Nnlerhaltungsblatl des Worwärts N?. 165. Dienstag, den 25 August 1900 (Nachdruck verböte«.) LS) Die Fttnkaeo. Roman von Fritz Mauthner. Da alle Chöre und alle dramatischen Masienanstritte weggelassen werden mußten, war eine kurze, verbindende Er- klärung der Handlung nötig. Als Richard sich außer stände erklärte, etwas Zusammenhängendes zu sprechen, war Leontine bescheiden dazu bereit. Sie nannte zuerst Nanten der Oper und dann die einzelnen Personen. Fata Morgana war eine böse Fee und eifersüchtig auf den Prinzen Rustan. Deshalb vertvandelte sie im Verlauf der Handlung seine Geliebte, die Sultanstochter Selma, in alle möglichen Dinge: im ersten Akt erschien Selma zu einer Palme verzaubert, und mit dem Älagednett zwischen Rustan und der Palme begann die Oper. Ein rauschender Beifall folgte. Nur Doktor Hinzmann und Iakubowski blieben ruhig abwartend. Nach einem großen Ensemblesatz, den auf der Bühne die Gespielinnen Selmas als lebende Blumen mit ihrer Gebieterin aufführen mußten, und nach einem Doppelchor, wenn sich die unsichtbaren Geister der Fata Morgana hinzu- gesellten, kam dann die zweite Nummer der heutigen Probe, das Duett zwischen der armen Palme und der bösen Fee. Hierauf verpflichtete sich Rustan in einem langen Recitativ, das wieder fortblieb, für die Entzauberung Selmas dem alten Sultan zehn Jahre als Knecht zu dienen, insbesondere als Knappe bei der Amazonenkönigin auszuharren, welche natür- lieh die Fee Morgana war. Mitten in einem großen Amazonenmarsch bildete endlich ein Koloratursatz. das Triumph- lied der Fee, den Schluß des ersten Aktes. Der Beifall ließ nach der zweiten und dritten Nummer nicht nach. Nur in der ersten Reihe wagten die Damen es nicht, früher als die beiden Kenner zu klatschen, als Doktor Hinzramm und Jakubowski, die unbeweglich dasaßen. Ohne Unterbrechung ging die Probe-Aufführung weiter. Der zweite Akt zeigte Rustan im Heerlager der Amazonen- königin, die mit glühender Leidenschaft die Sinne ihres Knappen zu fesseln sucht. Selma war jetzt ans besonderer Bosheit in einen Felsen verwandelt, der dem Zelte der Königin gegenüberstand und die halben Treulosigkeiten» sowie die Gewissensqualen des Geliebten mit ansehen muß. Auf der Bühne sollte im letzten Augenblick, da Rustan sich der Fee Fata Morgana zu Füßen gestürzt hat, hinter dem Felsen, wie ein Phantom Selnias Gestalt erscheinen und in einem cchoartigen Duett zwischen dem Liebespaar die böse Fee um ihren Sieg gebracht werden. Der Beifall ließ nicht eigentlich nach. In den rückwärtigen Reihen wurde absichtlich immer lauter geklatscht, der alte Mettmann selbst schonte seine Hände nicht. Auch die aus- führenden Künstler stimmten lebhaft in den Beifall ein. Doch die Kälte der beiden Kenner hatte auch die zweite Reihe ver- ftununen gemacht, und ein leiser Druck begann aus die Gäste niederzusinken. Nach dem Echo-Dnett entstand vor dem losbrechenden Applaus eine kleine Stille, und man hörte Doktor Hinzmann „dünner Gluck" flüstern und Jakubowski sich räuspern. Vom dritten Akt hatten alle Sänger das beste erwartet, da wurde die Handlung lebhaft. Am letzten Tag der zehn Jahre sollte Selma vernichtet werden. Sie war in den großen Spiegel der Amazonenkönigin verwandelt, Rustan sollte den letzten Befehl ausführen und den Spiegel mit seinem Schwert zertrümmern. Dreimal hob er den Arm, und dremial erschien in: Glase die Gestalt der Geliebten. Fata Morgana trat endlich vor und erklärte in einer Rache-Arie ihre ganze Ruchlosigkeit. Nach dieser Nummer lärmten die beiden letzten Bänke allein. Nun mußte die oberste Feenbeherrscherin erscheinen, die Macht der Fata Morgana brechen, der vielgeprüften Selma ihre menschliche Gestalt wiedergeben und die Liebenden ver- einen. Mit dem großen Quintett zwischen dem Liebespaar, der Fata Morgana, der Feenbeherrscherin und dem alten Sultan schloß der Abend. In der Partitur folgte noch ein schwieriger Chor der Amazonen, der Gespielinnen, der guten und der bösen Geister. Als der letzte Ton des Quintetts verklungen war, folgte zuerst lautlose Stille, dann gab Jakubowski das Zeichen» indem er freundlich einigemal die Hände zusammenschlug, und im ganzen Saal vereinigte man sich zu einem lebhaften, aber kurzen Händeklatschen. Die Hausfrau erhob sich, sie reichte Richard beide Hände, wie sie sich das vorgenommen und vorgestellt hatte, und dankte ihm für den einzigen Genuß. „Auf der Bühne wird das alles noch ganz anders wirken." Von allen Seiten drängte man hinzu. Das erlösende Wort war gesprochen. „Auf der Bühne wird das alles noch ganz anders wirken I" riefen durcheinander die Künstler, denen ihre Partien gut lagen, und die das Werk deshalb ungemein lieb ge- Wonnen hatten. Und sie schleuderten herausfordernde Blicke auf die beiden Kenner, die gewiß aus Neid ihre Bewunde- rung zurückhielten. Von rückwärts drängte sich der alte Mett- mann durch, klopste seinem Sohne auf die Schulter und rief überlaut: „Du wirst sehen, wie das ans der Bühne wirken wird. Wenn zweitausend Menschen Dich herausrufen werden, wird es auf zwei nicht ankommen, die es Dir nicht gönnen." Und er warf einen fragenden Blick auf Leontine. Zwei Diener warteten an der Thür. Auf das Zeichen Leontinens sollten sie das Lorbeerbäumchen hineintragen. Die Hausftau überlegte eine Welle, dann schüttelte sie leise den Kopf. Sie gab das Zeichen nicht. Ruhig wandte sie sich an Jakubowski: u „DaS Werk hat Ihnen sicherlich ebenso gefallen wie unS allen, aber ein Musikgelehrter wie Sie weiß gewiß bessere Worte des Lobes zu finden." Jakubowski murmelte ohne Verlegenheit etwas von ehrlicher Musik, einfacher Harmonie, lobenswertem Mangel an Effekthascherei. Dann sagte er: „Die Melodien legen sich nicht recht inS Ohr und erinnern andrerseits vielleicht zu sehr an alte Muster, aber es ist ehr- liche Arbeit, das müffen Sie selbst sagen, lieber Hinzmann. Sie werden keine Veranlassung haben, auf den Komponisten böse zu werden. Er wird die Musik in keine neue falsche oder schädliche Richtung drängen." Doktor Hinzmann fing das spöttische Lächeln Jaku- bowskis auf. „Ehrliche Arbeit," sagte er.„Sie müssen immer ein braver Schüler gewesen sein, junger Freund. Gelernt haben Sie etwas Ordentliches. Das andre, ich meine das, ivissen Sie so, das. was drin stecken muß, das wird sich ja wohl noch stärker entwickeln." Und alle Musiker vereinigten sich zu einem fachmännischen Gespräch über die schwierige Faktur des letzten Quintetts. Richard hatte das dumpfe Gefühl, daß Leontine mit dem Erfolg der Oper nicht ganz zufrieden war. Auch ihm war es so vorgekommen, als ob einzelne Nummern weniger gewirkt hätten. Wie schlecht er begleitet hatte, das mußten alle be- merkt haben, aber es war nicht seine Schuld gewesen. Die schöne Sängerin der Selma erinnerte ja mit keinem Zuge an Johanna, und doch hatte er diese Partie nicht einen Augen- blick von den Gedanken an Johanna loslösen können. Und scheu hatte er oft in das kalte Antlitz Leontinens geblickt, ob sie nicht plötzlich die dämonischen Züge der Fee Morgana annähme. Langsam zog sich die Gesellschaft in die kleinen Räume zurück, wo Brötchen mit Austern und Kaviar bereit standen und Champagner und Limonaden gereicht wurden. Alles schwatzte durcheinander. Man sprach von Gott und der Welt, nur nicht von der Oper Fata Morgan«. Der alte Metttnann war wütend. Doktor Hinzmann und Jakubowski sollten es schon büßen. Er wollte mit feinem Börscureporter und mit seinem Musikrezensenten reden. Für die öffentliche Aufführung, deren Bombenerfolg ja doch sicher war, mußten solche Juttiguen im voraus ver- hindert iverden. Alles hatten die beiden unmanierlichen Menschen gestört. Nicht einmal die Ovation mit dem Lorbeerbäumchen war ausgeführt worden. Frau Leontine hatte allerdings vielleicht recht gehabt. Sie war klug, o. beinahe zn klng. aber es half ihr nichts t Und fiir die Verlobung war die Stinnimng iM-llcidit jetzt noch günstiger. Das Mitleid mit dem fo boshaft angefeindeten Komponisten nmßte noch stärker wirken als die Bewunderung für den Sieger. Lieb haben mufcte man ja seinen Richard I Und wenn erst die letzten Gäste sich verlaufen hatten und er und sein Sohn mit der schönen Wirtin allein blieben, dann gab es für ihn ein schöneres Fest, als ihm alle Opern der Welt bereiten konnten. Er brauchte nicht mehr lange zu warten. Gegen 10 Uhr schon sagte eine Gruppe nach der andern„gute Nacht". Jeder- mann hatte dankbare Worte fiir den seltenen Genuß und für das köstliche Diner, und der Baßbariton, der als letzter blieb, erinnerte noch einnial mit begeistertem Augenaufschlag an die Nebhuhnkoteletts. Der alte Mettmann hatte sich, um sein längeres Ver- weilen nicht auffallen zu lassen, von der Ausgangsthür weg in ein andres Zimnier zurückgezogen. Als jetzt alles still wurde, kam er langsam vor und hoffte Leontine und Richard in einer innigen Umarmung zu finden. An der Verbindungs- Portiere blieb er überrascht' stehen: auf dem Sofa lag die Hausfrau, müde zurückgelehnt, allein; ihre blassen Züge waren schlaff, ihre Lippen zuckten, als wäre ihr das Weinen nahe. „Und Richard?" rief Mettmann heftig. „Er hat sich fortgestohlen," sagte Leontine.' Mettmann suchte seinen biedersten und wehmütigsten Ton. „Der arnre Junge I Diese Leute haben ihn so schlecht be- handelt, er wird jetzt Ihre Liebe doppelt nötig haben." Leontine faßte sich gewaltsam und richtete sich elastischer Bewegung hoch auf. „Lieber Mcttmann, Ihr Sohn hatte recht. Er muß etwas sein, etwas Großes erreicht haben, wenn er mein Vermögen ohne Demütigung besitzen will. Mein Mann soll nicht der Mann seiner Frau sein. Und dann— zwischen gestern und heute muß auch niit ihm etwas Wichtiges vor- gefallen sein. Dieses adlige Bettelmüdchen l Schweigen Sie, Mcttmann, ich gehöre nicht zu Ihrem Publikum, ich habe von den Dingen meine eigne Meinung." Sie ließ sich wieder auf das Sofa sinken und schwieg, sie kämpfte mit ihren Thränen. Heftig winkte sie Mettmann mit dem Taschentuche fort. Mit veränderter Stimme rief sie ihm nach: „Schicken Sie Richard bald her; aber Sie sollen mir von ihm nicht mehr sprechen, nicht vor der öffentlichen Auf- führung." tFortsetzung folgt.) Friedrich Nietzsche. Gestorben am Lö. August 1900. Hätte vor zehn Jahren, als der Wahnsinn dem Schaffen Friedrich N i e tz s ch e S ein plötzliches Ende machte, jemand vor- ausgesagt, datz er in kurzer Zeit zu den gelesensten und noch mehr besprochenen deutschen Schriflstcllern gehören Iverde: man hätte ihn wahrscheinlich ausgelacht. Der Mann', von dessen Werken heute Auf- lagen»ach Auflagen erscheinen, mutzte fiir die Schriften, die er noch selbst der Oeffentlichkeit übergab, die Druckkoste» bestreiten. Gegen- wärtig besteht in Weimar ein eigenes„Nietzsche-Archiv", das dafür sorgt, dah keine Zeile der mittlerweile so.berühmt gewordenen Persönlichkeit der Oeffentlichkeit vorenthalten werde. Nietzsche hat, kurz vor der vollständigen Unmachtung seines Geistes, geschrieben:.Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt. Meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste." In dresem.unabhängigsten Buche" wollte er der Menschheit' lehren, ganz neue Wertniatzftäbe an alle Dinge zu legen. ES sollte»Umwertung aller Werte" heitzen. In dem ersten Kapitel dieser Schrift, das nach seiner Erkrankung herausgegeben worden ist, lesen wir:»Dieses Buch gehört den wenigsten. Bielleicht lebt selbst noch keiner von ihnen. Es mögen die sein, welche meinen Zarathustra verstehen: ivie dürfte ich mich mit denen verwechseln, für ivelche heute schon Ohren wachsen?" Man darf sagen, Nietzsche hat sich in doppeltem Sinne geirrt. Wer die Entwicklung des Geisteslebens in de» letzten Jahrzehnten verfolgt hat, der kann sich sagen, Nietzsches Anschauungen find keinesivegs die»unabhängigsten". Er hat nur, zuweilen originelle, zuweilen aber auch paradoxe und höchst ein- seitige Folgerungen aus Ideen gezogen, die in der Zeitkultur wohl vorbereitet lagen. Wenn man die Schriftsteller verfolgt, aus denen er seine Bildung geholt hat. dann wird man zn einem andeni Urteil über seine Unabhängigkeit geführt, als das ist, mit dem seine mehr als zweifelhafte gegenwärtige Anhängerschaft so selbstgefällig auftritt. Und auch mit der zweiten der angeführten Behauptungen hat sich Nietzsche geirrt. Wenn man Umschau hält in einer gewissen Publizistik der Gegenwart, wird man bedenklich den Kopf schütteln muffen über die llnzahl von Ohren, die bereits in so kurzer Zeit mr den„Unabhängigen" gewachsen sind. Nietzsches Gedanken bilden, in bcqueine Schlagworte geprägt, ein beliebtes Ausdrncksinittel„geistreicher" Journalisten. Man mag über Nietzsches Weltanschauung denken, Ivie man will: die Art, wie er populär geworden ist, wird man nicht anders be» zeichnen können, denn als eine tiefe Verirrrmg unsrcr Zeitkulwr. Ein hervorstechendes Merkmal bei fast allen seinen Anhängern ist der Mangel an einem sachgemäßen Urteil und das flatterhafte Interesse für die Ideen einer durch ihre persönlichen Lebensschicksale intcr» cffantcn Persönlichkeit. Wer Nietzsches Schriften wirklich mit Ver» ständnis liest, der wird sich vor allen Dingen darüber klar werden, datz er es mit einem Manne zu thnn hat. der dem wirklichen Leben der Gegenwart, den großen Bedürfnisse» der Zeit ganz ferne stand. Er hat sich alles, was er kennen lernte, im Sinne der Anschauungen zurechtgelegt, die er sich durch einen einseitigen klassischen und philosophischen,' in mancher Beziehung ganz abnonnen Bildungsgang erworben hat, mit Ausschluß jeglicher Lebenserfahrung, ohne Kenntnis der wahren Bedürfnisse der Gegen» wart. Er war in vollster geistiger Vereinsanmng mit sich selbst und seinen Gedanken und Empfindungen beschäftigt. Deshalb konnte er auch nur zu Ideen konune», die als Aeußernngen einer merkwürdigen Einzclpersönlichkeit interessieren können, zü denen sich aber in der Fon», wie er sie ausgesprochen hat, kein andrer, im wahren Sinn des Worts, als Anhänger bekennen sollte. Wer ihn dennoch geradezu als einen Geist hinstellt, der ftir unsre Zeit charakteristisch ist. der beweist nur, daß Vcrständnislosigkeit für die eigentlichen Bedürfnisse der Gegenwart bei vielen muh eine charakteristische Erscheinung dieser Gegenwart ist. Die Betrachtung des Entwicklungsgangs Nietzsches möge diese Behauptungen bestätigen. Er ist n», 15. Oktober 1844 in Röcken gc- boren. Sem Vater war protestantischer Prediger. Nietzsche war fünf Jahre alt, als der Vater starb. Er schildert ihn selbst mit de» Worten:»Er war zart, liebenswürdig und morbid, wie nur ein zum Vorübergehen bestimmtes Wesen,— eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst."— Innerhalb einer ftommen protestantischen Familie wuchs Nietzsche heran. Er war ein im orthodoxe» Sinne frommer Knabe. Wir wissen aus der Biographie, die seine Schivesler geliefert hat(Elisabeth Foerster- Nietzsche, Das Leben Friedrich Nietzsches. Leipzig. C. G. Naumann), daß er von seinen Klassenkameraden, wegen seiner religiösen Denkmigsart, der„kleine Pastor" genannt worden ist. Aus dem Gymnasiuni zu Schnlpforta, der Musteranstalt für klassische Bildung, brachte er die Schuljahre zu. An den Universitäten Bon» und Leipzig hat er sich der klassischen Altertumswissenschaft gewidmet und sich in der BorstellnugSwelt des alten Griechentums so eilige- lebt, daß ihm diese alte Kultur als ein Ideal menschlicher Entwick- lung, als der Inbegriff alles Großen und Edlen erschien. Er ist in der Schätzung des Griechentums später so weit gegangen, daß er das Vorhandenscin des Sklaventums, dieser Bcgieitcr'schcinmig einer frühen Vildungsstufe, als etwas besonders Mustergültiges und Wert- volles pries. Am Ende seiner Studienlnufbahn lernte er die Philosophie Arthur Schopenhauers und Richard Wagner kennen. Die Schriften des ersteren und die Persönlichkeit des letzteren wirkten geradezu fascinierend ans ihn. Durch seine begeisterniigS- fähige, starken Eindrücken gegenüber höchst empfindliche Natur war er beiden Geistern förmlich willenlos verjallcn. Die Schätzung der griechischen Kultur, die er als eine wahrhaft große nur für die Zeit vor dem Austreten Sokrntes' ansah. verband sich bei ihm niit der rückhaltlosen Bewund« rupg Schopenhauers und Wagners. Er sah nunmehr im alte» Griechentum eine Kultur, durch die der Mensch den ewigen Mächten der Welt näher stand, als das später der Fall war. Er sagte sich: in dieser alten Zeit sind die Menschen ganz im Banne ihrer ur- sprünglichen Instinkte und Triebe gewesen; sie haben nach allen Seiten voll ausgelebt, was die Natur in sie gelegt hat. Durch SocrateS find sie von dieser Kultur, abgebracht worden. Socrates habe einseitig den Geist, den Versland gepflegt. Er habe durch das Denken die Urtriebe des Menschen eingeschränkt; die Tugend. die man ausklügelt, sollte au die Stelle der frischen, ur- kräftigen Instinkte treten. In Schopenhauers Lehre glaubte Nietzsche eine Rechtfertigung für diese seine Anschauungsart zn finden. Denn Schopenhauer nennt auch das menschliche Vor» stellen, den Verstand, nur ein Ergebnis des blinden, vernunft- losen Willens, der in allen Naturerscheinungen waltet. Und in Wagners Musik glaubte Nietzsche Töne zu hören, die wieder aus den Tiefen der. menschlichen Natur kommen, denen sich die Bildung der verflossenen Jahrhunderte entfremdet hat. Er verherrlichte das alte Griechentum voni Standpunkt der Schopenhauerschen Philo- sophie und feierte zugleich das Musikdrama Wagners als die Wieder- geburt dieser verlorenen Kultur in seiner ersten Schrift:»Die Ge- burt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"(1872). In der folgenden Zeit unternahm er von diesem Gesichtspunkte aus in seinen vier„unzeitgemäßen Betrachtungen" einen FeldzUg gegen die gesamte moderne Bildung. In einer Festschrift, die er 1870 für die Aufführuiigen in Bayreuth verfaßte, erreichte er den extremsten Aus- druck für diese seine Anschauungsweise. In derselben Zeit wurde ihm auch klar, daß er sich den Ein- en Wagners und Schopenhauers wie hypnotisiert hingegeben hat. Er empfand die ganze Anschauung als ein fremdes Element, das er sich eingeimpft hatte. Er ivurde zum heftigsten Gegner iefltn, woS et bisher vertreten hatte. Er kämpfte»umnehr fiir eine streng wissenschaftliche Betrachwng des Lebens. Durch das Studium von Werken, die im naturwissenschaftlichen Geist der damaligen Zeit geschrieben waren, wurde er von seiner früheren Aiischnunng abgebracht. Er hatte sich in Friedrich Albert Langes.Geschichte des Materialismus", in D ü h r i n g s Schriften, in die Ausführungen der französischen Moralschriftsteller vertieft. Wer diese Schriften kennt, der steht in den Standpunkten, zu dem sich Nietzsche in seinen Werken: .Menschliches, Allzumenschlichcs",.Morgenröte" und.Fröhliche Wissenschaft" bekennt, extreme Schlüsse aus den Ideen, die von den genannten Schriftsteller» vertreten worden find. Nietzsche sieht jetzt rn den Vorstellungen, die er vorher gelehrt hat, falsche Ideale, welche die nüchterne, verstnndesklare Beobachtung der Dinge in einen romantischen Nebel einhüllen. Immer mehr steigert sich seine Anti- pathie gegen Schopenhauer und Wagner. Im Jahre 1888 versaht er dann seine Schrift.Der Fall Wagner", welche in Worte ansklingt, wie diese:.Die Anhängerschaft an Wagner zahlt sich teuer. Ich beobachte die Jünglinge, die lange seiner Infektion ausgesetzt waren. Die nächste relativ unschuldigste Wirkung ist die des Geschmacks. Wagner wirkt wie ein fortgesetzter Gebrauch von Alkohol. Er stumpft ab, er verschleimt den Magen. Der Wagnerianer nennt zuletzt rhhtnrisch, was ich selbst, mit einem griechischen Sprichwort»den Sumpf bewegen" nenne." Noch einmal gewinnt etwas einen starken Einfluß ans Nietzsche. Es ist der Darwinismus. Auch hier schreitet er sogleich zu den extreinsten Folgerungen vor. Ohne Zweifel bat ei» im Jahre 1831 erschienenes Buch eines genialen, leider früh verstorbenen Natur- forschers. W. H. Nokphs:.Biologische Probleme", ihm weit- gehende Anregungen gegeben. Er wird von der Idee des.Kampfes unrS Dasein" aller Wesen, der�im Darwinismus eine mächtige Nolle spielt, fasciniert. Aber er nimmt diese Idee nicht in der Darwinschen Form» an; er gestaltet sie in dem Sinne um, in dem sie Nolph ausgebildet hat. Darwin war der Ansicht, dah die Natur bei weitem mehr Wesen hervorbringt, als sie mit den vorhandenen Nahrungsuiitteln erhalle» kann. Die Wesen müssen also um ihr Dasein kämpfe». Diejenigen. welche am vollkommensten, am ziveckniähigsteii eingerichtet sind, bleibe» übrig; die andern gehen zu Grunde. Rolph ist andrer Meinung. Er sagt: nicht die Not des Daseins ist die treibende Macht der Entwicklung, sondern der Umstand, daß jedes Wesen sich nwhr aneignen will, als es zu seiner Erhaltung bedarf, dag es nicht nur seinen Hunger stillen, sondern über seine Bedürfnisse hinausgehen will. Die lebendigen Geschöpfe kämpfen nicht blofe für das Rotwendige, sonder» sie wollen immer mächtiger werde». Nolph setzt an Stelle des„Kampfs ums Dasein" den„Kampf um Macht". Diesen Gedanken stellt nun Nietzsche in den Mittelpunkt seiner Ideen- weit. Er drückt ihn paradox aus:.Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, lleberwäftigmig des Fremde» und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Äufzwängung eigner Forme», Einverleibung und mindestens, mildestens Aus beut» n g." Diesen Gedanken überträgt er ans die sittliche Weltordnnng. Er verbindet sich ihm mit einer Ansicht, die er schon früher ans Schopenhauers Philosophie angenomnwn hat: dah eS auf dir Masse der Menschen nicht ankomme, dah die Massen nur dazu da seien, um einzelnen Auserlesenen als dienendeWesen die Bahnen mögliib zu machen, ans denen sieznrhöchsteil Macht steigen. Die Geschichte soll nicht zum Glück jedes Einzelne» führe», sondent sie soll nur ein Umweg sein, um die Macht einiger hervorragenden Individuen zu befördern. Auf diesem Umweg soll der Mensch sich zum.Uebennenschen" enttvickeln, wie er sich vom Assen zum Menschen enllvickelt hat. In dem halb poetisch, halb philosophisch gehaltenen Werke„Also sprach Zarathnstra" hat Nietzsche das hohe Lied dieses.llebermcuschen" gesungen. Wieder findet er wie in seinen Jugendjahren in der bisherigen Knlturentlvicklung eilten grohen Irrtum.' Der.höherivertige Typus Mensch ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. VielmeKr ist er gerade am besten geftirchtet worden, er war bisher beinahe das Fmchlbare;— und aus der Fnrcht heraus wurde der umgekehrte ThpuS gewollt, gezüchtet, erreicht: das Hanstier, daS Herdentier, das kranke Tier Mensch.—"(Werke, Band 8, Seite 218 f.) Nietzsche war nunmehr von seiner Idee des.Willens zur Macht" so hypnotisiert, dah ihm alles andre neben dem brutalen Kanipf um Unterdrückung des Schwächeren gleichgültig wurde, dah er in dem kein Mittel scheuenden Renaissance- Menschen Eesare Borgia das Muster eines Uebermenschen sah. Immer mehr hat sich Nietzsche unter dem Einfluh solcher Vor« stellungeil in eine Weltanschauung paradoxer Art hinein getrieben, die iveit ab liegt von der Kultur der Gegenwart. Charakteristisch ist seine Stellung zur„Arbeiterfrage". Er sagt:„Die Dummheit: im Grunde die Jnstinkt-Entartung, welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, dah es eine Arbeiterfrage giebt. Uebcr gewisse Dinge fragt man nicht.— Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht, man hat ihm das Koalitionsrecht, das politische Stimmrecht gegebe»; ivas Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereit» als Notstand(moralisch aus« gedrückt als U n recht)— empfindet? Aber lvas will man? Roch« mals. gefragt.- Will man«inen Zweck, muh man auch die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herren erzieht".(Werke, Band 8, S. 153.) Vom Standpunkt Nietzsche» aus ist das alles konsequent. Diejenigen, die aber in .diesem Standpunkt nicht eine durch die Persönlichkeit Nietzsches höchst intereflant». extreme Ausgestaltung einer absterbenden Ideenwelt sehen, sondern ein lebenssähigeS Glaubensbekenntnis, müssen blind gegenüber den Forderungen der Gegenwart sein. Ein merkwürdiger Denker ist am 25. August gestorben; nicht einer der führenden Geister in die Zukunft.— _ Rudolf S t e i nnte Diepholz und gaben behufs Eiiischrüiikuug des Luxus folgenden Vortrag zu Protokoll: ES sei leider nur zu begründet, daß die Wirtschaft nicht würde bestehen köimen, wen» der LnxnS in dem Maße wachse, wie eS seit einigen Jahren augefangen. Besonders sei dies der Fall bei den» weiblichen Geschlecht. Mit dem Gelde, mit ivelcheni man ehemals zwei Frauensleute habe kleiden köniien, reiche man jetzt kmim fiir eine hin. Jede ivollte es der andern zuvor thnn, keine wollte der andren nachstehen, und so Iverde die Sucht, neumodische und aus- ländische Sachen zu trogen, mit jedem Jahr größer. Es kämen nicht selten Beispiele vor, daß FraUeu und Töchter den Wirten heimlich Korn, Brot, Kartoffeln und andre Sachen rniS dem Hause schleppten, solche verkauften und Staat dafür einhandelten, oder iveiin das nicht geschehen könne, habe der Wirt so lange Unfrieden im Hause, bis er endlich Staat anschaffe. Ja, es würden große Umschlagtücher gekauft, die bis zu fünfzehn Thalern kosteten, und seidene, auch sammetne Hüte, die beim ersten Regen verdorben ivürden und doch unter fünf Thaler nicht zu haben ivären. Es iväre demnach sämtlich ihr Wunsch, daß diesem Uiiivesen auf irgend eine Weise Maß und Ziel gesetzt würde. und ivollte» sie deshalb durch eiiie Koiiveiitioilalstrafe allen unnützen Staat Hilter sich verbaiiiien, die alte Einfachheit wieder herbeiführen und ihre Obrigkeit ersuchen, ihnen dazu nicht allein behilflich zu sein, sondern auch darin einen Beweis zu sehen, wie ernstlich sie bemüht iväreir, ihrem Wohlstand wieder aufzuhelfen, und nach Kräften alle Mittel aiiivciideten, alle Pflichten gegen den Staat zu erfüllen. Die Eingabe führt dann alle Luxusartikel auf, die von nun an wegfallen sollten, besonders die seidene» und sammetnen Hüte, die seidenen Kleider, Spitzen und goldenen und silbernen Schmucksachen zc. zc____ Auch die Anrichte mit gläsernen Thürcn sollten als kostspieliger und nimützer Hansrat den Luxusartikeln beigesellt werden. Für den Verbrauch der vorhandeiieii Luxusartikel vczeichnetcr Art war eine Frist von zwei Jahren gewählt. Dann sollten alle Zuwider- haiideliideir mit einer Buße von fünf Thalern belegt werden, und zwar zum Besten der Armuikaffe des betreffenden Kirchspiels. Ob- ivohl alle Eiiigeseffcncn der Vogtei Drebber sich freiwillig dieses Ge- setz und die Pflicht der Anzeige der Zuwiderhaiidelude» auferlegt halten, so bestimmten sie doch, nm zu beweisen, ivie ernst eS ihnen mit derDurchführunasei, daß dieLandgeiidannen bei Demmzialionen die Hälfte der Strafe als Deminziatiöiisgebühr erhalten solle».'— So geschehen am 3. März 1818.— Humoristisches. — Enttäuschung.„Nehmen Se mir's nicht übel, teurer Dorfbewohner, aber den Rummel hier zu Land hatt' ich mir doch '» bißchen ander? vorjestellt. De» Tag über, dachf ich, wird jeschuhpiattelt un des Nachts cjal Haberfeld jetneben."— (.Simpl.') — Gefährlich.»Warum henlst Du de»», Hans?" „O. o, ich Hab' meiner Schivester zu ihrem vierzigsten Geburtstag gratuliert und da hat sie mir eine Ohrfeige gegeben.— Notizen. — Friedrich Nietzsche ist am Sonnabend in Weimar in- folge eines Schlaganfalls g e st o r b e n.(Siehe nilier heutiges Feuilleton.)— — Das neue deutsche Schauspielhaus in Hamburg. als dessen künstlerischer Leiter Baron Alfred Borger snngi'ert, wird am 13. September mit Goeihes„Iphigenie" die Saiion eröffnen; das Stück wird vor einer geladenen Gesellschaft in Scene gehen.— — Der Kongreß für Volkskiinde, der vom 10. bis 12. September in Paris tagt, wird in zwei Abteilinigen zerfallen, deren erste sprachlicheVolkSüperliefernng nudVoltS- kunst, Verbreitnng von Sagen und Volksliedern nsiv., und deren zweite Volksgebräu che, Sitten bei Geburt, Heirat mid Tod, Vcrehnmg von Tiereu, Bäumen, Steinen usw. zum Gegenstand habe» wird.— b. Neu entdeckter Fisch. Im V»lleti» der Brüsseler Akademie der Wisseiiichafteu hat der Biologe und Borsteher des dortigen Museums für Naturkunde Dollo oinen neuen Fisch be- schrieben, der von der belgischen Sirdpolar-Expedition entdeckt worden ist. Es ist ein kleines Tier oder iveiiigstens ein kleines Exemplar, an dem leider der Schwanz fehlt. Gefangen wurde es im siidticheu Eismeer in einer Breite von TVa Grad und in einer Tiefe von 435 Meter» nitter der Meeresoberfläche. Der Fisch hat den Namen Rimovitz» glacialis erhalten und gehört zu der Familie der Drachen- fische, die eine» nngehenren Schwanz, aber einen stark zusammeu- Gedrückten mesier- oder trichterförmigen Leib zu besitzen pflegen. hr bekanntester Vertreter, der in Aquarien häufiger zu finde» ist, ist das Petermäimchen. Diese Fischgnlppe scheint überhaupt eine Vorliebe für die südlichen kalten Mceresqegende» zu habe», da dort schon eine ganze Reihe von Arte» ausgefluideil ivordei» ist.— — Oleander müssen, Ivie der„Praktische Wegweiser" schreibt, bei der jetzigen heißen Jahreszeit, iveu» sie reichlich blühen sollen, täglich wenigstens zweimal mit lauem Wasser begossen werden. Werden sie zu trocken gehalten, so fallen die Knospen vor dein Blühen ab.— — Im zweiten Angustheft der„G e s e l l s ch a f t* singt Wilhelmine Rindt in einem Gedicht»lind wie ich lag...".... Und hinter ihm, mit zärtlich schnellen Händen den kecke» Bub zu haschen im vergnügten Fangcnspiel..."— Aber Kind!—_ Verantwortlicher Redäcteur: Böilhelm Schröder in Witmersdorf. Druck und Verlag von Max Badiug tu Berlin.