Unterhaltung sblatt des Uorwärts Nr. 169. Sonntag, den 2. September. 1900 «Nachdruck verboten.) 27, Die Jfonfaeo- Roman von Fritz Mauthner. Frau Käthe war überglücklich. Alle, die während der Feiertage bei ihr vorsprachen, auch Disselhof und Fräulein Betty, mußten die Geschenke sehen und die Briefe lesen. Niemand verriet Bodes Geheimnis, aber Fräulein Betty lachte oder weinte Thränen über den tollen Spaß und versicherte Frau Käthe ganz Lberflüssigerweise und mit ihrer tiefsten Stimmlage, der Bode sei ein herzensguter Mann und werde gewiß wiederkommen. Die traurige Zeit wolle überstanden sein und die Trennung sei nötig gewesen. Sie hätte sich gewiß noch verplappert, wenn sie nicht, um ihr aufgeregtes Zöpfchen zu beruhigen, daran genestelt und dabei den Mund mit Haar- nadeln gestopft hätte. Auch Disselhof las die Briefe mit viel Vergnügen und meinte zu Käthes nicht geringer Ueberraschung, jeder dieser Artikel sei unter Journalisten fünfzig Mark wert. Frau Käthe lachte. Fünfzig Mark? Da hätte sie ja schon beinahe tausend Mark unter dem alten Briefbeschwerer liegen! Ein Wunder war es ja eigentlich nicht, daß alles wertvoll war, was Bode schrieb; auch was er zu sprechen pflegte, konnte jeden Tag gedruckt werden. Disselhof riet, die Briefe dem alten Mettmann sofort zum Kauf anzubieten. Ein Journalist wie Bode schreibe so etwas nicht bloß für die Großgörschcnstraße. Einige von den Bos- heilen über bestimmte Persönlichkeiten würden bald geflügelte Worte sein. Frau Ltüthc weigerte sich entschieden, ihren Schatz herzugeben; eher wollte sie Herrn Mettmann etwas von den eingemachten Früchten schenken. Aber schließlich willigte sie ein. daß Disselhof einen Brief mitnahm und ihn Freunden und Verehrern Bodes zeigte. Das konnte sie nicht verwehren, zu schämen hatte sie sich ihres Mannes nicht. Den dritten Weihnachtstag feierte Frau Käthe damit, daß sie alle Briefe Bodes wieder einmal las. Sie war noch nicht weit damit gekommen, als es an der Thürc pochte und ein drolliger Herr hereintrat, der sich als Herrn M. Pinkns und als den vertrautesten Freund ihres Gatten und des Herrn Mettmann vorstellte. Er konime im Auftrag des Verlegers, um der Frau Bode die lustigen Briefe aus Italien abzu- kaufen. In allen Redaktionen Berlins erzähle man davon. Das müsse gedruckt werden. Der Brief, den Disselhof über- bracht hatte, sei bereits in Lettern abgesetzt, und hier bringe cr schon das erste Honorar. In stolzer Verlegenheit schlug Frau Käthe die Hände zusanmien, aber je glücklicher sie durch das Ansehen ihres Gatte» wurde, desto tiefer fiihlte sie die Verpflichtung, nichts ohne seinen Willen zu thun. Vinnen kurzem werde Bode aus Italien zurückkehren, rmd dann könne er selbst die Entscheidung treffen. Pfiffig und gerührt blickte Pinkns die Frau an. die so hilflos und doch wieder so selbstbewußt vor ihm stand. Er durfte das Geheminis um keinen Preis verraten; und wieder war er sehr zufrieden mit sich selbst, daß er nicht schwatzte. „Gott, was bin ich für ein guter Mensch!" dachte er. Laut aber sprach er mit sehr ernster Stimme: „Meine liebe Frau Bode, wenn Ihr Mann zurückkommen wird, so Gott will, wird er nicht einen Pfennig in seiner Tasche haben. Er wird Ihnen dankbar sein, wenn Sie für ihn zehn neue Hundertmarkscheine verdient haben werden. Wozu sind wir geistreiche Leute, wenn unser Geist uns nicht Geld einbringt? Verzeihen Sie, Sie verstehen das nicht, liebe gute Frau. Wir Journalisten schreiben imnier nur für den Druck, leider Gottes oft unter dem Druck für den Druck. War gar nicht schlecht, der Witz I Ihr Herr Gemahl gehört nicht zu den Verehrern meiner Feder, aber ich be- wundre ihn doch. Was er da geschrieben hat unter dein Druck, ist einfach klassisch. Es muß heraus!" Pinkns freute sich, der unwissenden Frau als einflnß- reiches Mitglied der Redaktion zu erscheinen. Frau Käthe glaubte auch alles und ließ sich irre machen. Die Genossen ihres Mannes mußten die Frage in der That besser beurteilen können als sie, aber immer noch weigerte sie sich, ihre Erlaubnis zum Abdruck zu geben. Auf vierzehn Tage könne es ja nicht ankommen, und im dringendsten Fall sei bei Bode telegraphisch anzufragen. Die lange schwierige Adresse lag ja da auf dem Schreibtisch bereit. Sie erschrak beinahe, als sie das Wort ausgesprochen hatte. Der Telegraph war so etwas Seltenes, Vor- nehmes, und nun sollte er ihrer lieben Briefe wegen bemüht werden. Pinkus aber streckte beide Hände mit ausgespreizten Fingern zur Decke empor und rief aufgeregt: „Wenn Sie wüßten, aber Sie können das nicht wissen, liebe gute Frau I Wir Journalisten wollen nicht immer ge- fragt sein I Verlassen Sie sich auf mich, Ihr Mann wird Ihnen nicht böse sein und dann: keine Eile? Wir haben bald ultimo Dezember, dann fängt ein neues Quartal an, das wenigstens können Sie wissen und sollen Sie wissen, und mit Anfang Januar müssen wir neue Abonnenten haben. Wir brauchen sie, verstehen Sie. Herr Mettniann selbst will die Briefe abdrucken. Nun, wollen Sie noch etwas sagen? Was der Verleger will, das geschieht." Der Wille des Herrn Mettmann, ihres Brotherm, war freilich auch für Frau Käthe ein Befehl. Bode stand bei ihm in Diensten, man mußte gehorchen, doch völlig unterwarf sie sich auch jetzt noch nicht. Ihre erste Bedingung war. daß der Anfang und der Schluß jedes Briefes, so weit er sich persönlich auf die Frau und auf die Großgörschenstraße bezog, weggelassen wurde. „Es brauchen nicht alle Leute zu wissen, wie lieb mich mein Mann hat." Und eilig wandte sie ihr hochrotes Köpfchen dem Fenster zu. Sie schämte sich auf einmal ihres nahen Glücks und ihrer verräterischen Gestalt. Herr Pinkus nahm die Bedingung an. „Wir sind taktvoller, als Sie glauben", sagte er.„Es wird zwar viel dabei verloren gehen, gerade das Pikanteste, aber Sie sollen recht haben. UnserFamilienleben soll rein bleiben. Das sage ich auch immer. Meine Kinder sollen nicht immer wissen, wie ich mein Geld verdiene. Also abgemacht! Was noch?" Ziveitens und letztens bestand Frau Käthe darauf, daß einer der Briefe vom Handel ausgeschlossen blieb: der Weihnachtsbrief. Es war der Bericht über die Schönheit der italienischen Frauen, die Bode früher immer so be- zaubernd in der Erinnerung hatte und von der er mm nichts zu sehen bekam. Diffclhof hatte eine Stelle überall herumgetragen. Nur ein gewaltiges Weib sei dem armen Reisenden erschienen, die Frau Justitia, die scheine aber deutscher Abkunft zu sein. Sie habe stahlblaue, harte Augen und spreche auch deutsch. Im übrigen erblicke er nur un- weibliche Gesichter mit Bartstoppeln um Kinn und Lippen. Und dann war Bode über die Dichterinnen des alten Rom hergefallen, unter deren Masken er die Gewohnheiten von einigen der bekanntesten Berliner Blaustrümpfe verspottete. Käthe hatte das instinkttve Gefühl, daß dies nicht für die Oeffcntlichkeit geschrieben war. So viel auch Herr Pinkus bat, diesen Brief gab sie nicht her. „Und wenn Herr Mettmann selber käme." rief sie schäm- erglühend,„diese Ungezogenheiten meines Mannes sollen die Leute nicht lesen." Herr Pinkus hatte es auf der Zunge, der Frau die Wahrheit zu sagen, nur um diesen allcrgcwürztestcn Brief zu erhalten, aber schließlich gab cr sich drein und ging mit der übrigen Beute fort, nachdem er fünf nagelneue Hundcrtmark- scheine niedergelegt und noch einmal von seiner Freundschaft für Bode und Mettmann gesprochen hatte. In der Thür drehte er sich plötzlich um und rief: „Und Sie wissen nicht, wo Ihr Mann in diesem Augen» blick ist?" Frau Käthe lächelte traurig. „Was hälfe es mir. wenn ich den Ort genau wüßte. Es ist ja so weit von hier; doch in vierzehn Tagen ist er wieder da." Herr Pinkns schoß zum Hause hinaus und murmelte vor sich hin. während er der Pferdebahulinie der Potsdainerstraße zueilte: — 6" »Heißt ein Herz! Ich hatte den Brief haben können, wenn ich ihr gesagt biitte, ihr Mann sitzt im Gesängnis. aber nur ein Räuber wäre dazu im stände gewesen. Bin ich ein Räuber? Ich bin kein Räuber/' Und er schwang sich geschickt in den vorüberrasenden Schöneberger Omnibus, mit welchen» er un» fünf Pfennig dilliger fuhr. .Ich bin kein Räuber! Ich habe auch ein Herz!" brummte er in sich hinein, während er im engen Wagen zwischen den dicken Mänteln der Insassen ein Plätzchen aus- drängte. Und mit herablassenden» Lächeln schenkte er in einer warmen Auswallung dem Schaffner die ersparten fünf Pfennig. (Fortsetzung folgt.) «Nachdruck verboten) Gvnphologipcho Mebevgviffv. Ein bekannter Karikatnrzcichner. der mit verblüffender Sicherheit daS Charakteristische einer jeden Persönlichkeit zu treffen weist, pflegt, wenn er in einer PrivatgeseNschast Proben seiner Kunst zum besten giebt. seinen Modellen vorher den Kopf mit den Fingerspitzen sorg- fältig abzutasten. Er glaubt nämlich steif und fest daran. dast ihm erst diese Untersuchimg den richtige» Auffchlnst über den Eharalter der zu zeichnenden Person giebt. Die Lavateriche Phpfiognomik, die Kunst, ans der änsteren iSchädelbildung auf den Charalier des Mensche» zu schliefen, scheint also»och vereinzelte Anhänger zu besitzen. Vekanntlich hat Goethe die Idee LavatcrS, mit dem er einige Zeit befreundet war, beifällig aufgenommen, ja man vennMel sogar mit starker Wahrscheinlichkeit, dast er die„Phystognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und der Menschen- liebe", in denen Lavater seine Idee darlegte, stark beeinflustt hat. Mit großer Gewistheit kann man eS von den Stellen annehmen, in denen auch der Handschrift jedes Menschen ein individnellcr Charakter beigelegt»vird, der es möglich macht, ans den Echristzügeu des Mcnschen owf seine geistigen und moralische» Qnalitäte» zn schließen. DaS ist. wie man weist, Goethes ureigenste Idee gewesen, der selbst fieißig Antographen sammelte. Die Erfolge der exakten Wiffcnschasle» gruben diesen spekulativen Ideen den Boden ab. Trotzdem gelang es. in den letzten drei Jahr- zehnten die Kunst der Handschristendrutmig zu neuem Lebe» zu erwecken. ja ihre Anhänger find allen ErnsteS dabei, sie znm Range einer Wissenschaft zn erheben. Eine Reihe von Familienzeilschriftcn hat diesem Bestreben nur allzu bereitwillig Borschnb geleistet. In dem Bestreben, mit den Lesern in eine so- zusagen persönliche Fühlung zn kommen, verfiel man auch darauf, die Handschrist der Abonnenten durch einen Graphologen beurteilen zn lassen»nd die Deutung, die oft recht orakelhast, mindestens aber sehr diplomatisch abgefaßt wird, abzudrucken. Die guten Eigenschaften des Einsenders der Schriftprobe»verde» sehr kräftig hervorgehoben, wie ein kleines xraninu snlis werden dem LobeishymnnL einige weniger lobenswerte Qualitäten, wie»laimisch",„zum Leichtsinn ge- neigt" und dergleichen beigemischt. Man brcuxbt mir eine Anzahl solcher„lkrteile" mistnerksmn zn prüfen, tu» zn finden, daß oft innerhalb eines nnd desselben Urteils sich Widersprüche finden. Vor mir liegt ein— allerdings älterer— Jahrgang eines bekannten illustrierte)! Blatts, in dem sich folgende Deutungen finde»: 1.«Gutes, sorgsames Hansmütterche». kinderlieb, ernst« Lebens- anssaffnng, doch nicht frei von rechthaberischem Wesen, mitunter sogar zu'recht leichter Auffassung des Lebens geneigt." 2.„StolzeS, herrisches Wesen; Schreiber!» kann keinen Wider- fpnich vertragen. Dabei von Herzen gut nnd zu unangebrachter Wohlthat geneigt." Man kann ohne Bedenken zugeben, daß eS derartige Charaktere giebt, de»» in jedem Menschen, mag sein Benehme» der näheren Uingelnuig noch so einheitlich nnd ausgeglichen erscheine», finden sich' widersprechende Eigenschaften. Nur muß ma» fragen, welche Eigcntümlichlcitcu der Handschrist dem Graphologen de» Ausschluß über de» Charakter des Schreibenden gegeben haben. Die Ver- kreier der graphologischen Wissenschaft erwidern: die Form jeder Handschrist sei von: Gehirn abhängig, sie»niffe deshalb die Art. wie das Gehirn sich bethätige. widerspiegeln. Be! dieser Behauptung vermögen sie sich auf keinen Geringeren alö den Physio- logen Wilhelm Thierry P r e I> e r zn berufen, der sich so viel mit dcn> HypnosiSmus beschäftigt hat nnd im Jahre 1892 mit der Schrift:„Zur Psychologie des Schreibens" der Graphologie— scharf ausgedrückt— das wiffenschaftliche Mäntclche» umgehängt hat. Trotz aller Bcmühmigen ihrer Anhänger bat die Graphologie bisher den Beweis nicht erbracht, daß sie mit Fug und Recht auf den Rang einer Wissenschaft Anspruch inachen kann. Selbst>vcn» daS Gehirn diesHandschuft beeinflußt, bleiben noch immer die äußeren Einflüsse zu beachten, die zur Veränderung der Schriitzeichen eines und desselben Menschen beitragen. Als einer, der sehe viel schreibt, darf ich dabei wohl meine Erfahrung in die Wagschale werfe». Ich besitze eine klare, flüssige Handschrift mit angenehm«» ■~-F«,■ Rnndtwgen.' Bei ruhigem Schreiben zeigt st« nicht selten e�nen flotten Schwung. Wie verändert fie fich aber, wenn ich fünf, sechs Stunden auf der Parlamentstribüne bei anstrengenden Sitzungen die Reden der«oUSvcrtreter prima vista»achschreibe I Dann verkirrt fie R>mdung. wird hart und eckig: kurzum es ist nicht dieselbe Schrift. Ja selbst der Federhalter und vi« Feder beeinfluffen daS Aussehen der Schrift. Bei großer Ermüdung nimmt mancher den Halter zwischen Zeige- nnd Mittelfinger. Selbstverständlich entsteht dadurch eine Handschrift, die von der gewöhnlichen grundverschieden ist und von den Graphologen demgemäß ganz verschieden be- urteilt wird. Die Beweise dafür habe ich in Händen. Ein Blatt, das öfter von mir Beiträge erhielt, belustigte sein« Leser im„Brieflasten" mit der Beurteilung von Handschriften. Der Graphologe erhielt nun der Reihe nach auch von den Redacteuren Schriftproben. Ohne mei» Wissen hatte man auch einen Fetzen mit meiner Handschrift beurteilen lassen. Wäre ich ein überzeugter Anhänger der Graphologie, dann niüßte ich inzwischen bereits dem Größen- wahusin» anheimgefallen sein, denn die Charattereigenschaften. die der Handschriftendenter mir zuschrieb, gingen turmhoch über da? allgemein Menschliche hinaus. Glücklicherweise machte mich das Reimtalent stutzig, das der Sachverständige mir„angedeutet" hatte. Denn mit der entschuldbaren Ausnahme einiger gereunten Versuche, die bereits mehr als zivanzig Jahre zurückliegen. hatte ich nie ei» Gedicht verbrochen. Heimtückisch, wie ich bin, liest ich einige Wochen später zwei Sätze eine? Mannskript«, das mit einer ganz schrecklichen Feder in höchster Eile niedergeschrieben war, den) Graphologen zur Be- »rieiluug einsende». Da kam denn glücklicherweise mein wahrer Charakter ans Tageslicht. ES war also nicht wahr, dast ich die geistigen und moralischen Eigenschaften eines Rorda» und Sgidy in mir vereinigte, mein„kühn vorwärts dringender Geist" schnnnpfte zu eincnr„kleinen ängstlich«)! Charakter"«in. der»keiner Ausdauer fähig ist". Wir haben damals weidlich gelacht, als mein beginnender Gröstenlvahn auf so entsetzliche Weise zerstört wurde, aber die Sache hat doch auch ihre bedenkliche Seite. Es hat Zeiten gegeben— die noch nicht weit zurückliegen— in denen Gcichäftslcnle die Hand» schriftcn der Bciverber um eine vakante Stelle von einem Grapho- logen begutachten ließen und danach, nicht nach den Zeugnissen ihre Entscheidung trafen. Roch bedenklicher ist die mit der Handschriftendeutung recht nahe vettvaudte Handschriftenvergleichung, von deren Ergebnissen ziemlich oft ein gerichtliches Urteil abhängt. De»! Richter ist es allerdings überlassen, ob nnd inwieweit er dem Gutachten der Schreib-Sach- verständigen Wert beimesse« will, aber wer vermag zu ermessen, ob nicht dennoch die apodyksische Gewistheit, mit der solche Gutachten oft abgegeben lvcrden, zur Verurteilung eine? Angeklagten beiträgt, wenn auch daneben ein andres Gntachtc» steht, das die Identität zweier Handschriften schlankweg verneint. Dast sich Schreib- sachverständige in ihrem Urteil direkt widersprechen, ist aber eine gerichtsnotorische Thatsache. DaS mahnt doch znni allermindesten zu großer Vorsicht, loci« nicht einmal die charaklerffsischen Merkmale zweier sich ähnelnde» Haudschristcu zur Entscheidung der Frage aus- reichen, ob sie von einer und derselben Hand herrühren oder nicht. Vor kurze»! ist sogar e!» Graphologe in einen) weitverbreiteten Blatt mit dem Anspruch hervorgetreten, krankhafte Vcrändcnnigc» der Psych« ans der Handschrift erkenne» z»»vollen. Daß Geisteskranke bei ihr«»» Schreibe» oft nur ein schwer z» entziffernde« Gekritzel hervor- bringen, ist Thatsache. aber ebenso häufig ist an ihrer Handschrift auch nicht die geringste Bernndcriing. die ans Störung der Seelenlhäligkeit hinweise» löiutte. wahrzunehmen. ES wäre Sache der psychiatrischen Wissenschast. derartige mäßige Spelulationen in ihre Schraule» zurückznivcisc». Denn wozu sollte das führen,»venu es Mode werden sollte, Handschrift«:» daraus zn prüfen, ob sie nicht, schon krankhafte GcisleSstönmgen des Schreibenden anzeigen. Die Auge- hörigen eines solchen Unglückliche» Pflegen die drohende Kranlhett früh genug a»S andre» Anzeichen zu er- kennen. Was lönnie für ein Unheil enfftchen, wen»! womöglich Aerzte der Spur dieses spekulativen Kopfes folgen ivollte». Störungen der Handschrift, das beweist schon der sogenannte Schreibkranrpf. haben ihre Ursache meistens in körperlichen Zuständen. So war in der.Deutschen Medizinischen Wochenschrift". Jahrg. 1898. auch ein Fall mitgeteilt, in welchem eine ältliche Lehrerin gegen Schluß eines jeden Schuljahres die Herrschaft über ihre Hand völlig verlor nnd jedesmal durch kurze Erholung und geeignete Behandlung in kurzer Zeit wiedrrgetw»»».' Glücklicherweise gab ihr Benehmen durchaus nicht z>r dem Verdacht An- laß, daß ihr Geist an der Störung der Handschrift schuld sei. Bis jetzt ist die Graphologie den Beweis schuldig geblieben, daß fie»>it apodyklischcr Gewißheit ans de» Züge» einer Handschrist den Charakter deS Mensche» erkennen kann. Sie hat noch nicht eirnnal den Beweis erbracht, daß jede Handschrift stets dieselben ilinraktcristische» Besonderheiten anfiveist. Sie»vird es auch nicht können. Sie kann ja nicht einmal die Tha! fache erklären, daß große Geister oft mit einer geradezu scheußlichen Handscbrist vorsieb nehme» müssen, während nnbedcnlcnde Menschen ihre Mit- menschen mit recht charcikterissiichen. harmonischen Schriftzn gen er- freue». Wo bleibt da der Einfluß des Geistes»uf die Hand?— Kleines Feuilleton. — Theaterdirektor Tannenberg, dessen Ludenken Julius Etinde jetzt wieder aufgefrischt hat. ist, wie uns ein Leser schreibt. unter den mancherlei Originalen LIt- Hamburgs wohl am be- riihmtesten. Zahlreich find die Anekdoten. die über diesen drolligen Mann noch kursieren. Unter seinem eigentliche» Kanten war er weniger bekannt; man nannte ihn, aus welchen Ursache» ist unklar. allgemein Mattler. Stinde gedächte schon der Intimität, durch welche Mattler sich im Verkehr niit seinem Publikum auszeichnete, das leider GotteS. soweit seine gesellschaftlichen Formen in Betracht kamen. recht oft einer Korrektur bedurfte. Aber a«ch in diesem Punkte wußte nuser Theaterdirektor gar trefflich die Schaubühne als Erziehungsanstalt zu benutzen. Nicht allein, daß die Matrosen, Ewerführer und Kohlenjumper von der Galerie herunter- spuckten, fie hatten auch die leidige Geivohnbeit, ihren„Prühntje", den Kautabak, mit wuchtiger Hand ins Parterre zu spediere», nachdem ihm seine aromatischen Säste entzogen worden waren. Das war eine Art Gewohnheitsrecht, das bis in die achtziger Jahre auch noch m dem feineren plattdeutschen Variete-Thcater fleißig geübt wurde, und über das Mattler sich iveniger aufregte als einzelne ortSunkruidigc Parterrebesucher, die so unvorsichtig waren, entblößten Haupts der Kunst ein Opfer zu bringen. Mattler kam es Haupt- sächlich darauf an, daß der„Prühutje" nicht nach oben, an den Plafond geworfen wurde, dem er allerdings gar wenig zur Zierde gereichte. Wen» Mattler solchen Unflig sah. dann hielt er wohl mitten im Spiel iune und putzte von der Bühne herab im derbsten Plattdeutsch und unter den Beifallsrufen des ivohl- erzogene» Parterre den rüden Gast gehörig henmter. Daß Mattler wie wohl jeder Theaterdirektor gar manchen Aergcr mit seinen Künstler» anSznstche» hatte, ist begreiflich. Ich entsinne mich noch, wie eines Tags ein Nitterslnck gegeben wurde; Ivcuu ich nicht irre, hieß eS.Jngomar, der Bluthund".»Ha, da lonnnt mein Weib" lautete das vom Helden Mattier gesprochene Stichwort. Aber daS Weib kam nicht. Zlvei, dreimal lviedcrholte Matller-Jirgvmar das Wort. Er ballt die Faust vor der Stirn.«Wo thut sie ivohl bleiben?* brummt er. Endlich erblickt der Direktor seine Partnerin hinter de» Eouliffen.»Pcrdreihte Deer», wo blisfst Tn denn bloß 1" ruft er unwillig..Herrjeininch," entgegnet die Künstlerin,«hältst doch'u büschen langsaiucr spielen können. Hcnt is doch Sonnabend un da Hab ich doch erst die Treppen scheuer n m ü s s e n Matllers eigentlicher Wirkungskreis war aber am Eingänge des Theaters, wo er in blanker Siitterrüstnug mit weithin ick?allendcr Stimme Inhalt und Vorzüge des gerade gespielten Stücks pries. Außer den häufig ansgcführleu«Liäubem" gab er gern.Dinorah" und daS«Donnuweibcheii". Auch»Timm Thode" der siebenfache Mörder ans Krempe, dessen Siinde erwähnt, war ein erfolgreiches Repertoirestück.«Herciu, meine Herrschaften, herein!" rief er dann, Ivährcnd der ivallende Fcderbnsch ihn ans der Nase kitzelte.«Elster Platz kostet vier Schilling, zweiter Platz zwei und drilier Platz— ich schäme mich, e s z u sagen,»'.eine Herrschaften dritter Platz kostet imr einen luinpigc» Schilling!" Auch Personen von Stande sollen bei Mattler eingekehrt sei». Gern kolportierte der Direktor das Gerücht, daß Se. Magnifizenz Dürgerineisier Binder sich die Ränder bei ihm angesehen hätte, was in der Haiisastadt zum mindesten soviel bedentct, als»venu in Berlin der Kaiser Herrn Direklor Samst mit seinem Besuch beehrt. Eines Tag« ging Emil D e v r i e n t ans St. Pauli bmmneln. Vor Mattlers Vndc drängte ihn die Rengielhe; er schritt zur Kaffr heran, im, sein Vierfchillingstück zu erlegen.-«Halt!" rief Mattler, der den berühmten Künstler erkannt hatte:«Halt, Kollegen sind f r e i I" In bei« letzten sechziger Jahre» war eS mit. Mattlers Theater- Herrlichkeit z» Ende. Von da ab«nachte er sich in den Straßen St. Paulis als Ausrufer nützlich.— — Ter holsteinische Test. Es ist eine bekannte Thaisache. daß die Tellsagc nicht nur«>» der Schweiz in« Volke lebt, man fand sie vielmehr auch in den nordischen Ländern. Man gelaugte so zu der uickit uuberechtigten Annahme, daß die Sage, vom Norden kommend, ihren Weg»ach Süden gciioiume» und sich auch in den süd- liche» Ländern festgesetzt habe. Vom hotstciiiischen Tell lvciß uns ein Gemälde und eine lkeberlieferuug zn erzählen. Der«tlvliiischc» Volkszeitung" wird darüber geschrieben:„In der Kirche zu WevelS- flelh hängt ein Gemälde, welches uns einen Mau» vorführt, der mit seinem Bogen eine«« Apsel von dem Kopf eines Knaben schießt. In dein Apsel auf den« Haupte des Kinds steckt ein Pfeil. Eine» andren Pfeil hat der Schütze quer im Mund. Zwischen beiden sitzt ei» großer Hund. Einige größere Bäume stehen seitwärts von ihnen. In der Feme zeigt sich ein Dorf, dessen Kirche i» ihre»»« Aeiißeren der Wevelsflether ähnlich ist. lieber dem Bilde lesen«vir die Inschrift:„Henning von Wulffc» ist der Wilstennarsch Hanvtmaim gelvesen, hat jjewohnt in der Dämmen- ducht, ihn hat das Land gehört, so jetzo des ltönigs Land genannt Ivird. und er ist von dem König Christian den: Ersten von Däne- mark Anno H72 vertrieben ivorden. Seine gehabte Häuser«md Land ist an den König verfallen, und er ist entivichen»ach Dit- Marsche««. woselbst er von den Eiiiivohner»>«m gebracht." Die lkcberlicsrrnug stanmii mis der Familie des Henning voi« Wiilffen selbst. Sein ilmrenkel Daniel Lübvckc hat sie aufgezeichnet. Sie berichtet«ms,«vas sich mit Henning in Ditmarschen ereignete. Ztun besser» VeisiändniS ist sie in die hochdeutsche Sprache übertragen.' «Henning kam„ach Ditmarschen und ließ sich allda von den 48 sivelche damals die höchste drtmarsische Landesbehörde repräsentierteil), sicheres Geleit geben«nid meinte. Entschädiglmg sfür seine Güte«* bei,» er war des Lands verwiesen) von seinem Herrn, dem Grafen Gerhardt, zu erhalten. Darüber schriebe» die Herren von Hamburg an die 48 des Lai»ds Ditmarschen, fie sollten Henning von Wulffen nicht geleite«« und daS Geleit aufsagen. Aber die 48 haben wieder an die von Hamburg geschrieben, fie hätten Henning voi« Wnlffei« geleitet«nid wollten ihm das Geleit auch wohl bewahren, denn er habe um seines Eids und«nn seines Herrn loillen weiche» müffen. Aber die Herren von Hamburg habe» zun« ander»»«al so stark au die 48 geschrieben, daß sie mm Henning von Wulffen das Geleit« haben aufgesagt. Tau, als ist est' großes Geschlecht stn Lande g.e- «vesen. das hat das Hardehannner Geschleckt geheißen. Dies hat Henning von Wtllffen das Geleit wieder zugesagt, trotz dm 48»md den« Lande. Da sind die 48 mit den« Lande ans das Hardehammer Geschlecht gezogen»md haben dem Geschlecht wohl zivei oder drei Scheunen angesteckt. Da hat Heimsttg von Wulffen ans«md davon »nüffen. Er ist auf seinem Pferde gekvumien ,md hat damit davon» reiten wollen. Heiiiimg hat einen Sohn gehabt, der hat Danuel von Wlllffen geheißen und«st est, kleiner Junge gewesen. Den hat er hinter sich auf das Pferd geiiommen«md da vonreiten wollen, als ihn, die Ditmarschen nnchgesolgt sind und«hin mit Bogen nach« geschossen habe». Einer von den Distnarsche«, hat dem Jniige» einen Pfeil hinter dein Schulterblatt in de» Rücken geschossen. Da meint Henning von Wulffen, daß der Jmige zn viel gekriegt hat, daß er daran sterbe» uniß, zieht dem Jnngen dm Pfeil aus drin Rücken nnd hebt den Jungen von dmr Pferde ab. Der Junge ist m«in Gebüsch gekrochen und hat sich darin verborgen. «Und Henning von Wulffc» der hat auch eine» Bogen beim Pferd gehabt. Den spannt er, legt denselben Ditmarschen Pseil auf seinen Bogen, reitet zn den Ditinorschen»viedcr heran«md schießt de» Pfeil eine,» Ditmaischei« in den Kopf, daß er auf der Stelle sstrax) ist tot geblieben. s.Jst tot geblieben", eine in Holstein noch jetzt viel ge» vrauchlc Rcdeivendimg.) «Da haben die Dilurarschen Henning von Wiikssen mnriiigt bor einen» Schlagbaum. weil er mit seinem Pferde nicht hat darüber könneil«nid haben ihn allda totgeschlagen und in Stücke zerhauen. «lind das luarHeiutnig von Wulffen, der mU seinem Bogen könnt« so genau(Iii) schießen, daß er manuigmol einen von seinen Söhnen eine Streck« hat bingehen laffen, einen Apfel anf den Kopf gesetzt und ihn davongeschosseu. Luch hat es sich estist begeben, daß sein Herr, Graf Gerhardt, es von Wulffen hal zu sehen gewünscht und z» ihm gesagt:„Ich höre. Hennstig, daß Du so genau schießest, daß Du lainist Deine» Söhnen Aepfel von dem Kopfe schießen; das«vollte ich ivohl gerne eimnal von Dir sehen." Da«mf hat Helming von Wulffen gesagt:„Ja, gnädiger Herr, so Ihr das zn sehen«vünschet, sollt Ihr es sehen/ Nnd er spannt seinen Bogen«nib legt ei»«» Pfeil darmif, nimmt auch einen Pfeil quer in den Mrmd. läßt s einen Sohn hingehen mid einen Apsel auf den Kops setzen«ind schießt den Apfel von dm« Kopfe. Da hat der Kraf Gerhardt z» Henning von Wnlffm gesagt:„Hmmng, warum nahmst Du den Pfeil in den Mund?" Darauf Hmning von Wnlsfen:„Gnädigster Herr,«nn Eiirelwillc«, mußte ich de» Schuß thnu. Wem, ich meinen Sohn dort aber hätte totgeschossen, so solltet Ihr den anderen Pfeil gehabt haben.'"— Theater. fe. Wie„feine Rnaueen" der Schanspieler, oder wniigsteiis was von der Kritik dafür ausgegeben wird, oft entsteh», dafiir erzählt der„Bär" est« paar amüsante Beispiele. I f f l a» d trat im Jahre 1798 anf dem weimarischen Hofthenter zum erstenmal in der Titelrolle des vo«« ihn« selbst verfaßten Schauspiels„Der Spieler" anf. Er«var vorher bei Goethe eingeladen gewesen, und al? er daher sehr spät in die Garderobe kan«, fand er hier eine» llcbmock, der ihm zn eng«vor. so daß er ihn z«« seinem größten Acrger nicht ziiknöpfeu konnte. ES war qltw kehl« Zeit mehr, diesen Schaden«vieder gut zu machen, da die Onverlnre bereits ihrm, Sude nahte; er niußte also in dem engen lleberrock hinaus auf die Scenc. In einer Reeenston, die der Kritiker Karl Aug, ist Döttiger schrieb und die er später mit andren zusammm als„Entivicklmigcii des Jfflandschcn Spiels bei besten Gastdaiftellungei« st« Weimar" heranSgab, heißt es darüber:„Es war charakteristisch ,md so ganz für de» allmächligcn, sich über die LcbenSfvrderiii'gcn bequem hintvegsetzendeii Spielcr be- zeichnend, daß Jffland den Neberrock nicht zugeknöpft trug". Der- selbe Kritiker entdeckte mich eine solche„feine Rnauee", als er in Hamburg den Darstellungen deS Schauspielers Karl Ludwig Schröder beiwohnte. Nachdem dieser als König Lear den Fluch über seine beiden Töchter gesprochen hatte, machte er eine Pause. Böttiger lobte dies ganz besonders, die Pause habe den tiefsten Eindruck gemacht, sie habe so ganz die Erschöpfung des VatcrS und die Notwendigkeit, sich zur Vollendung des furchtbaren Ausspruchs zu sammeln, bezeichnet, und sei dann so ganz natürlich aus dem Gefühle Lears ydrvorgegangen. Er teilte seine Gedanken über die Pause Schröder mit. Dieser entgegnete lachend:„Die Sache ging est« ivenig anders z,l! Ich sah, wie in der Coukiffc ein Talglicht unigefalleil war«md schon die Dekoration st« Brand gesetzt hatte. Ich flüsterte aber in der Pause in«neiner Eigenschaft als Regisseur «md Direktor dem THcatenneister. der nichts davon wahrnahm, leise zn:„Er Esel, sieht er denn die umgefallene Kerze nicht?"— — G76— Geographisches. — Die War»ilv asser-Teiche a n der W e st k ü st e Norwegens. In einem Aufsätze unter dieser Ueberschrift macht Prof. Dr. H ä p k e in der Zeitschrift„Himmel und Erde' ans drei eigenartige kleine Wasserbecren an der Westküste Norwegens auf- merksam, deren grobe Wärme lus jetzt»och nicht genügend erklärt ist. Zlvei' dieser Teiche liegen auf den Inseln ThsnaS und Selö im Hardangerfjord, der dritte— Ostravil- Teich genannt— bei Ekersnud in der Nähe der Küste. Der letztere wurde 1878. die beiden andern 1884 aufgefunden. Der Teich von TySnäs, der eine Länge von 300. eine Breite von 170 Meter hat und bis zu S Meter tief im Urgestein eingebettet ist, hatte im Juli 1898 bei einer Lnfttempcratnr von 13.5 Grad in verschiedenen Tiefen Temperaturen von 20 bis 28 Grad Celsins und einem mit der Tiefe zunehmenden Salzgehalt von 1,5 bis 3 Proz. Er ist jetzt, ebenso wie die Teiche auf Selö und bei Ekersuud, für die Austcruzucht hergerichtet u»d darum mit einem Kanal nach den, Meer hin versehe», während früher der Salzgehalt durch gelegent- liche Stunnflnten und Vcrdunstmig erneuert rcsp. vermehrt wurde. Nebe» der Austernbrut hat sich hier ein reiches Tier- und Pflauzenlebeu von Formen des Meers entlvickclt. Dasselbe gilt von dem Selöcr Teich, der cttva ebenso groß ist. aber eine Wärme von mehr als 30 Grad Celsius erreicht, und von dem Ostravik-Teich, der 12 Meter tief, in einer Wassertiefe von 1 bis 1.5 Meter ebenso salzig Ivie das Meer ist und in den tieferen Schichten eine Temperatur von 28 Grad aufweist; einmal, im August 1335, ist hier in 3 bis 4 Meter Tiefe gar eine Temperatur von 34,5 Grad Celsius beobachtet worden. Im übrigen schwanke» die Temperaturen in den drei Teichen, die offenbar alle gleicher Art sind, zwar je nach der Jahreszeit, doch mit großer Unregelmäßigkeit, so daß das Maximum mitunter schon im Mai, in andern Jahre» erst im August erreicht wurde. Einzelne norwegische Gelehrte haben die Teiche bereits beobachtet und Angaben über sie veröffentlicht; doch fehlt es an einer plausiblen Erklärung für die große Wärme- entwicklung, für die u. a. Sonnenstrahlung, auch die Nähe ivanncr Quellen als Ursache» genannt werden. Von letzteren jedoch liegen bisher keine Spuren in jener Gegend vor, und die Somienstrahlnng erscheint zum Hervorbringen der warmen Temperaturen aus verschiedenen Gründen dort nicht ausreichend. Prof. Häpkc schließt seine Ausführungen mit dem Hinweis, daß hier noch eine Frage»nzn- länglich beantwortet sei, die nicht nur für die phhsilalische Geo- gra'phie, sondern auch für den Biologen von Interesse ist. da neben dem Salzgehalt die Temperatur den ivichligsten Lebcnsfnktor für die maritimen Organismen bildet.—(„Globus.") Ans der Pflanzenwelt. — Victoria rexia. M. H e l l w i g schreibt in der Wochenschrift„Rerthus": Keine Pflanze der Botanischen Gärten findet mehr Jntereffe im Publikum, als die Victoria roxia. Trotz- dem die Pflanze mehrjährig ist, wird sie doch in Europa alljährlich frisch aus Samen gezogen, man überwintert sie ans praktischen Gründen nicht. Es würde erstens ein riesiger Aufwand von Feuerung erforderlich sein, um stets die nötigen Wärmegrade in der Lust soivie im Wasser zu erhalten, zweitens ist bei unsrem langen»lud dunkeln Winter das Resultat dann immer noch sehr fraglich. Man wählt daher das billige iml)_ sichere Berfahre», die jährliche Nenanzucht. Zu diesem Zwecke säet man die tvomöglich selbst geernteten, im Waffer aufbewahrten, erbsen- großen Samenkörner im Januar oder Februar in Schalen oder Gläser aus und stellt dieselben in einem bis 25 Grad Reannmr er- wärmten Bassin auf. Nach 25 bis 30 Tagen werden sich die Keime zeigen. ES wird nun von Zeit zu Zeit für teilweise Wasser- erneuerung Sorge getragen und die Sämlinge möglichst hoch gestellt, um ihnen recht viel Licht zukommen zu lassen. Auch darf die Lufttemperatur nicht unter 20 Grad Reannmr sinken. Bald Iverden sich nunmehr die eigentümlich pseilartig geformten Blätter entwickeln; dann nimmt man ein Verpflanzen vor. Räch dem dritten bis vierten Blatt nehmen die folgenden Blätter eine länglich runde, noch später eine kreisrunde Form an. Während dieser Zeit hat man für die nötigen Wärmegrade Sorge zu tragen und durch öftere Wasserenicnerung die Pflanze» vor Veralgung zu schütze». Ende April oder Anfang Mai bringt man die inzivischen ziemlich kräftig gewordenen Pflanzen in das für dieselben vorher präparierte Bassin. Bevor dieses mit Waffer gefüllt wird, bringt man in dasselbe mehrere Fuder Erde— Rasen« und Koniposlerde, Vennischt mit Rinderdünger oder Dnngerde— hügelartig hinein. Dann wird das Bassin voll Wasser gefüllt und alle leichten schwim- Menden Teile der Erde oben abgefüllt. Nachdem daS� Waffer bei tüchtigem Heizen einige Tage gestanden hat und inztvischen, wenn nicht genügend klar, nochmals erneuert wurde, ist dasselbe so weit durchwärmt, um das Auspflanzen vorzunehmen. Gleichzeitig besetzt man daS Bassin mit vielen andren schwimmende» untergetaucht wachsenden Wasserpflanzen, ebenso mit Fische».>nn das Wasser mög- lichst rein von Algen zu erhalten. Bei gutem, klarem Wetter wird die Lietoria nun schnell und kräftig wachsen und bald die) eigenartigen, mit einem 15—20 Centimeter hohen Rand versehenen Blätter bilden. Die kreisrunden Blätter erreichen, ivenn vollkommen ausgebildet, einen Durchniesser von 2 Meter. Sie sind oben und unten mit Stacheln besetzt, die sehr stark und spitz find, ebenso der Blattstiel. Die untere Seite des Blattes ist stark gerippt, wodurch dem Blatte in Ver- bindung mit dem um dasselbe sich befindenden Rande eine Trag» fähigkeit bis zu 40 Kilogramm verliehen wird. Ende Juli oder August wird sich dann die erste Knospe zeigen, die sich des Abends aus dem Wasser erhebt, um am Morgen wieder unterzutauchen. Nach Verlauf einiger Tage öffnet sich dieselbe, nachdem sie schon einige Stunden vorher den ganzen Raum mit einem starken. aber angenehmen Duft erfüllt hat. Sie öffnet sich des Nachmittags von 4 llhr ab allmählich immer mehr unter gleichzeitiger Aus- stromung von großer— bis zu 40 Grad Celsius— Wärme. Nach- dem sie die ganze Nacht hindurch geblüht, legen sich die Blumen- blätter allmählich wieder zusammen und sind bei klarem Wetter gegen 8 llhr. bei trübem gegen 11 Uhr mittags wieder geschlossen. Dieser Vorgang Iviederholt sich am zweiten Tage, nur nnt dem Unterschiede, daß die am ersten Tage rein weiße Blume jetzt rosa blüht. Auch am dritten' Tage öffnet sich die Blume nochmals, jedoch zeigen sich jetzt alle Merkmale des Verblühens: die Form ist ganz verloren gegangen und die Farbe schmutzig rot geworden. Beim Schließen der Blume taucht sie nun auch unter, um sich nicht wieder zu zeigen. War die Blume besonders schön, so hat man es vielleicht für gut befunden, sie zwecks Gewinnung von Samen zu befruchten. Dies geschieht am ztveiten Morgen des Erblühens, indem man mit einem weichen Pinsel oder mit Watte den Pollenftaub auf die Narbe über- trägt. Bevor die Blume dann gänzlich untertaucht, bindet man sie in einen dauerhaften Stoff ein, um das Ausfallen der Kömer aus der sich nun bildenden Kapsel zu verhüten. Es Iverden jedoch nicht allzu viel Blumen befruchtet, da dieses auf Kosten der sich noch bildenden Knospen geschehen würde, da die Pflanze dann nicht niehr im stände sein würde, große Blumen zu produziere». Bei günsligem Wetterund bei guter Verfassung der Pflanze wird jeden 4. bis 5.' Tag eine Blume' vor- Händen sein. Sie blüht so bis zum Oktober ununterbrochen. Im Amazonenstrom bedeckt diese herrlichste aller Wasserpflanzen meilen- weit den Strom. Dort wurde sie auch zuerst in einem der Neben- flüsse desselben von dem deutschen Botaniker Cäuke 1801 gefunden. Nach Europa und zwar nach England kamen 1843 die ersten Samen, aus denen Pflanzen gezogen wurden. 1851 kamen solche auch nach Deutschland und zwar blühte die Pflanze in dem Jahre zuerst in Hannover, alsdann in Hamburg, 1852 auch in Berlin in dem damals berühmten Borsigschen Garten. Von hier aus fand sie bald und schnell überall Weiterverbreitung, so daß man sie jetzt fast in jeder größeren Stadt vorfindet.— Humoristische?. — Guter Anfang.„...Sie sind Musiker und wolle» meine Tochter heiraten?" „So ist es!" «Was bringen sie denn in die Ehe mit?" „Nun— einen Hochzeitswalzer Hab' ich schon komponiert!" — Voraussicht!„Wohin so eilig, Iran Caleulator?' „Zur Bahn!" „Schad'— ich wüßt' eine Neuigkeit...1 „O niei' l Jetzt versäum' ich schon wieder den 3 n g I"— — Merkwürdig. Backfisch(dem neuen Landrichter be- geguend. der eine starke Trinkernase hat):„Ist aber das abscheulich. so eine rot und blau geschwollene Nase!" Mutter:„Schön ist'S freilich nicht— zu entschuldigen ist sie nur wegen der vielen Schicksalsschläge, die den Landrichter ge- troffen l" Backfisch:„Und merkwürdig— alle auf die Ras'!'— („Flieg. Bl.") Notizen. — Seit dem 1. September erscheint unter dem Titel„Die weite Welt" eine Wochenausgabe vom„Fels zum Meer". Die Hälfte des Blatts ist reine„Woche".— Jetzt hat jeder Deutsche Gelegenheit, sich wenigstens einmal im Leben kostenlos„abnehmen" zu lassen.— — Die Redaktion der„Deutschen Bühnen- g e n o s s e n s ch a f t s« Z e i t u n g" ist dem bisherige» Direktor des Stadttheaters in Ulm. Herrn Georg Richard Kruse über- tragen worden.— — Emil M e ß t h a I e r hat da? Nene Theater für die Sommersaison in den Jahren 1901 bis 1903 gepachtet.— ar. Die Berliner S e e e s s i o n umfaßt jetzt drei Ehren- Mitglieder(Vöcklin, Hildebrand, Laibl), 08 ordentliche und 90 korre« spondierende Mitglieder.— ar. Die N a t i o n a l g a I e r i e hat ein Landschastsbild des Düsieldorfer Malers Fritz' von Wille angekauft. DaS Werk führt den Titel:„Ein Eifclnest".— t. Der Preis des 13. Internationalen Medi- z i n i s ch e n Kongresses in der Höhe von 4000 M. ist dem Professor R a m o n y C a j a I für seine Untersuchung über die Feinstruktur des Nervensystems verliehen worden.— Verantwortlicher Nedaeteur: H. Ströbel in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.