Nnterhattungsblatt des Horwärts 5K. 171. Mittwoch, den 5. September. 190» (Nachdruck verdotm.) 29] Die FantÄve. Noman von Fritz Mau ihn er. Mettman wickelte sich behaglich in seinen Pelz und fuhr die kurze Strecke bis zum Potsdamer Thor in der Pferdebahn. Es gelang ihm, das Endchen eines Gesprächs über den italieni- schen Brief zu erhorchen. Er stieg zufrieden aus und der- langte an der Ecke der Bcllevuestrahe die heutige Nummer seines Blatts; sie war vergriffen. Langsam wanderte er am Saume des Tiergartens nach Hause. Hier, wo er sonst am seltensten gegrüßt wurde, nahmen heute viele Menschen den Hut vor ihm ab. Und das„Prosit Neujahr l" der Vorübereilenden klang ihm wie ein Glückwunsch zu der heutigen Nummer. Zu Hause erwartete ihn eine kleine Enttäuschung. Richard hatte das Blatt wieder nicht gelesen und entschuldigte sich wie so oft damit, daß er in den Berliner Verhältnissen fremd geworden sei; da er jedoch die tiefe Verstimmung des Vaters bemerkte, versprach er, das Versäumte gleich nach Tisch gut zu machen. Die Suppe wurde aufgetragen, und Vater und Sohn nahmen die Mahlzeit in der gewohnten Stille ein. Kaum aber hatte der alte Mettmann seine Cigarre angezündet und sich dazu in den Schaukelstuhl zurückgelehnt, als er seinem Sohn schon das Blatt mit freundlichem Lächeln überreichte. Richard setzte sich neben den Vater in die Sofaecke und las mit erzwungener Aufmerksamkeit erst den Leitartikel, dann den italienischen Brief; zu seiner Freude konnte er den ersten wieder lebhaft loben; ihn erfreute der bescheidene Ton und die Forderung, alle Festtage des Jahres durch ein wenig Wahrhaftigkeit zu seiern, weil der Parteigeist sonst immer die Neigung habe, zur Lüge zu verführen. Einen ebenso guten Eindruck hatte der Verfasser selbst mif ihn bei dem ersten Wiedersehen gemacht, und Richard sprach wieder ein- mal sein Bedauern darüber aus, daß ein Mann von so viel Begabung und Wissen so charakterlos sein könne. Der alte Mcttmann hielt die Gelegenheit für paffend. dem Sohne eine Lehre fürs Leben zu geben. „Wer was lernt und kein Geld hat, lernt immer nur für die Leute, die ihn bezahlen können." Richard las das Blatt weiter durch und verstummte. Die marktschreierische Art, wie über Krieg und Frieden, über Re- ligion und Freiheit, über Wissenschaft und Welt berichtet wurde, als wären alle diese Dinge Pfenniglvare aus dem Kramladen des Blatts, erregte seine Eirtrüftung. Er errötete fiir seinen Vater, als er weiter kam und die gclangwelltcn Redensarten bemerkte, mit denen furcht- bare Unglücksfälle und harmlose Vorfälle gleichmäßig bedacht waren. Der Vater schaute geruhig zu und rollte von Zeit zu Zeit das lockere Deckblatt seiner Cigarre zurecht; er lauerte auf den Moment, wo Richard die Zeilen über Fräulein von H. las und dann Wohl die Zeitung weglegte. Wenn auch die Absicht der Frau Leontiue nicht auf einmal und nicht voll- ständig erreicht wurde, so konnte die Plauderei doch unmöglich ganz wirkungslos bleiben. Jetzt las Richard mit verdüstertem Gesicht und mit ficht- lichem Anteil den kleinen Auffatz unter dem Strich. Schon die Einleitungsscherze über alle armen Mädchen von Adel schienen ihn peinlich zu berühren. Er mochte schon beim ersten Wort an Johanna erinnert worden sein; ja, die Zu- bemtung von Giften blieb doch immer Frauensache. Jetzt war der Schlag gefallen. Richard ließ die Hände mit dem Zeitungsblatte sinken und starrte dem Vater entsetzt ins Gesicht. .Weißt Du, was hier steht?' rief er ängstlich. «Was meinst Du? Die Geschichte von der Hosenrolle der Dicken. „Nein, Papa, ich meine eine andre Nichtswürdigkeit! Hier lies!" Und er schob mit zitternden Händen dem Vater das Blatt zu. Der spielte seine Nolle vortrefflich. «Ah. die Plauderei über den armen Adel meinst Du i Was hast Du denn dagegen? Der Artikel gefällt allgemein und wird wahrscheinlich viel nachgedruckt werden." „Siehst Du denn nicht, wer gemeint ist?" «Nein, ich weiß es nicht," sagte Mettmann würdevoll. Und mit biederem Tone fügte er hinzu:„Das ist auch völlig gleichgültig, eine Zeitung steht im öffentlichen Dienst, weißt Du. und darf keine Rücksicht nehmen; wir dürfen vor keiner Person vor keinem Amt achtungsvoll stehen bleiben, für uns giebt es keine großen Männer..." „Wie für ihre Kammerdiener nicht!" rief Richard bitter. Er hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder. Auch der Vater stand aufrecht da, er hatte sich schon wieder beinahe mit seinen Worten berauscht, einlenkend sagte er: „Wenn Du etwas gegen die Wahrheit der Thatsachen vorzubringen hast, so sage es, und die„Fanfare" ivftd sich eine Ehre daraus machen, die Berichtigung aufzunehmen; nur mit Persönlichkeiten darfst Du mir nicht kommen, das der- trägt unsre Ehre nicht!" Noch einigeinale maß Richard die Stube mit heftigen Schritten. Er fühlte die öffentliche Beschimpfung plötzlich wie eine unübersteigliche, aber durchsichtige Mauer zwischen sich und Johanna; in seiner Vorstellung blitzte das Bild auf. wie die Fee Morgana in Leontines Gestalt ein Schwert empor hielt, um den Zauberspiegel zu zerkümmern. Dann war es ihm, als sähe er hinter der Scheidewand bei trübem Lampen- licht, rings von undurchdringlichem Dunkel umgeben. Johanna an der Arbeit sitzen; sie aber lächelte und malte sorgsam Zeichen für Zeichen auf ihr Notenpapier. Umsonst versuchte Richard, die Erscheinung festzuhalten, langsam schob sich die Finsternis über das Mädchen und über die Lampe; und er warf sich ausstöhnend wieder in die Sofaecke. Je deutlicher er fühlte, daß nun alles vorbei war. desto hefttger stieg sein Zorn gegen den Vater und gegen das Blatt. Er fühlte sich wie gebrochen, er konnte nicht ausstehen; aber so müde sein Körper dasaß, so heftig sprudelte er Vorwürfe und Anklagen hervor; er hob nicht einmal die Augen zum Vater, nur mit der rechten Hand fuchtelte er in der Lust empor und ließ auch wohl mit ausgestvecktem Arm die ge- ballte Faust scharf niedersinken. als wolle er den Verfasser des Aufsatzes niederschlagen; dabei sprach er kein Wort mehr von dem Inhalt der Zellen, die ihn so furchtbar gereizt hatten. Er sprach sich nur alle Scham und alles Mißkauen von der Seele herunter und die Angst vor der Entdeckung, sein Vater treibe ein unwürdiges Geschäft; er habe ja fett seiner Rückkehr aus England fast buchstäblich keinen Menschen ge- sprachen als gerade Leute aus dem Kreise des Vaters, und selbst hier unter den Mitarbeitern und Freunden der„Fanfare" begegne er häufig einer frivolen Selbstvcrspottung. einer Sclbstbezichttgung. die schlimmer sei als alle Angriffe der Gegner. Schamlos sprachen einzelne der Herren wie von einem Räuberhandwerk. Richard wußte Scherz und Ernst zu unter- scheiden, aber aus solchen Scherzen habe er nur zu häufig den Cynismus von Leuten herausgehört» die ihn für einen Eingeweihten hielten. Er habe sich zum Tröste gesagt, sein Vater fei ein Geschäftsmann und überlasse die häßlichen Seiten seines Ge- Werves seinen Angestellten. Doch auch mit den Männern, die außerhalb des Kreises standen, habe er ttaurige, beschämende Ersahrungen gemacht; er habe gefühlt, wie er bei der ersten Bekanntschaft ein un- günstiges Vorurteil zu überwinden hatte. Dies habe sich nattirlich niemals in deutlichen Worten oder Handlungen geäußert, aber es sei deimoch nicht mißzuverstchen gewesen. Es galt sichtbarlich fiir keine Empfehlung, der Sohn des Be- sitzers der„Fanfare" zu sein, also war es auch keine Ursache zum Stolz, das Blatt zu letten. Unvergeßlich war es dem Sohne, wie er vom Hause Behrendt u. Co. jüngst die neue Rotationsmaschine für die Zeitung übernahm und wie der Besitzer scheinbar unbemerkt zum Direttor sagte: „Meine arme saubere Maschme; wie wird die bald aus- sehen!" Auch das lasse sich ja harmlos deuten, aber alles zu- sammcn dürfe er dem Vater nicht länger verschweige«. Erregt sprang er jetzt auf, ergriff des Vaters Hand und rief: „Aus Angst habe ich Dein Blatt bisher nicht gelesen, auS Angst, ich könnte darin die Erklärung finden für den Mangel an Achtung, nein, ich will nur sagen, für dm Mangel an Würde, der uns umgiebt. Ich warf mich mit fieberhafter Hast in Meine Misikantenarbeit, nur utu mich in etwas Reines einzuhüllen und um von der Außenwelt nichts dernehnien zu müssen. was mich Dir plötzlich gegen- über stellen könnte, wie ich Dir jetzt gegenüberstehe. Es ist nicht unkindlich, Papa, wenn ich so zu Dir spreche; Du selbst hast nnch zu dem erziehen lassen, was ich geworden bin. Du hast mich jahrelang in England unter Gentlemen leben lassen, heute bin ich zu Dir zurückgekommen und sage Dir: die Leute, die das Zeug da von der zweiten Seite ab geschrieben haben, sind keine Gentlemen, Du mußt Dich Von ihnen lossagen I" Der Vater war langsam auf seinen Stuhl zurückgesunken, die Cigane war ihm ausgegangen, gedankenlos blickte er nach einer Streichholzbüchse umher, während er sich die Gedanken zu einer Antwort zusammensuchte. Bei den ersten heftigen Worten Richards hatte er bloß das freudige Gefühl gehabt, daß der Streich saß. Wenn Richard in Zorn geriet und doch nicht Johannas Namen nannte, so war kein Zweifel, daß die Absicht der Frau Lcontine gelungen war; und für diesen ernsten Zweck konnte Mettniann schon eine kleine Pauke gegen das Blatt hinnehnien. Aber die Klagen des Sohns wuchsen zu einer ernsten Gesamt- anklage gegen den Vater; die große Auseinandersetzung, die er seit Richards Rückkehr gefürchtet hatte, da stand sie fast un- vermeidlich vor ihm. Mettmann scheute nichts aus der Welt als die Augen seines Sohns, das fühlte er jetzt deutlicher als je; hätte er vor Jahr und Tag seine Zahlungen einstellen niüssen, er hätte es mit einem lachenden Fluch gethan und ruhig eine neue Thätigkeit angefangen, ja, wäre er durch eines seiner gewagten, unsauberen Geschäfte auf die Anklagebank ge- kommen, der Kampf mit dein Strafgesetz hätte ihn vielleicht gereizt. Alle diese Zukunftsbilder waren oft au ihn heran- getteten und hatten ihm nicht den Schlaf geraubt. Er hatte auch nicht immer eigentlich für seinen Sohn gearbeitet, die Entschuldigung konnte er nickt gelten lassen, es war ihm eine persönliche Lust, gefährliche Geschäfte zu wagen und höhere Menschen zu knechten; bei dem letzten Zweck feiner Arbeit aber, bei seinem Streben nach Reichtum, war immer nur der Sohn und dessen Zukunft sein Gedanke, und nun, da der Erfolg endlich winkte, ja, gerade recht im entscheidenden Augenblick stand dieser Sohn wider ihn auf. Mit geschlossenen Augen nahm Mettniann endlich Richards Worte auf wie wohlverdiente Schläge. Er zitterte vor dem Schlich, den der Sohn aus allen seineu Vorwürfeil ziehen müßte, und er atuiete auf, als Richard die Beschimpfung nicht gegen ibil selbst wandte, sondern gegen die Mitarbeiter an seinem Blatte. Diese Kerle verdienten es nicht anders, Richard hatte recht. Das war der Gedanke, den er sich reuig, wie von einem Alp befreit, ein ums andremal wiederholte. Plötzlich öffnete er die Augen, und es blitzte aus ihnen wieder etwas von dem alten Uebermut. Wenn Richard die Wahrheit sprach und wenn Gottlieb Mettmann um des Sohnes willen ein Gentlemäsi werden mußte, so war das am Ende ein Glück für das Blatt; gewiß, das Ziel, das ihm heute in der Redaktion vorgeschwebt Hatte, konnte nur aus dein Wege erreicht werden, den Richard verlangte. Da sah man doch, daß das Geld für die vielen Schulen nicht umsonst ausgegeben war. Richard hatte es böse genieint, aber seine Worte waren trotzdem nur die Ankündigung dK letzten der Siege, die der heuttge Tag gebracht hatte. Mettmani» schritt wie beflügelt vor seinem Sohne auf und nieder. „Lauter Gentlemen!" rief er.„Du hast ganz recht, Junge; mit Deinen klaren Augen siehst Du das vergrabene Gold wie ein Sonntagskind. Du hast recht, die Kerls, die mir bisher gedient haben, schmeiße ich zurück auf die Straße, von der ich sie aufgelesen habe; ich will Ihnen morgen meine Meinung sagen,, daß sie quietschen, und die besten Federn' aller meiner Konkurrenten kaufe ich zusammen für mein Blatt! Du sollst Dich seiner nicht zu schämen haben. Junge; es soll ja groß werden, daß alle andren Zeitungen von Berlin von der Wucht zerdrückt werden, ich habe es ihnen sogar heute.in der Redaktion. schon gesagt! Das Monopol für Deutschland will ich uns erwerben, ohne Reichstag, ohne Gesetz, erzwingen' will sch's ganz allein; sie sollen betteln kommen zu mir und zu Dir, die alten Herren Verleger, die Herren Aristokraten, die mir„Herr Mettmann" antworten, wenn ich„Herr Kollege" gesagt habe. Du hättest mich heute alif der Redaktton hören sollen! Die Maschinen thun's nicht, das Papier thut's nicht, die vornehmen Federu sollen's machen, und wenn meine Kerls, wie Dil sagst, keine guten Federn sind, so zersplittere ich sie so!" Und er faßte einen Federhalter vom Tintenfaß und stieß die Spitze so heftig in den Schreibtisch, daß die Stahlfeder und der Halter zerbrachen; nur die beide» feinen Spitzen blieben im Holz stecken. lFortfetzung folgt.) lNackdruit oetBotoi) LtnN'v SMttttgrn. Nur die üppige Phmitosie der Kinder erträumt sich beim Umher- streifen durch Flur und Wald Akärcheuabcnteuer, wie die Begegnung Rotkäppchens mit de», Wolf oder der Jägerburschcn mit dein Bären. Wir Alten begrüßen den grünen Walddom frohgemut, ledig aller Furcht— d. h. bis auf einen Punkt. Da erblickei, wir bei einer tzcrbstwandcrung in, Walde an einen, schöne» Septembermorgen auf dem Stumpf einer gefällten Buche eine durchsichtige längliche Haut, dünn tvie Seideupapicr, mit feiner inatter Zeichnung. Wir halten das Sommerkleid einer Schlange in der Hand, das sie hier vor dem Beziehei, ihrer Winterlvohnnng abgelegt hat, weil es ihr zu eng und abgenutzt worden war. Jedes Schüppchen, selbst das feine Hänichen über de» Augen, ist wohlerhalten, und die Farben und Flecke an Kopf und Rücken lassen erkennen, daß die Besitzerin eine Ringelnatter war. Oder, wir nähern uns an einem sonnigen Apriltage dem Ufer des Waldbachs, nach Anemonen und duftigen Primeln spähend. Da raschelt es»eben n»S im dürren Laube, ei» zierliches Köpfchen mit zwei gelblichen lvkondflccken hinter den Schläfen erscheint ziingelnd, erblickt«»S und verschwindet, während ihr Besitzer in rasender Eile de», Bachrande zuschießt und sich in die lichte Flut stürzt. Wie wir anlaugeu, schlängelt sich die Natter mit anmutigen Windungen schon ans de», hellen kiesigen Grunde, und da sie halbe.Stunden lang, ohne Ate», zu holen, unter Wasser bleibe» kann, so haben wir keine Aussicht, ihrer habhaft zu werden. In der Zwischenzeit, vom Oktober bis zum Beginn des April, sind Forst und Flnr schlangenfrei, denn nun rnhc» sie in tiefen, Schlaf»nd, je nach der Strenge der Witterung, mehr oder minder erstarrt in ihrem Winterschlaf, wo sie höchstens der Holzfäller oder der Iltis aufstöbert,»», dann natürlich der ganzen eng verschlungene» Gesellschaft den Garaus zu»mchcn. Wir sollten jedoch i», Sommer, wen», wir auf Schlangen stoßen, diese», Beispiel uicht ohne' weiteres folgen,.sondern uns vorher überzeugen, ob Ivir die giftige Kreuzotter oder die ihr ähirclnde, aber ungistigc glatte Natter oder endlich die hannlose Ringelnatter' vor. uns haben. Letztere ist eine sehr interessante und' für den ruhigen Beobachter sogar höchst anmutige und liebenswürdige Vertreterin ihrer Gattung. Das„muten misre Vorfahren sehr Ivohl und deshalb erhoben sie die zierliche Ringelnatter zum Hansgefährten, zum schützenden, segcnbriugcnden Hausgeist. Ii» zahlreichen Märchen, Sagen und Volksliedern haben sich Spuren dieser dsm Wurm, der linke, den, Hansnnk oder der Hausschlange gcwidnictcn Verehrung erhalten. So lauge sie mit de» Kindern des Hauses spielt ,md ans ihrer Schale Milch trinkt, gedeihen die- Zünder sichtlich. Tötet man ihnen den Spiel-»nd Mahlgenossen, so zieht er sie»ach sich; eriveist� nia» dagegen dem Hilf freundliche Behandlung,, so legt er zum Dank dafür wohl ein goldenes Krönchen auf das untergebreitete, weiße Tuch. In Ostpreußen, Böhmen, Mähreu- und in Rußland haben sich die Reste dieses Schlangenlttltns bis i»»stire Zeit erhalten. Vor Jährzehmen wurde die Ringelnatter in entlegenen Bauerhöfen Ostpreußens gehegt, mit Btilch oder „Schmand mit Glumse", einen, echten, ans Quark mit saurer Sahne bestehende» Nationalgericht, gcfnltert und vor Verletzung durch Unenigeweihle sorgfältig behütet. Die Besitzer ermahnte» ihre Be» sucher, die Hausuattcr ja recht freundlich auznsehcu. Diese eigen- tümttche Stellimg hat sich die Ringelnatter wahrscheinlich durch ihre Vorliebe für menschliche Ansiedelnngen erworben. Manche sucht die Wohn- und Ställgebäiide freiwillig auf und läßt sich hier in ge- sicherte» Schlupfwinkeln ständig»nd häuslich nieder. Als Vertreterin der Wasiernaltern weiß die Ringelnatter sich im feuchten Element ebenso geschickt»vie auf den, Lande zu bewegen. Lebt ja doch ihr LiebliiigSwild, Gras- und Laubfrösche. Kaulquappen und Fische, ebenfalls am oder im Wasser. Doch findet nia» sie auch im völlig trockene» Gelände, fern von. jeder Wnsseransanniiliiiig, mid ebenso liebt sie den Aufenthalt in Gehöften, besonders in Kellern, Geflügelställen»nd Dunghmifen. Ihre perlenschnurförmig anein- ander gereihten Eier fegt sie gern unter verlassene Nester der Emen und Hühner, ivelche Gewohnheit vielleicht die Sage von den angeb-, lich durch Hähne gelegten Bnsiliskeneiern herborgcnisen hat. Leicht ivie das Schivimmen geht ihr auch das Kletten, in die Gipfel von Bäumen und Gesträuch von statten..'. Gefangen»nd im Terrarium gehalten,«rtveist die NingelNatter sich als ein anmutiges, frohes Geschöpf, das feinem Pfleger die geringe Mühe der Erhaltung durch Zahmheit und Anhänglichkeit reichlich vergilt..Sie ist so gutmütig und harmlos, daß man sie schock stark reizen öder heftig erschrecken muß, uNb sie zum Beiße» zu bewegen. Ihr Bih ist natürlich ganz ungefährlich, da ihre Zähnchen nur den Zweck haben, die erfaßte Beute, die fie lebendig Himmler- würgt, festzuhalten. Dürfte man die Ringelnatter ohne Gefahr.am Busen hegen", so wäre das hinfichtlich der Kreuzotter durchaus nicht ratsain. Denn fie ist es, deren Gefährlichkeit auch unsre übrigen Schlangen nebst der gar nicht zu ihnen gehörigen wurmartigen Blindschleiche, einer sehr nützlichen fußlosen Eidechse, in arge» Verruf gebracht hat. Die Haupt- kemizeiche» dcrOtter oderViper, d.h. der lebende Junge gebärenden, sind der breite, ziemlich flache Kopf, der sich deutlich gegen den dünneren Hals absetzt und zwei schwarze, nach außen geöffnete Halbkreise wägt. Sie sollen— die Schlange hat ihren Namen danach— ein Kreuz bilden, berühren sich jedoch nicht und sind bisweile» gar nicht vorhanden. Der gedrungene Leib, der sich ziemlich plötzlich zum kurzen Schwänze verjüngt, trägt auf dem Rücken die schwarze, in vielen Fällen unterbrochene Zickzacklinie, die nur bei sehr dunkel gefärbten Weibchen und bei einer ganz schwarzen Spielart, der .Höllennatter", unsichtbar wird. So ist die Kreuzotter gar nicht zu verkenne», um so weniger, als sie dem Beobachter fast immer Zeit läßt, sie hinreichend zu de- trachten, falls fie nicht vor ihm flieht. Denn sie ist, wohlgemerkt, ein Nachttier, das sich tagsüber nur in die Nähe seines Schlupf- wiukcls zeigt, um den ivänuebcdürftigcn Leib den Sonnenstrahlen auszusetzen. Ihre Thätigkeit, die Jagd ans Erd- und Feldmäuse, Spitzmäusckc», junge Maulwürfe und ähnliche lichtscheue Gesellen, beginnt erst mit Anbruch der Dämmerung. Nu» zeigt sie ein gegen ihre Tagesträgheit durchaus verändertes Be- nehme». Schnell, gewandt und sicher gleitet sie hinter der erspähten Beute her, verfolgt sie bis in den Schoß der Erde und weiß nun auch ihren Feinden vorsichtig aus dem Wege zn gehen. Nächtliche Lagerfeuer ziehen sie jedoch an. Arn Tage schreitet sie gcivöhnlich nur gereizt zum Angriff und wählt, so lange es möglich ist, den Rückzug. Getreten beißt sie auch vor Schreck und ohne das sonst bei ihr Übliche Einziehen des Halses um sich. Das furchtbare Gift der Kreuzotter, gewissermaßen ein Ersatz für ihre Muskelschwäche, ergießt sich beim Biß auS zwei großen gebogenen Zähnen des Oberkiefers in die Wunde und das Blut, welches unter seinem Einfluß schnell in Zersctznng übergeht. Selbst beim Menschen können die zwei winzigen Trvpschen dieser Flüssigkeit laug anhaltendes Siechtum, schlimmsten Falles sogar den Tod herbeiführen. Glücklicherweise läßt sich bei schneller Anwendung von Gegenmitteln die Gefahr fast ganz be- scitigen. Zunächst sollte die Wunde sofort ausgesogen werden, natürlich von jemand, dessen Mundhöhle völlig intakt ist. Sodann ist reichlicher Genuß von Alkohol notwendig, gleichviel, ob in Fornr von Branntwein, Rum, Cvgnnc, starken Weinen oder Liqenren. Be- rauschung dadurch tritt selbst bei Kindern nicht ein. Anhaltendes Kneten des gebissxnen Gliedes und Anlege», voi, Blutegeln ist gleich- falls wünschenswerr. Diese Mittel sind jedenfalls schneller zur Hand und' ebenso wirlsam wie Arzneignbeir, die in Form zivciprozcntigen übermangansauren Kaliums, sünfprozeutiger Karbolsäure und ähnlicher Mittel empfohlen und von bernssinäßigcn Schlangenjäger» auch tvohl mitgcfiihrt werden. Die Kreuzotter ist, wie die Liste ihrer Bcntcticre beweist, eine nützliche, ja, die einzig nützliche Schlange Deutschlands. Wollen wir ihr trotzdem nicht schonend auS dem Wege gehen, so geniigt ein kräftiger Schlag mit einer Rute, sie zn töten. Nur nehme man sie nicht gleich darauf in die Hand und vermeide es auch, den Kopf der getöteten zu berühren. Ihre Gefährlichkeit wird sehr übertrieben. In dem Jahrzehnt tSTO— 88 sollen in Dcntschlaud nur 17 Todes- fälle, aber gegen VlX> Verletzungen durch Otternbiß Vorgekommen sein. Ein gnt Teil der letzteren entfällt tvohl auf das Conto der ihr sehr ähnlichen,. sehr angriffsfähigen, aber unschädliche», glatten Natter. Dieses zortzwütige, daher auch Jachschlauge genannte Tierchen nährt sich hauptsächlich von Eidechsen, die es vor dem Vcr- schlingen dirrch Einringeln zu erdrücken oder zn ersticken sucht. Faßt »ran nach ihr,� so springt oder schnellt sie beißend nach der Hand und läßt die gepackte nicht los, bis man Gewalt anwendet. Tie Schlingnatter tragt auf der braunen Oberseite des Leibes zwei Reihen dunkelbrauner Flecken, die bisweilen paarweise ver- dnndcn sind und ihr dann Aehnlichkeit mit der Kreuzotter verleihen. Auch die übrigen Unterscheidungsmerkmale, der Inngliche Kopf, der allmählich sich verjüngende Schwanz, sind nicht so auffallend, daß eine Verwechselung mit der Viper nicht entschuldbar wäre.— H e r m a n n B e r d r o w. Kleines Femllcksn. oe. Der Krieg. Während die andern Arbeiterinnen mittags nach Hause gingen,' blieb die alte Grützncr in der Fabrik. Sie mußte sich ranhalten. Die arUten gichtgekriimniten Finger wollten nicht mehr mit der Arbeit fort. Wenn sie nicht jede Minute ausnutzte, fiel ihr Verdienst noch kärglicher aus, als er ohnehin schon war. sDen Kopf tief auf'chie Arbeit gebeugt saß sie und schürzte Knopflöcher. Hin und wieder nur, wenn gerade ein Kragen fertig war, hielt sie einen Augenblick inne, nahm vom Fensterbrett eine dünugestricheue Schmalzstulle und biß hastig ein paar Happen ab. Die kleine Marie sah ihr nachdenklich zu. Die kleine Marie war Vorrichterin. An andern Tagen ging auch sie nach Hause, hent war sie gleichfalls im Geschäft geblieben; bei der sengenden Mittagsglirt wollte sie den doppelten Heimweg sparen. Im Fabriksaal war es stickig und schwül. Dichte Staubwolken spielten im Sonnenlicht. Ein häßlicher Geruch von Maschinenöl und Petroleum lagerte auf dem weiten, jetzt so stillen Raum. Die kleine Marie gähnte.„Werden Sie eigentlich niemals müde, GrützNenr?" „Oh I Müde I— Na ja I"' Die alte Frau sah nicht auf. Das Mädchen stützte den Kopf in die Hand:„Ich möchte wissen, wie Sie das aushalten, alle Tage' hier bleiben und nie nich kein orndtliches Mittagbrot oder mal ausschlafen l Sind Sie denn nicht rein wie tot. wenn Sie abends nach Hause kommen?" Die Alte zuckte die Achseln:»Ja, man muß ja wohl, was soll man denn machen?" „Ich hielt es nicht aus." „Man lernt vieles aushalten I' Die Alte seufzte und sah einen Moment ins Leere, dann nahm sie die Arbeit von neuem auf. „Jott ja. Mariechen, so'n junges Blut, da denkt man immer, 's Leben muß sein ivie'» Rosengarten;'s is aber nachher doch ganz anders,'n bißchen stachlig— aber'n bißchen sehre l" „Na, von die Rosen merk' ich ja auch nich viel." Die kleine Marie blinzelte schläfrig in den tanzenden Sonnen- staub. Ein paar Sekunden blieb es still zwischen ihnen, dann nahm die Alte von neuem das Wort:„Ja, ich Hab' auch nicht gedacht, daß ich mal auf die Fabrik gehen niüßte, das könn'n Se mir man glauben, Mariechen, ich war's auch anders gewohnt, damals, als wir noch's Geschäft hatten." „Ach, Sie halten'n Geschäft?" Das Mädchen beugte sich inter« esfiert vor. Die Alte anttvortete nicht. Sie nahm ein Paket Kragen a ns dem Korbe, überzählte die Stücke, band sie alle zusammen, warf sie zu den übrigen, die schon fertig waren, und öffnete ei» neues Paket. Erst nach einer ganzen Weile fing sie wieder an.„Ja, wir hatten'« Geschäft, draußen auf'm Gesuudbrmmen,'ne Schneiderwerlstatt. Gott, klein war's ja man alles, aber wir kamen doch vorwärts.. Ja, wir konnten auch schon was zurücklegen, mein Mann war ein tüchtiger Mann, aber sehen Sie, Maricchen, denn kam Siebzig der Krieg, und den» mußt' er mit I" „Und da is er tvohl gefallen?" Die Kleine rückte näher heran. Die Alte schüttelte den Kopf:„Ach nee, gefallen ist er ja nicht. Nich'» mal verwundet. Aber sehen Sie, er war doch die Seele vous Geschäft, und nu mit'n mal so ganz raus und ich allein mit dem Gesellen. Ivo ich so gar nichts von verstand und denn noch das kleine Kind, das eben erst neun Monat alt ivar, und'S zweite schon in Aussicht— ach ja..." sie brach ab und stöhnte ausi „Ja, als er wiederkam, war's Geschäft ivie tot und von dem was wir gespart hatten, halt' ich man noch gerade zwanzig Marfr Ja er hat's ja wieder hoch gebracht, und wir verdiente» Iviedetz ganz gut. Aber sehen, Sie,'ne Wunde hat er ja nicht gehabt� 'n Kuacks wegbekommen hat er aber doch,.im Krieg meine � ich—* und NN immer krank. Ja da ging's deiin langsam zurück, imkj schließlich war ich man noch froh, daß ich nähen konnte, da hatten ivir doch Ivenigstens was zu leben, auch für die Kinder." „Aber im is er tot?" fragte die kleine Marie. „Ja nn is er tot I" Die alte» Hände fielen in de» Schoß, die alten müden Augen sahen einen Moment starr vor sich hin, dann flog die Nadel wieder auf und ab— auf und ab: Sieben Jahre ist er nun tot. Ja— und ich will ja auch gerecht sein— ich kann ja eigentlich»ich klagen. Die Kinder sind nun groß und verdienen das, was sie gerade brauchen und ich— na ich, wenn ich nu'n Mittag durch- arbeite, dann Hab ich auch die Woche meine nenn Mark, dies langt dann für die Schlafstelle und für'» Mittagbrot— sie ivarf eine» raschen Seitenblick auf die Schmalzstulle—«ach ja, ist ja so weit alles ganz schön, aber sehen Sie, Maricchen, manchmal muß ich doch denken, wie man sich sei» Alter so anders ausgemalt hat, und wse's gekommen wäre, wen» wir den Krieg nicht gehabt hätten— ach ja — der Krieg I"— Volkskunde. ce. U e b er Jodeln u n d A l p h o r n b l a s e n veröffeut- licht der Berner„Bund" einen Artikel, dem Ivir folgende Einzel- heiten entnehmen: Durch das eben abgehaltene Schwing- und Alplerfest ist unsre schweizerische Nationalninsik wieder zn Ehren ge- bracht worden. Heute jodelt und jauchzt es aus allen Gäßlein und Länblein der Bundesstadt, und das wird � noch lauge so bleiben. Wer aufmerksam hinhört, wird bemerken, daß nicht nur unsre land- läufigen und altbekannten„Gsätzli" vorgetragen wurden,, sondern daß der bekannte«Fortschritt" schon zu konstatieren ist, indem sich Appenzeller- und andre Weisen bereits einzubürgern beginnen. Man konnte während des. Festes die eigentümliche und interessante Beobachtung machen, daß diejenigen Jodler und Alphornbläser, welche in der Ebene und im Getriebe des großen Verkehrs wohnen, weniger originelle Töne gesunden haben, als' diejenigen, welche d.n'ckr aus. ihren Bergen zn, uns herabgestiegen sind, um sich im Weit» kämpf zu messen. Der Thaljodler und-Bläser gicbt nicht so kräftig los, ivie der Bergbewohner; er sucht.gefällige Formen und einen möglichst wirksamen Schluß für seibe Melodie. Der Einfluß der Handharfe ist unverkennbar. Der Bergbewohner Musiziert meistens Nur in den Raturtönrn, und seine Kunst besteht nicht in der Anwendung reicher Melodien und bestrickender Tönvcrbindnngen, sonder» in der natmfrischen Vortragsweise und hie und da auch in über» raschcnden rhhthmischen Formen. ES ist nicht zu lcngnen, daß hanpjf sächlich Infolge der Eifenbahne« und deS Fremdenverkehrs die sogenannte.Tirolerei" bei uns Eingang geftniden hat. Wenn man aber von diesen nach und nach sich ein« schleichenden Tirokeranklängen absieht, so darf da« beim Fest Gebotene als echt schweizerisch bezeichnet werden. Viel Rene« wurde nicht geboten. Die alten Leibkieder und Leibjodel kehren immer wieder, und selbst die vielbewunderten Appenzeller haben nichts NcueS, nichts Eigenes gebracht. Daß die Appenzeller Lieder und Jodler so bekannt stnd, ist daS Verdienst Alfred Xoblers, der unter dem Titel.Sang und Klang ans Appenzell" da« Volkslied dieses Ländchens verewigt hat. Insbesondere find in diesem Buche die sogenannten Stomperli berücksichtigt, kurze im Rundgefang vor- getragene Spruchliedchen, anderwärts Schnadahüpfl, Gstanzerln ge» üanni!„Stomperli" kommt von.Stompa"(bernisch„Stnmpe", Stumpf). Tobler erwähnt bei einem dieser Stomperli 95 Strophen. bei einem andern 37 usw. Einige derselben mögen hier Platz finden: Mini Schwöschter spillt Gittar, mek B nieder Klarinett, Min» Vatier bröglet d' Mnctter, das geed-e Quartett. Miun Schatz ist vo llri ond-i vo Luzern, Söud beidi und hvpsch ond doch g' sienmer enand gem. Wegen Buebe gi truure, das war me e Schaud l Es hed no meugs hondert ond tunsig im Land. Die Rächt omme zwölst hed mi der Schätz küßt, Ond enun Moge-n-em Vieri hends all Lüt scho gwößt. Bei einigen dieser Appenzeller-Lieder konnte mich das charakte- ristische Alphoni-Fa(F) konstatiert werden. Das Alphorn ent- hält den vierten Ton der Tonleiter nur in Form dieser eigentümlichen erhöhten Onart. Man sieht hier, wie sehr die musikalischen Instrumente den Bolksgesang beeinflussen. Bei den Läudlem der Appenzeller konnte die Stach- ahmuug der Begleitfaiten- Töne ganz deutlich wahraenonmien «Verden, und die Jodel- und Sennenrufe der Muottathaler fanden fich in den kurzen, eigentümlich abgestoßenen«lphomsätzen wieder. Die Alpleirfeste müssen dafür' sorgen, daß diese Art von Volksgesang und Volksmusik nicht untergeht. Da kommen die urchigen Berqjodler und die feineren Thaljodler zusammen, und die Berglieder führen den etwa? schwächlichen mid sentimentalen Tirolergsätzli des Thaies neue Nahrung zu. Bei miferin Fest krnmte ein Schlag von Schwingen» und„Jnzern" beobachtet werden, den »nan in seiner ganzen Eigenart erhalten sehe»» möchte und der durch «ine allfällige Verfeincnmg nnr Schaden nehnien könnte. Dieser Schlag verkörperte fich in dem Trüber Gottlieb Schici, der alle Kainpsrichter duzte und bei der Preisverteilung eine stattliche Kuh- (stocke als ersten Jodlerpreis gewählt hat.— Geographisches» cn. Von einer ergebnisreichen Forsch nngSreife ist der englische Zoologe Stanley Gardiner nach Cambridge zurückgekehrt. Der Ziveck der Reise galt der tlutersuchrmg der geo- graphischen, zoologischen und marinen Verhältnisse in der Inselgruppe der Malediven, südwestlich von Ceylon im Indischen Occa» gelegen. Dieser Archipel besteht auS einer langen Kette von Korallen- infeln, die sich meist in der Form ringförmiger Atolls darstellen und für das Studium der Korallenriffe eme ausgezeichnete Gelegenheit darbieten. Sein Hauptquartier hatte Gardiner mff der Insel Malö aufgeschlagen, Ivo der eingeborene Snltmr, der nnter englischer Ober- Hoheit über die Inseln herrscht und eine höchst wichtige Persönlich- keit in der mohammedanischen Welt bedeutet, feine Residenz hat. Bon dort ans machte der Naturforscher viele Ausflüge, ans denen er sänitliche Korallcninseln der Gruppe, im ganzen über 300 Atolls, kennen lernte. Er landete auf den meisten Inseln und erforschte ihre Ausdehnung, außerdem legte er eine Sannulmig von Mceres- tieren an, die er durch etwa 400 Netzzüge an die Oberfläche brachte. Den Hanptteil der Sammlung bilden Korallen»md vcr» schiedene Lebewesen, die ans und in der Nähe von den Korallenriffen Hausen. Besonders merkwürdig war die Entdeckung eines wunder- baren Zusammenlebens von andren Tieren mit den Korallen. So nimmt ein Wnrm von der Familie der Spritzwnrmer(Sipuaculiclen) von den Steinbcniten der Korallen in eigenartiger Weise Besitz. Er bohrt das Steingehäuse einer kleinen Koralle an und dringt di»rch das Loch in das Innere ein. Dort bleibt er dann in sicherer Zurück- gezogenheit, gegen jeden Angriff seiner Feinde geschützt und außer- dem noch gut mit Nahrung und frische», Waffer versorgt, nachdem er noch verschiedene Löcher durch die Kalbvände des Korallenbans hindurchgebohrt hat, durch die das Waffer ein» und ausfließen kam».— Technisches. — Fischaufbereitung. Der.Wlm'schen Zeitung" wird geschrieben: Von den riesigen Mengen von Heringen, die alljährlich an den Küsten Schlvcdens gefangen werden, wandern bis zu vier Fünftel des ganzen Fangs in die Düugerfabrilen. um dort auf Fisch- Euano und Oel verarbeitet zu werden,»seil eS nicht möglich ist, so gewaltige Massen von Fischen schnell genug von der Hand aus zu reinigen und zu lonservieren. Wäre»nau im stai»de. auf maschinellem Wege die Fische zu sortieren, zu reinigen und zu waschen, dam» wäre es ein leichtes, den angedeuteten Uebelstand zu heben. Dabei lönnte man die betreffenden Maschinen gleich auf entsprechend gebauten Fahrzeugen aufstellen und mit diesen„schwim- Menden Fabriken' den großen Fischhaufen nach Bedarf und Be» lieben nachgondeln. WaS hier vom Hering gesagt ist, gilt natürlich auch von allen andern Fischen, die Gegenstand der Massenfischerei find. Die Hauptschwierigkeit bei der mechanischen Behandlung des Fifchmaterials Nuttels Maschinen liegt in der sehr wechselnden Größe und Form der zu verarbeitenden Fische; man müßte daher für jede Sorte mich eigne Raschinen bauen, denn eS sollten fich die Flundern wundern, wollte man auf derselbe» Maschine beispielsweise Heringe und Seezungen gemeinsam verarbeiten. Der erste Schritt in der oben angedeuteten Richtung ist bereits geschehen. Ein schwedischer Doktor der Philosophie, NamenS Martin Ekenberg. hat fich die ebenso dankenswerte wie schwierige Aufgabe gestellt, die Frage der maschinellen Fischverarbeitimg— fast könnte man in Anwendung der entsprechenden bergmännischen Bezeichmmg von einer„Fisch- anfbereitmig" reden— sowohl vom theoretischen als anch vom praktischen Standpunkt aus zu kösen»md die Ergcbniffe seiner eifrigen Studien»md praktischen Arbeiten find vielversprechend. Die frisch gefangenen Fische— eS handelt sich Tjier zunächst nur um Heringe— werden bei dieser maschinellen BchandlungSweise vorerst durch eine äirßerst finnreich mis- geklngelte, automatisch wirkende Maschine in die vier im Handel üblichen Sorten geschieden. Diese Maschine arbeitet mit so fabelhafter Geschwindigkeit, daß fie bis 20 000 Fische in der Stunde sortiert. Me m Gruppen geschiedenen Fische fallen dabei ans Trans- Portbänder,»md werde» hierauf in ander», ebenfalls ganz selbst- chätig wirkenden Maschnren gereinigt. Die letzteren haben folgende Arbeiten zu verrichten: fie ergreisen jeden Fisch einzeln, entfernen zunächst die Schuppen, schlitzen ihn» den Bauch auf, entfernen die Tnigeivcibe daraus, spülen den Fisch von außen ad, waschen gleich- zeitig die Bauchhöhle aus»md schneiden dann dem Hering vor dem Verlassen der Maschine anch noch den Kopf ab. Eine Anlage, wie sie hier in kurzen Worten skizzirt ist, erfordert 4 bis 5 Pferdekräfte zum Airtrieb nnd leistet just ebenso viel, wie 60 bis 70 Meiischen bei iinnnterl'rochener anstrengender Arbeit zu keiften im stände sind. Es steht somit nichts mehr im Wege, die so vor- bereiteten Fische zu konservieren, um ein billige?, wohlschmeckendes nnd vor allen Dingen eiweißreiches, somit großen Nähnvert be- sitzendes VolkSnahnuigSmittck zu beschaffen, während die Guano- fabrike»», wie eS anch Iveit naturgemäßer ist. sich anf die Ver» gi-n-imug der Abfälle der Fischkonserven- Fabriken zu beschränken hätten.—- Humoristisches. — In Paris.„Ich schvräche das scheeirfie Franzöffch m»(rt* Mensch vcrfchdeht mich. Die Leite geniren ja»ich emal ihre eegeuu M>»dderschbrache!"—(„SimpL") — Unbedacht. Mann(fürsorglich zur Gattin, die eben im Begriffe ist miszngehen):„... Nnd bei Straßeu- krenzmigen sei recht vo» sichtig, besonders vor Automobilen fei auf d e r H u t!" Gattin(schnell gefaßt, schmeichelnd):„Da Dn gerade vom Hut sprichst, lieber Emil, kann ich mir da nicht im Vorübergehen bei der Modistin gleich einen neuen Herbsthut mitnehmen? 1* — Ein Schmeichler.„An Ihnen, Herr von Hnber, ist alles f h u, p a t h i s ch— ich Hab' Sie zu gern I Ich glaub', ich wär' im Stand, mit Ihne» eine Flasche Wein zu trinken— wen» Sie eine spendieren würden!"— Notizen. —„F r a»» Königin", das neue Stück von Franz v. S ch ö n- t h a n und Franz Koppel- Ellfeld, wird in Berlin am Schauspielhause in Sce»»e gehe».— — Von der Censur verboten wurde die Anfführnng des„Pr o b ekan d i baten" in Cze rn o w itz, sowie das Volks- stück„Der blaue B o g e ir", das am„Theater an der Wien" gegeben werden sollte.— v. Das finnische Theater in HelsingforS stellt in der bevorstehenden Saison eine Anzahl Novitäten in Aussicht. U. a. soll in finnischer Uebersetzmig Goethes„Egmout",„Der Probe- landidat" von Dreher,.Heimich IV." von Shakespeare.„Giocouda" von Gabriele d'Annnnzio und möglicheriveise anch„Antigone" von Sophokles zur Aufführung gelangen. Auch einige Dramen Haupt» manns sollen aufgeführt werden.— — Ans der Orgel des U l n» e r MkinsterZ, die 109 Register zählt und eine der größten»md vollkommeusteii in Europa ist, wird gegenwärtig ein n e»u» t ä g> g e r C y k l n s historischer Konzerte veranstaltet; zun» Vortrag gelangen in historischer Folge Werke von P a l e st r i n a an bis zur Neuzeit.— '— Ein Graf von Zaiuoyski ans Warschan hat ein Preis- ausschreiben von 1000 Rnbel für eine Sinfonie. 500 Rubel für ein Kalninermnsikstück und 500 Rubel für ein Konzert für Klavier oder Piano erlasse».— — Eine ständige Ausstellung von Gegenständen ausden, Gebiet derK uu st und desHandwerks wirk» demnächst bei Keller»». Reiner eröffnet werden. Die Ausstellung wird sich mit der modernen Zimmerausstattung befassen und in einer Flucht von Kojen kimstierisch stilisierte und auf einen aparten Ton gestimmte Zimmer mit dem dazu gehörigen Inventar vor« führen.—____ Verantwortlicher Ncdacteur: Heinrich Strvbel in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.