjahr herabgesetzt wird. das II. Die verbündeten Regierlingen zu ersuchen, dem Reichstage bis zur nächsten Session eineu Entwurf für ein Li e i ch S» B e r g g e s e tz vorzulegen. III. Die verbündeten Regierungen zn ersuchen, dem Reichstage bis zur nächsten Session einen Gesetzentivnrf vorzulegen, durch ivelchcn an Stelle der im Z 130b der Neichs-Gewcrbcordmmg bestimmten Beamten und Landes- Polizeibehörden Betriebsau fsichts- Behörden nach folgenden Grnndsätzen errichtet iverden: Die Anfsicht erstreckt sich ans alle Betriebe iin Gewerbe, ein- schließlich der Heimarbeit, Handel, Verkehr, Bergbau, Land- und Forstivirtschaft, Fischerei nnd Schiffahrt. Sie wird einer Rcichs-Centralautstchtsbehörde übertragen, welche dieselbe nach JnspektioiiSbezirken zu organisieren Hab In den Jnspcktionsbczirkcil wird die Betriebsanfsicht von Reichs- beamten und Beigeordneten gemeinsam ausgeübt mit dem Recht, ihre Anordnungen zwangsweise durchznsiihrcn. Die Beigeordneten sind auf Grund eines � allgemeinen gleichen direkten und'geheimen Wahlrechts von den Hilfspersonen aller Be- triebe zu wählen. Weibliche Beamte und Beigeordnete sind ent- prcchcnd der Zahl der in den Betrieben beschäftigten weiblichen Hilfspersonen anznstellen beziehungsweise zu wählen. IV. Die verbündeten Regienmgen zu ersuchen, dem Reichstage bis zur nächsten Session einen Gesetzentivnrf vorzulegen, durch welchen die regelmäßiqe tägliche Arbeitszeit für alle im Lohn-, Arbeits- und Diciistverhältiiis im Geiverbe-, Industrie-, Handels- und Verkehrswesen beichäfligtcn Personen ans acht Stunden fest- gesetzt wird. V. Ein fünfter Antrag verlangte freies Vereins- und Ver- samm lun g s r e ch t' als die Voraussetzmig jedes ernstgemeinten Arbeiterschutzes. Von diesen Anträgen ist nur I zur Beratung gelangt und wurde abgelehnt, wie ja fast alle unsere Anregungen scheinbar ungehört verhallen. Aber nur scheinbar. Wenn auch unsere Gegner im Reichs- tage sie nicht verstehen wollen oder nicht zu fassen vermögen, sie dringen doch in die große Masse des arbeitenden Volkes, und dort werden sie von einer immer stärkere» Kämpferschar mit freudiger Znstimmung aufgenommen. Das bleibt mit der Zeit nicht ohne Einfluß auf die Vertreter der»cgilcrischen Parteien und der Regierungen, zinnal die Mißstände immer ärger werden, iiiiv die dringende Notwendigkeit, daß„etwas" geschehe, immer deutlicher hervortritt. Für diese langsame, aber unaufhaltsam sich vollziehende Eutwicklmig ist ein sehr bezeichnendes Zeugnis die Thatsache, daß— abgesehen von den Antisemitoi, deren absolute Unfähigkeil sich überall zeigt— sämtliche bürgerliche Parteien sich genötigt fühlten, durch einen oder mehrere Ar- beiterschutz-Anträge den Beweis ihrer„Arbeiterfrenndlichleit" z» er- bringen. Allerdings ist der Inhalt dieser Anträge, so weit sie wirk- lich einen Fortschritt im Arbeiterschutz erstrebten, nichts als sehr stark verwässerte Auszüge aus dein,»vaS wir schon seit Jahren fordern. So hatten die Nationaklibcralen und da? Zentrum ebenfalls Abänderungsanträg« zum GcWcrbcgcrichtS-GcscY gestellt. Der nationalliberale Antrag forderte einen Gesetzentwurf, nach dem zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Prinzipalen einerseits und Handlungsgehilfen und Lehrlingen andererseits kauf- niämiische Schiedsgerichte errichtet werden. Diese Forderung, die auch in unserem Gelverbegerichtsantrage enthalten ist. ist im ivesentlichen nur eine Wiederholung einer in der vorigen Session vom Reichstag gefaßten Resolution. Die Väter derselben sind die focialdeinokratischcii Mitglieder der Handelsgesetz- bnch-Kominission. die dort diese Resolutioil vorgeschlagen haben. Das Zentrum erstrebte die Reform der G c w e r b e g e r i ch t e zu dein Zwecke: a) eiue geordnete Aufstellung der Wählerlisten Wirksam zu sichent; b) die Errichtung von Gcwerbcgcrichter. obligatorisch zu machen, soweit nicht die Landesregierung wegen mangelnden Bedürf- liisseS Ausnahmen gestattet; C) die Kompetenz der Gewerbegerichte als Eniiguiigsäinter tZ 60 des Gesetzes, betreffend die Gewerbegerichtcj dahin zu erweitern, daß dieselben auch obue Anrufen der streitenden Parteien für die Bcileqnng der Streitigkeiten ivirkcn können. Das unter a und c Geforderte ist praktisch bedeutungslos. Und in dein zweiten Satze ibs wird die Verbesserung, von der zuerst die Rede ist, durch die darauf folgende Einschränkung wieder aufgehoben. Die beiden Anträge standen zugleich mit unserem Antrage I zur Beratung. Unsere Redner wiesen nach, daß nur durch unsere Vorschläge die Gewcrbcgerichte so ausgcliaut würde», wie es im Interesse einer schnellen und sachacinäßcn Rechtsprechung für alle Arbeiter notivendia ist. Nachdem aber unser Antrag abgelehnt war, stimmten Ivir dafür, daß wenigstens die beiden anderen Anträge einer Koinmission überwiesen wurden, damit wir dort von neuem für eine, unserer Ueberzcugung entsprechende Reform der Gewerbe- gepichte eintreten koimtcn. Juwiewert uns dieses gelungen ist, kann man ans den Beschlüssen der Kommission ersehen. Sie lauten: Artikel l. Dem 8 1 des Gesetzes vom 29. Juli 1890 wird als letzter Absatz die folgende Vorschrift hinzugefügt: „In Gemeiiideu mit mehr al« 20 000 Eiiiwohucru muß die Ernibtung eines Gewcrbcgcrichts von der Landes- Zentralbehörde ans Antrag beteiligter Arbeitgeber oder Arbeiter angeordnet werden." Artikel U. Dem 8 3(Zuständigkeit der Gewerbegerichte) folgende neue Be- stiuunung hinzuzufi'igen: „über EnlschädigmigSanspriiche aus gesetzwidrigen Eintragungen in Arbeilsbüchcr, Zeugnisse, Kraukenkasseubücher und Quittimgs- karten der Invalidität�- imd AltersversichermigS-Anftalten, sowie wegen widerrechtlicher Vorenthaltmig dieser Papiere." Artikel III. In 8 13 des Gesetzes wird als Absatz 5 die folgende Be- sttmnimig kimzilgefügt: „Die Gemeindebehörde hat eine Liste der Wahlberechtigten anfziistellen, Polizeibchörden. Kraiikenkaffen, ivelche im Bezirke des Gewcrbegerickits bestehen, sind verpflichtet, der Gemeindebehörde ans Bcrlniigen die für die Fertigung der Wählerliste für Arbeit- gcbcr nnd Ärbeitnehmer erforderlichen AnSkünfte zu geben, inS- besondere Einsicht der Mitqlieder-Verzeichiiisie bczw. der Gewerbe- Anzeigen zu gewähre,!. Die Liste ist während vier Wochen vor dem zu Wahl bestimmten Tage zu jedernicumS Einsicht auszulegen. nnd ist dies zuvor öffentlich bekannt zu machen. Wer bis zum Tage vor der Wahl seine Wahlberechtigung nachweist, ist in die Wahlerliste einzutragen." Artikel IV. Nach 8 62 deS Gesetzes wird die folgende neue Bestimmung eingeschoben: 8 62». Erfolqt die Anrnfmig(des Gelverbegerichts als Einiguitgiantt) nur von seilen einer Partei, so hat der Vorsitzende hiervon einer oder mehreren der ihm als Vertrauelismänncr der anderen Partei bekannten Personen Kenntnis zn geben und zugleich nach Möglich- kcit dahin zu wirken, daß auch die andere Partei sich zur«nrnfung deS EiiiigiingSanitcs bereit findet. Auch in anderen Fällen soll der Vorsitzende bei Streitigkeiten der im§ 61 bezeichneten Art auf die Annisung deS EiiiigungS« anite« hinzuwirken suchen und dieselbe den Parteien bei geeigneter Veranlasiiiug nahe legen. Der Vorsitzende ist befugt, an den Streitigkeiten beteiligte Personen vorzuladen nnd zn vernehmen. Er kann hierbei für den Fall des Nichrerscheinens ciiie Geldstrafe bis zu 100 M. androhen. Gegen die Festsctzmig der Strafe findet Beschwerde nach den Be- sliiilmimgcn der Eivilprozeßordiimig statt. Das Plenimi des Reichstags hat zu diesen Beschlüssen der Kom- Mission noch nicht Stellimg genonlinen. Außerdem hat das Centrinn die Errichtung von Llrbcltskaininern, die Nationalliberalen die Eriveiternng der Gclverbegerichtc zu Arbeits- kammern, die frcistnnige Vcreiiiigmig die Einrichtmig eines statistischen RcichS-Nrbcitsamtcs beantragt Auch diese Forderungen haben ivir schon längst vertreten. Sie sind enthalten in Miseren großen Arbeiterschiltz-Gesetzeiitwürfen vom Jahre 1885 und 1890, hatten aber bisher keine Gegenliebe bei der Mehrheit des Reichs- tageS gefunden. Daß das jetzt ganz anders ist, konnten wir mn Freuden begrüßen, angeblich zi.r...oßen Ueberraschiliig der AiitragsteNcr, die der Hoffnung sich hingaven, daß sie durch Be- Ivilligung von Arbeitcrfordermigcn der Socialdemokrntie Abbruch thun' Würden. Wir sagten ihncii offen, daß wir ihnen auf diesem Gebiete innner voraus sein werden. Sie Iverden immer hinter uns drein hinken und erst nachträglich bewilligen, was wir von vornherein qcfordert habe». Wir stimmten daher mit der Mehrheit für die iieberweisuna dieser Anträge an eine Kommission, die aber bis jetzt diesen Teil ihrer Aufgabe noch nicht begonnen hat. Endlich liegt ei» bis jetzt noch nicht zur Beratung gelangter Antrag der freisinnigen Bereinigimg vor, der die Errichtung nn- parteiischer Arbeitsnachweise bezweckt. In der Etatsdebatte nahmen wir Gelegenheit,«ackzulveisen, wie die Arbeiter durch die Unter- nehmer• Arbeitsnachweises vergewaltigt werden, und erklärten, baß wir nur dann den beantragten Arbeitsnachweisen zustimmen, wenn sie wirklich unparteiisch ausgebaut werden und den Arbeitern genau die gleichen Rechte einräumen wie den Unternehmern. Auch die Regierungen sahen sich zu einigen Zugeständnissen der- anlaßt. Im Nachtragsctat wurden 8700 M. gefordert fiir die Anstellung eines weiteren vortragende» Natö im RcichSamt des Innern, der sich den Ausgaben„auf dem Gebiete der Arbeiter- fnrsorge" ausschließlich widmen soll. Da auch wir der Ansicht waren— der wir schon längst bei jeder passenden Gelegenheit Ans druck gegeben hatten—, daß auf diesem Gebiete im Rcichsamt des Innern viel zu wenig bisher geschehen ist, so stimmte» wir dieser Forderung zu, indem wir die Erwartung aussprachen, daß jetzt endlich seitens der Reichsrcgicrung dem Arbcitcrschutz die nötige Aufmerksamkeit gewidmet werde. Wie wenig aber noch immer die Regierungen fähig sind, die Mißstände, unter denen die Arbeiter leiden, gründlich zu beseitigen beweist der von den Regierungen dem Reichstage vorgelegte„Eni wurf eincS Gesetzes, betreffend die Abänderung der Gewerbe ordnung". Derselbe umfaßt 11 Artikel, die zum größten Teil in einem inneren Zusammenhange nicht stehen, sondern' willkürlich aus dem großen Haufen dringender Arbeitcrfordcrungcn herausgegriffen und zusanimengctvorfcn sind. Wir verlangten dagegen, daß die Gesetzgebung mit einer solchen Flickarbeit sich nicht begnügen. sondern den Arbcitcrschntz im großen Stile systematisch ausbauen soll. Vier von de» Artikeln des Enttvurfs ibchandeln solche gewerb liche Angelegenheiten, die siir die Arbeiter ohne Bedeutung sind. Von den anderen Artikeln ist derjenige, der sich ans die Gesinde Vermietung und Stcllenverinitilnng bezieht, für die Agrarier vom größten Interesse, weil sie durch denselben ihren Arbeitern die Möglichkeit, andere Arbeit zu finden, erschweren wollen. Nach diesem Artrkcl soll derjenige, welcher das Geschäft eines Gesiudevcrmictcrs oder Stellenvermitllers betreiben will, erst die polizeiliche Erlaubnis einholen. Diese ist zu versagen, wenn Thatsachcn vorliegen, welch die Unzuverlässigkcit des Nachsuchenden in Bezug aus de» beab fichtigten Gewerbebetrieb darthun. Außerdem müsse» die Gesinde vernnetcr und Stcllcuvermittler da« Verzeichnis der von ihnen für ihre gewerblichen Leistungen aufgestellten Taxen der Polizei vorlege» und in ihren Geschäftsräumen anschlagen. � Daß auf diesem Gebiete in der That schwere Mißstände zu Tage getreten sind, daß namentlich gewisse Arbcitcrkategorien, wie Kellner, Schiffer, Kausleute, selbst Künstler, durch die Stelle» vernrittler oft schamlos ausgebeutet werden, ist schon wiederholt von 1111S zur Sprache gebracht worden. Wir erklärten unS deshalb auch Iicreii denjenigen Maßregel» zuzustimmen, die geeignet sind, diese Mißstände zu beseitige». llin dieses Ziel zu erreichen, vcr- langten ivir. daß das gesamte Arbeits- und StcllenvcrmittelnngS Wesen in der Weise, wie»vir s. Z. in unsere» großen Arbcitcrschntz Gesetzentwürfen vorgeschlagen hatten, vom Staate einheitlich organisiert wird. Die von den Regierungen beantragte völlige Unter- tverfung dieser Geschäftsleute»nter die Polizei dagegen war für unö unannehmbar, weil ivir weder die Abhängigkeit der ländlichen Ar- beiter noch mehr vergrößern, noch der Polizei weitere Machtmittel emraunien wollen. Im Gegenteil suchten wir bei dieser Gelegenheit gewisse Polizei «che Einmischungen für die Zukunft zu vechindcrn und beantragten daher, daß Stellenvermittelungen(Arbeitsnachweis�, welche von Bereinigungen unterhalten werden, die den Arbeitsnachweis nicht zum Zivccke deS Erwerbs betreiben, Vau allen Polizeimaßrcgeln bc freit find. Auch die Behandlung gewisser Gastwirte durch die Polizet brachten wir zur Sprache und stellten folgenden Antrag: ... und Schankwirtschaften darf die Veranstaltung öfstnt- lrcher Lustbarkeiten nicht versagt werden, wenn sie einem an dein- selben Orte scinen Betrieb ausübenden Gast- oder Schankwirt gc- stattet ist. Wird für den Betrieb des Gast- nnd SchankgcwerbcS eine Polizeistunde gesetzt, so muß dieselbe für sämtliche Gast- nnd Schankwlrtschastcil desselben Orts die gleiche sein. � Dieselbe Stellung nahmen wir übrigens auch gegenüber den wieder beantragten Strasbcstimiilmigcn gegen die Ilnzncht(lex Hcrnzc) ein. Hier sind ebenfalls schwere Mißstände vorhanden. Gegen dieselbe» wolle» wir aber, wie bereits bei allen früheren Bc- ratuiigeu erklärt haben, nicht mit Polizeimaßregelil ankninpsc». sondern dadurch, daß die sociale Lage der nnterstcn Schichten des Kolkes in jeder Beziehung gehoben wird, daß ihre Lohn- nnd Ar- beitsverhältnisse günstiger gestaltet, bessere Schulen eingerichtet, wirksamere Arbeiterschntzgesetzc durchgeführt werden, und— sticht znm wenigsten— auch dadurch, daß der Unzucht in den„besseren" Kreisen ernsthaft entgegengetreten wird. In einem weiteren Artikel der Gcwerbc-Ordnnngs-Novelle soll dem Bundesrat die Bcfnguis eingeräinnt werden, für die K l e i d e r- und Wäschekonfektion sowie für andere Gcivcrbe. in denen die diesbezüglichen Mißstände vorliegen, folgende Verordnungen zu erlassen: 1. daß Lohnbücher oder Nrbcitszcttcl eingeführt werden, in welche Art lind llinfang der übertragenen Arbeit sowie die �vhn- und ArbcitSbedingiingeii cinzutrageii sindi nnd 2. daß Arbeitcrinncn nnd jugendlichen Arbeitern bom Unter nehmer für die Tage, an welchen sie in der Fabrik die gesetzlich zulässige Arbeitszeit hindurch beschäftigt waren. Arbeit nach Hanse überhaupt nicht, fiir die Tage, an welchen sie in der Fabrik kürzere Zeit hindurch beschäftigt waren, annähernd mir in dem Um- fang mitgegeben werden darf, in welchem DiirchschiiittSarbcitcr ihrer El« die Arbeit voraussichtlich in der Fabrik während des Restes der gesetzlich zulässigen Arbeitszeit würden herstellen können, nnd für Sonn- nnd Festtage ii»r insoweit, als die Beschäftigung dieser Personen in Fabriken gestattet ist. Wir forderten, daß von der Mitnahme von Arbeit noch Hanse nicht nur die Arbciteriiiiicn und jugendlichen Arbeiter, sonderu auch die anderen Arbeiter befreit werdest, und zwar ein für allcinal ohne Rücksicht darauf, wie lange die Arbeit in der Fabrik dauert. Auch wünschten wir eine solche Fassung des Artikels, daß die Maßregeln in allen Gewerben durchgeführt werden müssen. Der in dem Entwurf ilnu folgende Schutt für die Laden- angestellten war lins durchaus niigenngciid. Eine Ruhezeit von 1l> Stunden ist zu kurz. Die Vorschrift, es müsse eine„an- gcmcffcne M i t t a g s p a n s e" gewährt werden, ist so unbestimmt, daß sie so gut wie gar keinen Wert hat. Ancki der Zusatz, daß für Betriebe, in denen die Angestellten außerhalb csscii, die Mindestdcuicr der Mittagspause(mindestens 1 Stunde) durch die Gcmciiidcbchördc festgesetzt wird, ist ein schwacher Trost. Wir sind überzeugt, daß die meisten Gemeiiidebchördc» sich mit der cinftiiiidigen Mittags- pause begnügen werden. Unsere Forderung geht dahiii. daß gerade diesen Arbeitern, welche von morgens früh bis in die' späte Nacht hiiieiu hinter dem Ladentische sein müssen, die MittagSpaiise nicht mir die Zeit znm Hiniinlcrschliiigcn des EsscnS, sondern auch zur Erholung gewähren muß. Daß die an sich schon viel zu kurze Mindestriihezeit in einer Reihe von A u s n a h m e f ä l I e n noch ivcitcr verkürzt werden soll, konnten wir— abgesehen von der Zeit der Inventur in gewissen Geschäften— nicht billigen. Dagegen verlangten wir fiir diese Arbeiter eine 14tägige Ferienzeit unter voller Zahlung des Gehalts. Der gesetzliche Ladenschluß soll nach dem Rcgicrnngs- cntlvlirf so geregelt werden, daß diese Maßnahme für eine Gemeinde oder inchrerc örtlich ziisammenhäiigeiide Gcnicinden erfolgen kann „ans Antrag von mindestens zwei Drittel der beteiligten Geschäfts- inhabcr durch Anordnung der höhere» Verwaltungsbehörde nach Anhörung der Gemeindebehörden". Dieser Weg ist' so umständlich. daß cS vermutlich nur höchst selten zu diesem Ladenschluß kommen wird. Wir forderten, daß ohne wcltcrcs überall der Ladenschluß gesetzlich festgelegt wird, und zwar ans 8 Uhr, nicht auf 9 Uhr. Dann verlangten' wir, daß alle diese Schntzbestimmniigen auch ans die in den Comptoiren thätigen Nngcstclltcn ausgedehnt, und daß besondere AnfftchtSbeamte mit der Kontrolle darüber, ob dieses Gesetz zur Anwcndiing kommt, betraut werden. Zugleich mit dem RegieruiigSentlvurf kamen zwei national- liberale' Anträge zur Beratung.'Dieselben bezogen sich, abgesehen von den in der Regierungsvorlage behandelten Punkten, auf die KündigungSfristc« der BetriebSbeamtcn usw., auf die Heim- arbcitcr und auf die in Echauk- und Gastwirtschafte» an- gestellten Personen. Auch diese Anträge ergänzten wir durch unsere viel weiter gehenden Forderungen. So verlangten wir namentlich, daß die scheußlichen Zustände in der Halisindiistrle allmählich beseitigt werden, und eine vernünftige Organisation in geordneten Werkstätten entsteht. Dem Antrage, all« diese Entwürfe einer Kommission zu über- weisen, schloffen wir nnS an und beteiligten uns eifrig an den Ar- bcitcn in der Kommission. Der Bericht dieser Kommission kommt im Plemim des Reichstags erst nach den Ferien zur Beratung. Zu einer ganz besonders nmfaugreichen Thätigkcit gab unS Gelegenheit der nach vielem Mahnen und Drängen nnscrcrscitS endlich von den Regierungen vorgelegte„Entwurf eines Invaliden- Versichcruugs-Gcsctzes�. Wir hatte» seiner Zeit gegen das Jnvaliditäts- nnd Altersversichernngs-Gcsetz gcstiinmt. Werl wir es in den allermeisten Punkten für verfehlt hielten. Wie recht wir gehabt hatten, zeigte die Erfahrung. Ueberall wurden Klagen und Beschwerde» laut und mit der Zeit waren alle Parteien darin einig, daß das Gesetz geändert werden»niß. Es fragte sich mir, zu wessen Gunsten? Schließlich ist wieder einmal die Rücksicht auf die ostpreußischen Junker ausschlaggebend gewesen. Die finanzielle Lage einiger Versicherniigsanstalten. in erster Linie der in Oftprcnßc». war so schlecht, daß sie unter den jetzigen Verhält- »isscn in kurzer Zeit ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkomme» konnten. Dieser in der That unhaltbare Znstand nnißte so bald wie möglich beseitigt werden. Deshalb war die Reform nicht»ichr hninliszuschiebeii. Die Negicrungen dachten sich diese Reform sehr einfach. Einige andere Versicheriingsnnstalten,»ämlich die in rein industriellen Bezirken, in Berlin und den Hansastädtc», haben— bei gleich hohen Beiträgen wie in Ostpreußen— ein so beträchtliches Vermögen augesannnelt, daß sie dcinnächst ihre gesamte Nciitciilast ans den Zinsen ihres Vermögens bestreiten könnten, die Beiträge also gar nicht mehr brauchten. Was ist nun einfacher, als daß man den Ueberschuß den Berlinern und den Haiisastädtcn fortnimmt nnd damit den Fehlbetrag in dem ostprenßischen Junker- bezirk deckt? Dies sollte nicht nur mit dem angesammelten Vcr- mögen, sondern auch niit den i» Ziilunft cjngehcndcn Geldern geschehen. Drei Fiinstel aller Einnahmen und der bereits angcsamnielten Vermögen sollten zur Verteilniig gelangen und»nr zwei Fünftel den cinzeliieii Versichcrmigsanstalteii zur eigenen Verwendnng bleiben. Auch hier hatten»uir, als seiner Zeit daS jetzt geltende Gesetz gc- schaffen Ivurde, die Schwierigkeiten, die eingetroffen sind, voraus- gesagt und eine ReichSanslatt verlangt, bei der die Kosten durch eine progressive Eiiikonimcnstencr auf alle Einkommen über 3000 M. verteilt werden. Aus diese Weise wäre das. an sich ungerechte und Betrügereien, wie sie bei den ostpreußischcn Jiiiikeru häufig genug vorkonimen, ermögticheilde Klebesystcm vermieden, und die Gelder würden noch einheitlichem Plane von denen ans- gebracht, welche dazu in Wahrheit verpflichtet sind. Wir halten auch jetzt»och diese Forderungen für die richtigen und haben sie deshalb von neuem erhoben. Selbstverständlich denken die bürgerlichen Parteien nicht daran, dein zii- ziistimmen. Für ihre„Arbcitcrfrenndlichkeit" ist das z» teuer. Unter diesen Umständen blieb nus nichts anderes ülnig, als das von den Regiernngen vorgcschlogcne Bcrteikiiiigssystem nioglichst der Gerechtig- kcit anzupassen. Wir stellten den Antrag, daß mir die Grinidbcträge der Altersrenten von allen Vcrfichcrliii'asanstalten geineinsam ge- tragen werden, daß aber alle andern Perpflichtungcii jede Anstalt für sich regelt. In diesem Antrage ist die einzige Ausgabe, bei der bisher die ländlichen Bezirke zu Gunsten der städtische» Bezirke bc- lastet waren, in der nötigen Weise ausgeglichen worden. Denn thatsächsich müssen infolge des immer stärlereü Abzuges der jüngeren Leute von» Lande in die Stadt die AlterSreiltncr auf dem Lande verhältnismäßig häufiger als in den Städten sein. Da aber die Regierung den» Reichstage nicht gut zumuten konnte, die ganze„Reform" einzig nnd allein auf die Bewilligung einer weiteren Liebesgabe an die Junker zu beschränken, so ivaren bei dieser „Reform" noch einige andere Punkte berücksichtigt. Unser Be- streben ging min dahin, nicht mir ivcitcre Verschlechteningeii zu verhindern,' sondern auch möglichst viele Verbesserungen für die Arbeiter durchzusetzen. Verschlechtert ist das bisherige Gesetz dadurch, daß die Versichcrnngspflicht ausgehoben ist bezüglich der Seefischer, iuelche ein Gehalt von über 2000 M. haben, der ausländischen Arbeiter, die vorübergehend in Deutschland arbeiten, und der Kleinbauern, ivclche in bestimmten Jahreszeiten für nicht mehr als 12 Wochen oder überhaupt für nicht mehr als 50 Tage im Jahre Lohnarbeit übernchineii. Auch die Ausdehnung der freilvilligen Versicherung zum Nachteile der anderen Arbeiter müssen ivir zu' den Vorschlechte- rnngcu rechnen. Als Verbessern» g e n dagegen sind die Bc- stinnnnngen anznerkemieii. daß auch die Lehrer und Erzieher, ioivic gewisse Beanite der Versichcrnngspflicht unterworfen sind, baß die Karenzzeit von 2Lä auf 200, rcsp. von 1410 auf 1200 Wochen gekürzt ist, daß die Datier der„durch geschlechtliche AnSschtvclfniigcii ziigezogciicn" Krankheit als Bcitragszcit angerechnet ivird, daß nach 23 wöchentlicher Dauer der Krankheit eine Invalidenrente bezahlt »Verden muß, daß die Rente für die II,— IV. Klasse erhöht. daß eine V. Klasse hinzugefügt: daß die IlebergangSbestinminng vereinfacht ist; daß daS Heilverfahren häufiger zur An- Wendung gelangt; daß die Einschätzung in die Lohnklasse» etwas gerechter erfolgt; daß die Maximalgrenze der Rente für die IV. Kliffi auf 075 M., für die V. Klaffe auf 750 M. heranfgenickt ist; daß demjenigen Versicherten, der eine Unfallreiite, aber nicht eine In validcnrcnte erhält, die Hälfte der für ihn entrichteten Beiträge zurückerstattet ivird; daß eine Zusaminenlegniig, Tcilnng oder Auf- Hebung bcstchciider Vcrsichcrlings-Aiiftaltcn nur mitZnstiiniining des Reichstags erfolgt; daß den Versicherte» ein etwas größeres Recht bei der Bewillig»»« nnd Cntzichnng der Renten eingeräinnt ist; und daß die Entscheidungen der Scbicdsgcrichte spätestens innerhalb 3 Wochen nach ihrer Vcrkündiiiig den Parteien zugestellt werde» müssen. Hierbei ist freilich iinr ein ganz verschwindend kleiner Teil bon dem, Iva? wir im Interesse der Arbeiter verlangt haben, berücksichtigt ivordcn. So forderten>vir»och, daß die social am schlechtcsien tchcnden Arbeiter, die Hansgciverbetrcibendcn, ebenfalls»»1er allen Umständen gegen Juvalidilät versichert sein müssen, und daß die Laste» hicrsür von den Schulterit der Klcinmcistcr abgenommen und den großen Geschäften zngewicsei» iverden; daß die Invalidität bc- sinnen soll, sobald der Versicherte nicht mehr die Hälfte seines 'rühcreii Arbeitsverdienstes erwerben kann; daß alle Vertreter auf Gnliid de? gleiche», nninittelbaren und geheimen Stimmrechts, unter Gleichberechtigiing der Geschlechter gewählt werden; daß für die Witwen nnd Waisen der Schiffer besser gesorgt wird; daß alle gegen Invalidität versicherten Personen auch einer Krankenkasse angehören müssen, nnd daß dann bei einer länger anhaltendeii Krankheit die Invalidenrente sofort»ach Ablauf der Kraiikciiuntcrstützling ausgezahlt; daß die Kraiilcnfürsorge eingeleitet wird, wenn dies mitcr Zustimmung deS Versicherten cvcnt.' auch des Vcrtrancnsarztcs der VersichernngS- anstnlt vom Vorstande der Krankenkasse, welcher der Versicherte an- gehört, beantragt ist; daß ivährend des Heilverfahrens für die Familie des Kränken genügend gesorgt wird; daß die Beiträge gc- rechter festgesetzt, die Lohiillasscii nach dem Wochcnvcrdicnst gebildet werden; daß auch solchen Versicherten, die daiicrnd erwerbsunfähig geworden sind, bevor sie einen Anspruch auf Rente habe», die Hälfte der für sie entrichteten Beiträge ausgezahlt ivird; daß bei dem Tode der versicherten Personen nicht nur die ehelichen, sondern alle Kinder berücksichtigt werden, zu deren Unterhalt der Verstorbene verpflichtet war; daß die Rente nicht so häufig ganz oder zmil Teil entzogen lverdcn kann; daß den Rcntcnstcilcn eine wirklich nützliche Thätigkcit ermöglicht wird; daß derjenige Unternehmer, welcher einen Arbeiter daran hindert, scincil Pflichten als Vertreter der Versicherten nachzukommen, bestraft Ivird; daß den Arbcitcrvertrctern der Ersatz für bare Aus- lagen und entgangenen Arbeitsverdienst nicht versagt werden darf; daß der Rcntcnbcwcrbcr in der Wahl der von ihm zu bestellenden Bevollmächtigten nicht beschränkt ist; daß die Quittungskarten pral- tisch» eingerichtet werden; daß die Arbeiter die Hülste be» Betrage? der von ihnen eingeklebte» QnittnngSkarten noch inner- halb 2 Jahren vom Unternehmer beanspruchen können; daß Streitigkeiten zwischen Arbeitern»nd Unternehmern in In- valdcusachen von den Gewerbegerichten nnd, wo solche nicht bestehen, von der unteren Vcrwaltnngsbchörde bezw. von dem Vor- sitzenden der Nentenstelleit endgültig entschieden werden; daß die Vcrsichernngsanstnltcii zum Erlaß von Vorschriften zum Schutz der Arbeiter gegen gesundheitsschädliche Einflüsse befugt sind. Fiir unsere Stellung zu der ganze u Novelle war die Sachlage eine andere als damals, als es sich um die Frage handelte, ob über- Haupt eine Invaliden- und AltcrSvcrsichernng eingerichtet werden soll oder nicht? Damals wogen Misere Parteigenossen ab: Welche Belastung bringt die iieneEiiirichtmig den Arbeiternund welchen Nutzen? Dan»! die Belastung bedeutend größer erschien als dcrNntzen— daß»vir recht hatten, hat ja inzwischen die Erfahrung erwiesen— so mußten wir gegen das Gesetz stimmen. Jetzt aber besteht die Jnvalidenversichcruiig, und ihre Beseitigung kommt gar nicht in Betracht. ES fragte sich daher jetzt nur, ob durch die beschlossene» Aendernnge» die Ber- Hältnisse siir die Arbcitcr verbessert oder verschlechtert werden? Unsere Fraktion war der Ansicht, daß die Verbesserniigen von größerer Bedeutung sind als die Verschlechterungen. Infolgedessen stimmten wir f ü r die Novelle. Unsere gewissenhafte Beteiligung an den gesetzgeberischen Arbeiten hat den Haß der herrschenden Klasse gegen uns selbstverständlich nicht im geringsten vermindert. Im Gegenteil sehen unsere Gegner eS nach Ivie' vor als ihre wichtigste Ausgabe an, uns so viel wie irgend niöglich unschädlich für ihre volksfeindliche Wirtschaft zu machen. In diesem Eifer gingen die Konservativen sogar so tveit. daß sie ei» neues RuSnahmegrsetz gegen unsere Presse bcan- tragtcn. Der Antrag lautete: „Ein Beamter, welcher amtliche Schriftstücke, deren Geheim- Haltung angeordnet ist. anderen zur Vcröffciitlichnng durch die Presse widerrechtlich mitteilt, wird mit Geldstrafe bis zu 1v M. oder mit Gefängnis bis zu 6 Monaten bestraft. Wer Schriftstücke, von denen er weiß oder den Uniständen nach annehmen ninß, daß sie ihm durch eine Handlung der im Absatz 1 bezeichneten Art zugänglich gemacht worden find, durch die Presse veröffentlicht, wird mit Geldstrafe bis zu 1000 M. oder mit Gefängnis bis zu 3 Monaten bestraft." D»rch diesen Antrag sollte eS nnserer Presse uumvglich gemacht werden, Schrislstncke lvie den Erlaß deS Prinzen Georg von Sachsen über die Soldatcnmißhandlniigcn, wie den Strcikerlaß des Grafen v, Posa- dowslh und wie den Schicßerlaß deö preußischen Ministers des Innern zu veröffentliche». Wenn dies erreicht wäre, dann könnte, so verriet einer der»lntragsteller, Graf v. Klinckowström, die Besprechung der- artiger Erlasse auch im Reichstage durch dessen Präsidenten verboten werden. Unser Redner wies»ach, daß die Veröffeiitlichinig dieser Erlaffe im allgeineincn Interesse»otivendig ivar, und protestierte ailss nachdrücklichste gegen ein solches Maulkorb-Gesetz: Wen» dieses Gesetz angcnonuneil wird,„so ist das die Abdankung des Reichstags, dann hat das freie Wort in Deutschland keine Stätte mehr, dann können die Schandthaten, welche von den Feinden in» geheimen geipoimeii werden, nicht mehr der Oeffentlichkeit über- liefert, das Vaterland nicht vor dem Acnßcrstc» beivahrt werden!" Die Konservativen verzichteten schließlich onf die zweite Beralnng ihres Antrages. Sic hatten eingesehen, daß sie Im Reichstage mit ihrem Attentat auf die letzten Reste der Bolksrcchte kein Glück haben. Trotzdem war das Bestrebe», weiiigstens im Reichstage die Redefreiheit mehr und mehr duziid(Immen, glich fernerhin »nverkeniibar. Der neue Reichstag war von der Regierung außer- ordentlich spät einbernfen. Dafür ninlcte man ujui zu. wichtige Vor- lagen, ivie die Novelle zum Jnvalideiiverfichernngs- Gesetz in über- haftet» Eile durchzupeitschen. Bon unserer Seite wurde das Nötige gcthan, ii»i eine der großen Bedeutung des Gesetzes aiigemesiene Bchaudlimg zu eizivingen. Ferner wollte man de»; Reichstage das Recht absprechen, die AiiSwejsiiiigen von Ausländer» und geivisie richterliche Urteils einer Kritik zu unterziehen. Auch diese Bcvonnlindnug wiesen wir zurück und machten von unserem Rechte. ohne Rücksicht ans solche Einsprüche, den Gebrauch, zu dem wir uns im Interesse des Volkes für verpflichtet hielte». Der beste Beweis aber dafür, was man in gewissen Kreisen glaubt, sich gegen den Reichstag, die Vertretung des deutschen Volkes, erlauben zu dürfen, ist die bekannte Fälschung des aintlichen stenographischen Berichts. Das iicue Präsidium hat eine überaus scharfe Zensur im Reichstage eingeführt, die oft unseren lebhaften Protest hervorrief. Mit der Zeit aber mußte man anerkennen, daß der erste Präsident, Graf v. Vallestrem, seines Amtes unparteiisch waltete und auch gegen Ilebergriffe von, VnndeslatStische in angemessener Weise einschritt. Den Kaiscrredcii gegenüber vertrat er de» Grundsatz, daß nnr solche AeUßormigen des Kaisers in die Debatte gezogen werden können, ivelche dem Reichstage heglnnbigt zugegangen oder im amtlichen Organ publiziert worden sind. Nach diesem Grundsätze handelte er auch in der 98. Sitzung am 21. Juli d. I., ivobci er ausdrücklich anerkannte. daß eine im„Reichs-Anzeiger" veröffentlichte Kaiserrede der Besprechung im Reichstage unterliegt. In dem amtlichen Steno» grnuim aber ist diese ausdrückliche Anelkcnmmg so gefälscht ivorden. daß sie sich nnr ans die im amtlichen Teil des„Reichs- Anzeigers" veröffentlichten Reden bezieht. Da der amtliche Teil des „ReichS-AnzeigerS" zu derartigen Veröffentlichungen niemals benutzt ivird, so wäre auf diesem Umwege dem Reichstage die Redefreiheit gegenüber den Kaiserreden vollständig genonmien. Der gefälschte Bericht, gegen den der erste Präsident sofort eine Berichtigung er- scheinen lieg, ist nach Beginn der Ferien verteilt worden. Daher könneil wir unS damit erst im Herbst befassen. Um eine» anderen Mißstand zu beseitigen, durch den eS schon manchem Genossen iliiiiiöglich gemacht worden ist, seinen Pflichten als SteichStagS-Abgcordncrer nachzukommen, brachten wir den Antrag ein, den Artikel 31 der Versasinng dahin abzuändern: Ohne Gciicbmigung des Reichstages lanu kein Mitglied deS- selben während der Sitzungsperiode verhaftet oder wegen einer mit Strafe bedrohten Handlmig zur Uiitersilchung gezogen werden. außer wenn cS bei Ausübung der That oder im Laufe dcS nächstfolgenden Tages ergriffen wird. Ans Verlangen des Reichstages muß jedes Strafverfahren gegen ein Mitglied desselben und jede UntcrsiichimgS-, Straf- öder Civilhaft für die Dauer der Sitzungsperiode aufgehoben werden. Der Antrag ist noch nicht zur Verhandlung gekommen, Auch die verschiedenen Rejchöbehörden stellten wir zur Rede über die Art, ivie von ihne» der Kampf gegen die Arbeiterbewegung ge- führt wird. Unsere Redner wiese» auf Gnind einer ganzen Reihe von Thatsachcn»ach, daß die Arbcitcr und untere» Beamte» in de» Staatsbetrieben der Post, der Telegraphie, des Militärs, der Marine, der Eisenbahnen mir zu oft Grund zu Klagen über zu lange Arbeitszeit, über ungenügende Sonntagsruhe mid über zu niedrigen Lohn haben. Um so schärfer ver- urteilten wir es, daß man es ihnen verwehren will, sich zur Wahriichmilng ihrer illirtschaftlichen und amtlichen Jntcr- essen zu vereinigen nnd sich ein Zeitnngsorgan zu gründen, daß Unterbeanite, die für diese» Verein agitieren oder durch daS 55er« tralien ihrer Kollegen an die Spitze solcher Vereine gestellt wlirdcn. oder in irgend ciiicin— wenn auch rein privaten— Verkehr mit Socialdemokraten standen, gcinaßrcgclt worden sind. Gerügt wurde von unS ferner die Ei»niischil»g des Oberwerft-Dircktors in Wilhelmshaven, v. Schuckmann. in die Stciicraiigclegenhcitcn der Arbeiter iind die von dem Obcrwcrft- Direktor in Danzig, v. Wietersheim, verübte Wahlbeeinflnsiling. Daß abcr'die ander» Arbcitcr ebenfalls sich einer besonderen, dlirchanS nicht zu billigenden, zum Teil mit dem gleichen Recht für alle im schroffsten Widerspruch ftchciidc» Behandlung seitens der Verwaltungsbehörden erfreuen, zeigten wir bei der Besprechmig des Erfurter Krawalls, dcS Rerkcschcu SchicßerlasscS, der Jnter- nierung eincS Genossen, der iingcsctzlichcrivcisc verweigerten Auf- nähme eines andercii Genoffen in den preußischen Staatsverband, sowie der vielen Eingriffe in die Ausübung der»mS zu- stehenden staatsbürgerliche» Rechte während der leisten Reichs- tagswahl.?■-'' Am meisten indes leidet unter der heutigen KInstenwirtschast die Justiz. Unsere Redner führten mehrere Fälle an, in denen Gerichtsurteile im Widerstruch stehen mit dein Rechtsgefiihl des arbeitenden Volkes rurd deshalb als schreiende Ungerechtigkeit empfunden werden. Das gröstte Aufsehen hat ja das L ö b t a u e r Zuchthausurteil erregt, das denn auch im Reichtage zu einer Generalabrechnung mit der sächsischen Justiz führte. Der Verlauf dieser Debatte ist den Genossen durch den von uns als Broschüre herausgegebenen und in großer Zahl verbreiteten Abdruck des stenographischen Berichts bekannt. Die Genossen werden daraus er- sehen haben, daß unsere Redner dieses Urteil, die Justiz, bei der ein solches Urteil möglich ist, und die Haltung der sächsischen Regierung zu diesen Vorgängen nach jeder Richtung hin gebührend besprochen haben. Scharf bekämpft wurde von nnS auch die Ausführung der er- kannten Strafen, die Art und Weise, wie unsere Genossen, uament- lich unsere Redactcure, im Gefängnis behandelt werden. Als weitere Mißstände wurden von uns besprochen: der Mangel einer wirklichen Rechtseinheit, die administrative Haft, die vielen unnötig erfolgten polizeilichen Sistierungen, die ungenügenden Ein- richtringen in den Gefängnissen, die dort üblichen, ganz ungehörigen Disciplinnrmittcl, die Uebcrlastung und schlechte Bezahlung der Ge- fangcnenwärter. Dann forderten wir, daß die gesetzlich bedingte Vcr- urteilung eingeführt wird; daß der Richter die jungen Leute bis zu 13 Jahren sehen und hören muß, bevor er gegen sie das Urteil spricht; daß den Minderjährigen in allen Fällen ein Verteidiger gestellt; daß das Urteil gegen Minderjährige stets dem gesetzlichen Vertreter mitgeteilt wird; daß letzterer das Recht hat. selbständig den Arbeitsvertrag zu lösen, wenn eine Gefährdung der Sittlichkeit vorliegt; daß das Erzichungsrccht den Eltern nicht aus Gründen der Religion oder Politik entzogen werden darf; daß in Preußen jedes Züchtigungsrecht dem Gesinde gegenüber aufgehoben wird; daß die Lohnforderungen der Bauarbeiter sicher gestellt werden; daß den von Bcaniten verletzte» Personen das Recht gegeben wird, Anklage vor einem Laicngericht zn erheben; daß eine gesetzliche Entschädigung für unnötige polizeiliche Sistierungen und administrative Frcihcits- bcschränkungen ebenso wie für unschuldig erlittene Untersuchungshaft gewährt wird. Endlich stellten wir folgende Anträge, von denen aber bis jetzt keiner zur Verhandlung gekommen ist: 1. Aufhebung der Majcstäls- bclcidigimgs-Paragraphen und 2. Aufhebung der dem Statthalter bon Elsaß-Lothringen übertragenen außerordentlichen Gewalten. Dagegen sind zwei andere Antrüge, nachdem sie im Plenum des Reichstages kurz besprochen waren, einer Kommission überwiesen und dort gründlich bearbeitet worden, näin» lich der Antrag Rintelen und ein Regierungsantrag. Der erste bezweckt die Wiedereinführung der Berufung in Strafsachen und verbindet damit eine Reihe iveiterer Aenderungen des Straf- Prozeßverfahrens, der ziveite betrifft im wesentlichen die Einführung dcö sogenannten Nacheides, die Vereinfachung des Eidcsverfahrens und die Feststellnug von Fällen, in denen eine Vereidigung nicht erforderlich ist. Dies sind alles Forderungen, die schon wiederholt im Reichstage zur Sprache, aber trotzdem noch immer nicht zur Er- ledigung gekommen sind. Unsere Fraktion nahm zu diesen Anträgen dieselbe' Stellung wie in früheren Jahren eiir. Wir erkannten die dringende Notwendigkeit einer gründlichen Reform an und arbeiteten in der Kommission eifrig mit, um möglichst viele Verbesserungen zn erzielen, zugleich aber auch die Verscylechtennigen, die bei dieser Gelegenheit ebenfalls durchgedrückt werden sollen,' zu verhindern. Von einer gründlichen Reform unseres Justizwesens kann jedoch unter den jetzigen Verhältnissen gar nicht die Rede sein. Denn die kleine, aber sehr einflußreiche Partei um König Stumm denkt nicht daran, auf die Rechtspflege als eine Waffe gegen die Social dcmokratie zu verzichten. Im Gegenteil arbeitet' sie»nennüdlich daran, unsere Justiz zu einer immer rücksichtsloseren Klassenjustiz zu mißbrauchen, die Zwangsgcsetze gegen die Arbeiter noch weiter zu treiben, die Regierungen zu einem neuen Zuchthausgesetz gegen die Gewerkschaften scharf zu machen. Der Kampf um die Znchthansvorlage beschäftigte denn auch den Reichstac von seiner ersten bis zur letzten Sitzung, obgleich der Entwuri so lange, wie nur irgend angängig, verheimlicht wurde. Bei jeder Gelegenheit platzten die Geister von hüben und drüben auf einander. König Stumm und seine Leute jammerten nach dem Zuchthausgesetz, weil sonst keine Rettung mehr gegen die social- demokratische Stnrniflut sei. Wir dagegen wiesen jeden Versuch, die Arbeiter rechtlos zn niachc», als eine unverantivortliche, auf die Dauer geradezu unerträgliche Vergewaltigimg der großen Mehrheit des Volkes, der Grundlage unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens, durch eine parasitische, nur durch die Ausbeutung sich erhallende Minderheit zurück und forderten für die Arbeiter dieselben Rechte, die das Unternehmertum genießt. Als dann endlich die Zuchthaus- vorläge erschien, durch die jeder Versuch der Arbeiter. einen praktischen Gebrauch von dem ihnen auf dem Papier zugesicherten Koalitionsrechte zu machen, mit schiveren Strafen bis zur Zuchthaus- strafe bedroht ist, da spielte sich im Reichstage ein Schauspiel ab, wie es vielleicht noch niemals in einem Parlamente der Welt er- lebt ivorden ist. Wenn Wahrheit und Gerechtigkeit in jenen Kreisen auch nur noch das mindeste gelten würden, so hätten die Scharf- niocher vor Scham verstummen müssen. Sie beschwerten sich darüber, daß die Arbeiter zu viel Freiheit hätten— und sie mußte» sich nachlvciscn lassen, daß die Arbeiter schon jetzt unter Ausnahme- gesetzen leben, daß den Arbeitern schon jetzt bei der Wahrung ihrer Rechte durch eine Unmasse n-m Zwangsbeslimmungcu die Hände gebunden sind. Sie entrüsteten sich darüber, daß die Arbeiter von der Justiz zu milde behandelt würden— und sie mußten sich nachweisen lassen, daß schon jetzt gegen die Arbeiter für Handlungen, zu denen sie durch ihre wirtschaftlichen Verhältnisse getrieben werden, überaus schwere Strafen verhängt, reine Zuchthaus- und Todesurteile gefällt ivcrdcn. Schließlich wurden die Kläger zu Angeklagten: Wollten sie doch die Arbeiter eines unerhörten Terrorismus beschuldigen— und mußten sich nacknvciscn lassen, daß sie selbst den allcrschlin'imsten, allcrverwerflichstcn Terrorismus üben. Wollten sie doch das Zuchthausgesetz gegen die Arbeiter haben— und mußten sich nach- weisen lassen, daß sie dann selbst ins Zuchthaus gehören. Dieses Strafgericht ivnr so sehr von König Stnnim und seinen Leuten verdient, daß sich selbst gewisse bürgerliche Kreise der Zustimmung dazu nicht enthalten konnten. Diejenigen bürgerlichen Parteien, die noch nicht auf derJagd nach Profit alle ruhige Ueberlegnug eingebüßt habe», mußten einsehen, daß eine völlige Entrechtung des arbeitenden Volkes ein Unding ist und der bürgerlichen Gesellschaft selbst nicht zum Nutzen gereichen kann. Deshalb erklärten auch sie sich gegen das Zuchthausgesetz und gegen die Verweisung des Entwurfs an eine Kommission. Die Vorlage aber sofort endgültig ab- zuthnn, dazu konnten sie sich doch nicht entschließen. So ivurde die zweite Beratung bis nach den Ferien vertagt. Auch die Zuchthaus- Debatte haben wir als eine besondere Broschüre in vielen Tansenden von Exemplaren unter den Arbeitern verbreitet. Sie ist in der Thnt ein vortreffliches AgitationSmittel. Denn sie zeigt dem arbeitenden Volke in der deutlichsten Weise, daß die kleine» Zugeständnisse, zu denen der heutige Staat sich unter dem Druck der Arbeiterbeweguug herbeiläßt, an dem Wesen der Klassenherrschaft nichts ändern. Deshalb kann es für uns auch in Zukunft nur das eine Ziel geben, die immer größere Macht unscrer Beivegung nicht nur zur Erleichterung der augenblicklichen Lage der Arbeiter, sondorn auch stets zur iveitcren und festeren Organisation des Proletariats auszunutzen, um dadurch die wirtschaftliche und politische Entwicklung mehr und mehr zu fördern bis zur völligen Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, bis zur Ablösung der kapitalistischen Gesellschaft durch die socialislischc,' des kapitalistische» Privateigentums an den Produktionsmitteln durch gesellschaftliches Eigentum, der Warenproduktion durch die öcialistische Produktion. In dieser Ueberzeugung hat die social- demokratische Fraktion ihre Aufgabe bisher erfüllt und wird sie auch fernerhin erfüllen. Die Eröffnung einer grossen, den Anforderungen der Neuzeit entsprechend eingerichteten Geschäftsräume mit ihren 29 grossartig dekorierten Auslagen und Schaufenstern findet am Sonnabend, den 23. 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Der Stcinträger F. verlniigte im Klaqewege von dem Maurermeister Jäuick-en einen Lohnbctrag, de» ihm der K o l o n n e n fü h r e r an- gcblich zu Unrecht vorenthalten hat. Der Kläger mochte den Beklagten als den eigentlichen Arbeitgeber dafür verantwortlich. F. wurde von der Kammer III des GewerbegerichtS mit seiner Klage abgewiesen. Der Vorsitzende Dr. Schalhorn führte begründend aus: Bei den in Berlin üblichen Kolonnenarbeiten nehme der Kolonnen- führer nicht bloß aus Bequemlichkeit das Wochengeld für die ein- zelnen Kolonnenmitglicder in Empfang, sondern er handele als Vertreter der Arbeitnehmer-Gruppe, für die er ja auch nnt den Unternehmern die Verträge ab schließe. Deshalb könne im vorliegenden Falle der bc klagte Maurermeister, der seine Verpflichtungen erfüllt habe� nicht vom Kläger in Anspruch genommen werden. Anders lägen die Dinge, wenn ein Vertreter des Arbeitgebers das für die Arbeiter erhaltene Geld an diese nicht abliefere. In einem solchen Falle bliebe der Arbeitgeber haftbar. Hier müsse sich aber der Kläger an den Kolonnenführer, der sei n Vertreter gewesen sei, halten.— Dann habe er umsonst gearbeitet, meinte der Kläger beim Abgehen. Tie infizierte Hand. Der Landwirt Hehnemeier bemerkte eines Tages einen Hautriß an der rechten Hand, legte aber weiter keinen Wert darauf, wie das leider auf dem Lande üblich ist. �wei Tage später begann die Hand anzu- schwellen und schließlich lpurde die Verletzung so gefährlich, daß mehrere Finger abgenommen werden mußten. Die hannoversche landwirtschaftliche Bernfsgenossenschaft lehnte es ab, dem Kläger eine Unfallrcnte zu gewähren, weil ein ursächlicher Zusammenhang mit dem landwirtschaftlichen Betriebe nicht dargethan sei. H. legte Rekurs ein und machte sich anheischig, nachzuweisen, daß er nur landwirtschaftliche Arbeiten verrichte.' Die Anschwellung der Hand und die weiteren Folgen seien auf daS Säen hon Weizen zurückzuführen. Dem Weizen hafteten Spreu und Staub an und außerdem sei er vor dem Säen mit Vitriol.angemacht" worden. So könne in den Riß leicht etwas hineingekommen sein, ivas die Anschwellung verursacht habe. Demgegenüber erklärte jedoch ein medizinischer Sachverständiger es für unwahrscheinlich, daß die Infektion beim Säen erfolgt sei. Beim Eindringen citererregender Pilze beginne die Wirkung schon innerhalb L4 Stunden oder in noch kürzerer Zeit, nicht erst nach L Tagen. Wahrscheinlich habe der Kläger sich bei irgend einer anderen Gelegenheit infiziert. An solchen Gelegenheiten fehle es ja nicht im gewöhnlichen Leben. Das Rcichs-Bersicherungsamt verwarf den Rekurs mit der Begründung, es läge kein genügender Anhalt dafür vor, daß bei bestimmten landwirtschaftlichen Vorgängen schädliche Stoffe in den Riß eingedrungen wären, und über die Ursache des Risses selber stehe auch nichts fest. Die Bewilligung einer Uufallrente wäre aber abhängig von dem Nachweis. daß die Schädigung der Erwerbsfähigkcit' durch den Betrieb direkt oder indirekt verursacht sei. Wie die Segnungen der Socialreform ausfallen. Der Glasarbeiter Lohmann war im Betriebe einer Glasfabrik überfahren worden und hatte dann eine Zeitlang die Vollrente für Unfäll- verletzte bezogen. Nach einer Badekur wurde seine Erlverbs» Unfähigkeit von dem Bade- Arzt auf 60 Proz. geschätzt. Gin Arzt erklärte Lvhmaun für unfähig, in seinem bisherigen Berufe zu verbleibe, i. und riet ihm, die Korbflechterei zu erlernen. Die Glas-Berussgeiiosseiischaft setzte demnächst die Rente ans 60 Proz. herab. Maßgebend war dafür das Gutachten des Badearztes. Das Sckiicdsgerichr wies die Berufung des Verletzten ab. worauf L. Rekurs einlegte. Er gab zu erkeniieu, daß er bereit sei. das Korbslechten zu erlernen und sprach den Wunsch aus, ihm doch wenigstens so lange die Vollrente weiter zu gewähren. Er könnte doch während der Lehrzeit nichts verdienen. Das Rcichs-Ver sicher» ng samt wies aber den Rekurs mit der Begründung zurück, daß der 5k'läger mit 50 Proz. ansreichend entschädigt sei._ Vevlaunnlungen. Im Wahlverci» für dcu drittelt Berliner NcichötagS- Wahlkreis hielt Reichstags-Abgeordnetcr R i ck a r d Fischer am Mittwoch ciuen Vortrag über das Thema:.Zeitfragcn und Klassen- kämpf". Emleitcud bemerkte der Redner, die Bernsicin-Debatten hätte» gezeigt, daß nieluand in unseren Reihen daran denkt, den Klassenkampf auszugebcn. Auch Bernstein wolle das nicht. Er sage nnr. und zwar mit Recht, daß der Klasseiikampf, je nach dem Grade der demokratischen Einrichtnngen eines Landes und der Anteilnahme der Arbeiter am politischen Leben, mildere Formen annehme, aber seinen Charakter als Klnssenkanips nicht verliere. Der Redner legte nun an der Hand der politischen Vorgänge der letzten Zeit dar, daß die Kapitalisten, wenn es gelte, die Interessen ihrer Klasse zu ver- trete», ohne Siücksicht auf ihre religiösen und politischen Mcimnigs- Verschiedenheiten ziistiminciihnllrii, daß auch die Regierung den Jntcresscilkampf der Kapitaltstenklasse gegen die Arbeiterklasse unter- stützt, indem sie ihre Maßnahmen von dem Gcsichlspnlikt treffe, wie dieselben ans die Arbeitcrbclvcgnng wirken. Weiter zeigte der Redner. daß andererseits das Klassenbewußtsein sich auch unter den Arbeitern, die zur Gefolgschaft des Centrums gehören, mehr und mchr bemerkbar mache. So sei beispielsweise das bahrischc Wahlbündnis mit veranlaßt durch die Haltung der Eelltnimslvähler ans der Arbeiterklasse, die ein Zusammengehen mit der Social- dcniokratie kategorisch verlangten. Der Redner kam zu dem Schluß, daß von einem Nufgeben des Klasscnkanipfes gar keine Rede sei» könne. Selbst wenn innerhalb unserer Partei— was nicht der Fall sei— eine Neigung zum Paktieren mit bürgerlichen Parteien vorhanden wäre, so gebe es gar keine Möglichkeit, solche Neigung in die That uinznsctzen. Darmii köliiiten wir auch mit Ruhe den Erörterungen ans dem Parteitage entgegen- sehen. Die Partei sei ans dem Boden des Klasseilkampfes groß geworden, sie köiine denselben nicht verlassen, ohne sich selbst ans- zligeben. Die Arbeiter selber würden dafür sorgen, daß der Klassen- kämpf nicht aiisgcgcbcii ivird. Der Bortrog wurde mit lebhaftem Beifall aufgciioiumc», einc Diskussion entstand nicht. Die auf Mittwoch abend nach der Rcsionrce, Kommandanten- Straße, eiuberafeite Bersammlung aller im Handelö-Gowerbc tliätigeii Personen war sehr stark besucht und nahm einen ange- regten Verlauf. Gegen Schluß derselbeu erschien noch eine Llnz'nhl Antisemiten vom„Deutsch- ualioliaten Handliiiigsgchilfcnverbandc" und versuchte unter einem nichtigen Vorwande eiiien Mißklang zu provozieren, was indessen zu einem kläglichen Fiasko für die Herren führte. ReichstagS-Abgeordneter P f a n n k u ch sprach zunächst über „den gesetzlichen Ladenschluß". Die jahrclangeii Be- mühinigen nach dieser Richtung haben endlich die Ltegicrung zur Ausarbeitung einer Novelle zur Gewerbe-Ordnung ver- anlaßt, die eine nnünkerbrochene zchlistündige Nachtruhe vorsieht; unsere Forderung erstreckte sich ans 12 Stunden, während das Centrinn mit eiiiigen Nationalliberalcn einen Vermittclmigantrag von 11 Stunden einbrachte, der jedoch Ausnahmen vorsah für 1. nnvorhergeschene Notfälle: 2. 40 Tage im Jahr überhaupt und 8. Gemeinden, in denen der Geschäftsverkehr sich ans einzelne Stunden oder Tage beschränkt. Erstercs ist aber unkontrollierbar, letzteres unverständlich, da der Verkehr doch nicht um 9 Uhr abends beginnt. Wilhcl,„städtisches. Die Reife nach der Teufelsinfel. Anfang 3 Uhr. Metropol. Berlin lacht. Anfang 7i/, Uhr. Apollo. Frau Luna. Specialitäten- Vorstellung. Anfang 8 Uhr. Reichshallen. Stettiner Sänger. Ansang 8 Uhr. Vassage> Pnnopilknni. Spcciali- täteu-Vorstcllung. Urania. Jnnalidensir. 5»7/«2. Täglich abends von 6—10 Uhr: Sternwarte. Tanbenftr. 48/4S. Im Theater: Der Sieg des Menschen über die Ratur. Ansang 8 Uhr._ Wlltt'-THM (Wallner-Theateri. Freitag, abends 8 Uhr: vi« Ehre. Schauspiel in 4 Alten von Hermann Sndermann. G oini abend, abends 8 Uhr: Viel Lttrincn um nichts. Sonntag, nachmittags 3 Uhr Klarla Stuart. Sonntag, abendS8Uhr: vis Ehre. Dhvtttev Direktion: Josi Ferenciy. D i o Geisha oder: Eine japanische TheehanS- gefchichte. Operette in 3 Akten von Oven Hall. Musik von Sidney Jones. Anfang 7i/, Uhr: Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Sonntag, nachm. 3 Uhr. zu halben Preisen: Die Fledcrmans V.Johann Strauß. Friedrilh-Kilhelmst. Theattt Chal»»oe»tr. 25/26. AbendL 8 Uhr: Zum 12. Male: Burlcöke Abenteuer-Pofse mit Gesang und Tanz in 6 Akten von»», Musik von Albert Wicher. In Scene gesetzt vom Dir. Max Samst. 1. Bild: Auf zu Drehfus. 2. Bild: Verbündete Mächte. 3. Bild: Attentat und Verrat. 4. Bild: Das belagerte HauS. 6. Bild: Die Gerichtsverhandlung. /, Uhr, bei Mehlmann(früher BuSke), Grenadierstraße 33: Für sämtliche Arbeitgeber. Tages-Ordnung: 1. Wahl von 12 Vertretern für Arbeitgeber»ach§ 49, 7. Abänderung des Statuts. 2. Antrag des Vor- standes: Abänderung des§ 30 des Statuts. 3. Verschiedenes. Am Sonnabend, de» 7. Oktober, abends 8Vz Uhr, im selben Lokale: Für sämtliche großjährige« Ardeitnehnier. Tages-Ordnung: 1. Wahl von 24 Vertretern für Arbeitnehmer nach§ 49, 7. Abänderung des Statuts. 2. Antrag des Vor- standes: Abänderung des tz 30 des Statuts. 3. Verschiedenes. Zu diesen Versammlungen werden die Arbeitgeber sowie die großjährigen Arbeitnehmer ersucht, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. s14L/10 Ter Vorstand R. Ballschmieders „Kastanienwäldchen" KSMtMttll 8. PllllMt Badstr. 16. Gesundbrunnen. Badstr. 16. Täglich: Gr. Prouienaden- Konzert. Jeden Donnerstag: Elite-Streich-Konzert. Sonntags: Grofter Ball im neuerbauten Saal. Empfehle meine Säle zu allen Fest- lichkeitcn. R. Ballschmleder, Victoria-Brauerei LühoN'strahe 111/112. Jeden Montag und Freitag: Nordd. Sättger IFilhrmann, Horst, Walde). Anfang 8 Uhr. Entree 50 Pf. Jeden Donnerstag: t» r. R u. 1 1. Ansang 8 Uhr.— Entrce 30 Pf. Unserm Sangesbruder Gottfried Schäfer zu seinem heutigen Wiegenfeste ein dreimal donnerudcs Hoch! SS/4 Kessugvoreln Vorwärts i SO. BcerdlgnngSTerein Berliner Zimmerlentc. Am 18. d. Mts. verstarb nach längerem Leiden unser Kamerad, der Zimmerer kustiiv 8ei!ert. Die Beerdigung findet Freitag, den 22. d. Mts., nachmittags 41/, Uhr, vom Trauerhause, Prenzlauer Allee 31, nach dem neuen Gcorgen-Kirchhos in Wcißensce statt. Um rege Beteiligung bittet 2721b Ber Vorstand. Ceutral-Kranken- n. Sterde- kasse ber Zimmerer. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied s272Sb Julius Raumann am 19. d. M. plötzlich verstorben ist. Die Beerdigung findet Freitag, den 22. September, nachmittags 3 Ubr, vom Trauerhause, Blllcherftraße 42, aus nach dem Luisen-Kirchhof, Berg- mannstraße, statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Ber Torstand. f.'" tzi Todes- Anzeige. Statt besonderer Meldung, daß unser wertes Mitglied und Mitbegründer des Gesangvereins„Froh' Hoffnung", der Restaurateur s2719b Jttlws Naumann am Dienstagnachmittag 4 Uhr plötzlich verstorben ist. Dies den Mitgliedern zur Nachricht. Die Beerdigung findet Freitag- nachmittag 3 Uhr vom Traucrhause, Blücherstraßc 42, aus statt. Ehre seinem Andenken! Ber Torstand. Banhsagnng. Sage allen Freunden u. Bekannten für die Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines mir un- vergeßlichen Mannes Karl Wuttke meinen innigsten Dank. s2717b Die trauernde Witwe. Zu kaufen gesucht: „Die Neue Zeit" Jahrgang 1883 und 1884, gebunden oder in Heften. Buchhandlung Vorwärts, 233/14 Beuthstr. 2. Chnvlottenbarvn. R. Schmerbcrg[229oti* Wllmersdo rferstrasse 127, ilhrmachcr und Goldarbeiter. Großes Lager von Uhren nnd tioldsvaron zu äuß. bill. Preise». Optische Artikel. Ohrlöcher werd. schmerzlos gestochen. Tuuck» und Buckskin-Reste spottbillig, Anzugreste, Paletot- nud Hosenreste. Gelegenheitskäufe. Reste zu Kuabenanzstgen. s2513L* Enj-ei, Mäuzstraße 36, p Anflösan Die ältere» Warenbestände sollen, um schlennigft damit zu räumen, noch weiter im Preise ermäßigt Verden. Zur Dnrchfiihrung der hierdurch bedingten Arbeiten bleiben sämtliche Verkanfsränme Freitag, den Z2. d. Mts. geschlossen. Der Verkaaf dieser sowie der sür die iQCXbftz und ausgestellten Waren beginn Sonnabend, den 33. d. Mts., Vormittags 8 Uhr. Magazin Lnbascn 1 Kommandantenstrasse 44, 44a u. 43. Vcranlworililücr Rcdacrcur: Heinrich Wepker in Groß-Lichtrrsclde. svür bru fMiicmcutcil verantwortlich: Db. Gloikc in Verlin. Druck und Verlag von Mar Babing in Berlin.